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"Bück dich, Mister ..." – Ungebetene Betrachtungen zu den Themen Krishna, Glaube und Sexualität
Um es vorweg zu nehmen: Krishna ist ein lebensfroher Gott, und am bekanntesten ist er nicht geworden als Philosoph, sondern durch seine "Streiche". Viele von Krishnas Abenteuern sind offen erotischer Natur. Daß in der Gestalt Krishnas Kind und erwachsener Mann so seltsam verwoben sind, macht einen Teil seiner Faszination aus und das Nacherzählen und Lesen seiner Abenteuer, die ja dann "nur Jungenstreiche" sind, nur noch interessanter. Ein wiederkehrendes Motiv in den Geschichten ist, daß Krishna von zahlreichen Frauen umgeben ist, von 108 jungen Mädchen beim "rasa-Tanz" (Tanz der Liebe) in Vrindavan oder mit seinen 16 108 Ehefrauen in seiner Königsstadt Dvaraka. Krishna ist ein Musiker, ein Tänzer, ein "Star", und welcher junge Mann wäre nicht gern ein Star, dem die Frauen in Scharen hinterherlaufen? Man mag ja einwenden, daß das Element, viele Frauen zu haben, charakteristisch für den Hinduismus ist, aber in dem zweiten großen Zweig der Vaishnava (Vishnu)-Religion, der Verehrung des Gottes Rama, spielt diese Element keine bedeutende Rolle. Rama, ein "erwachsener" Mann und "vorbildlicher" Ehemann (nach den Vorstellungen des Hinduismus) ist von Anfang an nur einer Frau treu und setzt sein Leben aufs Spiel, um sie zu retten. Als eine Verehrerin ihm (bzw. seinem Bruder) nachsteigt, berichtet das Epos, daß Rama (bzw. sein Bruder Lakshmana) sie entstellt, weil er nach den Sitten des Hinduismus anders einer Ehe mit ihr nicht entgehen kann. Rama und seine Gemahlin Sita werden im Hinduismus als das ideale (Ehe-) Paar dargestellt, doch auch Krishna hat eine "Haupt"-Freundin, die mit ihm zusammen ein "perfektes" Paar bildet: Radha. Wir wollen hier nicht der Frage nachgehen, warum Krishna sie sang- und klanglos verläßt, als ihn die Aufgaben der großen weiten Welt rufen, und was das mit wahrer Liebe zu tun hat. Dies hieße Äpfel mit Birnen vergleichen und würde beiden Epen unrecht tun. "Sita-Rama" ist die dauerhafte Liebe, die Liebe eines Lebens; Selbstlosigkeit, Treue und Opfermut. "Radha-Krishna" hingegen ist die Leidenschaft, das Aufgeregten, die "Verliebtheit des Augenblicks". Die leidenschaftliche Liebe von Radha und Krishna hat immer wieder die Phantasie der Mystiker und Künstler beflügelt. In Prachtausgaben des Kama-Sutra z. B. kann man Radha und Krishna beim Liebesspiel in einer Laubhütte sehen, ohne daß diese Bilder Pornographie sind. Für viele Hindus gilt die Liebe als Widerspiel des Göttlichen, bei der – anders als im Christentum – eine scharfe Trennung zwischen "dem Niederen, Fleischlichen" und dem "Höheren, dem Geist" in dieser Form nicht gezogen wird. In vielen Texten wird die Liebe zwischen Radha und Krishna anschaulich beschrieben, so im "Gita-Govinda", dem "Lied vom Kuhhirten (Krishna)", verfaßt von Jayadeva ("Ehre sei Gott") aus dem 13. Jahrhundert. Beispielsweise beschreibt Radha darin ihr Verlangen, das so stark ist wie das Brummen einer Hummel, oder ihre Hüften, die bloßgelegt werden beim Liebesspiel mit Krishna. Der Punkt ist, daß diese Texte Sakraltexte sind und von vielen Vishnuiten als solche auch gelesen werden. Als ein weiteres Beispiel möchte ich eine Passage aus einem vishnuitischen 'Gesangbuch' anführen, "Stava-mala" ("Ein Blumenkranz von Gebeten"), verfaßt von Rupa Gosvami. "Ihre Körper sind verziert, mit Flecken von rotem sindura, welches herabfiel während des Streits der stolzen Liebenden, und von den Malen ihrer Fingernägel, die sind wie Male des Liebesgottes Kama, der sie antreibt wie ein Elefantentreiber mit seinem