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Was ist eigentlich ...
Was ist Hinduismus? Der Begriff "Hinduismus" bezeichnet die Religion Indiens (von persisch: "Hindu", griechisch: "Indos" – "der Fluß Indus"), und die Anhänger dieser Religion werden als Hindus bezeichnet. Üblicherweise werden heute in Indien alle Personen zu den Hindus gezählt, die sich nicht als Muslime, Christen, Buddhisten, Jainas oder Parsen zu erkennen geben (obwohl verschiedene, aus dem "Hinduismus" hervorgegangene Religionen, sich als eigenständig verstehen (z. B. Sikhs). Die Eigenbezeichnung des "Hinduismus" ist "sanatana-dharma", "ewige (Welt-) Ordnung". Nach dem weitesten Begriff ist "Hinduismus" eine überreligiöse, tolerante Weltanschauung und Ethik, die die Gesamtheit des menschlichen Streben nach Gott umfaßt. Für die nachfolgenden Ausführungen soll dieser weiteste "Hinduismus"-Begriff zugrunde gelegt werden.
Alles ist Eins (Die Lehre der Upanishaden) Nach der Lehre bedeutender hinduistischer Texte, der Upanishaden, ist die Welt NICHT aus Nichts entstanden, sondern aus dem Einen. (Jede Wirkung muß eine Ursache haben, Seiendes kann nur aus Seiendem entstehen). Dieses Eine ist in allen Dingen und in allen Wesen vorhanden. Es ist nicht erkennbar, aber präsent. Selbst unhörbar, macht es das Hören möglich, selbst undenkbar, liegt es allem Denken zugrunde. Als Lebensträger des Menschen hängt es mit dem bewußten Selbst zusammen. Im Menschen bezeichnet man dieses Selbst als Atman (vgl. das deutsche Wort atmen). "Außerhalb" des Menschen bezeichnet man das Eine als das Brahman. Atman und Brahman sind identisch; das Eine wird symbolisiert durch die Silbe Om. Das Atman-Brahman ist die Weltseele, der Urgrund alles Seins, aus ihm ist alles hervorgegangen, zu ihm kehrt alles zurück. Die individuelle Seele (jiva) ist im Kern mit dem Brahman identisch.
Leid durch "Verschiedenheit" Die Seelen, die im Atman-Brahman verbunden sind, sind gleichzeitig Individuen (jiva). Dennoch sind die Menschen gefangen in "Verschiedenheit". Menschen unterscheiden sich durch ihr Aussehen, ihre Intelligenz, Krankheiten, Behinderungen, gesellschaftliches Umfeld, Sprache, Tradition etc. Durch die Identifikation mit diesen "Äußerlichkeiten" entsteht Leiden. Das "eigentliche Wesen" des Menschen ist jedoch von diesen Äußerlichkeiten verschieden.
Individualität und Verschiedenheit über den Tod hinaus (Karma und Wiedergeburt) Die Individualität der Seele (jiva) bleibt über den Tod hinaus bestehen. Nach dem Grundsatz, daß nichts aus dem Nichts entsteht und nichts in das Nichts verschwindet, wirkt die Vorstellung der Seele von sich selbst nach dem Tod weiter. Diese falsche Identifizierung erzwingt, daß die Seele in einem neuen Körper geboren wird. Aufgrund der Identifikation mit dem neuen Körper kann sich das Lebewesen (jiva) an seinen vorherigen Körper nicht mehr erinnern, aber alle "Äußerlichkeiten" sind durch die vorherigen Handlungen der Seele in einem anderen Körper verursacht worden. Diese "Ursache" nennt man Karma (Tätigkeit). Karma ist KEINE WILLKÜRLICHE STRAFE, sondern die Summe der Tätigkeiten des vorherigen Lebens. Karma ist mehr mit einem "Bankkonto" zu vergleichen, das ständig zwischen Plus und Minus schwankt. Anmerkung: Es gibt im Hinduismus auch Vorstellungen über ein individuelles Seelengericht und ein Weiterleben in Hölle und Paradies. Diese Bereiche sind jedoch ebenfalls dem Gesetz des Karma unterworfen. Sobald das "Konto leer" ist, verläßt die Seele diese Bereiche und wird einer neuen Geburt unterworfen. Anmerkung II: Im übrigen begegnen wir im Hinduismus dem Paradox, daß mitunter die Guten in der Hölle landen, während die Bösen in den Himmel kommen. Bei den Guten werden die Maßstäbe nämlich höher gesetzt. Das wenige Böse, daß sie an sich haben, soll noch "wegpoliert" werden. Die schlechten Menschen hingegen sind erst einmal "urlaubsreif". Schlechte Menschen sollen nach einem leidvollen Leben im Himmel die Gelegenheit bekommen, sich von all dem Leiden zu erholen, das sie sich im Leben selbst zugefügt haben.
