Ingo Sundmacher, Von Quanten und unsterblichen Soldaten. Zeit- und Raumaspekte bei Ib Michael, Tübingen 2002, 153 Seiten.

Von Quanten und unsterblichen Soldaten

Die Arbeit behandelt einige wichtige Grundzüge im Gesamtwerk Ib Michaels. Dazu gehören einerseits der Magische Realismus, den er als ausgebildeter Ethnologe mit südamerikanischen indigenen Mythen und fernöstlichen Denkweisen verbindet, andererseits der neueren Physik und da vor allem der Komplementarität, einem Phänomen der Quantentheorie. Beiden Seiten gemeinsam ist eine spezifische Betrachtung von Zeit und Raum: Je nach Standpunkt des Betrachters verändern sich Zeit und Raum im Bezug aufeinander und können bzw. müssen unterschiedlich bewertet werden. Dies steht im zusammenhang mit einem Dualismus, der sich ebenfalls auf beiden Seiten finden läßt. Auch die Gegenüberstellung von Mythen und Naturwissenschaft, die Ib Michael hier vornimmt, beinhaltet einen solchen Dualismus.

Durch das ganze Werk Ib Michaels hindurch wird dieser Dualismus und sein besonderes Verhältnis zu Zeit und Raum durch die immer wieder in verschiedener Gestalt auftauchende Figur des unsterblichen Soldaten personifiziert. Diese Figur bindet nicht nur die einzelnen (vor allem) Romane aneinander, indem sie immer wieder Züge trägt, die einen bestimmten Wiedererkennungswert haben, sie steht auch mit dem Autor selbst in Verbindung, der darüber hinaus immer weder sich selbst als Ich-Erzähler konkret in die Handlung einbaut. Hier besteht ein weiterer Dualismus in Fiktion und Realität. Nicht zuletzt daraus ergibt sich ein Kernthema seines Werkes: die Frage nach Identität.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich unter diesen Gesichtspunkten mit Magischem Realismus und Komplementarität, um an Hand eigener literaturtheoretischer Überlegungen Ib Michaels deren Bedeutung für seine Arbeit darzustellen. Nach einer Untersuchung der Figur des unsterblichen Soldaten im Gesamtwerk werden die beschriebenen zusammenhänge exemplarisch an dem Roman Kejserfortællingen - dessen Hauptfigur der unsterbliche Soldat ist - untersucht.

Die Arbeit ist über die Universitätsbibliothek Tübingen kostenlos als pdf-Datei abrufbar.


Ingo Sundmacher, Nikolaus Noël, in: B. Rodik & R. Wissdorf (Hrsg.), Weihnachtszauber, Bastei Lübbe, 2001 (ISBN 3-404-14630-1)

Weihnachtszauber

"Die Nacht war dunkel, und Schnee fiel leise in dicken feuchten Flocken, die nicht liegen bleiben würden. Kein Laut drang aus der kleinen Stadt herauf zum Fenster des Stationszimmers. Die Stadt feierte Heiligabend, und nur wer unbedingt musste, war jetzt noch auf der Straße. Nur selten hatte man den leicht hallenden Klang einer Krankenwagensirene hören können, nur wenige Patienten waren in dieser Nacht eingeliefert worden. Auch diese Station war, wie die meisten im HAus, nur halb belegt. Noch vor den Weihnachtstagen waren alle entlassen worden, die nicht unbedingt bleiben mussten. Und auch die schliefen inzwischen tief und fest.

Nur manchmal unterbrachen die Wasserboiler oder eine Topfspüle irgendwo im Haus die Stille. Aber durch die Stille klangen die sonst vertrauten klänge wesentlich lauter als tagsüber oder auch in den anderen Nächten. Mit der Stille schien die feuchte Kälte von draußen durch die Fenster herein zu kriechen. Rupert fröstelte. ..."

(Der Pfleger Rupert hat während Heiligabend Nachtdienst, als ein mysteriöser Patient eingeliefert wird: Nikolaus Noël. Was zunächst nach einem Schlaganfall aussieht, wie ihn Rupert schon so oft vorher erlebt hat, entpuppt sich nach und nach als reiner Horror für Rupert. Ist sein Erlebnis real?)


Ingo Sundmacher, Und draußen liegt Deutschland, in: Jens Neuling (Hrsg.), Missbrauch, Jens Neuling Verlag, 2004 (ISBN 3-936526-07-9)

Missbrauch

"Das Zimmer war karg und herunter gekommenDurch das vergitterte Fenster fiel mattes Tageslicht durch die vorgezogenen Vorhängerötlich auf den Linoleumboden. Tatjana saß mit dem Rücken zur Wand auf dem Bett und starrte auf die Tapete der gegenüber liegenden Wand. Nichts außer enem altmodischen Steifenmuster und die hier und da schlecht verbundenen Tapetenbahnen waren dort zu sehen.. Aber außer dem Bett, einer verkratzten Kommode, die leer war, und einem Waschbecken neben der Tür gab es hier nichts. Seit drei Tagen war sie nun hier. Immer noch in den gleichen Kleidern, in denen sie angekommen war, und ohne Beschäftigung. Sie hatte gedacht, Russland zu verlassen wäre ihre Chance. Aber jetzt war sie eingesperrt in diesem Zimmer.

"Und draußen liegt Deutschland", dachte sie. ..."

(Tatjana ist das Opfer von Mädchenhändlern geworden. Mit großen Versprechungen gelockt, hat sie ihre Heimatstadt Swerdlowsk verlassen und ist voller Optimismus nach Deutschland aufgebrochen. Aber vom Flughafen direkt in ihr Gefängnis gebracht, sitzt sie nun seit Tagen in einem herunter gekommenen Zimmer. Und der erste Freier ist bereits auf dem Weg.)


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Ingo Sundmacher, Lesung

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