Fast die
gesamte Weltgeschichte hindurch sind die Frauen ohne Bildung
und Erziehung geblieben, im alten Persien, in China und Indien, dort
sogar bis in unser Jahrhundert hinein (man schaue sich auch die
islamischen Staaten an), in Griechenland, in sämtlichen
Hochkulturen. Der englische Philosoph und Mathematiker Bertrand Russel, er war als Agnostiker
(Agnostizismus bezeichnet die philosophische Ansicht, dass bestimmte
Annahmen, insbesondere theologischer Art, welche die Existenz oder
Nichtexistenz eines höheren Wesens, wie beispielsweise eines
Gottes betreffen, entweder ungeklärt, grundsätzlich nicht zu
klären oder für das Leben irrelevant sind), Pazifist (der
Pazifist lehnt Krieg und Gewalt ab) und Friedensaktivist bekannt, der
eine anarchistisch-pazifistische Grundhaltung besaß (sein erstes
Buch schrieb Russel 1896 über die deutsche Sozialdemokratie, 1927
gründete Bertrand Russell mit seiner damaligen Frau Dora im
Süden Englands eine libertäre (antiautoritäre)
Internatsschule, 1950 erhielt er „als eine Anerkennung für sein
vielseitiges und bedeutungsvolles Wirken, mit dem er als
Vorkämpfer der Humanität und Gedankenfreiheit hervortritt“
den Nobelpreis für Literatur) und in Cambridge, Oxford, London, an
der amerikanischen Harvard University und in Peking lehrte, bemerkte
dazu: „In den meisten zivilisierten Gesellschaften wurde den Frauen
verwehrt, die Welt und das, was auf ihr geschah, zu erleben. Man hat
sie künstlich dumm, und damit uninteressant gehalten. Aus den
Gesprächen (des griechischen Philosophen, 427 bis 347 v.Chr. in
Athen) Platos gewinnt man den Eindruck, dass er und seine Freunde den
Mann als das einzig angemessene Objekt ernsthafter Liebe ansahen. Das
ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, daß alles, wofür
sie sich interessierten, für die angesehene Athenerin
unzulänglich war.“
Dieser
Mangel an Bildung spiegelte sich in mangelndem sexuellen Wissen
wieder, das den Frauen zugestanden wurde. Man hielt die Frau nicht nur
ohne Bildung, sondern auch ohne Sexualität. Gelegentlich war es in
der Geschichte anders, aber im allgemeinen wurde die Sexualität
der Frauen nur insoweit beachtet, als sie beim Mann eine sexuelle
Reaktion auslösen konnte. In der Geschichte ist der Frau jedes
Laster und jede Tugend zugeschreiben worden. Von der gemeinen
Verführerin bis zur überirdischen Heiligen und wieder
zurück, hat die Frau sämtliche Stadien durchlaufen. In vielen
Religionen wurde den Frauen sexuelle Macht jeder Art zu- und dann
wieder aberkannt. Ein beredtes Beispiel dieser Zwiespältigkeit
finden wir im Christentum, wo eine Frau (Eva) die Ursache der
Erbsünde und des Verlustes der Gnade ist, und eine andere (Maria)
der Anlass für alle Frommen zur Reinheit, auch für das
Zölibatäre der Priesterschaft. (Eine weiße Lilie gilt
z.B. als Hinweis auf die Gottes Mutter Maria, auf ihre Reinheit,
Keuschheit, Unschuld und ihre reine Seele.)
Geschichtlich gesehen war (ist) die Frau sozial und wirtschaftlich vom
Mann abhängig, nicht jedoch sexuell. Sie war sexuell
unabhängig, weil man sie nicht für sexuell hielt. Einige
Forscher sind der Meinung, dass sei deshalb so, weil eine sexuelle
Reaktion der Frau für die Fortpflanzung nicht erforderlich sei.
Nur der Orgasmus des Mannes ist notwendig, und folglich bestand die
einzig wirklich sexuelle Funktion der Frau darin, „Samenbehälter“
zu sein, wie die amerikanischen Sexualwissenschaftler Masters und
Johnson es despektierlich nannten. Da die weibliche Sexualität nie
losgelöst von den „ehelichen Pflichten“ und der Mutterschaft
betrachtet wurde, beachteten die Frauen ihre sexuellen Wünsche
nicht, und auch von Seiten der Männer wurde ihren
Bedürfnissen keine Aufmerksamkeit geschenkt. Die Folge war, dass
die Frauen entweder lernten, nicht sexuell zu sein, oder aber
überhaupt niemals lernten, sexuell zu sein. Es ist beachtlich,
daß, obwohl die jüngste Forschung auf dem Gebiet der
Sexualität, das große sexuelle Vermögen der Frau
deutlich gemacht hat, eine Orgasmusfähigkeit, die sich als weit
stärker erwies, als die des Mannes, es keine Anzeichen dafür
gibt, daß die Frau das erlebt hat, was man gemeinhin als sexuelle
Frustration bezeichnet. Da sie die eigene sexuelle Reaktion nicht
kannte und auch nicht gedrängt wurde, ein sexuelles Leben zu
führen, war sie offenbar nicht enttäuscht. Die amerikanische
Schriftstellerin und Gesundheitsaktivistin Barbara
Seaman vertritt nachdrücklich die Ansicht, dass die
viktorianischen Frauen, die sexuell „vollkommen unbewegt“ waren,
trotzdem oft ein ganzes Leben lang in ihre Ehemänner verliebt und
„nicht bewußt frustriert waren.“
Als die
Frauen die überfällige Bildung nachholten, erweiterte sich
ihr Wissen auf allen Gebieten des Lebens einschliesslich dem der
eigenen Sexualität. Aber als die Sexualität der Frau in
England und Amerika schliesslich vor einem Jahrhundert anerkannt wurde,
gab es gleichzeitig Bestrebungen, die Frau auch weiterhin von der
Sexualität fernzuhalten. Das viktorianische Zeitalter
(Zeitabschnitt der Regierung Königin Victorias von England, in
England beginnt, mit all seinen Vor- und Nachteilen, das Zeitalter der
Industriealisierung, 1837 bis 1901) wurde so zu einem Synonym der
sexuellen Unterdrückung. Es war eine Zeit, in der die sexuelle
Einfalt (Begrenztheit des Verstandes) dem sexuellen Wissen wich, aber
in der Folge wurde sowohl die Einfalt als auch das Wissen
verfälscht. In dem Bemühen, das, was man für die
schockierende Wirklichkeit hielt, zu leugnen, brachte die
viktorianische Gesellschaft einige erstaunliche Einstellungen hervor.
