Notitzen und Materialien zum mittelalterlichen BaubetriebBearbeitung von Werkstein im Mittelalter: QuaderbearbeitungDie zehn Stufen der Entwicklung in der Bearbeitung
von Quaderoberflächen.
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Doppelspitzen und Spitzeisen. Die Werkzeuge stammen aus dem 19./20. Jh. sind aber den mittelalterlichen Formen ähnlich. (Sammlung Opferkuh bzw. Steinmetzmuseum Mannersdorf/L.) |
B. Ulm und A. Kieslinger verweisen darauf, daß diese "Primitivform" in Österreich nicht nachzuweisen sei, vielmehr hätte man die abgespitzte Oberfläche anschließend nochmals mit der Glattfläche übergangen. Dazu ist zu sagen, daß in Österreich kaum frühromanische Bauten erhalten blieben und daher diese Beobachtung eigentlich nicht durch Denkmäler ausreichend belegbar ist. Bezeichnenderweise ist die österreichische Werkzeugverwendung jener ab dem 12. Jahrhundert vergleichbar, wo ja auch die Denkmälerdichte größer wird.
Nach Friederich ging man in Mitteldeutschland ähnlich
vor, wo man noch im Laufe des 11. Jahrhunderts begann, nach einem
groben Abarbeiten mit Spitzeisen oder Zweispitz, in einem weiteren
Schritt mit der Glattfläche die Quader nachzuarbeiten. Dies
leitet zur Stufe II über, bei welcher die Quaderform nicht
bloß durch Abarbeiten erzeugt wurde, sondern bereits durch
Überarbeiten.
Stufe I a: bis Mitte 11. Jahrhundert (Gemusterte Abspitzung)
Diese
Variante der frühromanischen Werktechnik ordnet die Hiebrillen
bewußt in zwar einfachen aber eindrucksvollen geometrischen
Mustern an. Wie schon bei Stufe I erfolgt die Abarbeitung des Bossen
durch das Spitzeisen oder den Zweispitz. Der Randschlag bleibt sehr
schmal. Der Unterschied zu Stufe I liegt somit in der bewußten
Organisation der Hiebrillen zu geometrischen Mustern.
Die gemusterte Oberflächengestaltung ist unter anderem schon in der Antike bei der künstlerische Gestaltung von Sarkophagen beliebt. Friederich sieht daher einen engeren Zusammenhang zwischen den römischen Vorbildern und der Übernahme der Musterung im 11. und frühen 12. Jahrhundert, denn diese Bearbeitungstechnik ist großteils in den ehemaligen römischen Gebieten zu finden, während man sich außerhalb des Limes eher an die ungeordnete Hiebführung hielt. Als Oberflächenbehandlung der Frühromanik bis in die Mitte des 11. Jahrhunderts fand sie Friederich beim Quaderbau auf der Reichenau, in Straßburg, in Limburg a. d. Haardt und in Worms.
Stufe II: bis Anfang 12. Jahrhundert (Abarbeitung)
Die Glattfläche
als Werkzeug des Steinmetz kommt schon im 11. Jahrhundert zur Anwendung
und wird ab Anfang des 12. Jahrhunderts das Hauptwerkzeug der Romanik.
Das beidhändig geführte Hiebwerkzeug wird - ähnlich
wie in der Stufe I der Zweispitz - in ungeordneten Schlägen
über die Bosse geführt. Allerdings ist ein systematisches
Überlagern von Werkzeughieben der Stufe II noch fremd. Der
Randschlag als wichtige Orientierungshilfe für die ebene Abarbeitung
des Quaderspiegels bleibt weiterhin sehr schmal.
Doppelfläche und Spitzfläche (Bossierhacke). Die Werkzeuge stammen aus dem 19./20. Jh. sind aber den mittelalterlichen Formen ähnlich. (Sammlung Opferkuh bzw. Steinmetzmuseum Mannersdorf/L.) |
Charakteristisch für die Glattfläche sind die Hackspuren, an denen man die Breite der Werkzeugschneide ablesen kann. Das starke Ausbrechen der Hiebrillen entlang einer Spur, wie sie für Spitzeisen und Zweispitz bezeichnend sind, ist bei der Glattfläche nicht so stark ausgeprägt. Auch die Tiefe der Hackspuren ist regelmäßiger. Die Werkzeugspuren zeigen, daß der Arbeitsvorgang oft zweiphasig ist. Zunächst die Abspitzung, dann die Abflächung, wobei tiefergehende Hiebe der Abspitzung als Löcher im Quaderspiegel stehen bleiben. Für diesen zweiteiligen Arbeitsgang verwendete man die Spitzfläche als Kombinationswerkzeug. Nach Friederich geht man nun auch im Rheinland zu dieser vorher bereits in Mitteldeutschland üblichen Arbeitsweise über.
