philo-cafe
einladung
termine
kommentar
bilder von uns......
links
Thema: Leben

www.counter-kostenlos.net 

Thema: Leben

10.04.2007

Was ist Leben?                           Dr. Gerhard Steinborn, Berlin im Mai 2004

 

Die Frage setzt sich aus drei Fragen zusammen:

1. Worin unterscheidet sich Lebendiges vom Leben?

2. Wie funktioniert das Lebendige?

3. Ist Leben mehr als funktionierende Existenz?

 

1. Die Unterschiedskriterien

Die erste Frage hat die Menschen seit Urzeiten beschäftigt, die ersten Antworten waren Vermutungen, die im Mythen einflossen. Dann begannen im Altertum die Philosophen die Wahrscheinlichkeit der Meinungen zu diskutieren. Philosophie ist eine Methode der Problemlösung durch Vergleich und Analyse, bei der regelmäßige Beziehungen an Phänomenen festgestellt und Ordnungen daraus abgeleitet werden. Man erkannte was funktioniert, aber nur selten wie und warum, weil die dafür erforderlichen Untersuchungsmethoden und Meßapparate nicht vorhanden waren.

 

Wir beschränken uns in dieser Übersicht auf die griechische Tradition. Als Beispiel für die Vorgehensweise erwähne ich die Argumentation des Hippokrates. Dieser stellt die verschiedenen Meinungen zu der Frage “welche Substanz oder welches Organ läßt uns denken?” einander gegenüber und entschied sich für das Gehirn, denn beim Ausfall der anderen Funktionen z.B. der Atmung oder beim Blutverlust kann man auch noch eine kurze Zeit weiter denken. Ein nachprüfbares Wenn-Dann-Verhältnis entscheidet über die Wahrscheinlichkeit oder Wahrheit einer Aussage.

Die Philosophen haben sich mit der ersten und mit der dritten Frage befaßt, die zweite wurde erst in der Neuzeit von den Biologen beantwortet. Die Frage, was ist Leben, kann man scherzhaft beantworten: Das Leben ist ein Auto, denn das griechische Wort Auto bedeutet “von selbst” und die Philosophen definierten das Leben als das “sich selbst Bewegende”.

Im Unterschied zu unbelebten Objekten gibt es bei Lebewesen eine Vielzahl von Aktionen und Funktionen, die ohne äußeren Anstoß oder Antrieb ablaufen.

a. Die erste vermutlich schon von den Urmenschen beobachtete Eigenheit des Lebens ist selbstbestimmte Bewegung.

Tiere bewegen sich im Raum und wechseln ihren Ort, Pflanzen bewegen sich in der Zeit, indem sie zum Licht hin wachsen. Sand und Steine werden dagegen von außen bewegt durch Wind und Wasser oder Lebewesen.

b. Lebewesen Wachsen, dieses Kriterium ist nicht eindeutig. Schon im Altertum beobachteten Naturforscher das Wachstum der Kristalle. Heute kennen wir Lebewesen, die Viren, die kristalline Form annehmen können. Man sieht in den Viren Übergangsformen vom Leblosen zum Lebendigen. Vermutlich haben Kristalle mit ihren Schwingungen die mit Kometen auf die Erde gekommenen Aminosäuren angeregt, sich zu komplexen Strukturen zu verbinden, die sich selbst reproduzieren können. Kristalle wirken noch heute auf Lebewesen ein, z.B. Eisenkristalle im Gehirn von Vögeln, die wie ein Kompaß wirken und ihnen helfen, sich zu orientieren.

c. Lebewesen enthalten stets große Moleküle, die eine bestimmte Struktur haben, welche die Chemiker der Neuzeit als organisch bezeichneten. Solche Moleküle werden heute künstlich hergestellt z.B. Harnsäure oder Essigsäure. Dieses Kriterium einer Voraussetzung alles Lebendigen kannte man im Altertum noch nicht.

d. Ein leicht zu beobachtendes Kriterium des Lebendigen ist die arttypische Formkonstanz. Eine Eiche unterscheidet sich deutlich von einer Tanne und ein Elefant von einem Löwen.

