Die ergreifende
autobiographische Erzählung von Walther Eidlitz, der in einem indischen
Gefangenenlager während des 2. Weltkrieges den Vishnuismus, den Zweig
der indischen Hindureligion,der Vishnu verehrt, kennenlernt. 120
Seiten
Weitere Bücher von Walther Eidlitz: Walther Eidlitz: Der Sinn des Lebens (120 Seiten – PDF) Über den Autor: Walther Eidlitz, * 28.08.1892 Wien, † 28. 08.1976 Vayholm (Schweden), Lyriker, Erzähler und Dramatiker. Lebte 1938-46 und 1950/51 in Indien, wo er sich mit dem Hinduismus beschäftigte; ab 1952 in Schweden; im Zentrum seines Werks stehen ethisch-religiöse Fragen; in seinem Spätwerk widmet er sich dem Studium der indischen Geistesgeschichte ("Die indische Gottesliebe", 1955). Walter Eidlitz, bekannt auch als Vamandasa (Diener des Vaman), war ein Jude aus Österreich, der sich während des zweiten Weltkrieges in einem indischen Internierunglager befand. Sein Ziel war, indische Religion und Philosophie zu studieren. Er hatte seine Familie (Frau und Sohn), die später vor den Nationalsozialisten nach Schweden emigrierte, in den späten 30er Jahren (mit 42 Jahren) in Österreich verlassen und sich in Indien auf der Suche nach Gott gemacht. Seine Mutter starb in einem Konzentrationslager.1 Erster Teil – Begegnung mit Sri Maharadsch und Swami Nityananda Top 1.1 Schri Top Massen von Eingeborenen umgaben mich in einer modernen Grossstadt mit modernen Lichtreklamen, Strassenbahnen, zweistöckigen Autobussen. Viele hunderttausende braune Menschen. Hellbraune und olivenbraune und schwarz-braune, junge und alte Männer, in weisse schleierdünne Tücher gehüllt. Fast nie sah man in den Menschenmassen ein weisses Gesicht. Die Lichtreklamen von Basaren und Kinos und Speisehäusern waren aufgeglüht. Hart stossen heutiges Amerika und uraltes Asien in dieser Stadt gegeneinander. Östlich sind die Menschen geblieben, ihre Gesichter, ihre Augen, ihre braunen Hände, auch wenn sie geschickt ihre Autos durch das Menschengewühl steuern. Sie hocken auf dem Boden der Strassen in ihren weissen Gewändern im Staub; sie kauern in allen Stellungen, oftmals so, wie der meditierende Buddha abgebildet wird. Über ihnen wehen hohe Palmen. Hinter ihnen erhebt sich ein Laden mit Hülsenfrüchten, wo staubige Füße achtlos über Haufen von Erbsen und Reis und Mehl schreiten. Oder die niedrige Bude eines mohammedanischen Hotels, oder die Bretterbude eines Barbiers, wo sich Menschen, mitten im Strassengewühl kauernd, den Schädel rasieren lassen. Nur ein schmaler Schopf am Scheitel bleibt erhalten, das sichtbare Zeichen dafür, dass hier oberhalb des Scheitels, nach der Anschauung der Hindus sich "die tausendblättrige Lotosblume Brahmas" befindet, durch welche die Seele des Erwachten beim Sterben den Leib verlässt. Auch auf den Stirnen tragen sie Zeichen, die Männer und noch mehr die Frauen; mit farbiger Asche sorgfältig auf die Stirnen gemalt, mitten in dieser halbamerikanischen, tosenden Stadt, Zeichen schauender geistiger Augen. Für eine Weile versank ich in dem Gewühle Asiens. Die grosse Stadt Bombay war in der indischen Nacht hinter mir geblieben. Ausgelöscht waren ihre Lichtreklamen und die elektrischen Bogenlampen und die Hupenschreie der Automassen in ihren Strassen. Nur die zitternden Wände des breiten grossen Wagenabteils waren um mich und grau die Schläfer darin in ihren Betten. Und draussen die Nacht. Nun hatte ich mein Bett gemacht und lag ausgestreckt in dem dunklen, sanft rollenden Zug und lauschte und horchte. Durch alle Ritzen des Wagens drang die tropische Nacht. O, wie breitete sich das ungeheure Land, das ich nun das erste Mal durchmass. Die Nacht dehnte sich und atmete. Dann folgte ein unbarmherziger Tag. Vergebens kreisten die elektrischen Ventilatoren an der Decke des Abteils im Expresszug, dessen Dach in den Stationen mit Wasser besprengt und gegen die Aussenluft kühl gehalten wurde. Alle Läden waren heruntergelassen, dämmernd dunkel war es im Wagen, nur durch schmale Spalten drängte das weisse blendende Licht des glühenden Himmels und der nackten Erde, der endlosen verbrannten Ebene herein. Als ich mittags auf den Beton eines Bahnsteigs hinaustrat, um die wenigen Schritte zum benachbarten Speisewagen zu machen (Es gibt in Indien keine Durchgangswagen), da prallte ich zurück; ich wurde fast hingestreckt vom weissglühenden Hammer dieser masslosen Hitze. Im November hätte ich kommen sollen, wurde ich belehrt. Jetzt war Mai, der heisseste Monat des Jahres in Indien. Über Brücken, über breite Flüsse, über die Yamuna, über den Ganges fuhr der Zug. Draussen dehnte sich das ungeheure Land, die feuchtwarme tropische Nacht und dann der glühende Staubdunst des nächsten Tages. Nahe musste schon das Gebirge im Norden, Himalaja sein. Man sah ihn nicht. Man sah ihn nicht, als mich schon das Auto Schri Maharadschs durch die brennende Hitze auf einer herrlichen Strasse die Vorberge hinaufführte. Fast wurde ich schwindlig auf den zahllosen engen Kurven der Strasse, die mich aus der Ebene rasch auf mehr als zweitausend Meter Höhe hinauftrug. Grosse Affenherden hockten auf den steinernen Brüstungen der Brücken. Kühler wurde die Luft. Jetzt blickte das Wasser eines Sees jenseits eines Bergriegels durch grünes Laub. Über dem glitzernden Wasserspiegel und den ausgetrockneten Flussbetten, die im Dunst der Ebene versanken, ragten luftig die Balkone eines bunten indischen Dorfes. Die Strasse, die, von Menschen wimmelnd, durch ein Basarviertel steil emporführte, war viel zu schmal für ein Auto. Wir hatten den Wagen am Seeufer verlassen und klommen zu Fuß weiter aufwärts. Aus der Tür eines einheimischen Hotels trat ein alter Mann mit grossen gütigen Augen und silbergrauem Bart auf die Terrasse hinaus. Ein goldbraunes Zeichen war auf seine hochgewölbte, von Falten durchfurchte Stirne gemalt. Das war S h r i. Etwas in mir wollte mich zwingen, ehrfürchtig vor diesem alten Brahmanen niederzusinken. Ich fühlte seine Hand - oder war es die Kraft seines Segens auf meinem Haupt. Ein etwa vierzigjähriger Mann mit kühnem Gesicht, wie einer der morgenländischen Ritter aus der Parzivalsage, führte mich in einen Seitenraum. Es war Rana, der erste Schüler Schris. Ich wusch mir den Staub von der Reise ab. Ich wusch auch die Qual der letzten Wochen ab. Reiner und stiller kam ich zurück in Schris dämmernde Stube. Schris Nähe und Gegenwart hatten mich reiner und stiller gemacht. Schri und Rana gaben mir eine Unmenge Orangen zu essen, Früchte, die eben reif geworden waren auf diesen Berghängen. Ich ass wohl mindestens ein Dutzend Orangen auf einen Sitz. Sie erquickten mich unsäglich. Nach einer Weile sah ich, dass draussen auf der Strasse ein muskulöser, fast nackter Kuli mein ganzes Gepäck wie einen Turm auf seinen Kopf lud. Rana und ich folgten dem Kuli. Durch den Seewind, am Ufer des schönen, grünen Wassers, führte mich Rana zu einem Haus am Strand, der Pension eines Parsis (Anhänger der persischen Lehre des Zoroastrismus), wo mir Schri ein Quartier besorgt hatte. Ich bekam dort vegetarisches Essen, aber noch auf europäische Weise zubereitet. Meine neuen Freunde beobachteten mich und warteten ab, wie ich mich verhalten würde. Denn Schri hatte mit einigen europäischen und amerikanischen Schülern nicht immer gute Erfahrungen gemacht. Keiner von ihnen hatte vermocht, sich in indische Kost, in indische Lebensweise richtig hineinzufinden. Nachmittags stand plötzlich Rana vor der Tür. "Schri wartet unten", rief er. "Kommen Sie rasch." Wir wanderten zusammen das Seeufer entlang. Schri schwieg, nur manchmal hörte ich ihn vor sich hinsummen: "Hari Aum, Hari Aum". Als wir beim Tempel der Göttin Naini angelangt waren, warf sich der alte Sekretär, ungeachtet des Menschengedränges von Europäern und Indern rings um uns, vor Schri zu Boden und berührte mit seiner Stirne dessen Füße. Rana und der Sekretär liessen uns allein. Dicht am Ufer sass ich neben Schri auf einer Steinbrüstung. Der alte Mann hatte schmale schöne Hände und Füße. Mit seinem langen silbergrauen Haar und Bart, Adlernase und mächtiger faltiger Stirn sah er wie Odin, der Ase aus der Edda, aus. Aber er lächelte sanft und heiter wie ein Kind. Ich öffnete mein ganzes Herz vor Schri. Ich erzählte ihm die Geschichte meines Lebens und meiner Arbeit, dass ich ein Dutzend Bücher geschrieben, ein paar Bäume gepflanzt, einen Sohn gezeugt, ein Haus gebaut hatte und dann fortgegangen war. All mein Hoffen und Befürchten und Sorgen, all mein Glauben und Zweifeln breitete ich vor ihm aus. Ich erzählte ihm auch von meiner Frau und dem Kind, die ich allein und in bedrängter Lage zurückgelassen hatte. Er hörte bloss zu. Nah vor uns war das Gewimmel des Höhenkurorts. Ringsum spielten indische Kindermädchen, Ayas, mit ihren Schutzbefohlenen, bleichen europäischen Kindern; es störte nicht. Einige Tage später sagte Schri zu mir: "Ich gebe Dir nun am Anfang noch nicht die höheren Yoga-Übungen. Ich will Dir jetzt nur Schanti, nur Frieden geben, göttlichen Frieden". "Ja, gibt es denn noch etwas Höheres als göttlichen Frieden?" dachte ich. Schri gab mir Frieden - für eine
Zeitlang. Er gab ihn nicht nur mir, sondern auch meiner Frau, die
einige tausend Meilen entfernt von mir, jenseits des Meeres, in
bedrohlicher Umwelt und Zeit lebte. Er gab ihr einen neuen Namen. In
Briefen, die er ihr auf meine Bitte schrieb, redete er sie nicht mit
Hella an, sondern er nannte sie Schanti, Frieden. Er sprach den Wunsch
aus, dass der göttliche Frieden nicht nur sie erfüllen solle, sondern
auch allen, die ihr begegneten, Kraft und Ruhe geben möge. Wirklich
haben auch mancherlei Menschen, die in Hellas Nähe kamen, in Tagen der
Wirrnis, ja Todesgefahr, oftmals staunend Hellas (Schantis) immer
lebendige Heiterkeit und ihr unwandelbares Vertrauen gefühlt. War es
der Segen Schris, der sie behütete? 1.2 Die vier Stufen der Meditation Top Als vor etwa hundert Jahren Europäer staunend zum erstenmal den grünglitzernden See Nainital im Himalaja erblickten, war das Seebecken rings von duftendem Urwald umgeben. Der Wald war voller Blumen und voller Wild, das in dichten Rudeln zur Tränke drängte und sich durch nichts verscheuchen liess. Der friedvolle Boden war heilig. Die Hindus erzählten, selbst der Schlangengott habe ein Gelübde abgelegt, dass der Biss einer Schlange an diesen Ufern niemals tödlich werden sollte. Ich habe keine Schlange am See Nainital gesehen. Das Wild ist vertrieben. Nur die bunten Vögel wiegen sich noch auf den Zweigen der Edelkastanien und die steilen Felswände des Südufers gehören noch den Affen, die zuweilen im Spiel Felsblöcke in den See schleudern. In den dichten Wald von Eichen und Edelkastanien haben Menschen viele Lücken gebrochen und ihre Landhäuser hingebaut, einfache Bungalows und die prächtigen Landsitze vieler indischer Fürsten und des englischen Gouverneurs. Einen breiten Reitweg haben sie am Ufer angelegt, sie haben westliche Kaufhäuser, Schulen und Banken errichtet und einen grossen Hockeyplatz. Dort am Ufer erhebt sich auch noch der zarte Tempel der Göttin Naini, wo in den Gewölben nackte indische Asketen und Heilige hausen. Aber der Tempel wird von einem massigen Gebäude in einem hässlichen europäischen Stil weit überragt, das ein Tonkino und eine grosse Rollschuhhalle enthält. Die Jazzmusik der vorzüglichen Kinoapparatur übertönt die Tempelglocken, die in einem Gerüst neben dem Tempel der Göttin Naini aufgehängt sind und noch oftmals von Gläubigen in Schwingung gebracht werden. Jeden Abend umwanderte ich mit Schri Maharadsch, dem Lehrer und väterlichen Freund, den ich hier in Indien gefunden hatte, die Ufer des Sees. "Die Rishis haben einstmals auf den Waldbergen hier gewohnt", erzählte er mir. "Die Rishis sind hohe geistige Wesen, viel höher als der Mensch. Sie haben keinen irdischen Körper, aber es wird von ihnen gesagt, dass sie nach ihrem Gefallen einen Menschenleib anlegen können. Vor tausend Jahren sollen die Rishis noch alljährlich in Menschengestalt im Wasser des Ganges gebadet haben. Später, als sich das innere Ohr der Menschen verschloss, sind diese Urlehrer der Menschheit weiter empor ins Gebirge gezogen, hoch in die Regionen des ewigen Schnees." "Wo wohnen sie heute?" fragte ich. Der alte Mann lächelte. "Ja, in den Schneegebirgen am Manasarowar-See." Das Wort Manasarowar-See klang über die Wasser. Der ferne See Manasa-rowar in Tibet, mein heimliches Ziel, stand wieder vor meinem Blick, von Sagen umhüllt, der Mittelpunkt der Welt, der letzte Rest des Paradieses auf Erden. Vier heilige Ströme, so heisst es, entquellen nach allen Richtungen seiner Flut. Nach Süden, Westen, Norden und Osten. Der Strom, der nach Süden fliesst, führt silbernen Sand mit sich; der nach Westen fliesst, Gold; der nach Norden fliesst, Smaragd; der nach Osten fliesst, Diamant. Und seine Flut speiste geheimnisvoll auch das Seebecken, vor dem ich stand. War ich also bisher richtig gewandert? Die Musik des Tonkinos und der Regimentskapelle war verklungen. Ich höre die Geschichte, wie der See Nainital entstanden war. Auf ihrer Weltenwanderung in Menschengestalt waren drei von den sieben heiligen Rishis in dieses Gebirge gekommen. Sie hatten kein Wasser und litten grosse Not. Dürstend flehten sie zu Brahma, dem Weltschöpfer, er möge ihnen helfen. Brahma hörte ihr Flehen. Auf sein Geheiss gruben sie eine Höhlung, und der Gott liess in dieses tiefe Becken das lebendige Wasser aus dem fernen See Manasarowar sich ergiessen. So ist der See entstanden und bekam den Namen Tririshisarowar, See der drei Rishis. Das Hockeywettspiel war mit lautem Zuruf der Menschenmassen zu Ende. Die leidenschaftlichen braunen und weissen Zuschauer hatten sich verlaufen. Auch die Musiker in ihren roten Uniformen hatten ihre Instrumente eingepackt und waren in ihre Kasernen zurückgekehrt. Leise klangen die Glocken vom Tempel der Göttin Naini über den See. Ich schaute nach Westen, wo die Sonne eben über den Waldgebirgen unterging. Schri Maharadsch erzählte mir weiter von den Rishis und von einer Hymne an die Sonne, die die Rishis sangen. Nicht an die Sonne, die man mit den Augen sieht, waren die Worte der Hymne gerichtet. Es war ein sogenannter Mantra an die geistige Sonne, an das Geisteswesen, das sich hinter der sichtbaren Sonne verbirgt. Schri sang mir den Mantra vor und liess mich versuchen, ihn nachzusingen. "Blicke tief in den blauen Himmel hinein. Trinke seine Tiefe in dich, dass er dir Kraft gibt", riet mir Schri, und dann lasen wir gemeinsam einige Strophen aus der Bhagavad-gita. Jeden Tag lasen wir fortan am Seeufer aus diesem Buch. Der alte Mann jubelte, wenn er den Sinn, den verborgenen und doch so offen am Tage liegenden Sinn einer Strophe erläuterte: "Das ist das grösste Einweihungsbuch der Geschichte aller Völker!" Er fuhr fort: "Der alldurchdringende Gott selbst spricht in der Bhagavad-gita zu uns, der innerste Gott, von dem Brahma, der Schöpfer und Wischnu, der Erhalter und Schiwa, der Zerstörer, nur äussere Aspekte sind. Krischna spricht in der Bhagavad-gita zu seinem Freunde Arjuna: "So wie ein Mensch abgetragene Kleider abwirft und neue anzieht, so wirft die Seele abgetragene Leiber ab und zieht neue an. Niemand hat die Macht, das Unvergängliche zu zerstören."" Wie ein Verkünder der geistigen Sonne stand der weiss gekleidete alte Mann vor mir. Rhythmisch schlugen die Wellen des Sees Nainital an den Strand. Ich ahnte, wie seine Ufer einstmals waren, voller Wild, das zu den lebendigen Wassern drängte. Voll Glück wurde mir bewusst, dass ich in Indien, dass ich im Himalaja war. Zahllose Weise und Geisteslehrer der Vorzeit sind wohl einstmals von diesem verschneiten Gebirge herabgestiegen. Bevor ich am nächsten Morgen erwachte, hatte ich einen Traum. Von einem Schiff wurde ich in ein fremdes Land geführt. Und ich hörte eine Stimme: "Alles wird dir gelingen. Dein Weib wirst du wiederfinden. - Gebt sie ihm, die Schätze; Schritt für Schritt". Froh sprang ich auf. Es war 6 Uhr früh. Morgendlich leer war noch die Uferstrasse und der breite Reitweg dicht am See. Nur einige Kulis mit Lumpen um die straffen braunen Glieder und mit schweren Lasten auf Haupt und Schultern trabten vorbei. Ich wartete auf Rana. Pünktlich war Rana da. Ganz zufällig erfuhr ich, dass er von Beruf ein hoher Polizeioffizier war, der Kommandant eines Distriktes von mehreren Millionen Menschen. Mit hoher Achtung sprach Schri Maharadschs Privatsekretär von Rana. "Er ist wie ein Tiger, wenn er einen Amtsmissbrauch oder eine Korruption entdeckt. Er liebt Tiger. Er ist ein berühmter Tigerschütze. Aber nie schiesst er ein anderes Wild als dieses Raubtier." Rana kletterte voran. "Shortcut" (Abkürzungsweg) war das häufigste Wort, das ich in den ersten Tagen von ihm hörte. Er bevorzugte in jeder Beziehung die raschen Abkürzungswege im Leben. Ohne die Antwort auf seine Frage recht abzuwarten, schlug er bei diesen Wanderungen im Himalaja stets den kürzesten Weg ein, steil durch den dichten Wald von Eichen und Edelkastanien empor. Tief unten zwischen den Waldstämmen lag der See bleigrau im Morgen. Ich blieb stehen, um zu schauen und zu veratmen. Daheim in Wien war ich zuletzt tagaus, tagein, in Passämter und so viele andere Ämter gewandert, aber das rasche Steigen in der grossen Höhe war ich nicht mehr gewohnt. "Nur die Beine werden müde, die Lungen nicht", sagte Rana. Wir stiegen weiter. Ich versuchte, mich seinem Rat gemäss zu verhalten. Ich mühte mich, die Beine zu vergessen. Es gelang. Ich lebte nur in dem Atemstrom. Mein Atem war eins mit dem starken Wind, der die Welt durchwehte. Meine Lungen waren wie die Segel eines Schiffes. Der Wind wehte in die Segel und trieb das Boot vorwärts. Mühelos stieg ich nun in die Höhe. "Wollen wir rasten?" fragte Rana. "Nein, weiter", rief ich und stieg aufwärts. Eine andere Gestalt, ein unermüdlicher Wanderer schien in mir zu sein. Rana gehörte der Kriegerkaste an, er ist ein Kschatriya, von ältestem Adel, mit vielen Hunderten von Ahnen. "Tausend Jahre haben sie immer wieder gegen den Islam gekämpft", sagte er. Später erzählte man mir, dass Rana aus dem edelsten Geschlechte Indiens, der "Sonnen-Dynastie", stamme. Von Rama, dem göttlichen Sonnenhelden, der in der Urzeit in Indien als König geherrscht hatte, stammt er ab. Als wir den Gipfel erreicht hatten, schlug mein Begleiter vor: "Wollen wir schweigen?" "Ja, wir wollen schweigen." Still saßen wir nebeneinander auf der Felsenwölbung und lauschten in unsere Seelen und sahen zu, wie der Nebel aufstieg und niedersank und im Auf- und Niederwogen Wälder und Gebirge enthüllte. Wir blickten nach Norden, wo manchmal die höchsten Schneekämme des Himalaja schimmerten. Schweigend stiegen wir dann abwärts. Als der Weg sachter ging und durch das Laub üppiger Fruchtbäume der See schon näher heraufspiegelte, begann Rana zu erzählen, von sich selbst und seinen beiden Jungen. Er erzählte mir auch von seiner Frau, mit der er in einer wahrhaft esoterischen Gemeinschaft gelebt hatte und die gestorben war. Nach einer Weile, da wir wieder still nebeneinander geschritten waren, sagte er: "Drei Wünsche habe ich in diesem Leben: mein wahres Selbst, den Atman zu erkennen, und den persönlichen und unpersönlichen Gott zu schauen." Und nun fügte er lächelnd noch ein weniger erhabenes Begehren hinzu: "Ich wünsche mir auch, nochmals die richtige Frau zu finden." "Vergessen Sie nicht, dass Sie heute um 10 Uhr zur Meditation zu Schri Maharadsch kommen dürfen", sagte er mir zum Abschied. Erwartungsvoll und ein wenig befangen im Herzen Schritt ich durch den Seewind Schris Haus zu. Hie und da ritten auf schönen Pferden junge Engländerinnen und Engländer an mir vorbei. Wie Götter erschienen diese hoch aufgerichteten, lächelnden jungen Menschen über dem Gewühl der braunen Menge. Sie wussten meistens nicht allzuviel von der Seele des indischen Volkes, das sie so lange beherrscht hatten. Sie blieben Fremde, auch wenn sie dreissig Jahre im Lande lebten. In der Vorhalle des Hauses, in dem Schri wohnte, blieb ich stehen, um die Augen nach dem grellen weissen Licht des Weges an die Dämmerung in dem Zimmer zu gewöhnen. In Ranas Zimmer rastete ich. Ich hatte den Wunsch, mir nochmals Hände und Füße zu waschen, obwohl ich eben gebadet hatte. Dann trat ich barfuß in Schris Zimmer ein. Schri winkte mir nicht mit einer leisen Handbewegung freundlich zu, wie er es sonst immer tat. Unbeweglich sass der alte Mann am Boden, in einen weissen Umhang eingehüllt. Stumm deutete mir Rana an, ich solle mich Schri gegenüber auf den Boden setzen. Ich tat es. Auch Rana hatte einen hellen Umhang umgetan. Ehrfurchtsvoll warf er sich vor Schri nieder und berührte mit seiner Stirne Schris nackte Füße. Dann zündete er ein Räucherstäbchen an und stellte es in einem kleinen Leuchter neben sich auf. Mit weissgrauer Asche aus einer Glasschale machte er sich Zeichen auf Scheitel, Stirn, Hals und Brust. Nun sass auch er mit untergeschlagenen Beinen steil aufgerichtet und unbeweglich. Ich fühlte, dass Schris Blick auf mir ruhte. "Sieh mir in die Augen. Ich bin dein Freund", sagte er. Ich blickte Schri an. Wie der Vater der Welt sass der alte Mann vor mir. Mächtiger als je wuchs sein gefurchtes Gesicht mit dem langen dunklen Haar und dem silbergrauen Bart aus dem weissen Linnen, das seine Glieder umhüllte. Berge und Bergabstürze, ganze Welten waren in diesem klaren Gesicht. Wie der Kosmos selbst sass er da, altersgrau und doch umschwebt von einem stillen weissgoldenen Licht, das ein Teil seines eigenen Wesens war. Ich habe noch nicht viel meditiert an dem ersten Tage. Beklommen war ich, das Sitzen mit untergeschlagenen Beinen war ich nicht gewöhnt; es wurde bald unerträglich mühsam. Meine Glieder wurden steif und kalt und schmerzten. Sehr beschämt richtete ich mich auf und begann, meine eingeschlafenen Füße zu reiben, als sich Schri erhob. Schri tröstete mich. Ja, für Europäer sei es anfangs schwer. Ich müsse mir eine Strohmatte aus Kuschagras und ein Rehfell besorgen, wie es vorgeschrieben war, damit ich bequemer sitze. Ich müsse langsam die vier Stufen der Meditation erlernen: erstens das Sitzen, zweitens das Atmen, drittens das Sprechen, das mantrische Sprechen, viertens das Singen. Ich werde es gewiss zustande bringen, denn ich hätte die seelischen Anlagen dazu aus früheren Erdenleben mitgebracht. Diese Anlagen müssten nur entwickelt werden, meinte er. Ich blieb noch etwa eine Stunde in dem dämmernden Raum, in den von der mittäglichen Basarstrasse die Rufe der Händler und Kulis und der Pferdejungen heraufdrangen. Manchmal spähte ein neugieriges Gesicht durch die Scheiben. Rana sass am Boden und las aus den losen Blättern eines Buches vor. Die fremden Laute einer der indoarischen Sprachen des Landes hüllten mich ein. Mein Ohr sollte sich daran gewöhnen. Schris Schüler las aus dem Ramayana von den Taten des allmächtigen Gottes, der als Rama zur Erde niedergestiegen war und gegen den mächtigen Dämon Ravana kämpfte, der seine zehn Häupter nach allen Richtungen des Raumes ausstreckend, alle Welten unterjocht hatte. "Immer, wenn ein Verfall des Rechtes und ein Übermass des Unrechts eintritt, steige ich nieder und verkörpere mich, um die Guten zu beschützen, um die Bösen zu vernichten. Um die Festigkeit des Rechtes wiederherzustellen, werde ich in jedem Zeitalter auf Erden geboren." So verhiess Gott in der Bhagavad-gita. Mehr als hundert Male bin ich seither Schri in der Meditation gegenüber gesessen. Da vergass man, auf welchem Orte auf Erden man war. Und ich war dann immer voll tiefster Rührung und Ehrfurcht, wenn ich die Augen öffnete und sah, dass der erhabene alte Mann in tiefer Stille und gleichsam der geistigen Sonne hingegeben, hell vor mir sass und sich dann erhob und mir mit kühler Sandelpaste die Zeichen auf Scheitel, Stirn und Halsgrube machte, um zu helfen, dass meine geistigen Augen sich öffneten. Mit der Strohmatte aus Kuschagras und einem Rehfell und einem Tuch unterm Arm kam ich das nächste Mal zur Meditation. Nicht mehr krampfhaft, sondern mit gelösten Gliedern und so, wie es mir am bequemsten war, setzte ich mich hin. Manchmal kamen Menschen und gingen wieder. Der Diener richtete auf einer silbernen Platte mit vielen silbernen Schalen Schris Mittagsmahl an, das einzige Mahl, das er jeden Tag zu sich nahm. Ich war erstaunt, dass mich das alles nicht im geringsten störte. Immer von neuem versuchte ich, mich in der Meditation zu konzentrieren. Und manchmal kamen majestätische Bilder. Doch heimlich ahnte ich, das war nur eine Verführung, die gefahrvoll war, weil sie einen festhielt und mit Stolz aufblähte. Auch diesen Stolz über das, was man geschaut hatte, musste man erst mühsam wegräumen, ebenso wie alles andere Geröll, alle Unruhe, alle seelische Unreinheit. Man musste in die Stille kommen, wie an die Küste eines unbekannten Meeres; dort an der Küste des Unbekannten musste man lauschend und hingebungsvoll warten, bis die verborgene Welt - wenn es ihr so gefiel - einen mit hineinnahm in ihr Leben. Wenn ich mich nach meinen stümperhaften Versuchen zu meditieren vom Boden erhob, da taten mir meist alle Glieder weh. Und doch war ich wunderbar erquickt, und tiefer erhellt als vorher strahlte ringsum die irdische Welt, die mich umgab. Es dauerte eine Reihe von Jahren, bis ich nach vielen leidvollen Erfahrungen in Indien ahnen lernte, was die vier Stufen der Meditation bedeuten und was Meditation ist: Ein sich Abwenden von seinem egoistischen Selbst und sich Hinordnen auf die göttliche Welt, auf das wahre Selbst. "Das hat freilich wenig Sinn", sagte Schri, "wenn man nur gelegentlich und zu einer bestimmten Tagesstunde meditiert". Schri schärfte mir oftmals ein: "Vierundzwanzig Stunden am Tag, schlafend und wachend muss man in dieser Seelenhaltung leben, sich öffnen, sich ständig hingeben." Die ersten Stufen der Meditation, von denen mir Schri am See Nainital erzählte, das Sitzen, das Atmen sind nur Vorbereitungen dazu; wie auch ein Bad und das Anziehen eines reinen Kleides vor der Meditation eine äussere Vorbereitung ist. Wenn man mit untergeschlagenen Beinen und mit vollkommen lotrechter Wirbelsäule sitzt, vermag man nach längerer Übung stundenlang bequem und entspannt zu sitzen, ohne müde zu werden. Der Körper stört nicht mehr. Schon auf den Bildwerken einer jüngst aufgedeckten Kultur im Industal, die mindestens fünftausend Jahre alt ist, sieht man die Menschen in der gleichen Haltung in der Meditation sitzen, wie es der indische Yogi heute noch tut. Auch das geregelte Atmen ist eine in Indien seit Jahrtausenden gepflegte und noch heute gelehrte Kunst. Wenn der Atem ruhiger wird, dann wird auch der schweifende Geist ruhiger. Denn es besteht eine Wechselwirkung zwischen dem Atemstrom und dem Menschengeist. Aber die indischen heiligen Schriften sagen oftmals: durch Beherrschung des Atems wird Gott nicht erreicht. Auch Atemübungen sind nur Hilfsmittel. Bei dem, was man in Europa oft unter Yoga versteht, beim sogenannten Hata-Yoga, der sich vorzugsweise mit dem Leib beschäftigt, sind diese Hilfsmittel allerdings zur Hauptsache geworden. Man kann, wie viele ernsthaft behaupten, manches dadurch erlangen, zum Beispiel einen kraftvollen Leib, der ungezählte Jahre in jugendlicher Frische und Gesundheit zu leben vermag. Auch ungeahnte Macht und starke Kräfte kann man so gewinnen. Bekannt ist die Antwort, die der grosse Buddha dem Yogi gab, der sich brüstete, dass er nach zwanzig Jahren harter Übung gelernt habe, auf dem Wasser zu wandeln: "Was ist das schon!" sagte Buddha. "Für die kleinste Kupfermünze rudert dich der Fährmann über den Fluss." "Vergeude nicht viel Zeit für Übungen im Hata-Yoga", sagte mir mein Lehrer Schri einmal. "Das hast du in einem früheren Erdenleben bereits getan. Ungeahnte Kräfte könnten in dir erwachen, die bloss eine Versuchung sind und dich auf deinem jetzigen Wege hindern würden." Das Mantra-Sprechen jedoch führt ins Wesentliche hinein. Wenn man in einem Sanskrit-Wörterbuch die Bedeutung des Wortes Mantra sucht, findet man folgende Übersetzungsversuche: wedische Hymne, geheiligtes Gebet, ein Zauberspruch, ein Geheimnis, eine Beschwörung, die Zeile eines Gebets, die einer Gottheit geweiht ist usw. Doch das alles sind nur äussere Bedeutungen. Der indische Wahrheitssucher, ob er nun den Pfad der Werke (Karmayoga) oder den Pfad der Weisheit (Jnanayoga) oder den Pfad der liebenden Hingabe (Bhaktiyoga) geht, ist davon überzeugt, dass der Mantra, den er spricht, und die Gottheit, die er damit anruft, vollkommen eins sind. Das erklärt die Ehrfurcht vor dem Mantra und die Wichtigkeit des korrekten Aussprechens und die Gefahren beim eigennützigen Missbrauch. Mehr Ehrfurcht hat der Hindu vor dem Wort als der Mensch im Abendland. Nicht nur das lebendige Wort des Mantra, sondern überhaupt jeder Laut der Sprache, jede Silbe, jedes Wort wird im Sanskrit Akschara genannt, das bedeutet: Das Unzerstörbare. Akschara, der Unzerstörbare, so heisst auch Gott. Der wahre Mantra wird nicht gesprochen, sondern gesungen. Mit geöffneter Seele sucht der indische Gottgeweihte jenen göttlichen Klang, jenen Mantra zu erlauschen und nachzusingen, zu dem sich aller irdische Klang bloss wie ein Schatten verhält. Brahma, der Schöpfer, wird in den indischen heiligen Schriften "der erste Sänger" genannt. Man sagt, aus dem Mantra, den er sang, sei die Schöpfung unseres Weltalls entsprossen. Dem Abendland dünkt solche Kunde
höchst fremd und erstaunlich. Und doch gibt es auch im Westen Spuren
von ähnlichem geistigen Wissen. Immer wieder musste ich in Indien
betroffen an den Anfang des Johannesevangeliums denken: "Im Anfang war
das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort ... alle
Dinge sind durch dasselbige gemacht...". 1.3 Vaman Top Gegen Schluss meines Aufenthaltes in Nainital, vor der Abreise nach Almora, gelang es mir endlich, einen Mantra zur Zufriedenheit Schri"s zu singen. Er rief: "Nicht mehr Walther, sondern Vaman. Dein Name ist fortan Vamandas, Diener des Vaman!" "Wer ist Vaman?" fragte ich. "Wann hat er gelebt?" "Vor vielen tausend Jahren", sagte Schri und sah mich freundlich an. "Vaman war klein von Gestalt, aber er hat die "drei Welten" (Unterwelt – irdische Welt – göttliche Welt) erobert." Die Geschichte Vamans, das ist die Geschichte von den "drei gewaltigen Schritten des "Weithin-Schreitenden" und noch zahllose andere Geschichten von den Taten Gottes sollte ich im Verlauf der nächsten Jahre kennen lernen. Schri Maharadsch erzählte mir viele dieser Geschichten, und Rana erzählte, und der indische Kontorist Joshi erzählte, und einfache Bauern und Kulis, die niemals lesen und schreiben gelernt hatten, erzählten sie mir. Denn diese Geschichten leben in den Herzen der Hindus. Aber fast jeder erzählte sie ein wenig anders. Wie in verschiedenen Tiefenschichten eines unendlichen Ozeans bekam manchmal die gleiche Geschichte, von verschiedenen Menschen erzählt, oft einen ganz anderen Glanz und ein anderes Leben. Und dieselben Geschichten wandelten sich auch weiterhin, wurden hintergründiger und durchscheinender, wenn ich sie später im Urtext wieder und immer wieder las. Es war, als wüchsen sie nach oben, aber auch tiefer hinab zum Grund; aber ihr Grund war unergründlich, denn ihr Grund war Gott selbst, den meine Freunde mit dem Namen Krischna benannten und aus dessen Fülle die göttlichen Heilande, die Avatare, in die Welten herabstiegen. Vaman war einer der Avatare Gottes. Vamandas, Diener des Vaman, nannten mich Schri und Rana und alle Hindus, denen ich begegnete. Im Autobus fuhr ich von Nainital nach Almora, tiefer in den Himalaja hinein. Ich sass neben dem Wagenlenker des riesigen, abgeschabten Chevrolet-Wagens. Das göttliche Wort AUM war über dem Steuerrad auf das Blech gemalt. Friedvolle luftige Fahrt, die vielen zahllosen Windungen und Kehren der Strasse hinunter. Agaven, Schluchten, sonnenverbrannte Felder. Plötzlich hielt der Autobus. Vor uns standen lange Autokolonnen in der brütenden Sonne und verstopften die Strasse. Zwei Autobusse waren zusammengestossen und ein Chauffeur war ernstlich verwundet. Zerbeultes, zerrissenes Blech. Niemand rührte die Wagen an. Es war zehn Uhr morgens und es hiess, wir hätten bis zwei Uhr nachmittags zu warten, bis die Polizei kommen und den Tatbestand aufnehmen würde. Ich wunderte mich selbst, dass ich nicht im mindesten ungeduldig war. Immer neue Wagen kamen. Immer länger wurde die Wagenschlange nach beiden Seiten der sich windenden Strasse. Ein buntes Volksleben hatte sich rings entwickelt. Männer, Frauen, Kinder, Pilger aus allen Teilen Indiens lagerten auf der Strassenbrüstung und im Staub des Bodens und auf dem Berghang. Mit Joshi, einem jungen Menschen, den mir Schri mitgegeben hatte, ging ich auf und ab. Während wir auf die Polizei warteten, erzählte er mir die Geschichte von Vaman. Joshi war dabei gewesen, als mir Schri den neuen Namen Vamandas gab. In Gestalt des Brahmanenknaben Vaman war Gott in der Urzeit zur Erde niedergestiegen. Damals beherrschte der mächtige Dämonenkönig Bali die drei Welten, das heisst die Erde, die Unterwelt und sogar das Himmelreich. Bescheiden ging der Knabe Vaman zu dem Gewaltigen und bat ihn, er möge ihm einen Wunsch erfüllen. Lachend gewährte der Stolze im voraus jede Bitte, obwohl der oberste Priester der Dämonen, Balis Guru, ihn warnte. Der Knabe bat um so viel Grund, wie er mit dreien seiner Schritte zu bedecken vermöchte. Vamana tat den ersten Schritt. Staunend und erschreckt sah der übermütige König und sahen alle Versammelten, dass der kleine Knabe im Schreiten wuchs; bis in die Wolken wuchs er empor. Kein Fleckchen Grund, kein Wasserrinnsal, kein Stäubchen Sand gab es in Balis unermesslichem Reich, gab es auf der ganzen Erde und in allen Sternenwelten, das nicht vom Fuß des Weithinschreitenden bedeckt wurde. Vaman tat den zweiten Schritt. Und nun sah Bali, dessen Augen zum geistigen Schauen geöffnet wurden, dass es nicht bloss in der gegenwärtigen, sichtbaren Welt, sondern auch in der zukünftigen Welt und im Himmel kein Fleckchen Grund gab, das nicht vom Fuße Vamans bedeckt war. Wie Donnergrollen klang die Stimme Vamans aus den Wolken: "Bali, wo ist ein Stückchen Grund, das dir gehört, worauf ich meinen Fuß beim dritten Schritt setzen könnte!" Bebend stammelte Bali: "Setze, o setze deinen Fuß auf mein Haupt!" Der Ahnungslose wusste noch nicht, dass auch sein Haupt nicht sein eigen war, sondern Gott gehörte. - Doch Vaman setzte seinen Fuß auf Balis Haupt. - Und die Berührung mit dem alles heiligenden Fuß Gottes nahm dem Dämon nicht nur seine Macht und Machtgier weg; sie nahm auch seine Dunkelheit weg. Bali wurde durch die Berührung mit Gottes Fuß erlöst. In unsäglicher Liebe wusch Bali tränenüberströmt Gottes heilige Füße, die der Grund des Weltalls sind. Seit Jahrtausenden wird der frühere Dämon Bali in Indien als einer der geliebten Freunde Gottes gepriesen. "Ein Tropfen des Wassers, mit dem Bali die Füße Vamans wusch, wurde versprüht", so erzählte mir der kleine Angestellte aus dem indischen Kramladen, der mich begleitete. "Ein Tropfen des Wassers, das Gottes Füße berührt hatte, sank hinab in unsere Welt und wurde zum Gangesstrom, der entsühnend Indien durchströmt." Die Menschenmasse auf der Strasse war in wimmelnde Bewegung geraten. Einer von den vielen hundert Menschen hatte den erstaunlichen Gedanken gehabt, an der Berglehne die Böschung der Strasse ein wenig abzugraben. Der weiche Schutt strömte herab und die Fahrbahn verbreiterte sich. Schlau schlüpfte ein winziges Auto hindurch und nun ging ein Schrei durch die Menge. Viele kletterten eiligst in ihre Wagen, und während nun Dutzende schaufelten und gruben, setzten sich auch die mächtigen Autobusse in Bewegung. Wir fuhren weiter nach Norden ins höhere Gebirge empor - ohne auf die Polizei zu warten. Nun spielte wieder Wind um mein heisses Gesicht. Aus einer engen Waldschlucht waren wir auf freie Höhe gekommen. Staunend blickte ich mich um. In Terrassen, in Wildströmen, in Hainen von rot- und violettblühenden Bäumen und Silbereichen fiel das Land ab. Reis und Weizen wuchsen in der Tiefe, knapp über den Steintrümmern des Flusses. Dicht am Ufer unter einem hohen Felsen erhob sich die Steinhütte eines verstorbenen Mahatmas. Der Wagen hielt mit knirschenden Bremsen einen Augenblick. Der Chauffeur sprang von seinem Sitz, um rasch ein paar blühende Zweige eines heiligen Strauches zu pflücken. Weiter fuhren wir in dichtgedrängter Wagenkolonne. Büffel saßen an einer Flusserweiterung im Wasser. Ungeheure Wipfel mir völlig fremder Bäume wölbten sich über Strohdächer. Pilger kamen uns entgegen, manche halbnackt; von der Gangesquelle kehrten sie zurück. Einer in orangenem Überwurf winkte uns zu. Ich winkte zurück. Ich war einer von ihnen, auf der Pilgerfahrt wie sie. Es war beglückend, dass dieses Land mich mit offenen Armen aufgenommen hatte. "In der Regenzeit sind alle diese fast ausgetrockneten Ströme voll Wasser", sagte mein Begleiter. "Alle diese braungelben Terrassenberge werden grün." Kurz darauf erschütterte ein ungeheurer Donnerschlag die Luft. Die Sonne verschwand. Wasser stürzte in peitschenden Strömen vom Himmel nieder. Eiligst bemühten wir uns, auf beiden Seiten die im Wind knatternde Schutz-leinwand herabzuholen und zu befestigen. Es half nichts. Überall drang der wilde Regen hindurch. Tropfnass saßen wir, zusammengekauert, während die Blitze dicht neben uns niederfuhren und der Donner in dem Wald schmetterte. "Die Regenzeit hat begonnen, hat verfrüht begonnen", flüsterten die Fahrgäste. Schlingernd fuhr der schwere Wagen, der nur sehr mühsam zu steuern war, über die von Bergbächen überschwemmte Strasse, durch Wasser und durch Wald, den plötzlich grauer Nebel erfüllte. Schützend drückte mein Nachbar ein Bild an sich. Es stellte Krischna dar. Krischna war als lächelnder Knabe abgebildet, umgeben von der heiligen Silbe AUM. Zahllose ungeborene Welten waren in den Schlingen der Silbe AUM zu sehen, denn nach dem Glauben der Inder hat sich alle Schöpfung aus dieser göttlichen Silbe entfaltet und wird von ihr getragen und wird am Weltende einst wieder in diese Silbe AUM eingehen, in der Gott wohnt. Dürstend trank das ausgetrocknete Land die belebende Wasserflut.
1.4 Swami Nityananda Top Die Stadt Almora im Bundesstaat Uttarakhand (auf Bild links rot markiert) liegt hoch auf einem schmalen Bergrücken. Zu beiden Seiten öffnet sich ein majestätischer Rundblick in gelbgraues Terrassenland hinab und auf den Bergkreis empor. Jedoch der Schnee der eigentlichen Bergriesen ist bis jetzt immer noch verhüllt geblieben. Die auf einem schmalen Grat sich hinziehende Stadt war lange Zeit die Hauptstadt des unabhängigen Königreiches Kumaon gewesen. Vor etwas mehr als hundert Jahren haben die Engländer die Bergstadt erstürmt. In der einstigen Königsburg auf einem steilen Felsen befinden sich nun die Gerichtshöfe. In der Stadt wimmelt es von Rechtsanwälten. Das Hotel Almora hatte einen königlichen Namen, hohe Preise - und Ungeziefer. Wenn ich mich als Neuling über Wanzen beschwerte, brachte man dienstwillig noch mehr Teppiche, als schon ohnehin am Boden lagen, bis Rana eintraf und auf seinen leisen, höflich-militärischen Wunsch alle diese Brutstätten für einen Tag ins Freie, in die Sonne gelegt wurden. Das brachte Erleichterung. Anschliessend an unsere Zimmerreihe war eine Terrasse mit herrlicher Aussicht auf die zahllosen, abfallenden Stufen des Vorgebirges, auf dem sich die Stadt erhebt. Wenn der Himmel wolkenlos war, lagen da im Norden, jenseits der Täler, die höchsten Schneekämme des Himalaja. Mein eigenes Zimmer öffnete sich zwar dieser Aussicht zu, aber zunächst in den Raum, welcher der menschlichen Notdurft diente (Kübelsystem). Statt die Menschen zu lieben, begann ich manchmal, einige zu hassen. Statt mich über den malerischen Volksauflauf zu freuen, der immer um das Hotel versammelt war, litt ich darunter und unter all den eindringlichen Geräuschen und Gerüchen, die das Haus Tag und Nacht erfüllten. Es war eine Prüfung für mich, die ich anfangs sehr schlecht bestand. Auch in diesem Haus behielt Schri Maharadsch zu meinem Staunen immer seinen hellen Gleichmut. Er schien die landesübliche Musikkapelle gar nicht zu bemerken, die vor den Pforten des Hotels tagaus, tagein ihre schmetternden Weisen spielte, Aufforderung zum Besuch einer Kinovorstellung oder Anpreisung des chemischen Heilmittels einer europäischen Firma. Anscheinend sah er nichts, aber wenn ich einmal einen unguten Gedanken in der Seele hatte, dann merkte er es gewiss. Schweigend und höchstens leise den Kopf schüttelnd sah er mich an. Und das war mehr als eine Strafe. Sein eigenes Zimmer war nach wenigen Stunden trotz all dieser Umgebung ein ruhevolles, helles Heiligtum geworden und es war auch in Almora ein unsägliches Glück, in seiner Gegenwart meditieren zu dürfen. So machte ich mühsam meine ersten Schritte in eine völlig indische Umwelt, denn in Nainital hatte ich auf Wunsch Schris in der Pension der Parsi noch auf europäische Weise gelebt. Nur kein Fleisch hatte ich mehr gegessen. Aber lange, lange brauchte ich, um die ganz andersartige, indische Kost lieben zu lernen, die auch in dem Hotel in Almora von dem Koch Schri Maharadschs bereitet wurde. Eines Abends brachte mir der Sekretär von Schri einen Brief. Schris Schwiegersohn, der gerade zu Besuch war, lachte. Ich fragte, warum er lache. Er sagte: "Auch mir schickt Schri immer, wenn er mit mir unzufrieden ist, einen solchen Brief". Das Schreiben enthielt einfache, liebevolle Weisungen für mein Leben, etwa: "Regle deine Mahlzeiten sorgfältig. Iss täglich nur einmal Reis. Iss wenig am Abend." "Lerne es, geduldig zu sein und nicht gereizt zu werden." "Überwinde Furcht und Nervosität. Denke an Kraft, und du wirst stark sein." "Lerne es, ein einfaches und lauteres Leben zu führen." "Es bedeutet nicht viel, zum Manasarowar-See und zum Berg Kailas zu gehen. Der wahre Kailas liegt in dir selbst. Den musst du zu erreichen suchen!" Schri, Rana und ich saßen in Meditation versunken auf der Bodenmatte. Ich hatte eine schwere Stunde hinter mir. Es war mir gelungen, innerlich darauf zu verzichten, schon in diesem Jahre die weite Pilgerfahrt in das verschlossene Reich des Manasarowar-Sees und des Kailas zu unternehmen. Ich hatte endlich eingesehen, dass Schri recht hatte, dass ich körperlich der harten Wanderung noch nicht gewachsen war und vor allem seelisch noch nicht reif dazu war. Ich musste erst noch viel lernen. Da trat ein fremder Mann ins Zimmer. Er war fast nackt, hatte langes, graubraunes, mit Asche bestäubtes Haar zu einem hohen Bausch am Scheitel aufgesteckt. Sein erstaunlich heller Körper war straff und muskulös, wie der eines Jünglings - obwohl er fünfundsechzig Jahre alt war, wie ich später hörte. Seine Bekleidung bestand aus einem schmalen, orangefarbenen Lendenschurz. Um die Schultern hing ihm ein Tigerfell und ein hölzernes Zepter trug er in der Hand. Nachdem er Schri und Rana begrüsst hatte, umarmte er mich. "Sie werden zum Kailas kommen. Ich gebe Ihnen mein Wort, dass Sie noch heuer, noch in diesem Sommer, zum Manasarowar-See und zum Kailas gelangen werden. Sie werden mit mir gehen", sagte er zu meiner grössten Verblüffung. Das war Swami Nityananda Saraswati , der Präsident des indischen Komitees zur Förderung der uralten Pilgerfahrten zum Berge Kailas und zum Manasarowar-See. Er deutete an, dass er das kürzlich erwählte geistige Oberhaupt von über hundert Millionen Hindus sei. Beim letzten Kumbha-mela-Fest in Hardwar im Himalaja, das nur alle sieben Jahre stattfindet und wo mehr als eine Million Pilger beisammen waren, sei er als der Geeignete und Würdige befunden worden, der Nachfolger der geistlichen Herrscher über den indischen Norden zu werden, und er habe den "Thron des Nordens" bestiegen, mit allen den Ehren, die dem Erwählten gebühren. Das Klosterreich des indischen Nordens hatte zwei Jahrhunderte hindurch keinen Herrn, erzählte er, weil kein Würdiger gefunden worden war. Er, der nun nach zweihundert Jahren als erster wieder sich als Inhaber dieses Throns betrachtete, hat mir auf meine Fragen das folgende darüber mitgeteilt: Schri Adi Schankaracharya, der Erneuerer des Hinduismus im Mittelalter, gründete vier Klosterburgen im Norden, im Süden, im Osten und Westen von Indien, um die religiöse und soziale Gerechtigkeit im Leben aller Hindus zu sichern. Das Oberhaupt einer jeden dieser vier Klosterburgen hat die geistige Herrschaft und Gerichtsbarkeit über den vierten Teil des riesigen indischen Reiches. Als Klosterburg des Nordens wurde Jyotirmath (Stadt im indischen Bundesstaat Uttarakhand) bestimmt; es liegt im Himalaja. Dieses Kloster hat eine Art kirchliche Gerichtsbarkeit über eine Reihe grosser indischer Provinzen, sowie der Länder Kaschmir und Nepal, der Stadt Kabul in Afghanistan und eines Teiles von Tibet rings um den Berg Kailas und den See Manasarowar. In einem offiziellen Schriftstück, das er mir zeigte, waren die Ehren, welche nun Swami Nityananda gebührten, in pompösen Worten angeführt: "Der grosse Heilige der Heiligen, der alle geistigen Bereiche beherrscht, der ein weit fortgeschrittener und grosser Yogi ist mit der Macht, zu erklären, auszulegen und die Einweihung zu vollziehen, der die Meisterschaft über alle religiösen Texte hat, der die Macht erhalten hat, die vier wedischen Kasten zu bestrafen, die Brahmanen (Priester und Gelehrten), die Kschatriyas (Könige und Krieger), die Vaischyas (Landwirt, Kaufmann, Händler) und die Schudras (Knecht, Dienstleistender); der die Aufsicht über alle Asketen hat, der die unumschränkte Gewalt hat, die Regeln und Gesetze im religiösen und sozialen Leben aller Schüler durchzusetzen und dessen Genehmigung und Anerkennung erforderlich ist, ehe die Herrscher aller einheimischen Staaten in diesem grossen Gebiet ihre Throne besteigen dürfen; welcher der geistige Regent über hundert Millionen Hindus ist, er hat hiermit den Thron des Nordreiches bestiegen, um dort die sozialen und religiösen Gesetze in voller Macht zu verwalten..." Dieser Mann drängte darauf, dass ich noch im gleichen Jahr die Wanderung zu dem Manasarowar-See mit ihm antreten solle. "Denn später werde ich unzugänglich sein", teilte er mir mit. "Da werde ich in einem Palankin (einer Art Sänfte) getragen werden, strengste Zeremonien und Schweigegebote und Fackeln und viele Diener werden dann stets um mich sein." In dem orangefarbenen Mantel eines Pilgrims (Pilgers) sollte ich die Wanderung unternehmen. Auf Wunsch Nityanandas sollte ich in das Aschram, das Haus der Pilger übersiedeln, dem wir noch am gleichen Tage einen Besuch abstatteten. "Es wird dir gut tun, unter den Sadhus zu wohnen. Es wird deine Seele rein machen", sagte er. Am liebsten hätte er mich sofort dort behalten, wenn Schri nicht sanften Einspruch erhoben hätte. Nityananda war ein Diktator. Er stammte aus Südindien und sprach geläufiger Englisch als Hindi. Seine Gesichtszüge waren eher die eines Russen als die einer Inders. Angetan mit dem orangenen schmalen Schurz und dem Tigerfell, sonst nackt, ging und schlief er Sommer und Winter, auch im Hochgebirge. In solcher Kleidung, ein dunkles Holzzepter in der Hand, besuchte er den englischen Vizekönig von Indien und die Minister und Maharadschahs, mit denen er befreundet war. Nityananda war einstmals zu einer ganz anderen Laufbahn bestimmt gewesen. Er war ein berühmter junger Rechtsanwalt mit einem riesigen Einkommen gewesen, dann viele Jahre lang Statthalter von drei vereinigten indischen Distrikten, so gross wie manches europäische Königreich. Als ein sehr mächtiger Mann fand er endlich seinen Guru, entsagte plötzlich der Welt, gab alles auf, Frau, Kinder, Einkommen, Stellung, Macht - ging für viele Jahre in eine Felsenhöhle und wurde ein Asket. Er erzählte uns, dass er in der Einsamkeit den Befehl Gottes erhalten hatte, die mit masslosen Schwierigkeiten verbundenen Pilgerfahrten zum Manasarowar-See und dem Berg Kailas wieder zu erneuern. Während wir rings um ihn und Schri auf dem Boden kauerten, entwickelte Nityananda seine Pläne. Er werde elektrisches Licht und Sauberkeit in die tibetanischen Lamaklöster bringen. Er werde ein halbes hundert Pilgerhäuser am Wege bauen. Er erwog und verwarf die Möglichkeiten eines Flugverkehrs: die tibetanische Hochebene sei wohl glatt wie ein Tisch, ausgezeichnet zum Landen, aber die Stürme über dem Gebirgskamm seien zu stark. Ich schauerte fast, als er mit Nachdruck erklärte: "Niemand darf auf dieser Pilgerfahrt sterben", und hinzufügte: "Ich verzichte nie." Unter grossem Aufsehen der Bevölkerung von Almora fuhr ich am Nachmittag im Auto mit meinem Guru Schri Maharadsch und Swami Nityananda zu dem Pilgerhaus. Ein ganz schmaler, vielgewundener Fahrweg führte steil über den Abhängen tief in den blühenden Wald hinein. Das letzte Stück mussten wir auf hohen Steinstufen ersteigen. Oben auf der Terrasse standen etwa ein Dutzend Pilger, Gesicht und Hals und Arme festlich mit farbiger Asche bestrichen, und sangen in feierlichem freudigen Chor zu unserm Empfang: "Aum, Aum, Aum ... Hare Krischna Hare Krischna ... Hare Rama Hare Rama ..." Mit unsäglicher Macht hallten die Gottesnamen und das heilige Wort AUM über Gebirge und Täler und durch den Wald und über unsere Herzen, als wir die Stufen erstiegen. Der Gesang, die Worte des Gesanges, die Melodie des Gesanges, das Geheimnis, das ich dahinter fühlte, zogen mich mit unwiderstehlicher Gewalt an, wie bisher nichts in meinem Leben. Die Dämmerung brach herein. Während uns wieder der feierliche Chorgesang des AUM aus der Höhe umhallte, fuhr ich mit Schri durch schwarze Waldnacht nochmals im Auto nach Almora zurück. Beim Schein einer Kerze packte ich im Hotel meine Sachen. Am nächsten Tage brachte mich Schri selbst in das Pilgerhaus. Es war ein grosser schöner, aber furchtbar verwahrloster Bungalow mit Säulenhallen auf allen Seiten, den man zum Aschram umgestaltet hatte. Ich bekam ein eigenes Zimmer. Es hatte zwei Fenster und eine Glastüre. "Wirf alle Stühle bis auf einen oder zwei hinaus!" riet mir Schri. Ich tat es. Nun bestand die Einrichtung im wesentlichen aus einem Tisch und einer grossen, sehr schmutzigen Matte auf dem Boden. Ich erfuhr, dass Schri nach ein oder
zwei Tagen abreisen und vielleicht erst nach Wochen wieder zurückkommen
würde. Als mich der Lehrer verlassen hatte und die Waldwipfel um das
fremde abendliche Haus rauschten, wusste ich: Nun erst bin ich ganz
allein.