Stock. Wie ein Paar wilder Elefanten sind sie, tief berauscht von einem Fest erotischer Liebe in einem wunderschönen Laube aus Weinranken – Ich verehre das ewig-junge, jugendliche Paar von Vraja, Shri Shri Radha-Krishna." (Rupa Gosvami, Stava-mala, Srî Vraja-navîna-yuva-dvandvåstakam, Vers 3). Der "spirituelle Wert" solcher erotischer Dichtungen ist bei Texten über Radha und Krishna ebenso umstritten wie beim "Hohen Lied" der Bibel. Häufig wird die Dichtung theologisch umgedeutet, und so wird aus dem männlichen Partner Gott und aus dem weiblichen die sich nach Gott verzehrende Seele. So geschehen mit dem "Hohen Lied", so geschieht es mit den Texten über Radha und Krishna. Der Punkt ist jedoch, daß diese Texte trotz ihrer theologischen Umdeutung romantischer und erotischer Natur sind. Der bengalische Mystiker Chaitanya, der Begründer von dem, als dessen Sproß sich im Westen die sog. "Hare-Krishna-Sekte" präsentiert, war sich dessen sehr wohl bewußt. Er wurde tief inspiriert von Jayadevas "Gita-Govinda" und beschrieb die Zustände, die er bei der mystischen Versenkung in die Liebe Radhas und Krishnas erlebte, als "honigsüßen Geschmack" (mathurya-rasa). Diese tiefe Liebesmystik geht aber einher mit der paradoxen Situation, daß in einer Religion, die eine "ideelle" Liebe zwischen einem Mann und einer Frau zum höchsten Ideal verklärt, gleichzeitig die reale Liebe zwischen Mann und Frau (und damit auch die Frauen an sich) auf geradezu erschreckende Art und Weise abgewertet wird. "Seitdem mein Geist im Dienst der Lotosfüße Sri Krishnas beschäftigt ist und ich dabei eine immer neue transzendentale Gemütsstimmung genieße, wende ich mich augenblicklich ab, sobald ich an sexuelle Beziehungen zu einer Frau denke, und ich speie auf den Gedanken." (Yamunacarya, in: Prabhupada, Bhagavad-Gita Wie Sie Ist, 1987, S. 140). Das Phänomen findet sich in verschiedenen vishnuitischen Gruppen, aber besonders findet es sich in ISKCON. Die Internationale Gemeinschaft für Krishna-Bewußtsein will uns glauben machen, die Beziehung zwischen Radha und Krishna sei nicht erotischer Natur gewesen. Wenn man Krishna auf Bildern mit jungen Mädchen sieht, so sind sie entweder Kinder und / oder voll bekleidet. Als Krishna den rasa-Tanz getanzt hat, habe er dies nicht aus Verlangen getan, sondern sei noch ein kleiner Junge gewesen, der erotische Gefühle überhaupt noch nicht empfinden konnte. Aber warum sollte ein kleiner Junge, noch dazu im Vorschulalter, überhaupt so darauf versessen sein, mit Mädchen zusammen zu sein oder gar mit ihnen zu tanzen? Das einzige, was Jungs in diesem Alter mit Mädchen machen, ist sie an den Haaren ziehen. Was sollte ein Kind davon haben, einer ganzen Gruppe halbwüchsiger Mädchen beim Baden die Kleidung zu stehlen? Warum sollte Krishna, wenn er "noch ein Kind" ist, wollen, daß sie einzeln zu ihm hinkommen, damit er sie anschauen kann? Und selbst wenn in Indien Kinderheiraten üblich sind, warum sollte ein junges Mädchen, verliebt und leidenschaftlich, nachts von ihrem Ehemann fortlaufen, entbrannt in Leidenschaft zu einem Jungen, wenn dieser lediglich ein zarter, vorpubertärer Knabe ist? Chaitanya selbst soll einen Anhänger aus seiner Gefolgschaft verstoßen haben, weil dieser einer Frau hinterhergeschaut hatte. Der verstoßene Schüler, der aus Verzweiflung darüber freiwillig in den Tod ging, bekam bei ISKCON ein eigenes Heiligenbild. Entleibt aber glücklich kommt er als Engel dahergeschwebt, ein vorbildlicher Jünger (Bild). Mit Hingabe erwähnt A. C. Prabhupada diese Episode in so ziemlich jedem seiner Bücher. Im übrigen hat Prabhupada (wie viele Hindu-Lehrer) über Frauen nicht allzuviel Gutes