Der Weg der Befreiung durch gute Taten (karma-yoga) Ziel des Hinduismus ist es, den Menschen vom Leiden zu befreien und zum Zustand der Einung (Yoga) zu führen. Anmerkung: Yoga bedeutet "Anschirren", wiederverbinden (mit sich Selbst oder mit Gott).Auch das lateinische Wort Religion bedeutet Wiederverbindung. In zahlreichen Sprachen wird auf den Zusammenhang von heiligen und heilen hingewiesen. Beispiel: Heil – heilen – Heiland, engl. make whole – heil oder ganz machen. Auch das englische Wort yoke (Joch) bezeichnet etwas, das verbindet. Ein Weg, die Einung zu erreichen, ist das bereits erwähnte karma-yoga, der "Pfad des Tätigseins". Karma-yoga bedeutet, Gutes zu tun und Böses zu unterlassen. Dieser Pfad ist jedoch sehr schwierig, da man einerseits durch äußere Umstände gezwungen werden kann, das Böse zu tun und da andererseits jede Tat einen Fehler in sich selbst enthält. Gute Taten sind außerdem keine Garantie, daß man vom Leiden befreit wird (Stichwort: "Ausbrennen"). Der Weg des Wissens (jñana-yoga) Ein weiterer Weg zur Befreiung vom Leiden besteht darin, sich geeignetes religiöses oder philosophisches Wissen anzueignen und im täglichen Leben danach zu handeln. (Beispiel: Man schneidet sich in den Finger – Man ruft sich ins Gedächtnis "Ich bin nicht der Körper" – Bei ungeübten Menschen läßt vielleicht nicht die Schmerzwahrnehmung, wohl aber die emotionale Aufregung über den Schmerz nach).
Der Weg zur Befreiung durch "Yoga" (dhyana-yoga) Möglich ist ebenfalls die Befreiung von Leiden durch bestimmte Übungen der körperlichen und geistigen Ertüchtigung, im Westen besser bekannt als "Yoga". Das System des "Yoga" wurde im 2. Jahrhundert vor Christus von Patanjali vereinheitlicht. Es handelt sich um ein System von Dehnungs- und Atemtechniken, die in einen bestimmten religiös-philosophischen Kontext, meist den des Samkya, eingebunden sind. Die Stufen des "Yoga" sind folgende:
Der "königliche Yoga" (raja-yoga) Hierunter verbirgt sich eine, als "Königsweg" aufgefaßte Kombination verschiedener Arten des Yoga einschließlich des noch zu erwähnenden bhakti-yoga. Hierzu ist anzumerken, daß es in der Natur der Sache liegt, daß die Pfade des Yoga ineinander einfließen und ein Sezieren weder möglich noch wünschenswert ist. Der Weg der Hingabe an einen persönlichen Gott (bhakti-yoga) Im Unterschied zu den anderen Yogas, bei denen persönliche Gefühle und Wunschvorstellungen zurückgenommen werden und ein "Einswerden" mit Gott angestrebt wird, erfordert der bhakti-yoga, der "Weg der Hingabe" eine Beziehung zu einem göttlichen "Du". Der sich Hingebende, der bhakta und die bhaktini, richtet seine Gefühle auf die Gottheit, die ihm am besten zusagt, und macht diese "erwählte Gottheit" (ishta deva) zu seinem "Ein und Alles". Hierdurch wird deutlich, daß die Gottheiten der Religion Indiens nicht voneinander getrennt sind, sondern verschiedene Aspekte desselben Einen Gottes repräsentieren (Stark vereinfacht: Aus einer Portion Knetmasse kann man alles Mögliche machen, aber es bleibt trotzdem immer Knetmasse). Ausgewählte Gottheiten der Religion Indiens So repräsentieren beispielsweise:
Das Phänomen der Bhakti ist keine Eigenheit der Religion Indiens; es ist in allen Religionen zu finden. Von vielen Religionen wird nur eine Form der Bhakti als "zulässig" gelehrt, beispielsweise die Beziehung zu Gott als Vater (Christentum) bzw. als Mutter (Marienverehrung im Christentum) oder die Beziehung Herr - Diener (Islam, Judentum). Bhakti kann jedoch in allen möglichen Formen auftreten (rasa, "Geschmack") "Ich bin der Vater dieser Welt, bin Mutter, Schöpfer, Ahnherr auch... (Bhagavad-Gita 9. 17 Übersetzung Schroeder)"Ich bin das Ziel, der Erhalter, der Meister, der Zeuge, das Zuhause, die Zuflucht und der beste Freund ..." (Bhagavad-Gita 9. 18 Übersetzung Prabhupada)
Gefahren auf dem Pfad des bhakti-yoga "Bhakti, die hingabevolle Liebe zu einem Gott, braucht ein greifbares und vorstellbares Objekt der Verehrung. Darum weist die Bhakti-Bewegung zwei Eigenheiten auf: Erstens gab und gibt es den starken Hang zur Sektenbildung, wobei zahllose Bhakti-Schulen auch diesen oder jenen Guru als göttliche Inkarnation verehren, und zweitens muß das zu verehrende Ideal für sich gegenüber seinen Anhängern völlige Exklusivität beanspruchen. Dabei kann die Gottesliebe rasch zu Fanatismus und Engstirnigkeit umschlagen." (Scholz, Schnellkurs Hinduismus, S. 76).
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