Diese Gestalt ändert sich nicht beim Aufwachsen und ist im Ei oder im Pflanzensamen schon angelegt.

Unbelebte Objekte werden von außen, meist durch Wind und Wasser geformt.

e. Die Vermehrung, welche eine Vielzahl von gleichgestalteten Lebewesen hervorbringt, hat in der unbelebten Natur keine Entsprechung. Kristalle bilden nur Ableger, wenn sie durch mechanische Einwirkung von außen zerbrochen werden.

f. In Lebewesen fließen selbstproduzierte Säfte. Das sieht man als Blut bei verschiedenen Tieren und Menschen, als Pflanzensaft bei abgebrochenen Pflanzen. Alle Wirbeltiere haben einen Blutkreislauf, nur die Viren haben keine eigenen Säfte sondern nutzen jene ihrer Wirte.

g. Das Leben ist charakterisiert durch willensgesteuerte Aktivität. Ein Löwe erhebt sich nicht nur, wenn er seine Beute riecht oder sieht, sondern auch wenn er Hunger hat und nach diesen Reizen sucht. Jeder Säugling wendet sich von Anfang an der Umwelt zu, will etwas bewirken und hat Interesse an Interaktion. Wenn dieser Impuls in der Kindheit auf keine Resonanz stößt und verkümmert, ist ein Mensch nicht richtig lebendig.

h. Leben ist also eine untereinander verbundene Vielzahl von Kriterien, in den meisten Lebewesen sind diese in bestimmten Organen konzentriert. Tiere und Pflanzen sind strukturierte Ganzheiten, die mehr sind als die Summe ihrer Teile.

 

2. Die Funktion des Lebens

Die Antwort auf die zweite Frage: wie funktioniert Leben? Dies setzt eine Untersuchung der Organe voraus, die im Altertum mehr symbolisch als funktional gesehen wurden. Die symbolische Zuordnung hat mit der funktionalen wenig oder nichts zu tun. Daher waren die Meinungen im Altertum überwiegend spekulativ und unzutreffend. Die empirische Klärung begann 1268, damals beschrieb der arabische Arzt Ibn An-Nafis den Lungenkreislauf des Blutes. Aber, daß das Blut Sauerstoff aus den Lungen in alle Teile des Körpers bringt, das erkannte man erst wesentlich später durch anatomische Experimente mit Tieren. Der Londoner Arzt William Harvey entdeckte 1626 die Pumpfunktion des Herzens mit Venen und Arterien. Die Arterien bewegen beim Menschen das Blut von Herzen weg und die Venen zum Herzen hin, arterielles und venöses Blut unterscheidet sich chemisch z.T. auch in der Farbe. Beim Menschen gibt es zwei untereinander verbundene Kreisläufe: den kleinen oder auch Lungenkreislauf und den großen oder auch Körperkreislauf.

Embryonen haben einen ähnlichen Kreislauf wie Amphibien - ihre Herzkammerscheidewand ist nicht vollständig geschlossen, venöses und arterielles Blut vermischt sich. Wenn diese Trennung nicht bis zur Geburt erfolgt ist, besteht Lebensgefahr, weil das Herz nicht mit genügend Sauerstoff versorgt wird. Vor etwa Hundertmillionen Jahren haben unsere stammesgeschichtlichen Vorfahren noch mit einem Minimum von Hirn gelebt wie die Amphibien und brauchten nicht so viel Sauerstoff .

Alle Funktions-Organe sind bei den Lebewesen in einer homöostatischen Struktur gekoppelt, d.h. ein optimaler Zustand wird aufrechterhalten. Wie die Wechselwirkungen ablaufen hat z.B. Pfarrer Kneipp erforscht und auf dieser Grundlage eine Kur mit Eimer, Schöpfkelle und Gießkanne gegen den Widerstand vieler damaliger Mediziner eingeführt. Die Wirkung beruht darauf, daß Reizsignale in miteinander verbundenen Nervenbahnen sich im Rückenmark und im Gehirn kreuzen und Reaktionen des Körpers auslösen - nicht nur an jenen Stellen, die von einem Kältereiz angeregt werden, sondern auch in anderen Regionen des Organismus. Nach einem kalten Knieguß steigt reflektorisch die Durchblutung in den Händen. Ein Armbad mit steigender Temperatur fördert die Durchblutung der Unterschenkel, warme Fußbäder erweitern die Blutgefäße in der Nasenschleimhaut und kalte Nackenwickel und kalte Gesichtsgüsse verbessern die Gehirnleistungen.

