Die Zeit (Österreichausgabe)

Kinder an die Waffen

VON THOMAS BREZINA

Aus der Zeit vom 26. 10. 2006 (Artikel)

Wenn Kriegsgerät wie Spielzeug ausgestellt wird, werden Gewalt und Tod verharmlost. Ein Einspruch.

Die Mein Vater war im Zweiten Weltkrieg. Als Medizinstudent wurde er zum Dienst im Lazarett eingezogen. Später erzählte er uns Kindern, meinem Bruder und mir, von dieser Zeit. Noch nach Jahrzehnten war er erschüttert von dem Leid und der Not, die er hatte miterleben müssen. Er malte keine Schreckensbilder, sondern drückte seine tiefe Betroffenheit aus. Der Krieg war für ihn gestohlene Lebenszeit.

Kriegsspielzeug habe ich von meinen Eltern nie bekommen. Da alle rund um mich herum aber Spielzeuggewehre und Spielzeugpistolen hatten, kaufte ich mir von meinem Taschengeld auch einmal einen kleinen Revolver und Platzpatronen. Meine Eltern fanden es heraus, aber sie nahmen mir die Anschaffung weder weg, noch wurde sie mir verboten. Allerdings zeigten mir meine Eltern klar und deutlich ihr Missfallen und führten mir vor Augen, dass Waffen im Endeffekt immer gebaut werden, um zu töten. Zum Spaß spielt man nicht, jemanden zu erschießen.

Hat mich diese Haltung meiner Eltern geprägt? Diese Frage kann ich mit einem überzeugten Ja beantworten.

Vor einiger Zeit, bei einer Lesung aus meinem Kunstbuch über Leonardo da Vinci, kam ich an eine Stelle, an der ich die berühmten Skizzen seiner visionären Erfindungen herzeigte. Die Zuhörer konnten raten, welche Geräte und Maschinen, die wir heute alle bereits haben, Leonardo schon vor 500 Jahren erdacht hat. Darunter befindet sich auch die Zeichnung eines großen, runden Objekts auf Rollen, das die meisten Kinder für ein Ufo halten. Tatsächlich ist es die Skizze eines Panzers. Unter all den Kriegsmaschinen mit drehenden Sensenrädern und anderen Grausamkeiten, die er erfunden hat, bestimmt ein eher harmloses Stück.

Als ich davon erzählte, kam aus dem Publikum ein bewunderndes und sehr selbstverständliches »Cool!«.

Einen Moment lang verschlug es mir die Sprache. Eine belehrende Bemerkung, dass Kriegsmaschinen doch niemals cool sein können, verschluckte ich gerade noch. Meine Reaktion kam mehr aus dem Bauch als aus dem Kopf: Ich sprach über meine Verwunderung, die ich bei meinen Recherchen zu dem Buch empfand, als ich herausfand, dass Leonardo da Vinci, der große Naturwissenschaftler und Maler des berühmtesten Bildes der Welt, der Mona Lisa, so viele Kriegsgeräte erfunden hatte. Hatte der Wert des Lebens für ihn keine Bedeutung?

Im Publikum – vierte Klasse Grundschule – war es sehr still geworden.

Ich gab dann die Erklärung: Die Herrscher und Könige, für die er tätig war, zahlten lieber für die Zeichnungen von Kampfgeräten als für Gemälde. Leonardo verdiente damit sein Geld.

Sind Panzer und Waffen für Kinder cool?

Eine allgemein gültige Antwort auf diese Frage gibt es sicher nicht.

Auf manche Jungen, wie auch auf ihre Väter, üben Kriegsgeräte wie Panzer und Abfangjäger eine Faszination aus, sind sie doch ein Symbol für Kraft, Macht und Leistung.

Wer sich ohne rosarote Brille an seine Kindheit zurückerinnert, der wird immer wieder auf ein Gefühl der Unterlegenheit und Machtlosigkeit stoßen. Kleinkinder lieben es, auf den Schultern der Eltern zu reiten und endlich einmal auf die Welt hinabschauen zu können und nicht immer zu allen hochblicken zu müssen.

Welches Gefühl aber wird Kindern beim Anblick von Kriegsgerät vermittelt, das anlässlich des Nationalfeiertags auf dem Heldenplatz, einem prachtvollen Platz, umgeben von Prunkbauten und zwischen den Reiterdenkmälern großer Feldherren in einer gepflegten Parklandschaft, zur Schau gestellt wird? Werden diese Kinder später mit den ausgestellten Objekten verbinden, dass Panzer irgendwann immer Not, Leid, Tote, Zerstörung bringen – oder wird in ihnen die Faszination für die Kraft geweckt, die unter dem dicken Blech steckt?

Wird dadurch in ihren Köpfen und in ihrer Gefühlswelt Krieg zu etwas, das einen spielerischen Charakter hat? Kann es sein, dass die Kriegsgeräte, die an einem Herbstnachmittag präsentiert werden wie die neuen Modelle bei einer Automobilschau, bewundernswert erscheinen?

Wird die Tatsache, dass Krieg Leid, Vernichtung, Tod und Verstümmelung mit sich bringt, durch eine solche Zurschaustellung verharmlost?

