7. Monatsbericht aus Togo

 

   Togo hat verloren!

 

Wie wohl mittlerweile schon die meisten mitbekommen haben, kam es in Togo in den letzten Wochen zu größeren Ausschreitungen und Unruhen. Da sich das Weltinteresse allerdings erst sehr spät auf Togo richtete und auch die Deutsche Presse sich erst für die Probleme im Land interessierte, als Deutschland selbst direkt betroffen war, somit also sehr lückenhaft berichtete, werde ich in diesem Bericht von den Anfängen bis zum „Ende“ der jüngsten Togokrise berichten, so wie man sie in Togo/Kpalimé erlebt hat.

 

Richtig angefangen haben die Unruhen in Togo mit dem Tod Eyademas, welcher nach 38 Jahren an der Macht gestorben ist. Hiernach wurde nach einigem hin und her (in einem vorherigen Bericht bereits beschrieben) Neuwahlen ausgerufen. Nachdem das Volk sich anfangs freute, befürchtete es aber bald, dass die Wahlen keinen großen Sinn machen, da sie einerseits zu kurzfristig sind und desweiteren von der RPT, der Partei Eyademas, organisiert werden…

 

 

Die Wahlvorbereitungen laufen

 

Ca zwei Wochen vor der Wahl begannen die Parteien über die Medien mit Wahlwerbung; besser gesagt die RPT begann. Da sowohl das Fernsehen, die landesweiten Radioprogramme, wie auch die Presse der Regierung unterliegen, sah und hörte man anfangs seltenst etwas von der Opposition, während überall über Faure Gnassingbe, dem Sohn und Nachfolge Eyademas, berichtet wurde und sein Bild riesige Plakatwände zierte. Außer den Parteien selbst begangen auch ihre Anhänger für ihre Parteien zu werben, wie z.B. eines Tages einige Leute der RPT, welche mit LKWs aus Lomé kamen, um im doch sehr oppositionellen Kpalimé eine Demonstration abzuhalten. Doch schon bevor die Leute ankamen, gab es erste Ausschreitungen. So hat ein Motorradmechaniker einem vorbeifahrenden LKW „buuuuhh“ zugerufen, was den Fahrer des Wagens veranlasste, anzuhalten. Der ganze LKW wurde abgeladen und alle Mann zerstörten das Atelier des Mechanikers, bevor sie weiterfuhren. Da das ganze Aufkommen ein in Kpalimé wohnender Libanese organisiert hat, versammelten sich bis zum Mittag einige Leute vor seiner Wohnung und demolierten aus Rache seine Autos. Das ganze spielte sich so weit auf, bis im Endeffekt Soldaten kamen und den Libanesen, welcher der RPT angehört, sowie sein Haus und sein Hotel verteidigten. Der Libanese lief zu seinem Schutz ebenfalls mit einer Pistole auf der Strasse herum und bedrohte die Leute.

Gegen Abend war dann die Demo, bei welcher es weitere Ausschreitungen gab. Allerdings nicht von der Bevölkerung Kpalimés, sondern von Soldaten, welche die Demonstranten „beschützen mussten“ und deshalb wahllos Passanten zusammenschlug und verhaftete. Unter den Festgenommenen war auch mein Chef, welcher erst am nächsten Morgen wieder nach Hause kam.

Da am nächsten Morgen die Anwohner des Viertels sehr aufgebracht über die Ereignisse der letzten Nacht waren, wurden wieder überall zum „Schutz“ Soldaten auf der Strasse aufgestellt. Da das Hotel des Libanesen nur 20 Meter von meiner Wohnung entfernt ist, saßen auch bei meiner Einfahrt zwei Soldaten mit Maschinengewehren herum. Gegen Mittag haben sich beide Seiten zum Glück wieder beruhigt, so dass am Abend außer ein paar RPT-Plakaten und einige Soldaten um das Hotel des Libanesen herum nicht mehr viel zu sehen war.

 

Allerdings hatte ein lokaler Radiosender öffentlich zu den Vorfällen Stellung genommen und im Namen der Stadt den Libanesen aufgefordert, innerhalb des nächsten Monats die Stadt zu verlassen.