1.5 Tagebuch aus dem Himalaja Top Es ist die erste Nacht in dem Aschram. Von acht bis neun Uhr abends saß ich in der Reihe der Swamis auf meiner kleinen Matte aus Kuschagras auf dem Steinboden. Das Licht kam von einer kleinen Petroleumlampe. Die Swamis kauerten dichtgedrängt längs der Wände. Nur einer mit fanatischen dunklen Augen hatte sich in die Mitte des Raumes hingepflanzt. Er wurde von den anderen gerüttelt und gepufft, er sollte wegrücken. Er merkte es nicht im mindesten. Er war gleich in tiefe Trance versunken. Manchmal schien er mich mit verdrehten starren Augäpfeln durchdringend anzublicken, aber in Wirklichkeit war er weit weg. Mehr als eine Stunde sangen die Männer Hymnen zum Preise Schiwas, des göttlichen Zerstörers, der das Irdische zerstört und den Geist frei macht. Immer nimmt einer von ihnen in freudigem Anlauf eine neue Zeile auf, eine Welle schlägt an. Die nächste Welle. Hunderte. Es ist kein pflichtgemässes Beten. Nein, freudiges, kraftbewusstes, jauchzendes Singen. So wie ein Athlet im Abendland freudig, mit allen Muskeln spielend, die Kraft seines wohlgebildeten Körpers erprobt, so erproben sie, brauchen sie jauchzend die Kraft der Seele. Anfangs waren es bloss scheue Gespräche mit dem schmächtigen, fast bartlosen Tamilen aus Südindien, der sich meiner angenommen hatte. Er war ursprünglich Buchhandlungsgehilfe in Madras gewesen. Als ich ihn fragte, ob er Eltern und Geschwister habe, war es ihm peinlich. Er schien nicht zu wissen, ob sie noch leben. Weil ein Swami auf den Heimatort, auf die Eltern, auf alles, was ihn bindet, verzichten muss, so wie man den eigenen Körper vergessen muss, deshalb ist er aus dem Süden nach dem Norden, dem Himalaja gegangen. Fünf Jahre hat er in Rishikesh gelebt, in einem anderen Teil des Himalaja, als Schüler seines Guru. Nun will er zum Kailash (6.714 Meter hoher Berg in Tibet) gehen. Er ist noch jung, erst fünfundzwanzig Jahre und vielleicht ein wenig fanatisch. Erquickt um halb sechs Uhr früh erwacht. Leichter Regen. Schwer hängen die Wolken über den Vorbergen des Himalaja. Ich mache mein Bett, das heisst, ich hänge die Decke, auf der ich am Boden schlief, und die andere, mit der ich mich zudeckte, draussen in der Säulenhalle auf. Heute gab es keine Wanzen, die sonst in ganzen Heerzügen wanderten. Mit den Wanzen ist es wahrscheinlich wie im Schützengrabenkrieg. Nur die Neulinge sind verloren. Der kleine Tamile hat mich belehrt, ich soll mich nicht zu nahe zur Wand legen. - Er war entsetzt bei dem Gedanken, eine Wanze zu töten, und überzeugt, dann als solches Ungeziefer im nächsten Leben wiedergeboren zu werden. - Als ich Schri fragte, war dieser ganz anderer Ansicht: "Töte sie", sagte er. "Wenn du die Tiere bloss ins Freie wirfst, kommen sie wieder und quälen die anderen Swamis. Es ist böses Leben." - Aber Rana meinte: "Es ist gut, wenn dich die Wanzen in der Nacht ärgern. Sie erinnern dich, dass du eigentlich meditieren sollst." Etwas Seltsames hat mir der junge Tamile von Mahatma Gandhi erzählt. Gandhi hatte sein eigenes Aschram eröffnet und die Menschen kamen zu ihm, damit er sie Yoga lehre. Doch statt der erwarteten höheren Yogaübungen liess er seine Schüler zuerst die Latrinen fegen. Und als sie zögerten, machte der Mahatma es ihnen vor. Denn Yoga ist Dienst! - Schiwananda (Sivananda?), der Guru des Tamilen, sagte ihm einmal: "Wenn einer schon ein weit und breit berühmter Yogi ist, muss er doch jederzeit bereit sein, mitten im Gewühl seiner Schüler und Anhänger, ohne jede falsche Demut auf dem Bahnhof einen Koffer auf dem Kopf zu tragen. Wenn er das nicht kann, ist er kein wahrer Yogi." Der junge Swami Nijabodha lebt nach diesen Lehren. Manchmal kommt mir der hässliche, magere Mensch, der mir freudig hilft und mir dient, wie ein Lichtengel vor; er ist es durch Yoga geworden. In dem tiefen Frieden nach der Meditation sitze ich in meinem Zimmer. Die Fenster sind offen. Ich blicke auf die stillen sonnigen Terrassenabhänge des Dorfes Kalamati, jenseits der Talmulde. Dann wanderte ich in der hellen Morgensonne ein Stück in das Tal hinab. Von der Ferne sah ich dort dunkelgrau eine steile spitze Kuppel aufragen, die in einen aufgerichteten Lingamstein ausläuft, ein Symbol der kosmischen Zeugungskraft. Als ich näher kam, sah ich, dass es ein alter Schiwatempel ist. Knapp vor dem Tor erhebt sich ein ungeheurer, jüngst vom Blitz zerschmetterter, verkohlter Baum. Grosse steinerne Wasserbecken befinden sich in den Abhängen oberhalb und unterhalb des Tempels. In dem oberen Becken hatten sich zwei nackte, dunkelbraune Männer eben weiss eingeseift und wuschen sich gründlich. Ich zog meine Schuhe und Strümpfe aus und wusch ebenfalls meine Füße und Hände. Freundlich rückte der eine Mann sein Kupfergefäss von dem Wasserstrahl weg, damit ich mich waschen konnte. Ich ging barfüssig bis zur Schwelle des altersgrauen Tempels, dessen Dach zerfällt und beugte tief, in Ehrerbietung, das Haupt zum Boden. Die Männer im orangefarbenen Umhang freuten sich und nickten mir zu. Jetzt weiss ich, wohin sie aus dem Pilgerhaus täglich gehen, mit ihren Kupfer- und Messinggefässen, obwohl doch die gute Quelle neben dem Aschram sprudelt. Sie holen Wasser aus dem alten Schiwatempel und baden dort. Schiwa, der Zerstörer, ist der Gott der Yogis. Der Gott des Todes und der Auferstehung. Man hat mir erzählt, wer sich den göttlichen Erlöser Rama als Herrn erwählt hat und ihn anbeten will, muss vorher drei Monate oder sechs Monate Schiwa verehren. - Rama, Hari, Hara, Narayana, Brahma, Wischnu, Schiwa, Vaman, Krischna, alles sind nur verschiedene Aspekte des einen allmächtigen Gottes. In dem gepflasterten grossen viereckigen Becken tief zu Füßen des Tempels ist nichts als grüner Schlamm, nur an einer Stelle quillt es hell und klar. Dort steht ein Mann im Feuchten und schöpft aus einer Schale. Auch er winkt mir, mich niederzusetzen. Zerbröckelte Hallen sind an der Stirnseite des Teiches. Kleine viereckige Hütten rings verstreut, alle mit dem Lingamstein gekrönt. In einer der Hallen sehe ich eine Matte, da verbringen einzelne Menschen die Nacht. Rings um den Tempel dehnen sich ernst und grossartig die düster grünen Abhänge des Gebirges, zu einer weiten Schale gewölbt. Ich sitze auf dem Rasen zwischen Kuhfladen wie auf einer Alpenweide. Wenn ich den Kopf wende, sehe ich, wie das Land in Grasabhängen abfällt, in Tälerfalten mit vielen Ziegenpfaden. In der Tiefe eine Waldwelt. Dunkelgraue Wolkengebirge liegen über den Gebirgen im Westen. Ein in Stein gehauenes Dämonentier verharrt betend auf den Steinplatten vor dem Tempel zwischen grasenden Pferden und Kühen. Auch oben auf der abgeschrägten, bemoosten Steinpyramide des Daches steht auf einer balkonartigen Konsole ein ähnliches Dämonentier. Ein geschwungener breiter Weg, den ich anfangs gar nicht sah, zieht hoch über Schluchten von dem Tempel zu dem Pilgerhaus empor. "AUM" grüssen mich freundlich die Mahatmas, die zum Bad im Tempelwasser gehen und mir begegnen. "AUM" ruft mir frühmorgens der magere junge Tamile zum Gruss zu, wenn er mit einem Metallbecher dunklen Tees in mein Zimmer kommt und mich aufweckt. "Aus dem Wort AUM", so heisst es, "ist alle Sprache und sind alle Weden geboren. Die Weden sind wie die Blätter eines Baumes, der seine Wurzel im Himmel hat und nach unten wächst". Nun hat die Regenzeit wirklich begonnen. Donnerschläge und Himmelsfeuer, dass ich jedesmal glaube, es habe in das Gebäude des Aschram eingeschlagen. Nun, eine halbe Stunde später, herrscht friedevollste Stille, der Regen hat längst aufgehört und der Boden hat durstig alle Wassermassen aufgesogen. Ein grosses Glück ist das Schweigegebot, das mir Schri vor seiner Abreise gegeben hat. Den Vormittag über soll ich kein Wort sprechen. Wenn ich irgend etwas brauche, soll ich es den Swamis schriftlich mitteilen. - Eine starke Kraft liegt in dem wahren innerlichen Schweigen. Schweigen der Seele, nicht nur des Mundes. Der schmächtige Swami Nijabodha und ich bilden ein seltsames Gespann. Seine Muttersprache ist tamilisch, meine ist deutsch. In englischer Sprache, die wir beide halbwegs beherrschen, unterhalten wir uns nachmittags auf langen Waldspaziergängen. Auf dem Markt und in dem Basar hat er ein wenig hindostanisch aufgeschnappt und nun versucht er, mir in freudigem Diensteifer seine eigenen geringen Sprachkenntnisse beizubringen. Leidenschaftlich hat er sich auf eine Hindostani-Grammatik gestürzt, die er bei mir entdeckt hat, und studiert sie nun des Nachts, kommt dann triumphierend mit neuen Regeln, die er eben gelernt hat. Nijabodha ist voll Staunen, dass ich nicht rauche, nicht trinke, und dass es mir leicht fällt, kein Fleisch zu essen. Freilich, die Kost im Aschram ist karg und so scharf gewürzt, dass sie wie Feuer brennt. Gemüse und indisches Blätterbrot um elf Uhr vormittags. Ein kleiner Napf Gemüse und Brot um zehn Uhr nachts. (In den meisten indischen Aschrams gibt es aber nur eine Mahlzeit jeden Tag.) Beim Schein einer grellen Petromax-Laterne sitzen die Pilger in einer langen Reihe im Freien auf dem Boden zwischen den in der Nacht betäubend duftenden Blüten und warten auf das Essen. Menschen aus allen Teilen des riesigen Landes Indien und aus allen Kasten und Ständen sind hier zusammengekommen. Sie haben alle ihre Vergangenheit und allen ihren Besitz weggeworfen, um Sadhus zu sein. Nicht allen ist es gelungen, die Kastenunterschiede völlig zu vergessen, wie es eigentlich Vorschrift für den Sannyasi ist. Lange, manchmal erbitterte Gespräche hallen hie und da bis tief in die Nacht in meinen Schlafraum hinein. Dann ereifern sie sich über Speisegesetze. Auch Nijabodha kann stundenlang darüber reden. Täglich rücken neue Pilger ein. Sie bedecken jeden Fleck Bodens in dem Aschram. Bald sind es hundert, die das Pilgerhaus erfüllen. Und viele andere hausen noch in verschiedenen Gebäuden der Stadt. Auch nachts kommen sie an, pochen, Einlass fordernd, an die Glastüre des Aschram. Wie ein Lauffeuer hat sich die Kunde in ganz Indien verbreitet, dass das Komitee vollkommen für den Aufenthalt und die Ausrüstung und alle Kosten der weiten Pilgerfahrt sorgen wird. Manche sind wahre Heilige, einige tragen bloss das orangene Gewand eines Sadhu. Sie haben sich in Gruppen geteilt. Zu ebener Erde und im Dachgeschoss wird nun der Gottesdienst abgehalten. Von oben und von der Seite hallen abends die gleichen Hymnen an Schiwa zu mir herein. Fast die ganze Nacht werden in der Halle vor meinen Fenstern Kisten gepackt, Ausrüstungsgegenstände sortiert. Kulis kauern wartend auf dem Boden. Ein Riesenwerk ist zu verrichten. Die nächste Bahnstation ist von Almora hundertzwanzig Kilometer entfernt. Die Pilgerstrecke ist hin und zurück etwa tausend Kilometer lang und führt über sechstausend Meter hohe Pässe. Eine Strasse gibt es nicht. Jede Petromaxlampe, jeder Sack Reis muss auf dem Nacken eines Mannes geschleppt werden. Das Geld ist anscheinend knapp geworden, weil viel mehr Pilger gekommen sind, als erwartet wurden. Swami Nityananda, der alle Verantwortung auf sich genommen hat, ist mit seinem Tigerfell auf den Schultern, nach Delhi und Karachi gefahren, um bei reichen Kaufleuten Geld zu sammeln. Aber auch Indien spürt die Wirtschaftskrise. Unverrichteter Dinge und sorgenvoll und krank ist der Swami zurückgekommen. Das erstemal in seinem fünfundsechzigjährigen Leben hat ihn ein Fieber überfallen. Am nächsten Tag will er ungeachtet seines Zustandes nach Bombay reisen, zwei Tage und zwei Nächte fahren, um Geld für die Pilgerfahrten zu beschaffen. "Ich verzichte nie", sagte er abermals. "Es darf an Ausrüstungsmaterial nicht mangeln. Niemand darf auf dieser Pilgerfahrt sterben." Wir bilden eine grosse Familie in dem Pilgerhaus, eine manchmal lärmende Familie, die freilich oft zerklüftet ist, da täglich neue Wanderer ankommen und sich einquartieren. Wir müssen zusammenrücken. Der geräumige Dachboden des Bungalows, den man auf einer Leiter erreicht, ist schon voll von Pilgern, die zum Manasarowar und zum Berg Kailas wollen. Einer von ihnen, ein kraftvoller alter Mann mit weissem Stoppelbart, hat mich unter seinen besonderen Schutz genommen. Er war früher Maschineningenieur und hat lange in Europa gelebt. Er erzählte mir, dass er in seiner Jugend tausende von Dieselmotoren in Stockholm gebaut hatte. Sein einziger Besitz ist nun ein Buch, ein Kommentar zur Bhagavad-gita von Schankaracharya. Als er sah, dass ich mich dafür interessierte, wollte er es mir sofort schenken. Mit Mühe hielt ich ihn davon ab. Als meine Sandalen ein Loch bekamen, begleiteten er und der junge Tamile mich schützend nach Almora, damit ich Unerfahrener in der Stadt nicht betrogen würde. Der Schuster dort forderte bloss zwei Annas, das sind zehn Pfennige, für die Reparatur. Aber meine beiden Behüter wendeten dem Geldgierigen verächtlich den Rücken und zogen mich unter vielem Reden mit sich. Der Preis schien ihnen viel zu teuer. Ein anderer Schuster verlangte einen Anna, fünf Pfennige. Auch das war zu teuer. Wir wanderten strassauf und -ab, durch immer ärmlichere Gassen. Einer der vielen Flickschuster im Freien besserte schliesslich den Schaden, während ich barfuß daneben sass, sachgemäss für einen halben Anna aus. Meine Begleiter waren tief befriedigt. Freudig, wie nach einer siegreichen Schlacht, zogen wir zu dritt zwischen den blühenden Büschen der Hänge zu der Pilgerherberge im Walde zurück. Ich bin krank, habe Dysenterie (Ruhr = Durchfallerkrankung) bekommen. Das Wasser von Almora ist berüchtigt schlecht. Der kleine Tamile versucht, mich mit einer Medizin, die er mit sich führt, zu kurieren. Auch meine Augen brennen und tränen. Irgendeine scharfe Säure muss hineingekommen sein. Drei Tage war ich fast blind. Heute ist"s ein wenig besser. Draussen strömt ununterbrochen der Regen herab. Wann kommt Schri? Schri ist wieder da. Er ist einige Tage früher, als er beabsichtigte, zurückgekommen, weil er fühlte, dass ich ihn benötigte. Die Nächte verbringe ich zwar noch weiter in der überfüllten Pilgerherberge, aber den ganzen Tag bin ich unter der Obhut Schris in dem kleinen weissen Haus im Wald, das Schri Anandakutir nennt, Hütte der Seligkeit. Ein Brahmane in Almora hatte plötzlich den Einfall bekommen, ihm dieses Haus für Lebzeiten zur Verfügung zu stellen. Meine Augen sind geheilt. Schri erzählte mir, dass sich in alten Zeiten die Wahrheitssucher eine Schärfe in die Augen tropften, um zu erproben, ob sie auch unter Schmerzen ihre Gelassenheit und ihren inneren Frieden bewahren konnten. Sogar die Dysenterie ist geschwunden. Die Mahlzeiten nehme ich bei Schri ein; die zarte, leichte Kost, die von Govinda Singh, seinem Diener, mit grösster Hingabe für ihn bereitet wird, tut mir gut. Die tägliche Meditation verrichte ich wieder in Schris Meditationszimmer in seiner Gegenwart. Wenn ich die Augen aufschlage, blicke ich in sein Gesicht. Noch immer ist es nicht entschieden, ob wir schon heuer die Wanderung über die hohen Pässe zum Manasarowar-See und zum Berg Kailas in Tibet antreten, oder ob wir diesmal nur eine kleinere Erkundungsfahrt unternehmen werden. Schri hat mich aufgefordert, später mit ihm nach Nasik in sein Haus zu kommen und dort als sein Schüler, als sein Sohn, mit ihm zu leben.
1.6 Pilgerfahrt im Himalaja Top Nach der Morgenmeditation schrieb ich Tagebuch. Da klopfte Schri Maharadsch laut an die Türe des Meditationszimmers: "Wir gehen!" Ich schrak auf und zog mir eiligst die Schuhe an. Wir gingen zu dem Pilgerhaus, wo ich zu schlafen pflegte. Die Tage verbrachte ich jetzt immer mit Schri. Zwei gestickte Decken wurden für Schri in einen Armstuhl gebreitet. Auch ich sass diesmal auf einem Stuhl mitten unter den Sadhus, die auf dem Boden kauerten, und konnte sie ungestört betrachten. Ihre frischgemalten Stirnzeichen hatten heute Leben wie nie zuvor. Einer der Pilger hatte sich den ganzen oberen Teil des Gesichtes mit weisser Erde eingeschmiert. Hinter diesem kauerte ein ganz junger, fast ein Knabe, dessen gebogene Stirnfalten über der Nase wie eine Lotosblume aussahen. Einer war negerhaft dunkel. Zwei oder drei Männer hatten leuchtend weisse Spitzbärte. Königlich wirkte der alte, wohlgepflegte Sannyasi, der in der Säulenhalle vor meinem Zimmer schläft und jeden Morgen umständlich, wie eine junge Schöne, seine Gesichtsbemalung vorzunehmen pflegt. Immer neue Gesichter von Sadhus sah ich. Sie öffneten sich vor mir, gleichsam mit allen ihren Schicksalen aus früheren Leben beladen. Wir sangen. Der dicke, von Leben strotzende, gutmütige Swami mit der hohen eingestaubten Haartolle über dem Scheitel, Aufseher der Küche, der mich besonders betreute und heute morgen gerührt an seine Brust gedrückt hatte, gab den Text und die Melodie an. Wir sangen nach. Der Aufbruch war von grosser Feierlichkeit. In Viererreihen marschierten wir. Der Maharadscha, der von weit her zu dem festlichen Aufbruch gekommen war, neben diesem Schri Maharadsch und ich, wir Schritten zu dritt voran. Jeder von uns hatte gelbe Blumen in der Hand. Wir marschierten und sangen, dass die Strasse hallte. Die Menschen vor den Häusern standen still und falteten die Hände zum Gruss. Singend und die Blumen hochhaltend gingen wir über die Steinplatten des Basars von Almora, die endlose, mit Läden gesäumte Strasse auf dem Grat des Berges. Bald links, bald rechts sank der Blick hinab in das beiderseits der Stadt in Terrassen abfallende Land. Wir sangen. Heute, da die ersten auszogen zum Kailas, zu dem heiligen Berg, der Schiwas irdische Wohnung ist, war Montag, Schiwas Tag. Die Namen Gottes, die wir sangen, waren wie ein wogendes Meer. Ernst lag die ausgebreitete Landschaft zu unseren Füßen. Lange Nebelstreifen, viele Meilen weit, wanden sich wie dicke weissgraue Schlangen, die Schiwa um seinen Hals geschlungen trägt. Auf Wunsch Schris liessen wir die grosse Pilgerschar vorausziehen und bilden bloss eine kleine Gruppe. Die Wanderung ist bezaubernd. Sie führt durch eine vielgefaltete Waldwelt, wo zahllose klare Bäche den Himmel spiegeln. Von allen Seiten, durch Moos, aus Felsen und von riesigen Bäumen stürzt weisses Wasser herab. Fremdartige schöne leuchtende Blumen blühen sanft im Moos. Das Wasser, das hell von allen Seiten zusammenströmt, in Stromschnellen und Wasserfällen, wirkt gar nicht mehr irdisch. Himmelswasser, Wasser des Lebens. Der Ort, wo sich das schmale Tal zur Lichtwiese erweitert, heisst Jageshwar, das heisst: "Schiwa, Herr der Welt." Es ist einer der heiligsten Orte in Indien, ja auf Erden. Der Kult des Linga, des Symbols der kosmischen Zeugungskraft, Schiwa geweiht, ist von hier ausgegangen. Die Stätte heisst auch "der kleine Kailas". Der grosse Kailas liegt weiter im Norden, in Tibet, jenseits der vergletscherten ungeheuren Kämme des Himalaja. Ein weitberühmter Wallfahrtsort, aber ich habe keinen einzigen Kramladen dort gesehen. Ein oder zwei Dutzend unscheinbarer Holzhäuser, eine Holzwelt, wunderbar liebevoll geschnitztes Holz. Der Lebensbaum, das blühende Sonnenrad und ähnliche Symbole rahmen rot und blau, vom Alter nachgedunkelt, alle Fenster und Türen der Hütten ein. Und am Ufer, da wo das klare Wasser strömt, liegt der Tempelhof, von einer Mauer umgeben. Zwei grosse Tempel Schiwas und zahllose kleine Tempel, anderen Aspekten Gottes geweiht, ringsum. Die Schiwatempel haben Holzdächer auf Balustraden, weit an allen vier Seiten vorspringend, über steilen, schrägen Türmen. Sie sind nicht Schiwa, dem Zerstörer, sondern Schiwa, "dem Besieger des Todes" geweiht. In meinem orangefarbenen, langen Sadhu-Gewand schritt ich neben Schri durch die Höfe und kühlen feuchten Vorhallen und empfing Blüten vor jeder Pforte. Ich stand vor einem Bildwerk, vor einer roten Steinstatue Hanumans, des Affenkönigs, der den Fuß auf ein zerschmettertes Untier setzt, genau so, wie auf Bildern und Statuen in christlichen Ländern der Erzengel Michael über dem stürzenden Drachen steht. Nicht mit irdischer Kraft hat Hanuman das Untier besiegt. Hanuman steht ganz ruhevoll, tief in Meditation versunken; die Hand hat er auf seine hohe Stirn gelegt. Breit wölben sich seine tierischen Backenknochen vor. Unterwegs sah ich unter einem ungeheuren Baum ein anderes Hanumansteinbild, wie immer grellrot gefärbt. Dort trägt Hanuman einen Berg in seiner Hand. Ramas Bruder Lakshman war im Kampfe verwundet worden. Da beauftragte Rama seinen treuen Diener Hanuman, aus dem Himalaja eine bestimmte Pflanze zu holen. Hanuman flog im Nu von der Südspitze Indiens zum Himalaja. Da er aber die Pflanze dort nicht sogleich fand, riss er kurzerhand ein ganzes Gebirge mit allen seinen Wäldern und Bäumen und Kräutern aus und brachte es im Fluge zu Rama. Er meinte, die gewünschte Heilpflanze werde schon mit dabei sein. Schiwa und Rama und dessen Diener Hanuman sind die Herren dieses Gebirges und dieser Wälder. Auf Tempelmauern, auf Baumstämme, auf Felswände haben die Einsiedler, die in den Felsenhöhlen hausen, mit grossen, roten, indischen Buchstaben jenen Namen Gottes geschrieben, der ihnen am liebsten ist: Rama, Rama, Rama ... In seinem Herzen trägt Hanuman leuchtend den Namen Rama eingeritzt. Es heisst in den Sagen, dieser Gottesname gebe ihm alle seine Kraft. Es gibt etwa eine Million Dörfer in Indien. Vor der Mehrzahl dieser Dörfer befindet sich ein kleiner Hanumantempel. Das Volk glaubt, Hanuman halte die Dämonen ab, in das Dorf einzudringen. Es geht mir unendlich gut. Wir wandern und reiten friedvoll in Regen und Sonne durch den endlosen Wald. Eine Wanderung, wie von dem Märchenmaler Schwind, vom Dichter Eichendorff geschildert - aber heilig. Man geht aus dem winzigen Dorf den brausenden Fluss aufwärts, und aus den strömenden Wassern neigt sich Gott einem zu! Ich sitze auf dem Lehmboden einer grossen Stube unter dem altersbraunen niedrigen Dachgebälk in einem Nebengebäude des Schiwatempels. Es ist eine Pilgerherberge, in der wir hausen. Ein grelles Petromaxlicht ist an einem Dachbalken aufgehängt. Mit dem Kopf stösst man an das niedrige Gebälk an, wenn man unachtsam ist. Und doch ist dieser Dachboden ein geheiligter Raum. Derzeit ist die Stube voll Menschen. Schri sitzt auf einer gestickten Seidenmatte wie auf einem Thron, und ihm gegenüber am Boden kauern die Männer aus uralten Brahmanengeschlechtern, die gekommen sind, dem Maharadsch ihre Verehrung zu bezeugen und um eifrigst mit ihm über religiöse Dinge zu sprechen. Manche auch wollen von Krankheiten geheilt werden. Aus der Falltüre im Fußboden tauchen immer mehr Männer auf, ihre Schatten fallen auf mich. Eben sind Männer zu Schri gekommen, die ihm einen Gerichtsfall vortragen; Schri soll entscheiden. Mitten im Menschengewühl und Singen der Pilger, während das Brausen der abendlichen Wasser in die Stube dringt, sitze ich mit untergeschlagenen Beinen völlig ungestört und schreibe. Die letzten Nächte haben wir in staatlichen Forsthäusern verbracht, unendliche Waldberge ringsum. Nun sind wir zu dem bisher höchsten Punkt gelangt, zu dem Forsthaus "Berinag", das bedeutet "König der Schlangen". Mühsamste Wanderung. Auf und ab geht der Weg, endlos durch ein tropisches, heisses, tiefes Tal. Büffelkühe, Ziegen, Agaven, Bananen. Dann in der Mittagsglut steil aufwärts. Nun liegt die ungeheure Kette des Himalaja offen da, hinter drei Waldketten, diese unfassbar übertürmend. In der Mitte eine Eispyramide, etwa 8.000 Meter hoch, noch höher als die Wolkengebirge, die Nanda Devi (höchster indischer Berg im Himalaja: 7.816 m hoch). Berg neben Berg: Schiwas Weib, Schiwas Mägde, Schiwas Gefolge und eisgekantet in der Sonne gleissend, am nächsten und scheinbar am höchsten, ragt Schiwas, des Zerstörers, Dreizack: der Berg Trisul. Was begibt sich in Europa? Ist Krieg? Nach einem heissen Bad und einem erquickenden Essen bin ich wunderbar erfrischt. Wir wollen zwei Tage hier oben bleiben auf dem Schlangenberg. Rundum Nussbäume, Zedern und rotblühende, mir unbekannte Bäume. Dann haben wir nur drei Tagesmärsche bis Askot vor uns. Noch viele Male in die Täler hinab und die Kämme hinauf. Als ich durch den Wald, pfadlos und allein, das letzte Stück zum Bungalow Berinag auf dem Schlangenberge hinaufstieg, hörte ich feierliche Weda-Hymnen: von Schuljungen zu Ehren Schris gesungen. Uralte Musik, wie aus dem AUM herausflutend. Es war ein Knabenbund, unter Führung ihres Lehrers; sie trugen eine selbstverfertigte Gandhifahne. Das Gestein des Himalaja erinnert mich an das Gestein des Grand Canon in Nordamerika. Wenn man es in die Hand nimmt, erschrickt man. Es zerbröckelt, zerfällt in Staub. Es war unmöglich, mit einem solchen Stein einen Nagel in meine Schuhe einzuschlagen, von denen die Sohlen wehmütig herabhingen. In Askot, sagte man mir, gäbe es einen Schuster! Der Radscha von Askot, der uns in dem Rasthaus besuchte, brachte schlechte Nachrichten. Er berichtete, dass der friedliche, vielgewundene Kalifluss, auf den wir hinabblickten, sich in seinem Oberlauf wild empört hatte. Die Regen waren heftiger gewesen als jemals. Alle Brücken waren fortgeschwemmt worden, der schmale Weg vielfach verschüttet oder in die Tiefe gerissen. Die Scharen von Pilgern, die uns vorausgezogen waren, hatten unsägliche Leiden ausstehen müssen. Mehrere hatten den Tod gefunden. Nach langem Schweigen entschloss sich Schri umzukehren. Ich hatte mich manchmal gewundert, dass der gütige alte Mann oft seltsam zurückhaltend und abweisend gegen Nityananda gewesen war. Nun verstand ich Schri besser. Die grossen Prophezeihungen Nityanandas hatten sich nicht bewahrheitet. Er, der feierlich erklärt hatte, niemand werde auf dieser Pilgerfahrt sterben, hatte sich getäuscht, hatte sich und die anderen betrogen. Auch noch weitere betrübliche Mitteilungen erhielt Schri. Die Kaufleute, die anfänglich so bereitwillig Petroleumlampen, Regenschirme, Gummimäntel und Nahrungsmittel dem Komitee für die Pilgerfahrten geliefert hatten, hatten keine Bezahlung erhalten und machten Nityananda verantwortlich. Sie strengten Prozesse gegen ihn an. Viele Menschen behaupteten plötzlich, dass dieser Mann ein Hochstapler wäre, dass man ihn nie rechtmässig zu einem der Nachfolger Schankaracharyas gewählt hätte, denn für diese Würde besässe er gar nicht die erforderlichen Kenntnisse in Sanskrit. - Mir steht es nicht zu, ein Urteil über ihn abzugeben. Schwer ist es für den Neuling in Indien, sich nicht täuschen zu lassen und in der Menge der Asketen, die andere belügen oder sich selbst, einen wahren Gottgeweihten zu erkennen. Denn die Ewig-Beigesellten Gottes verhüllen sich gerne. Und es bedarf der göttlichen Gnade, um sie zu erkennen. Sehnsüchtig schaute ich von der Höhe von Askot auf die unberührten grünen Wälder, die Wiesen und wolkenverhangenen Gebirge des unabhängigen Landes Nepal hinab, die jenseits des glitzernden Kalistromes scheinbar dicht unter mir lagen. Es war eine wunderbare, lachende Landschaft. Sehr schmerzlich war es für mich, nicht weiter nach Norden wandern zu dürfen, denn im Gefolge Schris wäre mir Tibet, das verbotene Land, nicht verschlossen gewesen, wie den meisten europäischen oder amerikanischen Expeditionen. Es lag ja eine Einladung des Vizekönigs von Westtibet für Schri vor. Es gingen Gerüchte, dass fünfundzwanzig Pferde seit Wochen an der Grenze für ihn und sein Gefolge bereit standen. "Warte, bis es an der Zeit ist, Schiwa wird dich rufen", sagte Schri abermals. Zwei Tage waren wir in Askot. Beide Tage war auch der jüngere Bruder des Radscha bei uns im Bungalow. Die fürstliche Familie, deren Vorfahren das grosse Königreich Kumaon, von Sikkim bis Kabul, beherrscht hatten, lebt nun wie eine Gutsherrschaft oder wie eine Grossbauernfamilie inmitten des Dorfes Askot. Auch sie sind aus der Sonnendynastie, können ihr Geschlecht einige tausend Jahre zurückverfolgen. Bis vor 100 Jahren führte jeder aus der Königsfamilie den Beinamen Dewa (Gott). Als die Engländer im Jahre 1815 die frühere Hauptstadt Almora einnahmen und die fürstliche Familie sich nach Askot zurückzog, legten ihre Mitglieder den Namen Dewa ab. Noch einen Blick warf ich auf den vielgewundenen, von Sonne überschütteten Kalistrom, dann lief ich den anderen voraus, in den Wald hinein. Seltsam freudig war diese Rückwanderung nach Almora. Wieder viele Male die Berge empor, dann in tropische, heisse Täler hinab und wieder die jähen Abhänge auf steilen Pfaden emporklimmend. "Es bedeutet nicht allzuviel, zum irdischen Kailas zu gehen. Den wahren Berg Kailas, der in der eigenen Seele liegt, den muss man zu erreichen suchen!" so ähnlich hatte mir Schri schon in den ersten Tagen unseres Beisammenseins in den Instruktionen, die er mir gab, geschrieben. Immer näher schien mir der heilige Berg Schiwas zu kommen, auch wenn ich ihm nun den Rücken kehrte. Ich durchwanderte weiter sein Gefilde, ich träumte von ihm in vielen Nächten. Sein Eishaupt, seine goldenen Abhänge waren in meiner Seele, während ich einsam auf dem Heimweg abermals einige Falten des Himalaja überquerte. In jedem Rasthause, wo wir auf dem Heimmarsch übernachteten, gab mir Schri seine Unterweisung. Es begann in dem Rasthaus Tal (Tal heisst auf Hindi Tiefe, Grund), tief in einer brausenden Waldschlucht, dem niedrigsten Punkte der ganzen Wanderung. Aber die Schneeberge des Himalaja leuchteten in die Schlucht hinein. Schri sagte: "Heute ist der Gedenktag jenes Tages, da Krischna auf der Erde erschienen ist (19. August). Wir wollen diesen Tag feiern. Wir wollen zusammen in der Bhagavad-gita lesen. Vamandas, hast du die Gita mitgenommen?" Nein, ich hatte die Gita nicht mitgenommen. Das Buch war leider in Almora zurückgeblieben. "Welches Buch hast du mit?" "Nur Vivekachudamani, "das Kronjuwel der Unterscheidungskraft" von Schankaracharya." So kam es, dass ich an einem Geburtstage Gottes auf Erden am Grunde der tiefen Schlucht dieses grossartige, aber im Kerne atheistische Werk von Schankaracharya las. Auf der weiteren Wanderung, wenn ich auf- und abwärts schritt und lief, meditierte ich unausgesetzt über eines der Worte aus den Upanischaden, die Schankaracharya zu Grundpfeilern seiner Weltanschauung gemacht hatte: "aham brahmasmi" - ich bin das Brahman. Hinter dem mächtigen, vermessenen Wort verschwanden zeitweise Berg und Wald und Fluss und sogar die Schneehänge des Gebirges. Aber heimlich war ich indessen voll Scham. Ich sehnte mich nach dem Bande der Bhagavad-gita, die ich in dem kleinen weissen Hause unweit von Almora, genannt Anandakutir, Hütte der Seligkeit, in einem Koffer hatte liegen lassen. Ich sehnte mich nicht nach irgendeiner bestimmten Strophe, die ich nicht im Gedächtnis hatte bewahren können, nein, nach dem ganzen Buch, weil die Bhagavad-gita die Worte enthielt, die Gott, die Krischna selbst, mit eigenem Mund einst zu seinem Schüler Arjuna gesprochen hatte. Als ich nach Almora zurückgekehrt war und die kastenlosen Strassenfeger mit ihren Reisigbesen den scharfen weissen Staub zu hohen Wolken aufwirbelten, dass dieser mir in Mund und Nase drang, dachte ich freudig: "Auch das ist sein! Krischnas Staub wirbeln sie auf".
1.7 Anandapith – Sitz der Seligkeit Top An meinem Geburtstag bin ich wieder nach Almora zurückgekehrt und mir ist zumut, als ob ich nie weggewesen wäre. Nur noch grüner ist das Terrassenland geworden. Hoch steht das Getreide. Die Flüsse sind angeschwollen, aber klar. Und mir unbekannte Blumenbäume blühen wie Armleuchter mit weissen Flammen. Freudig wächst der Tag der Meditation entgegen.
Über sehr viele breite Ströme sind wir gefahren. Sandbänke und grüner Buschwald und Tempel an den Ufern. An uralten Häusern vorbei, wo die Menschen bei Kerzenlicht oder Öllampen saßen und laut Hymnen an die Götter sangen. In Muttra, der alten Stadt Mathura, wo die Schmalspurbahn in den Himalaja anfängt, mussten wir für einige Stunden die Fahrt unterbrechen. Es war am frühen Morgen. Ich fuhr mit Schri in die Stadt, in welcher der Tradition zufolge vor 5.000 Jahren Krischna geboren wurde. Wild-farbiges asiatisches Gedränge in den engen, gepflasterten Strassen. Ungeheure vierrädrige Büffelkarren, Kühe, gemächlich am Boden liegend, Händler, Bettler, von Lepra zerfressene Arme gierig in unser Auto hereinstreckend. Durch einen kümmerlichen, heissen Buschwald, der einstmals ein blühender Urwald war, fuhren wir auch nach Brindaban, wo Krischna unter den Hirten seine freudige Jugend verlebte. Nächstes Jahr wollen wir in der kühlen Zeit einige Monate hier verbringen. Diesmal sass ich mit Schri nur eine Weile im Schatten auf den Stufen, die in den Yamunastrom hinunterführten. Ich zog, wie er, die Strümpfe und Schuhe aus und streckte die Beine in das milchblau schimmernde Wasser, das strömend vorbeizog. Eine meiner Zehen war nach der langen Himalajawanderung heiss und geschwollen, pulsend und blaurot, wahrscheinlich mit Eiter gefüllt. Ich sagte zu Schri: "Vielleicht wird das Wasser des Yamuna meinen Fuß heilen". Er meinte ernst: "Gewiss wird es ihn heilen". Es war wohltuend, Gesicht, Hände und die übermüdeten Füße von dem weichen lauen Wasser überströmt zu fühlen. Fische kamen zutraulich auf uns zugeschwommen. Als ich näher hinblickte, sah ich, dass das, was ich für Fische gehalten hatte, Häupter und Hälse ziemlich grosser Schildkröten waren. Vorher hatte Schri, um Kupfergeld für die zahllosen Bettler zu bekommen, Blumen und Blumenketten von einer der Frauen, die auf der Strasse hockten, gekauft. Auf seinen Wink warf ich die Blumen opfernd in den Fluss, schöpfte mit hohlen Händen das helle Wasser und liess es langsam in die Flut verrinnen, während einer der Uferpriester ein Gebet dazu sprach. Dann stellte der Priester eine Muschel mit roter Farbe (mit der man das Zeichen auf die Stirne malt) neben mich auf die nasse Steinstufe. Ich tauchte den Finger in die Farbe und machte einer der Schildkröten das rote Zeichen auf die Stirne. Dann malte der Priester Schri und mir das heilige Zeichen Krischnas auf die Stirn. Am nächsten Tage, als wir in Nasik ankamen, war mein Fuß vollkommen geheilt. Nasik ist ein grosser Wallfahrtsort der Inder. Von allen Menschen aus den alten edlen Geschlechtern Indiens, die je auf der Pilgerfahrt nach Nasik kamen, werden die Stammbäume hier niedergelegt, die manchmal durch die Jahrtausende gehen. Das Haus Schris führt den Namen Anandapith, Sitz der Seligkeit. Es gleicht dem Herrenhaus auf einem Gutshof. Ein riesiges Zimmer dient als sein Empfangsraum. Auf einem Tigerfell liegen das weisse Tuch und die Polster seines Sitzes. Daneben befindet sich sein grosses Meditationszimmer. Gottesbilder und Bilder von Menschheitsführern, mit Blumen geschmückt, hängen an allen Wänden. In dem Empfangszimmer bei geöffneter Tür, ihm nah, aber ihn nicht störend, soll ich meine eigene Meditation verrichten. Nachts steht die Tür, welche mein Schlafzimmer mit Schris Schlafzimmer verbindet, weit offen. Wenn ich um drei oder um halb vier Uhr früh erwache, sehe ich stets, in immer erneuter Rührung, wie der alte Mann im blauen Sternenlicht aufrecht in seinem Bette sitzt und meditiert, für die gequälte Welt meditiert. Nachmittags rief mich Schri zu einer Wanderung auf seinem Grund. Schri ist ein freudiger Bauherr. Augenblicklich lässt er einen Tempel für Dattatreya (Dattatreya, der dreifach Begabte, eine Verkörperung der Dreigestalt Brahma, Vishnu und Shiva) bauen. Der Rohbau ist schon fertig. Wie eine weisse Blume leuchtet die Kuppel. Auch Dattatreya ist einer der Erlöser, der Avatare, die Gott, dem Glauben der Hindu zufolge, einst zum Heil der Welt aus seiner eigenen Fülle zur Erde entsandt hat. Mit drei Häuptern und sechs Armen wird Dattatreya abgebildet, weil man sagt, dass er die gesamte Kraft der indischen Trinität, Brahmas, Wischnus und Schiwas, in sich vereinigte, als er auf Erden die Menschen Weisheit und Gelassenheit lehrte. In seinen sechs Händen trägt er die tönende Muschel und den Lotos des Weltschöpfers, das richtende Rad und das Herrscherzepter des Welterhalters, den Dreizack und den Wasserkrug des Weltzerstörers. Tiefgründige Symbolik verbirgt sich hinter diesen sogenannten "Waffen" der drei Götter - die einer sind. Eine kleine Elfenbeinstatue Dattatreyas führte Schri in einem blauen Samtgehäuse auf allen seinen Wanderungen mit sich. In jedem Rasthaus stellte er die Statue auf. Blüten wurden zu ihren Füßen gestreut. Er sang mir Lieder zu Ehren Dattatreyas vor. "Er ist mein Guru, mein geistiger Lehrer", sagte er. Leer ist noch die Halle des neuen Tempels, über dessen Pforte das Wort AUM leuchtet. Das marmorne Bild des dreihäuptigen Dattatreya, das darin stehen soll, ist von dem jungen Bildhauer noch nicht vollendet worden. Wenn ich in die Stadt gehe, trage ich europäische Kleider, aber hier im Hause und auf dem Grundstück trage ich wieder den Dhoti, ein weisses hauchdünnes Gewebe statt der Hosen; die Luft weht hindurch, es ist in der Hitze unendlich angenehm. Nun werden langsam die Bananen reif, das erstemal an den jungen Sträuchern hier im Garten von Schri. Wie Hände mit grünen Fingern spreizen sie sich. Manchmal streben sie wie viele Kerzen an einem Kronleuchter aufwärts. Die herrlichsten Früchte aber sind die Mangos. Die Süsse und das Aroma des ganzen Weltalls scheint darin enthalten zu sein, doch sie verderben leider beim Versenden. Ich ging mit Schri durch die Mangohaine eines seiner Freunde, bei denen er manchmal zu Gast war während der Zeit, da er das Wanderleben eines Einsiedlers geführt hatte. Er tat dies viele Jahre lang. An langen grünen dünnen Stengeln hängen die Früchte zu Hunderten aus den Kronen der alten riesigen Bäume herab. Goldgelb oder lila oder purpurrot, viele Dutzende von Spielarten. "Wie Papageien", meinte Schri. Ich fand, die Früchte hängen an den dünnen Stengeln wie die goldenen und silbernen Nüsse an einem Weihnachtsbaum. - Zwischen den Mangopflanzungen breiten sich Weingärten. Statt der Pfähle sind schlanke Bäume mit schmalen, hohen Kronen gepflanzt. Man geht unter den Ranken wie durch Laubengänge. Die Trauben von Nasik sind berühmt. Die Ernte ist im April. Hie und da sieht man ein Weizenfeld, einen Schöpfbrunnen. Ein Büffelgespann zieht den biblischen Ledersack, von Wasser triefend, aus dem runden, tiefen Schacht empor. Eine Autofahrt auf der Landstrasse Agra-Bombay: eine endlose Allee uralter indischer Feigenbäume, manche sechshundert Jahre alt. Dazwischen unvorstellbar armselige Lehmhütten, mit rostigen Blechabfällen gedeckt. Schri klatschte in die Hände. Damit rief er mich und heischte stumm von mir, ich sollte die Meditation beginnen. Ein Gast sass in seinem Zimmer, ein bald leiseres und bald lauteres Gespräch wurde geführt. Schri hatte einen Blumenkranz um die Brust, Blumen in der Hand. Ich setzte mich zur Meditation hin und streifte den Gedanken ab: Warum ruft er mich jetzt? Warum will er, dass ich in Gegenwart eines anderen meditiere? "Wenn die Sinne, Auge, Ohr, mich in der Meditation stören, was soll ich tun?" fragte ich Schri einmal. Schri antwortete: "Sag ihnen sanft: Auge, deine Aufgabe ist jetzt nicht, nach aussen zu sehen, sondern nach innen zu sehen, das geistige Licht zu sehen. Ohr, deine Aufgabe ist jetzt nicht nach aussen zu hören, sondern die innere Musik zu hören". Das half. Die innere Anstrengung war nun eine Hilfe beim Konzentrieren. - Als ich aufstand, war der Gast gegangen, und auch Schri hatte seine Meditation beendet. Mein Blick fiel auf ein Bild an der Wand, das ich bisher nicht beachtet hatte. Ein golden strahlender junger Mensch am Ufer eines Stromes mit erhobenen Armen war darauf dargestellt. Schri freute sich über meine Frage. "Das ist Krischna- Chaitanya", berichtete er, "der vor einigen hundert Jahren zur Zeit der Entdeckung Amerikas (1486 bis 1533 n. Chr.) in Bengalen lebte und den viele als den wiedergekehrten Krischna verehren. Ganz Bengalen widerhallt noch immer von den Liedern zu seiner Ehre". Damals, als ich zum erstenmal den
Namen des verborgenen Avatars des finsteren Zeitalters hörte, ahnte ich
noch nicht, dass Krischna-Chaitanya die kommenden schweren Jahre meines
Aufenthaltes in Indien erleuchten und allmählich der Mittelpunkt meines
ganzen Lebens werden würde.
1.8 Gottesmajestät Top Schris Meditationskammer in Nasik war gleichsam wie mit blendendem Gold ausgeschlagen von der in Jahren der geistigen Versenkung angesammelten Kraft. In diesem Raum und in dem grossen luftigen Arbeitszimmer daneben erzählte mir mein Lehrer viele wunderbare Geschichten. Die erste der folgenden Legenden
stammt von Krischna-Chaitanya selber. Anscheinend schildert sie bloss
in mächtigen Bildern voll tropisch blühender Phantasie die göttliche
Majestät, die unser Weltall durchwirkt. Doch sie ist nur ein Gleichnis.
"Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis". Auch unser Weltall ist
vergänglich. Auch das Amt eines Brahma, die Herrschaft eines
Weltschöpfers über ein Weltall, ist nach indischer Anschauung
vergänglich. Selbst dann noch, wenn sie Billionen Jahre währt
Stillschweigend wird der innere Blick des Schülers, der dieses
Gleichnis hört, auf das verborgene, das unvergängliche Reich
hingewiesen, das Reich, das "nicht von dieser Welt" ist.
1.9 Krischna und Brahma Top Chaitanya erzählte einmal seinen Jüngern: Die vielfältige Göttlichkeit Krischnas in seinem eigenen Reich ist über aller Ausdrucksmöglichkeit. Höret deshalb von jenem Bruchteil seiner Göttlichkeit, wie sie sich in der Majestät des Weltalls offenbart. Eines Tages kam Brahma, der Schöpfer der Welt, nach Dvaraka (Dwarka im Bundesstaat Gujarat), um Krischna zu sehen. Der Pförtner brachte die Meldung zu Krischna. Dieser fragte: "Welcher Brahma?" Der Pförtner kam zurück und wiederholte die Frage: "Krischna will wissen, welcher Brahma du bist". Ungeduldig und verblüfft antwortete der Weltschöpfer: "Geh und sage ihm, es ist der vierhäuptige Brahma". Nachdem der Pförtner Krischnas Erlaubnis eingeholt hatte, führte er den Schöpfer des Himmels und der Erde hinein. Brahma warf sich anbetend zu Krischnas Füßen nieder, der ihm Ehren bezeigte und ihn nach dem Grund seines Besuches befragte. Brahma antwortete: "Ich werde dir das später berichten. Zuerst aber erkläre mir, was meintest du, als du fragtest: "Welcher Brahma?". Krischna begann zu lächeln und versank in Meditation und augenblicklich kamen unzählbare Scharen von Brahmas herbei - solche mit zehn Häuptern, solche mit zwanzig, solche mit hundert, mit tausend, einer Million, selbst einer Milliarde Häuptern; es war über aller Macht, ihre Häupter zu zählen. Schiwas kamen mit Millionen und aber Millionen Armen. Indras erschienen mit Millionen Augen. Bei diesem Anblick verlor der vierhäuptige Brahma fast die Besinnung, wie ein Hase, der von einer Herde von Elefanten umringt wird. Alle diese Brahmas warfen sich vor dem Throne Krischnas nieder, der von ihren gesenkten Kronen berührt wurde. Sein Thron, umringt von den Kronen der Brahmas, begann zu tönen; es war, als ob all die Kronen Preislieder über seinen Thronsitz sängen. Mit gefalteten Händen preisen die Brahmas, Schiwas und anderen Gottheiten Krischna: "Herr, gross ist deine Barmherzigkeit uns gegenüber, dass du uns deine Füße sehen liessest. O, unser unendliches Glück, du hast uns gerufen und uns als deine Diener angenommen. Befiehl uns und wir werden dich auf unseren Häuptern tragen." Krischna antwortete: "Ich hatte Sehnsucht, euch zu sehen, und so rief ich euch alle zusammen. Seid ihr zufrieden? Habt ihr irgend etwas von den Dämonen zu fürchten?" Sie antworteten: "Dank deiner Gnade sind wir siegreich überall. Zuletzt hast du, indem du auf der Erde erschienst, die Last der Sünden zerstört, welche die Erde in den Abgrund niederzog". Nun verabschiedete Krischna die Brahmas, Schiwas und Indras und sie kehrten heim, sich vor ihm niederbeugend. Der vierhäuptige Brahma unseres Weltalls warf sich zu Krischnas Füßen nieder und sagte: "An diesem Tage ist mir wieder bewusst geworden, was ich doch schon einstmals in meinem Geiste gewusst hatte". Krischna antwortete: "Dieses
Weltall, obwohl viele Hunderte Millionen Meilen im Umfang, ist sehr
klein. Daher hast du nur vier Häupter. Andere Weltenräume messen
tausend Millionen, hunderttausend Millionen, Millionen mal Millionen
Meilen im Umfang, und deren Brahmas haben Häupter in solcher Anzahl,
die diesen Grössen angemessen sind ... So trage ich die Reiche aller
Weltenräume. Selbst meine der Welt zugekehrte Göttlichkeit ist
unermesslich. Wer will das Mass meiner verborgenen Göttlichkeit
erahnen?"
1.10 Brahma - Wischnu – Schiwa Top Als ob Schri mein erschrecktes Herz aus der aufgerissenen Unendlichkeit Gottes heimführen wollte in wärmere, erdnähere Gründe, erzählte er mir eine andere Geschichte. Sie ist fast ein kosmischer Sketsch, der aber freilich vom Pulsschlag des Verborgenen durchzittert ist. Schiwa hatte einst den gar nicht zu Ende gediehenen Gedanken - es war bloss ein Samen dieses Gedankens: "Wie wäre es, wenn ich aufhören würde, zu zerstören?" Kaum war dieser Gedanke in ihm aufgetaucht, kam Brahma, der Schöpfer, herbei und sagte: "Du, wie wäre es, wenn ich aufhören würde, das Weltall zu schaffen?" In diesem Augenblick kam Wischnu, der Erhalter, und sagte zu ihnen: "Was meint ihr, wie wäre es, wenn ich aufhören würde, das Weltall zu tragen?" - "Ich werde aufhören zu schaffen!" "Ich werde aufhören zu zerstören!" "Ich werde aufhören zu tragen!" So riefen die Götter und tanzten und klatschten in die Hände. Während sie sich so gebärdeten, kam aus dem Unbekannten ein Wagen hergerollt. Staunend sahen die Götter, dass dieser Wagen mit nichts als mit Eiern gefüllt war. Der Wagen neigte sich und die Eier fielen heraus. Und wenn ein Ei niederfiel und die Schale zerbrach, kam ein Brahma, ein Schöpfer, aus dem einen Ei. Und wo ein anderes Ei niederfiel, kam ein Wischnu, ein Erhalter, heraus. Und wo ein weiteres Ei niederfiel, kam ein Schiwa, ein Zerstörer, heraus. Und immer neue Eier entfielen dem Wagen. Da erschraken die Götter und falteten die Hände und warfen sich vor dem Allerhöchsten nieder, vor dem sie sich als gering und entbehrlich erkannten. Jäh verschwand der Wagen. Und Brahma und Wischnu und Schiwa kehrten zu ihrem Werke zurück.