Der nächste Entwicklungsschritt - nach Friederich
die Stufe III - zielt auf die Verfeinerung der Oberfläche und
die regelmäßigere Werkzeugführung ab.
Stufe III: bis nach der Mitte 12. Jahrhundert (Abflächung)
Um die Mitte des
12. Jahrhunderts setzt sich allgemein die Verfeinerung der Oberflächenbehandlung
mit der Glattfläche durch. Hauptsächlich sind es parallel
geführte Hiebrillen, die entweder den Kanten des Quaders folgen,
oder schräg dazu verlaufen, welche das Relief des Quaderspiegels
gestalten. Außerdem wird nun der Randschlag optisch dominater
und erreicht breiten bis 2,5 cm. Der Unterschied zur Stufe II liegt
also weniger in der verfeinerten Verwendung eines neuen Werkzeuges,
sondern in einer grundsätzlich anderen Auffassung von der optischen
Wirksamkeit der Quaderfläche.
Stufe III a: erste Hälfte 12. Jahrhundert (Musterung)
Wie schon in der
frühromanischen Phase gibt es gemusterte Varianten, die von
Friederich als landschaftlich bestimmte Stufe III a angesehen werden.
Die Anordnung der Hieblagen zu geometrischen Mustern kann mit dem
Spitzeisen häufiger aber mit der Glattfläche erreicht
werden. Der Randschlag ist mittelbreit, entspricht also der Stufe
III.
Die Organisation
der Hieblagen in fischgrätartigen Mustern wird hier jedoch
oft nicht mit der ungenaueren und beidhändig geführten
Glattfläche, sondern häufiger mit einem breiteren Meißel
durchgeführt. Voraussetzung für diese Technik ist eine
sorgfältige Vorbereitung des Quaderspiegels durch vorangehende
Abflächung. Die Abarbeitung des Bossens wird um einen weiteren
Bearbeitungsschritt bereichert.
Friederich verweist auf das frühe Auftreten dieser Werktechnik vor allem bei Kirchenbauten im Elsaß (Rosheim, Murbach, Straßburg). Er vermutet daher, daß die Stufe III a im Elsaß ihren Ausgang nahm und sich dann von dort aus in die künstlerisch davon abhängigen Gebiete verbreitet hat (Ostteile des Domes von Worms, Lorsch, Maulbronn). Allerdings wurde diese Hypothese bisher noch nicht auf ihre Stichhaltigkeit hinterfragt.
Diese Variante der Stufe III kommt in der 1. Hälfte des 12. Jahrhunderts auf . Hauptanwendungszeit der mit Fläche oder Meißel strukturierten Quaderoberflächen ist das 12. Jahrhundert, doch sind einzelne Fallbeispiele fischgrät-gemusterter Quader sind noch bis ins frühe 13. Jahrhundert in Ostösterreich nachweisbar (Turmdurchgang der Pfarrkirche von Petronell/Niederösterreich).
Stufe IV: bis Ende 12. Jahrhundert (Überflächung)
Die Verfeinerung
der Bearbeitung des Quaderspiegels mit der Glattfläche erreicht
nach der Mitte des 12. Jahrhunderts einen ersten Höhepunkt.
Außerdem wird jetzt der Rand- oder Saumschlag sehr breit (bis
zu 4,5 cm!) angelegt. Die Glattfläche wird meist kantenparallel
geführt und dringt nicht so tief in den Quaderspiegel ein.
Dadurch treten einzelne lochartige Vertiefungen, die von der ersten
Abarbeitungsphase übrig geblieben sind, stärker in Erscheinung.
Durch die feinere Oberflächenbehandlung verliert der Quader
die bis zur Stufe III dominierende Strukturierung durch gröbere
Hackspuren der Fläche. Außerdem wird eine optisch dominate
Musterung von Hieblagen vermieden. Der Quader verliert gleichsam
seine individuelle Oberfläche und reiht sich in den durch das
Fugennetz ablesbaren Quaderverband ein. Diese Bearbeitungstechnik
betrifft jedoch häufig lediglich die Sichtfläche des Werkstückes,
während die Lager- und Stoßflächen weiterhin gröber
mit der Spitzfläche zugerichtet werden.
