10. Monatsbericht aus Togo

 

        Tu es là?!

 

 

Wie bereits bekannt, befinde ich mich wieder in Togo. Zwischendurch habe ich es auch endlich wieder nach Kpalimé geschafft, doch leider gab es auch da die ein oder andere große Enttäuschung…

 

Von Lomé bin ich auf direktem Wege nach Kpalimé gefahren, nachdem ich wie immer an meiner „Lieblingsbusstation“, an der ich wohl schon so viele Stunde wie noch nirgendwo gewartet habe, einen halben Tag festsaß.

 

 

Bonne Arrivée!!! - Von wegen!

 

Auch hier fragten mich ständig Leute nach meiner Nationalität, selbst wenn ich bei ihnen vor den Unruhen fast täglich eingekauft habe und sie mich eigentlich kennen sollten! Viele Leute haben mich schon komplett vergessen, andere erkennen einen wieder, bringen es aber trotzdem nicht über das typische Touripalaver hinaus, in dem sie mir etwas verkaufen wollen. Da sieht man einen das erste Mal nach knapp drei Monaten wieder, und das zweite was ich gefragt werde, ist, ob ich denn nicht eine Trommel kaufen möchte, jetzt wo ich wieder da bin? Man hat mir natürlich extra eine besonders tolle aufgehoben…!

Allgemein ist auch hier das Leben viel ruhiger geworden, wenn man vom Markttag absieht.

Viele Leute sind auch noch in Ghana oder in Benin, gerade die vom Tourismus abhängigen „Künstler“ wie Schnitzer, Musiker oder Batiker…

 

Richtig gefreut über meine Rückkehr haben sich außer meinen Straßenkindern, welche wieder  wie vor meiner Ankunft auf dem Markt leben, unserem Hund, meiner Brotverkäuferin, die Gastfamilie eines anderen ehemaligen Freiwilligen, ein paar Freunden und meinen direkten Nachbarn, vor allem deren Kinder, nicht viele. Im Gegenteil! Ich habe vor der „Evakuierung“ mein Motorrad einem Bekannten gegeben, damit er es für mich verkauft. Dieser hoffte allerdings, dass ich nicht mehr zurückkehre und fuhr die ganze Zeit damit rum oder verlieh es unter seinen Freunden.

Genau wie vorübergehend mein Moto haben auch all meine anderen Sachen mittlerweile den Besitzer gewechselt: Angeblich sei ein Einbrecher im Haus gewesen und hätte all meine brauchbaren Sachen mitgenommen, allen voran Elektrogeräte, aber seltsamerweise auch die Arbeitswerkzeuge, die Laubsägen, alle Sägeblätter, Lacke und Farben… Da ich mir auf den Rat meines Chefs extra ein Ultrasicherheitsschloss gekauft hatte, welches man auf keinen Fall knacken kann, an der Tür und an den Fenstern aber absolut nichts beschädigt war und ursprünglich nur mein Chef einen Schlüssel hatte, bin ich mir bei der Geschichte mit dem Einbrecher nicht so sicher! Noch dazu habe ich ihn ja einmal in Ghana besucht und habe gesehen, dass er mit einigen der Werkzeuge Puzzle machte und sich so über Wasser hielt. Wer könnte auch sonst etwas mit den Sägen oder Sägeblättern anfangen, ohne zu wissen wie man damit umgeht, bzw. was es überhaupt ist?

 

Gegen einen Einbruch spricht weiterhin auch mein frisch überzogenes Bett (ich hatte es vor der Ausreise aus Togo tatsächlich noch zu einer Matratze geschafft!), Kippenstummel, leere Bierflaschen und gebrauchte Kondome auf dem Boden und eine dreimal so hohe Stromrechnung, obwohl eigentlich keiner im Haus sein sollte! Im Nachhinein stellte sich raus, dass sich ein Bekannter meines Chefs in meinem Zimmer eingenistet hatte, natürlich nur um gelegentlich vorbeizuschauen und aufzupassen, dass keine weiteren Einbrecher vorbei kommen.

 

Da mir mein Chef erneut aus Ghana mitteilte, dass er in absehbarer Zeit nicht nach Kpalimé zurückkehren wird, da er sich von dem Regime immernoch bedroht fühlt, ist leider mal wieder meine Arbeit beendet! Somit ist auch der zweite Versuch, eine geeignete Organisation für das Projekt zu finden, gescheitert. Schade vor allem deshalb, da wir kurz vor den Ausschreitungen unsere ersten Gegenstände verkauft und auch die Zusage eines ansässigen Kunstzentrums hatten, welche größere Mengen unserer Waren abnehmen wollten!

Zu diesem Moment hatten wir bereits beinahe die Monatskosten für die benötigten Arbeitsmaterialien heraus! - Jetzt sind alle Materialien und vor allem auch Werkzeuge, welche man in Togo nicht auftreiben kann, fort!

