6. Monatsbericht aus Togo
Alles hat einen Anfang, manches auch zwei
Pünktlich mit dem Monat März hat wieder die Regenzeit angefangen, allerdings nur eine kleine von ca. zwei Monten Dauer. Es regnet wieder jeden Abend und auch der Strom ist in regelmäßigen Abständen abgestellt. Durch den Regen wurde das ganze Umfeld wieder grüner, belebter und auch angenehmer…
Sonst hat sich allerdings nicht viel getan, hier in Togo (ich habe auch immer noch keine andere Matratze!).
Aus diesem Grund geht es in diesem Bericht, dem mittlerweile schon sechsten (oh ja, Halbzeit!), mal wieder nur um meine Arbeit.
Der zweite Anlauf
Angefangen hatte meine Arbeit bei meiner neuen Organisation „Tribu du Monde“ vor einigen Wochen mit dem Bau eines Unterstandes. Mit ein paar Pfosten, Latten, Palmwedel und weiterem gefundenen Material wurde ein Sonnenschutz gebaut; Gesamtkosten 300 CFA (=> 50 Cent!)!!
Da diese Konstruktion dem Regen allerdings nicht allzu standhielt, wurde einige Tage später das Dach mit ein paar festen Bambusstämmen und einigen Blechplatten verstärkt, was dem ganzen jetzt doch einen recht soliden Eindruck verschaffte. Da die Bleche allerdings auch schon gebraucht waren, ist es bei dem Eindruck geblieben; wirklich regendicht ist der Bau immer noch nicht!
Anschließend haben wir uns ein paar Bretter gekauft und daraus eine Werkbank zusammengetischlert. Die „Werkstatt“ war somit vorübergehend fertig gestellt und die richtige Arbeit konnte beginnen!
Am nächsten Tag bin ich zusammen mit meinem neuen Chef über den Markt gegangen, um dort unter den Straßenkindern etwas „Werbung“ für das Projekt zu machen, mit Erfolg.
Bereits am nächsten Morgen standen ca. sieben Kinder und Jugendliche vor der Tür, alle angeblich zwischen zehn und fünfzehn Jahre alt, welche sich die Arbeit anschauen wollten. Die nächsten Tage wurde dann ausprobiert, das Werkzeug getestet, gesägt, gemalt, gebastelt und gespielt. Obwohl es ein sehr anstrengender Tag war, vor allem für mich, da alle die ganze Zeit nur miteinander auf EWE gesprochen hatten und sich auch sonst etwas anders (eben wie Straßenkinder) verhalten hatten, wie z.B. sich um die Säge zu schlagen, dem anderen aus Spaß die Arbeit zu zerbrechen…), hatte man doch sehr viel Spaß. An diesem Tag hatte ich glücklicher weise noch etwas Unterstützung von meinem Chef.
Als es nach einer Woche dann langsam richtig losgehen sollte, sah es allerdings nicht so gut aus; es ist kein einziger zum Arbeiten erschienen! Nach einem Tag Pause und einem weiteren auf dem Markt kamen am darauf folgenden Tag wieder einige der Interessenten…
Da alle Kinder und Jugendliche auf der Straße wohnen haben sie doch sehr ihren eigenen Kopf und jeder bringt andere Interessen mit sich. Während die einen „wirklich“ arbeiten und jeden Tag was Neues ausprobieren und machen wollen, versuchen andere sofort nach dem Essen wieder abzuhauen; andere kommen erst nach der Arbeit zum Essen, was meine Arbeit doch sehr abwechslungsreich macht und bestimmt keine Langeweile aufkommen lässt.
Da der, der nicht arbeitet, natürlich nichts zu essen bekommt, hat sich auf diese Weise schon die Anzahl meiner Mitarbeiter reduziert. Für weitere Kinder ist die Arbeit auch „zu anstrengend“ und sie „leben lieber frei auf dem Markt“ (die Worte eines 14jährigen!!), wo sie „weit weniger schwierige Arbeit“ verrichten müssen, um überhaupt etwas essen zu können. Z.B. Lasten wie Gepäckkoffer oder Kohlesäcke transportieren, die ganze Nacht Teller waschen oder von früh bis spät Fufu stampfen (Yams- oder Maniokwurzeln mit einem Holzschlegel zu Brei schlagen; das ist richtige Arbeit!).
Meine Arbeit
So hat sich die Anzahl meiner Mitarbeiter stark minimiert und auf im Moment leider nur zwei Kinder eingespielt. Diese zwei Kinder wohnen mittlerweile bei uns zuhause und können mit den Werkzeugen recht gut umgehen. Einfache Puzzle, Landkarten von Togo oder Klettertiere… werden schon „selbstständig“ hergestellt, während ich hier und da ein paar Tipps gebe und die größeren, schwierigeren Arbeiten übernehme.