Man kann den also den Wechsel der Arbeitstechnik von der Stufe III zur Stufe IV als den Übergang von der Abflächung zur Überflächung charakterisieren. Hier kündigt sich bereits der Beginn der gotischen Werksteinoberflächen ab. Vereinzelt treten im 12. Jahrhundert auch die ersten Steinmetzzeichen auf, letztlich ein Hinweis auf eine geänderte Organisation im romanischen Baubetrieb (Rationalisierung des Herstellungsprozesses durch Arbeitsteilung zwischen Steinmetz und Versetzer erfordert persönliche Kennzeichnung einzelner Werkleistungen).
Die folgende Entwicklung verläuft im Hinblick auf die Verfeinerung der Sichtfläche nicht linear. In der Stufe V, die gegen Ende des 12. Jahrhunderts einsetzt, gelangt neben der Glattfläche eine neue Werkzeuggruppe mit gezahnten Schneiden auf, welche die Oberflächenstruktur des Quaders optisch neu beleben. Nach Verfeinerung im Gebrauch dieser Werkzeuge in der Stufe VI mündet die Entwicklung wieder in die möglichst glatte und texturverminderte Oberflächengestaltung der Stufe VII ein, welche sukzessive als Nebenlinie direkt aus der hier besprochenen Stufe IV weiter entwickelt wurde.
Stufe V: Ende 12. bis Ende 13. Jahrhundert (Zahnflächung)
Bis nach der Mitte
des 12. Jahrhunderts beschränkten sich die Werkzeugformen für
die Oberflächengestaltung auf die absprengende Wirkung der
Werkzeugspitze (Spitzeisen, Zweispitz/Spitzfläche) oder einer
glatten Schneide (Fläche, Meißel). Durch die enge Aneinanderreihung
einzelner Spitzen entsteht eine gezahnte Schneide, welche die Vorteile
beider Werkzeugformen vereinigt. Allerdings besitzt die gezahnte
Schneide - zumindest beim technischen Stand mittelalterlicher Werkzeugschmiede
- nicht die robuste Dauerhaftigkeit der Einzelwerkzeuge mit Spitze
oder Schneide. Sowohl Zahneisen als auch Zahnfläche dürften
ihren Ursprung im Gebiet der Weichgesteine haben. Friederich vermutet
als Ursprungsgebiet der gezahnten Werkzeuge nordfranzösische
Kalkstein- und Kreidelandschaften, von wo aus unter anderem die
Anwendung der Zahnfläche zunächst nach Straßburg
(Ostteile) vermittelt wurde und sich dann über die Kalksteingebiete
Deutschlands weiter verbreitete. In Gebieten mit Kristalingesteinen
scheinen die gezahnten Werkzeuge wegen der größeren Gesteinshärte
zu fehlen. Hier mußte man die Bearbeitung mit der Glattfläche
durchführen (man vergleiche dazu die Stufe IV nach Friederich).
Doppelzahnfläche und Zahneisen. Die Werkzeuge stammen aus dem 19./20. Jh. sind aber den mittelalterlichen Formen ähnlich. (Sammlung Opferkuh bzw. Steinmetzmuseum Mannersdorf/L.). Opferkuh bezeichnet die hier abgebildete Zahnfläche als "Krönel". Die breiten Formen des Zahneisens könnte man auch als gezahntes Scharriereisen ansehen. |
Häufig wird die Zahnfläche im "Stich" verwendet, was bei Kreide- und Kalksteinwerkstücken im bruchfeuchten Zustand ein wesentlich ökonomischeres, weil rasches Arbeiten ermöglicht, als dies bei der Bearbeitung auf der "Bank" der Fall wäre. Die Hiebe werden dabei unter flachem Winkel und mit großer Kraft radial aus dem Ellbogengelenk seitwärts gegen den mehr oder weniger senkrecht stehenden Quaderspiegel geführt, woraus sich die charakteristischen langen, bogenförmigen Hiebspuren ergeben.