 

 

„Nous sommes en Afrique“ - immernoch!

 

Da ich mir schon Etwas in der Art gedacht habe, immerhin bin ich jetzt schon eine Weile in Togo, und da es auch nicht sicher war, ob ich überhaupt wieder nach Togo zurückgehen konnte, habe ich mich vor und während meiner Reise bereits bei allen möglichen Institutionen und Organisationen beworben.

So unter anderem als Mitarbeiter bei einem Flüchtlingslager für Togolesen, was aber an einer 800 € teuren Arbeitserlaubnis scheiterte, bei einem deutschen Straßenkinderprojekt in Ouagadougou…, ich hätte sogar über die GTZ eine Stelle in einer Oase in der Wüste Algeriens bekommen können, doch leider scheiterte es hier, wie auch bei allen anderen Stellen, an der deutschen Bürokratie!

Im Endeffekt bin ich über ein Flüchtlingslager in Benin zu deren Partnerorganisation nach Togo gekommen, Plan - Togo, ein Ableger der international tätigen Organisation Plan - International, welche zu den größten Kinderrechts- und Waisenkinderorganisationen weltweit zählt!

 

So kann ich also die letzten zwei verbleibenden Monate noch etwas in professionelle Entwicklungshilfe hineinschnuppern. Und diese schaut gewaltig anders aus, schon bevor die Arbeit überhaupt beginnt!!

Als vorübergehende Unterkunft bekam ich in Lomé, wo sich der Hauptsitz der Organisation befindet, ein Hotel zur Verfügung gestellt, wie ich es noch nie gesehen hatte, schon gar nicht in Afrika: Ein Zimmer mit Klimaanlage, Telefon, Fernseher, Ledercouches, Balkon, 24h-Service… eine Nacht so teuer, wie sonst zwei Wochen, eine Mahlzeit teuerer, als sonst das Essen für zwei Tage! Auch bekam ich zum Einsammeln meines Gepäcks in Ghana und Togo einen Fahrer mit Auto zur Verfügung gestellt; einen der riesengroßen, blitzendweißen Jeeps, welche ich sonst eher abwertend anschaute, wenn sie an mir in Kpalimé vorbeigefahren sind. Obwohl ich mir in dem Wagen total unwohl vorkam, wie auch schon im Hotel, spürte ich dennoch auch ein wenig Stolz, wenn ich über den Verlauf meiner „Arbeitskarriere“ nachdachte.

Mit dem Gepäck in Ghana sah es leider auch nicht viel besser aus! Hier wurde zwar nichts geklaut, aber aufgrund der extrem hohen Luftfeuchtigkeit und der langen Zeit, die meine Kleider im Koffer eingeschlossen waren, ist der Großteil versport und angeschimmelt.

 

Während meines Aufenthaltes in Lomé schaute ich mir ein wenig die Stadt an. Neben den vielen Fotos des neuen Präsidenten fiel besonders noch dessen Bewachung auf. Rund um den Präsidentenpalast am Meer standen überall Jeeps mit Soldaten und Maschinengewehren bereit und ständig liefen Patrolien die Grenzmauern zum Grundstücks ab, selbst am Strand zwischen den Palmen standen mit Waffen bestückte Fahrzeuge. Auch die vielen überall in der Mauer um den Palast eingebauten Schützenbunker waren das  erste Mal, seit ich in Togo bin, besetzt!

Auch ein Viertel etwas außerhalb, in welchem der Präsident mit Familie und die Regierungsangestellten wohnen (darunter auch verdammt viele Weiße!), ist auf allen Zufahrtswegen mit Schranken und zig Soldaten abgesperrt.

 

Ansonsten schaute ich mir die Überreste des erst im November 2004 eröffneten Goethe-Institutes an und traf mich mit dem Direktor des Zentrums, welcher mich etwas herumführte und mir einige Sachen erklärte:

Bewaffnete Soldaten haben einen Nachtwächter festgenommen und die anderen mit ihren Sturmgewehren in die Flucht gejagt, bevor sie in das Erdgeschoss des Gebäudes eindrangen, es komplett zerstörten und anschließend Feuer legten. Das Internetcafé und die Bibliothek sind mit gesamter Einrichtung komplett ausgebrannt. Überall liegen Bücherseiten und Zeitungen rum, zusammengeschmolzene CDs, aber auch ein von der Hitze komplett verlaufenes Telefon, ein Kopierer, eine Schreibmaschine und einige Computer.

Auch im Hof und der Garage wurde Feuer gelegt; bei meiner Ankunft wurde gerade das völlig ausgebrannte Auto des Institutes aus dem Hof geschleppt.