1.11 Krischna und Narada Top Noch tiefer in die Flut der grossen Täuschung, der Maya, führt die Geschichte des "göttlichen Rishis" Narada, der zu den vertrauten Freunden Krischnas gehört, und den Krischna anspricht: "Du bist mein Auge". Denn Narada durchwandert immerdar die drei Welten, um nach Wesen auszuspähen, die der Befreiung aus der Wandelwelt würdig sind. Selbst der hohe Rishi Narada aber ist, wenn es Gott so gefällt, der zaubergewaltigen Täuschung unterworfen. Doch auch diese Täuschung, die Maya, ist Gottes. Einmal suchte der weise Narada Krischna auf. Dieser stand vor seinem Palast und lud ihn ein: "Das Mahl ist gleich fertig, iss mit mir!" Freudig dankte Narada: "Ja, ich will nur rasch ein Bad in dem Flusse nehmen. In fünf Minuten komme ich". - Er stieg in die Flut, und als er in die Wellen eintauchte, fühlte er staunend, wie er zu einem jungen Weibe wurde. Verwundert betastete er sein langes Haar, seine Brüste, seinen Leib. Noch war ihm Erinnerung geblieben, dass er ja Narada, der grosse Weise, war. Aber je mehr ihn das Wasser benetzte, desto mehr vergass er es. Er war Naradi, das junge Weib. Ein junger Mann ging am Ufer. Sie fasste ihn bei der Hand. Er führte sie in sein Haus. Sie lebte mit ihm. Zahllose Kinder gebar sie. Ihre Schönheit schwand. Die Kinder schrien und begehrten dies und das. Mühseligkeiten des Lebens hüllten sie ein. Krank wurde sie, alt. Sie schrie zu Gott. Im gleichen Augenblick war sie wieder Narada, der Weise. Der Herr stand am Tore seines Palastes und rief: "Narada, die fünf Minuten sind vergangen, das Mahl ist bereit". In die Wasser der Weltenmaya, deren Herr Krischna ist, war Narada untergetaucht. Diese Geschichte ist besonders volkstümlich und wird von den Menschen sehr geliebt. Sie ist sogar zu einem grossen Film verarbeitet worden, der lange Zeit in zahllosen Tonkinos des weiten Landes gespielt worden ist. Die stärksten Filmerfolge in Indien sind erstaunlicherweise nicht, wie im Westen, Gesellschaftsdramen, Gangster-, Abenteurer- und Kriminalfilme. Jene Filme, die vor vollbesetzten Häusern in Indien zuweilen Jahre hindurch gespielt werden, sind Geschichten von der Macht und Liebe des allwaltenden Gottes, der immer neue Heilande und Boten zur Erde herabsendet. Einmal sass ich mitten unterm Volk auf den rohen Bretterbänken des billigsten Platzes eines überfüllten Tonkinos in Nasik, welches einer riesigen Scheune glich. Ich war wohl der einzige Weisse in der Zuschauermenge. Manchmal liefen Ratten, einander jagend, dicht an unseren Füßen vorbei. Keiner achtete darauf. Wir waren alle im Banne des Spieles. Ein entzückter Aufschrei durchscholl das Haus. In ihrer Erregung umklammerten meine Sitznachbarn links und rechts, ganz fremde Männer, meine Arme und Hände. Atemlos fragten sie mich, ob ich, der Europäer, nur ja richtig gesehen habe, nur ja richtig verstanden habe, wie Gott eben eingegriffen hat. Froh nickte ich: Ja, ich hatte verstanden. Vor uns auf der Filmleinwand taumelte der wunderbar befreite Seher aus seinem dunklen Kerker auf die lichtüberflutete Strasse hinaus. Er breitete die Arme aus und sang jubelnd den Gottesnamen "Rama". Die Menschenmassen, die ringsum die Strassen säumen, fielen jauchzend ein und sangen: "Rama, Rama ... !" Aber nicht bloss das Volk auf der flimmernden Leinwand sang, sondern auch fast alle Zuschauer im Kino waren begeistert aufgesprungen und sangen so laut, dass man glaubte, das Dach des Hauses würde gesprengt werden: "Rama, Rama, Rama ..." Mit voller Kraft ihrer Stimme sangen sie den mächtigen Mantra von dem göttlichen Heiland Rama, der die Gefallenen aufhebt und läutert. Nun saßen sie Zuschauer wieder still und lauschten, als der Held, der so viel Schweres geduldig erlitten hatte, leise flüsternd zu Gott betete: "Du bist unser Vater. Du bist unsere Mutter. Du bist unser geliebter Freund. Du bist die Quelle unserer Kraft. Der du die Last dieses Weltalls trägst, hilf uns die kleine Last unseres Lebens zu tragen." Man darf sich die indischen religiösen Filme nicht kitschig oder süsslich vorstellen. Sie sind für westlichen Geschmack vielleicht allzulang und zerdehnt, doch sie sind voll Spass und voll von derbem, saftigen Volksleben; und einzelne Szenen sind oft ein grosses Kunstwerk. Bei einem Wettbewerb in Venedig, so hörte ich, wo seinerzeit der beste Film des Jahres ausgewählt werden sollte, hat einer dieser religiösen indischen Filme die beiden höchsten Auszeichnungen erhalten, die damals verliehen wurden. Einige Monate war ich weit weg, versunken im Orient; aber dann strebten in mir wieder Osten und Westen mächtig zusammen. Und als ich jeden Abend mit Schri in dem Bhagavata-Purana las, brachen plötzlich Türen in germanische Vorzeit auf, ich entsann mich der Runen und deren Weisheit. Ich übersetzte für Schri aus dem Stegreif aus der Edda. "Valuspa, der Seherin Gesicht ..." Ich las ihm auch eine Zeitlang täglich aus der Bibel vor. Die Abschnitte über Abraham, Josef, Salomon, Zedekia, Elias, aus dem Buche Jesaias, vor allem den Römer- und den Korintherbrief des Paulus. Er meinte, einer der dunkelsten Schatten, die über das Alte Testament gefallen sind, läge in dem Wort: "Aus Staub bist du geworden und zu Staub sollst du wieder werden". "Nein", rief Schri, "aus Licht ist der Mensch geworden, und zu Licht soll er wieder werden!"
1.12 Festtage mit Schri Top Am Märzvollmond war Schris 59. Geburtstag. Wir waren alle eingeladen, den Festtag in Ranas Heim in Sadra (Bundesstaat Gujarat) zu feiern. Rana und ein mir fremder Brahmane vollzogen vor uns eine lange kultische Zeremonie. Wir, Schris Schüler, und seine erwachsenen Söhne und Töchter nahmen daran teil. Ich verstand bloss einige der Sanskritworte aus den uralten Wedahymnen - die zu Schris Füßen im Wechselgesang von den Kauernden gesungen wurden. "Schanti, Schanti, Schanti ...!" Frieden, Frieden, Frieden! - Mit Blumen wurde Schri überschüttet. Milch und Wasser wurde zuletzt über ihn gegossen. Wir streckten die Hände über Reihen von Kerzenflammen, die vor ihm gebrannt hatten, und fachten diese an, dass sie auch uns anhauchten. Als ich mich zu Schris Füßen niederbeugte, um sie mit meiner Stirn zu berühren, voll tiefer Liebe und Dankbarkeit, legte er seine Arme liebreich um mich, legte seine Hände auf meine Wangen und sagte erfreut: "Das ist gut, dass du hier bist, Vamanji". Die Silbe ji (dschi) ist eine Freundlichkeitsform, leise Zärtlichkeitsform, die er selten anwendete. Sie bedeutet eigentlich das uralte Wort "arya" (Edler). Gegen Abend war dann noch eine Art Gottesdienst vor vielen Gästen. Auch einige indische Fürsten aus der Umgebung waren gekommen. Inmitten des leergeräumten grossen Speisesaals im Erdgeschoss waren vier Bananen-stauden im Viereck aufgebaut: Sinnbild der Weltschöpfung. Davor wieder zahllose Blumen, Früchte, Süssigkeiten, Reihen brennender Kerzen und glühender Räucherstäbchen. Im Dank für die Schöpfung wurde alles nun der Gottheit geopfert, mit erhobenen Händen dargereicht, am Schluss dann unter die Menschen verteilt. - Einer der Gäste war ein älterer Mann, ein Postmeister aus einem kleinen indischen Dorf im Süden. Vor vielen Jahren kam Schri auf einer seiner Wanderungen in dieses Postamt, um eine Auskunft zu erbitten. Der Postmeister war auf den ersten Blick hin so betroffen vom Aussehen Schris, von dessen sichtbarer Heiligkeit, dass er ihn am gleichen Tage aufsuchte. Seit dieser Begegnung lebte in ihm eine demütige, verehrungsvolle Liebe zu Schri. Wenn der Postmeister einmal ein paar Tage Urlaub bekam, fragte er stets vorher bei diesem an, ob er zu ihm kommen dürfe, und so war er jetzt auch zu dem Geburtstagsfest seines Gurus gekommen. In zwei Jahren wollte er in Pension gehen und hoffte, dann ganz bei Schri zu leben, um ihm zu dienen. Er sprach mich an: "Wie glücklich Sie sind, Sie haben den Segen Schris und sind immer mit ihm beisammen.". Rana war wie ein Bruder zu mir. Er wohnte in einem herrlichen hellen Herrenhaus, dessen Dach auf weissen Säulen ruhte. Riesige, hohe Bäume gaben Schatten, die Wände waren hellgrün getüncht; zwei Tigerfelle hingen ausgespannt in der Halle, die Felle eines Tigers und einer Tigerin, die von ihm geschossen worden waren. Die Decken waren weiss und braun getäfelt. Vor dem Hause dehnte sich ein grüner Wiesenplan, mit schimmernden, hochstengligen farbigen Blumen, Fruchtbäumchen voller Früchte und alten knorrigen Laubbäumen; es kostete einem Dutzend indischer Diener viele Mühe, mit Wasserkübeln den Rasenfleck frisch und grün zu erhalten. Denn alles Land war gelb ausgedörrt, von der glühenden Sonne vergilbt. Die Strassen waren von feinstem Staub dicht bedeckt. Weich wie ein Federpolster lag er auf allen Wegen. Riesige Staubwolken lagerten auf den Strassen, aufgewühlt von den wandernden Viehherden, Bettlern und Asketen, deren nackte Füße durch diesen Staub schritten. Dazwischen spazierten Scharen riesenhafter wilder Pfauen und schrien. Kamele und Büffelherden wanderten über die weite Steppe. Die Laubkronen der Bäume waren voll von weissen Eichhörnchen und Herden silbergrauer, grosser Affen. Einer der vielen Diener Ranas hatte bloss das Amt zu versehen, die Affen ein wenig in Schach zu halten. Mit Pfeil und Bogen, der Pfeil hatte eine Gummikugel als Spitze, schoss er zuweilen nach ihnen, um die allzu frechen zu verscheuchen. Die Affen sprangen auf das Dach des Autos, als Rana uns abholte. Sie tanzten nachts auf dem Zelt, in dem ich schlief, solange das Haus voller Gäste war. Es war ein behagliches indisches Offizierszelt mit doppeltem Segeltuch. Ein Zelt stand in einem anderen Zelt, um gegen die Sonne zu schützen. Innen lag ein Teppich, standen Bett, Liegestuhl, Armsessel, Schreibtisch und anschliessend barg es noch eine Art Veranda und einen Baderaum. Es war eine Freude, im Liegestuhl zu liegen und in das aufsprossende junge Laub zu schauen, den Affen zuzusehen. Die Affen leben von den hellen, grünen Blättern. Man sagte mir, es soll eine überaus gesunde Nahrung sein. Wenn man tote Affen findet, so haben sie meistens Wunden oder Kratzer. Hat nämlich ein Affe eine Verletzung, dann kommt die ganze Familie von weither zusammen, betastet zärtlich die Wunde, macht sie dadurch immer grösser, infiziert sie und das Tier geht ein. Schri war zufrieden, dass die Affen nachts auf dem Dache meines Zeltes ihr Spiele trieben. "Sie beschützen dich. Hanuman, der Affenkönig, beschützt dich", sagte er scherzend. Schris Geburtstag war an einem Vollmondtag im März. Die Inder zählen ihre Gedenktage nicht nach den Monatstagen. Sie sagen, er ist am Vollmond oder Neumond eines Monats geboren. Oder am so oder sovielten Tage des aufsteigenden oder schwindenden Mondes. Der schimmernde Mond beherrscht das Jahr. Am zweiten Tage des Festes wurden von Rana zu Ehren Schris etwa zweihundert Brahmanen gespeist. Sie assen im Hof, auf dem Boden. Einige Köche waren für diesen Tag angeworben worden, denn Rana hatte gleichzeitig noch etwa zwanzig oder dreissig andere Gäste, die in der Halle im Erdgeschoss assen. Schon seit einigen Tagen hatten Männer den Platz im Hofe, der ab vier Uhr nachmittags im Schatten lag, aus Giesskannen viele Stunden lang mit Wasser begossen, um den Staub zu binden und eine glatte, feste Fläche herzustellen. Hier saßen nun wartend die Brahmanen mit untergeschlagenen Beinen in zwei langen Reihen einander gegenüber. Viele ganz alte Männer, auch kleine Jungen waren darunter, alle hatten den braunen Oberkörper entblösst, nur die Brahmanenschnur um den Nacken geschlungen. Vom Gürtel abwärts waren sie in farbenprächtige blaue, rote, grüne oder violette Gewänder gehüllt. In anderen langen Reihen saßen die Frauen, ganz in edle Seide gekleidet, manche auch in kleinen Sondergruppen, nach Unterkasten eingeteilt. Geduldig und friedvoll schweigend warteten sie, eine halbe Stunde, fast eine Stunde lang. Denn die Bereitung des Mahles für die Vielen erforderte Zeit. In Europa wäre bei ähnlicher Gelegenheit gewiss allmählich ein grosser Lärm entstanden. Indessen begannen Helfer aus Bananenblättern geflochtene grosse Schüsseln vor jeden Geladenen auf die Erde hinzustellen, dann aus gleichen Blättern geflochtene Schalen für die kraftvolle Brühe aus Dal (Dal ist ein wichtiges Gericht der indischen Küche, das vorwiegend aus Linsen, aber auch aus Kichererbsen, Bohnen oder Erbsen zubereitet wird. Durch die lange Kochzeit zerkochen die Hülsenfrüchte zu einer Art Brei, der mit Kreuzkümmel, Koriandersamen, Knoblauch, Zwiebeln, Chilis, Ingwer und anderen Gewürzen kräftig gewürzt wird. Dal ist ein Grundnahrungsmittel in Indien.). Grosse braune Kugeln, aus Zucker, Mehl und zerlassener Butter bereitet, wurden vor jeden Sitzenden hingelegt. Wer wollte, bekam zwei, drei, vier solche Zuckerkugeln; wer genug hatte, wehrte schweigend mit einer Handbewegung ab. Dann griffen die aufwartenden Diener, welche die Reihen entlangschritten, mit den Händen tief in die Metallkessel und häuften Reis auf die Bananenblätterschüsseln und träufelten dann heisse Butter darauf. In Häufchen wurden viele verschiedenartige Gemüse rings um den Reis gesetzt. Verschiedenartiges Blätterbrot wurde verteilt. Noch immer warteten die Gäste still und würdevoll, bis der Gastgeber ein Zeichen gab. Dann sangen sie alle im Chor eine Hymne an Schiwa und dann erst griffen sie zu mit der rechten Hand und begannen heiter zu schmausen. Es ist eine hohe Kunst, die ich trotz mancherlei Bemühungen noch lange nicht beherrsche, reinlich und anmutig wie dieses Volk säuberlich mit der rechten Hand zu essen, mit der rechten Hand allein den Reis zu kneten und mit Gemüsesaft zu durchfeuchten und zum Munde zu führen. Es ist nicht einmal leicht, mit der rechten Hand allein ohne Hilfe der Linken das Brot zu brechen, wie es Vorschrift ist und wie es diese Gäste, meistens sehr arme Leute mühelos zustande brachten. Unablässig trugen die Diener indessen neue Gerichte herein, neuen Reis, neues Fladenbrot, neue Zuckerkugeln. Gierig äugten die Affen. Der Oktoberneumond bringt das allermeiste Glück im Jahr. An diesem Tag hat Rama den Dämon Ravana mit den zehn Häuptern erschlagen. Alle Schulen beginnen deshalb in Indien mit diesem Fest ihren Unterricht, zum Krieg zogen in früherer Zeit die indischen Heere an diesem glückbringenden Tage aus. "Divali" ist auch Erntedankfest, "Divali" ist Winterbeginn und Beginn eines neuen Jahres. Wie die Woge solcher Feste einen ergreift! In der Dämmerung, am frühen Morgen, beginnt das Feuerwerk in der freudigerregten Stadt. Oben, unten, an allen Ecken knallt es. Die kleinen Buben, die vier- und fünfjährigen, besorgen dies voll Eifer. Es knallt unter den Füßen und rechts und links sprühen Funken, wenn man über die Strasse geht. Und vier Tage lang, ununterbrochen, wird in dem ganzen Land geschmaust. Morgens, um fünf Uhr, vor Sonnenaufgang, badet man schon und fängt an zu essen. Und zwischen den Mahlzeiten gibt es Backwerk und Aschantinüsse und Fladen, mit Kokosnussmus gefüllt. Und mittags safrangelben süssen Reis und viele mir bis dahin unbekannte Gerichte. Schri und seine ganze Familie, Söhne, Töchter, Schwiegertöchter, Schwiegersöhne, Enkel, andere Gäste und deren Diener, wir alle saßen auf ganz niedrigen Schemeln mit untergeschlagenen Beinen. Wir saßen in genau abgestufter Rangordnung. Der Hausherr hatte einen Schemel mit einer Lehne und einem ganz niedrigen Tischchen. Ich hatte einen Schemel mit einer Lehne, doch mein Tisch war wie bei allen anderen, die keine Lehne hatten, ein riesiges grünes Bananenblatt auf dem SteinFußboden. Um jeden "Tisch" war mit purpurner Kreide ein freudiger Zierat auf die Steinplatten des Bodens gemalt. Es sah aus wie ein Lotos. Fortwährend wurden die Silberschalen und Näpfe auf den "Tischchen" mit neuen Gemüsen angefüllt. Oder die Speisen wurden auch oftmals in kleinen gesonderten Häufchen auf das Bananenblatt gelegt. Mit Reis und "Dal" und verschiedenartigsten Gemüsen und Salaten und verschiedenen Butterarten begann das Mahl. Dann kamen die süssen Speisen. Und mit Reis und Gemüsen und Joghurtmilch hörte das Essen auf. Der "Tisch" war niedriger als der Sitz. Das Hinablangen war mühsam. Die Füße waren mir eingeschlafen und kalt nach dem langen Kauern mit untergeschlagenen Beinen. Mühsam humpelte ich am Ende der Mahlzeit hinaus, zum grossen Vergnügen und unter freundschaftlichem Gelächter der andern. Aber ich teilte damals die Festfreude der andern so sehr, dass ich mich von Herzen mitfreute, auch wenn man über mich lachte, über mein noch immer nicht ganz indisches Benehmen beim Mahl. Am Abend des glückbringenden Tages fuhren wir aus, um Besuche zu machen. In viele Geschäfte der Stadt gingen wir. Alle Läden waren strahlend erleuchtet, von frohen Menschen erfüllt. Es waren diesmal keine Käufer. Die Menschen waren gekommen, sich gegenseitig Glück zu wünschen. Überall wurden wir und die anderen Gäste freudig empfangen, wurden uns duftende Essenzen auf den Rücken der rechten Hand gestrichen, andere um den Kopf gestäubt. "Die Ernte war gut", berichtete der Geschäftsinhaber mit Befriedigung. Eine Schüssel mit vielen Gewürzen wurde uns allen gereicht. Betelblätter und Blumensträusse empfingen wir. Kränze wurden uns um den Hals geschlungen. Mit einer duftenden Last von Blumen und Backwerk fuhren wir heim. Alle Taschen hatte ich mit Süssigkeiten angefüllt. Nirgends gab es Bier, nirgends Wein oder sonst etwas Berauschendes. Ich habe damals keinen einzigen Betrunkenen gesehen. Nicht nur die Hindus, auch manche Mohammedaner in Indien sah ich froh das Lampenfest feiern. Auch vor den ärmsten Hütten brannten an diesem Abend die Lampen, auch vor Hütten, wo die Bewohner so bitter arm waren, dass sie bloss einmal im Jahre ein Licht anzünden können, beim Fest "Divali" (Divali = Lichterfest, kann mit Weihnachten in der westlichen Welt verglichen werden). Ausnahmsweise habe ich mich europäisch angezogen, das Dinnerjacket und die weissen Schuhe, die ich noch nie trug, da wir von Takore Sahib, dem Herrscher des Staates Vasana, zum Mittagessen eingeladen waren. Er hatte einen entzückenden kleinen Jungen, der mich fragte, ob ich ein Heiliger werden wolle, weil ich indische Tracht trug. Der Takore Sahib war ein junger Witwer, einer der kleinen Fürsten in Indien und kein reicher Mann. Doch hatte er ein Chevrolet-Auto und einen Premierminister "Divan" genannt. Eine unbeschreibliche Heiterkeit lag über allen diesen Mahlzeiten. Auf der grossen ovalen Metallplatte vor mir waren um das Mittelstück, den Reis, all die süssen und sauren Gerichte oft unbekannten Namens gereiht, und man komponierte und mischte nun zusammen nach Herzenslust, die gelbe Zitronencreme und ein Bohnengemüse und Buttermilch und Joghurt und die vielen Brote: Chapati, Puri und wie sie alle heissen, es schmeckte herrlich! Der Fürstenpalast glich wohl dem Königssitz des Odysseus auf Ithaka (griechische Insel). Die Hirten, nicht Schweinehirten, aber Kuhhirten, gingen aus und ein. Das Schloss, dreistöckig, mit steilen Holztreppen und Balkendecken, war eigentlich ein altes, reiches, verwittertes Bauernhaus. Holz, überall Holz, herrlich geschnitztes graues Holz; jede Strebe, die hilft, einen Balken oder ein Dach zu tragen, ist geschnitzt, irgendein Ritter mit Schild und Schwert und Flügelhelm, oft von Fabelvögeln auf beiden Seiten umgeben, alles aus Holz. Fenster und Türen standen weit offen. Trotz der heissen Mittagsstunde wehte kühle Luft erfrischend durch die Räume. In den Zimmern hingen an schweren Messingketten Schaukelstühle oder grosse, breite Schaukelbetten von den Deckenbalken herab. Die einzelnen Kettenglieder stellten Göttergestalten dar. Auch hier waltete ein eigener Diener, der nur dazu bestimmt ist, die Affenherden, die über die Dächer leise eindringen wollen, abzuhalten, ohne sie zu verletzen. Durch furchtbare Hohlwege voll
tiefer Wagenspuren und Staubmassen fuhren wir in Schleifen von dem
hochgelegenen Fürstensitz in die Ebene hinab. Rings um die Bauernburg
klebte ein elendes Dorf aus zerborstenen Lehmhütten.
1.13 Die Trommel Schiwas Top
Und nun war ich plötzlich der glühenden Ebene entronnen und lebte auf der Hochfläche des Berges Abu (im Bundesstaat Rajasthan, siehe Bild links). Die Sonne empfand man hier nicht mehr wie ein feindliches Gestirn, das Antlitz Yamas, des Todesgottes, der die Welt versengte. Hier sank fröhlich das goldene Licht herab in erquickende Luft. Im kühlen Wind wehten die zahllosen Palmenwipfel auf dem Rücken und Flanken des Berges. Fröstelnd saßen Schri und ich und Alan, ein junger Amerikaner, abends auf den kalten Steinfliesen des Bungalows. Kalter Nachtwind rüttelte an den Fenstern, riss die Türen des Hauses auf. O, es war eine Wonne, ein wenig zu frieren. Aber der erste Brief, den mir Schri diktierte, war eine dringende Aufforderung, rasch aus Nasik einige warme Teppiche zu schicken. Alan war Chemiker, 31 Jahre alt. Vor neun Jahren war er Schri auf dessen Vortragsreise in Amerika begegnet. Und daraufhin hatte Alan begonnen, Sanskrit zu lernen, und hatte angefangen zu sparen, um einmal nach Indien zu Schri reisen zu können und wahrhaft dessen Schüler zu werden. Die mannigfaltigsten Berufe hatte der junge Mensch zu diesem Zwecke ergriffen, mühsam gegen die Depression und Arbeitslosigkeit in Amerika ankämpfend. Er war der Angestellte eines Agenten gewesen, der Häuser zu vermieten hatte - und war entlassen worden, weil er dabei getroffen wurde, als er während seiner Arbeitszeit in den hochgelegenen leeren Räumen zu viel in die Luft schaute oder in seine Sanskrit-Grammatik vertieft war. Er hatte dann in einer Munitionsfabrik und in ähnlichen Betrieben gearbeitet. Später in einer Whisky-Brennerei, viele schwere Tag- und Nachtschichten voll Fuselgeruch. "In Schiwas, des Zerstörers Werkstatt", meinte Schri. Immer wieder war Alan nach einigen Monaten Beschäftigung hinausgeworfen worden. Zuletzt aber hatte er die Kündigung erfreut zur Kenntnis genommen und seinem Vorgesetzten mitgeteilt, er wäre ohnehin im Begriffe, zu gehen. "Wohin zu gehen?" hatte ihn der Mann in der Schnapsfabrik voll Staunen gefragt. "Nach Indien." Darauf hatte ihm sein Chef kräftig die Hände geschüttelt. "Ja, das ist gut, nach Indien. Dort gehören Sie hin. Und darf ich fragen, was Sie in Indien machen werden?" "Yoga studieren", war die Antwort. Mit seinen wenigen hundert Dollar hatte Alan sehr haushalten müssen. Er hatte das langsamste, billigste Frachtschiff gewählt. Sechs Wochen hatte er gebraucht, um auf grossen Umwegen von New York über Schottland, Gibraltar, Marseille endlich Indien zu erreichen. Und dann war er ein wenig betäubt und verwirrt von der langen Seereise und dem ersten Zusammenprall mit dem tropischen Erdteil, neben mir auf dem langen grauen Bahnsteig der grossen indischen Tuchmacherstadt Ahmedabad auf und ab geschritten, und nun saßen wir nebeneinander vor Schri auf dem kalten SteinFußboden des Bungalows "Schanti Nivas" (Wohnung des Friedens) in der Höhenstation Mount Abu und froren gemeinsam. Alans täglicher tiefer Schmerz war, dass er nicht, wie ich, auf indische Weise mit untergeschlagenen Beinen auf dem Boden sitzen konnte. Seine Knie waren zu steif dazu. Bei seinen Biegeversuchen im erbitterten Ankämpfen gegen die Steifheit seiner Gelenke hatte er sich in Amerika einmal beide Gelenke gebrochen, und die Biegefähigkeit seiner Knie war dadurch nicht besser geworden. Nun hockte er vergrämt auf den Steinfliesen und mühte sich heroisch, jeden Tag in fortgesetzten Übungen doch noch einmal die Steifheit seiner Knochen Millimeter um Millimeter zu bezwingen. Wenn er die Brille abnahm, hatte er ein gutes, reines schüchternes Jungengesicht. Er war von einer schonungslosen Aufrichtigkeit, vor allem gegen sich selbst. Er konnte wüten, wenn ich im Sprechen Vergleiche gebrauchte, die er übertrieben oder als zu poetisch empfand. Aber heimlich war er selbst, das vertraute er mir viel später an, ein Dichter, der einst infolge eines grossen Kummers alles Poetische im Leben aufgegeben und sich verhärtet hatte. Mein kleines Zimmer hatte ein Fenster nach Osten. In Mount Abu gelang es mir an den meisten Tagen, vor Sonnenaufgang aufzustehen, und dann trat ich auf die steinerne Terrasse hinaus und blickte nach Osten über die Palmenwipfel, wo die Sonne aufgehen würde. Zwischen den gefiederten Wipfeln funkelte der erste kristallene Sonnenblitz auf. Ich sang: "Nimm ihn fort, den goldenen Diskus, dass ich Deine wahre Gestalt schauen kann." Nun tauchte ein wenig übernächtigt Alan auf und wir wanderten über den Berg. Es waren wunderbare Morgenstunden, da wir auf Mount Abu unsere ersten Entdeckungsmärsche machten. In den ersten Tagen liefen wir gewöhnlich noch erst heim, um einen warmen Mantel zu holen, denn ein rauher Morgenwind blies. Der Berg Abu ist von Klüften und Grotten durchhöhlt, wo durch endlose Zeiten Yogis und Asketen gewohnt und Tag und Nacht meditiert hatten. Und der Berg ist von Sagen umsponnen. In mancher alten Göttersage wird der Berg Abu geradezu als ein Sohn des Himalajagebirges bezeichnet. In den waldbedeckten Flanken des Berges, wo heute noch Tiger und Panther sich bergen und schweifend die Affenscharen auf den Bäumen erschrecken, da hatten einmal zwei grosse Rishis, Urlehrer der Menschheit, ihre Klausen. Einen Tag verbrachten wir in der Einsiedelei des Rishi Vasistha, mitten in üppiger Bergwildnis, hoch über einem Abgrund. Die alten Sagen erzählen, dass Vasistha durch tausende von Jahren der Guru aller Könige aus der sogenannten Sonnendynastie war, dem Geschlecht, dem auch mein Freund Rana entstammte. Mit Rana, der zu Besuch gekommen war, lasen wir ein Werk, das Vasistha zugeschrieben wird. Es heisst "Yoga Vasistha" oder "Grosses Ramayana". Das Werk beginnt mit dem tiefen Leid über die Vergänglichkeit alles Irdischen, das der göttliche Königssohn Rama empfindet. Er verschmäht die Freuden des Palastes und des blühenden Gartens. Er flieht die jungen, schönen Tänzerinnen. Da empfängt er die Belehrung des Weisen über den ewigen Grund der Welt, den Atman. Das berühmte Werk, das ein Lehrbuch für viele Geschlechter in Indien war, verkündet die gestaltlose unendliche Gottheit und leugnet im letzten den persönlichen Gott. Nah einem der Gipfel des vielgestaltigen Berges sind die unterirdischen Felsenhöhlen zu einem uralten Tempel ausgehauen. Dort im Dunkel thront die Herrin der vergänglichen Welt. Ihr Name ist Arbuda. Auch der ganze Berg hiess ursprünglich Arbuda, es ist einer der vielen Namen der Maya. Höhle um Höhle muss man durchwandern, um in ihr Heiligtum zu gelangen. Zu Seiten des Felsentores ist mit roter Farbe ihr Zeichen, der Dreizack, gemalt, zu beiden Seiten des Dreizacks Sonne und Mond. Aus den Himmelssphären ist die grosse Maya, die Erdenherrin und dienende Magd Gottes, bis in die Finsternis der Erde hinabgestiegen. Ehrfüchtig stand ich, wie alle andern, mit nackten Füßen vor ihrem Standbild. Ihr Antlitz war schwarz! In viele Tempel der Maya bin ich seither eingetreten; unter mancherlei Namen wird die Maya, die Magd Gottes, in Indien verehrt. In vielerlei Gestalt, in verschiedenen Farben habe ich ihr Standbild gesehen. Einmal kam ich in einen ihrer Tempel, mitten in einem anderen wilden Gebirge, das noch heute von Raubtieren durchschweift wird. Auch dieser Tempel war in einen Felsenschlund gehauen. Ich erschrak, als ich das Bildwerk dort erblickte. Denn riesenhaft und brennend rot ragte über mir die Gestalt der gewaltigen Maya. Beklommen blickte ich zu dem Priester auf, der, zwerghaft klein anzusehen, hoch oben im düsteren Felsenhintergrund des Standbildes stand und über den wie im Fieber glühenden Leib der Göttin kühlende Flüssigkeit aus Krügen ausgoss, als ob er die Zornige besänftigen wollte. Zehn Arme streckte die Furchtbare aus. In ihren blutroten Händen hielt sie zehn Speere. Die zehn Speere bedeuteten die indischen Weltgegenden: Norden, Süden, Osten, Westen und die vier Zwischenweltrichtungen und Zenith und Nadir, also den irdischen Raum. In die Speere der Maya stürzen jene Wahrheitssucher zurück, die selbstsüchtig, ohne Liebe und mit ungeläuterten Begierden, in das Reich der Wahrheit, in das Reich Gottes eindringen wollen. Jeden Morgen wanderten Alan und ich über den Berg. Jeden Nachmittag und Abend aber wanderten wir zu dritt mit Schri zwischen den rötlichen Felskuppen, voll alter, betäubend duftender, blühender Mangobäume. Selten trafen wir Menschen. Denn Mount Abu ist wohl ein bekannter Höhenluftkurort in Indien, mit den Palästen vieler indischer Fürsten, aber zur Zeit hauste bloss ein einziger Gast in dem weitläufigen Rajputanahotel. Büffel äugten uns an. Affen sprangen von Baumkrone zu Baumkrone, von Palmwipfel zu Palmwipfel. Wenn wir so wanderten, tauchte zuweilen im Westen oder Süden oder Osten unvermutet die Ebene in der Tiefe auf, die grosse, gelbschimmernde Wüste, von Hitze glühend, mit eingetrockneten Flussbetten. Jeden Morgen und Abend dröhnte vom grossen Schiwatempel der schwirrende Ton einer ehernen Trommel herüber. "Was bedeutet dieses Trommeln?" fragten wir. "Wenn ein Atman erwacht", erklärte Schri, "dann erwacht auch die Maya, die nicht nur im Kosmos, sondern auch in der tiefsten Grotte des Menschenleibes in dunkler Nacht erstarrt ist. Jubelnd steigt die befreite Macht aus der Tiefe des Menschenleibes durch Herz und Haupt zum tausendblättrigen Lotos Brahmas und zu Gott empor. Wenn der Strom der Maya durch den Lotoskelch des inneren Herzens emporrauscht, dann vernimmt der Yogi in seinem eigenen Herzen einen dem irdischen Ohr nicht vernehmbaren, schwirrenden Ton. An diesen Ton soll das tägliche Dröhnen der Trommel Schiwas den noch nicht erwachten Menschen erinnern." Auch Buddha, den die Hindus zu den grossen Avataren Gottes zählen, hat dieses innere Erlebnis wohl gekannt. Am Ende seiner Meditation unter dem Bodhibaum, das heisst unter dem Baume der Erleuchtung, als Siddharta ein vollkommen Erwachter geworden war, da brach er auf zur Stadt Schiwas, nach Benares, und sang: "Der Wahrheit Reich erricht' ich nun
Fast jeden Nachmittag, gegen Abend zu, wenn alle Farben leuchtender wurden, wanderten wir nun mit Schri zu dem grossen Schiwatempel, der sich, zinnenbewehrt, mit seinen Höfen und Pilgerherbergen über dem Ufer eines Bergsees erhob und wo allabendlich die eherne Trommel dröhnte. Einmal klopfte Alan mit dem Finger scheu auf die Trommel, die einen tiefen Ton von sich gab. Dann setzten wir uns am Hang einer der Ufervorsprünge hin und Schri gab uns seine Unterweisung. Zuweilen schwiegen wir und blickten auf die Tiere, die ungestört ringsum ihr Spiel trieben, Käfer und Ameisen im Gras und blinkend huschende Eidechsen und Chamäleons, die blitzschnell vorglitten, wie erstarrt innehielten, wieder vorglitten, oftmals ihr Farbe wechselnd, bald smaragdgrün, bald purpurrot. Mückenschwärme schwangen sich im Tanz über dem See. Über den Mückenschwärmen zogen fremdartige farbige Vögel ihre Bahnen. Sinnend blickte Schri zu den Mücken und den leuchtenden Vogelscharen empor. "Lauter Seelen", sagte er in kindlichem Staunen. "Lauter Atmas." Eines Tages, als wir dem See zuschritten, waren am Tor des Rajputanahotels fettgedruckte Zettel angeschlagen. Wir lasen: "Die Deutschen marschieren in die Tschechoslowakei ein. Prag besetzt". Nicht nur die Trommel aus dem Schiwatempel, auch die Weltgeschichte dröhnte zu uns herüber. An diesem Abend war Alan sehr niedergeschlagen. Während wir auf dem Felsvorsprung über dem glitzernden Wasser saßen, berichtete er von Amerika, dass es während seiner Jugend, zur Zeit der Depression in dem überreichen Land eine Menge von Menschen gegeben hatte, die ständig am Rande des Selbstmordes lebten, weil sie fürchteten, dass sie am nächsten Tage entlassen würden und verhungern müssten. Er erzählte von Müttern, die darüber klagten, dass sie Kinder in die Welt gesetzt hatten. "So viele haben heute Furcht, vor dem Aussetzen der Konjunktur, oder dass sie Krebs bekommen, oder dass ein neuer grosser Krieg ausbricht. Schri, glauben Sie, dass ein neuer Krieg möglich ist, der die ganze Welt in einen Trümmerhaufen verwandelt?" "Alles ist möglich in unserem finsteren Zeitalter, dem Kaliyuga", erwiderte Schri todesernst. Alan sprang auf und stampfte mit dem Fuße auf die Erde. "Kaliyuga! Ich hasse diese Schlagworte", rief er erbittert, "ob sie nun von Rishis oder von Göbbels erfunden worden sind. Das tausendjährige Dritte Reich und der unabwendbare göttliche Weltenplan, ich sehe keinen Unterschied. Alles Schlagworte. Wo bleibt die Willensfreiheit? Wo bleibt der Atman, wenn man unentrinnbar einem Hitler oder dem Kaliyuga ausgeliefert ist? Wollen Sie vielleicht behaupten, dass auch die Diktatoren von heute Atmas sind? Das sind bloss Dämonen." "Auch die Dämonen sind Atmas", sagte Schri mit Nachdruck. "Wir müssen die Dämonen bekämpfen; Gott erlöst sie. Und die Diktatoren, vor denen du dich fürchtest, sind Zwerge gegen die mächtigen Asuras, die in der Vorzeit die Erde beherrscht haben, damals als Krischna kam. Aber wenn Krischna seinen Fuß auf ihr Haupt gesetzt hat oder sie erschlagen hat, dann sind sie in sein göttliches Licht eingegangen." Mürrisch starrte der junge Amerikaner zu Boden. Weinerlich wie ein schläfriger Knabe sagte er: "Ich mag nicht im Kaliyuga, im finsteren Zeitalter, leben. Warum kann nicht immer goldenes Zeitalter sein?" "Immer ist in der erwachten Seele das goldene Zeitalter", lautete Schris trostvolle Antwort. Fahl waren die Wasser und fahl der Himmel geworden. Bald im Schein des aufgehenden Mondes und bald im Schatten dunkler Bäume gingen wir unserem Hause zu. Ein duftender scharfer Wind von unbekannten Blüten wehte auf uns nieder, dazwischen das unvorstellbar süsse Fluten des Duftes in vollster Blüte prangender Mangohaine. Aus dem Schatten der Baumgruppe traten wir drei, in der Mitte Schri, zu seinen Seiten Alan und ich, auf den mondbeschienen Wiesenplan hinaus, hinter welchem, von Palmenwipfeln umweht, sich unter dem Sternenhimmel unser weisses Haus "Schanti Nivas" erhob. "Ist es nicht wirklich eine Wohnung des Friedens?" fragte Schri fröhlich, Alan leicht, als ob er ihn segnete, über die staubblonden Haare streichend. Es tat ihm leid, dass der junge Schüler, der viel Opfer gebracht hatte, um nach Indien zu reisen, das geliebte Land bald wieder verlassen sollte und nach Amerika zurückkehren musste. Wir saßen noch eine Weile zusammen im Mondlicht auf dem Wiesengras, Alan sah zu Boden. "Schri", begann er nach einer Weile, noch immer mit kummervoller Stimme, "Schri, ist im Kaliyuga ..., ich meine, ist nach Christus kein Heiland, kein weiterer Avatar Gottes mehr auf die dunkle Erde gekommen?" "Das war eine gute Frage", sagte Schri erfreut. - "Er ist gekommen! Zahllose Male haben die heiligen Schriften seine Herabkunft vorverkündet, so wie Christus vorverkündet worden ist. Grosse Weise des goldenen Zeitalters haben zu Gott um die Gnade gefleht, in unserem finsteren Zeitalter der Zwietracht wiedergeboren zu werden, um gleichzeitig mit dem wiederkehrenden Krischna auf Erden zu leben. Aber als er dann wirklich unter uns gewandelt ist, - und das ist kaum mehr als vierhundert Jahre her, - da hat er keine Wunder getan, keine Toten auferweckt oder Dämonen erschlagen. Er ist bloss durchs Land gezogen und hat getanzt und hat gesungen. Aber in jedem, der ihn erblickt hat, ist eine unfassbare Liebe zu Gott aufgeströmt. Das war der verborgene Avatar des Kaliyuga, der goldene Avatar." "Wie ist sein Name?" fragte Alan sehr leise. "Krischna-Chaitanya", sagte Schri.
1.14 Der Schaltmonat Puruschottama Top Als die ersten Regengüsse niederpeitschten, kehrten wir von dem von Nebel und Nässe umwobenen Berggipfel der Göttin Arbuda unter das schützende Dach von Schris festem Haus in Nasik zurück. Zu den Gepflogenheiten der wandernden Asketen in Indien gehörte es, acht Monate im Jahr unterwegs zu sein, in keinem Tempel und in keinem noch so gastlichen Haus zu verweilen. Zu ihren Regeln gehört aber auch, am Beginn der grossen Regen innezuhalten in ihrer mühseligen Wanderung und während der vier Monate der Regenzeit unter einem schützenden Dach zu wohnen und sich ganz dem Studium und der Versenkung in die heiligen Schriften zu widmen. Deshalb nennt man diesen Teil des Jahres "die vier heiligen Monate". Das indische Jahr ist ein Mondenjahr. Die Zwölf Monate, die jeweils mit dem Vollmond beginnen, sind den grossen Avataren Gottes geweiht und jeder Monat gilt als von der Kraft eines dieser Avatare durchglänzt. In Schaltjahren aber gibt es noch einen dreizehnten Monat. Dieser gilt als von noch tieferem Glanze durchleuchtet, nämlich von Gott in seiner ganzen Fülle. Der Schaltmonat führt die gleiche Bezeichnung wie Gott selbst: Puruschottama, das heisst höchste Person oder höchste Urgestalt. Krischna wird als Puruschottama gepriesen, als sogenannter Avatarin, der zum Heile der Welt die vielen Avatare herabsendet, bis schliesslich auch er selbst in seiner ganzen göttlichen Fülle als Avatar Krischna herabsteigt. So ähnlich steigt gleichsam im Laufe eines Schaltjahres der Monat Puruschottama herab. Dieser Monat ist in ganz besonderer Weise Gott geweiht. In dieser festlichen Zeit wird deshalb in vielen Brahmanenhäusern von Anfang bis zum Ende ein grosses Werk in zwölf Teilen vorgelesen und vorgesungen, das vom Ruhme Gottes erzählt. Schri sass auf seinem Kissen auf dem Tigerfell. Sein ständiger Sekretär, dann noch ein Schwager Schris, ein Yogi mit langem schwarzen Bart und langem Haar, und ich saßen auf dem Teppich vor ihm und sangen Lieder. Die Lieder waren in Marathisprache, der Sprache des Volkes in dieser indischen Landschaft um Nasik, und zumeist sehr einfach. In einem Winkel kauerten ein paar Frauen und sangen. Wir Männer hatten ganz einfache Musikinstrumente in der Hand, runde Metallplättchen, die aufeinander schlugen, oder Holzplättchen mit Metall. Und wir schlugen laut im Takt und sangen Lied um Lied, in langer Wiederholung, ohne Pause. Es war wie das Wogen eines Ozeans. Da begann der Mann mit dem schwarzen Bart feierlich in singendem Tonfall aus dem Buche vorzulesen. Bevor er richtig zu lesen begann, rief er Sarasvati, die Göttin der Sprache und der Weisheit an. Sie ist die Himmelsmacht Brahmas, des Weltschöpfers, eins mit ihm. Dann rief er Ganesh an, der in Elefantengestalt, in Stein und Ton gebildet, an den Pforten und in den Nischen zahlloser indischer Häuser zu sehen ist. Denn Ganesh, der Sohn der Maya, der grossen Devi, gilt als der Herr des Glücks und des Erfolgs. Aber alle seine Macht erhält er, weil er immerdar in unsäglicher Liebe die Füße Krischnas umfängt. Der Yogi mit dem dunklen Bart flehte, dass alle diese hohen Mächte, die Diener und Dienerinnen Krischnas sind, in seinem Denken, in seinem Sprechen leben möchten. Wasser goss er aus einer Bronzeschale im Kreise auf den Boden aus und träufelte einige Tropfen in seine hohle rechte Hand und liess sie dann andächtig auf seinen Scheitel und in seinen Mund rinnen. Währenddessen sprach er den Mantra an die sieben heiligen Ströme Indiens. Immer wieder beugte sich der Vorleser nieder und berührte ehrfürchtig mit der Stirne das Buch. Als er die Abschnitte dieses Tages zu Ende gelesen hatte, erhoben wir uns alle und sangen wieder im Chor und klatschten in die Hände und liessen Lichter über dem blumenüberschütteten Tische kreisen, auf dem in der Reihe göttlicher Heilandsgestalten auf Erden auch ein Bild von Jesus Christus stand. Niemand hatte mich aufgefordert, an dem Singen teilzunehmen. Ich setzte mich von selbst dazu und Schri freute sich darüber. Das Buch, aus dem nun jeden Abend vorgelesen wurde, ist eines der mächtigsten Bücher der Menschheit. Auch äusserlich ist es gewaltig. Zwölf Teile hat es mit zusammen achtzehntausend Strophen. Es heisst "Bhagavata". Das Werk besteht aus einer Folge zahlloser Geschichten von den Taten Gottes, den Offenbarungen Gottes auf Erden, im Himmel und in der Welt der Dämonen und in der Totenwelt und in seinem eigenen Reich. In zahllosen indischen Häusern findet man dieses Buch. In vielen Häusern ist das Bhagavata das einzige Buch. Es ist ein Lebensbuch, darinnen täglich gelesen wird, Lebensbrot, so wie es einstmals die Bibel in den beginnenden evangelischen Zeiten nach der Reformation für einen grossen Teil der Menschen im Abendlande war - und für manche auch heute noch ist. Dem grossen indischen Weisen Vyasa wird das grosse Bhagavata zugeschrieben. Es ist eine Sammlung von Erzählungen, wie Gott immer wieder zur Erde niederstieg in verschiedener Gestalt, wie er kam als Fisch, der die Erde hinübertrug durch die Nacht der grossen Flut in ein neues Sein, wie er dann kam als Schildkröte, als Eber, als Mann mit einem Löwenhaupt, als Mann mit einer Axt, als Knabe Vaman, als Rama, als Krischna ... Erzählungen von der Zukunft der Welt, wie Gott in fernster Zukunft nochmals niedersteigen wird, dann, wenn ein dunkler Mensch, einer aus dem Schlamme der Menschheit, König der Erde sein wird; wie Gott dann kommen wird, um diesen Schudrakönig zu besiegen. In Vyasas Werk rollen die Gestalten wie in unermesslichem Strome dahin, Weltennacht folgt darin auf Weltentag. Die Weden, die indischen heiligen Schriften, wachsen darin aus dem Urbaume der Gottheit heraus, werden von den Dämonen geraubt, von der Weltvernichtung verschlungen, werden wieder und wieder der Menschheit geschenkt. Auch an jedem Vormittag dieses festlichen Monats Puruschottama wurde in Schris Meditationsraum in seinem Haus in Nasik ein langes Stück des Werkes Bhagavata von einem seiner Schüler laut vorgelesen. Ein hoher Stoss loser Blätter, sorgsam in rote Seide eingehüllt, ehrfürchtig aus einer Hülle genommen, ehrfürchtig nach dem Lesen wieder hineingeknöpft. Lichter brannten davor, mit frischen Blumen wurde das Buch stets bedeckt. Wir lasen die Geschichte jener Offenbarung Gottes, da er als Krischna in einem dunklen Kerker auf Erden geboren wurde. Ein grausamer König namens Kamsa beherrschte damals die Lande. Alle vorher geborenen Geschwister Krischnas sind von Kamsa getötet worden. Alle Neugeborenen will er erwürgen, um das Gotteskind, das seine Herrschaft bedroht, zu vernichten, gleich Herodes. Etwa dreitausend Jahre vor Christi Geburt ereignete sich dies alles. Die Stadt Nasik vibrierte in diesem Monat von Musik. Ununterbrochen badeten Volksscharen in dem hochgeschwollenen schäumenden Wasser des Flusses Godavari. Die Tempel standen mitten im Wasser. Die Arme des Flusses stauten sich von jubelnden Menschen. Sie tanzten festlich und sangen in den Strassen und Häusern von den Taten Gottes bis tief in die Nacht. Die ganze Stadt Nasik war voll von Überschwang. Gesang und Marsch erfüllte laut die Luft. Immer näher kam es. Wir eilten alle ans Fenster. Eine Schar von Frauen pilgerte in langem Zug durch die Gärten. Aus Leibeskräften sangen sie jauchzend: "Schri Maharadsch. Dschai, Dschai, Dschai, - Schri Maharadsch, Sieg, Sieg, Sieg!" Viele Frauen aus Nasik hatten sich unter einer Anführerin zusammengetan, um Schri ganz unangesagt ein religiöses Singfest zu bereiten. In der gleichen Richtung wie die Sonne wandelnd, hatten sie das Haus umkreist, waren die Treppen hinaufgestürmt und nun waren sie alle im grossen Saal des Hauses versammelt, alte und junge. Einige hatten ihre kleinen Kinder auf dem Arm. Manchmal verliess eine für kurze Zeit den Raum, um ihr Kind zu stillen. Sie sangen schallend, so laut, dass die Wände bebten, rings um Schri geschart, auf dem Boden sitzend. Jauchzend schlugen sie alle den Takt mit kleinen Metallzimbeln und sangen. Eine begann und die anderen fielen triumphierend ein, im Chor, unermüdlich, Lied um Lied, mehrere Stunden lang. Schri sass still mit hellem friedvollen Gesicht mitten unter ihnen und lauschte den Liedern zu Gottes Ehre und zu seiner Ehre. Gleich einem Kinde schlug auch er im Takt die Hände zusammen wie die andern: selber einer aus der endlosen Reihe der Boten und Verkünder Gottes. Als die Frauenschar uns verlassen hatte und ich schon wieder in meinem Zimmer war, hörte ich Schri in die Hände klatschen. Ich eilte die Holztreppe hinunter. Schri sass bereits im Auto und ich setzte mich neben ihn. Schweigend fuhren wir aus der Stadt hinaus. Weit draussen im freien Land liess er den Wagen halten. Wir stiegen aus und schritten von der Strasse fort über einen breiten Acker, dessen Erde in Schollen frisch aufgebrochen war. Der Himmel war von ungeheurem Gewölk erfüllt, das in raschem Zug tief dunkelblau vom Horizont aufstieg und, so weit der Blick reichte, sich auftürmte. "Die Erde will empfangen", sagte Schri leise. Nach einer Weile wies er abermals auf den ernsten Himmel und murmelte: "Krischna, Krischna." Ich wusste, was Schri meinte. Das Wort Krischna bedeutet im Sanskrit seltsamerweise nicht nur Krischna, den Gott, sondern es ist auch die Bezeichnung für die leuchtende dunkelblaue oder tiefviolette, fast schwarze Farbe einer regenschweren Gewitterwolke. Zweiter Teil – Das Lager in Indien Top 2.1 Schiwa tanzt Top Friedevoll lebte ich im Hause meines Lehrers in Nasik, in dessen Garten fast das ganze Jahr die vielen Rosenbüsche blühten, von denen ich jeden Morgen ein Bronzebecken voll Rosen pflückte und diese in Schris Meditationsraum ausbreitete. Schri hatte mehrere Male nachdrücklich den Wunsch geäussert, dass ich keine Zeitungen lesen solle, um auf dem geistigen Weg, den er mich führte, nicht gestört zu werden; denn er sah, dass ich durch die weltgeschichtlichen Ereignisse allzusehr in Unruhe versetzt wurde. Natürlich gehorchte ich meinem Guru. Wenn ich manchmal doch die Sorge um meine Frau und mein Kind in Österreich nicht unterdrücken konnte, versicherte er mir ernst, dass diese behütet seien. Um mich zufriedenzustellen, lud er überdies die Meinen liebevoll ein, nach Indien zu kommen und gleich mir in seinem geräumigen Haus Anandapith in Nasik zu leben. Er und ich machten bereits Pläne, in welche indische Schule der Knabe später gehen solle. Die Einreisebewilligung für Frau und Kind zu erhalten - für Schanti und Gunananda, wie Schri die beiden nannte - hatte beträchtliche Mühe gekostet. Aber das amtliche Papier mit der Genehmigung der indischen Regierung war schliesslich doch eingetroffen. Fern war Europa, fern war auch das ungeheure Gebirge, der Himalaja, der Indien im Norden abschliesst und von dem ich bloss einige Bodenfalten mit Schri durchwandert hatte. Manchmal fragte ich meinen Guru: "Schri, wann werden wir die abgebrochene Pilgerfahrt zum Hause Schiwas wieder antreten?" Der alte Mann lächelte seltsam: "Warte, bis es an der Zeit ist. Schiwa wird dich rufen". Ich sehnte mich nach den Hochwäldern, den einsamen Seen, den menschenleeren Berghängen, wo Schiwa in der Ödnis thront. In den Träumen mancher Nacht glaubte ich wieder auf den rauhen Brettern einer der ärmlichen Pilgerherbergen zu liegen, wo durch die Fugen zwischen den Planken aus dem unteren Raum der beizende Qualm eines Feuers empordrang. Die braunen Kulis, die Schris Sänfte dem Manasarowarsee entgegentrugen, kochten da unten wohl ihr kärgliches Mahl. An der weissgekalkten rauhen Wand der Waldhütte hing Schiwas Bild. Schiwa, der auch Mahadeva, der grosse Gott, genannt wird, war dargestellt, wie er meditiert. Aufrecht, mit untergeschlagenen Beinen, sitzt er in tiefster Versenkung. Sein nackter Leib ist beschmiert mit der weissen Asche von Scheiterhaufen, auf denen die Toten verbrannt wurden. Seine Arme sind von wild züngelnden Schlangen umringelt. Es sind die schlangengleichen Begierden der Sinneswelt, die ihn umzüngeln. Schiwa achtet ihrer nicht. Er blickt in ein Reich, das nicht von dieser Welt ist. Unter dem Bild stand zu lesen: "Schiwa meditiert über Krischna". Aber noch ein anderes Bild Schiwas hing zuweilen an den Wänden der Pilgerherbergen im Himalaja. Einen Farbendruck dieses Bildes hatte ich einmal im Basar in Nasik aufgestöbert und an die Wand meines friedlichen Zimmers im Hause Anandapith aufgehängt. Hier war Schiwa als Weltzerstörer abgebildet: Trunken tanzt er in Gestalt eines Jünglings im leeren Raum über einer düsterglühenden Welt, die unter seinen Tanzschritten zerbirst und in Schutt und Asche sinkt. Schiwa, der Zerstörer, tanzt, um Raum für neue Schöpfung zu bereiten. Eines Morgens, es war ganz früh und draussen war es noch dunkel, schreckte ich aus dem Schlaf auf. Mich dünkte, es donnerte. Mit Fäusten, oder waren es Gewehrkolben, wurde unten ungeduldig an die Türe des freundlichen Bungalows in der Stadt Nasik gepocht, wo ich mit Schri wohnte. Aber Schri war nicht da, er war auf einige Tage verreist, war zu seinem Schüler Rana gefahren. Nun wurde das Tor des Hauses geöffnet. Schwere Schritte, wie von eisenbeschlagenen Schuhen, stampften die hölzerne Treppe empor. Ein indischer Polizeiinspektor in Uniform, gefolgt von einer Reihe indischer Soldaten, trat in mein Zimmer. "Sie sind verhaftet. Machen Sie sich rasch fertig. Nehmen Sie Ihre notwendigsten Sachen mit. Und kommen Sie mit uns. Wir haben Krieg", sagte der Inspektor. Während ich mich eilig anzog, wurden der Schrank und meine Koffer durchwühlt und untersucht. Man schob mich in ein wartendes Auto. Die Fahrt ging durch wohlbekannte Landschaft, durch die ich viele Male an der Seite Schris in dessen Wagen gefahren war. Links und rechts von mir und vorne neben dem Wagenlenker sass diesmal je ein indischer Soldat, der sein geladenes Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett fest umklammerte. Der Wagen hielt vor einem Tor in einer hohen Stacheldrahtwand. Voll Verwunderung entsann ich mich, dass ich vor mehr als zwei Jahrzehnten als junger Soldat im ersten Weltkrieg mit geladenem Gewehr und aufgepflanztem Bajonett vor dem ganz ähnlichen Stacheldrahttor eines Gefangenenlagers für russische Kriegsgefangene in Österreich Wache gestanden hatte. Diesmal allerdings blieb ich nicht ausserhalb des Stacheldrahtes stehen. Durch die Tore der äusseren und der inneren Umzäunung wurde ich in das Lager hineingeführt und wurde in eine Baracke gewiesen, wo schon einige übernächtigte Menschen warteten. Im Laufe des Tages wurden es viele Hunderte, die mit Wagen und Eisenbahnzügen in dem Gefangenenlager anlangten. Der zweite Weltkrieg war eben ausgebrochen. Da ich mit einem österreichischen Pass nach Indien gekommen war, war ich über Nacht ein sogenannter "feindlicher Ausländer" geworden. Hunderttausenden, ja vielleicht Millionen von Menschen in der weiten Welt geschah in diesen Tagen das gleiche wie mir, sie wurden in Lagern hinter Stacheldraht eingesperrt. Während Schiwa, der Zerstörer, tanzte, und die Erde unter seinem Tanze zitterte und schwankte und die für Jahrtausende gegründeten Reiche und Ordnungen einstürzten wie Maulwurfsbauten, bemühten sich die Menschen überall auf Erden, mit Massen von Beton und Eisen Schutzwälle für ihre jeweiligen Ordnungen und Gesetze zu errichten, denen nur eines gemeinsam war, das Gesetz der Vergeltung und Wiedervergeltung. Dazu gehörte auch, dass sich die Gefangenenlager füllten. Und da schon vor Ausbruch des Krieges die Gefängnisse nicht ausreichten, wurden nun in allen Weltteilen, in Afrika und Asien, in Amerika und in Australien und in Europa, und natürlich auch in Indien überall eiligst neue Lager errichtet. Tag und Nacht wurde im Akkord gearbeitet, in glühender Sonne und bei Scheinwerferlicht. Mit ungeheuren Kosten wurden in jedem Land zahllose hässliche Baracken aufgestellt, mit Ziegeln oder mit Stroh oder mit Wellblech gedeckt. Wenn man mit der Eisenbahn fuhr, sah man manchmal lange Zeit links und rechts vom Zug nichts als Baracken, eine neben der anderen. Riesige Wälder wurden abgeholzt, nur um genug Holz für die notwendigen Gefangenenbaracken zu erhalten. Stacheldraht, der Tausende von Lastwagen und Hunderte von Schiffsladungen füllte, wurde von grossen Trommeln abgerollt und hastig aufgespannt und aufgepflockt und zu unentwirrbarem, zackigem Eisendorngeflecht verknäuelt. Getreidefelder planierte man mit schweren Strassenwalzen, obwohl die Welt hungerte, bloss um genug Raum für Gefangenenlager zu haben. Fruchtbäume schlug man nieder, um genug Grund für Gefangenenlager zu haben. Geviert an Geviert erstreckten sie sich, endlos, wie die Hürden der Schlachthäuser in Chikago. Die indischen Lager, in denen ich etwa sechs Lebensjahre verbrachte, waren zumeist gute Lager. Es gab keine Gaskammern dort, keine Prügel- und Folterkammern oder Verbrennungsöfen für Menschen. Diese Lager waren in keiner Weise mit Konzentrationslagern in Deutschland und dessen Nachbarländern zu vergleichen. Die derbe Kost war im allgemeinen gut und ausreichend, natürlich fast ausschliesslich Fleischnahrung, in den späteren Jahren hauptsächlich Konserven. Dass vielen Internierten infolge der einseitigen Ernährung aus Vitaminmangel im Lager alle Zähne ausfielen, war gewiss nicht Schuld der Behörden. In manchen Teilen Indiens herrschte Hungersnot. Dass ich persönlich Entbehrungen litt und zeitweilig hungerte, war meine eigene Schuld, denn ich mühte mich eigensinnig, auch hinter Stacheldraht die streng vegetarische Lebensweise beizubehalten, die ich im Hause meines Guru lieben gelernt hatte und die für jeden Yogapfad eine grosse Hilfe bedeutet. Aber trotz der guten Behandlung gab es niemanden im Lager, und ich machte keine Ausnahme dabei, der nicht eines Tages von Verzweiflung überwältigt wurde und nahe dem Selbstmord war. Denn es gab kein Leid, keine Sorge, kein Problem einer gemarterten Welt, das in den engen, von Stacheldraht umgebenen Gevierten des Lagers nicht beklemmend anwesend war. Wie Gott wollten die Machthaber aller Länder damals überallhin schauen und dazu gehörte, dass sie kunstvolle Systeme geheimer Staatspolizei ausbildeten, die mit hunderttausend spähenden Augen schauten, die mit hunderttausend listigen Ohren lauschten. Die Sinne und Gliedmassen dieser gespenstischen Ungeheuer, die man Geheimdienste nannte, erstreckten sich über die ganze Erde, auch in die Gefangenenlager hinein. Als ich in dem indischen Lager anlangte, wurde ich alsbald flüsternd unterrichtet: "Nehmen Sie sich in acht. Seien Sie vorsichtig. Der ist bloss so freundlich zu Ihnen, um Sie auszuholen. Er ist ein Spion, ein Agent der Nazis. - Jener? Der schreibt Rapporte für die Engländer. Als er ein wenig betrunken war, hat er selbst einmal erwähnt, dass er Berichte schreibt. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie er einmal am frühen Morgen einen Bericht dem Sergeanten zugesteckt hat. Dieser da? Gott behüte. Wissen sie denn nicht, das ist ein Kommunist. Er gehört zur GPU. Glauben Sie, die Russen haben nicht ihre Vertrauensleute und Zellen hier im Lager, sowohl bei den Nazis, als bei den Antinazis. Nun, Sie werden schon sehen, was alles passiert, wenn der Krieg einmal zu Ende ist.". Zerrissenheit und Furcht zuckte
und bebte in dem Knäuel von einigen tausend Menschen, die nach ihrer
Gefangennahme in Drahtpferchen weiterlebten, ohne dass sie etwas ahnten
von Schiwas Tanz, unter dessen Schritten die Feuerflammen des
Unterganges brausten.