In den letzten Jahrzehnten wurden die Schaltungen im Nervensystem erforscht. So kam man zu der Definition: Leben ist Programm. Aber es gibt zwei konkurrierende und z.T. kooperierende Programme in allen Lebewesen mit einem komplexen, sich durch Lernprozesse verändernden Nervensystem. Hier muß sich ein Denkprogramm mit einem stammesgeschichtlichen älteren genetischen Programm auseinandersetzen und arrangieren. Niedere Tiere haben nur eine genetisches Programm. Die Aussage: “Leben ist Information” ist ungenau, denn nur im Bezugssystem eines Programms kann eine Information (z.B.: ein Sinneseindruck oder eine Stimmung) etwas bewirken, das dann in programmierten Bahnen abläuft!

Das genetische Programm steht am Ursprung des Lebens, steuert die Ausbildung aller Organe und aller Verhaltensweisen, die nicht vom Gehirn kontrolliert werden.

Vermutlich entstand das Gehirn als Kontrollorgan der Bewegung, die im Laufe der Evolution immer schneller und differenzierter werden mußte, damit die Jäger ihre Beute fangen und die Beutetiere ihren Jägern entkommen konnten. Dazu reichten von Genen gesteuerte Reflexe nicht aus. So entstand das zweite konkurrierende Programm des Bewußtseins und des Willens.

Im Februar 1953 wurde durch Creck und Watson der Aufbau des Makromoleküls DNA erforscht und RNA entdeckt. Alle Lebewesen haben DNA oder RNA oder beides. Dies ist die moderne biochemische Definition des Lebens.

Das Leben ist also ein “programmiertes Auto” mit genetischen und Denk-Programmen.

Im Unterschied zu einem Mechanismus ist die biologische Steuerung immer multikausal. An jeder Reaktion sind mehrere Faktoren beteiligt, es gibt kein einfaches und eindeutiges Ein- und Ausschalten wie beim Computer.

 

In der Technik gibt es ein Prinzip der Einfachheit, d.h. der Material und Energie spendenden Einwegverbindungen, in der Biologie das Prinzip der Mehrfach- und Mehrwegverbindungen. Dadurch wird das Funktionieren der Organe auch dann gesichert, wenn ein Teil ausfällt, dann gehen die Programme automatisch auf Umwege. Wenn dagegen bei einem PKW oder LKW eine Leitung defekt ist oder eine Schraube fehlt, ist das ganze Ding nicht mehr fahrbereit. Das Steuerungsprinzip des Lebens heißt Wechselwirkung in festen Bahnen. Ein und das selbe Protein kann, je nachdem an welches Oberflächenprotein es andockt (Kontakt aufnimmt) -man nennt dies einen Rezeptor-, entweder das Überleben und Wachstum der betreffenden Zelle anregen und sichern, ihr den Tod bringen oder das weitere Wachstum bremsen. Ein Druckreiz kann die Produktion von Hormonen oder Enzymen anregen. Dann geht die Wirkung von der Nervenbahn auf die Blutbahn oder Lymphbahn über. Die komplizierten Umwegschaltungen der Programme geben dem Leben Sicherheit. Alles ist “doppelt und dreifach gesichert”. Nur Viren sind Einbahn-Mechanismen. Deshalb sind sie ebenso reparaturanfällig wie Maschinen. Aber sie haben die Fähigkeit, sich mit zufällig aus den Wirtszellen aufgenommenen Gen-Schnipseln zu reparieren, wenn sie zufällig auf etwas passendes stoßen. Tausende von Viren werden jeden Tag in unserem Körper zu Schrott, bis eines sich passend” zusammenpfuscht und vermehrt. Dadurch wandelt sich z.B. Vogelgrippe in eine Menschengrippe um. Der viele Bioschrott wird von uns mit dem Stoffwechsel ausgeschieden, ohne daß wir das überhaupt merken. Viren sind Schrott produzierender Schrott, der sich in die Programme der Zellen einschaltet und die Steuerung übernimmt. Das einzige, was wir dagegen tun können, ist mit relativ harmlosen Schrott dem gefährlichen Schrott den Zugang zu versperren (z.B. durch Impfungen und durch unser Immun System, das passenden Sperrmüll produziert). Alle Lebewesen haben ein funktionierendes Müll-Management. Wenn das nicht funktioniert, müssen wir sterben. Wir Menschen haben noch zusätzliche Probleme mit dem mentalen Schrott der Ideologien und dem mentalen Müll der Werbung.