 

 

Das Volk sagt die Meinung

 

Eine Woche vor der Wahl war offiziell Demonstrationserlaubnis. Eine der ersten Demos war eine der Opposition, in welche ich unwissend mit meinem Motorrad hineingeraten bin. Von allen Seiten hielten mich die Leute fest und rissen an dem Moto, während sie mich anbrüllten, „wer ich denn bin, dass ich einfach hier so herumfahre“ und „aus welchem Land ich bin?“ Da ich doch etwas Angst um mich und mein Moto hatte, rief ich die in ca. fünf Meter entfernten Soldaten her, um mir zu helfen. Anstelle zu reagieren ignorierten sie mich glänzend. Erst als ich sie einige Minuten später doch sehr direkt anschrie, was sie denn eigentlich hier machen und dass sie doch bitte ihren Job tun sollen, kam einer auf die Idee, mir zu helfen. Dieser holte dann fünf bewaffnete Soldaten, welche in die Menge kamen und mich mit dem Moto herauszogen!

 

Auch den Rest der Woche gab es täglich Demos, welche recht friedlich verliefen. Nach meinem doch etwas beängstigenden Erlebnis schaute ich mir zusammen mit einem Freund eine andere Demo etwas aus der Ferne an, bevor wir uns letztendlich aber doch dazu entschlossen, daran teilzunehmen. Die Menschen zogen singend mit den Fahnen und T-Shirts der Opposition durch die Stadt, dazu überall ihr Zeichen, der Palmwedel. Alle Menschen hatten sich gefreut uns zu sehen und riefen uns zu „Yovo Yovo, ihr habt es kapiert! Yovo… Bravo, die Wende kommt…!“

Den Abschluss dieser Demo bildete der Oppositionsführer Bob Akitani, welcher im Stadion von Kpalimé eine Rede hielt. Tausende Menschen waren anwesend; alle tanzten, sangen, trommelten… Die ganze Stadt war in gelb, in der Farbe der Opposition. Alles stand Kopf.

 

Nach diesem Erfolg für die Opposition in Kpalimé musste die RPT natürlich reagieren. Bei einer Gegendemo einen Tag darauf kamen allerdings nicht mehr als 20 Leute; sie wurden von allen ausgelacht!

Erst als sich drei Tage vor der Wahl Faure Gnassingbe ankündigte, war mehr los. Hier kamen wieder die Leute mit LKWs aus Lomé, aber auch aus den umliegenden Dörfern. Da die RPT laut togolesischen Gerüchten, außer den sehr gut verdienenden im staatlichen Dienst, nicht mehr sehr viele Anhänger hat, kauft sie sich ihre (ahnungslosen!) Demonstranten auf den Dörfern. Jeder Demonstrant bekommt ein T-Shirt von der Partei und 1000 CFA, was für Leute auf dem Dorf eine Menge ist! Als Faure auch noch mit zwei Helikoptern nach Kpalimé geflogen kam, waren natürlich genug Leute versammelt, um ihn zu sehen; wann hat man auch mal die Möglichkeit, ein „fliegendes Blechding“ aus der Nähe zu sehen. Er hielt ebenfalls eine Rede im Stadion.

 

Auch im Fernsehen wurden die landesweiten Wahlkampagnen gezeigt. Zuerst kam die Opposition, ein Meer voller gelb, durcheinander, tanzend, chaotisch, eben wie das togolesische Volk, abschließend ihr Führer Bob. Danach wurden die RPT-Kampagnen gezeigt, mit Marschmusik und Disziplin, alles lief geregelt ab, in Reihe und Glied. Letztendlich sprach Faure, welcher im Vergleich zu Bob Akitani doch sehr jung und dynamisch wirkte und für eine Wende, den Aufschwung und die Demokratie warb. Hiernach sah man tausende RPT - Anhänger, welche die der Opposition von den Bildern vorher bei weitem übertrumpften. Diese Bilder machten einen in Betracht auf die Wahl doch sehr stutzig, vor allem wenn man den Gerüchten glauben soll! Können so viele Menschen alle gekauft sein?

 

Apropos jung und dynamischer Faure:

Um bei der Präsidentschaftswahl in Togo teilnehmen zu können, muss man ein Mindestalter von (ich glaube) 38 Jahren erreicht haben. Faure sagt, er sei 39. Jeder im Land, der sich auch nur etwas informiert, weiß allerdings, dass das Krankenhaus, in dem Faure geboren wurde, erst vor 30 Jahren erbaut wurde!!