2.2 Das Lager in Indien Top Ausserhalb des Lagers lebten die grossen Herden grauer und brauner Affen, die von einem gewaltigen alten Affenmännchen, einem allgemein anerkannten, sehr herrischen Diktator, einem wahren Tyrannen, geleitet wurden. Oft stand eine ganze Affenschar dicht vor dem äusseren Stacheldrahtgitter des Lagers und alle die bejahrten und jungen, die Männchen und die Weibchen, welche stets ihre kleinen Kinder mit sich trugen, die ihre Brust umklammerten, starrten mit traurigen ernsten Tieraugen in die vergitterte seltsame Welt der Menschen hinein. Manchmal lachten wir: "Uns geht's ja gut. Einen Zoologischen Garten haben wir auch". Dann erinnerten wir uns, wie die Sache in Wirklichkeit beschaffen war. Die Affen draussen waren in Freiheit und schauten neugierig durch das Gitter zu uns, den in Käfigen eingesperrten Menschen, herein. Was sahen die Affen. Die Affen sahen, dass die Menschen innerhalb des Stacheldrahtes in dem übervölkerten Lager immerzu wimmelten wie die Ameisen. Sie gruben in der Erde, sie pflanzten Bananen und andere Fruchtsträucher und Bäume. Sie legten kleine Gärten vor ihren Baracken an. Sie begossen ihre Beete. Sie säten Blumen und Gemüse, sie setzten Salat. Sie zimmerten, sie legten Rohre, sie nieteten, sie schmiedeten und schweissten. Sie mischten Beton, sie bauten mit Ziegeln und Steinen. Sie führten einen nicht endenden Kampf gegen das Ungeziefer in ihren Betten und gegen die Löcher in ihren Socken und Hemden. Sie spielten Karten und liessen viele Stunden lang die ausgeleierten Grammophone laufen. Sie schwätzten, sie stritten, sie prügelten sich. Manche lagen tagelang stumpf auf ihren verwanzten Gurtbetten in den Baracken, und träumten ihren schweren Traum. Die acht Gehege des grossen indischen Interniertenlagers genossen Selbstverwaltung hinter Stacheldraht. Es gab hinter sorgsam bewachten Gittern einen regelrechten national-sozialistischen Staat, der wieder in drei Zonen geteilt war, die gesondert eingehegt waren. Da gab es Führer, Unterführer und einen inneren Kreis. Man fand da eine Organisation für "Kraft durch Freude", für Sport und Sportwettkämpfe, für Musik und Theateraufführungen und für Erziehung. Wer darnach strebte, konnte sich fortbilden, von den Anfangsgründen der Rechtschreibung bis zur Werkmeisterschule und dem Abiturientenexamen. Es gab aber auch schwarze Listen, geheime Akten, Boykott unliebsamer Elemente, Gleichschaltung widerstrebender Gruppen, zuweilen Prügelstrafe, Ansätze zur Briefzensur und Gestapo. Daneben in dem Lagerflügel der Antinational-sozialisten und Antifaschisten herrschte eine streng demokratische Regierungsform mit regelmässigen Wahlen und siedendheisser Wahlagitation. Hier wurde öffentlich in vielen Sprachen für den Sieg der Alliierten und den Niederbruch der gehassten Gegner gebetet. In diesem Flügel lebten die Bewohner stets wie in der Stimmung eines Bahnhofswartesaales; nur noch einige Tage, nur noch einige Wochen, "bis das Gesuch erledigt ist". Alle warteten auf ihre baldige Entlassung. Viele warteten mehr als sieben Jahre. Sie feierten hinter Stacheldraht das grosse Siegesfest des Kriegsendes und warteten voll Gram und Verbitterung noch lange weiter. Ein anderes Drahtgehege, bloss für italienische katholische Missionare einschliesslich zweier Bischöfe, war ein richtiger Kirchenstaat, zweihundertfünfzig Meter breit und dreihundert Meter lang. Es gab auch einen Lagerflügel für etwa hundert italienische Generäle, die man in Ostafrika gefangen hatte. Die Schar dieser hohen Militärpersonen war unter sich gespalten in eine faschistische und eine antifaschistische Gruppe, die sich beide leidenschaftlich befehdeten. In dem einen Lagerflügel standen eines Nachts Scharen von Internierten dicht am Stacheldraht und sangen, feindselig der Nachbarabteilung des Lagers zugewendet, taktmässig und abgehackt im Sprechchor: "Du-ce! Du-ce! Du-ce! ... Hit-ler! Hit-ler! Hit-ler!" Im Nachbarkäfig, wo die Antifaschisten hausten, wurde zur gleichen Zeit in Vorahnung kommender Ereignisse ein Holzstoss angezündet und bei der flackernden Beleuchtung unter lautem Johlen eine lebensgrosse Strohpuppe, Mussolini darstellend, an einem Galgen aufgehängt. Als der baumelnde Diktator eben vom Galgen abgenommen werden sollte, um ins Feuer geworfen zu werden - es war lange nach Mitternacht -, kam der englische Sergeant-Major mit einigen wachthabenden Soldaten hereinmarschiert. Er war kurz und stramm und wurde Nussknacker genannt. Mit seinem dräuenden künstlichen Gebiss klappernd, fragte er freundlich und wohlwollend: "Wer ist der Künstler? Wer hat das so schön arrangiert?" Die Hauptartisten meldeten sich geschmeichelt - und wurden unter dem grossen Empörungsgeschrei und dröhnendem Beifall der Andersgesinnten von jenseits des Stacheldrahtes unter Bewachung in Lagergefängnis abgeführt, weil sie die Nachtruhe gestört hatten. In jeder Weise wurde für uns gesorgt. Sogar eine grosse Kinobaracke wurde für die Internierten errichtet, hinter Stacheldraht natürlich, aber mit surrenden elektrischen Fächern wegen der Hitze. Das Kino war auch für die europäischen Wachmannschaften und Offiziere bestimmt. Als die Kinobaracke abbrannte, wurde sie in Tag- und Nachtarbeit in wenigen Wochen neu aufgestellt, denn der indische Pächter wollte seinen Verdienst nicht einbüssen. In Dreierreihen geordnet, marschierten wir unter Bewachung durch die doppelten Stacheldrahttore unseres Lagerflügels in das Drahtgehege, welches das Kino umgab. Die Nazis marschierten stramm im Gleichschritt, die Antinazis aus Protest ohne Gleichschritt. Entrüstet über die Störung sprangen die Affen von der Strasse in das Laubgeäst der Bäume empor und fletschten die Zähne. Dann saßen wir, eng gedrängt, umwölkt vom scharfen Rauch billiger indischer Zigaretten auf den Bänken und sahen die abgespielten amerikanischen Sensationsfilme an uns vorbeiziehen. Wir sahen auch die Wochenschau. Wir sahen im Kino, wie eine lächelnde junge Königin Blumen und Süssigkeiten an verwundete junge Krieger verteilte. - Aus dröhnenden Bombengeschwadern sanken riesige Bomben herab, gruben himmelhoch aufqualmend gigantische Krater in den Boden und vernichteten vor unseren Augen in wenigen Minuten unbekannte grosse Städte in allen Weltteilen, gelegentlich auch die Stadt, in der wir selbst geboren waren. Alles war bei uns wie in der Welt draussen. Alle Probleme und alle Qual und Zerrissenheit und aller Hass der Welt drang durch die zweifachen Stacheldrahtwände ungehindert zu uns in das streng abgesperrte Lager hinein, zu Gläubigen und Ungläubigen, zu Katholiken und Protestanten und Angehörigen aller anderen denkbaren christlichen Konfessionen, zu den Juden und vereinzelten Mohammedanern und Buddhisten, zu den Männern aus etwa zwanzig europäischen Nationen, zu Deutschen, Österreichern und Italienern, Ungaren, Finnen, Bulgaren und Rumänen, zu Estländern, Litauern und Letten, aber auch zu solchen, die in unserem indischen Lager eingesperrt waren, obwohl sie alliierten Nationen angehörten, zu Tschechen, Polen, Griechen, Jugoslawen, Dänen, Norwegern, Holländern und Russen ... Sie alle waren Menschen, die der Krieg irgendwo in den weiten tropischen Ländern und Inseln zwischen Neuguinea und Irak und zwischen Hongkong und Äthiopien überrascht hatte. Sie alle versuchten weiterzuleben wie bisher. Sie redeten sich wie bisher an: Herr Direktor oder Herr Studienrat. Es gab unter ihnen unwahrscheinlich viele Direktoren und Manager riesiger Plantagen mit einstigen phantastisch hohen Einkommen und angeblich bedeutungsvollsten Wirkungskreisen. Die Koffer wurden regelmässig ausgepackt, soweit sie nicht auf der Fahrt von einem holländischen Gefangenenlager auf der Insel Sumatra nach Indien versunken waren, von einem japanischen Unterseeboot versenkt. Die Habseligkeiten wurden an der frischen Luft aufgestapelt, die Abendanzüge in die Sonne gehängt, damit sie nicht verdürben. Da hingen nun die Frackanzüge und Smokings wichtigtuerisch an Wäscheleinen und wehten im Wind. Manchmal ging auch der eine oder andere Internierte am Sonntagnachmittag in einem Smoking und steifem Hemd zwischen Baracke und Latrine spazieren, um für ein paar Stunden wieder ein eleganter Herr zu sein, bevor er die Kleider wieder einmottete und seine kurzen Khakihosen anzog. Die Koffer wurden ausgepackt und wieder zugesperrt. Die Erinnerungen wurden ausgepackt und nie zugesperrt. Da die Gegenwart mit den Jahren immer schaler wurde und die Phrasengebäude zusammensanken, lebten viele Tausende von diesen gefangenen Menschen immer leidenschaftlicher in ihren Erinnerungen. Sie wühlten in ihren Erinnerungen. Stundenlang und tagelang wandelten sie längs des Stacheldrahtes auf und ab und erzählten einander, was sie einst in diesem oder jenem Restaurant gegessen hatten, mit genauesten Einzelheiten der Speisefolge und der dazu sorgfältig abgestimmten Weine und nachgeniessender Ausmalung der Geschmacksempfindungen, die sie damals gehabt hatten. Und in ebensolcher Weise erzählten sie von ihren Abenteuern mit Frauen und von den guten Geschäften, die sie gemacht hatten, und von den schlechten Geschäften, die sie gemacht hatten, und wie es ihnen gelungen war, jemanden übers Ohr zu hauen. Gierig suchten sie neue Gefährten, die ihre Geschichten und Witze noch nicht kannten. Jeder, der aus einem anderen Lager neu ankam, wurde aufgesucht und umworben, um ihm zu erzählen. Viele Menschen mieden einander angeekelt, weil sie nach jahrelangem Zusammenwohnen im gleichen Barackenteil den Nachbarn und die Art seines Lachens und seine Geschichten nicht mehr ertragen konnten. Viele der Internierten hielten sich Tiere. Sie, die selber hinter Drahtgittern saßen, hatten innerhalb ihres Käfigs kleine Käfige mit Tieren aufgestellt und schenkten diesen all ihre Liebe. Ein Mann, der sich rühmte, dass er eifrig mitgeholfen habe, in Deutschland eine Anzahl Synagogen anzuzünden, pflegte zärtlich seine gefangenen Papageien, Meisen, Nachtigallen und andere Vögel. Ein herzensguter deutscher Musiker in meiner Baracke, ein überzeugter Antifaschist, züchtete Mäuse. Einmal setzte er eine fremde Feldmaus, die sich verlaufen hatte, in einen Käfig, wo schon eine Mausfamilie hauste. Scheu und angstvoll schmiegte sich die schmächtige fremde Maus, ein Weibchen, in einen Winkel des Käfigs. Sie suchte sich so unbemerkbar wie möglich zu machen. Aber der Mausvater und die Mausmutter und die Mauskinder rochen sie. Sie fühlten sich gestört von ihr. Sie fühlten sich gereizt, bedroht. Nach einer halben Stunde lag die fremde Maus, die möglicherweise einer anderen Mausrasse angehört hatte, in einer Blutlache. Von scharfen Zähnen war sie totgebissen worden. Wahrscheinlich hatten die Mäuse geglaubt, dass der vor Furcht zitternde fremde Gast ein heimtückischer Eindringling war, der sich voller böser Absichten in ihr eigenes Land eingeschlichen hatte. Der weitaus beste Platz in dem Lager war das ebenfalls mit Stacheldraht eingehegte Spital. Es war gemeinsam für alle Parteien in dem Lager. Und doch fand man zuweilen in einer der Baracken dieses Spitals wahren Frieden. Wenn die Kranken arge Schmerzen litten, wurden oftmals die fanatischen Gesichter wieder zart und menschlich, wie Gesichter von Kindern. O, wie viele seltsame Schicksale haben sich vor mir geöffnet, wenn mir alte und junge Männer, die Jahrzehnte in den Tropen verbracht hatten, in dem Lagerspital in Indien ihre Lebensgeschichte erzählten, in den schlaflosen Nächten vor oder nach einer schweren Operation, oder wenn sie auf den herannahenden Tod warteten. Da waren sie dankbar für den kleinsten Liebesdienst, dann vergassen sie, dass ein Mensch, der nicht ihrer Partei zugehörte und der gar einer anderen Rasse entstammte als sie, in dem Bett neben ihnen lag. Aber sobald sie sich wieder erholten, oder sobald für einen langsam und qualvoll Sterbenden nur ein Strahl falscher Hoffnung aufleuchtete, wurden ihre Gesichter wieder hart und höhnisch und abweisend, und sie begannen wieder, an Geheimberichten und Boykottmassnahmen gegen ihre Leidensgenossen zu denken. Der Lagerfriedhof, von dem aus man den Gebirgskamm am besten sah, befand sich am Westrand des Gefangenenlagers; er war nicht von Stacheldraht umgeben. Die Gräber wurden von Internierten, die unter Bewachung hingeführt wurden, sorgfältig gepflegt und mit Blumen geschmückt. Aber der aufgepeitschte politische Hass und die gegenseitige Abscheu unter den Gefangenen machte nicht einmal vor dem Tode halt. Die mächtigste Partei im Lager empörte sich dagegen, dass die Toten der gegnerischen Menschengruppe ihre eigenen Toten durch Nachbarschaft in der Friedhofserde beflecken könnten. Um immer erneute Unruhe im Lager zu vermeiden, sah sich der Lagerkommandant genötigt, die verstorbenen Antinazis und Antifaschisten auf einem weitentfernten Friedhof in der nächsten Stadt begraben zu lassen. Oben auf den Dächern der Küchenbaracken aller acht Lagerflügel saßen immerzu in dichtgedrängten Reihen die hässlichen, geierartigen Raubvögel. Sie waren die eigentlichen Herren des Lagers. Kein Stacheldraht hinderte sie, kein Wachtposten schoss nach ihnen, wenn sie über dem Stacheldraht schwebten und in die verschiedenen Hürden der Menschen hinabspähten. Was sahen die Raubvögel? Sie sahen Frass. Sie kümmerten sich nicht darum, ob es Antifaschisten oder Faschisten oder Patres waren, die mit ihren gefüllten Blechtellern aus der Küchenbaracke heraustraten. Wild stürzten sie sich in Schwärmen nieder und rissen die Fleischstücke an sich. In ihrer Gier hieben sie auch manchmal daneben und rissen die Menschenhand, die den Teller hielt, blutig. Das war nicht ganz ungefährlich wegen des Leichengiftes; denn die gierigen Raubvögel frassen auch Aas. So bereitete sich das Gefangenenlager mit einigen tausend Europäern wie ein armes Stückchen zuckenden Lebens zu den Füßen Schiwas, des Zerstörers, aus. Ringsum aber dehnte sich unermesslich das indische Land, dessen vielverschlungene staubige Strassen auch hier wie überall, vom Himalaja bis zum Kap Komorin, in den grauen Morgenstunden des Tages von den endlosen Reihen der langsam rollenden Ochsenkarren der indischen Bauern bedeckt waren. Eintönig schwoll der Gesang der Bauern auf und ab. Es war wie der Gesang Indiens, so als ob das ganze Land, als ob die ganze Erde sehnsüchtig flehte, dass es endlich wieder Tag würde und über der nachtumhüllten Erde die geistige Sonne, der Paramatman, allen sichtbar, aufsteigen möge: "Die ewige, vor ew'ger Zeit geborne,
2.3 Gefangen – Frei – Gefangen Top Auch ich versuchte in den Baracken des Interniertenlagers weiter zu leben und zu meditieren wie bisher im Hause meines Gurus und zog mich selbstsüchtig auf mich selbst zurück. Es gab einige Einzelkammern in dem Lager. Eine solche Kammer zu bekommen, um dort ungestört arbeiten und meditieren zu können, war für einige Zeit das Ziel meines Strebens; oder wenigstens einen Eckplatz in einer Baracke. Denn das bedeutete, nur auf der einen Seite einen Bettnachbarn zu haben und auf der anderen Seite die Geborgenheit einer schützenden Wand. In der Bhagavad-gita hatte ich mit Schri gelesen: "Ohne Meditation, wie will er Frieden erlangen?" Ich mühte mich, auch in dem Lärm und Getümmel zu meditieren, setzte mich aufrecht, mit untergeschlagenen Beinen, auf mein Bett und wurde nur ein Zielpunkt für Gelächter. In dem halboffenen Waschraum, wo wir in Nischen manchmal zwanzig Mann nackt nebeneinander standen und uns abduschten, - und sehr oft das Wasser in den Brausen gerade dann aussetzte, wenn wir ganz eingeseift dastanden - sang ich manchmal leise, selbstvergessen, die heilige Silbe AUM vor mich hin, das Urwort, dessen drei Laute Weltschöpfung, Welterhaltung, Weltzerstörung bedeuten und auch die drei Zeiten Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und das Verborgene, das über den Zeiten ist. Meine Kameraden fühlten sich durch mich gereizt. Oder ich hatte in einem Winkel des Lagers, wo das Gras überall sonst von vielen Füßen niedergetreten war, hinter einem der kleinen Ställe für Kaninchen oder Hühner oder Enten, welche emsige Kleintierzüchter gebaut hatten, doch einen halbwegs verborgenen Fleck entdeckt und dort in der Meditation Ruhe gefunden. Wenn ich mich nachher, noch ein wenig von Glück und Licht erfüllt, mit meinem Blechteller in dem langen Zug der auf die Essenausgabe Wartenden einordnete, wo oft ein Lärm herrschte, als wartete ein Rudel hungriger Raubtiere auf die Fütterung, da fuhr mich einer böse an: "Warum lächeln Sie immer wie die Mona Lisa? Ich verstehe nicht, wie kann man in einer solchen Lage, in der wir uns befinden, auch noch lächeln!" Ich hatte noch nicht die Erfahrung gemacht, dass die äusseren Behelfe der Meditation, die Matte aus Kushagras, die mir ohnehin schon am Tage meiner Einlieferung ins Lager gestohlen wurde, und der abgesonderte reine Raum und die Einsamkeit nur Gebote für Anfänger sind. Die Schutzwände, die ich in dem Lager um mich zu bauen versuchte, stürzten bald wieder ein. Das weisse Moskitonetz, das jeder von uns zur Abwehr der Malariamücken nachts über seinem Bette aufspannte, gewährte ja eine gewisse Abgeschiedenheit. Aber es kam vor, dass ein Betrunkener, den ich unwissentlich erzürnt hatte, nach Mitternacht in die Baracke hereinkam, mein Netz niederriss und wild schimpfend eine Prügelei mit mir begann. "Sei gelassen, sei ruhevoll, gib den Menschen rings um dich von deiner Ruhe, deinem Frieden, deiner Kraft!" So hatte mir Schri ins Lager geschrieben, als es endlich von den Behörden erlaubt worden war, Briefe zu schreiben und zu empfangen. Ich erschrak, als ich Schris Schreiben las. O wie sehr hatte ich versagt! Ich hatte dahingelebt wie ein Kokainisierter, wie einer, dem durch eine Einspritzung ein Teil seines Wesens gelähmt worden war; ich war geschoben worden und hatte mich schieben lassen wie auf einem rollenden Band. Schrilles Pfeifen weckte mich morgens auf. Schrilles Pfeifen rief zum Aufstellen in Reih und Glied auf dem Sportplatz zum täglichen Namensaufruf. Pfeifen von der Küche her rief zum Aufstellen für die Essenausgabe. Pfeifen rief zum Gemeinschaftsdienst, Karottenschälen usw. Ich wurde zu irgendeiner Arbeit befohlen, zum Fensterputzen, zum Barackenaufwaschen ... Ich wurde angebrüllt und schrie auch manchmal andere an. Wo aber war indessen ich selbst? Wenn ich mir die erste Zeit in der Gefangenschaft vorzustellen versuche, so sehe ich vor allem vor mir, wie ich innerhalb des Stacheldrahtes immer wieder übersiedle von einer Baracke in ein Zelt, von einem Zelt in eine andere Baracke; von einer Stacheldrahthürde in eine andere Hürde. Sobald ich in einem Winkel bei meinen Kameraden halbwegs heimisch geworden war, kam gewiss der Befehl, wieder zu übersiedeln. Zahllose Male sind meine Gefährten und ich auf höheren Befehl mit Sack und Pack von einem Teil in einen anderen Teil des Lagers umgezogen. Mehrmals übersiedelte sogar das ganze Lager. Ich erinnere mich noch, wie wir einmal in langen Autobuskolonnen durch das indische Land den unbekannten Baracken zufuhren. Mitten auf einer öden Steppe hielten plötzlich alle Wagen an. Uns wurde befohlen, auszusteigen. Wir wurden in ein weites Viereck hineingetrieben, dessen Seiten aus langen Reihen brauner Soldaten bestanden, deren Gewehre schussbereit auf uns gerichtet waren. Uns wurde befohlen, unsere Notdurft zu verrichten. Nachdem der Befehl vollzogen war, wurden wir zu den Autobussen zurückgeschickt und fuhren weiter in das nächste Lager, um auch dort nicht zur Ruhe zu kommen. Indessen amtierten in allen Lagern die Untersuchungskommissionen, die entscheiden sollten, welche Internierten entlassen werden durften und welche für die Dauer des Krieges eingesperrt bleiben sollten. Die Komissionen amtierten und prüften jeden einzelnen Fall in unserem grossen Lager und in einem kleinen Lager bei Darjeeling, hoch im Himalaja, das viele Monate lang tief im Schnee lag; sie amtierten in Lagern in den Nilgiribergen im Süden und auch in einem Lager im Dekhan, dessen Belegschaft fast nur aus Frauen bestand und wohin ich für einige Wochen irrtümlich geschickt worden war. Oder war es irgendein Scherz gewesen? Dort gab es keinen Stacheldraht. Die Baracken standen zwischen alten Baumgruppen auf schönem Rasen. Auf den Wiesen unter den Bäumen wandelten europäische Frauen auf und ab, viele von ihnen jung und hübsch, in hellen Sommerkleidern oder in langen Hosen oder in sehr kurzen Hosen. Manche lagen hingestreckt in Liegestühlen und winkten mir mit farbigen Sonnenschirmen zu, als ich im Autobus unter Bewachung von drei Soldaten dem Lager zufuhr. Ein schöner Fluss blinkte in der Nähe. Es sah aus wie die "Heiterbucht" aus Strindbergs "Traumspiel". Aber auch dieses Lager, wo es in der Kantine Lippenstifte und andere kosmetische Artikel zu kaufen gab und wo an weiss gedeckten, mit Blumen geschmückten Tischen gespeist wurde, war von unsichtbaren Stacheldrahtwänden in enge Käfige abgeteilt. Die deutschen Frauen weigerten sich, mit den jüdischen Frauen und den an Juden verheirateten arischen Frauen zusammen zu essen. Die feindlichen Gruppen speisten zu verschiedenen Stunden und boykottierten sich gegenseitig. Die italienischen und die deutschen Frauen speisten zwar zur selben Zeit, aber sie sprachen nicht miteinander; auch sie boykottierten sich. Die sogenannten "anständigen" Italienerinnen und die kleine Gruppe der italienischen Huren aus Bombay mieden sich mit gegenseitiger Verachtung. In vier Winkeln des gemeinsamen Gesellschaftsraumes saßen die internierten Frauen in geschlossenen Gruppen und wechselten böse Blicke. Liebenswerte, junge Geschöpfe verschwendeten ihre ganze Kraft, um Intrigen zu spinnen, einander zu hassen und beim Kommandanten und bei der Untersuchungs-kommission anzuschwärzen. Das war nicht die "Heiterbucht", wie es auf den ersten Augenschein aussah; das war vielmehr "Schmachsund" aus dem gleichen Drama Strindbergs. Manche Frauen weinten heimlich die Nächte hindurch wegen der Bosheiten, die über sie geflüstert wurden. Einige wurden wahnsinnig an diesem Ort ... Als ich nach kurzem Aufenthalt wieder im Autobus sass, um unter Bewachung in das frühere Lager zurückbefördert zu werden, stand ein Kreis von Frauen aus den verschiedensten Gruppen dicht gedrängt um den Wagen herum und alle jene, die mich verachtet hatten, und jene, die mir schön getan hatten, sprachen mit gutgeschminkten, zitternden Lippen zu mir empor. Sie beschworen mich, ich möge ihre Männer grüssen, jüdische Männer, deutsche Männer, italienische Männer, die in verschiedenen Stacheldrahthürden des grossen Männerlagers eingesperrt waren, teilweise in Hürden, die mir ganz unzugänglich waren. Auch als die Räder des abgeschabten schweren Wagens schon über den Sand knirschten, riefen sie mir noch flehend nach, ihre Männer sollten nichts unversucht lassen, um zu ihnen zurückzukehren. Viele Monate lang amtierten die Kommissionen. Und wenn eine Kommission abgereist war, kam alsbald eine neue. Jeder internierte Mann, jede internierte Frau hatte Formulare auszufüllen und wurde wiederholt vorgerufen und einzeln verhört. Zeugen wurden vernommen. Denunziationen wurden geschrieben, die Akten des Geheimdienstes über jeden Internierten wurden sorgsam durchforscht, über jeden einzelnen wurde Gericht gehalten. Eines Tages wurde ich unvermutet entlassen. Verwundert schritt ich durch das Stacheldrahttor ins Freie hinaus. Am nächsten Morgen war ich bei Schri. Der alte Mann schloss mich in seine Arme. Das grosse Lager, hinter dessen doppelten Eisengittern noch viele hunderte meiner Gefährten hausten, war bald wie ein Traum hinter mir versunken. Freilich, noch oft staunte ich, dass ich gehen konnte, wohin es mir behagte, und dass der Weg nirgends durch Stacheldraht gehemmt wurde. Aus der heissen Ebene fuhr ich bald mit Schri ins frische Waldgebirge nach Mahabaleshvar hinauf. Dort lebten wir in einem kleinen Häuschen in der Einsamkeit. Unweit unserer Hütte über einem Abgrund erhob sich ein uralter Krischnatempel. In der kühlen Tempelhalle sass ich oft zu Füßen eines Standbildes Krischnas, das ihn als den göttlichen Knaben darstellte, der bei den Hirten von Brindaban aufwuchs und Flöte blasend den Wald durchzog. Zu Füßen Krischnas entsprang auch eine klare Quelle, die den Steilhang herabstürzte und dann in der Ebene zu dem breiten Fluss wurde, der irgendwo im Dunste der Ferne an dem Frauenlager vorüberzog. Rana kam zu Besuch. So wie einstmals saßen wir zu Füßen Schris und wir lasen wieder gemeinsam die Upanischaden. Der alte Mann war fröhlich und unbekümmert, er lächelte meist heiter wie ein Kind. Aber wenn er die Geheimlehre der Upanischaden erklärte, da waren seine Worte wie Blitze, und das Firmament brannte gleichsam im Feuer über uns, so dass raumloses und zeitloses ewiges Sein aufklaffte. Jeden Morgen vor Sonnenaufgang ging ich nach raschem Bad auf einen Hügel, um dort zu meditieren. Wolkenlos war der Frühlings- und Sommerhimmel über mir, wenn ich in den ersten Monaten in der Meditation für einen Augenblick die Augen aufschlug. Dann kam allmählich eine neue Regenzeit über die Waldhänge heran. Ungeheure Wolkenzüge und Nebeltreiben wälzten sich aus den Schluchten empor und über mich hin, wenn ich während der Meditation die Augen öffnete und staunend schaute. Regenschwere Wolken hüllten die Erde ein. Die ersten Regengüsse stürzten nieder. Die Donner der ersten Gewitter rollten. Die giftigen Schlangen begannen schon, aus ihren überschwemmten Erdlöchern herauszukriechen. Nun war bald Zeit, den wunderbaren Wald zu verlassen, wo Orchideen auf den moosigen Zweigen der Bäume wuchsen. Flackernde Gerüchte über die Auswirkungen der deutschen Offensive in Norwegen und im Westen brachte der Diener Schris in unser stilles kleines Haus mit, wenn er allwöchentlich aus dem stundenweit entfernten Dorfbasar zurückkehrte. Auch ein amtlicher Brief kam: Die bereits bewilligte erneute Einreiseerlaubnis für meine Frau und mein Kind war plötzlich wieder zurückgezogen worden. Ein Gast aus der Stadt berichtete, dass man anfing, die freigelassenen feindlichen Ausländer wieder zu verhaften. Kurz vor dem Abschied aus dem Wald luden die Brahmanen des Tempeldorfes Alt-Mahabaleshvar Schri zu einem feierlichen Gastmahl. In Schris schönem Achtzylinder-Fordwagen, den ihm einer seiner indischen Schüler geschenkt hatte, fuhren wir den kurzen Weg zu dem festlich geschmückten Haus, wo das Mahl zu Ehren meines Gurus stattfinden sollte. Der alte Priester, der vor Jahren eine der Töchter Schris in diesem Gebirgsdorf getraut hatte, schien verlegen zu sein, als er uns empfing. Es stellte sich heraus, dass einige der sehr orthodoxen Brahmanen des Tempeldorfes Bedenken hatten, mit mir, dem Europäer, zusammen zu essen. Man wünschte, ich möge nicht in den Reihen der Gäste, sondern auf der Veranda des Hauses mein Mahl einnehmen. Schri war abweisend. Er betonte, ich sei sein Schüler; er als mein Guru habe mir die Brahmanenschnur verliehen, er habe mich anerkannt, es sei kein Grund vorhanden, mich auszuschliessen. Geraume Zeit wurde ohne Ergebnis verhandelt. Dann fuhren wir hungrig zu unserem kleinen Haus zurück; weder Schri noch ich hatten an dem feierlichen Mahle teilgenommen. Ich war heimlich voller Stolz, dass Schri für mich eingestanden war, mich nicht verleugnet hatte, mich nicht als Barbaren hatte behandeln lassen. Ich ahnte damals nicht, dass der Guru, gewiss ohne ein Wort darüber zu verlieren, meine Haltung scharf tadeln musste. Wohl stellte sich der Lehrer schützend vor seinen Schüler. Aber der unmittelbare Trieb meines Herzens hätte sein müssen, entschieden zu erklären, dass ich mit Freuden draussen auf der Veranda essen wolle. Ich hatte in der Gefangenschaft nichts gelernt; ich hatte die Gabe der Demut noch nicht empfangen. Am nächsten Tag verliessen wir das Bergdorf. Je tiefer wir aus dem Gebirge herabkamen und uns der Ebene näherten, desto aufgeregter waren die Menschen. Die Deutschen waren in Paris eingezogen. Sie hatten Frankreich überschwemmt. Alle Basare schwirrten von den abenteuerlichsten Gerüchten, die ausnahmslos geglaubt wurden: "Was auch geschieht, du musst deine innere Ruhe bewahren", ermahnte mich Schri. Ich versuchte es, aber es gelang mir nur mangelhaft. Die allgemeine Erregung durchloderte auch mich. Bald nach unserer Ankunft in Nasik erschien der mir bereits bekannte Polizeiinspektor mit seinen Begleitern und wies einen neuerlichen Verhaftungsbefehl vor. Unter starker Bewachung wurde ich, sowie Hunderte von anderen Freigelassenen, von neuem festgenommen und abermals hinter Stacheldraht geschafft. Meine vermeintliche Fahrt in die Freiheit war nur ein kurzer Urlaub aus der Gefangenschaft gewesen. Ich lag in der dumpfen Baracke unter dem Vorhange des weissen Moskitonetzes, in den engen Reihen der Schläfer, die unter den Scherbenbergen ihrer zusammengebrochenen Vergangenheit stöhnten, und die voller Furcht vor der Zukunft waren. Ich fand keinen Schlaf. Der Andrang von Bildern unter den geschlossenen Lidern liess sich nicht auslöschen. Auch ich war voller Unruhe wie die andern. Ich konnte die Sorge um die Meinen, um Mutter, Frau und Kind nicht unterdrücken, die in Österreich nun in täglich sich steigernder Gefahr waren, vielleicht bereits in einem viel schlimmeren Lager als ich selbst. Ich konnte die Trauer um mein eigenes Schicksal nicht niederringen, den Gram, dass mein geistiger Schulungsweg bei einem geliebten Lehrer zum zweitenmal scheinbar sinnlos abgebrochen worden war. Ich setzte mich im Bett auf und versuchte zu meditieren, wie ich es bei Schri gelernt hatte. Es gelang. Aber wenn ich mich zuletzt müde wieder hinstreckte, schwirrten von neuem quälende Bilder rastlos vor meinen Augen und die Gedanken rollten zwangsläufig ab. Es war wie in einer Gespensterwelt. Rings um die Lager heulten die Schakale. Nun war ein Rudel von ihnen ins Lager eingebrochen. Gierig wühlten sie in den Abfallkübeln, dass das Blech rasselte. Röchelnd wälzten sich meine Nachbarn unruhig hin und her, dass die Bettgestelle krachten. Manchmal erfüllte ein Stöhnen die Baracke, als ob ein Alp auf den Schläfern läge. Ich konnte eine quälende Vorstellung nicht auslöschen: dass alle Menschen, und ich mit ihnen, in dieser grossen Baracke, alle Menschen in den acht Pferchen dieses Barackenlagers, nein, alle Menschen auf der ganzen Erde gebunden am Boden einer dämmernden Höhle lägen. Wir waren gebunden durch die Fesseln unserer eigenen Begierden und durch unsere Vorurteile, durch unsere Unwissenheit, durch unseren Mangel an Demut. Ich musste von einer solchen Höhle einmal irgendwo gelesen haben. War es nicht in einem Werk von Plato gewesen? Ich konnte mich nur unvollkommen erinnern. Wir Gefangenen in der nächtlichen Höhle starrten mit angstvollen Augen alle in eine Richtung, auf ein flackerndes Schattenspiel auf einer Wand im Hintergrund der Höhle. Wir sahen nur den Tanz der verzerrten Schatten und konnten den Sinn dieser Bewegungen nicht deuten. Das Spiel der wahren lebenden Gestalten im Reiche der Urbilder, von dem bloss einzelne wirre Schatten in die Höhle hineinfielen, konnten wir nicht wahrnehmen; das war uns unzugänglich. Mit der Hand strich ich über meine Augen, um die Bilder zu verscheuchen. Ich sehnte mich nach einem Tropfen Wasser und stand auf, um zu dem Brunnen zu gehen und dort zu trinken. Leise, um die Schläfer nicht zu wecken, schritt ich im Dunkeln zwischen den Bettreihen zum Tor der langgestreckten Baracke. Noch schriller hörte man nun draussen das Heulen der Horden von Schakalen rings um das Lager. In Chören schrien sie stundenlang in dem finsteren Wald, der das Lager umgab. Manchmal verstummte der Chor und nur ein einziges Tier schüttete sich gleichsam aus in immer wilderem, grellerem Gelächter, als ob es irrsinnig lachte über die seltsame Schattenwelt, in der wir Menschen leben.
2.4 Das Fest der Unberührbaren Top Ich sass mit gekreuzten Beinen auf dem leeren Fußballplatz am Rande der schwarz aufragenden nächtlichen Baracken. Tagsüber war dieser Platz voller Lärm, schütternd von den trappenden Füßen der beiden Mannschaften und den Zurufen der Zuschauermenge, deren Hauptunterhaltung im Lager jahraus und jahrein diese Wettspiele waren. Nun war es still. Die Gefangenen schliefen ihren schweren Schlaf. Von draussen, von den langgestreckten hässlichen Kasernen der Latrinenfeger, die mit ihren kurzen Reisigbesen und auch mit Zuhilfenahme ihrer braunen Hände die Kübel in den vielen Latrinen des grossen Lagers vom Kote säuberten, scholl leise Gesang herüber. Ein hohes Feuer brannte dort. Freudiges Gewimmel bewegte sich um das Feuer, die Kastenlosen tanzten und sangen. Von einem hohen Mast vor ihren Baracken wehte, von den Flammen angestrahlt, eine rote Fahne im Wind. Das war das Zeichen, dass der Valmiki-Guru zu ihnen gekommen war. Deshalb feierten sie ihr Fest. Die Inder, welche die niedrigen Reinigungsdienste im Lager taten, wurden von den Gefangenen hinter Stacheldraht sehr verachtet. Allen Rassenhochmut des weissen Mannes gegen den dunkler Gefärbten, oftmals nur eine leise Schattierung dunkler Gefärbten, liessen sie an ihnen aus. Es war die einzige Sache, in der jüdische Intellektuelle und deutsche Monteure im Lager zuweilen einig waren. Selbst diejenigen, die in ihrer Heimat wegen ihrer Rasse verfolgt wurden, verachteten diese Inder, welche Dienste für sie taten. Man nannte sie im Lager kaum jemals anders als die Schwarzen, die Nigger. Man beschimpfte sie. Wie oft hörte ich Gespräche: "Diesen verdammten Sweeper (Straßenfeger) muss man einmal mit einem Kasten auf die Hirnschale schlagen". "Sehr richtig, Herr Kollege." Aber selbst diese Verachteten hatten ihre Gurus, ihre Geisteslehrer, die ihnen halfen, ihr Leben ihrem jeweiligen Stand und Charakter entsprechend sinnvoll zu gestalten und ihnen geistige Unterweisung zu geben. Der Pfad zum höchsten Ziel ist niemandem versperrt in Indien. Sogar die Kasten der Diebe, der Kurtisanen (Geliebte, Beischläferin) usw. hatten in Indien Jahrtausende hindurch ihre eigenen Gurus. Wenn ein Latrinenfeger auch oftmals zu arm ist, um sich jemals richtig satt essen zu können oder sich gar ein Stück Seife zu kaufen, und wenn er auch im peitschenden Regenguss des Monsuns seine mageren nackten Schultern höchstens mit einem löcherigen alten Sack bedecken kann, so hat er doch oftmals eine grobe, aber klare Vorstellung davon, dass in ihm eine ewige Seele durch die Zeit wandert, dass er sein hartes Schicksal in diesem Leben durch seine eigenen Taten in früheren Leben selbst herbeigeführt hat und dass er durch sein Verhalten in diesem Leben sein Schicksal in kommenden Erdenleben vorbereitet. Was im Abendland nur einigen der tiefsten Mystiker bekannt war, dass sie in Wahrheit Hunderttausende und Millionen Jahre alt sind, und dass sie schon am Beginn der Schöpfung mit dabei waren, das ist in Indien manchem Latrinenfeger in Lumpen nicht fremd. So wie Krischna es in der Bhagavad-gita ausspricht: "Es gab keine Zeit, da ich nicht lebte, noch du, noch diese Könige. Und es wird auch in Zukunft keine Zeit geben, da wir aufhören werden, zu sein ... So wie ein Mensch zerschlissene Kleider abwirft und andere neue Kleider dafür anzieht, so wirft die Seele die zerschlissenen Leiber ab und tritt in einen neuen Körper ein. Diesen Atman schneiden die Schwerter nicht. Diesen Atman brennt das Feuer nicht. Diesen Atman netzt das Wasser nicht. Der Wind trocknet ihn nicht aus ... Wenn du das weisst, dann ziemt's dir nicht, zu trauern." Durch den Stacheldraht blickte ich zu den Baracken der Kulis hinüber. Im hellen Schein des Feuers saßen sie nun alle im Kreis um den Valmiki-Guru und lauschten seinen Worten. Mir fiel die Geschichte Valmikis ein, von dem die geistigen Lehrer der indischen Kastenlosen ihren Namen empfangen haben und der selbst einmal ein von allen Verachteter war; die Geschichte Valmikis ist ein grosser Trost für jeden, der gestürzt ist und voll Scham ganz tief am Boden liegt und glaubt, sich niemals wieder erheben zu können. Der Mann, der später Valmiki genannt wurde, war ein gefallener Brahmane. Ein Brahmane, der seine Kaste verloren hatte, galt im alten Indien niedriger als der niedrigste Kastenlose. Der Ausgestossene war in seinem Trotz zu einem Wegelagerer und Räuber geworden, der die Wanderer erschlug und ausraubte, die den dichten Wald durchzogen, wo er in einer finsteren Erdhöhle hauste. Einmal wanderte ein Weiser durch den Wald. Er hatte auf Erden nichts für sich zu gewinnen oder zu verlieren. In grenzenlosem Mitleid mit der Menschheit schweifte er umher, um vielleicht doch irgendwo eine Seele zu finden, die würdig wäre, den grössten Schatz zu empfangen: Bhakti, liebende Hingabe an Gott. Aus dem Dickicht sprang der Räuber, um den Wanderer zu töten und zu berauben; denn er glaubte, dieser trage einen irdischen Schatz mit sich. Als seine Keule schon über dem Haupte des Greises schwebte, erstaunte ihn das lichte Lächeln und die kindliche Unschuld in dessen Gesicht. Einen Augenblick hielt er inne. "Mein Sohn, warum willst du eine solche grosse Sünde begehen?" fragte sanft und furchtlos der Bedrohte. Die Keule entfiel der Hand des Grausamen. Er warf sich vor dem Wanderer nieder und berührte dessen nackte Füße mit seiner Stirne. Dann hob er sein verwildertes Antlitz, das von Tränen nass war, und sagte aufseufzend: "O grosser Weiser, nun sehe ich, wie ich selber bin. Ich sehe die ungeheure Finsternis meines Lebens. O gib, gib mir einen heiligen Mantra, dass der furchtbare Schmutz meiner Sünden weggewaschen werden möge." "Ja, mein Sohn, das will ich tun", sagte der Weise. Er kniete nieder und beugte sich liebevoll über den Mann, der vor ihm am Boden lag, bis sein Mund dicht an dessen Ohre lag. "Wiederhole diesen überaus heiligen Mantra", flüsterte er. "Singe die zwei Silben des Namens Gottes; singe: "Rama, Rama, Rama ..."" Der Räuber schrie auf vor Entsetzen: "Nicht dieses Wort! Nicht dieses Wort! O mein Vater. Wie darf ich es wagen, mit meinem besudelten Mund den Namen Gottes zu wiederholen!" Der Rishi lächelte: "Mein Kind, wiederhole die beiden geheiligten Silben des Gottesnamens in umgekehrter Reihenfolge. Singe: "Mara, mara, mara ..." Du weisst, was das bedeutet?" Der Räuber ächzte: "Ja, ich weiss, was das Wort mara bedeutet: Tod. Ja, das ist das rechte Wort für mich." Die Hand des Gottgeweihten lag segnend auf dem zerwühlten Haar des Niedergebeugten, der ihn hatte ermorden wollen und dem er nun die Initiation, die Einweihung, gegeben hatte. Dann wanderte er davon. Der Mann wischte seine Augen, setzte sich mit gekreuzten Beinen hin auf das Moos, mit aufrechtem Nacken und Haupt, die Augen halb geschlossen und auf seine Nasenspitze blickend, wie es für die Meditation ratsam ist. Und er sang: "Mara, mara, mara ... Tod, Tod, Tod ..." Viele Jahre später Schritt der gleiche Rishi, der durch die Welt wanderte, abermals durch denselben Wald und gelangte an jene Stelle, wo er einstmals dem Räuber die Initiation gegeben hatte. Er blickte sich rings um. Aber natürlich war niemand mehr da, bloss ein Ameisenhügel erhob sich auf Seiten des Pfades. Der Weise blickte näher hin und nahm zu seiner Überraschung wahr, dass Augen und Haar eines Mannes durch die Oberfläche des Ameisenhaufen schimmerten. Bewegungslos sass dort der Mann in Meditationshaltung. So still war er, dass das Ameisenvolk ungestört seinen Bau rings um ihn aufgetürmt hatte. Er war in tiefer Entrückung, nur seine Lippen bewegten sich. Mit fast lautloser Stimme sang er: "Rama, Rama, Rama". Das Sanskritwort für Ameisenhaufen ist Valmiki. Der gefallene Brahmane und verabscheute Räuber wird seit Tausenden von Jahren als Valmiki gepriesen. Er wurde der heilige Seher und Dichter Valmiki, der Schöpfer des Epos Ramayana, ein unerschöpflicher Ozean von Schilderungen aus dem Leben Gottes, da dieser als Rama auf Erden wandelte. Während Valmiki, die zwei Silben ma-ra, ma-ra, ma-ra ... unablässig wiederholt hatte, waren sie von selbst zur Wortreihe Rama, Rama, Rama ... Gott, Gott, Gott ... geworden. Und die unermessliche Kraft des Gottesnamens hatte, so wird berichtet, nicht nur allen Schmutz von Valmikis Seele abgewaschen, sondern ihn auch fähig gemacht, in Gottes lichtes Reich hineinzublicken und zu schauen, wie Gott niederstieg zur Erde in Menschengestalt als Rama, um die Last der Erde hinwegzunehmen, die getreten wurde von den Füßen der Millionenheere der Dämonen. So, wie Gott schon früher in anderer Gestalt als Vaman zur Erde niedergestiegen war und später als Krischna kam, und immer wieder und immer wieder erlösend kommen will. Wie von einem grossen Feuer zahllose Funken aussprühen nach allen Richtungen, so gehen von dem Urfeuer, von Gott, in alle Ewigkeit die göttlichen Erlöser, die Avatare, aus. Sie steigen heilend auf die Erde und in andere Welten nieder, sie nehmen die Bürde der Welten hinweg und kehren dann wieder zu ihrem Ursprung zurück. So heisst es in den indischen heiligen Schriften. Das grosse Feuer inmitten des Kreises der Kastenlosen, der Unberührbaren, flammte in der Nacht. Der Kastenlose und Gott werden beide "Der Unberührbare" genannt. Hell sprühten die Funken von dem Feuer aus. Jubelnd sprangen die Reihen der Latrinenfeger auf, als ihr Guru, von dem Feuer bestrahlt, sich erhob und zu singen begann, seine Unterweisung von der Liebe Gottes, von den Taten Gottes, von den ewigen, niemals endenden Liebestaten Gottes in allen Welten und für alle Wesen, hohe und niedrige, für Menschen und Tiere und Dämonen. Jauchzend tanzten die Kulis um ihren Lehrer und um das Feuer. Während das Gewimmel ihrer beleuchteten Gestalten, der Männer und Frauen, freudig auf und ab wogte, erhob sich ihr Chorgesang. Einen Gottesnamen sangen sie. In unermesslichem Jubel sangen sie: "Krischna! Krischna! Krischna! Krischna! Krischna! Krischna! Krischna!" Sie schlugen die Trommel Schiwas und sangen den Namen des verborgenen Gottes, über den Schiwa, der grosse Gott der Welt, von Schlangen umwunden, mit der Asche der Toten beschmiert, vom Gift der Sinnenwelt gebrannt, immerdar beseligt lächelnd meditiert, in Krischnas inneres Reich hineinlauschend. Auch in dem Hindudorf dicht am Südrand des Lagers hatten die Bauern ein Feuer entzündet. Auch sie schlugen die Trommel Schiwas. Auch sie tanzten jauchzend um das Feuer und sangen: "Krischna! Krischna! Krischna!..." "Ist heute ein grosses Fest Krischnas?" sann ich. Ich hatte keinen Kalender, in dem die Feste der Hindus verzeichnet sind, mit mir in das Lager genommen. Ist heute nicht das Schwingefest Krischnas, zur Erinnerung an den Tag, da das göttliche Kind, der Krischnaknabe, der in Brindaban bei den Hirten aufwuchs, von seinen Gespielen, den Gopas, und den Hirtinnen, den Gopis, jubelnd in der Schaukel geschwungen wurde? Sogar die indischen Wachtposten, die mit kurzen Khakihosen und Khakigamaschen in dem von grellem elektrischen Licht überschwemmten Stacheldrahtgang unermüdlich auf und ab Schritten, deren Gewehrlauf und aufgepflanztes Bajonett kalt im weissen Lichte blinkte, auch sie marschierten in dieser Nacht fast wie im Tanzschritt und sie sangen: "Krischna! Krischna! Krischna!" "Schluss mit dem Gewinsel!" Aus der dunklen Türöffnung einer der Lagerbaracken brach unflätiges Geschrei heraus. "Ihr Schweine! Ihr verdammten Nigger, werdet ihr sofort euer dreckiges Maul halten!" Zur Bekräftigung des fortgesetzten Fluchens einiger Internierten, die sich in ihrem schweren Schlaf gestört fühlten, klirrte eine zu Boden geworfene leere Konservenbüchse zornig auf dem Beton der Baracke. Es war, als ob sich ein dunkler Strom Jauche in die Nacht ergösse. Erschreckt und eine Beschwerde der Sahibs befürchtend, hörten die indischen Soldaten auf, den Gottesnamen zu singen und Schritten wieder stumm zwischen den beiden Stacheldrahtwänden auf und ab. Mit beklommenem Herzen sass ich auf der von vielen Füßen kahl getretenen Erde des Sportfeldes im Lager. Es war mir, als ob sich Nebel auf mein Herz gesenkt hätte. Aber unter dem Nebel schwang noch immer leise die innere Freude und das innere Vertrauen und liess sich nicht ganz unterdrücken. Ich dachte an meine alte Mutter, die in dem Judenviertel in Wien lebte, eingeschüchtert und gedemütigt von Menschen, die denen glichen, die jetzt eben in der Baracke gebrüllt hatten. Ich sah ihr Gesicht vor mir, das zarte Altfrauengesicht mit dem schneeweissen Haar und den blauen Vergissmeinnichtaugen, das mir nachgeblickt hatte aus dem offenen Fenster des Hauses am Donaukanal, als ich zum Bahnhof gefahren war, um nach Indien zu reisen. Ich hörte wieder ihre tapferen letzten Worte: "Wir zwei bleiben ja doch beisammen, auch wenn wir äusserlich getrennt sind." Ich dachte an mein Weib und mein Kind. War es ihnen möglich gewesen zu entfliehen? Oder waren sie in ein Judenlager in Polen verschickt worden? Lebten sie noch? Nachrichten kamen sehr selten, gesiebt durch die doppelten Filter der Zensur, und sie brauchten viele Monate. Ich dachte an meinen Guru Schri Maharadsch, dem man die Erlaubnis verweigert hatte, mich im Lager zu besuchen. Er war bereit gewesen, eine beschwerliche, weite Reise zu machen, um mich für wenige Minuten im Beisein eines Offiziers zu sehen. Er durfte es nicht, weil bloss in sehr seltenen Ausnahmefällen höchstens ein kurzer Besuch eines allernächsten Verwandten gestattet wurde. Und Schri war mir doch näher als mein Vater! Jeder, dessen Herz sich wirklich sehnte, durfte in der Nähe seines Gurus sein, auch die Verachteten, die Männer in Lumpen da draussen. Ich nicht. Die Feuer flammten. Die Scharen der Kulis sangen und tanzten um das Feuer und um ihren Guru im hellen, brausenden Schein. Sie riefen: "Krischna! Krischna!..." Die Bauern vor ihrem Dorf am Südrand des Lagers schlugen die Trommel und tanzten um ihr Feuer und jauchzten: "Krischna!..." Auch die schreitenden Wachtposten hatten wieder zu singen begonnen: "Krischna!..." "O du verborgener Gott, den alle rufen", so flehte mein Herz in der Nacht, "O du unbekannter Gott, von dem ich nichts weiss. Lass mich nicht versinken. Lass mich die Probe bestehen. Lass mich nochmals von neuem beginnen. Sende mir einen Helfer, einen Guru. Damit ich lernen kann, was ich bisher im Leben versäumt habe zu lernen: Liebe."