zu sagen, aber selbst er läßt sich gelegentlich dazu herab, die "schwellenden Hüften" oder "spitzen Brüste" der weiblichen Gestalten zu erwähnen, die die Nacherzählungen hinduistischer Mythologie in seinen Büchern bevölkern. Wesentlich interessanter erscheint mir jedoch die Tatsache, daß die Bhakti (Gottesliebe), die so leidenschaftliche Worte für Radha und Krishna findet, auch ohne Probleme bei männlichen Heiligen funktioniert. In einem Gedicht beschreibt Rupa Gosvami den Mystiker Chaitanya wie folgt: "In Strömen fließen die Tränen aus seinen Augen und benetzen den Boden, seine Glieder ziert ein Zittern, so stark, daß er Büschel blühender Kadamba-Blumen zerdrückt, sein ganzer Körper ist vom Schweiß naß, und Seligkeit erfüllt ihn, während keck dasteht und mit erhobenen Armen "Hare Krishna" singt – Wann wird Srî Caitanya Mahåprabhu endlich wieder vor meinen Augen stehen?" (Rupa Gosvami, Stava-mala, Srî Caitanyåstakam 1, Vers 8) Man möchte fast vermeinen, die Blumen riechen und das Aroma des Schweißes spüren zu können, so anschaulich ist die Schilderung. Man glaubt die Sehnsucht nachfühlen zu können, die den Schreiber bewegt. Anrührende, von tiefer Sehnsucht erfüllte Worte, doch bevor man diese Zeilen in ihrer ganzen Sinnlichkeit für die Klage einer Verliebten hält, sollte man sich ins Gedächtnis rufen, daß der Verfasser dieser Zeilen allerhöchstwahrscheinlich ein Mann war. Chaitanya duldete in seinem Umkreis keine Frauen; ein Prinzip, das "strenggläubige" Führer von ISKCON -"Führerinnen" gibt es nur in geschlechtergetrennten Tempeln - auch heute einhalten. Das Rekrutierungshandbuch von ISKCON verbietet zwar Homosexualität an sich, nicht aber die Aufnahme von Homosexuellen in den Hare-Krishna-Mönchsstand, vorausgesetzt natürlich, das diese sich durch das "Krishna-Bewußtsein" (Chanten und Selbstkontrolle) "bessern". So streng die Geschlechtertrennung bei ISKCON auch sein mag, wenn "entsagende" Mönche zusammen leben, regt dies nicht wirklich jemanden auf. Daß jemand bei ISKCON ist, muß nicht heißen, daß er schwul ist, und anders herum landet auch nicht jeder Schwule bei ISKCON, aber man muß sich doch fragen, ob nicht etwas an ISKCON dran ist, das auf Männer mit homosexueller oder transvestitischer Ausrichtung m&oul;glicherweise anziehend wirkt. Geradezu als Bestätigung scheint sich da Boy George anzubieten. Der Sänger, der 1981 in Leggings und rosenbedrucktem Schlabbershirt durch MTV hüpfte und "Willst du mir denn wirklich weh tun?"("Do you really want to hurt me") sang, ist nach dem verstorbenen George Harrison die zweite wirklich prominente Geldquelle von ISKCON. Einen bemerkenswerten Hit hatte er auf MTV Anfang der Neunziger mit radschlagenden Hare Krishnas und "Afro"-Kindern mit blauer Farbe im Gesicht. Der Song hieß "Bück dich Mister" ("Bow down mister"); ein charmantes kleines Lied, inhaltlich wie musikalisch ähnlich dem Gitarrenabend einer Rüstzeitgruppe; aber für Boy George war es ein internationaler Erfolg und für ISKCON ein dreieinhalbminütiger, professionell gemachter Werbeclip. Noch immer zeigt sich Boy George in Make-up, bunter Kleidung und falschen Wimpern; aber niemand kann sagen, ob diese Aufmachung ein Teil seiner Persönlichkeit ist oder lediglich ein wohlkalkulierter Werbetrick. Erwiesen ist hingegen, daß auffällig viele hochrangige ISKCON-Führer homosexuell waren, so Keith Ham und Howard Wheeler. Offiziell verwehrt sich ISKCON massivst gegen Homosexualität und verbietet sie ihren Anhängern als sündhaft; dies hat sie mit der katholischen Kirche gemeinsam. Außenstehende mag es überraschen, daß bei ISKCON "eigentliche" Gott – also derjenige, dem die meiste Verehrung