 

Freitagnachts liefen die letzten Kampagnen, von Samstag an bis nach den Ergebnissen der Wahl war es verboten, Partei zu ergreifen. Das Leben war an diesem Wochenende wie immer, alle waren auf den Strassen und auf dem Markt, es waren eben nur keine Parteishirts oder -Zeichen zu sehen. Sicherheitshalber wurden auf unbefristete Zeit alle Grenzen Togos geschlossen.

 

Noch vor der Wahl wurde der Ministerpräsident, welcher laut Verfassung nach dem Tod Eyademas das Präsidentenamt in Togo übernehmen sollte, festgenommen. Er hatte sich  bis zu diesem Tag aus Sicherheitsgründen in Benin aufgehalten. Vor seiner Festnahme wurde ihm versichert, dass er nach Togo einreisen könne und ihm nichts passieren wird. Auch ein weiterer Minister auf Seiten der Opposition wurde entmachtet und festgenommen, da er die Wahlen um einige Zeit verschieben wollte. Aus diesen Gründen kam es in Lomé schon vor den Wahlen zu Ausschreitungen.

 

 

Der Wahltag

 

Am Sonntag, den 24. April fand die Wahl statt. Jeder mit einer Wahlkarte konnte wählen gehen, allerdings gab es bei Weitem nicht genug Karten. Laut Gerüchten wurde der Großteil in Lomé und im Norden des Landes verteilt, eben da, wo RPT – Anhänger zu finden sind. Auch an Kinder und Jugendliche wurden für die RPT Wahlkarten verteilt. Wer von den Wahlberechtigten keine Karte hatte, hätte sie sich auf dem Markt zu unbezahlbaren Preisen kaufen können.

Die Wahl sah nicht viel anders aus, als daheim. Jedes Viertel hatte ein Wahllokal, vor dem sich die Menschen in Schlangen sammelten und nach und nach hinein gingen, um ihre ausgefüllten Wahlkarten abzugeben. Um Wahlbetrug zu vermeiden, wurden sogar Fingerabdrücke genommen, sodass keiner zweimal wählen gehen kann. Die Wahlen dauerten von morgens um 7.30 bis Abend um 17.00 Uhr.

Noch während der Wahl drangen Gerüchte aus Lomé durch, welche auch vom Radio bestätigt wurden: Die RPT hat sich Unterstützer aus Ghana und Nigeria geholt und lässt diese für sich wählen! Einige Zeit später wurde uns von einem Freund mit Familie in Lomé berichtet, dass es dort diesbezüglich Schiessereien zwischen Soldaten und den Bewohnern gibt. Desweiteren wurde in Lomé auch eine Frau beim Wahlgang mit 500 ausgefüllten Wahlkarten für die RPT erwischt und, wie auch in Kpalimé, einige fünfzehn und sechzehnjährige…

 

Gegen Abend hörte man auch in Kpalimé wieder Sprechchöre. Durch die Straßen zogen Menschen mit Knüppeln und Steinschleudern, auch einige mit Macheten, und zerstörten die der Straße nahen Gebäude und Unterstände. Als wir uns nach dem Grund erkundigten, sagte man uns, dass am Rathaus normalerweise das Wahlergebnis von Kpalimé verlesen und somit bestätigt werden müsste, sich der Bürgermeister (von der RPT) aber weigere. Aus diesem Grund belagern jetzt solange Leute das Rathaus und ziehen durch die Straßen Kpalimés, bis der Bürgermeister dazu bereit ist.

 

Dummerweise ließen ich und Daniel uns dazu überreden, das Rathaus noch in der selben Nacht anzuschauen. Auf dem Weg dorthin sahen wir erstmal, wie ein Soldat eine Wahlurne auf einem Mototaxi durch die Strassen fuhr! Welch Methode?

 

 

„Ausnahmezustand“ schon vor den Ergebnissen“

 

Weiter kamen wir an der Polizeistation vorbei, welche ebenfalls belagert war. In der Mitte der Menschenmassen lag eine mit Blut überströmte Frau am Boden. Einer sagte, es sei eine Prostituierte, welche mit Nigerianern schläft, die für die RPT gewählt haben. Aus diesem Grund wurde sie zusammengeschlagen und man wollte ihr die Haut abziehen!! Unvorstellbar!

Der zuständige Polizist wollte wohl in erste Linie seine Ruhe haben, packte deshalb die Frau, legte sie quer über ein vorbeifahrendes Mototaxi und schickte sie ins Krankenhaus! Bis das Moto endlich weiterfuhr, schlug der Beamte ständig mit der Faust auf die Frau ein!

