Vom Kampf-Teutonen zur Friedenstaube
Von Uwe Wolff (New York)
Wenn ein junger Deutscher
als "Kraut" beschimpft wurde, dann befand er sich entweder im
klischeeverliebten England, oder ein freundlicher Amerikaner klopfte ihm dabei
scherzhaft auf die Schulter. Mit der spöttischen Bezeichnung "Kraut"
war in den USA in den vergangenen Jahren jedenfalls immer ein freundliches
Grinsen einher gegangen. Doch die Zeiten haben sich geändert: In diesen Tagen
klingt der Name aus den Zeiten der Weltkriege für Deutsche, die in den
Vereinigten Staaten leben, etwas anders. Etwas ernster kommt es rüber, etwas
vorwurfsvoller. Selbst von Leuten, die man seit vielen Jahren seine Freunde
nennt.
"Die Deutschen nehmen den Druck von
Saddam"
Stuart Goldman ist so einer. Er kennt einige Deutsche und war auch schon mal
"drüben". Er mag seine "Krauts", obwohl er jüdisch ist.
Damit hatte der 42-jährige Verkäufer aus Manhattan allerdings noch nie ein
Problem, wohl aber mit der Haltung der Deutschen zu einem Krieg gegen den Irak.
"Man, ich verstehe euch nicht", stöhnt er. "Gerade ihr solltet
doch wissen, wie wichtig es ist, so einen Diktator wie Saddam Hussein
loszuwerden." Stuart nennt die Deutschen "feige" und Kanzler Schröder
einen Mann, "der nur nach Mehrheiten schielt". Auch das Argument, dass
es der Bush-Regierung doch nur um das Öl am Golf geht, will er so nicht gelten
lassen. "Klar geht's auch um Öl. Aber die Welt kann sich doch nicht von
einem Diktator und seinem Öl abhängig machen." Für Stuart ist es ganz
klar: "Die Deutschen machen unsere Politik kaputt. Ihr nehmt den ganzen
Druck von Saddam. Zusammen mit diesen Franzosen."
"Wir
haben Euch ja auch geholfen"
Selbst Robert Myers, 56, Kriegsgegner und Vietnamkriegsveteran sagt:
"Saddam muss weg. Egal wie. Der Kerl ist gefährlich für die ganze Welt.
Die Menschen im Irak leiden unter ihm. Ihr Europäer solltet uns eher helfen,
den Kerl zu beseitigen, als uns daran zu hindern. Wir und andere Nationen haben
Euch ja damals auch geholfen, Euren Hitler loszuwerden."
Verwirrende
Krauts
Doch längst nicht alle Amerikaner denken so. Viele US-Bürger sind derzeit eher
verwirrt über die Rolle der Deutschen, die immerhin zwei Weltkriege vom Zaun
gebrochen und während der Nazi-Zeit unglaubliche Greueltaten begangen haben.
"Plötzlich seid ihr Deutschen die friedliebenden Kriegsgegner. Ich kann es
nicht fassen. Was sollen wir nun mit dem Klischee vom gewalttätigen Teutonman
machen?", jammert Pete Ross, ein 34-jähriger Restaurantmanager. "Da
passt ja gar nichts mehr. Aber vielleicht schafft ihr Deutschen es ja, zusammen
mit anderen Nationen, die Kriegstreiber aus Washington in Schach zu
halten."
"Je dümmer
die Leute ..."
Auch das ist Amerika - lange nicht so kriegslüstern und angriffslustig. Dass
Amerika keine blutrünstige Nation darstellt, die sich nun in ihrer Gesamtheit
anschickt, den Wüstendiktator in die Wüste zu schicken, zeigt sich Tag für
Tag neu. Die Nation ist innerlich zerrissen, das spüren auch die Deutschen, die
hier leben. "Nee, mit Tomaten werden wir hier nicht beworfen", lächelt
die Verlagsangestellte Natascha Theiss. "Allerdings spricht einen jeder auf
das 'alte Europa' an." Viele Amerikaner sind von ihrer Regierung auch
peinlich berührt. Natascha Theiss, die seit vielen Jahren in den Vereinigten
Staaten lebt: "Es gilt einfach die Regel: Je dümmer die Leute hier sind,
desto besser finden sie Rumsfeld und seine Freunde."
Anti-Kriegs-Resolutionen
ans Weiße Haus
In der amerikanischen Bevölkerung gewinnen die Kriegsgegner jeden Tag mehr
Unterstützung. Viele Hollywoodstars haben sich gegen den drohenden Irak-Krieg
ausgesprochen, wie erst vor wenigen Tagen George Clooney und Dustin Hoffman auf
der Berlinale. Es gibt landesweit große Demonstrationen gegen die Kriegspläne
der Bush-Regierung. Weit über 90 Städte in den Vereinigten Staaten haben
sogenannte "Anti-Kriegs-Resolutionen" verabschiedet und zu Präsident
Bush ins Weiße Haus geschickt. Darunter auch die Hauptstadt Washington D.C. und
die großen Städte Houston, Dallas und Austin in George W. Bushs Heimatstaat
Texas. Die Stadt New York allerdings - Opfer des schlimmen Terroranschlags vom
11. September 2001 - konnte sich nicht zu einer Anti-Kriegs-Resolution
durchringen.
Spontane Küsse
für deutsche Friedensliebe
An einem späten Sonntagnachmittag in einer Downtown-Bar von New York. Die
Stimmung ist ausgelassen, Gläser klirren, die ersten Mädchen beginnen zu
tanzen. Darunter eine schöne, junge Frau mit blonden, langen Haaren, die
offenbar gerade von einer Anti-Kriegs-Demonstration kommt. "No war on Iraq
- Kein Krieg gegen den Irak", steht auf dem grossen, violetten Button, den
sie sich an den Pullover gesteckt hat. "Du hast Recht, Frau", sage ich
zu ihr im Vorbeigehen. "Ich bin übrigens Deutscher." Sie schaut mich
an, lächelt und springt mir um den Hals, gibt mir einen Kuss. "I
love you", ruft sie laut. "I love you Germans." Das
ist wohl einmalig in der Geschichte Deutschlands: Man wird geliebt - und diesmal
nicht wegen der deutschen Wertarbeit, sondern wegen der Friedensliebe.