Der Mann, so hieße es, habe „tierische“ Sexualbedürfnisse,
und die Frau müsse vor ihm geschützt werden. Tatsächlich
wiegten sich viele viktorianische Frauen in dem Glauben, den
Männern moralisch überlegen zu sein, weil sie bei der „Liebe“
weniger Lust empfanden. Man glaubte, die Frauen seien den eigenen
Gefühlen gegenüber völlig blind und übergingen alle
Anzeichen einer eventuellen Willfährigkeit (Unter willfährig
versteht man, fremdem, anderen Willen gehorchen und gefügig sein.)
ihrerseits.
Dieses extreme Sichverschließen ging soweit, dass eine
„anständige“ Frau nicht einmal die eigenen organischen
Gegebenheiten (Sexualorgane) akzeptieren konnte, damit nur nicht die
Wahrheit (daß es dort Sexualorgane gab) herauskam. Es wird
berichtet, dass viele Frauen lieber starben, als sich einer
gynäkologischen Untersuchung zu unterziehen. In England war es
noch vor 50 Jahren ungesetzlich, gedruckt festzuhalten, dass eine Frau
Lust beim Geschlechtsverkehr empfinden könne und solle. Unter
diesen Umständen verwundert es nicht, dass die Sexualität
eine gewaltige, unnatürliche Bedeutung bekam, die sehr viel
stärker in einer solchen Zeit der Unterdrückung zur Geltung
kam, als dann, wenn die Sexualität wegen ihrer besonderen Rolle in
der Kultur stillschweigend geduldet wird. Gegen diese absurden
Einstellungen ging Freud mit seiner Theorie über die
Sexualität vor, nach der neurotisches und normales Verhalten davon
abhängt, wie stark die Sexualität verdrängt und
sublimiert wird. Freuds bemerkenswerte Einsichten brachten die dringend
erforderliche Öffnung des Bewusstseins und eine Anerkennung der
menschlichen Sexualität mit sich, schufen aber gleichzeitig andere
Verzerrungen. Die unglücklichen Folgen der Ansichten Freuds
über seine Epoche waren, dass Gesellschaften der jüngeren
Zeit die Sexualität und ihre Bedeutung für die menschliche
Entwicklung überbewerteten.
Ein spezieller Aspekt der Freudschen Theorie, der noch bis vor einem
Jahrzehnt seine Anhänger hatte, war das biologische Modell der
weiblichen Sexualität, dass die weiblichen Fähigkeiten falsch
beurteilte, weil es auf unvollständigen biologischen Kenntnissen
beruhte. Eine Korrektur erfolgte hier erst in jüngster Zeit durch
die Arbeiten der amerikanischen Psychiaterin Dr. Mary Jane Sherfey (siehe unten), sowie
durch die amerikanischen Sexualwissenschaftler Masters, Johnson und
anderen. Als Folge, dieses sich lange haltenden
Missverständnisses, erklärte man sexuell normalen Frauen, sie
seien anormal. Das war nicht so tragisch zu Zeiten, als man die Frauen
wegen ihrer nichtsexuellen Dienste schätzte und Ehe und
Mutterschaft noch verherrlicht wurden. Aber als sich das Schwergewicht
verlagerte, und die sexuelle und romantische Liebe zur Richtschnur
für den gesellschaftlichen Erfolg einer Frau wurde, war die
angebliche Unfähigkeit, wie eine sexuell „normale“ Frau zu
reagieren, für viele Frauen ein gewaltiger psychologischer Schlag,
vor allem zu einer Zeit, als man sie für sexuell befreit hielt (in
den 60er Jahren).
Das führte zu einer besonders engen Sicht der weiblichen Psyche,
die vielleich am besten in der Erklärung des amerikanischen
Psychologen Percival Symonds zusammengefasst worden ist, dass „Frauen
das Liebeserlebnis suchen, um ihr verletztes Selbstwertgefühl
wieder herzustellen.“ Wenn die einzig akzeptable Rolle, die eine Frau
spielen kann, sexuell-romantisch ist und der Wert einer Frau auf ihrer
sexuellen Attraktivität beruht, verwundert es nicht, dass Frauen,
die glaubten, es stimme etwas mit ihnen sexuell nicht, sich in
erheblichem Maß sozial verunsichert fühlten. Dieser Wandel
vom Nichtsexuellsein zum Abnormalsein, war fraglos einer der
maßgeblichen Faktoren, bei der Entscheidung vieler Frauen, ihre
Sexualität letztlich selbst zu bestimmen und ihre sexuellen
Bedürfnisse so zu beurteilen, wie die Männer das nie getan
hatten, bezogen auf Unabhängigkeit und Selbstwert. Das wiederum
veranlasste einige Frauen, ihre Sexualität ein wenig
voreingenommen zu betrachten, als einen Schlüssel zur
Persönlichkeit nämlich und zur persönlichen Befreiung.
Das diente höchstwahrscheinlich in den 60er Jahren als Ansporn
für die Frauenbewegung, die versuchte, die verworrenen weiblichen
Erfahrungen aus der sexuellen Revolution der 60er Jahre einzuordnen.
