4. Monatsbericht aus Togo

 

     Togo feiert Feste

 

 

Endlich habe ich mal etwas Zeit gefunden, um meinen Monatsbericht für Januar nachzuholen. Hiermit möchte ich mich erstmal für die kleine Verspätung entschuldigen, ich hatte einfach ne Menge zu tun. Nach dem Besuch meines Freundes und der Reise in den Norden bin ich (in ein leeres Zimmer) umgezogen, so dass ich mir erstmal ein paar Möbel anschaffen musste, eine (brauchbare) Matratze habe ich immernoch nicht. Dann habe ich mir in der Zwischenzeit ein Moped gekauft, welches auch noch so einige Reparatur bedarf. Desweiteren habe ich meine Kontakte zu anderen Deutschen ausgebaut, mit welchen ich jetzt doch recht viel meiner Freizeit verbringe. Außerdem kamen gerade in letzter Zeit auch wieder diverse  Krankenhausbesuche wegen Malaria und einem mehreren Wochen anhaltendem Durchfall mit Magenkrämpfen … hinzu, bei dem keiner weiß, woher er kommt, was auch sehr zeit- und vor allem kraftaufwendig ist!

 

In diesem Bericht geht es um die Zeit vor meiner Reise in den Norden Togos, also Ende Dezember bis Mitte Januar. Eine kleine Reiseübersicht erscheint so früh wie möglich mit dem  Februarbericht!

 

 

Weihnachten in Togo

 

Anfangen werde ich bei Weihnachten, dem Fest der Besinnlichkeit, der Familie und Geschenke …

Hier hat Weihnachten allerdings außer ein paar Plastikweihnachtsbäumen in Lomé, etwas Schaufensterschmuck nach westlichem Vorbild und einigen deutschen Liedern im Radio nicht viel gemeinsam mit dem uns bekannten Fest. Da man in Togo wohl auch nicht schon immer Weihnachten feiert, sondern es vor nicht allzu ferner Zeit von den verschiedenen weißen Besatzern übernommen hat, ist es dementsprechend etwas durcheinander.

„Angefangen“ hat das Fest am 24. Dezember mittags mit einigen weiß geschminkte Frauen, welche mit Weihnachtsmännern und Sternen in der Hand singend von Haus zu Haus zogen und „dem Stern folgten, um die Krippe Jesu zu finden“ (vergleichbar mit unseren Sternsingern!). Hiernach war dann mehr oder weniger offiziell Weihnachten, auch wenn der Rest des Tages nicht anders ausschaute. Erst als es dunkel wurde, wurde sich herausgeputzt; entweder für die Kirche (welche die halbe Nacht ging) oder als Alternative zum Ausgehen in die Stadt oder auf eine der vielen improvisierten Heimdiscos! Nachdem ich zuerst eine Weile zuhause auf unserer Disco geblieben bin, bin ich später zusammen mit meinem Gastbruder und einigen Freunden in die Stadt gezogen; es war der erste Tag seit meiner Ankunft, an dem tatsächlich mal etwas im Dunkeln los war!

Die ganze Stadt war voller Menschen, einer „chicer“ als der andere: Anzüge, Goldketten, Ohrringe, Mützen, Sonnenbrillen, Handys… alles was irgendwie teuer aussah wurde gezeigt! Auch hatte jeder plötzlich Zigaretten, obwohl so gut wie keiner raucht! Genauso standen die edelsten und teuersten Getränke in den Bars auf den Tischen (wovon aber locker die Hälfte zuvor präpariert wurde, indem man in die leeren Flaschen der teuren Getränke, welche man auf dem Markt kaufen kann, zuhause billige einfüllte!) Jeder wollte toller sein als der andere, jeder jeden übertrumpfen, egal wie!

Da sich so ein „Spektakel“ nicht allzu oft wiederholt, wollte jeder eine Erinnerung an seinen teuren Abend haben, weshalb überall in den Kneipen Fotografen standen. Ständig blitzte es hier und da und jeder posierte so cool wie nur möglich.