Die Zahnfläche dient seit dem Ende des 12. Jahrhunderts in erster Linie der raschen und gröberen Bearbeitung des Werkstückes aus Weichgestein. Die charakteristischen Werkzeugspuren verleihen dem Quaderspiegel zusammen mit dem mittelbreiten Randschlag wieder eine Textur und optisch wirksame Individualität, welche sich essentiell von der weiter gepflegten Glattflächung der Stufe IV unterscheidet - insbesondere dort, wo man Weichgesteine offensichtlich bewußt nicht mit dem neuen Werkzeug der Zahnfläche bearbeitete. Die Blütezeit der Zahnflächung als oberflächengestaltendes Werkzeug liegt im 13. Jahrhundert und wird in verfeinerter Form und Hiebführung als künstlerisches Gestaltungsmittel in Stufe VI noch bis nach dem 14. Jahrhundert weiterverwendet. Generell muß jedoch gesagt werden, daß Steinmetzwerkzeuge (wozu auch die Bildhauerwerkzeuge zählen) mit gezahnter Schneide (Zahneisen, Zahnhammer etc.) gerade im Barock eine große Rolle spielen. Man vergleiche dazu die Ausführungen zur Stufe X nach Friederich. Es ist also von Fall zu Fall zu prüfen, ob man es überhaupt mit einer mittelalterlichen oder einer neuzeitlichen Bearbeitung zu tun hat.
Stufe VI: bis nach Mitte 14. Jahrhundert (Zahnpillung)
Die seit dem Ende
des 12. und vor allem dann im 13. Jahrhundert verwendete Zahnfläche
findet auch nach der Mitte des 14. Jahrhunderts bei Weichgesteinen
Anwendung. Gegenüber der Zahnflächung des 13. Jahrhunderts
(Stufe V nach Friederich) tritt eine Verfeinerung der Oberflächengestaltung
auf, außerdem wird der Randschlag nun sehr schmal. In der
Stufe VI wird eine im Durchschnitt schmälere und leichtere
Zahnfläche verwendet, als dies in Stufe V der Fall war. Für
die Textur der Oberfläche ist jedoch die Art der Werkzeugführung
von Bedeutung: Der Quader liegt "auf der Bank" und wird
durch leichte, annähernd senkrecht auf den Quaderspiegel geführte
Hiebe geringerer Kraft eingeebnet. Die grobe Bearbeitung im "Stich"
spielt demnach bei Sichtflächen als Endzustand keine auschlaggebende
Rolle mehr.
Typisches Waffelmuster des um die Mitte des 19. Jhs. aufkommenden Stockhammers(Sammlung Opferkuh, Steinmetzmuseum Mannersdorf/L.) |
Das Punktmuster erinnert einerseits an "gepickte" Oberflächen, wie sie mit dem Spitzeisen oder der Spitzfläche erzeugt werden, andererseits kann die regelmäßige Anordnung der Punktreihen mit den Werkzeugspuren des wesentlich jüngeren Stockhammers verwechselt werden. Letzerer war ursprünglich ein Werkzeug für Hartgesteine, wurde aber im 19. und leider auch noch im 20. Jahrhundert zur raschen Überarbeitung von Kalk- und sogar Sandsteinquadern bei Restaurierungen verwendet, wo es eine unschöne, nicht materialgerechte und außerdem konservatorisch bedenkliche Oberfläche mit "Waffelmuster" erzeugt. Die Unterscheidung ist bei nicht zu stark angewitterten oder nicht versinterten Flächen relativ einfach: "gepickte" Oberflächen weisen keine durchlaufende Punktreihen, "gestockte" Oberflächen ein quadratisches gepunktetes "Waffelmuster" auf, das von der Hammerbahn stammt.
Die "Zahnpille" - wie Friederich die leichte Variante der Zahnfläche bezeichnet - erzeugt eine "gepillte" Oberfläche, bei der sich die Zahnspuren jeweils zu einer einzeiligen Punktreihe in Breite der Zahnpille formieren. Das Zahneisen - das analog zum beidhändig geführten Hiebwerkzeug Zahnfläche entsprechende und mit dem Klüpfel getriebene Schlagwerkzeug - wird in der Regel schräg über die Oberfläche geführt, hinterläßt also keine Punktreihen, sondern kurze, geriefelte Meißelspuren.