Als wir endlich am Rathaus ankamen, waren die Leute recht friedlich; sie standen da und schrieen ihre Forderrungen. Außer mit einigen Ästen und Knüppeln waren die Leute nicht bewaffnet. Obwohl es hier nicht anders aussah, wie auf einer Demo an einem der Tage zuvor, warnten uns die Leute. „Weißer geh lieber heim!“ ertönte es hier und da, was wir dann auch recht schnell taten, denn einige Minuten später sah die „friedliche Belagerung“ schon anders aus!

Anfangs drängten sich einige Soldatentransporter durch die Menge aus dem Vorhof des Rathauses heraus, welche an andere Krisenpunkte in Kpalimé fuhren. Dann rannten plötzlich Soldaten hinterher und schlugen wie wild mit Schlagstöcken in die Menge ein. Alle rannten gleichzeitig weg, während einige stolperten und auf der Straße liegen blieben, andere fielen in die offenen Abflusskanäle und versteckten sich darin, während die Soldaten der Menge nachkamen. Auf einmal flogen Steine in Richtung Rathaus, was die Soldaten zurückdrängte und den zurückgebliebenen die Möglichkeit zum Fliehen bot. Innerhalb weniger Sekunden entstand um uns herum eine Straßenschlacht, wie man es vielleicht aus dem Fernsehen vom anderen Ende der Welt kennt, doch plötzlich steht man mitten drin!

 

Total geschockt von den eben erlebten Ereignissen, davon, wie schnell sich die Situation änderte und wie skrupellos die Soldaten ihre „eigenen Männer“ angriffen (bei den Wahlen der Soldaten drei Tage zuvor stimmte das Ergebnis mit 72 % eindeutig für die Opposition!), gingen wir über einen Schleichweg nach Hause, denn überall standen plötzlich mit Maschinengewehren bewaffnete Soldaten herum.

Kurze Zeit, nachdem wir vom Rathaus aufbrachen, hörten wir den ersten Schuss. Dies war wohl der erste Schuss von einer scharfen Waffe, den ich hörte. “Live“. Im Hintergrund das Geschrei der Demonstranten, der Lärm der Steine und Knüppel, mit denen sie irgendwas kaputt schlugen. Dieser Schuss hat sich sehr tief eingeprägt!

 

Wieder zuhause trafen wir Michelle (einer der Straßenjungen) und eine Freundin unseres Chefs, welche auf ihn wartete. Michelle lachte über alles, was wir ihm erzählten und über das, was er selber hörte; das ist die Art, wie der Großteil der hier lebenden Menschen mit Problemen umgeht. Die Frau hingegen war noch viel schockierter als Daniel oder ich, da sie den ganzen Krach nur hörte und nichts selber gesehen hat und auch absolut nicht weiß, was auf den Straßen abläuft.

 

Die ganze Nacht wurde in der Stadt geschossen, so dass ich kein Auge zumachte. Noch nie hatte ich irgendetwas Ähnliches erlebt, oder auch nur erträumt! In der Nacht hatte ich doch recht Angst, da ich nicht wusste, wie weit das alles noch gehen wird, vor allem wie weit die Soldaten gehen werden! Desweiteren war mein Chef immer noch nicht aufgetaucht.

Ich wollte am liebsten einfach nur raus aus Kpalimé, raus aus dieser verkehrten, kranken Welt…

 

Auch am nächsten Morgen wurde noch geschossen, bis ca. 10.00 Uhr. An diesem Morgen kamen eine Menge Straßenkinder zu uns, aus Angst, am Markt zu bleiben. Sie berichteten uns von Soldaten, die in Häuser gehen und die Bewohner terrorisieren und verprügeln! An diesem Tag war die Stimmung noch viel schlechter als in der Nacht zuvor: Lauter Leute, die einem sagen, was draußen passiert, dazu Geschrei von Menschen, hier und da ein Schuss, hin und wieder fliegen Steine ans eigene Hoftor und man hat absolut keine Ahnung was hinter den Mauern los ist! Man hört Geräusche, kann sie aber nicht wirklich einordnen, stattdessen denkt man was weiß ich was und bekommt nur noch mehr Panik! Das einzigste, was man machen kann, ist über die Mauer zu luren; dort laufen ständig Soldaten Patrolie, ansonsten sind die Straßen leer.