Ich bin eben auf die Diplomarbeit von Eugene Faust (Frau) gestoßen, die sich
mit der Arbeit der amerikanischen Psychiaterin Mary Jane Sherfey und
der weiblichen Sexualität beschäftigt. Mary Jane Sherfey
vertritt einige interessante Thesen:
Die Potenz der Frau: Mary Jane Sherfey, eine amerikanische
Psychiaterin, entwickelte die Entdeckungen der amerikanischen
Sexualforscher Masters und Johnson konsequent weiter und
veröffentlichte 1972 ihr sexualwissenschaftliches Buch „Die Potenz
der Frau“ (deutsch 1974). Sie bereicherte die Theorien über die
weibliche Sexualität um ethnologische, vergleichende
embryologische Forschungen und Erkenntnisse auf dem Gebiet der
Gynäkologie, der Evolutionsbiologie und der Endokrinologie. Ihr
Forschungsinteresse galt vier ungeklärten Erscheinungen, die
praktisch nur bei der menschlichen Frau vorkommen: Das
prämenstruelle Spannungssyndrom; der „stille“ Eisprung, der nicht
in einer periodisch auftretenden Brunst vorkommt; der weibliche
Orgasmus und das Klimakterium, denn die meisten weiblichen Tiere
höherer Ordnung behalten ihre Fruchtbarkeit. Sie ging von der
Annahme aus, dass „nichts die genetische Struktur des Menschen enger
mit seiner Kultur verknüpft, als sein Fortpflanzungsapparat.“
Frauen sind sexuell ungesättigt (unersättlich):
Sherfey zog aus ihren Analysen den Schluss, dass die weibliche
Sexualität von ihrer Anlage her unersättlich sei. Jedem
Orgasmus folgt ein neues Sichanfüllen der Schwellkörper;
Ausdehnung erzeugt wiederum Stauung und Ödematisierung, die
ihrerseits weitere Gewebsspannung zur Folge hat usw., Blutzufuhr und
Ödematisierung (Schwellung, durch Einlagerung von Blut) der
Beckenregion sind unerschöpflich. „Daraus folgt, je mehr Orgasmen
die Frau erlebt, desto stärker werden sie, je mehr Orgasmen sie
erlebt, desto mehr kann sie erleben. Also ist die Frau angesichts eines
Höchstmaßes an sexueller Sättigung sexuell
ungesättigt.“ (Hervorhebungen durch Sherfey)
Primatenforschung: (Die Primatenforschung umfasst die
Erforschung der Primaten, wozu einerseits die Affen, aber auch der
Mensch gehört) Die These einer universellen und physisch bedingten
Unfähigkeit der Frau, selbst bei intensiven und wiederholten
orgastischen Erlebnissen gänzliche sexuelle Befriedigung,
beziehungsweise Sättigung zu erlangen, erhärtete Sherfey
durch Beobachtungen aus der Primatenforschung. Primaten stellen
für sie enge Verwandte des Menschen ohne kulturelle Restriktionen
dar. Weibliche Schimpansen täten fast alles, um in der Woche
höchster Brunst möglichst viele Paarungen zu erreichen.
Manchmal seien sie am Ende dieser Perioden völlig erschöpft
und mit Wunden bedeckt, die ihnen verausgabte, abweisende Männchen
zugefügt haben. „Ich möchte meinen, dass, hielte die
Zivilisation sie nicht zurück, ein nicht unähnliches
Verhalten von der Frau zu erwarten wäre.“ Das Verhalten der
Primatenweibchen macht insofern Sinn, dass sie nach dieser Paarungszeit
ziemlich sicher Nachwuchs bekommen. Wie uns Evolutionsbiologe Robin
Baker in seinem Buch „Krieg der Spermien“ (1999) wissen lässt, hat
sich dabei außerdem intravaginal das überlegene Sperma
durchgesetzt.
Krieg der Spermien: Baker suchte nicht bei den Primaten,
sondern beim Menschen nach Hinweisen und ist davon überzeugt, dass
auch das Menschenweib eine ähnliche Sexualstrategie verfolgt.
Umfragen zufolge sei eines von zehn britischen Kindern nicht von dem
Mann gezeugt, der glaubt, der leibliche Vater zu sein. Im Südosten
Englands fanden Ärzte sogar 30% solcher „Kuckuckskinder“. In einer
US-amerikanischen Studie entdeckten Forscher, dass eines von 70
weißen und eines von 10 schwarzen Kindern mit dem Vater nicht
genetisch verwandt war. Solche Daten sind allerdings von sozialen
Schichten, Ländern und Untersuchungsmethoden abhängig und
bisher noch nicht unabhängig überprüft worden. Aber auch
seriöse Fachblätter wie die „Zeitschrift für das gesamte
Familien-Recht“ operieren mit Schätzungen, nach denen „etwa 10
Prozent der Kinder in Deutschland sogenannte Kuckuckskinder“ sind.
(zit. n. BÖLSCHE, 2004, Spiegel-online)
Kulturelles Dilemma: Das Wesen weiblicher Sexualität
mit der ungewöhnlichen orgastischen Potenz war nach Sherfey nicht
für monogame, sesshafte Kulturen gedacht. Die weibliche
unersättliche Sexualität musste also unterdrückt werden.
Die Stärke des zu unterdrückenden Triebes bestimme dabei die
Kraft, die notwendig sei, um ihn zu unterdrücken. Auch die
Anthropologin Hrdy ist davon überzeugt, dass sexuelle
Zurückhaltung, Diskretion und die Sorge um den Ruf vieler Frauen,
nicht, wie der britische Evolutionsforscher Charles Darwin annahm, dem
vormenschlichen „alten Erbe“ entstammt. Diese Schamhaftigkeit lasse
sich auch erklären als „gelernte Anpassung von Frauen, die den
Bestrafungen entfliehen wollten“, welche das Patriarchat für
„ungebärdige Partnerinnen und Töchter“ ausgedacht hat. Die
meisten Kenner sind sich einig, dass die Bedeutung der gesicherten
Vaterschaft seit dem 17. Jahrhundert auch auf dem „patrilinearen
(Vaterfolge, Abstammung vom Vater) Erbschaftssystem“ beruht, das den
Erstgeborenen bevorzugt. Daher waren sexuelle Abenteuer des Mannes auch
entschuldbar, bei der Frau jedoch „verbrecherisch“.
Das
große Bestreben der sexuellen Revolution in den 60er Jahren des
vergangenen Jahrhunderts, galt dem weiblichen Orgasmus und der Frage,
wie man ihn erreicht. In vieler Hinsicht engte das die bereits
einschränkemde Betrachtungsweise des Liebens weiter ein. Der
Orgasmus wurde die Hauptsorge nicht nur der Frauen, sondern auch der
Männer. Die Folge ist, dass man den Verlust der weniger
zielgerichteten Tage beklagt. So antwortete eine Frau im Fragebogen der
Sexualwissenschaftlerin Shere Hite, die 1996 die deutsche
Staatsangehörigkeit annahm: „Wenn in der Sexualität besonders
viel Wärme und Vertrautheit gebraucht wurden, war der Orgasmus
unnötig. Auch bevor ich lernte, wie man einen Orgasmus bekommt,
war die Sexualität ein Akt der Vertrautheit mit meinem Partner.“
Die Anthropologin (Anthropologie = die Wissenschaft vom Menschen) Margaret Mead beobachtete, dass der weibliche
Orgasmus bei den meisten primitiven Völkern kein Problem
darstellt, weil die Männer gelernt haben, die Frau zum Orgasmus zu
bringen. In unserer Zivilisation dagegen wurde der weibliche Orgasmus
noch bis vor kurzem als selten, geheimnisvoll und schwer erreichbar
hingestellt, der im übrigen große Anstrengung und
Konzentration verlange. Der männliche Orgasmus jedoch galt als
unentbehrlich. Heute wird der Frau geraten, selbst die Verantwortung
für ihren Orgasmus zu übernehmen.