Die Pillung, also die senkrecht auf die Werkstückoberfläche ausgerichtete Führung eines leichten Hiebwerkzeuges, hat beim ungezahnten Hiebwerkzeug der Glattfläche in der Stufe VII ihre Entsprechung. Diese von Friederich eingeführte Stufung darf jedoch nicht mit einer chronologischen Reihung verwechselt werden, da die oberflächenglättende Anwendung der leichteren Form der Glattfläche als allmählicher Übergang von Stufe IV zu Stufe VII aufzufassen ist, welche parallel zu Stufe V und Stufe VI mit gezahnten Werkzeugen verläuft. Der Unterschied liegt in der diametralen Auffassung der Oberflächengestaltung: individuelle Textur versus glatte Oberfläche.
Stufe VII: bis nach Mitte 15. Jahrhundert (Glattpillung)
Bis um die Mitte
des 15. Jahrhunderts verfeinert sich die Anwendung der Glattfläche
sukzessive von der geordneten Hiebführung ab Stufe III im 12.
Jahrhundert über die sorgfältigere Hiebführung ab
Stufe IV im ausgehenden 12. Jahrhundert bis zur Anwendung einer
leichten Form der Glattfläche, die Friederich als "Pille"
bezeichnet. Die Breite der Schneide verschmälert sich - analog
zur Zahnpille - bis auf eine Breite von 3 cm. Das Hiebwerkzeug schlägt
dabei senkrecht auf die Werkstückoberfläche und stellt
bezüglich der Verfeinerung der Oberflächengestaltung mit
Hiebwerkzeugen ein Maximum dar. Die feinen Hiebspuren ergeben lange
Linienfolgen. Gleichzeitig mit dieser Verfeinerung des Quaderspiegels
wird der Saum- oder Randschlag sehr schmal oder wird gänzlich
abgearbeitet.
Durch Versinterung, Abwitterung und spätere Überarbeitung haben sich gepillte Oberflächen nur bedingt erhalten. Gepillte Oberflächen sind daher an bewitterten Oberflächen kaum mit Sicherheit zu bestimmen. Möglicherweise ist die Pillung von Quadern nicht überall verwendet worden. So konnte A. Kieslinger bei seinen gründlichen Untersuchungen an den spätgotischen Teile von St. Stephan in Wien keine Unterscheidung zwischen den Überflächungen der Stufe IV und der Pillung treffen.
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Mittelteil des Siegels der Steinmetzen von Wien (bezeichnet 1651). Der geharnischte rechte Arm hält eine Spitzfläche der leichten Bauform (Pille). Das neuzeitliche Siegel geht wohl auf das mittelalterliche zurück. Die Verwandtschaft zum Admonter Bruderschaftswappen (Doppelfläche) deutet vermutlich auf die Abhängigkeiten der Unterhütten in Admont und Steyr von der Wiener Bauhütte hin. |
Wappen "der Stainmeczn zw Admud Pruederschaft" aus dem sog. "Admonter Hüttenbuch", begonnen 1480. Der geharnischte rechte Arm hält eine Doppelfläche der leichten Bauform (Glattpille), wie sie für die Spätzeit des Mittelalters üblich wird. Hiebwerkzeuge dieser Bauform wurden bis ins frühe 20. Jahrhundert verwendet und in Österreich als "Steinhacke" oder "Bossierhacke" bezeichnet. |
Ausschnitt aus dem Epitaph des Wolfgang Tenk, gestorben 1513, in der Stadtpfarkirche von Steyr (Oberösterreich.) Tenk leitete den Bau von 1483 bis zu seinem Tod 1513. Seit 1480 stand er der Admonter Steinmetzbruderschaft vor. Daraus erklärt sich die Verwendung des Admonter Bruderschaftswappen. |
Die Hauptanwendungszeit der gepillten Oberfläche erstreckt sich nach Friederich bis um die Mitte des 15. Jahrhunderts und wird dann durch ein neues Werkzeug - das Scharriereisen - abgelöst, welches die spätgotische Stufe VIII einleitet. Die schmale Glattfläche bzw. "Pille" ist gleichsam das Universalwerkzeug der deutschen Spätgotik. Kein Wunder also, daß die Glattfläche - sei es als Doppelfläche, sei es als Spitzfläche - als heraldisches Motiv häufig für Meister- oder Bauhüttenwappen bzw. -siegeln gewählt wird.