Irgendwann klopft es plötzlich am Tor und einer muss aufmachen. Sind es Soldaten, irgendwelche Freunde, vielleicht endlich mein Chef…

Es war ein Nachbar, der sich nach meinem Chef informieren wollte, dieser war aber seit dem Abend zuvor immer noch nicht wieder aufgetaucht…

 

Erst gegen Spätnachmittag wurde es allmählich wieder belebter auf den Strassen, so dass auch Daniel und ich mich hinaus trauten, um zu sehen, was los ist. Während vor dem Libanesenhotel gleich um die Ecke alles voller Soldaten saß und die Strasse bewacht wurde, sah es in den weniger zentral gelegenen Vierteln fast aus wie immer, von einigen Patrolien abgesehen.

In Kpalimé wurde in der vergangenen Nacht außer dem Rathaus noch einige Kirchen, einige Radiosender und einige Wahllokale demoliert; angeblich gab es bei den Schiessereien nur zwei Tote.

Neben Aufständen in allen großen Städten  Togos gab es auch vermehrt Unruhen in den Dörfern. Alleine in den umliegenden Dörfern von Kpalimé wurden mehr als 30 Menschen getötet!

Auf die Unruhen hin wurden als Antwort noch in der selben Nacht alle Radiosender, außer Radio Lomé und Radio Maria, welches den ganzen Tag nur Kirchenlieder spielt, sowie die Handynetze, Telefone und das Internet gekappt. Somit gab es also keine Möglichkeit mehr, mit jemandem Kontakt auf zunehmen oder an Informationen von außen zu kommen.

 

Als wir einige andere Deutschen in Kpalimé besuchten, um zu wissen, ob der ein oder andere etwas mehr weiß, erfuhren wir, dass die Organisation „Campagne des Hommes“ (CDH) plant, ihre Freiwilligen nach Ghana zu evakuieren; dort könnten sich Daniel und ich im Ernstfall anschließen. Auch erfuhren wir, dass die nächsten vier Tage eine Ausgangssperre besteht, wer nicht vor 18.00 Uhr zuhause ist, wird verhaftet.

 

Wieder zuhause kam endlich mein Chef zurück. Er wurde erneut verhaftet, weil er einen Soldaten vor dem Rathaus interviewen wollte, warum er das machte, weiß ich nicht. Er hatte am ganzen Körper blaue Flecken und Schrammen; er erzählte uns, dass er öfters zusammengeschlagen wurde und auch noch nach der Verhaftung öfters mit der Waffe bedroht wurde.

 

Nach all diesen Ereignissen haben wir am Abend mit Hilfe eines Weltempfängers, dem einzigen Draht nach draußen, über den französischen Sender RFI erfahren, dass „die Wahlen in Togo gut und ohne Zwischenfälle verlaufen“ und dass Kofi Annan, ebenso wie die CEDEAO zum guten Verlauf der Wahl gratulieren!!!! Wie kann das sein?

 

 

Das Ergebnis wird bekannt gegeben

 

Am nächsten Tag sollten die Wahlergebnisse bekannt gegeben werden, die Nacht auf den 26. war ruhig, viel zu ruhig. Aus Umfragen und Prognosen von vor der Wahl stand der Sieger mit 75 % für Bob Akitani für die Opposition bereits eindeutig fest. Im Radio Lomé wurde allerdings was anderes verkündet:

Der Sieger sei mit 68 % Faure Gnassingbe, Bob hat nur 37% der Stimmen. Auch im internationalen Radio wurde dies bestätigt.

 

Ein Reporter, der sich zu diesem Zeitpunkt in Lomé aufhielt, berichtete außerdem von brennenden Reifen auf den Straßen, Demos, Straßenschlachten, Schiessereien mit der Armee und auch von Aufständen gegenüber Weißen. Sein Auto hat man bei einer Fahrt durch Lomé völlig zerstört, „als Weißer, vor allem als Franzose, solle man auf keinen Fall auf die Strassen!“

Der Hass gegenüber den Franzosen kommt daher, dass sie seit der Kolonialzeit das Land ausnehmen, sich aber in keinster Weise um die Bevölkerung kümmern. Weder in den letzen 40 Jahren Diktatur, noch in den aktuellen Wahlverlauf hatte Frankreich nicht einmal eingeschritten; im Gegenteil: Frankreich hat die Politik Eyademas unterstützt! Eyadema war sogar ein persönlicher Freund von Chaques Chirac.