entgegenschlägt - nicht Krishna ist, sondern der als seine Wiederverkörperung geltende Mystiker Chaitanya (wenn man von Prabhupada, der vielgeliebt wird, aber [noch?] kein Gott ist, einmal absieht ...). Das Götterbild von Krishna und seiner Freundin Radha ist "ISKCON-intern" nur den "Fortgeschrittensten" zur Verehrung freigegeben; dem unbedarften Gläubigen hingegen wird anstelle von "Mann" und "Frau" das Bild zweier Männer "empfohlen". "Keine Vergehen" bringt die Verehrung von Chaitanya und seines Hauptjüngers Nityananda; zu zweit ("Gaura-Nitai") oder zusammen mit drei weiteren männlichen Jüngern (als "pancha-tattva", "fünf Elemente") bilden Chaitanya (in Gold) und sein liebster Gefährte (in Blau) den Mittelpunkt orthodoxer Hare-Krishna-Altäre. Auch auf zahlreichen anderen Bildern, auf denen Frauen an den Rand gedrängt sind oder überhaupt nicht auftauchen, sind die Attraktion bunt gekleidete und geschminkte junge Männer, deren Geschlecht für unvoreingenommene Betrachter unter Perlenketten, Khol und Seidentüchern auf den ersten Blick nur selten eindeutig zu erkennen ist. Chaitanya war ein Asket und hat, wie viele Asketen, sicherlich den Kopf geschoren gehabt; dies hindert die Künstler aber nicht daran, ihn wunderschönem langem Haar darzustellen. Wie gesagt, dies ist kein "Beleg". Was "doppeldeutig" ist, hängt auch davon ab, ob der Betrachter diese Bedeutung überhaupt "sehen" will. Aber da in unserer Gesellschaft Homosexualität ein Tabu ist und dennoch existiert, hat diese Lebensform immer wieder Möglichkeiten gefunden, sich unterschwellig auszudrücken. Als ein weiteres Beispiel dieses: Was sehen Sie? Eine vorwärts stürmende männliche Gestalt, am Gürtel gepackt von einem anderen Mann, der hinter ihm kniet. Der Mann auf Knien versucht, den Vorwärtsstürmenden am Laufen zu hindern, aber die Geste, mit der er ihm den Arm um die Taille gelegt hat, ist läppisch und kraftlos, man möchte fast sagen zärtlich. Der andere Arm hat sich um das Knie gelegt; durch den seltsamen Fall des Gewandes könnte man fast meinen, die Hand verschwinde im Schritt. Wie gesagt, es ist eine subjektive Wahrnehmung, aber ist es überhaupt möglich, daß ein Mann einen anderen Mann überhaupt so zu fassen bekommt? Welcher "durchschnittliche" Mann würde einen derartig intimen Griff dulden? Last but not least, das traurige Thema Kindesmißbrauch. Ein Bild zeigt Vishnu, den Gott der Barmherzigkeit, spielend mit lauter kleinen Kindern. Es sind – wie auf so vielen ISKCON-Bildern – ausschließlich kleine Jungs; fröhlich leuchten ihre kleinen nackten Hintern. Wie gesagt, auch dies ist kein "Beleg", aber Mißbrauchsfälle hat es in ISKCON so viele gegeben, daß die Opfer gegen die Organisation im Jahre 2000 eine Sammelkläge angestrengt haben. Unter diesem Gesichtspunkt wirkt das Bild vom "netten Onkel" geradezu zynisch. Es ist nicht meine Absicht, darüber zu befinden, ob jemand "straight", "schwul" oder abstinent leben soll. Es ist das höchstpersönliche Recht eines jeden, darüber selbst zu entscheiden, solange niemand gefährdet wird. Aber was die Frauen betrifft, nur wenige sind bereit, sich auf eine Organisation, die ihnen ihre grundlegenden Rechte beschneiden will, auch tatsächlich einzulassen, und nicht wenige von denjenigen, die es getan haben, streben nach einer Neudefinition ihrer Rolle. Wie dies ausgeht, vermag ich nicht zu beurteilen, aber wie auch immer es sein mag – eine Organisation, die anderen beständig einen Mangel an sittlichem Verhalten predigt, sollte bestrebt sein, diese selbst gesteckten hohen Maßstäbe auch tatsächlich einzuhalten. Kontakt / Deadlink melden Index
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