Wohin fährt unser Auto? Worauf läuft das Ganze hinaus?

In einem Überblick der Evolution (der Stammesgeschichte aller Lebewesen) sehen wir ein Hin und Her, ein völliges Durcheinander, ein Nebeneinander von Tendenzen. Wenn wir nach einer Gemeinsamkeit suchen, einer Art Quersumme, so gibt es nur eines: die Zunahme an Komplexität

 

3. Der Lebenssinn

Wenn wir fragen: was soll das Leben, speziell das menschliche, so gibt es für die vielen unterschiedlichen Ziele der Individuen auch nur eine Quersumme: die Zunahme an Komplexität, das innere Wachstum - eine individuell Variante und Intensivierung der Evolution. Daneben gibt es genau wie in der Biologie eine Vielzahl von Tendenzen, aus denen die Interessen das Passende aussuchen. Wir wollen nicht nur eine funktionierende Existenz sondern eine befriedigende, nämlich eine subjektiv als wertvoll erlebte Wunscherfüllung, d.h. Lebensqualität. Wir ersehnen eine insgesamt positive Bilanz zukünftiger Lebensqualität. Dafür leben wir. Ein bloßes Überleben, das keine Hoffnung läßt, jemals wieder ein Leben führen zu können, das subjektiv als lebenswert empfunden wird, wäre kein eigenständiger Wert. Wer zu dieser Konsequenz gelangt, verzichtet auf ein wertloses Leben. Das Leben als Nutzen-Kosten-Bilanz ist für die meisten Tiere negativ. Ein typisches tierisches Individuum jeglicher Art ist in der Natur dazu bestimmt, zu verhungern, gefressen zu werden oder erfolglos um einen Geschlechtspartner zu kämpfen. Solch eine Bilanz will kein denkender Mensch für sich akzeptieren, das Leben soll beglückend sein. Das ist der Kern der Philosophie des Epikur und das heißt das Leben der konsequenten Denker ist ein bedingtes Leben. Ein unbedingtes, wie es die Tiere führen, können und wollen wir nicht ertragen. Daß es ein unbedingtes Leben mit negativer Bilanz überhaupt geben kann, ist durch die genetische Programmierung bedingt, die zufallsabhängig und sinnlos ist. Nur durch den Sinn, den wir dem Leben selber geben, lohnt es sich überhaupt zu leben. Was sein Lebenssinn ist muß jeder für sich selbst herausfinden. Dadurch entstehen die vielen Richtungen des individuellen menschlichen Lebens.

Die Entwicklungsichtungen des tierischen Lebens werden vom Zufall bestimmt. Wenn wir uns über uns selbst nicht im Klaren sind, ist auch unser Leben zufällig. Man muß herausfinden, wofür man auf der Welt ist, welche Aufgabe man individuell hat. Meine Aufgabe ist es Klarheit zu schaffen und Ungewißheit zu vertreiben. Wenn ich das nicht tun würde, hätte ich umsonst gelebt. Die Tiere und Pflanzen haben nur eine kollektive Aufgabe, Bewußte Wesen entstehen zu lassen, welche diese Wahl treffen können. Auf diesem Planeten und zu dieser Zeit ist also der Mensch das Ziel des Lebens. Er kann aber ersetzt werden oder durch die Evolution andere Arten an seine Seite bekommen. Lebensschutz hat vor allem den Sinn, diese Möglichkeit nicht zu behindern.

16. August 2004

[philo-cafe] [einladung] [termine] [kommentar] [bilder von uns......] [links] [Thema: Leben]

1