 

Den Abschluss der Radiosendung bildete der französische Präsident Chaques Chirac, welcher zu dem „reibungslosen Verlauf der Wahl und dem guten Ergebnis“ gratulierte!!!??

 

Der internationale Radiosender Deutsche Welle, über welchen laut Botschaft normalerweise Ausreisewarnungen und Informationen zur Situation gesendet werden sollten, interessierte sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht für Togo; Klassikkonzert am Morgen, Buchtipps, Lotto und Fußballergebnisse vom vergangenen Wochenende sind auch weit wichtiger! Diese Sachen muss man weltweit natürlich auch unbedingt wissen.

 

Mit diesen Neuigkeiten aus dem Radio und eigenen Erfahrungen aus er Stadt, z.B. dass einem jeder aus dem Weg geht, keiner einen anschaut oder anspricht… - normalerweise kann man nicht über den Markt gehen, ohne nicht mindestens 100 mal festgehalten und angelabert zu werden, das „Yovo Yovo“ – Lied nicht zu vergessen - rückten die Fluchtpläne näher.

Da allerdings die Grenzen geschlossen waren, wir keinen Kontakt zur Botschaft aufnehmen konnte und uns das Rote Kreuz Togo keine Autos schicken oder eine Eskorte zum „Abtransport“, was unsere letzte Möglichkeit wäre, bilden konnte, durften wir das Land nicht verlassen. Nur mit Ausreise- oder Evakuierungsbefehl darf man die Grenzen passieren.

 

 

Flucht aus Togo, aber wohin ?

 

Da wir nicht unbedingt in Kpalimé bleiben wollten, ließen wir uns in einem fast fertig gebauten Waisenhaus von CDH in einem kleinen Dorf zwischen Grenze und Stadt nieder. Dort verbrachten wir ca. eine Woche in einem Zimmer auf Strohmatten auf dem Boden, in ständigem hin und her, ob wir zurück nach Kpalimé oder die Flucht weiter antreten sollten, und wenn ja, in welches Land. Außer mir und Daniel haben sich noch einige weitere Leute aus Lomé und Kpalimé angeschlossen, so dass wir insgesamt 21 Personen waren.

 

Tagsüber waren wir einige Male in Kpalimé, um auf dem laufenden zu bleiben. Dort war es ruhig, viel ruhiger als normal. An den ersten Tagen waren kaum Menschen zu sehen, es fuhren kaum Autos und es lief auch keine Musik, welche sonst aus jedem Laden auf die Straßen dröhnt. Dafür patrolierten ständig Soldaten, bewaffnet mit Pumpguns und  Maschinengewehren, auch Granaten waren an manchen Gürteln zu sehen! Auch Jeeps mit fester „Bordkanone, welche normalerweise nur ein mal in zwei oder drei Wochen zu sehen sind, fuhren durch die Stadt. Wer von den Soldaten keine Waffe hatte, trug dicke Holzprügel oder meterlanges, fest zusammengeknotetes Stromkabel mit sich.

Die Soldaten erinnerten mehr an Guerillas, wie an Soldaten, die das Land, beziehungsweise das Volk beschützen sollten!

 

Als ich am ersten Tag zurück nach Kpalimé ging, war der 27. April, der Unabhängigkeitstag Togos. Als ich einen Bankwachmann fragte, weshalb die Banken geschlossen seien, antwortete er mir „siehst du es nicht, heute ist das Fest!“ Auf die Frage, welches Fest denn sei, sagte er mir nach etwas Gemurmel und Genörgel „weißt du das nicht, natürlich der Unabhängigkeitstag“. Natürlich wusste ich es…

 

An diesem besonderen Unabhängigkeitstag kam noch hinzu, dass das internationale Radio plötzlich Bob Akitani zum offiziellen Präsidenten Togos ausrief! Somit hatte Togo plötzlich zwei Präsidenten, weitere Unruhen waren somit vorprogrammiert!

 

In den folgenden Tagen gingen laut Radio die Leute in Lomé für ihren Präsidenten auf die Straße und warfen der anderen Partei Wahlbetrug… vor, bis im Endeffekt einige Tage später das togolesische (unparteiische?) Gericht sich für Faure als Präsidenten entschied. Auch die CEDEAO sprach sich erneut für Faure aus. Ebenso verkündeten die umliegenden Länder, allen voran Nigeria und Ghana, dass sie nur Faure Gnassinbe anerkennen werden.