Stufe VIII: ab Mitte 15. Jahrhundert bis Mitte 17. Jahrhundert (Scharrierung)
Um die Mitte des
15. Jahrhunderts kommt es zu einer einschneidenden Änderung
in der Steinmetztechnik. Während in den vorangegengenen Stufen
für die Bearbeitung des Quaderspiegels primär Hiebwerkzeuge
(Spitzfläche, Glattfläche, Zahnfläche) verwendet
wurden, die eine immer feinere Oberflächengestaltung (Pille,
Friederich, Stufe VII) oder eine gleichmäßigere Textur
anstrebten (Zahnpille, Friederich Stufe VI) und meißelartige
Werkzeuge nur für den Randschlag oder für komplizierte
Detailgestaltungen verwendet wurden, kam nun das Scharriereisen
- eigentlich ein ca. 5 cm breiter Meißel - in Verwendung.
Nach Friederich wurde das Scharriereisen zunächst in Flandern
benutzt und kam über französische Kontakte nach Deutschland.
Im Gegensatz zur Fläche oder Pille konnte das Schariereisen
wesentlich genauer mit dem Klüpfel über die Quaderoberfläche
getrieben werden. Diese Technik ermöglichte auch, die oft komplizierten
Verschneidungen spätgotischer Steinmetzkunst auszuführen.
Das Schariereisen wird entweder schräg gegen die Quaderfläche
geführt, oder senkrecht und mit gezielten stärkeren Schlägen.
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Scharriereisen. Die Werkzeuge stammen aus dem 19./20. Jh. Die breite Form entspricht dem neuzeitlichen Scharriereisen; die schmäler Form ist der mittelalterlichen vergleichbar. (Sammlung Opferkuh bzw. Stein- metzmuseum Mannersdorf/L.) |
Die Unterscheidung der Werkzeugspuren von Scharriereisen oder einer sehr regelmäßig parallel geführter Fläche ergibt sich zumeist aus der Abfolge der einzelnen Hiebe, die in beiden Fällen gleich breit (etwa 5 cm) sein können. Während die Glattfläche einmal etwas höher, dann wieder etwas tiefer auftrifft, gleitet das Scharriereisen in einer duchgehenden Bahn über den Stein und läßt oft zur nächsten Bahn einen schmalen Materialgrat stehen. Außerdem ergeben sich bei der Glattfläche und der Pille unterschiedliche Hiebtiefen, die in der Regel beim getriebenen Scharriereisen gleichmäßiger ausfallen. Während die gegen Ende des 15. Jahrhunderts gerne unter rund 60 Grad schräge Führung des Scharriereisens ein glattes Arbeiten ermöglicht, bilden die Hiebrillen des senkrecht geführten Schariereisens ein "gestelztes" Muster von großer Regelmäßigkeit. Der Randschlag ist zunächst noch schmal, wird aber gegen Ende des 15. Jahrhunderts wieder betont.
Ganz allgemein betrachtet kommt es in der letzten Phase des Mittelalters wieder zur Betonung der Oberflächentextur durch das Bearbeitungswerkzeug. Dieses Bestreben nach einer ästhetischen Oberflächengestaltung durch das Scharrierereisen wird über das Mittelalter hinaus im 16. und 17. Jahrhundert beibehalten, unterscheidet sich jedoch einerseits durch die Verwendung eines sehr breiten Scharriereisens von bis zu 12 cm (Nach Friederich Stufe IX), oder durch eine seit dem 16. Jahrhundert übliche Kombination mit gepickten und gezahnten Texturen (Nach Friederich Stufe X).
Stufe IX: ab Mitte 17. Jahrhundert (Breitscharrierung)
Hauptwerkzeug des
nachmittelalterlichen Hausteinbaus bleibt das um die Mitte des 15.
Jahrhunderts aufkommende Scharriereisen, das sich von jenem der
Stufe VIII durch die größere Breite von bis zu 12 cm
unterscheidet. Vor allem in der Spätrenaissance und im Manierismus
wird eine rustikale "Stelzung" der Hiebrillen beliebt.