Dritter Teil - Sadananda Top 3.1 Der Freund Sadananda Top "So, wie es die Natur des Feuers ist, dass es brennt, so ist es die Natur der Menschenseele, dass sie liebt, Gott liebt", sagte Sadananda. Er war hochgewachsen, schlank, sein Kopf kahl rasiert. Er trug das Gewand eines indischen Mönches, obwohl er ein Europäer war. Eines Tages war er als Neuankömmling still vor der Speisesaalbaracke gestanden, vor der sich bereits hungrig die Internierten sammelten und über der schon in aufgeregten Schwärmen die grossen Raubvögel kreisten. Ich sprach ihn an, er gab einsilbige, sachliche Antworten. Auf dem nächtlichen Fußballplatz hatten wir unser erstes wirkliches Gespräch. Da erzählte er mir von einer antiken griechischen Vase, die er einstmals gesehen hatte. Ein Rad mit sechzehn Speichen war auf der Vase abgebildet. Rings um das Rad sah man Darstellungen aus den alten griechischen Mysterien und eine Inschrift: "Vom Rad des Ixion bin ich herabgesprungen". Ixion war jener schuldvolle verstorbene König der griechischen Mythologie, der nach der Vorstellung der alten Griechen in der Unterwelt der Toten für ewige Zeit an ein sich drehendes Rad geflochten ist; daran erinnerte ich mich. Aber ich hatte nicht gewusst, dass manche griechische Mysterien nicht die Unterwelt der Toten, sondern unsere eigene Welt als den erbarmungswürdigen Ort ansahen, wo jedes Lebewesen, ohne dass es davon weiss, an ein unerbittlich sich drehendes Rad gespannt ist, an das Rad der wiederholten Erdenleben. Ich musste an das Rad in einer stillgelegten Waldmühle denken, auf das ich in meiner Kindheit oft viele Stunden erschreckt hinabgeblickt hatte, dessen mit fahlem Moos bedeckte Speichen sich sinnlos drehten, während es in dem dunklen Schlund des geschwärzten Mauerwerks das Wasser eines stürzenden Baches emporschaufelte und zerstäuben liess und wieder emporschaufelte: Gewinn und Verlust, Ehre und Schande, Sieg und Niederlage, Glück und Leid, Gesundheit und Krankheit, Vereinigung und Trennung, Welken, Sterben und neue Geburt. Die Kraft des eigenen Begehrens wurde zur Kraft, die das Rad der Wandelwelt endlos vorwärts treibt. Alle indische Weisheit suchte nach einem Weg, sich von diesem Rad des Ixion zu befreien. Auch Schri nannte solche Befreiung das höchste Ziel. "Die Befreiung vom Rad des brennenden Leids der Wandelwelt ist nicht das höchste Ziel", sagte mein Begleiter. "Das ist nur der erste Schritt auf dem nicht endenden Pfad in die vergessene Welt Gottes, den der Guru der Gottesliebe seinen Schüler führt." "Was ist der Weg? Was ist das Ziel?" fragte ich erwartungsvoll. Es kam mir wie eine Untreue gegen meinen Guru Schri Maharadsch vor, dass ich die Frage stellte. "Der Weg ist Liebe, das Ziel ist Liebe; immer grössere, aus dem Herzen überströmende Gottesliebe. So wie der Funken Zeugnis von dem Feuer abgibt dadurch, dass er brennt, so gibt die Seele Zeugnis von der Gottheit ab dadurch, dass sie liebt. Der Funken, das ist die einzelne Seele; das grosse Liebesfeuer, das ist Gott. Der Funken ist winzig gegen das Feuer, von dem er ausgeht. Aber seine unendliche Winzigkeit bezieht sich nur auf seine Gestalt. Die Seele ist verhüllt und weiss nichts von ihrer wahren Natur. Aber wenn die Seele zu sich selbst erwacht und Gott liebt und sich unsäglich nach Gott zurücksehnt, dann hat auch sie teil an dem Ewigen, an dessen Fülle, Lauterkeit, Freiheit, Ewigkeit. Dann ist sie jedes Eigennutzes entkleidet, erstrebt nichts mehr als Gott zu erfreuen. Dann kann sie in liebendem Dienen teilnehmen an dem göttlichen Innenleben." "Ist nicht die Wahrheit zu wissen das höchste Ziel? So hat es mich mein Guru gelehrt." "Weisheit erlangt man nicht durch Wissenwollen, sondern nur durch liebendes Dienen. Blosses Wissenwollen ist noch Selbstsucht und Befriedigung des Egoismus." "Ist Schanti, ist göttlicher Frieden nicht das Höchste?" fragte ich. "Denken Sie an manche buddhistischen Bildwerke, denken Sie an den unglaublichen Frieden im leise lächelnden Antlitz des meditierenden Buddha. Sind sich nicht alle Religionen auf der Erde einig in ihrer Bitte um den Segen des Friedens? "Der Herr segne dich und behüte dich, es wende der Herr dir sein Antlitz zu und gebe dir Frieden"." "Ja, die Religionen sind sich einig in ihrer Bitte um Frieden, soweit sie noch Vorbereitungskurse, soweit sie noch Schulklassen für störrische kleine Kinder sind. Da erscheint ihnen das blosse Abwaschen des Erdenschmutzes und aller Not des irdischen Kampfes als das wichtigste. Schauen Sie sich die verschiedenen Religionen an", fuhr Sadananda kummervoll fort. "Alle wollen sie etwas von Gott. Als ob Gott ein Entgegennehmer und Ausführer von Aufträgen und Bestellungen wäre. Der eine bittet um Macht. Der andere bittet heimlich um Reichtum. Der dritte bittet um ein schönes junges Weib. Der vierte bittet um einen Sohn. Der fünfte bittet um Gesundheit und ein langes Leben. Der sechste bittet, dass seine Partei siege und der Gegner elend zugrunde gehe. Der Christ will in den Himmel kommen und dort die ewige Seligkeit genießen. Der Hindu will frei werden von dem brennenden Rad des Samsara, der Wandelwelt, und dann sicher in der Wonne leben in alle Ewigkeit. Der Buddhist will ins Nirwana eingehen. Alle wollen gleichsam eine Versicherungspolice für Frieden, Geborgenheit, Leidfreiheit in alle Ewigkeit. So ist es auch bei den Anhängern Schankaracharyas. Diese wollen eingehen in das Brahman, versinken in dem gestaltlosen göttlichen Licht, da wo jeder Zwiespalt und jede Zweiheit schwindet, in dem Licht, das die Gestalt Gottes verhüllt. Oder sie wollen sogar werden wie Gott selbst. Auch Sie, Walther Eidlitz, gehören dazu. Auch Sie haben im Himalaja gesungen: "Aham Brahmasmi ... Ich bin das Brahman". Sie haben diesen Satz aus der Upanischad übrigens gründlich missverstanden. Er bedeutet: Ich bin in meiner innersten Seele von der Natur des Brahman, so wie der Funken von der Natur des Feuers ist." Sadananda war verstummt. Schweigend schritten wir längs des Stacheldrahtes auf und ab. Rings um das Lager heulten die Scharen der Schakale und verzogen sich wieder tiefer in den Wald. "Schri hat mir nicht gesagt, "Frieden ist das Höchste". Er hat bloss gesagt: "Ich will dir vorläufig bloss Frieden geben"", begann ich nach einer Weile. "Und sogar Frieden zu erlangen habe ich nicht vermocht." Lind legte Sadananda seine Hand auf meine Schulter: "Seien Sie nicht traurig, Vamandas, dass Sie abgestürzt sind, dass Sie glauben, dass Sie alles verloren haben. Anathabandhu wird Krischna auch genannt, der Herr der Herrenlosen, der Herr derer, die nichts mehr haben als ihre Armut und ihre Sehnsucht nach ihm. Glauben Sie mir, Krischna freut sich mehr über einen, der trotz tausend Hindernissen im Getümmel und der Unreinheit dieser Baracken hinter Stacheldraht sich sehnt, ihn zu lieben und ihm zu dienen, als über einen, der gesichert und geborgen im stillen reinen Wald oder in einem Zimmer hinter Polstertüren meditiert. - Sie sind Krischnas Eigentum. Auch Ihre Meditation, auch all Ihr Gelingen und Misslingen, auch Ihre Krankheiten gehören ihm. Aber niemand wagt es ja, sich völlig Gott auszuliefern, auf s e i n e Bedingungen, nicht auf unsere Bedingungen hin. Mancher schon hat versucht, einem göttlichen Heiland zu folgen und wie dieser zu sagen: Dein Wille und nicht mein Wille geschehe. Aber wenn's dann ernst wird, wenn ihn der brausende Wille Gottes ergreift, dann bekommt er Angst, dann flüstert er heimlich: Nein, so war's nicht gemeint. Nein, nur bis hierher und nicht weiter! Keiner will's für wahr halten, dass Gott auch in Gestalt einer Katastrophe, in Gestalt eines vollkommenen Zusammenbruchs zu ihm kommen kann. - Glauben Sie mir. Wenn es aber einer vermag, sich wirklich Gott auszuliefern, dann braucht er nicht mehr zu sorgen. Dann übernimmt Gott alle Verantwortung für ihn, für alles, was er tut. Dann ist es gleich, ob er im Abgrund der Wandelwelt oder in Gottes Reich ist, denn dann i s t er in Gottes Reich der Liebe und wird hineingenommen in das grosse Drama Gottes und seiner Ewig-Beigesellten, von dem die Welt nichts weiss. Der Frieden, das Nirwana, nach dem sich so viele sehnen, ist nur ein Tor, nur eine Durchgangsstufe in Gottes eigentliches Reich. Freilich, manche bleiben für immer in diesem wundersamen Vorhof stehen. Wer aber wagt, noch weiter zu dringen, in immer grösserer Sehnsucht, Gott immer mehr und mehr zu lieben, der verliert den Frieden nicht. Wahrer Frieden ist nicht blosses Freisein von Spannungen. Die Gelassenheit des indischen Yogi, der über allem steht, wird masslos überschätzt. - Wahrer Frieden ist, in jeder Lage und in jedem Leid die Gewissheit zu haben, dass man im tiefsten Grund doch immerdar mit Gott untrennbar vereinigt ist." Wieder schritten wir lange schweigend. "Swamiji", bat ich dann: "Was hat Ihr Guru gesagt, weshalb leben wir nach seiner Meinung? Weshalb haben wir diesen Leib bekommen?" Sadananda flammte auf: "Mein Guru hat gesagt: "Wir haben diesen trägen Leib erhalten, dass wir ihn verbrennen in jedem Atemzug in unserer Liebe zu Gott." Doch das verstehen Sie noch nicht, Vamandas. Sie wissen ja noch nicht, wer Gott, wer Krischna ist..." "O, ich möchte Gott schauen", sagte ich. "Es kommt nicht darauf an, dass Sie Gott schauen", verwies mich mein Begleiter streng. "Es kommt vielmehr darauf an, dass Gott Sie ansieht, dass er angezogen wird von der Schönheit und Reinheit Ihrer Sehnsucht nach liebender Hingabe. Wenn ein Mensch Gott schauen will, so stammt dieser Wunsch noch immer letzten Endes aus einem Ausbeutungstrieb; so wie die Menschen aus ihrer Selbstsucht heraus alle Dinge um sich auf der Erde zum Objekt erniedrigen, indem sie diese auf sich beziehen und geniessen wollen, so wollen einige Gott geniessen." "Wie kann ich frei werden von diesem Egoismus?" fragte ich. "Auch so darf man nicht fragen", antwortete Sadananda hart. "Auch diese Frage war noch aus Egoismus geboren. - Bitten Sie Krischna, den Unbekannten, den Verborgenen, er möge Ihnen die Kraft geben, dass Sie ihn in Zukunft einmal aufrichtig zu bitten vermögen, ihm wahrhaft dienen zu dürfen und ihn lieben zu lernen. - Es ist spät geworden. Wir müssen schlafen gehen. Gute Nacht, Vamandas."
3.2 Lehrer und Schüler Top Die Unterredung auf dem finsteren Fußballplatz öffnete die Türe in viele hintergründige Gespräche mit Sadananda. Unerwartet nahm das Gespräch zuweilen eine derartige Wendung, nachts, wenn wir längs des Stacheldrahtes auf und abwanderten, sogar tags, wenn wir vor der Küchenbaracke mitten in einem Haufen schwatzender Mitinternierter saßen und Kartoffeln schälten und er manchmal einen kurzen Satz hinwarf, dessen Bedeutung die anderen nicht verstanden. Oder wenn er mich hie und da in meiner Baracke besuchte, oder wenn ich einmal eine Stunde bei ihm auf dem Bett in seiner Baracke sass. Er hauste erbärmlich. Sein Nachbar war ein in den Tropen verkommener Musiker, der meist einen durchdringenden Schnapsgeruch ausströmte, an seinem Bett vielfachen Handel trieb und zu dieser Zeit ständig ein altes misstönendes Grammophon, das er gerade eingetauscht hatte, abschnurren liess. Sadananda war recht wohlwollend zu diesem Nachbarn eingestellt. Er machte keinen Unterschied zwischen Menschen mit bürgerlichen Tugenden und sogenannten asozialen Elementen. Er meinte sogar, ein Verbrecher und eine Hure hätten grössere Aussicht zu einer plötzlichen völligen Umkehr als der gesetzestreue Bürger. Dafür gäbe es viele Beispiele in den indischen heiligen Schriften und auch in den Evangelien. Er verwies auf die Geschichten von der Maria Magdalena und dem Schächer zur Rechten Christi. Er war der Ansicht, Gott und wahre Religion, Gottesliebe, sei über allen ethischen Qualitäten. So oft ich damals zu ihm kam, empfing mich an der Türe ein widerlicher Lärm; das Grammophon kreischte, am Bett des Nachbarn wurde gefeilscht, an dem einzigen Tisch in der Baracke saßen auch noch die Kartenspieler und hieben ihre schmutzigen Karten mit der Faust auf den Tisch, gerieten sich auch ziemlich oft in die Haare. Sadananda schien nicht im geringsten deswegen bekümmert zu sein. Heiter und freudig begrüsste er mich: "Das ist schön, Vamandasji, dass Sie mich besuchen. Kommen Sie, setzen Sie sich zu mir aufs Bett." Eine helle Kuppel kraftvollen Friedens schien unsichtbar über diesem ärmlichen Gurtbett zu schweben. Wenn er mir erzählte, war alles Getöse ringsum vergessen und versunken. "Was hat Sie nach Indien geführt?" fragte ich eines Nachts. "Das innere Sehnen meines Herzens. Und die Begegnung mit Swami Bon, einem Inder, den sein Lehrer, mein eigener späterer Guru, nach Europa entsandt hatte. Und vor allem ein indisches Buch, das ich in der Berliner Universitätsbibliothek gefunden hatte; es war ein Buch über Krischna-Chaitanya." "Oh, der verborgene Avatar des finsteren Zeitalters, der goldene Avatar! Schri hat mir von Krischna- Chaitanya erzählt." Ein Lächeln blühte auf in Sadanandas strengem Gesicht. "So, hat Ihnen Schri von Krischna-Chaitanya erzählt", sagte er erfreut. "Nach allem, was Sie mir berichtet haben, dachte ich, Ihr Lehrer gehört der Schule Schankaracharyas an. Das wissen Sie wohl, dass Chaitanya in einen Orden Schankaracharyas hineingegangen ist, um dessen Lehre von innen zu überwinden." "Hat denn Schankaracharya nicht recht? Ist die Welt nicht vergänglich und wie ein Traumbild, blosse Täuschung? Ist nicht das, was uns als Welt erscheint, in Wahrheit das unpersönliche göttliche Brahman?" "Das eigenschaftslose unpersönliche Brahman ist nur der Lichtglanz um die Gestalt des persönlichen Gottes. Vamandas, so einfach, wie Sie es sich vorstellen, ist es nicht. In Gott sind die unfassbarsten Gegensätze harmonisch vereinigt. Die Lehre, die Krischna-Chaitanya gebracht hat, ist unerschöpflich. - Als ich in meiner Studienzeit an der Universität die verschiedenen Systeme der abendländischen und auch der morgenländischen Philosophie durchforschte, da habe ich mir immer gewünscht, ich möchte einmal ein philosophisches System kennenlernen, wo man in alle Ewigkeit schreiten kann, ohne jemals an ein Ende zu kommen. Ich habe alles gefunden, was ich suchte, in der Philosophie Krischna-Chaitanyas und seiner Schüler, von deren Köstlichkeiten die Welt keine Ahnung hat." "Und Ihr eigener Guru?" "Mein Guru Bhakti-Siddhanta Sarasvati hat in der Nachfolge Krischna-Chaitanyas die Gottesliebe gelebt und verkündet." Mit unsäglicher Zartheit begann Sadananda von seinem Guru zu erzählen. Dieser war in seiner Jugend ein in wissenschaftlichen Kreisen wohlbekannter Professor für höhere Mathematik und Astronomie an einer Hochschule in Bengalen gewesen. Eines Tages ging der junge Gelehrte zu einem Einsiedler im Wald und bat ihn um die Initiation. Der Geisteslehrer, den er aufsuchte, war ein wandernder Asket, fast nackt, nur mit einem Lendenschurze bekleidet; er hiess Gaura Kishora. Hart wies der Alte den Bittenden ab: "Gelehrsamkeit und Ansehen in der Welt bedeuten nichts vor Krischna", sagte er barsch. Doch der Mathematikprofessor liess nicht ab zu bitten, bis der Alte bezwungen von seiner Ausdauer und liebenden Hingabe, ihn zuletzt doch als Schüler annahm. Der Lebenslauf Bhakti-Siddhanta Sarasvatis, der am Ganges in Indien seine Heimat hatte und das Leben seines europäischen Schülers, der Sadananda genannt wurde, wies seltsame Ähnlichkeiten auf. Auch Sadananda hatte in seiner Jugend die Luft strenger Wissenschaft geatmet. An der Universität Leipzig hatte er vergleichende Religionswissenschaften studiert, hatte dort Pali, Sanskrit, Tibetanisch, Chinesisch, Japanisch gelernt. Eine Originalhandzeichnung von Adalbert Stifter befand sich in dem leichten Gepäck, als er Europa verliess. Das einzige deutsche Buch, das er mitnahm, war eine Dünndruckausgabe der Werke Hölderlins. Er schenkte mir dieses Buch, da er wusste, dass ich als junger Mensch ein Hölderlindrama geschrieben hatte. - Nach Erlangung des Doktorats und Neuherausgabe eines grundlegenden Werkes der Religionswissenschaft hatte es so ausgesehen, als ob eine ungewöhnlich zukunftsvolle Dozentenlaufbahn sich vor Sadananda öffnete. Er aber warf alles hin, verschenkte, was er besass, und ging nach Indien, um dort an den Quellen selber zu trinken und zu den Füßen eines Guru, Bhakti-Siddhanta Sarasvatis, zu sitzen. Einmal zeigte mir Sadananda einige Bilder seines Lehrers. Ich erschrak fast, so ähnlich war eines dieser Bilder Sadananda selbst. Von dem Bild blickte ich auf meinen Freund und wieder auf das Bild. Nicht bloss wie zwei Brüder schienen die beiden zu sein, sondern der gleiche Mensch in früheren Jahren und in späteren Jahren. Dieselbe Gebärde, derselbe Gesichtsausdruck, dieselbe innere Kraft, welche die weisende Handbewegung formte. Als ich Sadananda auf diese Ähnlichkeit aufmerksam machte, wehrte er ab in ehrlicher Bescheidenheit. Im Verlauf der Zeit, als ich meinen Freund näher kennenlernte, merkte ich, dass er in der Trennung von seinem Lehrer vor Leid fast verging, denn dieser hatte bereits am ersten Januar 1937 die Erde verlassen. Eine tief verborgene Beziehung schien zwischen diesem Guru der Gottesliebe und seinem europäischen Schüler gewaltet zu haben. Als Sadananda einmal seine Verschlossenheit durchbrach, erzählte er mir, dass sein Guru Bhakti-Siddhanta Sarasvati eines Abends vor einem grossen Auditorium zum Staunen, ja zum Schrecken der Versammlung, plötzlich laut zu ihm gesagt hatte: "Du, Sadananda und ich, wir waren seit Ewigkeit immer beisammen." "O wie schwer hat es Ihnen das Schicksal gemacht", rief ich aus, "die halbe Erde war zwischen Ihnen und dem Guru. Wie leicht hätten Sie Ihren Guru verfehlen können." "Das musste so sein", versetzte Sadananda leise, "Das musste so sein, damit ich erprobte, ob der innere Auftrieb meines Herzens die Kraft haben würde, alle Hindernisse zu überwinden und sich gegen den abtreibenden Strom zu behaupten. Und doch, wie ein Wunder will es mir heute erscheinen, dass es mir gelungen ist, zu ihm hinzudringen. - Aber viel zu kurze Zeit habe ich ihm diesmal dienen dürfen. Das nächste Mal muss es länger sein. "Ich habe doch Treff-As gesagt. Ich werde dich schinden. Ich zieh dir die Haut ab bei lebendigem Leib", brüllte einer der Kartenspieler, ein berühmter Preisringer und Inhaber einer Gymnastikschule in Südindien, der aussah wie ein riesenhafter Säugling mit strotzenden Armmuskeln und tückischen Augen. "Ja, spitzen Sie nur die Ohren, dass Ihnen nur ja nichts von diesen interessanten Dingen entgeht", höhnte Sadananda traurig, als er merkte, dass ich unwillkürlich zu dem Streit der Kartenspieler hinüberlauschte. "Sie fragen mich ja auch nur aus Sensationslust aus, wie alle anderen. Ach, wie recht hat doch mein Guru gehabt, als er uns in seiner letzten Ansprache, bevor er uns verliess, eindringlich darauf aufmerksam gemacht hat: "Im gleichen Mass, wie ihr euch von den LotosFüßen Krischnas entfernt, im gleichen Mass werdet ihr von den anziehenden und abstossenden Kräften dieser Welt ergriffen." "Licht aus! Licht aus!" schrien zornig die europäischen Soldaten, die um diese Nachtstunde längs des Stacheldrahtes rings um das indische Lager die Runde machten. Fluchend machten sich die Kartenspieler daran, die Fenster der Baracke innen dicht mit Decken zu verhüllen. Dann setzten sie ihr Spiel fort. "Nehmen Sie ein Papier und einen Bleistift", sagte Sadananda. "Ich will Ihnen auf Sanskrit eine Strophe aus dem Schrimad-Bhagavatam diktieren, die ihnen vielleicht helfen wird: "Es wird zerschnitten der Knoten des
Herzens. Viele Fragen stiegen in mir auf, als ich durch die Finsternis von Sadanandas Baracke zu meiner Baracke hinüberschritt. Und andere Fragen, die mich mein ganzes Leben lang bedrängt hatten, fanden ihre Antwort. Unwiderstehlich zog es mich zum Platze Sadanandas hin. Aber es war gar nicht so leicht, ihn zu besuchen. Denn anfangs gehörten er und ich verschiedenen Gruppen innerhalb des Stacheldrahtes an. Er war Deutscher, ich war jüdischer Herkunft. Andauernd wurde man bespitzelt und beobachtet, wurde gefragt: "Wo waren Sie? Wo haben Sie sich die letzten Stunden aufgehalten? Mit wem haben Sie gesprochen?" Und dann wurden Berichte an die Kommission abgeschickt, die gerade über die Freilassung beriet. Immer wieder musste man Furchtanwandlungen überwinden, musste man hüben und drüben die Gesetze der feindlichen Parteien im Lager verletzen, gegenseitige Boykottmassnahmen übertreten, musste immer von neuem Mut aufbringen, um einander zu treffen. Aber Sadananda schätzte es, wenn man Mut aufbrachte.
3.3 Kraushaar Top Nach einer Übersiedlung des ganzen Lagers, wobei alles um und umgeschichtet wurde, zogen Sadananda und ich in die gleiche Baracke. Wir wohnten gemeinsam in einer kleinen Kammer. Zwischen unseren Betten war noch ein wenig freier Raum, man hätte gerade noch ein drittes Bett dort aufstellen können. Der Raum, wo Sadananda und ich für eine kleine Weile hausten, war die ehemalige Spülküche einer Unteroffiziersmesse, niemals als Wohnraum gedacht. Der Verschlag war nachträglich auf der Veranda hinzugebaut worden. Es war darinnen heiss wie in einem Backofen. Die Tropensonne glühte auf das niedrige schräge Dach und auf die dünnen Ziegelmauern. Und überdies grenzte der Sportplatz des Lagers an die Kammer. Es war nicht möglich, die mit Kalk verschmierten winzigen Fensterluken zu öffnen, weil die abirrenden Bälle der Wettspieler sonst sogleich die hochgeklappten Fenster zertrümmert hätten. Auf der Veranda links und rechts von unserer Kammer kauerten den ganzen Tag in dichten Reihen die Zuschauer der Spiele. Bei jedem besonders gelungenen oder missglückten Ballstoss schrie diese Menge, in zwei Parteien geteilt, entzückt oder empört auf. In höchster Erregung pfiffen manche schrill zwischen ihren in den Mund gesteckten Fingern. Mein Gefährte sass indessen mit gekreuzten Beinen auf seinem Bett, benutzte einen kleinen Blechkoffer, den er auf seine Knie gelegt hatte, als Tisch und schrieb eifrig, tief niedergebeugt, an seiner umfassenden, wissenschaftlichen Arbeit. Dicht neben ihm stand ein anderer grösserer Blechkoffer, angefüllt mit Büchern, Schriften, Heften, in musterhafter Ordnung aneinandergereiht. Im Finstern konnte der Freund jedes Blatt Papier sofort finden. Innen eingefügt in den Deckel des aufgeklappten Koffers befand sich ein Bild von Sadanandas Guru. Heulen und Pfeifen stieg von neuem draussen auf. Wieder prallte der Fußball an unsere Luke. Glas klirrte splitternd nieder. Vergebens suchte ich meinen Ärger, ja fast Menschenhass, niederzudrängen. "Ist es nicht wichtiger, dass man Liebe zu den Menschen lernt, bevor man wagt, Liebe zu Gott erlernen zu wollen?" fragte ich. "Sie können gar nicht wahre Liebe zu Menschen haben, ohne Gottesliebe", war die rasche Antwort. "Der Mensch, jedes Wesen in der Welt, ist wie eine der Blüten an einem blühenden Baum. Die Wurzel des Baumes ist Gott. Wenn Sie die Wurzel bewässern, dann werden auch alle Blätter und Blüten des Baumes erfrischt. Die Liebe strömt über. Aber Sie dürfen nicht die Kleider, ich meine die Leiber und die Geilheit und die Begierden der Menschen mit dem wahren Menschen, dem Atman, verwechseln, der zeitweilig eine dieser seltsamen Hüllen trägt. Der Atman ist nicht Nazi, nicht Kommunist, nicht Engländer, nicht Jude, nicht Brahmane, nicht Preisringer ... auch nicht Mann oder Frau. Das ewige Wesensgesetz jedes Atman ist es, ein ewiger Diener Krischnas zu sein, auch wenn er es vergessen hat. Sie müssen versuchen, auf diesen Atman zu sehen." "Können Sie es?" "Ich bemühe mich." Ein Internierter in dem neuen Lager war damals obdachlos. Er stammte aus Ostpreussen und trug ähnliche Mönchskleider wie Sadananda, nur von gelber und nicht von orangener Farbe. Er war einer der wenigen europäischen Buddhisten in dem Lager, von denen einzelne hervorragende Gelehrte waren und einen ganz ausgezeichneten Charakter besaßen. Doch hatte ich das Unglück, an einen Einzelgänger zu geraten. Er war fett und hatte einen von Natur aus vollkommen kahlen, spiegelnden Schädel und führte dazu unglücklicherweise den Namen Kraushaar. In Kraushaars Schädel sah es ein wenig wunderlich aus. In seiner Jugend hatte er als Lehrling in einem Laden in einer kleinen Stadt in Ostpreussen gearbeitet und dort Heringe und Käse verkauft. Dann war er ein wandernder Photograph geworden, der mit seinem Apparat hin- und herziehend, am Strande ostpreussischer Seebäder die mehr oder weniger bekleideten männlichen und weiblichen Badegäste abknipste. Während der Ausübung dieses Berufs hatte ihn eine Sehnsucht nach Seelenfrieden und Weisheit überkommen und er war dort ein buddhistischer Mönch geworden. Aber die Halbbildung, die sich in wirren Trümmern in seinem Kopfe aufgespeichert hatte und sein streitsüchtiges Gemüt war der harten, tiefen Gedankenarbeit, welche die Lehre des Buddha erfordert, nur unzureichend gewachsen. Äusserlich hielt er die Ordensregeln überaus streng ein. Beim morgendlichen und abendlichen Namensaufruf stand er weit abseits von den geordneten Reihen der Mitgefangenen. Er weigerte sich, an den Diensten für die Lagergemeinschaft teilzunehmen, so, wie die anderen, an bestimmten Tagen Kartoffeln zu schälen, Holz zu sägen oder andere Handreichungen zu tun. Er behauptete, seine Ordensregel verbiete ihm, für Laien eine Arbeit zu verrichten. Er setzte seinen Standpunkt durch. Mit würdevollen langsamen Schritten, stets vorschriftsmässig zu Boden blickend, wandelte seine in gelbes Tuch gehüllte, feiste Gestalt längs des Stacheldrahtes gemessen auf und ab. Zuweilen fand er den einen oder anderen Jünger, der einige Tage neben ihm wandelte, seinen Verkündigungen lauschte und ihn nachher im Stiche liess und verhöhnte. Er galt als unverträglich und als Verbreiter verhetzender Gerüchte. Nach dem Umzug des ganzen Lagers an einen neuen Ort weigerten sich alle Baracken, Kraushaar bei sich aufzunehmen. Trotzig stellte er sein Bettgestell im Freien auf, am Rand des Fußballplatzes, wo seine aufgespannten gelben Tücher vielen zum Ärgernis wurden. "Er ist ein alter Mann", sagte Sadananda. "Der Winter ist rauh hier, in unserem Winkel wäre gerade noch Platz. Wollen wir Kraushaar einladen, bei uns zu wohnen?" "Er ist zänkisch", sagte ich bedenklich. "Es wird Verdruss geben. Ich weiss, er hat hartnäckig überall ausgesprengt, dass ich schwarze Magie betreibe." "Ach, Kraushaar hat doch keine blasse Ahnung, was schwarze Magie ist. Und noch weniger diejenigen, die ihm zuhören", lachte Sadananda. "Es ist doch ein Unrecht, dass man sein Mönchsgewand verhöhnt." Ich weiss nicht, welche Nebenabsichten mein Freund noch verfolgte, ob er mir vielleicht einen Spiegel vorhalten wollte, wie man's machen soll und wie man's nicht machen soll. Auf jeden Fall zog der neue Hausgenosse feierlich bei uns ein und schlug zwischen unseren Betten sein Lager auf. Er lieh mir zu meiner Belehrung ein Buch, aus welchem ich mir einen Spruch des Buddha fürs Leben merken will: "Er schmähte mich, er schlug auf
mich, Hinter seinem aufgespannten Moskitonetz und darübergelegten gelben Tüchern verborgen, sass Kraushaar jeden Tag viele Stunden mit gekreuzten Beinen auf seinem Bett zwischen Sadananda und mir und meditierte. Er führte einen Totenschädel immer und überall mit sich und meditierte vor diesem Totenschädel über die Vergänglichkeit alles Irdischen. "Ich strahle Mitleid und Liebe zu allen Wesen aus", erklärte er mir. Aber trotz seines tiefen Versunkenseins in die Kontemplation wusste er merkwürdigerweise doch immer ganz genau, was rings um ihn geschah. Er, der doch allem Besitz entsagt hatte, war höchst achtsam auf seine Besitzrechte, auf seinen Anteil am Boden der Baracke usw. Nur am Ausfegen dieses Bodens wollte er sich nicht gerne beteiligen, weil das seine Ordensregel verbot. "Ich sehe, Sie wollen sich an mir reiben", sagte er mir wiederholt. Wir beide gingen auf den Zehen, um ihn nicht zu stören. Kraushaar hatte die Eigenschaft, nachts im Schlafe oftmals durchdringend zu wimmern und zu heulen "Huhuhu...", als ob er ständig von schrecklichen furchterregenden Träumen bedrängt würde. "Schreien Sie nicht so", sagte Sadananda barsch, als es einmal zu arg wurde und drehte das Licht an. Wir pflegten, vor der vorgeschriebenen Zeit das Licht in unserem Winkel auszulöschen, damit unser Stubengenosse nicht in seinem Schlafe gestört würde. Blinzelnd richtete sich Kraushaar auf. Er brauchte eine Weile, um sich zurechtzufinden. "Es ist kein Wunder, dass ich im Schlafe schreie", sagte er dann gemessen. "Es sind eben zwei Ohren zu viel in diesem Raum." Er warf mir einen scharfen Blick zu, denn mit seiner Bemerkung meinte er mich, und die dunklen Künste, die ich seiner Meinung nach trieb, um ihn zu ängstigen. Nun verlor Sadananda all seine Höflichkeit und wurde ausfällig. In seiner Ansprache nannte er seinen Bettnachbarn nicht mehr "Ehrwürdiger" und mit seinem buddhistischen Mönchsnamen, wie er es in seiner Achtung vor dessen Kleid sonst immer tat. Er nannte ihn mit seinem alten Namen aus dem Käseladen. "Kraushaar, machen Sie sich nichts vor", wies er ihn zurecht. "Sie schreien nicht, weil etwas Böses und Finsteres ausserhalb von Ihnen ist, sondern weil Sie selber voller finsterer heimtückischer Gedanken sind. Deshalb werden Sie von Angstträumen geplagt. Deshalb leben Sie in andauernder Furcht und glauben, dass andere Sie bedrohen. Sie behaupten, Sie strahlen Mitleid und Liebe aus und statt dessen brüten Sie Hass. Sie sagen, Sie üben Versenkung und statt dessen sitzen Sie wie eine Spinne in Ihrem Netz und lauern ununterbrochen darauf, ob etwas Sie stören könnte, damit Sie sich nachher darüber beschweren können. Ich habe noch nie im Leben einen Menschen gesehen, der so verkrampft in seinem Egoismus ist wie sie, der glaubt, dass er der Mittelpunkt der Welt ist und dass sich alles nur um ihn dreht. Sie entehren das ehrwürdige Mönchsgewand des Buddha, das Sie tragen - Sie alter Heuchler!" Mit verkniffenem feistem Gesicht, wie einer, der gewöhnt ist, allezeit bitterstes Unrecht zu leiden, hörte sich Kraushaar diese Rede an. Mit verkniffenem Gesicht zog er am nächsten Tag mit seinem Totenschädel und seinen Schriften der Barmherzigkeit und Liebe in eine andere Behausung hinüber. Überall verbreitete er, dass er ausgezogen sei, weil ihm seine Religion verbiete, mit einem Juden unter dem gleichen Dache zu wohnen. "Warum waren Sie so hart zu Kraushaar?" fragte ich, nachdem uns unser Gefährte verlassen hatte. "Um seinen Atman, seine Seele, aufzuwecken. Auch wenn er jetzt gekränkt davonläuft, ein Eindruck bleibt fürs nächste Leben. Das ist eine viel grössere Hilfe, als wenn ich seinen Egoismus, seine Eitelkeit gefüttert hätte. Mein Guru war ein Meister in solchem Verhalten. Er nannte es "aggressive grace", Gnade im Angriff, kämpferische Gnade. Aber das Abendland verwechselt so leicht die Kleider und die wahre Gestalt. Sie wissen, dass ich die sozialen Bestrebungen der westlichen Hemisphäre sehr hoch schätze. Ja, Altersfürsorge, Krankenfürsorge, Recht auf Arbeit für jeden, Recht auf Erziehung für jeden, das ist gut. Schutz der Kinder, der Kranken, der Schwachen, Schutz der Verfolgten, das soll sein, das muss sein. Das ist ja schliesslich heutzutage beinahe das einzige, was den Menschen noch vom Tier unterscheidet. Aber, wenn ich mir diese vielfältigen Bemühungen anschaue, die vergängliche Wandelwelt behaglich zu machen, da kommt es mir doch manchmal so vor, als sei ein Mensch ins Wasser gefallen und in grösster Gefahr, zu ertrinken. Und ein anderer springt ihn nach und rettet sorgfältig - dessen Kleider. Und ihn selbst, den wahren Menschen, den Atman, lässt er untergehen." Allmählich erkannte ich, dass jedes Wort, das Sadananda sprach, aus seinem Atman kam; und dass alles, was Sadananda tat, ob er nun freundlich war oder höhnte - und er konnte entsetzlich hart und schneidend sein - immer dem Bestreben entsprang, die Atmas der Menschen ringsum aufzuwecken. Die Internierten achteten ihn, trotz seiner den Spott herausfordernden Mönchstracht. Sie fürchteten ihn, denn er war ihnen an Schlagfertigkeit weit überlegen. Aber er erschreckte sie und sie mieden ihn. Wenn Sadananda einem weh tat, dann kamen dem Betroffenen manchmal die Tränen, so tief war seine Eitelkeit verwundet. Der Betroffene glaubte oft, der innerste Grund seines Wesens werde entwurzelt. Aber dieser Schwerthieb, der so schmerzte, kam nicht von dem ungeduldigen Schwert eines Machthabers, sondern das war wie ein reinigender Blitz. Es war wie der Schwerthieb am Schlusse vieler unserer Märchen, die ja grossenteils aus Indien stammen, wo der Verzauberte oft selber bittet: "Schlage mir den Kopf ab. Schlag mir den übergestülpten Tierkopf ab." Wenn der andere zauderte, dann blieb der Bittende verwunschen. Doch wenn der Retter zuschlug, dann ward der Verwunschene zu seiner wahren Gestalt erlöst. Doch nur in den Märchen wagen die in Tiere oder Unholde verzauberten Prinzen voll Mut selber zu bitten: "Entzaubere mich zu meiner wahren Gestalt der Liebe. Erlösendes Schwert, schlag zu." Im Lager schmähten sie über Sadananda: "Das ist ein Renegat, der sein Europäertum verraten hat, der sich verniggert hat." Und sie schrieben gehässige Berichte und Verleumdungen und schickten sie an eine Untersuchungskommission. Schweigend litt Sadananda unter seiner Einsamkeit.
3.4 Kirche hinter Stacheldraht Top In dem indischen Lager hausten scharenweise die eingesperrten christlichen Missionare. In fast allen Lagerflügeln hausten sie. Alles Leben und auch alle Not der Kirche spielte sich hinter Stacheldraht ab. Bei dem engen Zusammenleben in den Baracken trat es unvermeidlich zutage, dass auch Männer, die ein priesterliches Kleid trugen, arme Menschen mit menschlichen Schwächen waren. Aber während der sechs Jahre meiner Internierung in Indien war es mir manchmal ein grosser Trost, dass es in dem von Streit und Hass erfüllten Lager Menschengruppen gab, die sich bestrebten, ihren Blick aufs Ewige zu lenken, dass zum Beispiel jeder katholische Priester im Lager allmorgendlich seine stille Messe hielt, dass in die Speisesaalbaracke, wo sich sonst nur hungrig und gierig die Gefangenen zum Essen versammelten, jeden Sonntag ein Altar hineingestellt und Gottesdienst gehalten wurde. Ich freute mich, dass dieser Raum am Ostersonntag schütterte vom Auferstehungsjubel und dass in dem Kirchenchor Katholiken und Protestanten ihre Stimme einten. Ich mühte mich ehrlich, in den Pfarrern der verschiedenen christlichen Bekenntnisse die Nachfahren jener Glaubensboten zu sehen, denen Christus einst gesagt hatte: "Nehmet hin den Heiligen Geist!" - "Gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes." Die Botschaft des Heiligen Geistes durch die Welt zu tragen, bedeutet doch auch, den Heiligen Geist zu erkennen, wo immer er auch waltet. Nun, in der Gottesliebe, die Sadananda verkündete, fühlte ich eine Offenbarung, die loderte von Heiligem Geist. Wie staunte ich, dass manche der christlichen Glaubensboten im Lager herabsetzende und verächtliche Worte über Sadananda aussprachen. Ich verwunderte mich, dass die meisten keine Ahnung davon hatten, dass es in der Mannigfaltigkeit indischen religiösen Lebens seit undenklicher Zeit auch einen starken Strom von reinem Theismus gibt. Herablassend sprachen die Priester und geistlichen Brüder von den "armen Heiden", zu denen sie auch Sadananda zählten. Nur ein einziger von den vielen christlichen Missionaren, die ich in den Internierungslagern in Indien kennenlernte, hatte sich vor seiner Verhaftung ernstlich mit der uralten Kultur, Religion und hohen Weisheit des Volkes beschäftigt, das zu bekehren sie als Heidenmissionare ausgezogen waren. Aber eine Reihe von ihnen suchte das Versäumte im Lager nachzuholen. Es war eine seltsame kleine Versammlung, die sich einige Male in der Woche lange Zeit hindurch regelmässig in unserer "Spülküche" einfand, während unmittelbar daneben die Zuschauer der Wettspiele lärmten und die grossen Lederbälle dumpf auf die Wand unserer Kammer trommelten. An einige der Teilnehmer an Sadanandas Kursen erinnere ich mich deutlich. Da sass auf einem Hocker, den er sich mitgebracht hatte, der alte Pater Lader, die harten Arbeiterhände im Schoss gefaltet. Sein grobgeschnittenes, faltiges Gesicht war von einem ungepflegten, fahlen Bart umgeben. Seine geistlichen Amtsgenossen belächelten und verspöttelten ihn ein wenig: "Nun ja, der gute Pater Lader!"; denn er achtete nicht allzuviel auf seine Kleidung, seine weisse Kutte war zuweilen befleckt und unrichtig zugeknöpft. In seiner Jugend war er ein Schmiedegeselle in Württemberg gewesen. Dann war er ein dienender Bruder in einem geistlichen Orden geworden und aus Sehnsucht nach Indien in dieses Land gefahren. Dort hatte ihn der erste grosse Krieg überrascht und er war sechs Jahre hinter Stacheldraht in einem indischen Barackenlager gewesen. Nun, im zweiten grossen Krieg sass Lader wieder sechs Jahre in einem indischen Interniertenlager hinter Stacheldraht. In der Zeitspanne zwischen den beiden Kriegen hatte er Latein gelernt, sich mühsam durch ein Seminar hindurchgearbeitet und die Priesterweihe empfangen. Und dann hatte er viele entbehrungsreiche Jahre in der Einsamkeit und Armut und den Anfechtungen eines indischen Dorfes mitten im Dschungel gehaust. "Sie kennen das indische Dorf nicht", sagte er mir. "Sie kennen den Aberglauben und den Fanatismus des Dorfes nicht. Sie kennen nur die indische Hochkultur und die Upanischaden". Und doch liebte er dieses indische Dorf, obwohl es ihm, wie er gestand, während seines langen Wirkens recht selten gelungen war, jemanden zu bekehren. Er liebte auch die Upanischaden. Gleich nach meiner Verhaftung war er zu mir gekommen, um sich einige Sanskrittexte auszuleihen. Der alte Lader war jener einzige von den vielen christlichen Missionaren, die ich im Lager kennenlernte, der schon vor seiner Internierung Sanskrit studiert hatte. Neben Lader sass der evangelische Pastor Dr. Fuchs. Er trug gutgeschnittene, wohlgebügelte Anzüge, lächelte meist verbindlich und hatte eine leichte Neigung zu Intrigen. Aber er war sehr begabt und sehnsüchtig in seiner Seele. Oft, auch ausserhalb der Kurse, kam er zu uns in die "Spülküche". Sadananda war hart zu ihm, wie zu allen Menschen, die er schätzte und von denen er etwas erwartete. "Er hat viele Möglichkeiten", sagte Sadananda über ihn. "Er hat zu viele äussere Erfolge. Er brauchte einen ganz harten Schicksalsschlag, der ihn vollkommen niederwirft. Dann könnte seine Seele wirklich erwachen." Neben Pastor Fuchs sass ein Laie, ein stiller weisshaariger Geologe; vor seiner Internierung hatte er in Bergwerken von Südamerika und in Indien gearbeitet und sich bisher nur mit exakter Naturwissenschaft beschäftigt und hatte wohl geglaubt, dass er ein Atheist sei. Ernst sagte er mir nach einer der Vortragsstunden Sadanandas: "Dass es so etwas gibt, das hätte ich früher nicht für möglich gehalten. Die Welt, in der ich bisher gelebt habe, ist ja gar nicht die ganze Welt. Es ist, wie wenn ein Vorhang weggezogen würde. Ein Wind aus einer anderen, einer wahreren Welt, weht einen an, wenn Ihr Freund von Krischna spricht." Er sah mich erschreckt an. "Haben wir die wahre Welt ganz vergessen?" Seine Frau saß tausend Meilen entfernt in dem Frauenlager in Südindien, wohin ich auch einmal versetzt worden war. Als alle die getrennten Gatten und Gattinnen nach mehrjährigem Bitten und Harren endlich in einem neu errichteten Familienlager hinter Stacheldraht vereinigt wurden, und Dr. Schultheiss uns verliess, schrieb er mehrmals an Sadananda, sandte ihm auch zu Weihnachten einen mit Liebe aus Holz geschnitzten Teller als Zeichen seiner Dankbarkeit. Unermüdlich schrieben die drei Jesuiten in den Heften auf ihren Knien den Vortrag Sadanandas mit. Sie waren gewöhnt, sich auf Prüfungen vorzubereiten, sie waren das wissenschaftliche Arbeiten gewöhnt. Erst mit fünfundvierzig Jahren wurden sie vollgültige Ordensmitglieder. Ihre Novizen verloren im Lager keine Zeit; sie hörten ihre Vorlesungen wie bisher. Eine ganze theologische Fakultät hatten die Jesuiten mit in das Gefangenenlager genommen. Die drei von ihnen, die an Sadanandas Kurs teilnahmen, waren einander so ungleich wie möglich. Der noch junge Pater Zehner fiel nicht auf. Niemand mäkelte über ihn im Lager, trotz seiner weissen Kutte und des Priesterbartes, der sein faltiges braunes Gesicht mit den grossen Augen umgab. Unaufgefordert packte er fest zu, wenn ein schwerer Trog Kartoffeln zu schleppen war oder Freiwillige für eine beschwerliche Arbeit gesucht wurden. Es war angenehm, schweigend bei der Gemeinschaftsarbeit neben ihm zu sitzen. Wenn er sprach, setzte er behutsam Wort an Wort. "Das haben wir auch", murmelte er verstehend, als Sadananda in seinem Kurs Geheimnisse des göttlichen Innenlebens andeutete, die sich in dem Radha-Krischna-Kulte abspiegeln. Zehner meinte die Liebe, die zwischen den göttlichen Personen der Dreieinigkeit webt. Er war sichtlich voll Scham über seine eigenen Worte. Sonnenbichler, der aussah wie ein bärenstarker holzgeschnitzter Erzengel Michael, war damals noch Novize. Erst später empfing er im Lager die Priesterweihe. Einer der internierten italienischen Bischöfe durfte aus diesem Anlass für ein paar Stunden aus seinem Drahtgehege in unser Stacheldrahtgehege herüberkommen. Wie ein umgestürzter Baumstamm lag der lange blonde Bursche während des Weihekultes hingestreckt vor dem Altar in der Speisesaalbaracke. Einige Tage ging er wie verklärt einher. Der Herzensneigung nach war er eigentlich Bildhauer und Musiker. "O wie sakrisch schwer ist dieses verflixte Sanskrit", stöhnte er einmal aufrichtig, als wir an dem Brunnen nebeneinander unsere Blechteller reinspülten. "O wie leicht ist Latein dagegen. Und diese ganz neuen, zarten Gedanken-gänge, diese Beweglichkeit des Denkens, in die man sich erst hineinleben muss; das Hirn will nicht, es bockt wie ein störrisches Ross." "Mir ging es anfangs genau so", tröstete ich ihn. Auch Pater Sprechmann, der dritte Jesuit, der an Sadanandas Kurs teilnahm, stammte aus einem bayrischen Dorf, so wie Sonnenbichler. Seine Betonung verriet es, wenn sich auch auf der theologischen Fakultät an der Universität zu Freiburg ein Netz von Scholastik (wissenschaftliche Denkweise) über seine ländliche Derbheit gelegt hatte. Sein gejagtes, eiliges Sprechen eilte oftmals seinem Denken beträchtlich voraus. Es schien zuweilen, als wollte er die göttlichen Geheimnisse wie mit einer Brechstange angehen. Dr. Sprechmann war vielseitig und sehr ehrgeizig. Er war nicht nur Theologe, sondern auch ein ausgezeichneter Turner und Dauerläufer, und er übte täglich am Barren und am Reck. Eines seiner Ziele war, im Lager das sogenannte "Goldene Sportabzeichen" zu gewinnen. Schmal stand Sadananda in seinem von ihm selbst gefärbten orangenen Tuch, die nackten Füße in den landesüblichen indischen Sandalen, vor der ausgeborgten Schultafel. "Der Krischna, von dem Sie wissen, von dem Sie in Büchern lesen können, der Krischna als göttlicher Held und Lehrer in dem Epos Mahabharata und in der Bhagavad-gita ist noch nicht der volle Krischna", erklärte er. "Und auch die Gottheit, in welcher die Welt gründet, und Gott, der die Welt schafft und trägt und behütet und zu dem die Welt am Ende wieder zurückkehrt, das sind nur die äusseren Aspekte von ihm. Der wahre Krischna ist ein tiefes Mysterium." Mit seiner zarten und geisterfüllten Schrift schrieb Sadananda auf die Tafel in Devanagari-Zeichen die Silbe "Krish". "Das Wort Krischna kommt von der Sanskritwurzel "Krish"", erläuterte er. "Das heisst anziehen. Es gibt nicht nur eine physische, es gibt auch eine geistige Gravitation. So wie die physische Sonne die Erde und die Planeten anzieht und um sich kreisen lässt, so zieht Krischna mit seiner Liebeskraft und unbeschreiblichen Schönheit die Seelen, die Atmas aller Wesen an. Aber die Menschen wissen nicht, dass sie immerdar von Krischna angezogen werden. Krischna ist ganz und gar Bewusstseinsfülle. Man nennt ihn manchmal die geistige Sonne aller Bewusstseinswelt. Die Menschenseele verhält sich zu ihm, zu Gott, so wie der Sonnenstrahl zur Sonne." Sadananda blätterte in seinen Papieren. "Ich will Ihnen eine mittelalterliche Hymne an Krischna diktieren. Sie stammt von Jagadananda, einem vertrauten Freund und Schüler Chaitanyas: "Ein
Stäubchen geistigen
Bewusstseins "Aber was ist die Maya?" fragte Sprechmann wissbegierig. "Man hört so oft das Wort Maya, jetzt wieder. Das interessiert mich besonders. Wollen Sie uns nicht erklären, Herr Doktor, was die Maya ist?" "Gern", sagte Sadananda. "Ich werde Ihnen die Erklärung nach der Anschauung der Bhaktas in der Nachfolge Krischna-Chaitanyas geben: Die unendliche Macht Gottes tritt in zwei Aspekten auf, anziehend und abstossend, gleichsam zu Gottes Füßen hintragend und von Gottes Füßen forttreibend. Denken Sie an Zentripetal- und Zentrifugalkraft. Die nach Gottes Willen von ihm fortstossende und ihn verhüllende Kraft ist die Maya." "Ich verstehe nicht: Die nach Gottes Willen von ihm fortstossende und verhüllende Kraft...", murmelte Dr. Sprechmann. Sadananda schrieb auf die Tafel die Silbe "ma". "Das Wort Maya kommt von der Sanskritwurzel "ma", erklärte er gelassen, doch ein mir wohlbekanntes heimliches Feuer sprach aus ihm. ""ma" heisst messen. Solange wir die Dinge rings um uns eigensüchtig messen und bewerten, sind wir der Kraft der Maya unterworfen. Die Maya, die uns Gott verhüllt, ist nach Gottes Ratschluss die Herrin des messbaren Weltalls." "Ist das Weltall nicht Gottes?" fragte ich. "Das Weltall der Maya ist ein Gnadenakt Gottes, damit auch jene Seelen, die nicht dienen und lieben, sondern die selbstsüchtig geniessen und abmessen wollen, eine Stätte haben." "Also das Weltall ein Konzentrationslager Gottes?" warf der Theologe bestürzt ein. "Nein, eine Erziehungsanstalt", versetzte der Freund ruhig. "Wenn wir merken, dass am Grund jedes eigensüchtigen Genusses Leid und Bitterkeit liegt, und wenn wir uns Gott wieder zuwenden, schmachten nach uneigennütziger Hingabe, da wird Gott angerührt in seinem Herzen, und zieht uns wieder zu sich. Aber mit unseren Sinnen und unserem messenden Verstand können wir solches Geschehen nicht begreifen. Solange wir die Dinge in der Welt zum Objekt unseres Genusses erniedrigen, können wir weder die Welt noch Gott begreifen. Unserem Hirn, unserer Logik ist das eigentliche Dasein Gottes völlig unzugänglich." Sprechmann hob den Zeigefinger: "Leugnen Sie etwa einen logischen Gottesbeweis? Da müsste ich Einspruch erheben." Pastor Fuchs räusperte sich: "Ausnahmsweise bin ich diesmal im Einklang mit der Lehre der katholischen Kirche." "Der Mutterkirche", sagte Pater Lader. "Ist nicht unser Weltall mit seinen zahllosen Milchstrassen, die Millionen und Billionen Lichtjahre von uns entfernt sind, ist nicht jeder Wassertropfen ein Zeugnis für die Majestät Gottes!" fuhr Dr. Fuchs mit nun volltönender Stimme fort. "Mein Standpunkt ist, je mehr wir mit den Errungenschaften unserer modernen Naturwissenschaften in diese Geheimnisse des Alls eindringen, desto näher dringen wir zu Gott." "Aber Gott lebt nicht nur in seinem majestätischen Aspekt", sagte Sadananda. "Gott ist nicht nur um der Welt willen da. Das haben auch einige europäische Mystiker gewusst. Gott hat auch sein Eigenleben. Im Verhältnis zum Reiche Gottes ist das Weltall unserer Zeit und unseres Raums nur wie das Brackwasser am Rande des Meeres im Verhältnis zum unendlichen Meere selbst." "Sie sprachen vorhin nicht nur von einer von Gottes Füßen wegtreibenden Kraft, sondern auch von einer zu Gottes Füßen hintragenden Kraft?" sagte Pater Zehner leise. "Nannten Sie diese Kraft nicht früher einmal Radha?" Das blasse Gesicht Sadanandas erhellte sich. Es wurde stille in der Kammer. "Ja, Radha trägt die Seele zu Gottes Füßen hin. Niemand kann zu Gott gelangen, ohne Radhas gnädigen Blick, ohne dass sie die liebende Seele trägt. Denn Radha ist die Urgestalt aller Gottesliebe." Sadananda schrieb auf die Tafel die Silbe "radh". "Das Wort Radha kommt von "radh"", sagte er. "Die Sanskritwurzel "radh" heisst, "liebend verehren". Liebendes Verehren ist nicht messbar. Denn auch wenn sich Liebe in alle Ewigkeit steigert, hat sie kein Ende und keinen Grund. Und das unermessliche Reich Gottes ist aus Liebe gewoben... " Pater Zehner nickte freudig. Sadananda sprach weiter: "Im verborgenen Reiche Gottes dient Radha immerdar Krischna in unsäglicher liebender Hingabe. Und doch ist sie eins mit ihm; so wie das Licht des Feuers mit dem Feuer eins ist, so wie der Duft der Rose mit der Rose eins ist. Sie ist ja die Freudenkraft Gottes selbst. Nie verlässt Radha Gottes innerstes Reich. Aber ein Aspekt in ihr ist gnadenvoll der Welt zugekehrt. Man nennt es in der christlichen Theologie den heiligen Geist." Eilig glitten die Füllfedern der Jesuiten über das Papier. "Ich glaube, für heute haben Sie reichlich genug", sagte Sadananda und klappte sein Heft zu. Die Teilnehmer des Kurses verliessen uns. Sadananda beugte sich über den geöffneten Bücherkoffer und legte sorgfältig die benützten Papiere hinein. Still blickte er auf das Bild seines Guru. "Ich weiss natürlich, dass es diesmal vergebens ist", sagte er dann zögernd. "Wahrscheinlich gebe ich jetzt nur dem einen oder anderen meiner Zuhörer das Material in die Hand, damit er später einmal Gegenschriften, Bücher gegen den indischen Theismus verfassen kann." Seine Stimme wurde lebhafter. "Aber ich nötige sie doch, nun den Namen Krischna auszusprechen, den Namen Krischna zu hören. Und ich bin überzeugt, der göttliche Name Krischna hat eine solche Kraft, dass er ihnen im nächsten Erdenleben helfen wird, dem inneren Reiche Gottes näher zu kommen."