Waren die Frauen bisher damit zufrieden, die Sexualität mit oder
ohne Orgasmus zu genießen, so hat man auch ihnen, zusammen mit
den Männern, inzwischen beigebracht, im Orgasmus das Ziel des
Liebens zu sehen. Da sie sich nach den Sexualgewohnheiten der
Männer richten, glauben einige Frauen heute, daß sie das
verdienen, was sie ihrerseits gewähren. In extremen Situationen
ist der Orgasmus sogar zu einer politischen Frage geworden: „Gleicher
Lohn für gleiche Arbeit“ oder „Ein Orgasmus für einen
Orgasmus“. Dieses Verhalten lässt sich auf die Entbehrungen
zurückführen, die viele Frauen in unbefriedigenden sexuellen
Beziehungen erlebt haben. Es dient jedoch auch dazu, die
Sexualität der Frau in den begrenzten Rahmen zu zwängen, in
der auch die Sexualität des Mannes gepresst ist, was ein tiefer
empfundenes und reicheres Erleben ausschliesst.
Glücklicherweise haben die meisten Frauen angefangen zu erkennen,
wie sehr die am Orgasmus ausgerichtete Liebe einengt, und offenbaren,
woran sie wirklich Vergnügen haben, selbst wenn das bedeutet,
einige der sogenannten „Fortschritte“, die sie erzielt haben, wieder
zurückzunehmen. „Frauen lieben Sex“, schreibt Shere Hite, „mehr
wegen der dabei zum Ausdruck kommenden Gefühle, als der rein
körperlichen Empfindungen des Geschlechtsaktes an sich.“ Ihr
Überblick hat gezeigt, dass Sex wegen der Vertrautheit und
Nähe, die er zu einem anderen Menschen herstellt, für die
Frau als wichtiger erachtet wird, als eine Möglichkeit, die
tiefsten Empfindungen zu enthüllen. Daher mögen Frauen auch
besonders den Geschlechtsakt, wegen des körperlichen Ausdrucks von
Liebe und nicht unbedingt wegen der Sexualität (Orgasmus). Sex
gilt außerdem als wichtig, weil Frauen in ihm einen Weg sehen,
ihre Gefühle der Sicherheit und des Begehrtseins zu festigen und
die Einschätzung der eigenen Person bestätigt zu bekommen.
Sex ist auch eine Gelegenheit, einem Partner Lust zu schenken, eine
Gelegenheit des Vertrauens und der Hingabe in Liebe.
Man hat festgestellt, dass die Reaktion der Frau auf sexuelle
Aktivität darauf beruht, was sie über Sexualität gelernt
hat. Für die Frau ist die Sexualität ebenso wie für den
Mann, eine erlernte Reaktion, auch wenn Neugelerntes an die Stelle des
alten tritt. Wenn einer Frau lernt, dass Sex in Form eines Vorspiels,
des Geschlechtsaktes und der Ejakulation des Mannes erfolgt, wird sie
das für Sex halten und bei jedem anderen Ablauf oder anderen
Aktivitäten ein „falsches“ Gefühl haben. Lernt eine Frau
dagegen, den Geschlechtsverkehr oder das Fortpflanzungsdenken in der
Sexualität als Ausbeutung zu betrachten und den weiblichen
Orgasmus als den einzigen gerechtfertigten Grund, sich auf eine
sexuelle Betätigung einzulassen, wird sie das als Sex und alles
andere als nicht richtig ansehen.
Frauen
über 30 neigen verstärkt zu sexuellen Wünschen. Dieses
erotische Empfinden soll sich steigern und bis in die Wechseljahre und
darüber hinaus, bis ungefähr zum 65. Lebensjahr, andauern, wo
das sexuelle Interesse dann langsam wieder abzuflachen beginnt. Die
Sexualtherapeutin Dr. Helen Kaplan erklärte dazu: „Während
einige Frauen in den Wechseljahren über ein Nachlassen der
sexuellen Wünsche berichten, verspüren andere Frauen ein
gesteigertes erotisches Verlangen. Rein physiologisch müsste die
Libido in den Wechseljahren theoretisch zunehmen, weil die Wirkung der
Androgene der Frau (Androgene sind Vorläufer aller Östrogene,
der weiblichen Sexualhormone. Das hauptsächliche und bekannteste
Androgen ist Testosteron.) jetzt kein Östrogen mehr
entgegensteht.“ Auch Dr. Mary Jane Sherfey bemerkte, daß Frauen
mit zunehmendem Alter sexueller werden, was vielleicht daran liegt,
daß sich im Genitalbereich ein umfangreiches Venensystem
herausbildet. Es hat demnach den Anschein, dass ältere Frauen
trotz der nicht mehr vorhandenen Fähigkeit, Kinder zu bekommen,
mehr denn je in der Lage sind, sexuelle Lust zu erleben. Die
Sexualwissenschaftlerin Shere Hite schreibt, die Frauen sollten ihren
Körper als lebenslang zur Sexualität fähig betrachten.
Nur die Möglichkeit der Fortpflanzung sei auf eine bestimmte
Anzahl von Jahren in der Lebensmitte begrenzt.
Eine ältere Frau berichtete Shere Hite: „Ich glaube, dass die
Männer zu der Annahme gedrängt werden, die Sexualität
nehme bei ihnen im Alter ab. Ich glaube nicht, dass sie bei
irgendjemand drastisch zurückgeht, vor allem nicht bei den Frauen.