Da man Fotografen außer zum Passbilder machen für den Ausweis nicht wirklich gewohnt ist, schaut jeder so ernst wie es nur geht in die Kamera, was zu recht lustigen Bildern führt.

Da alle Leute in eine der wenigen Bars wollten, gab es ein regelrechtes Gedränge um die Plätze, wer keinen gefunden hatte, stand in einer der vielen Schlangen auf der Straße an.Und da es schon kurz vor Silvester war und es überall Kracher gab und einigen Leuten das Warten zu lange dauerte, versuchte man mit dieser Methode, sich einen Platz zu erkämpfen: Schnell wurde es zur Hauptbeschäftigung, Kracher unter die Tische der anderen Gäste zu werfen, und da es hier niemanden gibt, der vor irgendetwas Angst hat, artete das ganze recht schnell aus, so dass ich nach ca. 30 Minuten Belagerung meinen Sitzplatz freigegeben habe…

Am nächsten Morgen gab es dann „Bescherung“: Von meinem Gastbruder bekam ich eine kleine geschnitzte Holzgiraffe und von meinem Gastvater ein kaltes Bier (was hier wirklich eine Menge ist!). Später brachte mir noch ein Nachbar eine Limo vorbei.

Ich schenkte meiner Familie und Nachbarn auch ein paar Kleinigkeiten, wie z.B. meiner Schwester Nagellack oder den Nachbarsjungen Matchboxautos, welche in Schlampermäppchen untergebracht war. Diese wurden nach ca. einer Woche allerdings Eigentum der Eltern, welche damit in die Kirche oder zum Einkaufen gegangen sind, oder sie als Geldbeutel verwendet haben. Die Familie untereinander beschenkte sich nicht wirklich; zur Feier des Tages gab es etwas Limo und Bonbons!

 

Dieses Weihnachten war mal etwas anders als sonst die Jahre zuvor, aber an sich gar nicht mal so schlecht; vor allem wenn man den übertriebenen Geschenkewahn in unserer Welt im Vergleich hierzu betrachtet.

Den Rest des Tages wurde sich dann erholt, um abends wieder fit für die Stadt zu sein.

Dieses Programm wiederholte sich auch nochmal am nächsten Tag, wie auch einige Tage später nochmal an Silvester…

 

 

Silvester

 

Im Endeffekt ist Silvester nichts anderes als in Deutschland, nur eben von allem etwas weniger, dafür aber weit gefährlicher! Von allen Seiten fliegen unüberlegt Kracher „Made in Nigeria“ durch die Luft und wie schon einige Tage zuvor, wurde es wieder zur Hauptattraktion, Leute zu jagen. Da mir das ganze etwas zu wild war und ich noch von Weihnachten genug hatte, feierte ich den Übergang ins neue Jahr etwas abseits mit ein paar deutschen und afrikanischen Freunden.

Als ich am 01.01.2005 frühs nach Hause gekommen bin, war meine Familie bereits wach und kehrte den Hof oder machte ihre Wäsche… Anstatt mir „Frohes Neues“ oder ähnliches zu wünschen, fragten sie mich, wo ich heute früh schon war!

 

Der Jahreswechsel war auch mein offizielles Ende bei OJD, auch wenn es noch eine Weile dauerte, bis ich endlich meine Ruhe hatte. So hatten sie z.B. meiner deutschen Endsendeorganisation (ohne mir auch nur ein Wort davon zu sagen!) noch Wochen nach meiner Kündigung einen mehrseitigen „Bericht“ geschrieben, in dem stand, dass ich nicht arbeiten will, sondern nur auf der Straße mit den Banditen und Verbrechern der Stadt herumhänge, Drogen nehme, weder die Kultur noch irgendwelche anderen Regeln beachte, … die ganze Zeit mache was ich will und deshalb OJD aufgrund meiner illegalen Handlungen gezwungen ist, mir zu kündigen! Auch in meinem Arbeitszeugnis steht dies noch einmal kurz zusammengefasst (Original unter Projektfotos Dezember)!