 

Den endgültigen Entschluss, das Land zu verlassen, fassten wir letztendlich, als eines Morgens die Nachricht in unser „Lager“ kam, dass in Lomé Soldaten in der vergangenen Nacht das Goethe-Institut angegriffen und zerstört hatten, weil die Deutschen einem Minister in der Botschaft Unterschlupf boten und somit „eindeutig die Opposition im Wahlkampf unterstützen“. Desweiteren wurden in Lomé Flugblätter und Zeitungen verteilt, in denen gegen die Deutschen gehetzt wurde: angeblich sei der deutsche Botschafter in Togo ein Nazi und damals in der SS aktiv gewesen. Auch würden in Deutschland alle Togolesen verfolgt und verhaftet werden, man will ihnen das Leben so schwer wie möglich machen…

Da das togolesische Volk die ganze Zeit (eigentlich schon seit den letzten Aufständen 1993 aus den selben Gründen!) auf europäische Hilfe wartet, man die Franzosen aber nicht mag und diese auch nichts an der Situation ändern wollen, hofft man auf Deutschland, die erste Besatzermacht, die Togo einst soviel gab…

Mit den Attacken gegen Deutschland möchte die RPT den Bürgern die letzte Hoffnung auf Hilfe aus dem Ausland nehmen und hofft, dass dann Ruhe im Land einkehrt.

 

Unsere Ausreise war auch weiterhin nicht so leicht. Obwohl die Grenzen in der Zwischenzeit wieder offen waren, wollte uns ohne Visa trotzdem keines der Nachbarländer aufnehmen. Da die Grenze nach Ghana am Nähsten ist, entschlossen wir uns trotzdem, es dort zu versuchen. Erst nach ewigem Warten und Verhandeln, einigen Telefonaten mit der deutschen Botschaft in Accra und etwas Bestechung durften wir die Grenzen passieren. Für das Visa vor Ort mussten wir allerdings noch 50 € zahlen, da es sich um einen Notfall handelte; der normale Preis liegt unter 20 €! (Ghana ist eben ein Businessland, wie man hier so schön sagt!)

 

 

„Willkommen in der Freiheit“

 

Nach weiteren Stunden Gepäckkontrollen, wir waren immerhin 21 Personen, durften wir dann am Spätnachmittag endlich zum Hauptgrenzposten (bereits in Ghana) weiterfahren. Hier wurden wir erstmal herzlich begrüßt: „Steigt doch aus dem Auto aus, hier könnt ihr euch frei bewegen, das ist ein freies Land! Willkommen im freien Ghana…“

Nachdem wir einen vorläufigen Einreisestempel bekamen, sollten wir in Begleitung eines Officers die richtigen Visa an der Visastelle 50 km entfernt abholen. Da es aber schon spät war und unsere Fahrer sich weigerten, weiterzufahren, mussten wir erst einmal auf neue Autos warten. Als wir welche fanden, war es bereits dunkel und wir konnten nichtmehr zur Visastelle fahren. Aus diesem Grund übernachteten wir in einem Hotel nahe der Grenze, welches von einem deutschen Paar geführt wird. Von hier aus wollten wir am nächsten Tag aufbrechen, um die Visa zu bekommen, als allerdings unsere Begleitung von der Einwanderungsbehörde auftauchte, sah es nicht so aus: Es sind 800 Flüchtlinge aus Togo an der Grenze angekommen, weshalb man keine Zeit für uns hat. Wir sollten am Hotel bis nächste Woche warten… Aus Sicherheitsgründen mussten wir alle unsere Pässe abgeben, wir durften das Dörfchen, in dem das Hotel steht, nicht verlassen.

Da sich nichteinmal alle das Visum leisten konnten, hatten wir natürlich erst recht kein Geld dabei, um uns für eine Woche in einem Hotel niederzulassen.

Glücklicherweise hatte uns das Paar in unserer Lage gratis aufgenommen, sie bereiteten uns sogar täglich Frühstück, Kaffee und Tee…

Als am zweiten Tag allerdings das Hotel von anderen Gästen ausgebucht war, hatten wir ein kleines Problem, doch hier konnte uns das Dorf weiterhelfen: Nachdem uns der Dorfälteste mit seinem Ältestenrat mit Begrüßungsgeschenken empfangen hatte, stellte er uns einen Schlafraum für den Rest unserer Zeit zur Verfügung.