Meine schönsten sexuellen Erlebnisse haben ihren Ursprung in der
Reife und im Selbstvertrauen.“ Geht man von der Tatsache aus, dass
ältere Frauen mit sexuellen Wünschen sind, und wie die
Männer, ihr ganzes Leben zur Sexualität fähig, dann
stößt man auf eine ähnliche Verwirrung. Wie die
älteren Männer, werden auch die älteren Frauen in
unserer Gesellschaft, in eine äußerst schwierige Situation
gebracht. Einerseits zerstören die älteren Frauen die
Legende, dass die ältere Frau nicht mehr zur Sexualität
fähig sei, dadurch, dass sie bis in ihre siebziger und achtziger
Jahre sexuell leben. Andererseits beginnen die Frauen eine gewisse
soziale Verpflichtung zu spüren, in einem Abschnitt ihres Lebens
sexuell aktiv zu sein, in welchem andere Erlebnisse sie vielleicht
stärker interessieren. Der gesellschaftliche Druck, die sexuelle
Aktivität im fortgeschrittenen Alter aufrecht zu erhalten, ist
für Frauen kein so gravierendes Problem wie für die
Männer, vor allem weil die Sexualität bei älteren Frauen
viele Jahrhunderte lang unerwünscht war. Doch sie ist im Vormarsch
begriffen.
Eigenartigerweise setzen Schriftstellerinnen wie Shere Hite bei dem
Versuch, den älteren Frauen gerecht zu werden, diese offenbar
einem höheren Druck aus, sich sexuell frei zu fühlen, als die
jüngeren Frauen. Aber es scheint so, dass die Würde und
Erfahrung des Alters den älteren Frauen und Männern
gestattet, sich zumindest von der Engstirnigkeit der sexuell
untermauerten gesellschaftlichen Billigung zu lösen. Die
ältere Frau hat die Wahl, ob sie sexuell aktiv oder enthaltsam
leben möchte, was nicht davon abhängt, was sie hinsichtlich
ihres Sexuallebens haben „sollte“, sondern davon, was ihrer
tatsächlichen Neigung entspricht. Denn unter der Voraussetzung,
dass die körperlichen Möglichkeiten gegeben sind, kann sich
jede Frau in jedem Alter sexuell betätigen, aber nicht alle Frauen
möchten das. Vielleicht hat eine Frau das Bedürfnis,
weiterhin unter Beweis zu stellen, dass sie sexuell anziehend ist, ob
sie nun Sex haben möchte oder nicht, aber diese Entscheidung muss
sie selber treffen. Nicht alle Frauen brauchen eine
Rückversicherung. Vielen Frauen mangelt es an Gelegenheit, sich
sexuell zu betätigen, insbesondere wenn sie geschieden oder
verwitwet sind. In die Lage versetzt zu werden, eine Entbehrung zu
erdulden, weil man kein vollgültiges Sexualleben führt, ist
eine psychologische Bürde, die sich die meisten älteren
Frauen ersparen könnten. Der wirkliche Sinn von Wert und
Erfüllung, kann sich ohnehin niemals vom Sex herleiten. Die
ältere Frau verkennt den Wert ihrer Entwicklung, wenn sie es mit
70 Jahren immer noch zulässt, durch ihr Sexualleben
verkörpert zu werden. Natürlich hat sie sexuelle Empfindungen
und Wünsche, die haben fünfjährige Mädchen auch.
Aber es ist besser, nicht in jedem Alter, diesen Weg zum Ausdruck der
eigenen Persönlichkeit, fälschlicherweise für die
große Kraft des Frauseins zu halten.
Frauen haben
größtenteils gelernt, ihre Sexualität der jeweiligen
Situation anzupassen. Das bewirkt zweierlei: zum einen müssen
Frauen nicht erst davon überzeugt werden, dass sie Sex haben
sollten. So erklärte eine Frau: „Der Grund warum die sogenannten
Verführungskünste wirken, liegt darin, daß die Frau an
sich ein erotisches Wesen ist, und bei angemessener Aufmerksamkeit und
entsprechender Anregung kommt sie an den Punkt, an dem sie den Sex
allem anderen vorzieht.“ Zum anderen haben die meisten Frauen keine
regelmäßigen sexuellen Gelüste. Shere Hite fand heraus,
dass „die Lust auf Sex mit einem anderen Menschen nur in Verbindung mit
dem Verlangen nach einer bestimmten Person wirklich stark zum Ausdruck
kommt.“ Viele der befragten Frauen berichteten, daß sie, wenn Sex
nicht möglich war, wenn sie keine besondere Bindung eingegangen
waren, dahin tendierten, auf Sex zu verzichten. Sie kamen zu dem
Schluß: „Je weniger man davon hat, desto weniger will man.“ Erst
in jüngster Zeit haben die Frauen damit begonnen, die eigene
Sexualität im Licht der eignen Wünsche und Ziele zu
betrachten. Bisher hatte man den Frauen gesagt, wie sie über die
Sexualität denken sollten. Einige Frauen haben festgestellt, dass
man ihnen vor der sexuellen Revolution der 60er geraten hat, nur
mäßig Sexualität zu betreiben, man ihnen aber heute
rät, es regelmäßig zu tun.
Es ist offensichtlich, daß Frauen heute nicht so stark am Sex
interessiert sind, wie sie ihrer Meinung nach sein müßten.
Worauf die Frauen offenbar den größten Wert legen, ist
Erfüllung in der Beziehung und die persönliche Entfaltung.
Das aber ist durch die sexuelle Revolution nicht sonderlich
gefördert worden. Die Frauen entdecken, „dass guter Sex und davon
reichlich“ nicht die Erfüllung bringt, die sie suchen. Als Folge
der neuen Gewohnheiten wissen die Frauen, dass sie einen Orgasmus haben
können, daß man jetzt aber auch von ihnen erwartet, dass sie
ihn bekommen und mehr genießen, als jeden anderen Genuß
ihres Lebens. Der Druck, sexuell aktiv zu sein, Orgasmen zu haben und
zu erklären, man genieße es, hat bei den Frauen neue
Besorgnisse wachgerufen, die die Probleme, denen sie vor der Revolution
gegenüberstanden, offenbar nur ersetzen, nicht aber beseitigen.