Dieser Bericht, beziehungsweise das Arbeitszeugnis sollte mir wohl den Weg zur Zivizentrale oder zur Botschaft versperren; dieser Versuch ging allerdings nach hinten los und war gleichzeitig ein sehr eindeutiges Zeugnis über OJD!

 

Auch im neuen Jahr ging es weiter, wie es aufgehört hatte, mit Party; zumindest für einige im Land!

 

 

„Tag der Befreiung“

 

Der 13. Januar zählt offiziell als „Tag der Befreiung“ Togos, ist vielmehr aber der Jahrestag der Machtergreifung Eyademas. Dieses Jahr handelte es sich um das 38jährige Jubiläum (Eyadema war nach Fidel Castro der am längsten amtierende Staatschef der Welt!), bei welchem sich der Staatschef recht groß feiern ließ: das gesamte Militär wurde nach Lomé gebracht und in einer siebenstündigen Parade zusammen mit Jeeps, Panzern, Raketenwerfern … dem Volk demonstriert! (Im Fernsehen lief nach der Lifeübertragung die ungeschnittene Wiederholung und danach wieder und danach… zwei Tage lang nur Soldaten und Eyadema im Fernsehen!)

Da man natürlich im ganzen Land die Stärke und Macht Eyademas zeigen wollte, aber so gut wie alle Soldaten in Lomé waren, beschloss man, in den Städten alle Schüler und Vereine aufmarschieren zu lassen (für die Proben hierfür fielen ca. eine Woche lang die Schulen aus!). Angefangen bei den  fünfjährigen bis hin zu den Taxifahrern… alle in (Schul)uniform, strammen Marsch und Soldatengruß vorbei an der Haupttribüne!

Einfach erschreckend, wenn fünfjährige, Jungen und Mädchen, an einem wie erfahrene Soldaten, besser gesagt, wie Maschinen vorbeimarschieren: links, rechts, links, rechts… der Blick immer gerade aus, Gruß zur Tribüne und der nächste, alle in Fünferreihen, stundenlang! Danach die älteren Schüler und anschließend Frauen und Männer der verschiedensten Organisationen (größtenteils Anhänger der Ethnie der Kabye; wie auch der Präsident selbst), teilweise in Kleidern, auf denen überall „ihr“ Präsident abgebildet ist , dazu Schriftbänder wie „Papa Eyadema, Mann des Friedens“, „Mann der Gerechtigkeit und Stärke“ und Loblieder über den „Befreier“; auch im Radio oder Fernsehen wurden Loblieder über den „Vater der Republik“ gesendet!

 

Dieser Tag war wohl einer der „beeindruckendsten“ und zugleich beängstigendsten überhaupt in meinem ganzen Leben; einfach unvorstellbar und unbegreiflich! Vor allem wenn man mal über das Erscheinen des Diktators in der Vergangenheit nachdenkt: Durch einen Militärputsch an die Macht gekommen, Regierung finanziert durch Diamantenschmuggel, regelmäßige Verfassungsänderungen zu seinen Gunsten, offensichtliche Wahlmanipulationen, Unterdrückungen und Menschenrechtsverletzungen durchgehend bis heute,  mehrere Attentatsversuche gegen ihn, Bürgerkriege in den 90ern … Und während Togo zu den 40 ärmsten Länder der Welt gehört, zählt der „Vater und Befreier“ zu den reichsten Menschen der Welt!!!  

Abends gingen dann die Feiern mit „Lifemusik“ aus dem Norden und dem Nationalgetränk der Kabye, dem Tschuk (Tchoucoutou – Hirsebier), auf dem Soldatencampus weiter. (Ca. 80% aller Soldaten sind Kabye und durch Eyadema in die Stellung gekommen!) Alle, einschließlich der Soldaten, habend getanzt, getrunken und gefeiert …

 

Nachdem dann endlich die unzähligen Wiederholungen der Militärparade im Fernsehen und die Lieder im Radio ausgeklungen waren und sich das Volk wieder „beruhigte“ und dem Alltag nachging, stand auch schon das nächste Fest an, dieses Mal ein Fest der Moslems, was in Togo wieder größtenteils die Kabye und die nördliche Bevölkerung betrifft.