3.5 Der Name Gottes Top Von den Lippen Sadanandas ist mir eines Tages unversehens der Mantra des Namens Gottes entgegengeklungen. Es geschah damals, als das ganze Lager wieder einmal übersiedelte, mehr als tausend englische Meilen weit, von Baracken hinter Stacheldraht in Südindien zu neuerrichteten Baracken hinter Stacheldraht in Nordindien am Fuße des Himalaja. Wir waren bereits mehrere Tage und Nächte gefahren und sollten noch lange reisen, Massen von Internierten mit Sack und Pack, sorgfältig bewacht, in langen Eisenbahnzügen. Sadananda lehnte sich zum offenen Fenster hinaus und, scheinbar unser in dem alten Wagen dritter Klasse "Für indische Soldaten" nicht achtend, sang er einen Mantra in den Wind, als die Sonne eben hinter der wie Gold glänzenden indischen Ebene unterging. Die Worte waren mir bekannt, die Melodie war mir bekannt. Woher kannte ich sie nur? Wie eine Stimmgabel, die berührt und zum Ton erweckt wird durch einen verwandten Klang, schwang mein Herz sehnsüchtig mit. Es war der gleiche wundersame Klang, der mir bereits einmal entgegengetönt hatte, als ich bald nach meiner Ankunft in Indien eines Abends neben Schri die zerbröckelten Stufen durch den blühenden Wald im Himalaja emporgeschritten war und auf der Terrasse des Pilgerhauses die Mönche gesungen hatten. Der Klang, das Geheimnis, das ich hinter dem Klange ahnte, hatten mich unwiderstehlich angezogen wie bisher nichts in meinem Leben. Ich war diesem Klange nachgewandert, ich hatte ihn überall vergebens gesucht und nun in einem durch Indien rollenden Gefangenenzug hatte ich ihn gefunden. Die Nacht war hereingebrochen. Die gutmütigen indischen Soldaten, die uns bewachten, lehnten müde vornüber, die geladenen Gewehre zwischen den Knien. Die Kameraden spielten Karten. "Was haben sie vorhin gesungen?" fragte ich. Ein prüfender Blick Sadanandas glitt über mich, es war, als ob er meine Seele forschend betrachtete. "Das war der Mantra des Namens Gottes", sagte er. Draussen vor den Fenstern des Zuges wurde es immer dunkler. Der Freund gab mir seine Unterweisung. "Die erste Offenbarung der göttlichen Welt, die der Seele zuteil wird, ist Klang. Bevor man das Reich Gottes schaut, hört man es mit dem inneren Ohr. Denken Sie an den Logos, das Wort Gottes, aus welchem alles geworden ist. Aber die Worte aller Sprachen auf der Erde sind irdischer Natur. Auch die Worte der Sanskritsprache sind irdischer Natur. Mit einer einzigen Ausnahme: Der Name Gottes ist nicht von dieser Welt. Oder eigentlich müsste man sagen: Die Namen Gottes. Denn Gott in seiner Barmherzigkeit hat uns viele seiner Namen offenbart, mehr äussere und mehr innere, in denen alle seine göttliche Macht mitenthalten ist. Das Padmapurana sagt: "Der Name Gottes ist rein geistige Substanz, lauter, ewig, völlig frei von Materie, weil der Name Gottes von Gott nicht verschieden ist". Deshalb hat der Name Gottes leicht die Kraft, nicht nur alle Sünden abzuwaschen, sondern sogar die Knoten des Herzens zu lösen und Gottesliebe im Herzen zu erwecken. Wenn ein Mensch, dessen Atman vollkommen erwacht ist, den Namen Gottes singt, so hat das die Kraft, eine schlafende Seele aufzuwecken. Was da vor sich geht, nennt man Initiation. Der Erwecker der Seele ist der Guru. Durch das hingebungsvolle Lauschen, wenn ein anderer den Namen singt, und durch das Selbersingen wird das Herz wieder zu seiner wahren Natur, die Liebe ist, zurückgeführt." Eintönig rollten die Räder auf den Schienen. "Und Meditation, Yoga ... alle die anderen Wege zu Gott, von denen Schri sprach und die Bhagavad-gita spricht und die Evangelien ...?" "Es gibt viele Wege. Aber wir Bhaktas sind überzeugt, unser eigenes Zeitalter des Kampfes aller gegen alle, das Kaliyuga, ist zu verworren und zu finster, das alles genügt nicht. Krischna-Chaitanya, der verborgene goldene Avatar des Kaliyugas, hat hunderte Male vor seinen Schülern einen alten Vers aus dem Naradiya-Purana wiederholt: "Ausser dem Namen Gottes, ausser dem Namen Gottes, wahrlich ausser dem Namen Gottes gibt es nirgendwo, gibt es nirgendwo, gibt es wahrlich nirgendwo eine Zuflucht in unserer finsteren Zeit!" "Sie dürfen natürlich nicht glauben", fuhr Sadananda fort, "wenn irgendein Mensch sagt: "Krischna", so sei das schon der Name Gottes. Der irdische Klang des Namens, den Sie mit dem körperlichen Ohr auffassen, ist nur gleichsam das Gefäss für den geistigen Klang oder der Schatten des geistigen Klanges. Es heisst: "der Name Krischnas und alles, was in diesem Namen wohnt, wird nicht aufgefasst durch irdische Sinne. Aber wenn jemand, voll Sehnsucht zu dienen, sein Antlitz Krischna zuwendet, dann beginnt der Name sich von selbst auf seiner Zunge zu offenbaren." Doch sogar der Schatten des Gottesnamens vermag schon viel. Er hilft, das Herz wieder auf Gott hinzulenken. Das wäscht die Sünden ab. Wissen Sie, was Sünde ist, Vamandas? Unser Sprache ist sehr tiefsinnig in diesem Wort. Das Wort Sünde kommt von sondern. Abgesondertsein von Gott ist die einzige Sünde, die es gibt." Die Lichter von Delhi näherten sich, endlose kasernenartige Häuserreihen, die Wohnstätten von Schreibern, von Kulis, von Fegern der vielen Ämter und Kanzleien der indischen Hauptstadt. In einem hellerleuchteten Salonwagen, der auf einem Nachbargeleis langsam der grossen Stadt zufuhr, saßen bloss zwei Personen, ein hoher englischer Beamter im Frack; wohl der Gouverneur einer Provinz, beleibt, verlebt und doch kraftvoll aussehend wie ein altrömischer Prokurator. Und in dem Fauteuil ihm gegenüber, dessen verblühte Gattin im Abendkleid, stark geschminkt, steil aufgerichtet. Die beiden in ihrer beklemmenden Einsamkeit waren anscheinend die einzigen Menschen in dem prunkvollen Wagen. Unser Zug fuhr weiter; die grosse Stadt war schon wieder fern. Sadananda lag auf der Bank neben mir, kaum eine Armlänge entfernt, und schlief ruhig. Auf den mehrfach übereinandergeschichteten Holzpritschen über uns schliefen die Kameraden. Nur die Wachen saßen aufrecht, die Gewehre zwischen den Knien. Das Fenster war geöffnet. Eine helle Mondnacht. Ich sah in das unbekannte Land hinaus, auf schwankende Palmwipfel, Schöpfbrunnen, Kraniche, Störche. Grosse wilde Pfauen tanzten im Mondlicht. Der Name Gottes ... sann ich. So absonderlich und fremd, ja wahnwitzig dünkte mich alles zu sein, was der Freund mir vorhin anvertraut hatte. Und doch schien die monderleuchtete indische Nacht nur ein ganz dünner wehender Schleier zu sein, durch den das Geheimnis an mein Herz heranwogte. Der Name Gottes, der Liebe erweckt ... "Ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn ferner offenbaren, damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen sei und ich in ihnen". Diese Christusworte an Gott, die letzten, die heiligsten Worte Christi im Kreis seiner Jünger kamen mir entgegen aus der blauschimmernden indischen Nacht. Erschütternd wie noch nie trafen mich weitere Worte des göttlichen Heilands: "Wenn zwei oder mehr beisammen sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen." Ich sah sie vor mir stehen, die Jünger auf dem Berge, als sie Jesus in ihrer Mitte fragten: "Wie sollen wir beten?", und ich hörte seine Rede: "Vater unser, der du bist im Himmel, geheiliget werde dein Name ..." Immer mehr Christusworte berührten mich in dieser Nacht, der ich doch gar nicht besonders bibelkundig bin. Zuletzt wurde mein ganzes Wesen durchströmt von der uralten Taufformel: "Ich taufe dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes." Ich gedachte eines längst vergangenen Tages auf einer Insel im Ägäischen Meer, da ein griechisch-orthodoxer Pope in der Bücherei des Bergklosters von Patmos vor meiner Frau und mir die steifen riesigen Blätter einer Evangelienhandschrift aus frühchristlicher Zeit ausgebreitet hatte. Mit silberner Schrift war sie auf Purpur-Pergament geschrieben, aber die Namen Gottes und Christi überleuchteten alle andere Schrift in spiegelndem Gold. Hatte das Urchristentum noch eine Ahnung von der Majestät der Gottesnamen besessen? Hatten seither die Priester, welche die Verkündigung von der Liebesmacht des Gottesnamens an den Altären sprachen, den innersten Gehalt dieser Worte vergessen? Musste man erst nach Indien gehen, um das Geheimnis wiederzufinden? So wie auch der heilige Gral (ein rätselhafter heiligen Gegenstand, in dem kultische Geheimnisse symbolisiert sind), der Sage zufolge, von Engeln nach Indien getragen worden war. Der Logos, das Wort Gottes, tönte durch die indische Nacht. Es war kein Widerspruch zwischen der göttlichen Offenbarung des Ostens und des Westens. Die Verkündigung aus dem Abendland gesellte sich zum nicht endenden jubelnden Chor der indischen heiligen Schriften. Die Nacht blühte und duftete. Süss wehte der Duft der vollaufgeblühten Mangobäume herein zu den Schläfern in den nordwärts rollenden Zug. Mir war es, als ob ich hinausgetragen würde wie in einem Boot auf ein unübersehbares Meer der göttlichen Liebe, wo bald jede Küste, jeder Erdenhorizont hinter den Wogen versank. Die Wogen der göttlichen Liebe hoben sich immer höher auf. Der Morgen graute. Sadananda sass halb aufgerichtet auf seiner Bank und spähte durchs offene Fenster. Ich berührte ihn mit der Hand. "Geben Sie mir die Initiation in den Gottesnamen", bat ich. Wieder glitt der Blick des Freundes über mich, als ob er prüfend meine Seele betrachtete. "Ich bin kein Guru", sagte er dann. "Meine Aufgabe ist diesmal nur, Menschen zu den Füßen meines Guru zu führen. Aber ich hoffe, Sie werden den Guru finden und er wird Sie annehmen." Der Zug fuhr dröhnend über eine eiserne Brücke. In der Tiefe glänzte das Wasser eines Flusses grausilbern im ersten Morgenlicht. "Der Ganges", sagte Sadananda. "Nicht weit von hier, bei Rishikesh, bricht er durch das Gebirge des Himalaja hindurch". Wieder war ich vor dem Haus Schiwas angelangt. Unser Zug fuhr in eine Station ein und hielt. "Hardwar" las ich. "Eine der uralten sieben heiligen Städte Indiens", erläuterte der Freund. "Nun, Sie haben ja Sanskrit gelernt. Was heisst Hardwar?" "O ja, das weiss ich. Hari-dvara, das bedeutet, Tor Haris, Tor Gottes." Dicht unter dem Bahndamm lagen die Kuppeln und weissen flachen Dächer von Tempeln und Lehrhäusern. Auf den Dächern spielten friedlich Rudel von Affen. Niemand tat ihnen etwas zu leide. Sie galten ja als die Helfer und Gefolgsleute des Affenkönigs Hanuman, der ein Gottgeweihter war. Die Scharen der Affen hatten sich wie auf einen Befehl von den Kuppeln und Dächern und Brüstungen herabgeschwungen und liefen neben dem langen Zug, der wieder zu fahren begann und langsam die steile Spur durch den Wald emporkeuchte. Erfreut über die unerwartete Unterhaltung lehnten sich die Internierten in allen Waggons aus den Fenstern hinaus, schrien Spottworte zu den Affen hinab und warfen diesen alles, was ihnen in die Hände kam, leere Zigarrenkistchen und blecherne Zigarettenschachteln und ausgekratzte Konservenbüchsen an die Köpfe, bis die Schar der Affen den Wettlauf mit den Menschen aufgab und wieder umkehrte. "Ich habe die ganze Nacht über den Namen Gottes nachgedacht", sagte ich. Sadananda nickte fröhlich: "Ich weiss, wen einmal die Anziehungskraft Gottes ergriffen hat, den lässt sie nicht mehr los." Der Zug keuchte durch den einsamen Wald empor. "Es gibt eine alte Prophezeiung", sagte der Freund, "dass die kommende universale Kirche im Singen des Namens Gottes ihr Leben haben wird, und dass es in Zukunft kein einziges Dorf auf der Erde geben wird, wo man nicht als Kult den Namen Gottes singen wird."
3.6 Die Menschenziele Top Grün und regenfeucht ragten Berge hinter den Palisaden auf, aber aller Glanz der indischen Landschaft schien wieder erloschen zu sein, als wir, unser Gepäck schleppend, durch die doppelten Stacheldrahttore des neuen Lagers geschritten waren. Die Menschen, die sich innerhalb des Stacheldrahtes zusammendrängten, waren die gleichen geblieben. Sie hatten alle ihre Begierden und ihre Trauer und all ihr Schicksal mit sich genommen. Von den vielen Füßen niedergetreten war bald der Grasboden in dem engen Geviert, glanzlos die Erde. Aber das innere Licht, das aus dem Gottesnamen kam, den Sadananda auf der Fahrt gesungen hatte, das war nicht erloschen. In dem neuen Lager verloren Sadananda und ich unsere Plätze nebeneinander. Sadananda war ein Platz in einer Baracke im Süden bei den buddhistischen Mönchen angewiesen worden. Ich aber hatte das Glück, für eine kurze Zeit allein in einem Werkzeugschuppen im Norden, nahe dem Stacheldraht hausen zu dürfen. Es war eine Freundlichkeit des Lagerkommandanten, dass ich diese abgesonderte Schlafstelle bekam, um die ich viel beneidet wurde. Zwar hatten die grossen Fensteröffnungen dicht unter dem Dach kein Glas. Die Türe war zerbrochen. Zwischen Dach und Mauer flogen die Vögel ungehindert aus und ein. Gleich neben dem Schuppen befand sich die Kantine des Lagerflügels, wo bis tief in die Nacht selbst-gebrautes Bier und selbstgebrannte Schnäpse ausgeschenkt wurden, wobei es nicht ohne Lärm abging. Aber es war doch eine beseligende Zeit. Ich konnte arbeiten. Mit grossem Eifer half mir der Freund, die neue Bude einzurichten. Irgendwo auf einem Unrathaufen fanden wir eine beschädigte Tischplatte und anderswo zwei eiserne Tischständer, die zu wackelig waren, um in der Speisesaalbaracke noch verwendet zu werden. Für uns waren sie noch brauchbar. Wir breiteten ein blaues Leinentuch darüber, eine Schlafdecke, wie sie die indischen Wachtposten verwendeten. Nun sah der Schreibtisch ganz stattlich aus. Sadananda, der sehr geschickte Hände hatte, stand oben auf einem hohen Schemel, der auf unseren Tisch gestellt worden war. Ich hielt das schwankende Gerüst, dass es nicht zusammenbräche, und er nagelte alte Bettücher, die ich gefaltet und zusammengenäht hatte, über die breiten Öffnungen in der Nordmauer, damit der Wind vom Gebirge im Winter nicht völlig freien Zutritt habe. Und dann saßen wir sehr zufrieden an dem Arbeitstisch inmitten des kahlen Raums einander gegenüber. Sadananda gab mir, niemals ermüdend, seine unausschöpfbare Unterweisung, obwohl er schon damals ständig von schweren Körperschmerzen gequält wurde. Wie eine auf beiden Seiten angezündete Fackel verbrannte er sich in seiner Arbeit und um mir ein wenig von den Schätzen der göttlichen Liebe zu schenken, die er von seinem Guru empfangen hatte. Gemeinsam mit Sadananda begann ich in dem Schuppen nochmals die zwölf Teile des grossen Werks Bhagavata zu lesen, das ich schon im Hause Schris kennengelernt hatte. "Wenn man mich auf einer wüsten Insel aussetzen und man mir erlauben würde, ein einziges Buch mitnehmen zu dürfen, dann würde ich von allen Büchern in der Welt gewiss das Bhagavata wählen", sagte der Freund lebhaft. "Nicht die Bhagavad-gita?" "Die Bhagavad-gita ist bei all ihrer Herrlichkeit doch nur ein Kurs für Anfänger. - Auf der Höhenlage, wo die Unterweisung der Gita aufhört, fängt das Bhagavata an. - Es ist ein weiter Weg, Vamandas, den Sie zu wandern beginnen. Aber lassen Sie es sich nicht verdriessen. Wie oft hat mein Guru darüber geklagt, dass er keinen Menschen auf der Erde gefunden hat, der bereit war, seine ganze Kraft und Hingabe der Erforschung und Übersetzung und Erklärung des Bhagavata zu widmen. Ich habe es begonnen. Seit Jahren arbeite ich daran. Aber meine Kraft reicht nicht aus. Wollen Sie mir helfen? Versuchen Sie zum Anfang wenigstens die Rahmengeschichte vom König Parikshit aus dem Buche Bhagavata herauszulösen. Denn das Ringen dieses Königs um Recht und Gerechtigkeit steht dem Verständnis des Abendlandes am nächsten. Sie wissen doch, Parikshit ist der Enkel des Helden Arjuna aus der Bhagavad-gita, dem sein Wagenlenker Krischna die göttliche Unterweisung gibt." Während mein Tisch mit Sanskritwörterbüchern und anderen Hilfswerken bedeckt war, und ich langsam und mühsam arbeitete, begann die Geschichte von König Parikshit vor mir aufzublühen und das ganze Gefangenenlager zu umranken. Pariksha ist ein Wort, das auch in den modernen indischen Sprachen, den Tochtersprachen des Sanskrit, häufig vorkommt. Pariksha bedeutet eine Prüfung, ein Examen. Das Abiturientenexamen zum Beispiel wird Pariksha genannt. Parikshit heisst "Der Geprüfte", einer, der seine Reife-prüfung bestanden hat. Als König Parikshit aufwuchs, war die Finsternis des Kaliyuga bereits über die Welt hereingebrochen. Er aber spannte seinen ganzen mächtigen Willen an, um dem finsteren Zeitalter zum Trotz nochmals auf Erden das gebeugte Recht wiederherzustellen. In seinem goldenen Streitwagen fuhr er unermüdlich durch die Lande, um den Menschen dazu zu verhelfen, die drei Ziele zu erreichen, die der Weda als die drei Ziele des Erdenlebens hinstellt: Recht für jeden, Wohlstand für jeden und für jeden auch Erfüllung seiner Wünsche, Freude und Lust. Ich legte das Buch beiseite. O das war eine höchst zeitgemässe Geschichte, so dachte ich, diese Erzählung vom König Parikshit, der die drei Menschenziele dharma, artha, kama; Recht, Wohlstand, Lust allen Menschen auf der Erde zugänglich machen will. - Das sind ja noch immer die Ziele, denen auch heute noch alle die vielen hundert Millionen Menschen in der ganzen Welt keuchend nachjagen. Und wohin war die Menschheit bei diesem Streben gekommen? Ich schauderte. Wieder zog ich das Buch Bhagavata zu mir und begann von neuem zu lesen und zu übersetzen. Ich musste doch sehen, wie die Geschichte vom König Parikshit, dem Geprüften, weiterging. Seltsame Dinge wurden da berichtet. Der König, der das lebende Recht überall auf Erden wiederherstellen wollte, kam an das Ufer eines Stroms, der hiess Sarasvati, Weisheitsstrom. Und hier musste der Herrscher wohl in meditative Schauung versunken sein. Denn das, was da erzählt wurde, konnte man ja nicht mit sinnlichen Augen sehen. Das begab sich wohl in einer anderen Welt, aber in einer Welt, die unserer eigenen Welt beklemmend benachbart ist und ihren grossen Schatten über unsere Erde wirft. Es wird berichtet, dass Parikshit am Ufer des Stroms einer geheimnisvollen Gestalt begegnete. Er begegnete einem Wesen, das den Namen Kali führt. Kali bedeutet, der Dunkle. Dieser war der Machthaber des Kaliyuga, des dunklen Zeitalters der Zwietracht, in dem wir alle heute leben. Parikshit nahm Kali, den Dunklen, wahr, im Bilde eines düsteren Mannes in Herrschertracht, der mit Fußtritten die Erde peinigte und das Recht verstümmelte. Die Erde glich in dieser Schauung gar nicht der Erde, die wir kennen. Sie sah aus wie eine Kuh, deren Augen tränenüberströmt waren und die zu Parikshit um Hilfe flehte. Und das Recht erschien in Gestalt eines weissen Stiers, den der finstere Gewaltherrscher mit seinem eisernen Stabe wütend schlug. Dem Bösen war es bereits gelungen, mit den Schlägen seines eisernen Zepters drei Füße des Stieres zu lähmen. Der erste Fuß des weissen Stieres - Symbol des Rechtes - das war die Kraft des Richters, in der Meditation klar zu schauen. Diesen Fuß hatte der Dunkle schon gelähmt. Der zweite und dritte Fuß des Stiers, das waren die Herzensreinheit und die Barmherzigkeit des Richters. Auch diese Füße des Rechts waren von Kali schon gelähmt worden. Mit einem einzigen Fuß versuchte der Stier sich mühsam aufrecht zu erhalten, mit dem Fuße der Wahrheit. Ein schmerzliches Ringen um Wahrheit ist auch unserem finsteren Zeitalter noch verblieben. Es wird erzählt, dass Parikshit seinen Bogen spannte und auf den Grausamen eindrang. Kali warf die angemasste Herrschertracht ab. Er war ja gar kein wirklicher König; er war feig und ängstlich, er war ein Niedriggesinnter, ein Schudra. Er schrie um Gnade, während er sich auf dem Boden wälzte und die Füße Parikshits umklammerte: "Wohin immer ich flüchte, werde ich deinen Bogen furchtbar über mir blitzen sehen", stöhnte er. "O gewähre mir, wie jedem anderen Wesen auf Erden, eine Freistätte." "Sogar du sollst nicht vergebens um Schutz zu mir gefleht haben", antwortete der König. "In Spielhäusern, in Hurenhäusern, in Schlacht-häusern, in Branntweinschenken und in den Höhlen aller gierigen Herzen, die verknotet sind in der Gier nach Gold, magst du sicher wohnen. Das sollen deine fünf Freistätten sein." Parikshit war überzeugt, nun habe er den Dunklen in Abgründe verbannt, aus denen sich dieser nicht hervorwagen würde. Aber er täuschte sich. Kali warf seinen Schatten nicht nur über die ganze Erde, sondern auch in des Königs eigenes Herz. Bald nach der vermeintlichen Überwindung des finsteren Zeitalters jagte König Parikshit einmal in einem Wald. Tiere zu hetzen und zu jagen, wäre ein schweres Vergehen für einen Brahmanen gewesen; nach dem Recht der Kriegerkaste ist es ein erlaubtes ritterliches Spiel. Von der langen Verfolgung des Wildes war der König müde und durstig geworden. Vergebens suchte er eine Quelle in dem ausgedorrten heissen Dickicht. Er fand keinen Tropfen Wasser. Von Durst gequält, kam er zur Laubhütte eines Einsiedlers und trat ein, auf einen Trunk hoffend. Drinnen im Dämmern der Hütte saß ein alter Mann mit gekreuzten Beinen, aufrecht, die Augen halb geschlossen, in tiefster Entrückung, kaum atmend. Parikshit, dessen Zunge vom Durst rissig und ausgetrocknet war, bat: "Gib mir zu trinken." Der Alte antwortete nicht. Er bot dem König nicht eine Gastmatte und nicht einmal einen Platz auf dem Erdboden zum Sitzen an. Er bot ihm kein Wasser an, um seine bestaubten müden Füße zu waschen. Er bot ihm nicht zu trinken an. Er verletzte jede Pflicht des von König Parikshit auf der Erde wiederhergestellten Gebotes der Gastfreundschaft. Ein finsterer Gedanke durchhuschte wie eine Schlange des Königs Geist. Vielleicht täuscht dieser Alte bloss vor, in Meditation versunken zu sein, weil ich ihm lästig bin, weil er sich höher dünkt als ich und er, der Brahmane, mir, dem Krieger, nicht aufwarten will. Ein ihm bisher nie bekannt gewesener wilder Zorn stieg in ihm auf. Als er sich mit hartem Schritt umwandte, um zu gehen, sah er eine tote Schlange am Boden liegen. Mit der Spitze seines Bogens warf er den Leichnam der Schlange verächtlich dem alten Mann um den Hals. Der Greis rührte sich nicht. Mit schweren Schritten verliess Parikshit die Hütte. Als der junge Sohn des Brahmanen, ein schöner stolzer Knabe, von der Entehrung seines Vaters vernahm, war der Junge empört über die Verletzung des Gebotes der Ehrfurcht vor dem Brahmanen durch den Mann aus der Kriegerkaste. Wild rief er seinen Genossen zu: "O was für ein Unrecht herrscht in diesem finsteren Zeitalter bei den Gebietern der Erde. Wie Krähen sind sie fett geworden. Da der allmächtige Krischna nicht hier ist, um den Gesetzesverletzer zu züchtigen, werde ich ihn strafen. Sehet meine Macht!" In heissem Zürnen sang der Knabe eine Beschwörung und sprach einen Fluch über König Parikshit aus: "Am siebenten Tage von heute an soll der Schlangenfürst auf mein Geheiss jenen töten, der das Gesetz gebrochen und meinen Vater besudelt hat." Dann lief er heim in die Hütte und als er seinen Vater sah, dem noch die tote Schlange um die Brust hing, weinte er laut vor Verzweiflung. Der Weise hörte das Weinen seines Sohnes und sah die tote Schlange, die über seine Schulter hing. Er streifte sanft die Schlange ab und fragte: "Warum weinst du?" Der Knabe erzählte. "Mein Kind, mein Kind, was hast du getan!", klagte der Vater. "Ach, mein Kind, eine grosse Sünde hast du ahnungslos begangen. Eine schwere Strafe hast du wegen eines geringen Fehlers verhängt. Dieser edle König war sicherlich von Hunger, Durst, Erschöpfung gequält. Und du hast gewagt, den Herrscher zu richten, der nach Gottes Willen der Hüter der Gerechtigkeit auf Erden ist. O möge der allmächtige und allgegenwärtige Gott dir die Sünde vergeben, die du in deiner Unwissenheit an einem Gottgeweihten begangen hast." Parikshit wanderte unterdessen seinem Königsschlosse zu und bereute bitterlich. "Ach wie unfassbar niedrig habe ich mich diesem Heiligen gegenüber benommen. Furchtbares Übel wird mich deshalb gewiss überfallen. O möge es bald kommen und mit voller Kraft, dass meine Sünde getilgt werde, und dass ich so etwas nicht wieder tue." Während er derart sann, vernahm er von dem Todesfluch, den der Sohn des Brahmanen über ihn ausgesprochen hatte. Ohne einen Augenblick zu zögern, übergab König Parikshit die Herrschaft seinem Sohne. Er entsagte seinen Schätzen und seinem blühenden und geordneten Reich, das von keinem Feind bedroht war. Er verliess seine junge, schöne Frau. Er entsagte dieser Welt und tat ein Gelübde, die letzten sieben Tage seines Lebens zu fasten. Wie einen Haufen Asche empfand er alles, was ihm bisher so wichtig gewesen war. Jeden Gedanken an Gesetz streifte er ab. Er dachte nur an jenen, der hoch über Gesetz und Nichtgesetz ist, an den göttlichen Grund der Welt. Parikshit setzte sich mit gekreuzten Beinen am Ufer des Gangesstroms hin und begann zu meditieren. Da kam eine grosse Schar, heilige Weise mit ihren Schülern, zum Strome. Die Weisen pflegen Pilgerfahrten nach den geweihten Badeplätzen zu machen, aber in Wahrheit sind sie es, in denen Gott wohnt, welche die Wasser von neuem heiligen. Tief beugte Parikshit sein Haupt vor den Rishis. Jeden von ihnen ehrte er gebührend. Und als sie alle ihre Sitze eingenommen hatten, stand er mit gefalteten Händen vor ihnen und sagte: "Ihr Weisen und du Gangesstrom, ihr alle sollt wissen, dass ich zu Gott meine Zuflucht nahm, dass mein Herz nur mehr Gott gehört. Möge mich doch die täuschende Schlange getrost beissen. - Ihr aber singet die Lieder des alldurchdringenden Gottes!" "Wir wollen bei diesem Gottgeweihten verweilen", sagten die Weisen, "bis er seinen Leib abwirft und jene Welt erlangt, wo es keine Täuschung mehr gibt." "Helft mir, die letzen Tage meines Lebens sinnvoll zu verbringen", bat Parikshit. "Belehrt mich, was soll ein Sterbender tun, einer, der unmittelbar vor seinem Tode steht?" In diesem Augenblicke kam der junge Schuka, der Sohn des grossen Vyasa, lächelnd des Wegs. Wunschlos wanderte er über die Erde. Keine Zeichen einer Kaste waren an ihm zu sehen, auch kein Mönchs- oder Büssergewand hatte er an. Nackt war er. Die Himmelswölbung war sein einziges Kleid. Von einem Schwarm von Kindern war er umgeben. Er glich einem Jüngling von sechzehn Jahren und einem Menschen, den die Welt verworfen hatte, aber die Weisen erkannten wohl seinen Glanz und erhoben sich ehrfürchtig von ihren Sitzen. Parikshit beugte tief sein Haupt vor dem Gast, der als letzter kam und wies ihm einen erhabenen Sitz an. Dann warf sich der König vor Schuka nieder, der mitten unter den Weisen wie der Mond unter den Sternen strahlte, und er stellte flehend auch ihm die Frage: "Was soll ein Mensch tun, der unmittelbar vor dem Tode steht? Was soll er hören? Wessen soll er gedenken? Wen soll er verehren? Worüber soll er meditieren?" "Die wesentlichste aller Fragen hast du gestellt", sagte Schuka. "Der ganzen Welt zum Heil wird deine Frage werden. Tausenderlei Fragen stellt der Mensch, tausenderlei Wissen strebt der Mensch an, der nichts vom Atman weiss. Und dazwischen schwindet sein Leben dahin, nachts im Schlaf und in vergänglichen Freuden, tags in Mühen um Vergängliches. Du aber hast eine Frage gestellt, die von den Kennern des Atman geliebt wird. Sie handelt von dem letzten Ziel." Nun erzählte Schuka dem König vom unvergänglichen innersten Wesen des Menschen, Atman. Und er erzählte ihm vom Atman aller Atmas, von Gott. Er führte den Lauschenden zu immer höheren Aspekten Gottes, bis zu Maha-Wischnu, von dem Sadananda sagte, dass er jener ist, den die Christen in schauernder Ehrfurcht den Vater-Gott nennen. Von Maha-Wischnu heisst es in den indischen heiligen Schriften, dass er einst durch seinen blossen Blick die erste Schöpfung der Welt erregte. Aus der Kraft seines Blickes, den er herabsandte, wurden die Seelen, die Atmas aller Wesen. Von ihm, von Maha-Wischnu sagt man: So wie durch offene Fenster sonnenbeleuchtete Staubströme fluten, so fluten durch die Poren Maha-Wischnus die zahllosen Weltsysteme aus und ein. Wenn Maha-Wischnu ausatmet, entstehen die Welten, wenn er einatmet, vergehen die Welten. Aber nie ist ein Ende des Weltvergehens und Weltentstehens - denn nie hört Maha-Wischnu auf zu atmen. Aber auch Maha-Wischnu ist noch nicht der letzte göttliche Grund. Schuka führte seinen Schüler Parikshit noch weiter, durch den Ozean aller Ursachen, da wo jeder Erdenstaub und alles Schicksal abgewaschen wird und durch den Ozean des unendlichen Bewusstseinslichts, das man Brahman nennt, und durch alle Reiche der göttlichen Majestät bis in Gottes innerstes Reich der Lieblichkeit, da wo Krischna ewig mit den Seinen weilt. Kein Schatten von Raum und Zeit und Gesetzesverkettung dringt dorthin in das innerste Reich, das ganz aus Liebe gewoben ist, wo Krischna mit den Seinen weilt. Selbst die Kleider und der Schmuck der Liebenden und des einen Geliebten sind verschiedene Phasen von Gottesliebe. Man sagt: So wie ein Hirtenknabe einen tauigen Kranz frischer Waldblumen in seinem Haar trägt, so trägt dort Krischna alle die Welten in seinem Haar. Sieben Tage erzählte Schuka dem Manne, der den Tod erwartete, von Krischna, von dessen Innenleben in dem verborgenen Reiche der Liebe; und von seinem Herabsteigen: von den Heilanden und Erlösern und göttlichen Boten, die Krischna in alle Sphären des Seins herabsendet. "Der grimmige Hunger quält mich nicht mehr, obwohl ich schon längst aufgehört habe, Speise zu mir zu nehmen", sagte Parikshit. "Ich fühle keinen Durst mehr, obgleich ich sogar dem Genuss des Wassers entsagt habe. Ich sehne mich nach nichts, als immer mehr von Krischna zu hören. Ich trinke den Nektar der Geschichten von Gott, der von deinem Munde tropft." Nach sieben Tagen zog Schuka weiter. Nackt schritt er dahin, tanzte er dahin und sang Gottes Preis. Kinder liefen mit ihm. Die Stromjungfrauen, die im Wasser spielten, scheuten sich nicht vor dem Mann, obwohl er nackt war, nur von der Himmelswölbung umkleidet. Schuka in seiner heiligen Unschuld achtete ja nicht darauf, was Mann und was Weib war. Er sah nur die ewigen Seelen, die Atmas in allen Wesen, er sah nur die liebende Verzückung der Atmas zu Gott hin, in allen Wesen, in blühenden Bäumen, in Sträuchern, in Menschen, in Tieren, in Strömen und Stromjungfrauen, in lichten Devas und in Dämonen, alle diese Atmas offenkundig zu Gott hinjauchzend oder noch tief verhüllt. Schuka sang. Parikshit aber sass indessen lächelnd und lauschend am Gangesufer. Und als die giftige Schlange dann wirklich kam und ihn biss, so dass sein Leib abfiel und in einem Augenblick zu Asche verbrannte, da merkte Parikshit es gar nicht, denn er selbst war ja längst eins geworden mit dem Brahman. Er hatte nicht um Lösung von dem Todesfluche gebeten, er hatte nicht gebeten, leben zu dürfen, obwohl es Schuka ein leichtes gewesen wäre, ihn von dem Fluche zu befreien. Er bat nur unersättlich, immer mehr von Gott hören zu dürfen. Und so kam Krischna zu ihm in Gestalt des Fluches des Brahmanen und gab ihm Gottesliebe, das kostbarste Kleinod, das es gibt. Am nächsten Tag kam Sadananda wieder zu mir. Ganz unvermutet war er plötzlich da. Er liebte es nicht, Verabredungen zu treffen. Auch in den Konzentrationslager war er innerlich frei wie ein Vogel. "Nun, Vamandas", rief er, "mir scheint gar, Sie haben gearbeitet. Haben Sie über die Menschenziele nachgedacht?" "O ja, das habe ich. Nicht dharma, artha, kama, nicht Recht, Wohlstand und Lust sind die wahren Menschenziele, sondern Befreiung vom ewigen Kreislauf der Geburten und Tode, Mukti ist das Menschenziel. - Durch seine Liebe zu Krischna erlangte König Parikshit Befreiung und ging in das göttliche Sein ein." Traurig sah mich Sadananda an. "Haben Sie es noch immer nicht verstanden, sind Sie noch immer in dem System von Schankaracharya gefangen, das Ihnen Schri beigebracht hat? Spüren Sie denn nicht, wie erschreckend es einem Bhakta erscheint, dass jemand angehalten wird, Gott zu lieben, so wie es Schankaracharya rät, als ein Mittel zum Zweck, um Befreiung zu erlangen? Und dann, wenn er das Wissen erlangt hat, wenn er aus eigener Erkenntnis weiss, dass er eins ist mit dem Brahman, dann soll er seine Liebe zu Gott auskühlen lassen, und stille werden. Dann kann er das Bild des persönlichen Gottes, das er nun nicht mehr benötigt, in den Fluss werfen, als eine letzte Illusion. Er ist ja das grosse Brahman selber." "Aber von Parikshit heisst es doch, dass er zum unendlichen Brahman wird. Ist das Werden zum Brahman nicht doch das Höchste?" "Nein", sagte Sadananda ohne Umschweife. "Sie kennen doch die Gita-Strophe aus dem letzten Gesang: "brahmabhutah prasannatma..." Wer zum Brahman geworden ist und dessen Atman still geworden ist, und nicht mehr trauert und nicht mehr begehrt ... nun, lesen Sie selbst weiter." Ich las: "... der erlangt höchste Liebe, höchste Bhakti zu mir." "Das heisst", erläuterte der Freund, "Wer zum Brahman geworden ist und dessen Atman still geworden ist und der nicht mehr trauert und nicht mehr begehrt, aber selbst hier nicht stehenbleibt, sondern weiterdringt in seiner Sehnsucht, immer mehr zu lieben und immer mehr zu dienen, der erlangt höchste Bhakti zu Gott. So spricht Krischna. Nicht Mukti oder Befreiung ist das letzte Ziel. Der wahre Bhakta, wie Parikshit einer ist, lacht darüber. Hier im Buche Bhagavata wird gesagt: "Leicht gibt Gott Mukti, aber sehr selten gibt er Bhakti." Spontane, motivlose Liebe zu ihm, Gottesliebe um der Liebe willen, das ist das höchste Menschenziel." Dicht trat Sadananda an mich heran und sah mich mit blitzenden Augen an. Er packte mich bei beiden Schultern und rüttelte mich und rief mir einige Worte aus den Upanischaden zu, dass diese mich wie ein Blitz durchfuhren. Er rief: "Steh auf! Wach auf! und lass nicht ab, bis das Ziel erreicht ist. Svasti!" - Schon war er entschwunden. Aber noch immer durchfuhr mich der schmetternde Blitz der Liebe: als schälte er für einen Augenblick meine innerste Wesensgestalt von allen irdischen Hüllen frei. "Svasti! - das war der uralte indische Gruss und derr bedeutete: svaasti, das Selbst ist, der Atman ist, der Atman voller Kraft und Liebe ist.
3.7 Strom der Gottesliebe Top Ich sass in meinem Schuppen vor dem Tisch, der mit Papieren bedeckt war. Das Rauschen eines nahen Bergstroms, der das Gebirge des Himalaja durchbricht, scholl durch die Nacht. Ich dachte an den Strom der Gottesliebe, der unerschöpflich aus Gottes Reich quillt und, von den meisten unbemerkt, unsere Schattenwelt durchströmt. Der erste Guru der Gottesliebe, so berichten die Bhaktas, war Gott selbst. Er gab die Initiation dem Weltschöpfer Brahma, der die Welt gestaltete nach Gottes Plan. Als Brahma nach der langen Nacht, die Weltvernichtung heisst, aus dem Schlafe zu neuem Leben erwachte - lange bevor unsere Welt gebildet war - da war es dunkel um ihn. Er wusste nicht,, wo er sich befand. Er wusste nicht, dass er im Kelche eines Lotos war, dessen Stengel aus dem Nabel des Alldurchdringenden wuchs. Finsternis breitete sich rings um ihn aus. Sorgenvoll erhob sich Brahma und wanderte aufwärts in dem Lotoskelch, tausend Jahre; er fand kein Ende. Sorgend kehrte er um und wanderte abwärts in dem Stengel des Lotos, tausende Jahre; er fand keinen Grund. Ermattet und kummervoll setzte sich Brahma hin mit gekreuzten Beinen in Meditationshaltung und versuchte, in sein Herz zu lauschen. Als sein Herz ganz still geworden war, vernahm er den Klang einer Flöte, der unbeschreibliche, überströmende Liebe in ihm erweckte. Es war der Klang von Krischnas Flöte, aus dessen innerstem Reich. Und der liebeerweckende Klang war ein Mantra. Derart wurde Brahma von Gott selbst initiiert und wurde so der erste aller wahren Brahmanen. Aus dem Mantra der Gottesliebe quollen die vier Urstrophen der späteren achtzehntausend Strophen des Werkes Schrimad Bhagavata. Und immerdar lauschend und immerdar in Gottes Reich hineinspähend und nach ihm sich sehnend, erinnerte sich Brahma, wer er selber war, und wozu er berufen war, und vermochte nun nach Gottes Willen das Weltall zu bilden. Während er, der Baumeister unseres Weltenraumes, sein hartes Werk im Bereich der irdischen Zeit tat, sang er einen sehnsüchtigen Hymnus von der schicksalslosen, göttlichen Welt, wo nicht am Grunde jeder Lust Leid liegt, wo die Zeit nicht wie bei uns in jedem Augenblick schmerzlich in Vergangenheit und Zukunft zersplittert; sondern wo ewige Gegenwart weilt und wo alles aus Liebe gewoben ist. Brahma sang von Krischnas Reich der schenkenden Liebe, die verborgen ist hinter dem "Ozean aller Ursachen und dem Ozean des unendlichen Lichts": "Jedes
Wort ist ein Lied, Brahma, der Schöpfer, gab die Initiation in die Gottesliebe und die vier Urstrophen des Bhagavata seinem Schüler und geistigen Sohne Narada. Mein erster Lehrer Schri und auch Sadananda hatten mir oft von Narada erzählt. Dieser ist ja einer jener Bhaktas, die aus Barmherzigkeit zu den von Gott abgefallenen unglücklichen Wesen immerdar, zu aller Zeit die Wandelwelt durchschweifen, um vielleicht doch irgendwo Seelen zu finden, die fähig sind, die Kraft zur dienenden, liebenden Hingabe an Krischna zu empfangen. Wie die Sonne ihren Himmelsbogen beschreibt über Gerechte und Ungerechte, so wandeln die Boten Gottes in Reinheit dahin und tragen, wohin sie auch kommen, den Glanz des Reiches Gottes, aus dem sie stammen, mit sich. Was kümmert es sie, ob ein Ort, den sie betreten, nach irdischen Begriffen einem Himmel oder einer Hölle gleicht. Sie steigen in Gefängnisse, in Irrenhäuser, in Konzentrationslager hinab. Niemand, kein Mörder, keine Dirne, kein Wahnsinniger, kein Kind im Mutterleib ist davon ausgeschlossen, Gottesliebe von ihnen zu empfangen und mit hineingenommen zu werden in den Kreis der Ewig-Beigesellten Gottes. Auf seiner Wanderung kam Narada einstmals auch zu einer Einsiedelei hoch im Himalaja am Ufer eines Bergstromes. Dort nahe den Gangesquellen sass der weise Vyasa und blickte schwermütig in die tosenden Wellen. Ehrfürchtig begrüsste Vyasa den Boten Gottes. "Warum bist du so traurig?" fragte Narada. "Ich verstehe es nicht", antwortete Vyasa bekümmert. "Ich habe das Gesetz gehalten und Askese geübt. Ich habe Macht über Yoga erlangt, wie wohl wenige. Es ist mir gelungen, die heiligen Weden, die zur Zeit der grossen Flut verloren waren, wieder zu sammeln; ich habe sogar das Mahabharata und die Gita endlich fertiggestellt. Die Essenz höchster Weisheit habe ich in den Brahmasutras zusammengefasst. Ich habe mein Leben lang über das göttliche Licht, über das gestaltlose Brahman gesonnen, ja, ich bin eins geworden mit ihm. Und doch - meine Seele hat keinen Frieden erlangt." "Du hast in deinen herrlichen Werken zu viel von Gottes Gesetz und Logik und Weisheit und zu wenig von Gottes Liebe erzählt", belehrte ihn Narada. "Du müsstest noch ein Werk schreiben, das nur die Liebestaten Gottes preist und den Menschen Liebe schenkt". Voll Barmherzigkeit sang Narada den Mantra, den Brahma von Krischna empfangen hatte und er selbst von Brahma. Narada gab Vyasa die Initiation in die Gottesliebe und schenkte ihm die vier Urstrophen, aus denen das grosse Werk Bhagavata aufgeblüht ist. Singend und seine Laute spielend, zog er dann weiter. Vyasa aber setzte sich hin am Ufer des jungen Ganges und meditierte über Krischna. Da schaute er Krischna in seinem innersten Reich und wie alle Wandelwelt der Maya in Krischna gründet. Während Vyasas Herz immerdar auf Krischna blickte, brach er in Gesang aus über das, was er schaute, und jubelnd begann er die achtzehntausend Strophen des Werkes zu singen, das nur von Gott handelt. "Die reifste Frucht, die am Baume der Weden wuchs, Nektar der Unsterblichkeit und Süsse, eine Frucht ohne Schale und Kerne" - so wird das Werk genannt. Vyasa, der Dichter und Seher, sang seinem Sohne Schuka die zahlreichen Geschichten des Bhagavata vor. Der Jüngling, der seit seiner Kindheit im Reiche Gottes lebte, wohin er auch immer ging, behielt Vyasas Visionen in seinem Geist; Schuka konnte nicht anders, er sang die Strophen, die überströmten vom Ruhme und der Liebe Gottes. Und so gab er auch Parikshit, dem gerechten König, der, als Verfluchter den Tod erwartend, am Ufer des Ganges sass, das Geschenk der Gottesliebe. Derart wurde in Indien die Einweihung in die Gottesliebe weitergegeben von Lehrer zu Schüler und deren Schülern, in ununterbrochener Folge durch die Jahrtausende. So wandelte die Offenbarung Gottes inmitten der Finsternis immerdar lebend durch die Zeit. Als in den Jahren der Entdeckung Amerikas und des voll hereinbrechenden Materialismus Krischna ein zweites Mal - so glauben die Bhaktas - auf die Erde kam in Gestalt Krischna-Chaitanyas, da suchte auch dieser, der ehrwürdigen Tradition folgend, einen Guru auf. Der Guru erkannte sofort das hohe Wesen des wie Gold strahlenden Jünglings, der ihm demütig nahte und gab dem herabgestiegenen Avatar voll Jubel die erbetene Einweihung. Und Chaitanya nahm ehrfürchtig Abschied und lief durch das Land und sang drei Tage lang freudetrunken eine Strophe aus dem Bhagavata: "Auch ich, auch ich werde den furchtbaren Ozean der Wandelwelt durchschreiten und an das andere Ufer gelangen." Chaitanya brachte einen ganz neuen Mantrastrom und eine ganz neue Gottesoffenbarung auf die Erde herab. Er gab die Einweihung seinen Schülern und seine Schüler gaben die Einweihung ihren Schülern. So floss in Indien der Strom der Gottesliebe wie Wasser des Lebens, verborgen und doch nicht verborgen, bis in unsere Tage, bis zu dem Einsiedler Gaura Kishora. Der nackte, bloss mit dem Schamtuch bekleidete Asket, der ungelehrt war, kaum des Schreibens und Lesens kundig, gab nach langem Sichbittenlassen die Initiation dem Bhakti-Siddhanta Sarasvati, der früher Professor für Astronomie und höhere Mathematik an einer Hochschule in Bengalen gewesen war. Dieser gab die Einweihung weiter an einen Schüler, der aus Europa stammte und den er Sadananda nannte. Als ich verzweifelt in dem von Lärm und Streit erfüllten Internierungslager in Indien sass, kam Sadananda. Und in seiner Barmherzigkeit gab er einen Tropfen der Gottesliebe sogar mir.
3.8 Der Schweinekoben Top Odysseus bei Kirke: "Schuf
ihn die Göttin Athene, Odyssee VI, 229 ff. "Sprachs
und rührte ihn an mit
dem Zauberstabe, Athena, Odyssee, XIII, 427 ff. "Sprachs
und berührte den Herrn Odyssee, XVI, 172 ff. Noch vor der Übersiedlung hatte ich einen Traum, der mich viel beschäftigte. Ich lag im Dunkel, wie schon so viele Male vorher, in der Reihe der Schläfer in der Gefangenenbaracke. Dicht neben mir stöhnten die Schlafenden. Mühsam suchte ich mich der trostvollen Worte aus der Sanskrithymne zu erinnern, die mir mein Freund einmal diktiert hatte. Seine Worte tönten in mir nach: "Es wird
zerschnitten der Knoten des
Herzens. Was ist der Atman? sann ich wieder. "So wie ein Mensch zerschlissene Kleider ablegt und andere neue Kleider dafür anzieht, so wirft die Seele die zerschlissenen Leiber ab und tritt in einen neuen Körper ein." So sang die Bhagavad-gita. "Diesen Atman schneiden die Schwerter nicht, diesen Atman brennt das Feuer nicht, diesen Atman netzt das Wasser nicht, der Wind trocknet ihn nicht aus ... unzerstörbar ist er, unausdenkbar ... ewig." Röchelnd wälzten sich meine Nachbarn im Schlaf hin und her, dass die verwanzten Holzpritschen krachten. Manchmal erfüllte ein lautes Stöhnen den Raum der finsteren Baracke, als ob ein Alp auf den Schläfern läge. Dann musste ich doch wohl eingeschlafen sein. Im Traum wanderte ich durch weite Länder und spähte neugierig in Höhlen der Erde hinein, in denen wilde Tiere mich anfielen. Ich lief durch Nacht. Immer schmäler wurde der Pfad, der steil hinaufführte zwischen Abgrund und Felswand. Meeresflut hob sich unter mir. Ich schritt durch Luft. Unter mir waren ungeheure glasklare Wellen. Ich stürzte und schrie im Sturz. Aus grosser Tiefe und Ferne hörte ich die Stimme meiner Frau: "Das tust du ja alles nur mutwillig, Odysseus!" Vom Nachklang des Wortes Odysseus erwachte ich. Den Rest der Nacht lag ich wach und grübelte: Odysseus? Ich muss mehr über Odysseus wissen! Am nächsten Tag gelang es mir, im Lager ein abgegriffenes Exemplar einer Übersetzung von Homers Odyssee ausfindig zu machen. Staunend, als ob er mir zum ersten Mal vorläge, las ich den wohlbekannten Text, der mir in meiner Knabenzeit so nah gewesen war, dass ich damals geglaubt hatte, ich sei im Griechenlager vor Troja und im Zelt des Odysseus mit dabei gewesen. Mit klopfendem Herzen las ich vom Gestaltenwandel des Odysseus, dessen Haar blond und dann wieder hyazinthendunkel war, der kahlköpfig und dann wieder mit Locken bedeckt war, der alt war, jung wurde, wieder alt, wieder jung, dessen Leib aufblühte, schrumpfte, abermals aufblühte, der von Schiffbruch zu Schiffbruch getrieben wurde, bis in die Totenwelt hinab - und wieder empor ins Licht; Odysseus, der immer wieder andere Kleider trug, Kleider eines Königs, eines Bettlers, wieder eines Königs - den immer wieder andere Leiber umhüllten, vom Zauberstab der Göttin berührt. Ich sann: Waren die vielen Geschichten, derenthalben man ihn einen Lügner schalt, die vielen Lebensläufe, die Odysseus unermüdlich aus seiner Vergangenheit berichtete, vielleicht alle wahr? War er nicht nur in Ithaka geboren? War er auch in Kreta geboren und an vielen anderen Orten? Gleichermassen, wie die Bhagavad-gita es ausspricht: "So wie ein Mensch zerschlissene Kleider ablegt und andere neue Kleider dafür anzieht, so wirft die Seele die zerschlissenen Leiber ab und tritt in einen neuen Körper ein." War nicht ich, war nicht jede Seele auf Erden gleich Odysseus, ein Wanderer von Leben zu Leben? Ich las bis zum Schluss, aber selbst auf den letzten Seiten des Buches war die Wanderung des Odysseus noch immer nicht zu Ende. Ihm war bestimmt, auch in Zukunft wieder weiterzuwandern, in ein sagenhaftes fernes Land, wo die Sturmesmacht des wilden Meers der Leidenschaften nicht mehr hindrang. - Aber ob er auch hingelangt war in das Land des unendlichen göttlichen Friedens, das die Hindus Schanti nennen, davon berichtete Homer nichts. Die Buchstaben des letzten Kapitels der Odyssee verschwammen vor meinen Augen. Da ich im Freien las, am Rand des Lagersportplatzes, hatte ich eine dunkle Sonnenbrille anlegen müssen, um in dem blendenden indischen Lichte lesen zu können. Nun hatte sich die rauchschwarze Brille wie mit Feuchtigkeit von innen gänzlich beschlagen. Ich nahm die Brille ab. Vor mir erhob sich eine hohe Wand aus verknäueltem Stacheldraht, dahinter eine zweite hohe Stacheldrahtwand. O nein, Odysseus war noch nicht in das Land Schanti, in das Reich des göttlichen Friedens gelangt. In dem Gang zwischen den Eisendornenwänden schritten die Posten, die unser Lager bewachten mit aufgepflanztem Bajonett unablässig auf und ab. Hinter mir war Lärm und Geschrei. Ein Fußballwettspiel der Gefangenen war eben im Gang. Jemand schlug mir mit der Faust zwischen die Schultern: "Mensch, warum sitzen Sie so unbeteiligt da!" rief entrüstet ein Kamerad. "Wie kann man einem solchen Spiel nur den Rücken zukehren! Mensch, bedenken Sie! Ostbaracken gegen Westbaracken! Semifinale!" Kopfschüttelnd, als ob er an meinem Verstande zweifelte, wandte er sich ab. Heiter kam Sadananda am Rand des Fußballfeldes daher. Hell leuchtete sein von ihm selbst gefärbtes orangenes Mönchsgewand und sein schmales elfenbeinfarbenes Gesicht und sein kahlrasierter Schädel. "Kommen Sie, Vamandas", rief mich der Freund lächelnd bei meinem indischen Namen. "Dieses Spiel ist bald zu Ende. Wir wollen noch ein wenig spazierengehen." Langsam schritten wir beide zu Seiten der Stacheldrahtwand. Einen Augenblick lang nahm mich Sadananda bei der Hand: "Ich sehe, Ihre Seele, Ihr Atman, rüttelt in Ihnen. Haben Sie sich die Strophe aus dem Bhagavat-Purana gemerkt, die ich Ihnen diktiert habe?" Nachdenklich wiederholte ich auf Sanskrit: "Es wird
zerschnitten Zustimmend nickte mein Begleiter und blickte mich an. "Sie werden es schon schaffen. Nur der Rhythmus muss noch besser werden. Und es ist noch nicht viel damit getan, dass man vom Atman bloss träumt, man muss wach darin leben, man muss vollkommen in seiner wahren Gestalt gegründet sein." Schreitend, fast im Tanzschritt, sang Sadananda nochmals die Sanskritstrophe. Schrilles Pfeifen rief zur abendlichen Essensausgabe. Wir schlossen uns den vielen Kameraden an, die hastig mit ihren Blechtellern zur Küche eilten. Einmal feierten Sadananda und ich in dem Schuppen ein Fest. Mit untergeschlagenen Beinen saßen wir nebeneinander auf dem reingefegten Boden und sangen die fast tausend Jahre alten Sanskritstrophen an Krischna, den verborgenen Gott, der in jedem Weltalter die grossen Heilande, die Avatare, zur Erde hinabsendet und auf mannigfaltige Art die Seele erweckt: "Siegen möge Krischna, der in der Urzeit Fischgestalt annahm und die heiligen Schriften der Offenbarung heil durch die Wasser der Weltauflösung trug. Siegen möge Krischna, der als Geistlöwe Narasinha Gestalt annahm... Siegen möge Krischna, der als Knabe Vaman Gestalt annahm... der als König Rama Gestalt annahm... der als Buddha Gestalt annahm... Siegen möge Krischna, der auch in Zukunft Gestalt annehmen wird." Wir sangen auch eine Hymne an den verborgenen Avatar unseres eigenen finsteren Zeitalters Krischna-Chaitanya. Diese Hymne prangt nicht im goldgerüsteten Sanskrit, sondern sie ist in der lebenden, überaus melodischen Bengalisprache gedichtet und einfach wie ein Volkslied. Wir klatschten mit den Händen den Takt und sangen: "Sing den
Namen Gottes, Zuletzt sangen wir auch eine Strophe, die von Krischna-Chaitanya selbst herrührt. Mein Freund, der sonst so sorgsam darauf bedacht war, das, was sein Herz bewegte, vor der Menge zu verbergen, sang diesmal laut jubelnd, unbekümmert, dass man draussen jeden Ton vernehmen konnte: "Nicht
Reichtum und nicht edlen
Stand, Eine fette Stimme, voller Dünkel und Überheblichkeit, machte sich von der nahen Lagerschenke her gröhlend bemerkbar. Voll Wut kam die Stimme näher. Ein schwerer Leib stiess zornig an die Tür unseres Schuppens an und jemand brüllte: "Diese Scheisskerle! Diese verdammten Nigger mit ihrer Schweinereligion! Man soll sie prügeln und prügeln bis sie krepieren!" Schimpfend und fluchend zog er weiter und erfüllte das Lager mit seinem Geschrei. Am nächsten Tag hatte dieser Mann, der gute Beziehungen zu einigen Unteroffizieren der Wachtmannschaft besass, es durchgesetzt, dass ihm von der Lagerbehörde der Auftrag erteilt wurde, als Partner in meinen Schuppen einzuziehen. Mit seinen Kisten und Bündeln rückte er schnaufend an. Seine alten Hosen hingen nun an den Wänden. Sein Gurtbett und darunter seine verstaubten genagelten Stiefel standen in dem Winkel, wo mein Freund früher meditiert, gesungen und mir seine Unterweisung gegeben hatte. Unser gemeinsamer Arbeitstisch, den wir uns mit so viel Mühe verschafft hatten, war nun hauptsächlich Tümpelbaums Tisch. Nicht mehr Sadananda, sondern Tümpelbaum sass mir an diesem Tisch gegenüber. Wenn ich von der Arbeit aufsah, blickte ich in seine spähenden entzündeten Augen. "Sperren Sie alle Ihre Sachen ab", mahnte Sadananda. "Wenn Sie nicht zu Hause sind, wird Tümpelbaum wahrscheinlich Ihren Koffer durchsuchen." Als ich meinem neuen Hausgenossen das erstemal nicht in allem nachgab, stellte er sich breitbeinig dicht vor mich hin, dass ich jede Einzelheit in seinem fleischigen rohen Gesichte deutlich sehen konnte, den wulstigen Mund mit der hängenden Unterlippe, der durch eine Lähmung schräg gestellt immer wie zu einem höhnischen Grinsen verzerrt schien, und ich spürte seinen warmen nach Alkohol duftenden Atem. Er und ich waren uneins geworden, weil er meinem Freund das Haus verbieten wollte. "Merken Sie sich", schrie er, "merken Sie sich ein für allemal, dieser Nigger wird meine Wohnung nicht mehr betreten! Sie werden bald wahrnehmen, wer in diesem Raum der Herr ist. Wissen Sie, wer Sie sind... Sie, Sie, Sie... Sie sind ein Heide! Ich aber - ich bin ein Christ!" "Sie wissen ja gar nicht, was Religion, was Christentum ist." "Ich weiss nicht, was Religion, was Christentum ist?" Tümpelbaum jappte nach Luft. Gurgelnd vor Zorn setzte er sich hin. "Sie dürfen sich nicht unterkriegen lassen", ermutigte mich Sadananda. "Sie müssen es schaffen. Es muss Ihnen gelingen, auch in Gegenwart dieses Menschen ungestört zu arbeiten." "Das ist kein Mensch", rief ich verzweifelt. "Er ist wie ein überall schnüffelnder Hund. Sie haben niemals eine Nacht neben ihm zugebracht. Der ganze Raum ist nicht nur erfüllt von den Ausdünstungen und Geräuschen, die sein Leib von sich gibt, der Raum ist erfüllt von den Bildern seiner unreinen Sexualvorstellungen, in denen dieser Mann ständig lebt." "Tümpelbaum ist kein Hund, er ist ein Schwein", bemerkte Sadananda trocken und sachlich. "Aber Sie müssen es schaffen. - Hängen Sie eine Decke vor Ihr Bett, dass seine Ausstrahlung Sie nicht so unmittelbar trifft." In dem Schuppen war es dunkel. Tümpelbaum lag auf dem Rücken und schlief mit offenem Mund, schwer röchelnd. Er muss einen Polypen in seiner fleischigen Nase haben, überlegte ich. Er soll sich doch im Lagerspital den Polypen aus seinem Rüssel herausschneiden lassen! In rauhen Stössen fuhr Tümpelbaums Atem wie Sturm übers Meer. Ich lag zwischen Traum und Wachen und war nicht mehr in Indien. Mich umgab wieder die winddurchwehte Meereswelt der Odyssee, der uralten Dichtung des griechischen Sehers, die fast so alt ist, wie die indischen Weden. Während Tümpelbaums Schnarchen wie das Grunzen eines Schweines klang, ging ich im Halbtraum durch den modrigen Wald von Homers Zauberinsel Aiaie. Mich umfing ein Wald des immerwährenden Grünens und wieder Welkens. Verwesendes Laub bedeckte in dicken Schichten den verborgenen Grund. Ich wusste, das war der Wald, den die Inder Samsara oder die Wandelwelt nennen. An verzauberten Tieren vorbei, die mich kummervoll anblickten, wanderte ich den verlorenen Gefährten nach, welche die Zauberin Kirke in grunzende Schweine verwandelt hatte. Hochgewachsen und schlank, auf leichten Sohlen, fast im Tanzschritt, kam mir der Götterbote Hermes entgegen. Mitleidig nahm er mich bei der Hand: "Gehst du
Unseliger Hermes deutete auf die Erde, in die Tiefen des verwesenden Laubs, das den Boden überhäufte: "Komm, so
will ich dich retten Jetzt erst erkannte ich den Götterboten, der zu mir sprach. Er trug ein orangenes, indisches Mönchsgewand. Es war mein Freund Sadananda. "Vamandas", fragte er, "weisst du, wie das Kraut Moly auf Sanskrit heisst?" "Moly..., das ist gewiss dasselbe wie das Sanskritwort mula, und das bedeutet Wurzel, Ursprung, Grund." Sadananda nickte zustimmend. "Und wer ist die Wurzel, der Ursprung, der Grund von allem?" "Gott" antwortete ich, ohne zu zögern. "Und die lichte Blume?" "Das ist natürlich die Weltenblume, die aus dem verborgenen göttlichen Grund wächst." "Vergiss das nie, vergiss es keinen Augenblick, dass Krischna, der verborgene Gott, die Wurzel von allem in der Welt ist; dann kann dir die Zauberin Maya nichts anhaben." Auf leichten Sohlen war er entschwunden und ich wanderte weiter, dem Hause tief im Walde zu, das lieblich tönte von Gesang und schütterte, weil darin die Zauberin den mächtigen Webstuhl trat und die lichten Hüllen der Welt webte. O, wie ich heimlich lachte, als Kirke mir holdselig die schimmernde Tür öffnete und mich zum Mahle einlud und verstohlen das Gift "Sinnenwelt" in den Wein mischte. Ich gedachte der Wurzel "Göttlicher Weltengrund" und trank getrost. Lachend schlug mich die schöne Verführerin mit dem Stecken und befahl höhnisch: "Auf,
zum Koben auch du, Aber wer die Wurzel Moly besitzt, den vermag das Gift "Sinnenwelt" nicht zu verblenden. Kirke schrie entsetzt: "Staunen
erfasst mich, Ich jubelte: "Freilich ist mein Herz unzerstörbar. Ein ewiger Atman ist ja mein innerstes Herz." Tief blickte ich in die Augen der schönen Zauberin Maya und sie entschleierte sich vor mir. Ich erkannte sie und sie erkannte mich, den Atman. Ich lag in ihrem herrlichen Bett, doch sie vermochte mir nichts anzuhaben. So verging die Nacht. Strophen aus der Odyssee umgaukelten mich: "Aber die
Göttin Die irdischen Farben glänzten auf. Mit gedunsenem Gesicht und schräg aufgerissenem Mund schnarchte Tümpelbaum im Morgenlicht. Hatte ich bloss geträumt, dass ich entzaubert war? Staken wir noch immer in dem Schweinekoben? Mussten Tümpelbaum und ich und alle meine Gefährten erst in wahre Menschen verwandelt werden? Durch das offene Fenster drang das Pfeifen der übernächtigten Soldaten, die in dem Stacheldrahtgang ununterbrochen das Lager umschritten und die sorgsam darüber wachen mussten, dass wir, die anderen Verzauberten, aus unseren verschiedenen Koben nicht entwichen. An diesem Tage brach in einem benachbarten Lagerflügel, bei den italienischen Faschisten, ein Brand aus. Das Strohdach einer grossen Baracke brannte mit hoher Flamme nieder. Hingerissen von dem Anblick, stand Tümpelbaum dicht am Stacheldraht und blickte in das Feuer hinein und in das Getümmel der Gefangenen, die ihre kärglichen Habseligkeiten retten wollten. "Nur ein netter frischer Ostwind ist noch nötig", rief er heiter, "dann brennt hoffentlich das ganze Lager nieder, alles, alles!" Er breitete die Arme aus, als ob er den Brand einer ganzen Welt umarmen wollte. Das Feuer schien Tümpelbaums Selbstbewusstsein sehr gestärkt zu haben. Aufgeräumt begann er mir in unserem Schuppen zu erklären, was er von der Welt hielte und wie er reinen Tisch machen würde. Nichts als Korruption gäbe es, bei den Alliierten, ebenso wie bei den Achsenmächten. Er wütete gegen die Nazis und gegen die Faschisten, in deren Lagerflügel es eben gebrannt hatte. Er wütete auch gegen die Kameraden, die Antinazis, die in der gleichen Stacheldrahthürde wie er selbst hausten und die gar keine richtigen Antinazis wären. Er goss seinen Hohn aus über die christlichen Priester, die internierten Missionare. Er spöttelte über die Juden und die wenigen deutschen und italienischen Buddhisten im Lager. Nur er selbst blieb übrig in einsamer Glorie. Dann malte er voll Genuss aus, sich die dicken Lippen leckend, wie nach beendetem siegreichem Krieg seine Gegner ihre Strafe finden würden. "Glühendes Blei in den Mund giessen! Schinden bei lebendigem Leib! Hängen!... Auch Sie, Sie Lump, werden hängen!" prophezeite er mir befriedigt. "Ach du, armer Kerl, bist eine verzauberte Seele, ein verzauberter Atman", dachte ich. "Ich darf es nur nicht wieder vergessen. Ich muss den Atman in dir sehen." Verärgert über mein Schweigen, kramte Tümpelbaum in einer seiner Kisten. Er suchte polternd nach einem Werkzeug, er fand es nicht. Eine eingerahmte Photographie, das Bild eines kleinen Jungen, geriet ihm in die Hand. Lange betrachtete er das Bild und befestigte es dann sorgfältig mit einem Nagel an der Wand neben seinem Bett. "Mein Kind, mein kleiner Sohn, er ist mit drei Jahren gestorben", sagte Tümpelbaum, als er meinen teilnehmenden Blick merkte. Unvermittelt begann er aus seinem Leben zu erzählen, von den zusammengebrochenen Hoffnungen seiner Jugend in Norddeutschland, von den vielen Berufen, die er in Siam und China und anderen Ländern des Ostens ausgeübt hatte, als Polizist, als Techniker, als Lehrer an einer chinesischen Schule. Er erzählte von der Frau, welche die Mutter des verstorbenen Jungen war. - Auch er hatte ein Kind gehabt, auch er hatte eine Frau geliebt. - Er wusste nichts von ihr. Sie war eine amerikanische Krankenschwester auf den Philippinen, die jetzt bei den Japanern gefangen war. Von dieser Stunde an war das Benehmen meines Stubengenossen zu mir verändert. "Guten Morgen", begrüsste er mich wohlwollend lärmend, jedesmal wenn er aufwachte. An einem Festtag legte er mir zu meinem Staunen einige Rasierklingen auf den Tisch und bat mich, das kleine Geschenk anzunehmen. Die Klingen waren eine Kostbarkeit im Lager. Auch Sadananda gegenüber befleissigte er sich fortab einer grossen Höflichkeit, wenn der Freund nun wieder zu mir kam und mir in gedämpftem Ton seine Unterweisung gab. Aber Tümpelbaum war befangen in Anwesenheit des indischen Mönches; meistens verliess er rasch den Schuppen und liess uns allein. Seine betonte Höflichkeit stammte wohl auch nicht ganz aus seinem Herzen. "Sie haben
Besuch versäumt, der Herr Doktor war hier", teilte er mir einmal mit.