„Wenn ich lange ohne Sex bin, läßt mein Verlangen
komischerweise nach, was mich beunruhigt. Ich beginne mich zu fragen,
ob irgendetwas mit mir nicht stimmt, weshalb ich mich verpflichtet
fühle, mich sexuell zu betätigen.“
Das schwierigste soziale Dilemme, dem sich die meisten Frauen heute
gegenüberstehen, ist der gesellschaftliche Zwang zur
Sexualität, selbst wenn sie kein Verlangen danach haben. Dieser
Zwang geht nicht nur von den interessierten Männern aus, sondern
auch von den „Experten“, die über das „normale“ Leben befinden,
aber auch von anderen Frauen, die sich Unterstützung für die
eigenen sexuellen Aktivitäten erhoffen. So wie es für eine
Frau gesellschaftlich beinahe eine Unmöglichkeit war, ja zu sagen,
als die sexuelle Revolution die Sexualität idealisierte, steht sie
heute vor der genau umgekehrten Situation. Diese Verwirrung wird noch,
durch die Unsicherheiten hinsichtlich der gesellschaftlichen Rolle, die
den Frauen heute eingeräumt wird, verstärkt. Trotz des neuen
Wissens möchten die meisten Frauen die Liebe zu den Männern
nicht verlieren und glauben, dass die Sexualität der einzige Weg
ist, Liebe zu bekommen. Erschwert wird diese Situation noch durch den
Zwang, sich nicht nur ausgiebig sexuell zu betätigen, sondern auch
jedesmal einen Orgasmus zu bekommen. Nein, sagen zu lernen, ist
für die meisten Frauen gar nicht so einfach, aber wenn sie sich
dafür entscheiden, bauen sie allmählich nicht nur soziale,
sondern auch persönliche Grenzen ab. Die Psychoanalytikerin June
Singer erklärte: Durch den Prozeß, sich zu behaupten und zum
ersten Mal „Nein“ zu sagen, kann eine Frau sehr viel lernen. Wenn sie
sich genügend darum bemüht, ihr Bewußtseinsniveau zu
heben, entdeckt sie vielleicht, dass nicht aller Widerstand nur von
außen kommt, von den Männern, von der Gesellschaft. Sehr
viel davon hat ihren Ursprung im Innern der Frau selber. Die Frau ist
gebunden und das zumindest zum Teil deshalb, weil sie sich binden
läßt, oft im Namen der „Liebe“. Das ist ein Stadium, dass
alle schöpferischen Frauen durchlaufen müssen. Nach
Beobachtungen von Masters und Johnson, „kann eine Frau nicht sexuell
emanzipiert sein, bevor sie nicht selbst emanzipiert ist“.
Die meisten
Frauen leben über weite Strecken ihres Lebens ohne
Sexualität, sei es als junges Mädchen, alleinstehende Frau,
Geschiedene, Witwe oder vielleicht sogar während der Ehe. Aber
viele Frauen neigen dazu, diese Periode unbeachtet und nur die Zeiten
der Sexualität als wertvoll gelten zu lassen. Im Hite Report, der
umfangreichsten Studie zum Thema Orgasmus aus den 70er Jahren,
betrachtete sich weniger als ein Prozent alles Frauen, als sexuell
enthaltsam, obwohl die meisten von ihnen erklärten, häufige
Perioden der Enthaltsamkeit erlebt zu haben. Viele glaubten ohne
Schwierigkeiten auf Sexualität verzichten zu können. Viele
Frauen, so scheint es, können nicht erkennen, dass die
Ehelosigkeit (Enthaltsamkeit) einen ebenso hohen gesellschaftlichen
Wert für ihr Leben haben kann. Deshalb würden sie sich nicht
darauf einlassen.
Ein berühmter Mann, der im Zölibat lebte, berichtete in einer
amerikanischen Fernsehshow, dass mindestens 75 Prozent aller Frauen,
die er kannte und die ihm bereitwillig von ihrem Sexualleben
erzählten, gerne sexuell enthaltsam leben würden, aber den
Eindruck hätten, es nicht zu können, weil die meisten
Männer von einer Frau erwarten, dass sie sexuell aktiv sind. Diese
Einstellung wird verständlich, wenn man sie geschichtlich sieht.
Man kann mit Sicherheit sagen, dass die Mehrzahl der Frauen lieber aus
freien Stücken enthaltsam leben würde, als auf Kommando
sexuell aktiv zu sein. In den meisten Untersuchungen über Frauen
wird berichtet, dass die Frauen, sobald sie sich einmal ihrer
Gewohnheiten, Abhängigkeiten und ihres geringen
Selbstwertgefühls bewußt werden, beginnen, sexuelle
Beziehungen abzulehnen, die ihnen wertlos erscheinen. Sie erkennen, wie
Männer und Frauen in Verhaltenszwänge geraten können,
die beide Seiten einengen. Sie versuchen, völlig neue Arten der
Beziehungen aufzubauen. Vielen Frauen, bietet sich in einer
zeitweiligen oder dauerhaften Ehelosigkeit eine Möglichkeit, ihre
eigenen Wünsche stärker zum Ausdruck zu bringen.
Anmerkung: Sexualität auf Kommando
Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass die Forderung des Mannes an die
Frau, gewissermaßen auf Kommando sexuell präsent zu sein,
zum Hass der Frauen gegenüber den Männern führt, denn im
Grunde genommen betrachtet der Mann die Frau nicht als seine Geliebte,
die er glücklich machen möchte, sondern als eine ihm
untertane Sklavin, die seine sexuellen Wünsche zu befriedigen hat.
Frauen der unteren sozialen Schichten, werden dieses Verhältnis
eher als „normal“ betrachten, der sie sich unterzuordnen haben.
Schließlich sieht das Sexualleben der meisten Frauen, die sie
kennen, nicht sehr viel anders aus. Außerdem sind sie vom Mann
finanziell anhängig und jeder Versuch, die Wünsche des Mannes
zu missachten, könnte irgendwann zu einer Scheidung führen,
der meist mit einem sozialen Abstieg (Sozialhilfe) für die meisten
Frauen und ihren Kindern verbunden ist. Frauen, die sich aber ein klein
wenig emanzipiert haben, die ein klein wenig Selbstbewusstsein
entwickelt haben und sich nicht mehr in diese unterwürfige Rolle
der sexuellen Sklavin einfügen wollen, beginnen darüber
nachzudenken, wie sie sich dieser Erniedrigung, die ihre eigenen
Wünsche vollkommen außer Acht läßt, entziehen
können.
Ende Anmerkung
Eine Zeitlang enthaltsam zu sein, bedeutet kein sich abkapseln, sondern
vielmehr ein sich öffnen. Es ermöglicht der Frau, alte
Verhaltensmuster, Abhängigkeiten und Beschränkungen zu
durchbrechen. Die Frauen entdecken, dass ein enthaltsames Leben sie in
die Lage versetzt, ein größeres Maß an Freiheit und
Unabhängigkeit zu erleben, und ihnen gleichzeitig die Gelegenheit
bietet, ihre Beziehung neu zu überdenken. Es kann eine Zeit sein,
die eine Frau vom ungestümen Drang sexueller Aktivität und
deren engen Blickwinkel befreit. Es kann eine Zeit werden, sich ohne
die Maske des Sex, über die Gefühle zu einem bestimmten
Partner klar zu werden, oder die Vertiefung einer Liebesbeziehung, in
eine freiere, gleichberechtigtere Partnerschaft zu ermöglichen.