Hiermit möchte ich mich nochmals rechtherzlich bei dem Dorf Wli und dem Hotel „Waterfall Lodge“ für die Gastfreundlichkeit, die Unterkunft, Verpflegung… einfach alles in dieser Zeit bedanken!

 

Zu diesem Zeitpunkt waren alleine in Wli über 200 Flüchtlinge aus Togo untergebracht, insgesamt waren es in Benin und Ghana über 17500!

In Togo gab es bereits auch schon mehr als 100 Tote.( Im Moment spricht eine Nichtregierungsorganisation und die Opposition von mehr als 800 Toten, während die RPT 65 meldete!!)

 

Nachdem wir uns bereits eine Woche in Ghana mit dem Status“ illegaler Einwanderer“ befanden, sollten wir jetzt endlich unsere Pässe mit den Visa bekommen, allerdings wurde auch daraus nichts: Felix, einer der Freiwilligen bei CDH, welcher sich um einen Großteil des Organisatorischen unserer Flucht kümmerte, fuhr morgens los, um unsere Pässe abzuholen, kam allerdings erst am nächsten Tag spät nachmittags zurück, also eine weitere Nacht im Hotel. Als er dann auftauchte, hatte er aber immerhin auch noch einen Bus mitgebracht, so dass wir „sofort“ vom Hotel aufbrechen konnten. Hier auch nochmal ein Danke an Felix!!

 

Was uns an den Pässen sehr verwirrte, war, dass immernoch keine Visa eingetragen waren! Es war lediglich der Einreisestempel, den wir sofort bei unserer Einreise bekamen, zu sehen; angeblich würde dieser jetzt auch als Visum gelten. Das heißt, dass wir die ganze Zeit völlig umsonst im Hotel warten mussten, einfach aus Laune der Soldaten heraus.

 

Anschließend ging es weiter nach Ho, der nächst größeren Stadt, wo man auch wieder sehr viele Togolesen sah; auch sehr viele bekannte Gesichter aus Kpalimé waren dabei. Hier konnten wir einige Tage bei einem Verwandten des Chefs von CDH unterkommen. Dort angekommen wurden wir erstmal mit Fernsehen empfangen. Anstelle, dass irgendetwas darüber in den Nachrichten gezeigt wurde, was 50 km hinter den Grenzen passiert, dass Leute um Freiheit kämpfen und sich gegenseitig erschießen, zeigt man Bilder von Goldminen in Ghana, irgendwelche Besuche hier und da, Staatsbesuche in Südafrika... und anschließend Tennis und Golf aus Ghana. Dazwischen kam immer wieder Werbung für Fluggesellschaften, Allradautos, Ledercouches, Flachbildfernseher…

Nichteinmal Ghanas Medien interessieren sich für ihr Nachbarland!! Es lebe das freie Land!

 

 

Und jetzt?

 

Die nächsten Tage verlief sich dann alles und nach drei Wochen Stress ging jeder der 21 Freiwilligen nach und nach seine eigenen Wege. Einige haben ihren Flug von Lomé nach Accra umgebucht und sind schon heimgeflogen, andere reisen noch etwas herum, bevor sie die Heimreise antreten.

 

Auch ich habe in der Zwischenzeit einen Teil meines Urlaubs genommen. Vor zwei Wochen hatte mich meine Mutter besucht und wir hatten zusammen eine Rundreise durch Ghana unternommen. Eigentlich hatte sie einen Flug für Togo gebucht und wollte sich dort meine Wohnung, meine Arbeit… und das Land anschauen.

 

Ich werde jetzt erst noch etwas Zeit abwarten und schauen, ob ich wieder nach Togo zurückkehren und in meinem Projekt weiterarbeiten kann. Denn um jetzt in Ghana noch einmal von vorne anzufangen, reicht die noch verbleibende Zeit nichtmehr und ehrlich gesagt habe ich auch nicht mehr die Nerven, um nach all dem Stress noch ein drittes Mal von Neuem anfangen zu wollen.

Die Ausreisewarnung für Togo wurde zwar zurückgenommen, an der Situation hat sich allerdings noch absolut nichts geändert, weshalb ich im Moment noch nicht so große Hoffnungen habe, wieder zurückgehen zu können.

 

Aber einfach mal abwarten…

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