Sadananda war in meiner Abwesenheit gekommen, um ein Sanskritwerk zu
holen, das er mir geborgt hatte und für ein paar Stunden selber
benötigte. Triumphierend verfolgte Tümpelbaum wie ich unter den
Schriften auf meinem Teil des Tisches danach suchte. "Aha, fehlt Ihnen
etwas? Vielleicht ein Buch?" kicherte er. "Haha, der Herr Doktor hat
etwas mitgehen lassen. Sie müssen Ihren Freunden besser auf die Finger
schauen." 3.9 Die milchweiße Göttin Top Die Lagerbehörde hatte uns in späteren Jahren erlaubt, an bestimmten Tagen sogenannte Parolenausflüge zu machen. Wir hatten vorher ein schriftliches Gelöbnis zu leisten, zur festgesetzten Stunde pünktlich ins Lager zurückzukehren und keine Verbindung mit Indern zu suchen. Für Verletzung des Gelöbnisses waren langjährige schwere Kerkerstrafen angedroht. "Gehen Sie hinaus in den Wald und singen Sie den Namen Gottes", sagte Sadananda. "Auch wenn Sie bisher noch nicht die Initiation in den Gottesnamen empfangen haben, können Sie singen. Sie wissen so viele Namen Gottes vom Lesen des Bhagavata und anderer Schriften. Singen Sie diese Namen mit all Ihrer Sehnsucht, einstmals wirklich fähig zu werden, Gott in seinem eigenen Reich in vertraulicher liebender Hingabe zu dienen. Singen Sie: Krischna! Krischna! Krischna! - Der Name Gottes birgt das ganze Reich Gottes in sich. - Die Vibrationen Ihres Singens werden anrühren an die schlafbefangenen Atmas der Steine, Blumen, Vögel, Tiere auf Ihrem Weg und deren Seelen werden aufwachen für einen Augenblick und sich erinnern, dass es ihre wahre Natur ist, Gott in alle Ewigkeit zu lieben und ihm zu dienen. Das ist Erlösung der Erde." O was für eine Wonne war es, an der Seite Sadanandas solche Ausflüge zu machen; nur einige wenige Male, denn er war schon krank. Nach dem Namensaufruf auf dem Sportfeld und erneutem Namensaufruf der an der Pforte wartenden Internierten Schritten wir beide durch das zweifache hohe Stacheldrahttor auf die freie Strasse hinaus. Hintereinander Schritten wir den schmalen Pfad zwischen den an uns anstreifenden nassen blühenden Büschen durch das hohe tauige Gras stromaufwärts; durch die morgendliche Au längs eines Flusses, dessen Geröllbett nun wieder Wasser führte in der Regenzeit. Mit nackten Füßen wateten wir durch das kristallklare, strömende, kalte Wasser. Durch viele Bäche wateten wir. Mit einem leichten Ruck waren unsere indischen Sandalen, nur mit einer Schlinge um die grosse Zehe befestigt, vom Fuße abgestreift und wieder angezogen. Die lanzenbewehrten Halme eines reifenden Weizenfeldes, durch das der enge Pfad führte, schlugen hoch über unseren Köpfen zusammen. Zuweilen schimmerte im Norden hinter den Halmen, hinter der Laubkrone eines ungeheuren Baums der Kamm des Gebirges auf. Ich lernte, mit den Augen des Freundes die Welt zu sehen. Ich lernte von ihm, die indische Erde und die indischen Ströme immer mehr zu lieben. Geheiligt war diese Erde, weil die nackten Füße herabgestiegener göttlicher Erlöser seit undenklicher Zeit immer wieder über diese Erde geschritten waren. Geheiligt war das Wasser der Flüsse, weil die Füße göttlicher Erlöser immer wieder durch ihre Flut gewatet waren. "Die wahre Größe Indiens besteht nicht in seinen Naturschätzen oder seiner grossen Volkszahl oder seiner Kunst oder seiner Geschichte", erklärte Sadananda. "Die Grösse Indiens liegt darin, dass die göttlichen Heilande, die von Gott ausgingen und wieder zu Gott zurückkehren, immer von neuem dieses Land als ihre Stätte erwählt haben. Nur einmal in aller Zeit ist ein solcher Erlöser, den die Macht Gottes erfüllte, auch ins Abendland gekommen. Sie wissen, wen ich meine?" Ich nickte: "Christus". Ich dachte der nackten heiligen Füße, die durch das Schilf des Jordanstromes zur Taufe geschritten waren. Ich dachte der Füße Christi, wie sie über die Berge von Galiläa schritten und über die grossen Quaderplatten des Tempelplatzes und über das harte bucklige Pflaster der schmalen Gassen von Jerusalem, den Weg nach Golgatha. Schweigend schritten wir dahin. Vom nächsten Dorf her lief ein Schwarm zerlumpter Inder jubelnd auf uns zu; sie versperrten unseren Weg und bettelten: "Sahib, Zigaretten! Sahib, Zigaretten!" Sie wussten, dass wir Internierten kein Bargeld besaßen. Sadananda lachte fröhlich und schenkte ihnen Süssigkeiten statt der Zigaretten. Vor jedem Ausflug kaufte er in der Kantine Zuckerwerk für die Kinder. Und nun begann er, in die Hände zu klatschen und die Namen Ramas, des grossen göttlichen Erlösers zu singen, der die Gefallenen aufhob und rettete und läuterte: "Raghupati Raghava Raja Ram Patita Pavana Sita Ram." Die ganze Horde marschierte nun mit uns, sang zusammen mit uns, im Rhythmus mit den Händen klatschend. Jahre später, als Sadananda schon längst schwer krank im Lagerspital lag und ich allein wanderte, rannten die Kinder noch immer von ferne auf mich zu, fragten: "Wo ist der Swami, wo ist der Swami?" Und sie sangen: "Raghupati Raghava Raja Ram..." Der Gesang der Kinder verhallte schon. Wir beide rasteten an einer Quelle. Vom Gebirge her ritt ein Brahmane auf seinem Esel den Waldsteig herunter. Bei der Quelle stieg er von seinem Reittier ab, wusch sich vom Kopf bis zu den Füßen, spülte den Mund, trank, immerzu dabei seine Mantren murmelnd. Wir wussten, er sang den uralten Spruch, der das Wasser dieser Quelle in die Flut der sieben heiligen Ströme Indiens wandeln sollte: "O Ganga, o du Yamuna, Weibliche Namen haben alle Ströme in Indien. Sie gelten in ihrer wahren Gestalt als Dienerinnen Gottes im Reiche der Urbilder. Das innere Wesen der ganzen Natur ist liebend Gott zugewendet. Auch Sadananda murmelte den Spruch an die sieben Ströme, bevor er trank und den Wasserstrahl der Quelle in seinen Mund rinnen liess. In einer Schlucht badete er im Felsentobel unter einem Wasserfall. Auf- und untertauchend, jauchzte er spritzend und prustend: "Schivo ham, shivo ham - ich bin Schiwa, ich bin Schiwa, ich bin gleich Schiwa, ich bin gleich Schiwa ein Diener Krischnas!" Viele Bhaktas in Indien ehren Schiwa nicht als den Weltzerstörer und nicht als den Herrn der Yogis, sondern als einen vorbildlichen Bhakta. Sie blicken zu Schiwa als dem grossen Gottgeweihten auf, der immerdar in liebender Hingabe über Krischna meditiert. Alte Sagen berichten, dass alle Wände in Schiwas ungeheurem Palast Kailas mit strahlenden Fresken ausgekleidet sind, Szenen aus Krischnas Erdenwandel im Hirtenland. Nahe einer Gruppe von altersgrauen Lingamsteinen zu Ehren Schiwas stand ein verwittertes Rasthaus für Pilger und ein Tempel der Devi, der Göttin, wie man die grosse Maya in Indien oft kurzerhand nennt. Die Heiligtümer Schiwas und der Maya sind meistens Nachbarn. Der von riesigen Mangobäumen umgebene Tempel liegt an dem alten Pilgerpfad, der von der Stadt Hardwar zur Quelle des Stromes Jamuna hoch im ewigen Schnee führt. Die mächtige Herrin des Weltalls führt an diesem Ort einen Namen, den ich sonst nirgends in Indien fand. Sie heisst hier Dudhya Devi, die milchweisse Göttin. Ich gedachte ihrer in Gestalt der Göttin Arbuda mit dem schwarzen Antlitz, vor der ich in der dunklen Felsengrotte im Innern des Berges Abu mit Schri gestanden hatte. Und ich gedachte ihrer in Gestalt der riesenhaften blutroten Kali tief im düsteren Felsengeklüft. Nun stand ich wieder vor ihr. Hier war sie ans Tageslicht getreten. Nur mit einem einzigen dünnen Schleiertuch war sie verhüllt und ihre Farbe war diesmal milchweiss. Doch überall waren es nur Bilder der gleichen, geheimnisvollen Maya. Dreimal umwandelte Sadananda, und ich mit ihm, dem indischen Brauch folgend mit nackten Füßen, in der Richtung des Sonnenlaufs die Steinbrüstung der Devi. Unter mancherlei Namen wird sie auf Erden angebetet und gepriesen, von allen denen, die um irdische Gaben bitten, um Söhne, um Reichtum, um Befreiung von Krankheit. Einen ihrer Aspekte hat wohl Göthe im Abendland erschaut, als er die Worte niederschrieb: "Natur, wir sind von Dir umgeben und umschlungen, ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf." Lange sass Sadananda im Innern des kühlen Tempels, der umglänzt ist von der Herrlichkeit der steilen Waldhänge und wasserdurchrauschten Schluchten des Himalaja. Er sass mit gekreuzten Beinen vor dem mit einem Tuch verhüllten Bildwerk der mächtigen Herrin unseres Weltalls. Er sang vor der grossen Maya. Es war, als ob er sich mit ihr unterredete. "Was haben Sie vor der Maya gesungen?" fragte ich auf dem Heimmarsch durch Wiesen und Wald und über Geröllhänge hinab, auf dem steilabfallenden Pfad zum Tor des Stacheldrahtlagers, in das wir zur festgesetzten Stunde zurückkehren mussten. "Wie kommt es, dass ein Bhakta Krischnas die Herrin preist, welche die täuschenden, weltlichen Gaben verleiht?" Sadananda lächelte: "Die Zauberin Maya, die strenge Züchtigerin unserer Welt, tut ihr Amt als eine Magd Krischnas. Einer ihrer vielen Namen lautet Durga. Durga bedeutet Gefängnis. Ich habe der Durga, der Kerkermeisterin, die Krischna in der Verbannung dient, von jenem verborgenen Reich Krischnas erzählt, dem sie sich selber nicht zu nahen wagt." Ich blieb staunend stehen. Die Steine bröckelten unter meinen Füßen. Sadananda sprach weiter: "Ich habe der Durga von Radha erzählt, der gestaltgewordenen Freudenkraft Gottes, die in Krischnas innerem Reich ihm in unsäglicher Liebe dient. - In solcher Weise darf ein Bhakta Krischnaas die grosse Maya ehren und sie erfreuen. Denn sie selbst ist eine treue Magd, ein Schatten von Radha." Vor dem Schilderhaus am Eingang des Lagers sammelten sich bereits die bestaubten Scharen der Internierten. Unsere Namen wurden aufgerufen und notiert. Einer der Wachposten sperrte die zweifachen Gittertore vor uns auf. Wir waren wieder von den Stacheldrahtwänden umschlossen.
3.10 Heilige Nacht Top Winternächte am Fuße des Himalaja sind kalt und stürmisch. Tümpelbaum und ich froren manchmal erbärmlich in unserem zugigen Schuppen, wo in den drei langgestreckten Fenstern sich noch immer keine Glasscheiben befanden. Ärgerlich war Tümpelbaum am Weihnachtsabend frühzeitig weggegangen, um das Fest in einem behaglicheren Raum im Kreise gleichgesinnter Genossen mit Alkohol zu feiern. Sadananda konnte mich daher ungestört besuchen. Auch in seiner Baracke war es bedeutend wärmer als in meiner windigen Behausung. In der Baracke gab es einen Kamin und man hatte ein festliches Feuer darin angezündet. Aber Sadananda kam doch zu mir in meinen kalten Schuppen, damit ich in der heiligen Nacht nicht einsam sein sollte. Als der Freund anlangte, zitterte er vor Kälte, weil er keinen Überrock besass. Auch im Winter trug er bloss das orangene Baumwolltuch. Ich hüllte ihn in einige Decken, und dann saßen wir uns wieder, wie so oft vorher, an dem schwankenden Tisch gegenüber, und wir sprachen von dem göttlichen Heiland, dessen segensvolle Geburt in dieser kalten Nacht auf der ganzen Erde gefeiert wurde. Sadananda liebte Christus und ich liebte Christus; aber er kannte ihn besser als ich, denn er war dem immerdar lebenden Christus begegnet. "Vamandas, nehmen Sie ein Heft und einen Bleistift und schreiben Sie", sagte der Freund. Und nun erfüllte er mir eine Bitte, die ich früher einmal gestellt hatte. Er legte mir die Gemeinsamkeiten und auch die Unterschiede in der Gottesverehrung des Christentums und bei den indischen Bhaktas dar. Zuerst sprach er von dem Wagnis des Glaubens, sowohl im Abendland, als auch in Indien. Er sprach von der Einfalt der kindlichen Hingabe, ebenso in der Bhakti wie im Christentum. Er sprach von der Gefahr, die Achtung der Welt zu verlieren, aber auch von der Verwandlung des ganzen Menschen, wenn dieser sich vorbehaltlos zu Gott bekennt. Er sprach von der Bedeutung einer geistigen Gemeinschaft, von der Heiligung des ganzen Lebens... Es wurde die Essenz eines ganzen Buches, ja vielleicht eines wissenschaftlichen Lebenswerkes, das er mir in dieser Nacht in Schlagworten diktierte. Von einer Baracke scholl ein Glöckchen herüber. Das war der protestantische Abendgottesdienst. Einige Stunden später klangen von einer anderen Baracke Glockentöne her. Das war die katholische Mitternachtsmesse. Aber die Glockenklänge und dazwischen die Stille der Nacht wurden immer wieder übergröhlt durch rauhes Lärmen. Die europäischen Soldaten aus England sowohl, als diejenigen aus Kanada, Australien und Neuseeland, die uns bewachen sollten, waren betrunken. Auch die Internierten, sowohl Nazis wie auch Antinazis, waren zum grossen Teil betrunken. Von allen Seiten, von den Baracken und von den Schenken in den verschiedenen Drahtgehegen und auch aus der dunklen Landschaft ausserhalb des Stacheldrahtes brach das wilde Gröhlen betrunkener Männer zu uns herein. "Die armen Kerle können mit ihren vielen Sorgen nicht fertig werden!", sagte der Freund mitleidig. Die Türe wurde aufgerissen. Ein heftiger Windstoss fuhr zu uns herein. Mein fleischiger Nachbar torkelte in den Schuppen. Ohne einen Blick auf uns zu werfen, erbrach sich Tümpelbaum mehrere Male, und dann warf er sich vollständig angezogen mit den Stiefeln auf sein Bett und begann zu schnarchen. Ruhevoll blieb Sadananda an dem Tisch sitzen. Wir kümmerten uns nicht um den Lärm draussen und auch nicht um die Geräusche, die der Bewusstlose in seinem Rausche von sich gab. Wir schwiegen und es war ein frohes festliches Schweigen. - "Nun, was sinnen Sie, Vamandas?" fragte der Freund herzlich nach einer Weile. Leise begann ich Strophen von Novalis zu sprechen, die ich seit meiner Jugend sehr geliebt hatte: "Ein Gott
für uns, ein Kind für
sich, Ein erfreutes Lächeln umspielte Sadanandas Gesicht. "Das ist schön, Vamandas, dass Sie gerade diese Strophen aus Europa nach Indien herübergetragen haben." Er stand auf und sah mich mit glänzenden Augen an. "Erinnern Sie sich aber auch der Verse, die der Seher Novalis diesen Strophen vorausgehen lässt?" Froh setzte ich fort: "Geuss,
Vater, ihn gewaltig aus. "Ja, so sei es", nickte Sadananda. Einen Augenblick lang legte er seine beiden Hände auf meine Schultern. "Nun muss ich gehen. Denken Sie an ihn, der in einer ähnlichen wirren Nacht zur dunklen Erde herabgestiegen ist. Gesegnete Weihnacht, Vamandas." Mit leichten anmutigen Schritten ging er zur Tür hinaus und verschwand in der Finsternis des Lagers. Während mein Gefährte Tümpelbaum dicht neben mir röchelnd und gurgelnd seinen Rausch ausschlief, lag ich wach auf meinem harten Bett und war voll Glück. Ich gedachte des Heilandskindes, das vor fast zweitausend Jahren im Stroh der Krippe eines Stalles geboren worden war, weil alle Häuser und Herbergen der kleinen Stadt Bethlehem von lärmenden Gästen überfüllt waren. Demütig und sorgend beugten sich Joseph und Maria über den Neugeborenen. Die Gottesmutter bewegte in ihrem Herzen, was ihr der Engel gesagt hatte. Ruhevoll atmeten die Tiere im Stall zu Seiten der ärmlichen Wiege. Niemand in der weiten Welt ahnte, dass das lange ersehnte Gotteskind endlich zur Erde herabgekommen war. Nur einige arme Hirten, von himmlischen Stimmen geführt, trafen ein und beteten an. Und drei Weise aus dem Morgenlande brachten Geschenke dar. Ich gedachte liebend der heiligen Kindheitsgeschichte aus den Evangelien, die wir alle kennen. Ich gedachte aber auch eines anderen heiligen Kindes, das in Indien geboren worden war, Jahrtausende früher. Auch dieses Kind kam in tiefer Nacht und offenbarte sich in einem noch viel beklemmenderen Gelass, als es der Stall von Bethlehem war. In einem Kerker kam das Krischnakind zur Welt. Sein Vater und seine Mutter waren mit schweren eisernen Ketten an die Kerkermauer geschmiedet. Denn ein böser König, Kamsa mit Namen, der dem düsteren König der Juden, Herodes, glich, beherrschte damals die Lande. Alle vorgeborenen Geschwister Krischnas hatte er erwürgen lassen, denn ihm war prophezeit worden, von einem Sohn dieses Elternpaars werde er einmal entthront und ums Leben gebracht werden. Das Bhagavata erzählt, dass zuerst Vasudeva, der Vater Krischnas, das göttliche Kind in seinem Geist empfing und hegte und dass er dann dessen göttliches Wesen in den Geist seiner jungen Frau Devaki übertrug. Während diese das Gefäss Gottes war, strahlte sie so sehr, dass das ganze Haus von diesem Licht erleuchtet war und der dämonische König in tiefsten Schrecken geriet. Als der Knabe geboren wurde, erkannten beide Eltern erschauernd dessen göttliche Majestät und fielen vor ihm nieder und priesen ihn mit Hymnen. Aber obschon Devaki, die junge Mutter, wohl wusste, dass der ewige allmächtige Gott sich in ihrem Sohn offenbarte, war ihr Mutterherz doch voll Furcht. Zagend flehte sie den Neugeborenen an: "O verhülle Deine göttliche Majestät, dass der schreckliche König Dich nicht erkenne." Krischna, der jede liebende Bitte derer, die sich ihm weihen, erhört, gehorchte der sich ängstigenden Mutter und verbarg seine göttliche Majestät und sah nun aus wie ein hilfloses irdisches Kind. Während ein tiefer Schlaf über die erschöpfte Frau fiel, nahm der Vater auf Krischnas Geheiss den kleinen Knaben auf seine Arme. Die Ketten fielen von ihm ab. Die eiserne Pforte des Kerkers sprang auf. Zwischen den Reihen der in Schlaf gesunkenen Wächter vor dem Tor schritt Vasudeva, das Kind in seinen Armen, in die dunkle Nacht hinaus. Vor ihm rauschte der Fluss Yamuna. Sein Herz wusste den Weg. Die Wasser des Stromes teilen sich vor ihm, dass er trockenen Fußes zwischen den brausenden Wasserwänden hindurchschritt. Ungefährdet erreichte er das andere Ufer und wanderte mit dem Knaben in das Hirtenreich Vraja hinein. Auch hier schliefen alle. Die Kühe schliefen, die Menschen schliefen. Der Hirtenkönig Nanda schlief in seinem Haus. Die Hirtenkönigin Yashoda schlief. Sie hatte eben einer Tochter das Leben geschenkt, doch war sie von einer süssen Schwäche umhüllt und wusste noch nicht, ob sie einen Knaben oder ein Mädchen geboren hatte. Sanft legte Vasudeva das Krischnakind an ihre Brust und nahm die Tochter des Hirtenpaares auf seine Arme. Er wanderte den gleichen Weg zurück und legte das kleine Mädchen an die Brust seiner noch immer schlafenden Frau. Die Tore des Kerkers schlossen sich wieder hinter ihm. Das Kind begann zu schreien. Die schlaftrunkenen Wächter schreckten auf und brachten die Botschaft eilend dem König, der viele Jahre lang auf diesen Augenblick bang gewartet hatte. In grimmiger Entschlossenheit stürzte König Kamsa in den Kerker hinunter, ergriff das Neugeborene bei den Füßen und schleuderte es, mit dem Kopf voran, an die Quaderwand, um es zu zerschmettern. Aber wie in Rauch löste sich das Kind auf. Und von allen Seiten der Welt, von allen Seiten der zauberischen Nacht, welche das Land umhüllte, scholl ein Lachen auf König Kamsa zu. Und aus dem Lachen erscholl eine Stimme: "Du Tropf! Du glaubtest, mich töten zu können! Ich bin doch die Maya, die große Zaubermacht Gottes. Durch Gottes Willen ist dies alles geschehen. Krischna ist in Sicherheit. Wehe Dir, König Kamsa. Du wirst Deinem Verderben nicht entgehen." Die Geschichten verflochten sich. Zitternd vor dem Zorn des Königs Herodes, der die Neugeborenen von Bethlehem morden liess, flohen Maria und Josef mit dem Kind nach Ägypten. Jesus war in Sicherheit. In Sicherheit wurde das Kind im Tempel Gott dargebracht und der alte Simeon erkannte in dem Knaben den verheißenen Messias und nahm ihn auf seine Arme und rief froh: "Herr, nun lässest Du Deinen Diener in Frieden fahren... Denn meine Augen haben Deinen Heiland geschaut." In Sicherheit wuchs Krischna im Hirtenland auf, wenn auch Kamsa seine mächtigen Dämonen über den Strom hinübersandte, um ihn zu vernichten. Von Krischna berührt, fielen ihre grauenhaften Leiber tot hin. Aber die Furchtbaren wurden zugleich erlöst durch die Berührung von Krischnas Hand oder Krischnas zartem Fuß oder seines kindlichen Mundes. Vor aller Augen gingen sie in sein göttliches Licht ein. Immer neue Geschichten, die das Bhagavata von der Kindheit Krischnas erzählt, fielen mir ein: Einmal sass der kleine Knabe auf dem Schosse Yashodas, deren Brüste überflossen vor Liebe, wenn sie Krischna sah. Müde und satt vom Trinken der Muttermilch gähnte das kleine Kind. Da sah die Mutter voller Staunen im geöffneten Mund des Kindes die ganze Erde, und sie sah Sonne und Mond und den Sternenhimmel; und auf der Erde sah sie ihr eigenes Hirtenland und ihr Haus, in dem sie wohnte, und auch sich selbst. Alles sah sie in dem unendlichen Gott, der das ganze Weltall in sich birgt. "Krischna, wer bist Du?" fragte sie schauernd. Da schloss das kleine Kind wieder den Mund und lächelte sie an. Und überwältigt von ihrer Mutterliebe vergass Yashoda im Nu, was sie gesehen hatte, und sie herzte und küsste Krischna und sorgte sich um ihn, da sie ihn doch behüten musste vor den immerdar drohenden Gefahren. Einmal wollte Yashoda Krischna die Hände binden, um ihn zu strafen, denn der kleine Knabe war auf einen Schemel gekrochen und hatte einen Topf zerbrochen, in dem Butter aufbewahrt wurde. Er hatte Butter genascht und auch der Katze und den Affen zum Fressen gegeben. Aber der Strick, mit dem Yashoda Krischna binden wollte, war zu kurz. Eine Wäscheleine, die sie holte, war zu kurz. Sie knüpfte einen anderen Strick daran; der Strick war zu kurz. Bald standen lachend alle Nachbarinnen um sie herum und sahen fröhlich zu, wie sie das ganze Haus nach Schnüren durchsuchte und Schnur an Schnur knüpfte, um Krischna zu binden. Aber immer blieb der Strick um eine Handbreit zu kurz. Da sah der Knabe, der scheinbar trotzig weinend in einem Winkel stand, dass der Mutter vor vergeblicher Anstrengung der Schweiss herabrann. Und er, der Ewige, dessen Unendlichkeit die grössten Yogis und Weisen in tiefster Gottschauung nicht ermessen können, hatte Mitleid mit der Mutter und liess sich gehorsam von ihr binden. Er lässt sich von jenen binden, die ihn lieben. Wieder wurde die Türe des Schuppens aufgerissen. Drei Betrunkene streckten spähend ihre Köpfe herein: "Tümpelbaum! Tümpelbaum! Tümpelbaum! Komm, noch einen Schnaps trinken!" Schrien sie. Unwillig grunzte der im Schlaf Gestörte und wälzte sich auf die andere Seite. Mit unreinen schallenden Stimmen sangen die drei im Chor einen Gassenhauer. Dann hieben sie die Tür zu und zogen, einander stützend, torkelnd weiter, um vor der nächsten Baracke ihr Spiel von neuem zu beginnen. Die Geschichten vom immer erneuten Niedersteigen Gottes auf die Erde sprossten weiter und durchrankten sich. Auch er, der Verborgene, von dem das Abendland noch kaum etwas weiss, war um Mitternacht geboren worden. Eine Vollmondnacht im Vorfrühling umglänzte hell die Erde. Aber eine Mondfinsternis zog heran. Die schimmernde Scheibe am Nachthimmel verdunkelte sich. Alles Volk in den Strassen sang. Auch das Volk sang, das voll Andacht in den Ganges gestiegen war, um zu baden und dort, dem uralten Brauch folgend, während der Mondfinsternis Gott anzurufen. In diesem Augen-blick wurde Krischna-Chaitanya geboren. Um-hüllt von dem himmelerschütternden Schall des Gottesnamens kam der verborgene Heiland der Liebe zur Welt. Auch sein einstiges Kommen war, wie das Kommen Christi, schon viele Jahrhunderte vorher von Heiligen und Propheten verkündet worden. Ein alter Mann hatte viele Jahre sehnsüchtig zu Gott gefleht, der verheissene Heiland, der verborgene goldene Avatar des finsteren Zeitalters möge endlich aus dem Reiche Gottes zur Erde herabsteigen. Da kam er. Als das Kind geboren war, so erzählt man, da strömten unabsehbare Scharen unbekannter Menschen jubelnd zu dem Hause des staunenden Vaters und beugten sich vor dem Kind und brachten ihm reiche Geschenke dar. Das Volk will wissen, diese Fremden seien Brahma der Schöpfer und Schiwa der Auflöser der Welt und andere hohe Himmelswesen in Verhüllung gewesen. Auch die Nachbarinnen und Freundinnen der Mutter kamen mit Geschenken. Um die Gesinnung des Neugeborenen zu erproben, legen sie Schmuck und Gold und Silbermünzen und Seide und einen Brocken Erde und auch ein Buch, das Bhagavata, vor ihn hin. Ohne zu zaudern, griff der kleine Knabe nach dem Buch, das die Liebestaten Gottes preist, umarmte es und drückte es jauchzend an sein Herz. Hier haben wir das Erdenleben eines göttlichen Heilands, das im vollen Lichte der Geschichte liegt. Es sind sogar noch Bruchstücke der Tagebücher seiner vertrauten Freunde überliefert, die viele Jahre in der gleichen Hütte mit ihm gewohnt haben - und ihn in ihren Strophen als Fülle der Gottheit ansprachen. Dieses Leben ist nicht irdisch. Es ist nur Liebe, Wort gewordene Liebe, Gesang gewordene Liebe, Tanz gewordene göttliche Liebe. Tanzend und singend hat er Indien durchzogen, vom Ganges bis zum Kap Komorin im Süden. Die dürren Bäume blühten auf, wo er schritt. Die Tiere des Waldes erkannten ihn und folgten ihm nach. Und alle Menschen, die ihm begegneten, einfältige Bauern und hochgelehrte Philosophen der Schankaracharyaschule, buddhistische und mohammedanische Bettler, Kastenlose und Brahmanen, Minister und Prinzen und der König eines mächtigen Reichs, sie sind alle bei seinem Anblick von überströmender Liebe ergriffen worden. Einst wollten ihn zwei berüchtigte Raufbolde erschlagen, weil sie wild vor Wut darüber waren, dass er und eine ganze Stadt mit ihm den Namen Gottes sang. Als ihre mörderischen Hände den Leib Chaitanyas berührten, da wurden auch sie jäh von überquellender Liebe erfüllt und auch sie begannen, den göttlichen Namen zu singen. Dieses Begebnis wird noch heute in vielen Liedern besungen. Es gibt in Bengalen etwa zwanzigtausend Lieder zu Ehren Krischna-Chaitanyas. Krischna-Chaitanya hat zahllose Menschen von dem furchtbarsten Siechtum, das es gibt, von der Krankheit der Lieblosigkeit, geheilt. - Leise murmelte ich den Mantra vor mich hin, den mir Sadananda gegeben hatte: "Verehrung
dem höchst Freigebigen, Achtundvierzig Jahre ist Chaitanya auf Erden gewandelt, wie die Bhaktas sagen: Umhüllt von der leuchtenden Schönheit und der Gottesliebe Radhas und hat sich unsäglich nach Krischna gesehnt. Und dann ist er entschwunden und wieder eingegangen in Krischna. Und doch warten die Bauern manchen Dorfes in Bengalen, welche die Lieder von ihm singen, noch immer darauf, dass Chaitanya einst wiederkehren werde, wie er ihnen versprochen hat. Seit vierhundert Jahren warten sie auf ihn und singen am Abend und spähen aus nach ihm, um ihn einzuholen. Und andere warten auf den Retter, auf den verheissenen Avatar der Zukunft. Die ganze Erde wartet ja heimlich auf ihn, der kommen soll auf den Wolken des Himmels. Gegen Morgen wurden die heiseren Aufschreie der Betrunkenen allmählich leiser. Hörte ich nicht Gesang? Weihnachtslieder? "Stille Nacht, heilige Nacht ..." Wie zwei blühende Rosenbüsche, die aus einer Wurzel stammen, verzweigten sich um mich, untrennbar, die Heilandsgeschichten des Ostens und Westens. "Ein Gott
für uns, ein Kind für
sich, Mir schien in dieser Nacht, als hätte ich mein Leben lang unten am Grund eines tiefen gemauerten Brunnens gestanden und hätte sehnsüchtig hinaufgeblickt, dorthin, wo ich ein kleines Stückchen des Himmels sah und einen geliebten Stern; das war Christus. Aber nun hatte ich begonnen, aus dem Brunnen heraufzusteigen. Immer näher, immer liebender leuchtete der geliebte Heiland. Aber er war nicht allein. Rings um ihn leuchteten andere wundersame Sterne, andere brüderliche Heilande, ein ganzer Sternenhimmel der unergründlichen Liebe Gottes, die auf mich zuströmte. Die Heilande Gottes, die einer nach dem anderen zur Erde herabstiegen, waren unausdenkbar verschieden voneinander. Sie leuchteten in verschiedenem Glanz und in verschiedener Kraft. Manche von ihnen verhüllten sich mehr und manche weniger. Und doch waren sie untereinander auch wieder nicht verschieden. Sie waren alle Offenbarungen des Einen. Sie stammten alle aus dem gleichen Licht, demselben Urlicht, aus derselben göttlichen Urgestalt. Ob ich nachher schlief oder wach war, das weiss ich nicht mehr. Mich dünkte, dass ich vor dem lichten liebenden Leben des für die Zukunft verheissenen Avatars Gottes stünde. "Wie ist Deine Name?" fragte ich den Avatar. "Mein Name ist "Ich komme"", antwortete er.
3.11 Das Tor öffnet sich Top Als mir Sadananda eine Reihe der schmalen losen Blätter des Padmapuranas übergab, die er in ein seidenes Tuch gehüllt aufbewahrte, da lag er schon sehr krank im Lagerspital. Es war nach seiner ersten Unterleibsoperation, während welcher und nach welcher die ihn behandelnden Ärzte davon überzeugt waren, dass er sterben werde. Einige Male hatte ich nur von fern durchs Fenster einen Blick auf ihn werfen dürfen. Da lag er, lang und bewegungslos ausgestreckt, blass wie ein Toter in der Kammer, die man im Spital Sterbezimmer nannte. Dann war eines Tages zu meiner freudigen Überraschung ein gefalteter Zettel, von Sadanandas Hand geschrieben, zu mir ins Lager herübergekommen. Ich las die wenigen Zeilen des kranken Freundes: "Mein lieber Vamandasji, halten Sie sich nicht in den Vorhallen Gottes auf, bei dem unendlichen Licht, bei dem gestaltlosen Brahman. Denn der wahre Krischna betritt diese Stätten nie..." Die Unterschrift lautete: "Stets in dem Dienste des Einen - Sada." Sada, wie er sich oft nannte, bedeutet: Immer. Der indische Name des Freundes, den ihm sein Guru gegeben hatte, war mehrdeutig; er konnte gelesen werden: Sada-ananda, das heisst "Immer Seligkeit". Er konnte auch gelesen werden: Sad-ananda, und dies bedeutet "Seligkeit im göttlichen Grund allen Seins". - Eine Nachschrift war noch angeführt: "Vamandasji, wollen Sie mich nicht einmal hier im Spital besuchen?" Im Spital Krankenbesuche zu machen, war uns Internierten streng verboten. Aber mit einiger Mühe machte ich es doch möglich und sogar schon am nächsten Tag. Ich täuschte eine heftige Augenkrankheit vor und so durfte ich unter Bewachung in das Spital zur ambulanten Behandlung hinübergehen. Der alte Augenarzt war ein Gefangener wie wir. Als Lieblingsschüler eines weltberühmten Professors an einer deutschen Augenklinik war er auf eine wissenschaftliche Studienreise nach Holländisch-Indien geschickt worden. Der erste Weltkrieg hatte ihn an der Heimkehr gehindert. Er war auf der reichen Insel Java geblieben, auch als der Krieg zu Ende war. Als Sanatoriumsbesitzer im Wohlleben der Tropen hatte er die wissenschaftlichen Träume seiner Dozentenzeit langsam vergessen. Umständlich verzeichnete der weiss-haarige Mann auf einem Blatt seiner Kartothek alle meine Daten, klappte dann geübt meine Augenlider auf, bestrich den Lidrand mit einem Silberpräparat und anderen Drogen und bestellte mich auf meine Bitte für einen der nächsten Tage zur weiteren Behandlung. "Wie sehen Sie denn aus, Vamandas?" lachte Sadananda, wobei sich sein Gesicht schmerzlich verzerrte, und streckte mir freundlich seinen abgemagerten Arm entgegen. "Was hat man den mit Ihren Augen gemacht? Sie weinen ja und sind ganz verschmiert, ganz schwarz im Gesicht." "Das kommt von der ambulanten Behandlung meiner Augen mit Höllenstein." "Fehlt Ihnen denn etwas an den Augen?" "Aber keine Spur." "Ach so, das tun Sie, um zu mir zu kommen, das ist aber nett von Ihnen." In der kurzen halben Stunde, die ich nun an dem Bett Sadanandas saß, berichtete mir der Freund manches Verborgene. Er gab mir am Schluss die Strophen von Krischnas innerem Reich aus dem Padmapurana zum Übersetzen mit, die er Monate vorher auf unserer Wanderung ins Gebirge der milchweissen Göttin in deren Tempel vorgesungen hatte. Das Padmapurana stammt aus dem neunten Jahrhundert, ist also den Handschriften nach bloss tausend Jahre alt. Aber es enthält teilweise viel ältere mündliche Tradition, die ungezählte Geschlechter hindurch nur im Geheimen vom Guru dem Schüler überliefert worden war. Ich hatte grosse Mühe mit der Übersetzung. Der Text war in altertümlicher Art gedruckt; die Worte waren nicht voneinander getrennt, sondern jede Verszeile war wie zu einem riesigen Wortquader zusammengeschmiedet. Und dort, wo die einzelnen Worte aneinanderstiessen, waren die Laute verändert und ineinandergeschmolzen. Es bedurfte oft eines langen sachten Lauschens auf den Rhythmus der Verse und auf den inneren Sinn, bis sie sich entschleierten. Mein Mitbewohner Tümpelbaum saß indessen hinter mir in dem Schuppen. Er hatte stillschweigend seine Besitzrechte auf unseren gemeinsamen Tisch aufgegeben und sich statt dessen aus alten Kistenbrettern einen eigenen Tisch zusammengezimmert. Im Hintergrund, wo er sich unbeobachtet fühlte, sass er nun, den schweren Kopf in die breiten Arme gestützt und brütete über mathematischen Problemen und Geometrieaufgaben; das war seine Lieblingsbeschäftigung. Es war sehr heiss, die Temperatur war gewiss weit über vierzig Grad Celsius im Schatten und die Fliegen quälten ihn; sie wurden von seinem schweissbedeckten roten Gesicht angezogen. Mit einer Fliegenklappe schlug Tümpelbaum andauernd klatschend nach den Störenfrieden. Dicht an meinem Hinterkopf sauste die Fliegenklappe viele hunderte Male zornig nieder. Aber ich achtete nicht darauf. Ich schrieb ja, so sorgfältig ich's vermochte, für Sadananda in ein Heft die Offenbarungsworte nieder, die Krischna, der verborgene Gott, in seinem eigenen Reich sanft lächelnd zu seinem Vertrauten, dem Bhakta Schiwa, sprach. Mir war zumute wie auf einer Wanderung in unbekanntes Land, einem fernen Gebirge zu. Beim ersten Anblick scheint es dem Wanderer eine einheitliche blauschimmernde Wolkenwand zu sein; doch für den Blick des Näherkommenden entfaltet sich die Landschaft zu Bergen und Tälern, Wäldern und Seen und er begegnet den Wesen, die dort leben. Derart entschleiert sich der hingebungsvollen Seele allmählich das verborgene Reich der göttlichen Liebe. Es ist kein Traum, es ist keine Dichtung; es ist wesenhafte Wirklichkeit. Ein Schein des ewigen Reiches der Urbilder hat ja seit meiner Kindheit immer wieder in mein Leben geleuchtet. Wie oft bin ich seit meiner Knabenzeit nach einer endlosen langen Wanderung entsetzt aus dem Schlaf emporgeschreckt: Ich habe etwas vergessen. Ich habe etwas unendlich Wichtiges vergessen! Was ich und wir alle vergessen und verloren haben, daran durfte ich mich in Indien wieder erinnern: an das Land ohne Schuld und ohne Schicksal, dort wo ungeschehen gemacht wird, was geschehen ist. Der Boden dort ist nicht irdische Erde. Die Zeit dort ist nicht irdische Zeit; sie zerbricht nicht in jedem Augenblick schmerzlich in Vergangenheit und Zukunft. Das Glück, das man dort erlebt, hat nicht stets Leid als seinen unteren Grund. Es gibt keinen Tod dort. "Jedes Wort ist ein Lied, jeder Schritt ist Tanz..." Aber man kommt nicht hin, wenn man selbstsüchtig eine solche Stätte betreten und geniessen will, sondern nur durch ein Übermass von schenkender Liebe. Bevor der erste Morgenschein des verborgenen Landes aufdämmert, muss man Gebirge von Nacht durchqueren. Als ich den Einstieg in jenes offenkundige und doch dicht verhüllte Reich suchte - und abglitt und wieder zu klimmen begann, führte ich ja ein Leben tiefster Verzweiflung. Doch in einer Barackenwelt, wo alles verloren schien, was ich mir jemals im Leben an geistigem Gut erarbeitet hatte und wo jeder Weg nach einigen Schritten in einem wilden Stacheldrahtgestrüpp abbrach und wo scharf geschossen wurde, wenn man noch weiterdringen wollte, habe ich in meiner Verzweiflung den Weg ins Unbetretene gesucht, in das Land, wo es keine Schuld und kein Schicksal gibt. Sadananda kam und half mir zum offenen Tor des Reiches Vraja (Gottesreich) zu finden, wo man in alle Ewigkeit schreiten kann, ohne jemals an ein Ende zu kommen. Um Vraja zu finden, hatte ich ja die Reise nach Indien angetreten. Um Vraja zu finden, wäre ich gern um die ganze Erde gewandert. Doch ich musste erst in ein Gefangenenlager hineingehen, um einem Sadananda zu begegnen. Und so sind die langen schweren Jahre hinter Stacheldraht für mich die wunderbarste Zeit meines Lebens geworden. Fünfmal wurde Sadananda während seiner Gefangenschaft in dem indischen Lager auf den Operationstisch gelegt. Jedesmal gab er sich völlig in die Hände Gottes. Während die Betäubungsmittel nach der Narkose noch wirkten, sang er einmal stundenlang: "Krischna! Krischna! Krischna!..." bis er erwachte. Der Operationspfleger, einer unserer Kameraden, kam nachher zu ihm, fragte ihn erstaunt: "Warum haben Sie denn immer "Krischna, Krischna, Krischna" gerufen?" Sadananda war tief beschämt, dass er sein Herz nicht hatte besser behüten können. Etwa zwei Jahre lang lag der Freund mit kurzen Unterbrechungen im Lagerspital, auch noch mehrmals in dem Einzelzimmer für Sterbende. Wie oft habe ich in einem der Krankensäle neben seinem Bett gesessen. Mein eigentlicher Unterricht begann erst dort, da ich mir jede Stunde des Beisammenseins mit ihm auf mannigfaltige Weise erkämpfen musste. Auch im Spital arbeitete er fast ununterbrochen. Wenn ich kam, sass er zumeist, wie einstmals in der Baracke, mit gekreuzten Beinen auf seinem Bett, den kleinen Blechkoffer als Tisch auf seinen Knien, und schrieb eifrig. Freilich kam es auch vor, dass ich ihn schlafend fand; da lag er lang ausgestreckt, das Haupt unter den weissen Laken verborgen, nach einer peinigenden schlaflosen Nacht. Rings um ihn war der Lärm und Betrieb des Krankensaals. Gelassen wartete ich, dass er wieder aufwachen würde. Wenn wir beisammen waren, da überprüfte er die Übersetzung der Texte, die ich in der Zwischenzeit fertiggestellt hatte. Oft tadelte er mich, klagte über meine Hast, über meine mangelnde Sorgfalt. "Niemand verlangt von Ihnen, Sie sollen ein Schnelläufer, ein Nurmi sein", sagte er mir einmal. "Auf totem Kies und auf Aschenbahnen mag man rasen. Aber die geistigen Auen des Bhagavata, wo Gott und seine Beigesellten ihre ewigen Spiele treiben, wollen in andächtiger Liebe durchwandert werden." Er gab mir Rat, in welcher Seelenhaltung ich übersetzen solle. "Sich innerlich niederwerfen vor jeder Verszeile, vor jedem Wort, als ob es die letzte Offenbarung enthielte - und dann lauschend warten, bis der Urtext selbst die Initiative ergreift und in Ihnen zu sprechen beginnt." Einmal mahnte er mich traurig. "Ein Heft mit Übersetzungen aus dem Bhagavata muss ein Vorbild der Reinheit und Ordnung sein. Diese innere Ordnung zieht Krischnas Gnade an. Jede Feder, jedes Stückchen Papier kann zum Werkzeug werden, um Krischna zu dienen und ihn zu erfreuen. Mein Guru hat diese Ordnung, die das ganze Leben durchdringt, geliebt und selber geübt. Er aß zum Beispiel wie die anderen Hindus mit der Hand. Aber nur seine Fingerspitzen berührten die Speisen. Es war, als ob er gar nicht gegessen, sondern gebetet hätte." Da Sadananda einmal lange Zeit ein vollkommenes Schweigegebot hielt, und er mir auf kleinen Zetteln seine Bemerkungen und Antworten niederschrieb, sind manche seiner Worte noch erhalten und sehen mich in ernster Liebe an. Eines Tages fragte er mich: "Warum sind Sie heute unruhig, nicht gesammelt, Vamandas? Das bekümmert mich." Da erzählte ich ihm, dass kurz vor dem Abmarsch der Krankengruppe ins Spital eine Katze im Lager erschlagen worden war. "Im Kreis sind die Männer und ich unter ihnen um das verendete Tier herumgestanden. Die Katze war noch nicht ganz tot. So wie Tiere es oft vor dem Sterben tun, wollte sie sich verkriechen. Sie versuchte aufzuspringen, um in irgendeinen dunklen Winkel zu entfliehen; aber immer wieder sank sie wimmernd zurück. Ihr Rückgrat war ja gebrochen. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Hätte ich einen Stein nehmen sollen und die Katze erschlagen sollen, um ihr entsetzliches Leiden zu enden? Ich habe es nicht getan; ich bin weggegangen. Wie hätte ich mich verhalten sollen?" Sadanandas Augen blitzten mich an. Sein ganzes Wesen war wie ein weisser Feuerschein. "Ganz falsch haben Sie sich verhalten, Vamandas. Sie hätten niederknien müssen vor dem sterbenden Tier - ganz ungeachtet des Kreises der gaffenden Gesichter rings um Sie - und in das Ohr der Katze hätten Sie den Mantra von Narasinha singen müssen, den ich Ihnen gegeben habe. Sie wissen, die Strophe von jenem grossen Avatar Krischnas, der Narasinha, der Geistlöwe, genannt wird, der mit seinen diamantenen Klauen den Vorhang der Maya von dem Atman wegreisst und ihn erweckt. Wenn Sie es nicht versäumt hätten, dann wäre das Geschöpf, das durch den irdischen Tod ging, im Sterben erinnert worden, dass es seinem wahren Wesen nach ein Atman ist, der einzig Krischna gehört und dass es seine innere Bestimmung ist, Krischna in alle Ewigkeit zu lieben und ihm zu dienen." Die indischen Jungen, welche im Spital die Nachtgeschirre der gefangenen europäischen Kranken ausleerten und andere niedere Dienste für sie taten, liebten Sadananda unsäglich. Es war ein bitterer Schmerz für ihn, als einmal einer der Krankenpfleger es durch Verleumdungen hartnäckig versuchte, diese Jungen gegen ihn aufzuhetzen. Aber die liessen sich nicht irre machen. Er, der europäische Mahatma, verstand ihre Sprache. Er gab ihnen regelmässig seine Unterweisung. Im Kreis kauerten sie auf dem Boden vor ihm und lauschten und sahen zu ihm auf, wenn er ihnen die Geschichten vom Niedersteigen Krischnas auf die Erde erzählte, die Geschichten von den grossen Avataren Gottes. Der aufgeklärte indische Spitalkommandant verbot es; er verhängte schwere Geldstrafen über die armen Jungen. Sie aber kamen doch immer wieder zu Sadananda. Mit jedem Kummer kamen sie zu ihm. Jede Arbeit unterbrach er ihretwegen. Immer hatte er Zeit für sie. Er half ihnen, denen jeder Schulbesuch versagt gewesen war, sogar bei ihren geduldigen Versuchen, doch noch Lesen und Schreiben zu lernen. So oft ich ins Spital ging, sah ich einige dieser Jungen im schmalen Schatten der Latrine kauern, auf den barschen Anruf der kranken Sahibs (Besitzer) wartend, und auf ihren Knien ein Stück Papier und eine Hindi-Fibel und die schweren Buchstabenzusammensetzungen der Hindischrift nachmalend. Ein Raunen ging durch das Spital und das ganze Lager und durch alle Basare der umliegenden Orte, als es hiess, Swami Sadananda habe zu hungern begonnen. Er wolle lieber sterben als sich weiter zwingen lassen, Fleisch zu essen. Nach einer der Operationen, die auf Tod und Leben gingen, hatten ihn die europäischen Ärzte, seine eigenen Kameraden, wahrscheinlich in bester Absicht, dazu nötigen wollen, Fleischsuppe zu sich zu nehmen. Ich hatte die jahrelange Qual miterlebt, als er in der Gefangenschaft immer wieder vor die Wahl gestellt wurde, zu verhungern oder Nahrung zu geniessen, die ihm sein Kult verbot. Er war müde geworden. Obwohl er noch überaus schwach war von dem tiefgehenden chirurgischen Eingriff, hatte er zu fasten begonnen; der Tagesbefehl war ausgegeben worden, alle Mahlzeiten ihm pünktlich aufzutischen und die Gerichte neben seinem Bett stehen zu lassen, bis zur Auftischung des nächsten Gerichts. Er fastete weiter. Erst am Abend des sechsten Tages seines Hungerstreiks gelang es mir, ebenfalls als Patient in das Spital aufgenommen zu werden. Bloss mit den Augen konnte er sich mit mir verständigen, als ich in das Zimmer trat, so hinfällig war er. Als ich schweigend neben dem Bewegungslosen, Ausgestreckten sass, war ich überzeugt, nun sehe ich den Freund zum letztenmal. Plötzlich begann er mit erstaunlich klarer, ja kraftvoller Stimme zu sprechen, und richtete eine Aufforderung an mich, die ich so oft von ihm vernommen hatte: "Vamandas, nehmen Sie ein Papier und einen Bleistift und schreiben sie. Ich will Ihnen ein Sanskritgebet aus dem Padmapurana an das göttliche Paar Radha-Krischna diktieren, die beiden, die eins sind: "Das, was
ich bin und was mein ist, Als Sadananda innehielt, fragte ich ihn: "Swamiji, wollen Sie nicht doch noch eine Weile leben?" Er lächelte und scherzte: "Ja, als ich Sie heute an meinem Fenster vorbeigehen sah, da habe ich mich entschlossen, es noch für eine Zeitlang auf der Erde zu versuchen, damit der Unterricht nicht aufhört, bevor Sie sich allein weiter helfen können." Der Freund brach sein Fasten. Eine neue Stufe der Gemeinsamkeit begann an diesem Abend. Während ich, kaum bemerkt von den Kameraden, die ständige Unterweisung Sadanandas erhielt, ging die Weltgeschichte ihren Lauf. Die Fronten auf den Kriegsschauplätzen in vier Weltteilen wurden vorgeschoben und rollten wieder zurück. Die Veränderungen warfen tiefe Schatten in das schwanke Gefüge des Lagers. Früher missachtete oder unbekannte Männer wurden plötzlich einflussreiche Persönlichkeiten in den Baracken. Und vormals angesehene Leute, denen viele liebedienerisch geschmeichelt hatten, sanken unter in der Menge und verkamen und verwahrlosten. Jahr um Jahr verging. Unsere Haare wurden grau, unsere Zähne fielen aus. Beim Schlangestehen vor der Lagerkantine stand ich einmal hinter einem Mann, der früher stets grossen Wert auf ein gepflegtes Aussehen gelegt hatte. Nun spazierte eine Wanze vom Kragen seines zerrissenen Khakihemdes seinen Rücken hinab. Er hatte in den Jahren im Lager alles, was er besass, einschliesslich seiner schönen Anzüge, die von einem teuren englischen Schneider verfertigt waren, nach und nach vertrunken. Die Internierten tranken, um die jeweiligen Siege zu feiern; sie tranken, um den Jammer nach schweren Niederlagen zu betäuben. "Man muss die Festungen feiern, wie sie fallen", hörte ich einen jungen deutschen Seemann bitter höhnen, als die grosse deutsche Armee in Stalingrad gefangen wurde. Eine Reihe von Bergsteigern, die während ihrer Himalajaexpetition überrascht worden waren vom Kriegsausbruch, konnten das Eingesperrtsein hinter Stacheldraht nicht mehr ertragen. Es gelang ihnen eine wohlvorbereitete Flucht. Manche von ihnen kamen bis tief nach Tibet hinüber. Einer der abgehärteten kühnen Männer ging an Entbehrungen zu Grunde. Die anderen sahen wir später im Lager wieder, nachdem sie ihre Strafe im Lagergefängnis abgesessen hatten. Sie waren eingefangen worden, oder hatten sich fiebernd über das Gebirge zurückgeschleppt und freiwillig bei der Polizei gestellt. Einer von ihnen, ein weltberühmter Ringkämpfer, der am längsten ausgehalten hatte, erzählte mir später von seinem Leben in Tibet. Er habe zuletzt die Einsamkeit auf der windüberfegten öden Hochebene von Tibet nicht mehr ertragen können, das Brausen der Stürme, das Rauschen der Wildströme in den Schluchten und vor allem die seltsamen Gedanken, die ihm nachts immer gekommen waren. Er erzählte auch von der Habsucht der Bewohner des verbotenen Landes, ihrer Gier nach Silbermünzen. Er berichtete von einem gespenstischen, vollkommen menschenleeren Dorf und von einem Nachbardorf, wo man ihn, als er sich ausgehungert näherte, mit einem Hagel von Steinwürfen heulend weggetrieben hatte. Er wies mir eine tiefe Narbe in der Stirn, die von der Steinigung herrührte. "Erst später haben wir erfahren, dass manche Dörfer unweit des Manasarowar-Sees völlig ausgestorben waren, weil die Pocken dort gewütet hatten. In dem anderen Dorf waren die Bewohner voll Furcht, dass wir die Seuche zu ihnen verschleppen könnten." Ich erschrak, während mir der Mann solches erzählte. Ich war ja nach Indien gekommen, um über den Himalaja zum heiligen Manasarowar-See vorzudringen, von dem die Sagen berichten, dass auf seiner klaren Flut der Atman, die unbefleckte Menschenseele, wie ein Schwan sich wiegt. Aber selbst in diesen Gefilden hassten also die Menschen einander und wurden von Furcht und Gier und Krankheit verheert. Ach es war so, wie Schri mir gesagt hatte. Der wahre Geistessee ist auf der Erde nicht zu finden; er liegt in einem ganz anderen Reich. Ich sass am Bett meines Freundes im Spital, als ich eine Postkarte meiner Frau aus Schweden erhielt. Ich wusste schon seit längerer Zeit, dass sie mit unserem Kind in diesem gastlichen Land, wahrlich im letzten Augenblick, eine Zuflucht gefunden hatte. Meine Frau schrieb: "Wir müssen Gott danken, dass Deine geliebte Mutter tot ist, dass sie nicht länger in dem Judenlager leiden muss." Ich beugte meinen Kopf. Meine Mutter war eine feurige stolze Seele gewesen. Sie wusste nicht, was Selbstsucht ist. Nur ein einziger Wunsch war ihr verblieben, mich nochmals zu sehen. Dieser starke Wille hatte sie Jahre hindurch am Leben erhalten, in einer Umgebung, wo die meisten untergegangen sind. Aber auch der Erfüllung ihres einzigen, flammenden Wunsches hatte sie nun entsagen müssen. Ich konnte nicht hindern, dass mir die Tränen die Wangen hinabliefen. Die Kranken in den anderen Betten waren aufmerksam geworden. Einige sahen interessiert auf mich hin. Sadananda hielt die ganze Zeit meine Hand. "Vamandasji, Ihre Mutter ist bei Krischna, in Krischnas Reich", sagte er. Als ich das nächste Mal zu Sadananda kam, erzählte er mir einen Traum: "Ich träumte, dass ich entlassen wurde. Aber als ich durch das Tor des Lagers trat, um zu einem Schüler meines Guru nach Brindaban zu reisen, hielt mich der Posten an. Er sagte mir: "Ja, Sie können gehen. Aber das kleine Kind müssen Sie mit sich nehmen." Sadananda lächelte: "Die Augen und Ohren des Kindes waren mit Erde verschmiert, aber im übrigen war es ganz wohl und munter. Vamandas, wissen Sie vielleicht, wer dieses bekleckerte Kind ist?" O, ich wusste es. Ich selbst war das Kind. Es waren meine eigenen geistigen Augen und Ohren, die mit Erde verschmiert waren. Im selben scherzenden Ton wie der Freund, aber innerlich voll Beschämung und Glück, antwortete ich mit einem Mantra, den er mich gelehrt hatte: "Gepriesen
sei der Guru, Wir lachten beide. "So weit sind wir noch lange nicht", sagte er. Einige Zeit darauf wurde Sadananda plötzlich entlassen. Er ging nach Brindaban, in jene Landschaft auf Erden, in welche, nach der Überzeugung vieler Bhaktas, ein Schein von Krischnas innerem Reich hineinglänzt, weil dort am Strome Yamuna, Krischna, der Hirtenknabe, seine fröhliche Jugend verbracht hat. Leer erschien der Krankensaal nach Sadanandas Weggehen, obwohl doch noch alle Betten, bis auf das seine, belegt waren. Kahosta, der urwüchsige fette Damenfriseur aus Wien, der bei den chinesischen jungen Frauen auf der Insel Java mit grossem Erfolg die Dauerwellen eingeführt hatte, sagte mit einem wegwerfenden Blick auf die in der Krankenbaracke verbliebenen Kameraden: "Es ist nix mehr los, seit der Hindufritze weg ist. Er fehlt uns allen." Ich aber war fröhlich und zuversichtlich. Ich war gewiss, ich würde den Freund wiedersehen. Nur eines quälte mich sehr, das mehrjährige völlige Schweigen Schris, meines ersten Guru. Schwieg er, weil er ahnte, dass ich ihm innerlich in vielem untreu geworden war? Er hatte mich zu dem hohen Ziel leiten wollen, die Wahrheit zu wissen. Aber im Zusammensein mit Sadananda hatte ich erkannt, dass auch höchste Weisheit, ohne aus dem Herzen überströmende Liebe zu Gott, wie trockene Spreu ist, wie ein Haufen leerer Hülsen, die man vergeblich auf der Tenne drischt. Ich schrieb einen Brief an Schri Maharadsch und mühte mich, ihm ausführlich meine ganze innere Entwicklung zu schildern. Und er, der seit mehreren Jahren ein strenges Schweigegelübde hielt, nicht las, nicht schrieb, nicht sprach, bloss meditierte, für die gequälte Welt meditierte, er durchbrach sein Gelübde. Ich empfing im Lager einen Brief von seiner eigenen Hand. Schri schrieb: "Mein lieber Vamandasji! Gut hast Du Deine Zeit in Indien angewendet. Ich segne Dich. Ich segne Dich für das, was Du getan hast. Und ich segne Dich für das, was Du in Zukunft tun wirst." Wenige Tage nach Empfang dieses Schreibens wurde auch ich ganz unerwarteterweise aus der Internierung entlassen. Als ich durch die beiden vergitterten Tore schritt, fragte der Wachtposten wie gewöhnlich: "Ins Spital?" Der englische Unteroffizier, der mich begleitete, antwortete: "Nein, er ist frei!" Einige Tausend Männer blieben noch in dem Lager hinter Stacheldraht zurück.