Frauen, die sexuell enthaltsam leben, haben Erfahrungen, die von einem
guten Gefühl, endlich „die Verantwortung für den eigenen
Körper selbst übernommen zu haben“, bis zum Erlebnis
gesteigerter Energie in allen Lebensbereichen reichen. Sie erleben
Gefühle der Friedfertigkeit, des Gefestigtseins, des
Zentriertseins, sowie den Wachstum hin zu einem geistig-spirituellen
Leben.
Zölibatäre
Frauen
Alexandra 42 Jahre, Beraterin
Ich lebe
seit 4 Jahren enthaltsam. Als ich zum erstenmal an ein
zölibatäres Leben dachte, wußte ich nicht einmal, was
der Ausdruck Zölibat bedeutet. Ich bin vorher viel ausgegangen,
war sexuell aktiv, kam mir ausgelaugt, verbraucht, wirr vor, so als
würde ich mich verzetteln. Die Geschlechtsakte selbst waren gut,
befriedigten mich, aber die Erlebnisse erfüllten mich kaum mit
neuer Kraft. Ich war zweimal verheiratet und bin vor fünf Jahren
von meinem zweiten Mann geschieden worden. Unser Sexualleben war
relativ gut, aber wenn der Orgasmus vorüber war, hatte ich immer
das Gefühl, nicht ganz zu sein. Mein mangelndes Interesse am Sex
war einer der strittigsten Punkte in unserer Ehe. Zur Zeit der
Scheidung hatte diese Frage größere Bedeutung erlangt, aber
ich glaube, daß die wirklichen Probleme unserer Ehe durch den Sex
nur zugedeckt wurden. Ich halte den Sex weder für gut noch
für schlecht. Sex war noch nie im meinem Leben das, was mich am
meisten fesselte. Allerdings hatte die Sexualität immer einen
herausragenden Platz in meinem Bewusstsein. Meine sexuelle Chronologie
beginnt früh. Mit acht Jahren bekam ich die Regel. Körperlich
bin ich seit der fünften Klasse kaum noch gewachsen. Meinen ersten
Sex mit Jungen hatte ich, als ich in die High-School kam. Aber in den
sechs Jahren davor war ich in der sexuellen Entwicklung ziemlich auf
mich allein gestellt und züchtete hinsichtlich des Sex eine Menge
Erwartungen und Wunschbilder. Ich beobachtete, wie sich mein
Körper und meine Empfindungen veränderten. Es überrascht
nicht, dass meine ersten sexuellen Erlebnisse ziemlich
enttäuschend waren. Doch sie wurden besser, und ich habe ein sehr
befriedigendes Sexualleben geführt. Aber heute komme ich mir vor,
als hätte ich den ganzen Kreislauf der Sexualität schon
hinter mir. Und ich spüre deutlich, dass es eine große
Belastung für mein weiteres Leben wäre, mein Sexualleben bis
in die Sechziger- oder Siebzigerjahre weiter zu führen.
Seitdem ich enthaltsam lebe, bewahre ich meine sexuellen Empfindungen,
anstatt sie zu verschenken. Ich beobachte die Empfindungen, lebe mit
ihnen. Ich liebe es auf diese Stille Art zu fühlen. Ich versuche
nicht, sexuellen Gefühlen auszuweichen, ich spiele vielmehr mit
ihnen. Aber ich lasse nicht zu, dass sie mich beherrschen. Ich mag
überhaupt nicht, von irgendetwas getrieben zu werden, schon gar
nicht von körperlichen Gefühlen. Den meisten Leuten geht es
ebenso. Doch wenn sie sexuell erregt sind, überlassen sie sich dem
Gefühl bis zu dem Punkt, an dem sie den sexuellen Höhepunkt
erleben. Wo viele, durch ihre sexuelle Aktivität, vor ihren
sexuellen Gefühlen davonzulaufen scheinen, spüre ich meine
sexuellen Gefühle, ohne dass ich bestrebt bin, sie zu reduzieren,
indem ich mich sexuell betätige. Ich habe die sexuelle
Aktivität manchmal als ein Leck in meiner Energieleitung
betrachtet. Dichtet man es ab, fließt die Energie
gleichmäßig und verliert sich nicht in einem
verschwenderischen Strom. Aus diesem Grunde onaniere ich auch nicht,
weil mir meine Energie zu kostbar ist. Ich bin der Meinung, daß
jemand keine Angst vor seiner Sexualität haben sollte, bevor er
sich für die Enthaltsamkeit entscheidet. Andernfalls fühlt
der oder die Betreffende sich vielleicht gespalten. Ich habe eine
Freundin, die ebenfalls sexuell enthaltsam lebt, die ich in ihrem
Vorhaben bekräftige.
Ich habe aus der Enthaltsamkeit so manchen bemerkenswerten Nutzen
gezogen. In den ersten sechs Monaten habe ich 40 Pfund abgenommen. Als
ich noch sexuell aktiv war, kam ich mir rundlich vor. Ständig
hielt ich Ausschau nach Bemutterung durch Sex. Als ich dann enthaltsam
lebte, konzentrierte ich mich auf mich selber, mein Körper wurde
immer stärker und aufrechter. Das Gewicht fiel einfach ab. Weiter
habe ich erlebt, dass ich jetzt imstande bin, körperlich mit
anderen zusammenzusein. Ich bin sehr viel gegenwärtiger in meinen
Erlebnissen und warte nicht mehr auf den nächsten Schritt. Ich
fühle mich nicht mehr so beengt, so bedroht, ungezwungener. Ich
fühle mich reiner, vollständiger, ehrlicher mir selbst
gegenüber und weit fähiger zu tiefer Liebe. Meine sexuelle
Kraft strömt offenbar ohne weiteres über in meine
Liebesempfindungen. Ich gebe gerne, denn anders als beim Sex gibt es
kein Ende, und es ist nicht notwendig, gegeneinander aufzurechnen.