Teilweise greift diese optisch stark wirksame Textur der Stelzung
auch auf den mittelbreiten Randschlag über. Schrägscharrierungen,
wie sie für das ausgehende Mittelalter eine Rolle spielten,
scheinen ab der Neuzeit keine Bedeutung mehr gehabt zu haben. Mit
der Renaissance werden eine Reihe von antiken Bearbeitungsweisen
wiederbelebt und in unterschiedlicher Weise kombiniert (Friederich,
Stufe X)
Stufe X: ab Mitte 16. Jahrhundert (Wechselnde Bearbeitung)
Ab der Neuzeit und
in vermehrtem Maße noch im 17. Jahrhundert ist außer
der Verwendung des sehr breiten Scharriereisens (Friederich, Stufe
IX) die Gestaltung des Werksteins mit unterschiedlichen Bearbeitungsmöglichkeiten
Gegenstand der Steinmetzkunst. Neben den schon im Mittelalter bekannten
Techniken der gepickten (weniger der abgespitzen) Oberfläche,
der Anwendung des Zahneisens und des Scharriereisens stehen an ein
und dem selben Werkstück geschliffene oder gehobelte Partien
ohne ausgeprägte Textur. Praktisch seit dem 12. Jahrhundert
aufgegebene Abspitzungen und Musterungen der Stufe I treten unter
anderem im Bereich der Sockel, der Rustika oder bei Grottenarchitekturen
auf. Vorbild dürfte jedoch hier weniger das Mittelalter sein,
sondern eher der direkte Rückgriff auf die Antike.
Nachleben und Wiederentdeckung der mittelalterlichen Steinbearbeitung im 19. und 20. Jahrhundert
Die bewußte Gestaltung der Werksteinoberfläche durch Werkzeugspuren endet schließlich in den polierten und geschliffenen Oberflächen des Klassizismus, der auf ein vermeintliches Ideal antiker Marmorarchitektur zurückgreift. Erst dem 19. Jahrhundert blieb es vorbehalten, im Zuge des Historismus und des erwachenden Verständnis für mittelalterliche Handwerkstechniken, teilweise die nachantiken bauhandwerklichen Traditionen wieder zu beleben, wenn auch manchmal aus dem Blickwinkel einer romantischen Sehweise. Dies zeigt sich unter anderem in der Verwendung des sehr breiten Scharriereisens, welches im Zuge der Wiederbesinnung auf alte Handwerkstraditionen eine Art Renaissance erlebt, wobei die gemusterte Anordnung der oft gestelzten Hiebrillen eine gewisse Bedeutung gewinnt. Weniger erfreulich ist in dieser Zeit die bereits erwähnte Verwendung des Stockhammers für Weichgesteine und insbesondere die Endbearbeitung der Quader durch Schleifen und Hobeln, dem als nahezu texturlose Oberflächengestaltung die neugotischen Bauten des Historismus ihre "seelenlose Glätte und unbarmherzige Präzision der Steinbearbeitung" (A. Kieslinger) verdanken.
Verschiedene Stockhämmer und Steinhobel. Die Werkzeuge stammen aus dem 19./20. Jh.. (Sammlung Opferkuh bzw. Steinmetzmuseum Mannersdorf/L.) |
Im frühen 20. Jahrhundert ändert sich auch die Einstellung zur historischen Oberflächengestaltung, doch mußte erst die Vorarbeit der kritischen Auseinandersetzung und Dokumentation mittelalterlicher Werksteinoberflächen geleistet werden. Hier ist an erster Stelle das 1932 in Druck erschienene Werk Karl Friederichs zu nennen, das auf dessen 1929 an der Karlsruher TU eingereichter und später erweiterter Dissertation beruht. Das jahrzehntelang vergriffene Buch wurde 1988 als Reprint neu aufgelegt. Erst seit der Nachkriegszeit hat sich die neu formierende "Historische Bauforschung" auf Basis dieses Werks um die Dokumentaton und Erhaltung der alten Werksteinoberflächen angenommen. Dabei haben sich die Ergebnisse der doch relativ kleinräumig angelegten Detailforschungen und das Datierungsschema Friederichs grosso modo bestätigt und zu weiteren Forschungen angeregt. Im Sinne einer modernen Denkmalpflege ist man heute bestrebt, die alten Oberflächen zu bewahren und technisch zu konservieren. Ein Überarbeiten der Oberflächen - noch dazu in historisch unpassender Technik, wie es vor allem im 19. Jahrhundert der Fall war - wird heute (leider nur zumeist) vermieden. Wo Auswechslungen und Ergänzungen unvermeidbar sind, ist die Tendenz festzustellen, die Werksteinoberflächen zwar in einer handwerklich vertretbaren Form zu gestalten. So werden etwa Neuanfertigungen durch eine gestelzte Scharrierungen oder akzentuiert gemusterte Oberflächen mit dem Zahneisen optisch vom Altbestand differenziert.
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© Dr. Rudolf Koch, Wien 1998, 2005
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