3.12 Abschied von Indien Top
Von Mahabaleshvar fuhr ich nach Bombay, um mir dort einen Schiffsplatz nach Schweden zu sichern, denn es war schon über acht Jahre her, dass ich die Meinen nicht mehr gesehen hatte, und meine tapfere Frau hatte die ganze Zeit die Bürde allein tragen müssen. Nun war sie am Ende ihrer Kraft und hatte geschrieben: "Komm. Nimm Dich des Kindes an". Ich war sehr einsam in Bombay, während ich von Amt zu Amt lief und überall eine Menge von langen Formularen und Fragebogen ausfüllen musste, um die Dringlichkeit meiner Reise zu bezeugen. Nicht nur ich wartete, sondern auch die grossen Armeen, die in Asien gekämpft hatten, warteten auf die Heimkehr. Sadananda war fern; er war mit seinem Freund Swami Bon nach Assam (Assam ist ein Bundesstaat in Ostindien, nördlich von Bangladesh) gereist. Das lag am anderen Ende von Indien, fast an der Chinesischen Grenze. Wohl hatte ich ihm geschrieben, ich möchte ihn gerne noch sehen. Aber was half es, Briefe zu schreiben oder Telegramme abzuschicken. Ein allgemeiner Post- und Telegraphenstreik hielt seit Wochen ganz Indien fiebernd in seinem Bann. Auf dem Boden der leeren Postämter lagen die unbestellten Briefe und Depeschen zu Bergen gehäuft. Auch ein Streik aller Eisenbahnen wurde für die nächsten Tage angedroht. Die Bankbeamten, die Lohnerhöhung forderten, verteilten Flugzettel in den Strassen, statt an ihren Schaltern zu sitzen. Zuweilen zogen lange Aufzüge mit flatternden roten Hammer- und Sichelfahnen durch die Stadt. Bombay hatte sich beträchtlich verändert in der Reihe von Jahren, seit ich dort gelandet war. Bloss der schrille Schrei der erregten Volksmenge vor der Goldbörse wogte unverändert auf und ab. Eines Tages las ich in der Zeitung, dass Gandhi zu wichtigen politischen Verhandlungen nach Bombay gekommen war. Am gleichen Abend fuhr ich in einem überfüllten Autobus in das ferne Fabrikviertel, wo der Mahatma wohnte und sein tägliches öffentliches Abendgebet abhielt. In jedem Palaste Indiens hätte man den Greis gewiss gerne als geehrten Gast aufgenommen, er aber zog es damals vor, wenn er in die grossen Städte kam, als Zeichen der Brüderlichkeit mit den Armen in einem der Elendsviertel mitten unter den indischen Fabrikarbeitern und Kastenlosen zu wohnen. Ich stand eingekeilt zwischen vierzigtausend oder fünfzigtausend dieser Menschen, von denen manche sich vielleicht noch niemals richtig satt gegessen hatten, denen versagt gewesen war, Lesen und Schreiben zu lernen und denen bis vor kurzer Zeit nur das Verrichten der niedrigsten Arbeiten erlaubt gewesen war. Viele hielten ihre kleinen Kinder hoch empor, damit diese doch einmal in ihrem Leben den Mahatma, die grosse Seele, erblicken sollten. Die Millionen armer Hindus liebten Gandhi nicht als den erfolgreichen Politiker, nicht als den Sozialreformer und Verteidiger ihrer Rechte, sie liebten ihn, weil sie einen Heiligen in ihm spürten, der alle seine Kraft aus Fasten und Gebet und Zwiesprache mit Gott empfing und der sich aus Liebe zu ihnen in den Lärm und Streit der Politik geworfen hatte. Und der geduldige Erzieher seines Volkes, der es so oft gewagt hatte, den Seinen die harte bittere Wahrheit zu sagen, sah nicht nur den Staub und die Leidenschaften in den Gesichtern der Menschenmasse; er sah hinter den Hüllen die ewigen Seelen, die Atmas, in allen Wesen, deren eingeborene Seelenkraft er erwecken wollte. Mahatma Gandhi sass dem Volk in einem Lehnstuhl auf einer Plattform gegenüber. Er sah sehr müde aus, seine Hände waren im Schoss gefaltet, die Augen geschlossen, als ob er meditierte. Es war gerade jener Tag in der Woche, da er regelmässig ein Schweigegelübde beobachtete. Deshalb las ein anderer seine kurze Ansprache. Aber als der Lautsprecher zu tönen begann, waren es noch nicht die Worte Gandhis. Zu meinem Staunen scholl die erste Strophe der Isha-Upanischad mächtig über den von Fabriken eingerahmten weiten Platz. Die Isha-Upanischad, noch viel älter als die Bhagavad-gita, ist jene Upanischad, mit welcher seit Jahrtausenden das Studium der Upanischaden begonnen wird. Auch Schri war in der Unterweisung, die er mir gegeben hatte, dieser Tradition gefolgt und wir hatten mit der Isha-Upanischad angefangen. Nun schollen über der Menge der Unberührbaren die Worte der Geheimlehre des Weda, denen zu lauschen bis vor kurzem jedem Kastenlosen aufs strengste verboten gewesen war: "Isha Vasyam idam sarvam yat kinca jagatyam jagat..." Das heisst: Von Isha, dem göttlichen Weltenherrscher möge dieses ganze All umhüllt werden..." Aber die uralte Sanskritsprache ist so knapp und vieldeutig, dass jedes Wort aufspringt wie ein reifer Granatapfel in der Überfülle seiner Bedeutung. Vasyam heisst nicht nur: es möge umhüllt werden, es bedeutet auch: das Weltall und all unser Tun soll ständig von Gott umkleidet sein, es möge von ihm bewohnt sein, es möge von ihm durchduftet werden. Während ich mitten unter der Menschenmenge stand, welche unter der Macht der donnernden Worte schauerte, dachte ich: Diese Strophe der Upanischad ist wie eine Wasserscheide, wie eine Schwelle. Wenn man den Sinn dieser Strophe inne hat, vermag man mitten im Lärm und Streit der vergänglichen Welt zu leben und wird doch nicht von ihr verschlungen. Dann ist man gegründet in Gott. Dann erst kann man den weiteren unendlichen Weg antreten, der hier beginnt, in das Reich der göttlichen Liebe. Die Stimme der Upanischad war verstummt; die Menge verblieb still. Nun begann ein Sohn Gandhis oben auf der Estrade zu singen. Auch diesen Vers kannte ich. Er war einer der Gottesnamen, der im Herzen Liebe erweckt, der Name des göttlichen Königs Rama; der Vers, den Sadananda und ich viele Male mit der Schar der jauchzenden Kinder in den Vorbergen des Himalaja gesungen hatten. Zehnmal, zwanzigmal sang Gandhis Sohn den Namen Ramas. Dann sprach er die Volksmenge an: "Ihr, singet auch!" Und zuerst schüchtern und dann lauter und freudevoller sangen sie alle, die Latrinenfeger und Kulis und Strassenkehrer und die Arbeiter aus den Baumwollspinnereien und die Weiber, deren Beruf es ist, dreiviertel nackt in der farbigen Brühe der Färbereien zu stehen und das endlose Band der nassen Tücher auszuwinden; vierzig- oder fünfzigtausend Menschen sangen und ich sang mit ihnen. Und Gandhis Sohn zeigte uns mit erhobenen Armen, wie man den Rhythmus halten solle und wie man im Takt mit den Händen klatschen solle. Und wir alle klatschten in die Hände und sangen mit voller Kraft unserer Stimmen: "Raghupati Raghava Raja Ram Patita Pavana Sita Ram." Es schien, als ob die Menge niemals aufhören wollte, jubelnd und begeistert den Namen Ramas zu singen, des göttlichen Heilands, der auf die Erde niedergestiegen war und die Gefallenen aufhob und läuterte. Manche, die da sangen, wendeten wohl zum erstenmal in ihrem Leben das verschüchterte Antlitz ihrer Seele Gott zu. Mahatma Gandhi war in seiner Hütte verschwunden. Keiner von uns, der diese Stunde miterleben durfte, hatte wohl ahnen können, dass nicht allzulange darauf, am Beginn eines solchen öffentlichen Abendgebets, ein Fanatiker diesen von göttlichem Frieden erfüllten alten Mann mit einigen Schüssen niederfällen würde, um seinen Liebe zu den Feinden heischenden Mund zum Verstummen zu bringen. Vergrämt und ermattet lag ich in der Mittagshitze auf meinem Bett in dem Zimmer, das ich mit vier alten Männern teilte, da dünkte mich, ich hörte Sadanandas Stimme. "Stehen Sie auf, Vamandas", sagte der Freund, der hochgewachsen, schlank in seinem lichten indischen Mönchsgewand erstaunlicherweise durch die Türe eingetreten war und mit raschen Schritten auf mich zukam. Misstrauisch und besorgt betrachtete mein Bettnachbar, ein langbärtiger Jude, den Eindringling in indischer Tracht. "Rasch! Es ist schade um jeden Augenblick", mahnte mein Freund. "Ziehen Sie sich Ihren besten Anzug an. Unten im Wagen wartet Swami Bon." "Wir können nur zwei Tage, höchstens drei Tage bleiben", erklärte mir Sadananda, während wir eilig die Holztreppen des hohen Hauses hinunterliefen. "Wir beide sind bloss gekommen, um Sie zu treffen, bevor Sie nach Europa reisen - und weil Swami Bon Ihnen den indischen Rosenkranz aus Tulasiperlen mit den heiligen Namen Gottes geben will." In dem landesüblichen zweirädrigen Wagen vor dem Tor sass Swami Bon, Sadanandas Freund, den sein Guru Bhakti-Siddhanta Sarasvati einst vor vielen Jahren nach Europa entsandt hatte, der erste Bhakta, dem Sadananda begegnet war. Swami Bon, dessen edles Gesicht mit den stillen Augen ich von Bildern kannte, sah älter aus, als ich gedacht hatte. Mit der Stirn berührte ich seine Füße zum Gruss und stieg in den Wagen und wir fuhren davon. Wir kümmerten uns nicht um die beiden Männer in indischer Tracht, die vor dem Tore des Hospizes standen und uns forschend nachblickten und wahrscheinlich Geheimpolizisten waren. Nur drei Tage waren wir beisammen. Tiefgründiger wurde die Stadt Bombay in diesen drei Tagen. Zusammen schritten wir barfuß durch das Volksgewimmel der Höfe des grossen Narayanatempels, der ein Sitz der indischen Orthodoxie ist und in dessen Hallen der Pandit inmitten eines Kreises kauernder Zuhörer nach uraltem Brauch singend die Schrift erklärt. Wir gingen weiter. Zusammen saßen wir drei am Meer, saßen im Kino vor einem Krischnafilm, wir aßen gemeinsam und mühten uns, wie es den Bhaktas geboten ist, die Speise als eine Gabe unserer Liebe, zuerst Gott darzubieten und als göttliche Gnade von ihm zurückzuempfangen und dann teilzunehmen an einer Kommunion mit Gott, an einem gemeinsamen Liebesmahl. Als wir am Bahnhof in Bombay
Abschied nahmen, sagte mir Sadananda: "Tragen Sie den Schatz, den Sie
empfangen haben, ins Abendland hinüber."
Anhang - Sanskritworte Top Erklärung einiger Sanskritworte,
vorzugsweise nach der Anschauung der indischen Bhaktas in der Nachfolge
von Krischna-Chaitanya. - AKSHARA (ak"ara) 1. ein Buchstabe des Alphabets, eine Silbe, ein Wort. 2. der Unzerstörbare, Gott. - ASURAS die Dämonen; sie gelten, ebenso wie die Devas, als Kinder des Rishi Kashyapa. - ATMAN (åtman/åtmå) die Seele, das Selbst, die ewige unzerstörbare innere Gestalt jedes Wesens. "Jenes Licht, welches jenseits der Himmel dort leuchtet in den allerhöchsten Welten - das ist gewisslich dieses Licht, welches inwendig hier im Menschen ist": Chandogya Upanischad III, 13,7. "Aus Einsicht ist der Atman gebildet, Geist ist sein Stoff, Leben sein Leib, Licht seine Gestalt": Chandogya Upanischad VIII, 14,2. Atman wird häufig als "Seele" übersetzt. Die westliche, von der Psychologie beeinflusste Denkweise, meint mit dem Begriff "Seele" die feinstoffliche oder die psychische Struktur des Lebewesens. Atman bezieht sich jedoch einzig auf die ewige und unveränderliche innerste Identität. Es ist dieses innerste unzerstörbare ICH, das von den feinstofflichen Hüllen (Manaª: Denken, Fühlen, Wollen; Buddhi: Intelligenz; Aha‹kåra: Falsches Ego) und dem grobstofflichen Körper eingekleidet und bedingt wird. - AUM oder OM die Ursilbe. Die einzelnen drei Laute A und U und M werden in Beziehung gebracht zu Vergangenheit und Gegenwart und Zukunft. Zu Weltentstehen, Welterhalten und Weltvergehen; zu Brahma dem Schöpfer, und Wischnu dem Erhalter, und Schiwa dem Zerstörer; auch zum Wachzustand und Traumzustand und Schlafzustand. Die ganze Silbe bedeutet den vierten Zustand, den sogen. Turya-Zustand, das ist ein Zustand der Vollwachheit, welcher Wachen und Träumen und Schlafen durchdringt, zu dem sich unser Wachen bloss wie ein Traum verhält. Die Laute A und U verschmelzen sehr oft zu dem Laut O. Gesungen klingt die Silbe stets AUM. "Das Wort (das Ziel, der letzte Schritt, der höchste Zustand), den alle Weden verkünden ... das ist OM": Katha Upanischad. "Die Silbe OM ist das "grosse Wort", der Ursprung der Weden, von der Natur Gottes, aller Welten Heim": Krischna-Chaitanya im Chaitanya-Charitamrita. - Die Silbe OM wird von Chaitanya-Bhaktas auch der Same des Namens Krischna genannt. Der Name selbst wird mit dem vollerblühten Baume verglichen. - AVATAR (avatåra) wörtlich: Der Herabsteigende, eine in die Welt herabgestiegene Gestalt Gottes, ein göttlicher Erlöser, eine Person aus reinem göttlichen Geist. (Chit). Sie erscheint wie ein Mensch mit einer Hülle aus Fleisch und Blut durch das Wirken von Gottes Macht Maya, die das Auge des Schauenden verhüllt. Die zehn grossen Avatare Krischnas: In der Dichtung "Gita Govinda" von Jayadeva (12. Jahrhundert nach Christus) wird Krischna als Avatarin (avatår/) gepriesen, als derjenige, von dem die zehn grossen Avatare ausgehen. Diese sind: 1. Fisch (Mina oder Matsya), 2. Schildkröte (Kacchapa oder Kurma), 3. Eber (Sukara oder Varaha), 4. Löwenmensch oder Geistlöwe (Narasingha oder Nrisingha), 5. Vaman, der Zwerg, 6. Rama mit der Axt, 7. König Rama, 8. Krischna Selbst und Balarama (der ältere Bruder Krischnas) 9. Buddha und 10. Kalki, der Avatar, der in Zukunft kommen wird. Es gibt aber viel mehr Avatare mannigfaltigster Art, es kommt z.B. vor, dass ein Mensch gleichsam zum Gefäss wird, das die göttliche Macht zeitweise erfüllt. Die indische Avatarlehre ist eine sehr ausgebildete Wissenschaft. Auch Christus wird von manchen Hindus als ein Avatar Gottes angesehen. - BHAGAVADGITA (bhagavad-g/tå) wörtlich: Gesang des Erhabenen, Gesang Gottes. Episode aus dem Epos Mahabharata in achtzehn Gesängen, dem Vyasa zugeschrieben; Unter-weisung des Helden Arjuna durch seinen Freund und Wagenlenker Krischna auf dem Schlachtfeld von Kurukshetra. - BHAGAVAN (bhagavån, bhagavat) der Erhabene, der Besitzer aller Füllen: 1. Der persönliche Gott in seiner Fülle; Krischna wird in der Bhagavad-gita ständig Bhagavan genannt, 2. Ehrentitel höchster Weiser und Gottgeweihter. - BHAGAVATA (bhågavata) 1. (masc.) ein Gottgeweihter, 2. (neutr.) (bhågavatam) der Name des dem Vyasa zugeschriebenen grossen Bhagavat puranas, das die Taten Gottes preist. - BHAKTA ein Gottgeweihter. - BHAKTI dienende liebende Hingabe. - BRAHMA (brahmå, brahman) (masc.) der Weltschöpfer, "Der erste Sänger und Dichter" (adikavi) ein äusserer Aspekt Gottes; von brih, wachsen, sich ausdehnen. - BRAHMAN (neutr.) die eigenschaftslose, gestaltlose Gottheit aus Bewusstsein bestehend. Das höchste Ziel der Upanischaden. Nach der Anschauung der Bhaktas in der Nachfolge Krischna-Chaitanyas bloss der unendliche Lichtglanz, der von dem persönlichen Gotte ausgeht und dessen wundersame Gestalt vor den Suchern mit noch nicht völlig geläuterter Hingabe verhüllt ist. - BRAHMANE ein Angehöriger der höchsten der vier wedischen Kasten, ein Geistesmensch, ein Geistträger. Wahrhafte Brahmanen werden in der Schrift die "Erdengötter" genannt. Die Brahmanen sind dem Mythus nach aus dem Haupte des Weltschöpfers Brahma entsprossen. Dem Bhakta gilt es als Entartung, dass man durch blosse Geburt in einer Brahmanenfamilie zum Brahmanen werden kann. "Jedes Kind wird als Schudra geboren"; dem Brahmanen durch Geburt, dem als Knabe die Brahmanenschnur und der Mantra Gayatri verliehen wurde, wird der sog. Paramartha-Brahmane gegenübergestellt; das ist jener Gottgeweihte, der sich restlos dem höchsten Ziel (parama-artha) hingegeben hat. Auch der Kastenlose und der Nichthindu kann nach Auffassung der Bhaktas ein Paramartha-Brahmane werden. Die Lebensgeschichten der grossen indischen Heiligen seit der ältesten Zeit sind voll von Berichten über die Durchbrechung erstarrter Kastengesetze. Doch ist daraus auch zu ersehen, dass sich diese Para-martha-Brahmanen im Bereich der Welt den jeweils geltenden sozialen Gesetzen (über Ehe, Kaste usw.) zumeist aus Demut fügten. - DASA (dåsa) Diener - DEVAS die Leuchtenden, von div, scheinen, leuchten, strahlen; auch Himmel, Licht, Tag. Die Devas, unter Führung des Himmelsherrschers Indra, gelten als hohe Wesen, die aber den Leidenschaften und dem Kreislauf der Geburten unterworfen sind. Dem Bhagavatpurana zufolge sind sie die Kinder des Rishi Kashyapa. Ein anderer Name für Deva ist Sura, das heisst auch Sonne. Die Dämonen heissen Asuras, also Wesen ohne Leuchten, ohne Sonne. - DEVI (dev/) die weibliche Form von Deva. Wenn man in Indien von der Devi ohne weiteren Namen spricht, ist stets die grosse Göttin, die Maya gemeint. - DHARMA von dhri (dh®), halten, der Dharma, durch den das Weltall gehalten wird. Gesetz, Recht, Wesensgesetz, Ethik, gesetzhaft geregelte Religion. Der Todesgott Yama heisst in Indien auch König Dharma, d.h. der Herr des Gesetzes. Nachdem Krischna dem Arjuna in der Bhagavad-gita lange den Dharma erklärt hat, den Dharma des Pfades der Werke und den Dharma des Pfades des Yoga und den Dharma des Pfades der Weisheit und den Dharma des Pfades der gesetzhaften liebenden Hingabe, sagt er ihm im letzten Gesang, in der 66. Strophe: "Gib alle Dharmas auf und nimm einzig und allein bei mir (bei Gott) Zuflucht. Gräme dich nicht; ich werde dich von allen Sünden befreien, (die aus der Verletzung von gesetzhaft geregelter Religion entstehen)". Die Chaitanya-Bhaktas unterscheiden den sogenannten Naimittika Dharma, das zeitweilige Gesetz, das einer Person von bestimmtem Charakter, Stand, Beruf, Kaste in irgend einem Erdenleben entspricht, von dem Nitya Dharma, dem ewigen Wesensgesetz, das für jeden Atman gilt. Es ist ein Dharma, der aus dem Atman quellenden spontanen Liebe. Ein alter Bengalispruch lautet: "Das ewige Wesensgesetz jedes Lebewesens ist, Krischnas ewiger Diener zu sein". - DUDHYA DEVI (du¤hya dev/) die milchweisse Göttin, ein Name der Maya, als Herrin des Weltenlebens. - DURGA (durgå) Name der Maya, von durga, Gefängnis, die Herrin über das Gefängnis, welches die irdische Welt darstellt. - GANGA (ga‹gå) der heilige Strom Ganges. Er gilt als ein Tropfen aus dem "Ozean aller Ursachen" (karanasamudra) oder als ein versprühter Tropfen des Waschwassers, mit dem der Dämon Bali die Füße Gottes, "des Weithin-schreitenden", wusch. Die Bhaktas sagen: der himmlische Ganges entspringt den Füßen Krischnas, sinkt herab auf das Haupt des in Meditation versunkenen Schiwa und gibt diesem seine Kraft, er durchflutet dann entsühnend die Erdenwelt, sinkt noch tiefer herab und erquickt auch die unteren Welten. - GAYATRI (gåyatr/) (fem.) ein Mantra aus dem RigWeda (®gveda). Durch die Initiation mit dem Gayatri Mantra empfängt ein Knabe brahmanischer Abkunft die Brahmanenwürde. Man sagt, er oder ein Knabe aus den beiden anderen höheren Kasten wird dadurch zu einem zum zweitenmal Geborenen (dvija) gemacht. In Indien deutet man das Wort Gayatri als gåya-tr/, "sie rettet den, der sie singt". Die Bhaktas kennen verschiedene Arten der Gayatri, Brahmagayatri, Kamagayatri usw. - GODAVARI (godåvar/) einer der sieben heiligen Ströme Indiens. Die Quelle der Godavari ist im Gebirge nahe von Nasik, der Fluss ergiesst sich in den Meerbusen von Bengalen. - GOPIS (gop/s) die Hirtinnen in Brindaban, die ewigen Gefährtinnen Krischnas. Die Gopas, Hirten und die Gopis werden von den Chaitanya-Bhaktas als die ewigen Gefährten Krischnas angesehen, die mit ihm aus seinem inneren Reich zur Erde herabgestiegen sind und zur Zeit Chaitanyas nochmals mit ihm hinabstiegen. Worte Krischnas zu Arjuna aus dem Adipurana: "Arjuna, um dir die Wahrheit zu sagen: Die Gopis sind mein Ein und Alles, Gefährtinnen und Geliebte. Sie umhegen mich wie Gurus, sie dienen mir wie Schüler, sie sind Gegenstand meines Genusses, Freunde sind sie und Frauen, und was sind sie nicht noch! Sie kennen das Fühlen meines Herzens. So wie sie, o Arjuna, kennt mein Wesen, der Eigengestalt nach, niemand." Über die Liebe der Gopis (aus dem Chaitanya-Charitamrita): "Die Liebe der Gopis ist lautere fleckenlose Gottesliebe, niemals Lust. Liebe und Lust haben vollkommen verschiedene Eigenschaften, ebenso wie Eisen und Gold ihrem Wesen nach verschieden sind. Das Ziel von Lust ist lediglich egoistische Vereinigung mit dem Gegenstand der Liebe, während es das Motiv des mächtigen Prema (der Gottesliebe) ist, allein Krischna (Gott) zu beglücken. Die ihm gehören, die ihn ewig lieben, geben auf, was in der Welt als Ethik gilt, und ihre religiös sozialen Pflichten und die Pflichten, die vom Weda geboten sind und die physischen Notwendigkeiten und Pflichten. Sie geben auf, Scham und heldenmütige Ausdauer, körperliche Freuden und Selbstwohl. Und die schwer aufzugebenden Pflichten der Edlen (den Pfad der Arier), die Pflichten gegen ihre eigene Familie, so viel auch ihre Sippe sie deshalb bedrohen und schmähen mag. Alles haben sie aufgegeben und dienen liebend Krischna." Die Chaitanya-Bhaktas sind davon überzeugt, dass man nur in der Nachfolge der Gopis zur vertraulichen spontanen Gottesliebe gelangen kann. - GURU der geistige Lehrer, von guru, schwer, bedeutend, ausgezeichnet. Der wahre Guru, der sehr schwer zu finden ist, gilt den Bhaktas als erste Offenbarung Gottes, die dieser dem aufrichtigen Gottsucher zuteil werden lässt. Dieser würdige Schüler wird Fuß des Guru genannt. Von dieser Art des Guru ist der sogenannte Familienguru zu unterscheiden, der mehr der Hauspriester einer bestimmten Familie ist. Der Guru nach der Auffassung Schankaracharyas (Advaitalehre): der Guru führt den Schüler bis zur Einswerdung mit dem Brahman, bis zum eigenen Erfahren dessen, was die Upanischadenstrophe besingt: "Wie grosse Ströme, die im Ozean, Wenn dieses hohe Ziel erreicht ist, verlässt der Guru der Schankaraschule den Schüler. Der Guru nach der Anschauung der Chaitanya-Bhaktas: Er führt den Schüler vom Leid der Ich-Bezogenheit zur Seligkeit der Krischna-Be-zogenheit. Doch ist das nur der erste Schritt auf dem unendlichen Weg, auf welchem der Guru den Schüler geleitet. Kraftgebend führt er den Schüler immer tiefer in die von ihm vergessene Welt Gottes hinein und lässt ihn an dem verborgenen Drama Gottes teilnehmen und hilft ihm, dass sich immer neue ungeahnte Tiefen seines eigenen atmischen Wesens offenbaren und er zu immer tieferem Dienen und Lieben fähig wird. - HIMALAJA (himålaya) wörtlich Haus der Kälte, des Frostes, des Winters. - ISHA (/Ía) Herrscher, Gott, von ish, herrschen, regieren. - JIVA (j/va; j/våtmå) der verkörperte Atman. - KAILAS Berg in Tibet, Schiwa wird der Herr des Kailas genannt. Auch das ganze Himalajagebirge wird manchmal als Kailas bezeichnet. - KALA (kåla) die schwarze Farbe, der Gott des Todes, die Zeit. Denen, die ihn nicht lieben, erscheint Krischna in der furchtbaren Gestalt der allwaltenden und alles verschlingenden Zeit. - KALI (masc.) der Herr des finsteren Zeitalters, wörtlich Streit, Zwietracht, Krieg. - KALI (kål/) (fem.) die Göttin Durga, die Kerkermeisterin, eine der Gestalten, in welchen sich Gottes Macht, die Maya, offenbart. - KALIYUGA (kaliyuga) das eiserne Zeitalter, das finstere Zeitalter der Zwietracht, die Zeit, in der wir leben. Das Kaliyuga hat nach indischer Zeitrechnung etwa 3.000 Jahre vor Christus mit dem Weggehen Krischnas von der Erde begonnen und dauert noch 427.000 Jahre. - KARMA (karman) 1. Tat, 2. Schicksal, das durch die unentrinnbaren Folgen der Taten in früheren Leben herbeigeführt wird. - "Ich verehre die Urgestalt, den Govinda (Krischna), der das Schicksal eines jeden Wesens, vom Himmelsherrscher Indra bis zur Ameise, den Früchten der früheren Taten entsprechend, seinem Ziele zuführt, der aber das Karma jener verbrennt, die ihm in Liebe hingegeben sind": Brahma samhita. - KRISCHNA (k®"›a) nach der Anschauung vieler Bhaktas die göttliche Urgestalt, der persönliche Gott in seiner Fülle. Es heisst, dass Krischna ewig in seinem eigenen Reiche weilt, aber auch in Gestalt des Avatars Krischna zur Erde herabstieg. Das Wort Krischna wird von den Bhaktas von kris abgeleitet, das heisst, anziehen. Das dem Namen Krischna verwandte Wort Akarshana shakti (åkar"ana Íakti) bedeutet die Anziehungskraft Gottes. Akarshana bedeutet auch Magnet. - KRISCHNA-Chaitanya (k®"›a-caitanya) 1486 - 1534, gilt vielen Hindus als ein göttlicher Heiland der Liebe, der sogenannte verborgene Avatar des Kaliyugas, der wiedergekehrte Krischna. Er wird auch Gaura oder Gauranga, d.h. der Goldstrahlende, genannt. Krischna-Chaitanya bedeutet wörtlich: Der das Bewusstsein von Krischna, von Gott, in den Herzen erweckt. Die sehr melodische Bengalisprache ist gleichsam in den Fußspuren Krischna-Chaitanyas aufgeblüht. Man zählt etwas 20.000 Volkslieder zu seinen Ehren. Eine ausführliche Monographie des Verfassers über Krischna-Chaitanya ist in Vorbereitung. Das Hauptquellenwerk für das Leben Chaitanyas ist das grosse Werk, "Chaitanya-Charitamrita", wörtlich "der Nektar des Lebens Chaitanyas". Es ist in gereimten Bengalistrophen und in Sanskritstrophen abgefasst und wurde im 16. Jahrhundert niedergeschrieben von Krischnadasa, genannt Kaviraja (König der Dichter) auf Grund der Tagebücher und eingehenden Berichte der vertrautesten Schüler Chaitanyas, welche die Lehrer dieses Autors waren. Die Originalhandschrift ist noch erhalten und wird in einem Tempel in Brindaban aufbewahrt. (Eine ausführliche Übersetzung des Chaitanya-Charitamrita ist im BBT-Verlag, Vaduz, erhältlich). - KSCHATRIYA (k"atriya) Angehöriger der Kriegerkaste, die dem Mythus nach aus den Armen des Weltschöpfers Brahma entsprossen ist. - LINGA (li‹gam) Symbol der kosmischen Zeugungskraft, Schiwa geweiht, dem "Besieger des Todes". - MAHATMA (mahåtma) grosser Atman, grosse Seele, Ehrentitel von Weisen und Gottgeweihten. Ohne weitere Namensbeifügung bedeutet es in unserer Zeit zumeist Mahatma Gandhi. - MANASAROWAR (manas-sarovar) Geistessee, grosser See im Himalaja auf tibetanischem Gebiet, wird - ebenso wie der Berg Kailas - sowohl von Hindus wie von Buddhisten (also von 600 bis 700 Millionen Menschen) als heilig erachtet. - MANTRA lebendiges Wort, die Seele erweckendes Wort. Der Mantra gilt als eins mit jenem Aspekt der Gottheit, der durch den Mantra angerufen wird. Die Essenz des Mantra ist meistens ein Name Gottes. Das Wort mantra wird von den Bhaktas hergeleitet von man (denken) und tra (der Retter), also, "er rettet jenen, der ihn denkt". Der Mantra gilt als kraftlos, wenn er nicht in rechtmässiger Initiation vom Guru empfangen wird. Oftmals wird der Mantra streng geheim gehalten. - MATHURA (mathurå) die Honigstadt, uralte Stadt am Strome Yamuna, Geburtsort Krischnas. - MAYA (måyå) die Macht Gottes, die Herrscherin über die Welt des Messbaren, die Gott verhüllende Kraft, die Magd Radhas, der Schatten Radhas. Das Wort Maya wird von den Bhaktas abgeleitet von ma, messen. - MUKTA der Befreite, derjenige, der Mukti erlangt hat. - MUKTI Befreiung von Weltenfesseln und Weltenleid. Nach der Auffassung der Bhaktas: Befreiung von den Mängeln, die sich dem Erwachen der spontanen Gottesliebe entgegenstellen. "Abgeworfen habend die scheinbare Gestalt, in der Eigengestalt gegründet stehen, das ist Mukti": Bhagavata. - MULA (m*la) Wurzel, Ursprung, Grund; mulasthanam, der höchste Geist, Gott. - NARADA (nårada) genannt der göttliche Rishi. Er gilt als Sohn Brahmas, des Schöpfers, und ist ein Gottgeweihter, der, wie man sagt, immerdar mit seiner Laute (der vina) die Welten durchwandert, um den Wesen Gottesliebe zu schenken. - NARASINHA (narasi‹ha oder n®si‹ha), Löwenmensch oder Geistlöwe, Avatar Gottes (Vi"›us), abgebildet mit Menschenleib und Löwenhaupt. Seine Verehrung ist sehr alt. Er wird dafür gepriesen, dass er mit seinen diamantenen Klauen den Schleier der Maya hinwegreisst. - PARAMATMAN (paramåtman, paramåtmå) der höchste Atman, der Atman aller Atmas, die Weltseele, Gott. Nach der Anschauung der Chaitanya-Bhaktas verhält sich die einzelne Seele zu Gott so, wie sich der Sonnenstrahl zur Sonne verhält. - PRALAYA Weltauflösung - PRASADA (prasåda) die sakramentale Opferspeise, das heisst jedes Mahl der Bhaktas; von sad, sitzen, nahe bei Gott sitzen. - Die Chaitanya-Bhaktas sind überzeugt, dass in der Speise, die sie vor dem Mahl liebend Gott darbieten, Gott selbst sich ihnen liebend schenkt. Ein solcher Bhakta wird niemals sagen: " Ich esse", sondern "ich nehme den Prasada". Die wörtliche Übersetzung des Wortes Prasada ist Gnade, göttliche Gnade. - "Der heilige Gott (Ír/ bhagavån) sprach: Alles was du tust, alles was du issest, was du opferst, was du hinschenkst, was du übst in Askese und Meditation, das alles tue in Hingabe an mich ... wer mir mit Liebe ein Blatt, eine Blume, eine Frucht oder auch nur ein wenig Wasser darbietet, dessen liebende Gabe nehme ich an": Bhagavad-gita. - PREMA (preman, premå) selbstlose spontane Gottesliebe. - PURUSCHOTTAMA (puru"ottama) wörtlich: Höchste Person, Gott in seinem der Welt zugekehrten Aspekt, der Ursprung der Avatare. - RADHA (rådhå) die Freude Gottes als Gestalt in Gottes innerem Reich, (von radh, liebend verehren) auf Erden offenbart als eine der Gopis, namens Radha. Die Chaitanya-Bhaktas sehen in Krischna-Chaitanya eine geheimnisvolle Vereinigung des Wesens von Radha und Krischna. Es heisst, dass Krischna nochmals zur Erde herabstieg, um erfüllt von der Sehnsucht und Liebe Radhas, die unfassbare Tiefe ihrer Gottesliebe (Prema) zu kosten. - RAMA (råma) Avatar Gottes, wörtlich der Freudegeber. - RISHIS (®"is) die Urlehrer der Menschheit. - SADANANDA (sadånanda) Schüler Bhakti-Siddhanta Sarasvatis, wörtlich: Immer Seligkeit (ananda) oder auch: Seligkeit im göttlichen Grund allen Seins. - SAMSARA (saµsåra) die Wandelwelt, die vergängliche Welt des immer erneuten Geborenwerdens und Sterbens. - SANSKRIT (saµsk®ta) die Kult- und Kunstsprache des alten Indien. Von Sanskrit und Prakrit stammen Hindi, Bengali, Marathi, Gujarati und andere heute in Indien gesprochene Tochtersprachen des Sanskrit ab. Die Sprache Urdu, die von vielen Mohammedanern in Indien gesprochen wird, ist Hindi mit Beimengungen von persischen und arabischen Worten, nur die Schrift ist verschieden, sie wird von rechts nach links geschrieben wie das Hebräische und nicht von links nach rechts wie die indogermanischen Sprachen. Urdu bedeutet eigentlich Sprache der Basare und des Marktes. Auch Pali, die heilige Sprache des südlichen Buddhismus ist eine Tochtersprache des Sanskrit. Und auch die alten historischen und kultischen Schriften in Burma, Siam usw. sind in Sanskrit verfasst. Der indische Kulturkreis erstreckte sich einst weit über die Länder Hinterindiens und die Inselwelt von Indonesien. Die tamilischen Sprachen im Süden Indiens sind nicht Tochtersprachen des Sanskrit, aber stark mit Sanskrit durchsetzt. - SARASVATI (sarasvat/) einer der sieben heiligen Ströme Indiens. Die Sarasvati ist ein mit den irdischen Augen nicht sichtbarer Strom, der Strom der Weisheit. Man sagt, dass sich dieser unsichtbare Strom bei der alten heiligen Stadt Prayag oder Trivedi (heute Allahabad) mit den beiden anderen heiligen Strömen Indiens Ganga (Ganges) und Yamuna (Yumna) vereinigt. - Sarasvati heisst auch Sprache, Stimme, es ist der Name der Göttin Weisheit. Die Namen der indischen Ströme sind weiblich, sie gelten vielen Bhaktas als Dienerinnen Krischnas. - BHAKTI-SIDDHANTA SARASVATI (bhaktisiddhånta sarasvati) grosser Guru in der Nachfolge Krischna-Chaitanyas, (1874-1937), Sadanandas Guru. - SHAKTI (Íakti) die Macht (Energie) Gottes, von shak, können. - SHANKARACHARYA (Íankaråcårya) philosophischer Genius, etwa 800 nach Christus in Südindien geboren. Er überwand die Kirchenspaltung, die Indien zerriss und führte die indischen Buddhisten wieder in die Gemeinschaft der den Weda anerkennenden Hindus zurück. Manche nennen seine Lehre "Buddhismus in Verhüllung". Die Essenz seiner Lehre: Das Brahman (absolutes Sein - Bewusstsein - Seligkeit) ist real. Das Weltall ist nicht real. Das Brahman und das innere Selbst (Atman) jedes Wesens sind eins. - SCHIWA (Íiva) auch Rudra, oder Maha-deva (mahådeva) d.h. der grosse Gott genannt, der Herr der Yogis, der den Schleier der Welt hinwegnimmt; Gott in seinem äusseren Aspekt als Weltzerstörer; er gilt den Chaitanya-Bhaktas als Bhakta Krischnas; von siva, selig. - SCHRI (Ír/) 1. Reichtum, Heiligkeit, Reichtum an Liebe; 2. Beiname Lakshmis, der Göttin des Reichtums. 3. Beiname Radhas. 4. Wort, das den Namen verehrungswürdiger Personen, Schriften und Institutionen vorangesetzt wird. - SHUDRA (Í*dra) Angehöriger der niedrigsten der vier wedischen Kasten, der Dienerkaste, die dem Mythus nach aus den Füßen des Weltschöpfers Brahma entsprossen ist. - SHUKA (Íuka) der Sohn Vyasas, der Sänger des Bhagavata; wörtlich Papagei. Shuka sang nach, was ihm der Vater vorgesungen hatte. - SWAMI (svåmin, svåm/) Meister oder Herrscher (seiner Sinne); einer, der sein ewiges Selbst (sva) kennt; einer, der das Selbst besitzt oder darnach strebt, es zu besitzen, ein Mönch. - UPANISCHAD (upani'ad) Geheimlehre, die als Essenz des Weda gilt, von sad, sitzen, nahebei sitzen, nahe dem Guru sitzen, der die geheime Weisheit dem auserwählten Schüler ins Ohr flüstert. - VAISHYA (vaiÍya) die dritte der vier wedischen Kasten, die Kaste der Händler, Viehzüchter, Ackerbauern, dem Mythus nach aus den Lenden des Weltschöpfers Brahma entsprossen. - VALMIKI (vålm/ki) wörtlich Ameisenhaufen, der Dichter des Epos Ramayana, das die Taten des Avatars Rama preist. Die Gurus der Kastenlosen heissen Valmiki-Gurus. - VYASA (vyåsa) ein grosser Rishi, der auch als Avatar (Íakti-åveÍa-avatåra, d. h. ein j/va, der mit der Kraft Gottes erfüllt ist) angesehen wird. Vyasa gilt als Verfasser oder Ordner der Weden, des Epos Mahabharata, zu dem die Bhagavad-gita gehört, der Puranas einschliesslich des Bhagavatpurana oder Bhagavatas und der Brahmasutras, welche in knappster Fassung die Essenz der Upanischaden enthalten. - WEDISCHES SCHRIFTTUM von vid, wissen. Der Weda ist "das heilige Wissen", umfasst die Gesamtheit der von den Indern für übermenschlich und inspiriert gehaltenen Schriften und gliedert sich in vier Abteilungen. Sie sind 1. RigWeda, der Weda der Verse, 2. SamaWeda, der Weda der Gesänge, 3. YajurWeda, der Weda der Opfersprüche, 4. AtharvaWeda, nach Atharvan, einem mythischen Priester der Vorzeit, so benannt (Nach Deussen). Die Upanischaden oder Wedanta (Ende des Weda) sind ein Teil des Weda. Ausser den genannten Schriften des Weda im engeren Sinn oder Schruti (Offenbarung durch den göttlichen Klang), zählen die Inder zum Weda noch eine grössere Anzahl weiterer Schriften, die sie Smriti (Erinnerung) nennen. Dazu gehören nach Madhusudana Sarasvatis (1.100 nach Chr.) Schriften über Lautlehre, Dramatik, Erklärung der Mantrabegriffe, ein Wörterbuch über die Synonyme, Schriften über Metrik, Astronomie, Zeremoniell, Hausleben, Initiation, Logik, Opfer, Recht und Sitte, Geschichte, Yoga, Gottesverehrung, Medizin, Liebesleben, Kriegswissenschaft, Gesang, Tanz, Musik, Lebensklugheit, Pferdebehandlung, Handwerk, Kochkunst und die "übrigen vierundsechzig Künste" usw. Vor allem gehören noch dazu die den Weda erklärenden achtzehn Puranas (Das Wort Purana heisst alt, von den Chaitanya-Bhaktas wird es mit purna Fülle in Zusammenhang gebracht). Von den Puranas stehen den Bhaktas das Bhagavatpurana, Wischnupurana, Padmapurana, Naradiyapurana, besonders nah. Auch die Bhagavad-gita oder Gita-upanischad wird Wort Gottes (Schri-mukha-vakya) genannt. Gott sprach: "Im Laufe der Zeit, zur Zeit der Weltauflösung, ist die Stimme, (die Sprache, das Wort, die Flöte) die als Weda bekannt ist, verlorengegangen. Sie wurde zuerst von mir dem Brahma, dem Schöpfer gelehrt. Von ihm wurde es seinem Sohne Manu überliefert und von diesem den anderen grossen Rishis": Bhagavata, Uddhavagita. - WISCHNU (vi"›u) der die Welt erhaltende und tragende und beschirmende Aspekt Gottes. Man unterscheidet drei Aspekte Wischnus, der, nach Anschauung der Weden, selbst wieder von Krischna ausgeht: 1. Maha-Wischnu (mahåvi"›u), das heisst der grosse Wischnu. Er weilt im "Ozean aller Ursachen". Zur Zeit der Schöpfung entströmen seinem Körper Myriaden von Universen, die, erregt durch die Kraft seines Blicks, mit unzähligen Atmas befruchtet werden. Das ist das Anheben der Schöpfung. Die Aussendung der Kraft seines Blickes bedeutet das Aussenden der Atmas, der ewigen Seelen, in das Reich der Maya. Wenn die Schöpfung wieder aufgelöst wird, gehen all die Universen in unmanifestierter Form wieder in seinen Körper ein. All die Atmas, die bis zu diesem Zeitpunkt noch immer in der Welt der Maya verstrickt sind, gehen ebenfalls in seinen Körper ein, um dort in einem tiefschlafähnlichem Zustand zu ruhen, bis die Zeit zur nächsten Schöpfung naht. 2. Ein vollständiger Teil (Erweiterung) von Maha-Wischnu steigt, ohne dass seine Fülle gemindert wird, in das Reich der Maya hinab, in jedes einzelne von zahllosen Universen. Aus seinem Nabel wächst, dem Mythus zufolge, der Lotos hervor, in welchem Brahma, der Bildner und Ordner aller Planeten und Wesen im Universum, zum Leben erwacht. 3. Ein weiterer vollständiger Teil Maha-Wischnus wird als der im "Milchmeer" weilende Wischnu bezeichnet. Dieser Wischnu stützt und trägt unser Weltall und wohnt in jedem Herzen als der Zeuge des leisesten Gedankens. "Wischnu hat drei Formen, die man Puruschas nennt. Der erste, Maha-Wischnu, ist der Schöpfer der gesamten materiellen Energie (mahat); der zweite ist Garbhodakashayi-Wischnu, der in jedem Universum weilt, und der dritte ist Kschirodakashayi-Wischnu, der im Herzen eines jeden Lebewesens weilt. Wer diese drei kennt, wird aus den Klauen Mayas befreit." Satvata Tantra
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