Sexuell und sozial habe ich mich bisher mit meiner Energie nach
außen gewandt. Jetzt wende ich mich nach innen, und daher kommt
es, dass sich meine Fähigkeit zu lieben, erhöht hat.
Enthaltsam zu leben, heißt nicht, nicht mehr mit Männern
zusammen zu sein. Ganz im Gegenteil. Ich treffe zwar kaum
Verabredungen, habe aber sehr viele Freunde, darunter einen besonders
guten. Kürzlich brachte er mich nach einem gemeinsamen Kinobesuch
nach Hause, ging mit mir nach oben, zog mich aus und massierte meinen
ganzen Körper. Danach sagte er: „Jetzt fühle ich mich dir
näher, als wenn wir zusammen geschlafen hätten.“ Für uns
beide war das eine sehr innige Liebesbeziehung. Fast alle die ich
kenne, orientieren sich an der Sexualität, doch die meisten
Männer respektieren offenbar meinen Wunsch, mich sexuell zu
enthalten. Im allgemeinen sage ich es ihnen, wenn sie mich einladen.
Entweder macht es ihnen nichts aus, sie sind verwirrt oder fühlen
sich herausgefordert. Ist letzteres der Fall, geht jeder seine Wege.
Das negativste Echo zum Thema Zölibat kommt offenbar von anderen
Frauen. Ich habe den Eindruck, dass jede Frau von Zeit zu Zeit sexuell
enthaltsam leben möchte, daß aber nur wenige stark genug
sind, dem gesellschaftlichem Druck zu widerstehen. Aus eben diesem
Grund besteht viel Abneigung gegen die Enthaltsamkeit. Ich glaube, man
muss bereit sein zum Zölibat, wie man bereit sein muß zur
Sexualität. Doch muß man in der Lage sein, eine eigene Wahl
treffen zu können, der die eigenen Bedürfnisse zugrunde
liegen. ich kann das Zölibat nicht jedem empfehlen.
Roxanne: 54 Jahre,
Mode-Koordinatorin
Roxana war dreimal verheiratet, zum erstanmal mit 20 Jahren. Sie hat
eine Tochter und ist seit 12 Jahren geschieden. Wie sie sagt, hatte sie
in ihrem Leben sieben ernsthafte Verhältnisse, aber nur eins seit
ihrer letzten Scheidung.
Daß ich enthaltsam lebe, ist bei jedem Mann, den ich kennenlerne,
eine neue Wahl. Ich kann einfach nicht so ins Bett hüpfen, denn
ich bin sehr wählerisch. Ich bin durchaus für
Sexualität, doch muß sie Teil eines größeren
Ganzen sein. Sex allein bedeutet nicht viel. Die Bindung muß eine
gewisse Grundlage haben. Seit meiner letzten Scheidung, vor 12 Jahren,
hatte ich ein sexuelles Verhältnis. Ich dachte, es wäre „gut
für mich“, das sagt jeder. Aber es hatte keinen Zweck. Ich brauche
diese tiefe Bindung. Deshalb enthalte ich mich sexuell. Offenbar
unterscheide ich mich von anderen Frauen, vor allem von den
jüngeren, die dazu neigen, den Sex beiläufiger und um seiner
selbst willen zu betreiben. Die Enthaltsamkeit verkörpert, glaube
ich, zum Teil meine Selbsteinschätzung. Ich lebe ehelos, weil ich
mehr als Sex möchte und keine Kompromisse schließen
möchte. Ich glaube, ich bin stärker geworden.
Ich habe den Sex immer sehr genossen. Er bereitete mir große
Lust. Ich besitze auch sehr viel sexuelle Energie. Daher habe ich
gelernt, sie auf nichtsexuelle Art zu nutzen. Anstatt mir Sorgen
darüber zu machen, was ich tun soll, weil ich sexuelle
Empfindungen habe, setze ich meine sexuelle Energie ein, damit etwas
geschieht. Ich betrachte sie als einen nützlichen Kraftstrom, der
ganz mir zur Verfügung steht. Ich kann ihn zu jedem
Körperteil dirigieren. Ich gebrauche ihn in den Armen und Beinen
zum Heben oder Laufen. Ich lenke ihn zum Kopf, wenn ich spreche und
lerne. Für mich bedeutet daher die sexuelle Enthaltsamkeit nicht
eine Blockade meiner Sexualität. Ich benutze sie und sie hält
mich stark, dynamisch, jugendlich. Ich glaube, der Sex hält den
Menschen jung, aber man muß seine Sexualität nicht auf nur
eine Art ausdrücken. Man kann ihn gebrauchen, wie man will. Viele
Frauen in meinem Alter interessieren sich nicht sonderlich für
Sex, vor allem nicht in der Ehe. Er hat seinen Reiz verloren. Aber sie
sind der Meinung, sie sollten sexuell aktiv sein, und so fühlen
sie sich schuldig, wenn sie nicht „mitmachen“. Sie sind sexuell aktiv,
können ihrer Sexualität aber keine Freude abgewinnen. Sie
erbringen eine Leistung, sind aber gehemmt. Ich lebe enthaltsam und
gebrauche und genieße meine Sexualität, ohne gehemmt zu
sein. Es ist ein lustiges Paradoxon.
Ich bin Künstlerin, und meine schöpferische Entfaltung ist
für mich von großer Bedeutung. Ich habe festgestellt,
daß die Perioden stärkster Entfaltung jeweils in die Zeit
meiner sexuellen Enthaltsamkeit gefallen sind. Es ist eine sehr direkte
Entfaltung, die mein Alltagsleben beeinflusst. Als alleinstehende Frau
komme ich für meine Bedürfnisse selbst auf. Liebe und
Zuneigung muß ich aus vielen Quellen schöpfen. Wenn ich
nicht ernsthaft gebunden bin, empfinde ich Liebe durch die Musik, durch
die bildenden Künste, das habe ich gelernt. Ich lebe auf durch die
Lektüre eines Buches, durch den Gedankenaustausch. Offenbar habe
ich mit zunehmendem Alter eine Ebene hohen Bewusstseins und tiefer
Liebe erreicht, die angeregt werden muß, damit ich mich weiter
entfalten kann. Wenn ein Verhältnis mich nicht wirklich
berührt, befriedigt es mich weniger als ein Buch, das mich sehr
anspricht. Ich lebe sexuell enthaltsam, weil ich nach dieser
Ebene in einem Verhältnis suche.
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