Die Befürworter der Schau werden als Argument sofort die Bedeutung der Landesverteidigung anführen. Bei allem Verständnis dafür bleiben aber Kriegsgeräte Waffen, die Gewalt ausüben und einem Gegner androhen, sein Leben zu vernichten. Leben aber ist das höchste Gut der Menschen. Waffe bleibt Waffe und hat immer mit Vernichtung zu tun, ganz egal, in welchem Zusammenhang und mit welcher Bedeutung sie präsentiert wird.

Begeistern soll und kann, was ein Heer in Friedenszeiten leistet, wie wertvoll der Einsatz in Katastrophenfällen ist und welche Bedeutung die richtige Ausbildung, Ausrüstung und Disziplin haben. Kriegsgeräte aber fast wie Riesenspielzeuge, wie Wirklichkeit gewordene Plastikmodelle, vorzuführen, zu denen es im Spielwarengeschäft Bausätze für ein paar Euro gibt, ist ein Signal, das die zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen, die auf der Welt toben, verniedlicht.

Es ist die Abstumpfung, die so gefährlich ist. Wir Erwachsene, denen in den Nachrichten jeden Tag die Zahlen über Tote in Kriegsgebieten oder Katastrophenzonen mit der gleichen sachlichen und ausdruckslosen Stimme vorgelesen werden wie die Wettervorhersage für den nächsten Tag, verbinden mit diesen Meldungen doch kaum noch das menschliche Leid, das sie bedeuten. Die Schauplätze sind fern und fremd, die betroffenen Menschen sind es auch. Es sind abstrakte Ziffern, die da an unseren Ohren vorbeirauschen.

Wenn es um das Thema Lesen geht, wird immer betont, wie wichtig es ist, dass Eltern ihren Kindern vorlesen. Kinder, deren Eltern rauchen, greifen aus Nachahmungstrieb schneller und früher zur Zigarette. Erwachsene finden Zugang zu klassischer Musik fast nur, wenn sie bereits als kleine Kinder damit in Kontakt gekommen sind.

Warum sollte es beim Thema Frieden, Schutz des Lebens und Respekt vor dem Leben anders sein?

Als im August dieses Jahres alle Nachrichten über das glückliche Auftauchen von Natascha Kampusch berichteten und die Entführung im weißen Lieferwagen oftmals aufgerollt und besprochen wurde, entwickelten viele Kinder Angst vor weißen Lieferwagen. Der lange Leidensweg des Mädchens war ihnen nachvollziehbar, weil die größte Furcht jedes Kindes darin besteht, von seinen Eltern getrennt zu werden. Weiße Lieferwagen erschienen auf einmal als Gefahr.

Dieses Beispiel zeigt doch, wie die Gefühle von Kindern von Ereignissen und Gegenständen beeinflusst werden, zu denen sie einen emotionellen Bezug herstellen.

Es bringt ganz bestimmt nichts, Kinder jahrelang in Watte zu packen und vor den traurigen, zerstörerischen und schrecklichen Seiten des Lebens abzuschirmen. Offenheit, Klarheit und Ehrlichkeit im Umgang mit Kindern machen sich bezahlt. Damit ist nicht gemeint, ihnen Angst zu machen. Es war die Betroffenheit in der Stimme meines Vaters, wenn er über den Krieg sprach, die für mich die Bedeutung von Frieden fühlbar gemacht hat.

Es gilt, die Sensibilität der Kinder für das, was recht ist, zu schützen und zu stärken. Leid, Krieg, Vernichtung dürfen nie verharmlost werden. So wenig sinnvoll es ist, Kinder in Angst und Schrecken zu versetzen, weil sie aus Selbstschutz einfach innerlich zumachen werden, so wenig kann es angehen, bei diesem Thema eine Atmosphäre der Alltäglichkeit und den Hauch des Gloriosen aufkommen zu lassen.

Das Beispiel, das Erwachsene geben, besitzt einen Wert, der nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Es ist Hochmut zu glauben, dass Kinder »geformt« werden könnten. Schon ein Baby hat seine eigene Persönlichkeit, die gefördert werden will. Gute Erziehung sehe ich als ein Erlernen der Spielregeln für den sicheren Umgang mit anderen im Zusammenleben. Das aber ist nur die Basis für ein glückliches Leben. Freude am Leben und den Wert des Daseins bekommen Kinder durch das lebendige Vorbild der Eltern vermittelt. Es sind die Faszination und die Begeisterung für die Welt, für die Natur, für die Wunder, die uns umgeben, und für die großen Möglichkeiten, die jeder Mensch auf seine Weise hat, die dem späteren Erwachsenen den Weg zu einem erfüllten Leben weisen.

Am Nationalfeiertag fährt das Bundesheer jedes Jahr schweres Gerät am Heldenplatz auf. Hubschrauber, Panzer und Kampfjets locken auch Hundertausende Kinder an. Taugt ein waffenstarrender Abenteuerspielplatz tatsächlich dazu, jungen Österreichern die Werte einer friedlichen Gesellschaft näher zu bringen?

Thomas Brezina, 43, ist einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Kinderbuchautoren. Bisher hat der Wiener mehr als 400 Bücher mit einer Gesamtauflage von dreißig Millionen geschrieben, die in 33 Sprachen übersetzt wurden.

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