 

 

Tabaski

 

Am 20.01. feierten die Moslems den Tabaski. Was genau gefeiert wurde, kann ich leider nicht sagen, das konnte mir auch kein Einheimischer erklären! Ich weiß nur, dass das Fest relativ genau 40 Tage nach dem Ende des Fastenmonat Ramadan stattfand. Tabaski ist auf jedenfalls das Fest, an dem überall Schafe und Ziegen geschlachtet werden, wo es hier normaler weise so gut wie nie „richtiges“ Fleisch gibt.

Da ich in dieser Zeit noch angrenzend zum Moslemviertel wohnte, bekam ich hier besonders viel mit: Bereits früh morgens waren überall auf den Straßen, besser gesagt auf den Sandpisten, die Schafe in einer Reihe angebunden, die nach und nach durch Kehlenschnitt getötet wurden. Nachdem die Tiere in ein kleines Sandloch mitten auf der Straße ausgeblutet waren, wurde ihnen der Bauch aufgeschnitten und sie ausgenommen. Hierbei war die ganze Familie beteiligt; bereits die Kleinsten mit sieben Jahren schnippelten mit einem Messer im Innern der Tiere herum. Die ganze Straße sah aus wie ein Schlachtfeld.

 

Anschließend wurde den ausgenommenen Schafen die Haut abgezogen und die restlichen Haare über dem Feuer abgesenkt, bevor sie  mit zwei diagonalen Stöcken aufgespießt und wie Fledermäuse auseinander gespannt wurden. Letztendlich wurde noch der Kopf  abgetrennt und ebenfalls auf einen der Stöcke aufgespießt, bevor die fertig präparierten Tiere im Kreis aufgestellt wurden und in der Mitte ein Feuer zum Braten des Fleisches entzündet wurde. Das ganze fand überall direkt vor den Häusern auf den Straßen statt und erinnerte weniger an ein Fest, als an  einen ultrakrassen Horrorfilm, in dem noch überall kleine Kinder herumwuselten.

Bei uns ist das ganze unvorstellbar und wenn ich irgendetwas in der Art zuhause sehen würde, müsste ich mich wahrscheinlich sogar übergeben; hier ist so etwas aber völlig normal und sogar irgendwie „schön“ anzusehen!

Nachdem dann zu Mittag alles verspeist wurde, ging es zum Beten und anschließend Tanzen. Überall auf den Straßen im Viertel wurde bis in den Abend gefeiert, getanzt und gesungen…

 

 

Und noch ein Fest

 

Obwohl es in letzter Zeit eigentlich schon genug zu Feiern gab, fing es für mich in der darauf folgenden Nacht erst richtig an, denn am nächsten Morgen kam mein Kumpel Max aus Würzburg zu Besuch! Juhuuuuuuu!!!!!

Als ich mich am nächsten Morgen frühs um vier Uhr mit dem Taxi auf den Weg zum Flughafen nach Lomé machte, hatte ich schon ein recht seltsames Gefühl im Magen! Nach vier Monaten endlich jemand zu sehen, mit dem ich die letzten Jahre verbracht habe, die Wochenenden, die Schule… einfach ständig irgendwo zusammen war und seit Oktober nur noch über Emails Kontakt hatte! Endlich jemanden sehen, den man wirklich kennt, der ähnlich denkt, wie man selbst und mit dem man offen über alles reden kann…

Ich hatte noch nie zuvor ein so seltsames Gefühl, wie da, als ich am Flughafen stand und darauf wartete, dass sein Flugzeug endlich landete. Vielleicht sieht er anders aus, hat sich verändert, oder vielleicht habe ich mich in der kurzen Zeit schon verändert …

 

Die Spannung stieg, als endlich der Flieger landete, doch das ist eine andere Geschichte…

Außer von der Reise werde ich im nächsten Bericht noch etwas vom jetzigen Alltag in Togo berichten, nachdem der Staatschef Eyadema zwischenzeitlich am 05.02. verstorbenen ist (siehe Nachrichtenberichte vom 09. Februar unter: www.zivi-in-togo.de.vu ).

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