Wo kann arbeiten schöner sein als hier? Barfuss, nur mit Badehose bekleidet (auch wenn es weit und breit außer einem Brunnen kein Wasser gibt), Reggaemusik aus dem Radio und umgeben von Palmen mit bereits um 10.00 Uhr morgens mehr als 30°C im Schatten!!
Da diese Kinder rund um die Uhr bei uns sind, haben sich meine Arbeitstätigkeiten um einiges erweitert. Außer „Techniklehrer“ bin ich noch eine Mischung zwischen Babysitter und Hausmädchen und habe somit einen mehr oder weniger Vollzeitjob.
Neben spielen mit den Kindern und auf sie aufpassen, dass keiner abhaut oder etwas klaut mach ich meistens noch mit ihnen zusammen die Küche. Hauptsache, die Kinder haben irgendeine Beschäftigung und etwas Aufmerksamkeit, welche sie wohl schon seit Jahren nicht mehr bekommen haben.
So haben wir mit ihnen an einigen Ausflügen teilgenommnen, wie z.B. an einer Hafenbesichtigung in Lomé, bei welcher aber leider nur über den Hafen gefahren wurde und nur ein Schlepper angeschaut wurde, welcher lustigerweise, obwohl er schon vor zig Jahren gebaut wurde, eine weit modernere Einrichtung wie bestimmt 90% der togolesischen Haushalte hat: es gab einen Fernseher an Bord, einen Kühlschrank und den ersten Elektroherd und -ofen, den ich überhaupt gesehen habe. Obwohl der Ausflug für deutsche Verhältnisse vielleicht nicht ganz so interessant war: Wieviele Afrikaner können schon sagen, dass sie auf dem Meer auf einem Schlepper für richtige Ozeanriesen gestanden waren! Anschließend gab es noch ein Picknick am Meer.
Auch an einem anderen „Picknick“ an Ostern haben wir teilgenommen, was wohl für mich die bisher größte Veranstaltung überhaupt war, seit dem ich in Togo bin: Ca. 1000 Menschen waren anwesend und feierten und tanzten den ganzen Tag bis in den späten Nachmittag, als dann alles zu einem reinen Besäufnis ausartete.
(An Ostern sucht man hier übrigens keine bunten Eier oder Schokohasen, man sucht um vier Uhr in der Nacht mit Getrommel und „Gesang“ Jesus!?! Wir haben aber trotzdem für die Kinder einige Eier versteckt.)
Da die Kinder, seit dem sie bei uns wohnen, nur noch selten auf den Markt kommen, sich es aber trotzdem irgendwie rumspricht, dass sie gut Essen, neue Kleider haben und mit uns, besonders mit mir als Yovo (diesen Begriff sollte man langsam kennen!), ausgehen und spielen und, dass die Arbeit sogar Spaß macht, kommen gerade in letzter Zeit wieder neugierige Kinder, die bereits einmal da waren, welche sich davon überzeugen wollen und auch den Luxus haben möchten.
So denke ich dass in nächster Zeit noch einige weitere Kinder zu uns hinzustoßen werden, spätestens, wenn wir unsere Waren auf dem Markt verkaufen.
Da ich zwar die Organisation gewechselt habe, diese sich aber trotzdem noch in Togo in Afrika befindet, was heißt , dass auch diese über keine finanziellen Mitteln verfügt, wird absolut alles, was mit meinem Projekt in Verbindung steht, durch Spendengelder bezahlt. Angefangen bei dem eigentlichen Projekt, von der Werkstatt, den Materialien und den Werkzeugen dafür (was sich aber hoffentlich innerhalb der nächsten Monate etwas durch den Verkauf unserer Produkte finanziert!), sowie der Unterkunft und Ernährung der Kinder, neuen Kleidern, einen Teil der Ausflüge…
Das hört zwar nach einer Menge an, ist aber nichteinmal annäherungsweise die Hälfte von dem, was ich vorher alleine nur für meine Unterkunft und das Material bezahlt habe! Im Moment halten sich die Kosten also noch in Grenzen, bei steigender Kinderzahl macht sich das auf die Dauer aber doch bemerkbar!
Langsam, (nach sechs Monaten!!) aber sicher, schleicht sich endlich etwas Routine in meine Arbeit ein und es kommt zu geregelten Tagesabläufen.
Ich hoffe, dass ich mit diesem Bericht einen kleinen Einblick in meine aktuellen Tätigkeiten hier in Kpalimé verschaffen konnte.