Durch die enorme Hitze wurde außerdem eine tragende Mauer im Erdgeschoss zerstört, weshalb sich der Boden im oberen Geschoss leicht absenkt und sich einige Risse durch die Mauern ziehen. Sonst schaute es hier weit besser aus. Man versuchte zwar in die Büros mit den Hauptrechnern einzudringen, hatte aber wohl nicht mit dem schnellen Ausbreiten des Feuers und der Rauchentwicklung gerechnet. Dennoch zerstörte man die komplette Technik, wie alle Klimaanlagen, Tageslichtprojektoren, über 14 neue Computer… bevor man sich wieder zurückzog, entwendet wurde nichts!

Im Moment wartet das Goethe-Institut auf eine schriftliche Entschuldigung und eine Wiedergutmachung der togolesischen Regierung.

 

 

Also doch „Bonne Arrivée“!

 

Mittlerweile befinde ich mich in Sotouboua in der Zentralregion, 50 km südlich von Sokodé, direkt an der „Rue Nationale No. 1“ von Lomé nach Ouagadougou, wo ich für den Rest meiner Zeit arbeiten werde. Sotouboua liegt im Land der Kabye, der Ethnie des Präsidenten. Ständig begegnet man Leuten mit T-Shirts ihres Präsidenten; auch sind überall Wahlsprüche auf die Häuser gepinselt - hier wieder die Frage, ob diese Leute wirklich hinter der RPT stehen oder den Gerüchten nach während der Wahl alle gekauft wurden? Ich werde es noch herausfinden!

Bei meiner Ankunft wurde ich von knapp 50 schreienden Kindern mit ihrem „Stammesgruß“ empfangen, welche alle schon meinen Namen kannten und mich, wieso auch immer, schon seit Wochen erwarteten; sobald ich auch nur ein Schritt aus dem Haus gehe, begrüßt mich jeder mit meinem Namen, nicht mehr mit „Yovo“ oder „Nassara!“

Erstmal wohne ich wieder zwei Wochen in einem Hotel (diesmal weit angepasster!), da noch keine Familie für mich gefunden wurde, bevor ich  ein weiteres Mal umziehen darf, dann hoffentlich wieder „ganz nach Afrika“!

 

Nach ein paar Tagen in Togo ist mir aufgefallen, dass Radio Lomé, das Regierungsradio, zeitweise mit einem holländischen Radiosender arbeitet. Dieser Sender sendet allerdings nur europäische Chartmusik und als Nachrichten extreme Schlagzeilen aus allen Kriegsgebieten der Welt, vergleichbar mit der Bild. Es scheint, als wolle man die Leute mit Musik und schlimmeren Nachrichten aus anderen Ländern beruhigen und zeigen, welch tolles, stabiles Land Togo ist!

Dagegen kann man den wirklich neutralen (gerade was die afrikanischen Länder angeht) und informativen Radiosender RFI, welcher zu meiner großen Verwunderung zur Nachrichtenzeit in allen besuchten frankophonen Ländern in jeder Kneipe und auf dem Markt lief, in Togo weiterhin - oder jetzt erst recht - nur über einen Weltempfänger empfangen.

Die meisten Leute der frankophonen Nahbarländer interessierten sich auch für die Nachrichten und wussten, im Vergleich zum Großteil der Ghanaer, recht gut über die Togokrise bescheit! Vielleicht hat man auch Angst, als nächstes dran zu sein?

 

 

Im Moment komme ich mir ehrlich gesagt ein bisschen blöd und fehl am Platz vor: mit all dem Geld, was Plan bereits für mich ausgegeben hatte, hätte ich in Kpalimé mehrere Monate leben und arbeiten können. Hier ist der Standard eben ein anderer, professionell eben! Auch eine Art, Spendengelder loszuwerden …

 

Da ich nur noch zwei Monate Zeit habe, wollte ich eigentlich in einem schon bestehenden Projekt mitarbeiten, da mir die Zeit für einen erneuten Anfang zu kurz erscheint und mir ehrlich gesagt langsam auch die Lust vergangen ist, vor allem da ich ja jetzt ohne Werkzeuge wieder absolut bei Null stehe.

Plan hatte allerdings meine Internetseite gesehen (die Chefin in Togo ist eine Deutsche) und Interesse an dem Projekt gefunden. So werde ich den Rest der Zeit an dem CEFRET, einem „Entwicklungszentrum“ für Kinder und Jugendliche, arbeiten und doch noch einmal von vorne anfangen. Allerdings werde ich dieses Mal auch mit einigen Erwachsenen arbeiten (Während ich vorher mit einigen Rastas gearbeitet habe, sind meine Mitarbeiter jetzt Hemd- und Anzugträger!), welche nach meiner Zeit die Kurse weiterführen wollen, so zumindest der Plan.

 

Man wird sehen, jetzt müssen erstmal wieder die Werkzeuge hergestellt und besorgt werden, mehr als genug Arbeiter gibt es schon…

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