Wirtschaftsentwicklung und -struktur auf Mauritius und La Reunion
Michael Lehmann, Christiana Mühlner


In- und Export landwirtschaftlicher Produkte (HÜSER, 1987)

Mauritius

Auf Mauritius hat sich seit den 70er Jahren eine Umstrukturierung der Ökonomie vollzogen, die das Land in wenigen Dekaden von einem agrarisch dominierten Entwicklungsland zu einem der reichstenLänder Afrikas gemacht hat. Dabei war wichtig, dass es gelang, die ehemalige Abhängigkeit von „kolonialer“ Produktion (Agrarsektor, Zuckerrohr) abzuschütteln. In einem beispiellosen Modernisierungsprozess rückte stattdessen die Diversifizierung der Volkswirtschaft in den Vordergrund. Mit einem BIP vom ca. 13.300 $ pro EW (1995) liegt es in einer vergleichbaren Größenordnung wie Griechenland und Portugal und steht besser da als die meisten Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion. Die ökonomische Prosperität geht einher mit einer bemerkenswerten sozialen Entwicklung (Arbeitslosenrate < 3 % in den 1990er Jahren, Einkommen). Damit zahlt sich die offensive Reaktion auf die wirtschaftlichen Herausforderungen des globalen Wandels aus. Die Beziehung zur EU ist eng durch die bestehende Assoziation von Mauritius.

Der Inselstaat hat dabei in den letzten Jahren seinen Anteil der Agrarproduktion am Exportaufkommen deutlich zu Gunsten der Textil- und High-Tech-Industrie bzw. als internationales Freihandels- und Bankenzentrum (Lagegunst zwischen Afrika/Asien/Australien) verringert. Gleichzeitig erfuhren der (weitestgehend saisonunabhängige) Tourismus sowie der Export in das südliche Afrika einen großen Aufschwung.
80 % der Wirtschaft der Insel liegen in privater Hand, Staatsmonopole gibt es nur in Wasser- und Energieversorgung. Heute gibt es 3 große wirtschaftliche „Eckpfeiler“ und Devisenbringer des Landes:

- Zuckerrohr und die damit verbundene Zuckerindustrie -Export Processing zone (Freihandelszone)
- Tourismus
- Zuckerindustrie und ihr Bedeutungswandel

Wie bereits erwähnt, nimmt der Zuckerrohranbau den größten Teil der landwirtschaftlich genutzten Fläche der Insel an. Davon befindet sich ungefähr die Hälfte
in der Hand von 17 Großgrundbesitzern. Die andere Hälfte gehört ca. 32.000 Kleinbauern. Mit 31.000 Beschäftigten (1999) verringerte sich diese Zahl Innerhalb nur einer Dekade um 9.000. Dennoch ist die Branche ein wichtiger Arbeitgeber und Devisenbringer. In guten Jahren ist eine Fabrikation von bis zu 700.000 t Zucker pro Jahr möglich, in schlechten Jahren allerdings nur die Hälfte. Der Löwenanteil des Rohzuckers wird nach Europa verschifft, nur etwa 50.000 t dienen dem Eigenbedarf. Durch den Zuckerexport wird der Import von Nahrungsmitteln aus Übersee finanziert. Wichtigste Importgüter sind hier Reis aus Thailand, Mehl aus Europa oder auch Fleisch und Milch aus Madagaskar. Es gab schon Versuche Mais, Kartoffeln und auch Erdnüsse anzupflanzen, aber die Erträge reichen nicht für die Deckung des Eigenbedarfs. Insgesamt verringert sich der Beschäftigtenanteil des Primären Sektors seit den 70er Jahren deutlich. 1999 waren hier lediglich 57.300 Personen oder 11,5 % der Erwerbstätigen beschäftigt. Nur noch 6 % des Bruttoinlandsproduktes werden im Agrarsektor erwirtschaftet.

1970 begann auf Mauritius eine neue Etappe der Industrialisierung mit der Errichtung der „Export Processing Zone“ (Freihandelszone). Dabei wurden die Unternehmen, die sich auf den Export ausrichteten, mit bestimmten Privilegien ausgestattet. Seitdem genießen sie z. B. einen freien Kapitaltransfer, Steuererleichterungen, gesonderte Bankkredite und Sonderpreise bei den Energielieferanten, Verfügbarkeit von Produktionsgebäuden, begünstigte Arbeitsgesetze und eine Garantie gegen Verstaatlichung. Hinzu kommt der Freihafen und so genannte Offshore- Dienste, die sich an ausländische Kunden ausrichten. Sie konnten die Menge der Transaktionen zwischen 1995 bis 1997 auf 2 Mrd. Mauritius-Rupien verdreifachen. Somit wurde die Zuckerindustrie als Hauptwirtschaftszweig verdrängt. In Fabriken, die ausschließlich für den Export bestimmt sind, werden ungefähr 50 % der Exportgüter der Insel hergestellt.
Verdeutlicht werden kann dies anhand der Anteile von Industrie und Landwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt Heute sind etwa 38 % der Beschäftigten in der Industrie tätig, 18 % allein in Betrieben der „Export Processing Zone“. Bei ihrer Gründung gab es 9 Firmen mit 700 Arbeitern. 10 Jahre später, also 1981, waren es schon 103 Firmen mit 23.000 Arbeitern. Der Großteil der Betriebe gehört zur Branche der textilverarbeitenden Industrie. Die wichtigsten Exportländer sind Italien, Frankreich, USA, Deutschland sowie Großbritannien. Durch die Freihandelszone kommen große Mengen Fremdkapital in das Land, was einen großen Anreiz für Investoren bietet. Hier finden die Unternehmen billige aber im Gegensatz zur Dritten Welt gut ausgebildete Arbeitskräfte, geringe Lohnnebenkosten, die benötigten Rohstoffe können ebenfalls zollfrei eingeführt werden. Die Gewinne eines Unternehmens müssen erst 20 Jahre nach Betriebsgründung versteuert werden, investiertes Kapital darf wieder in das Herkunftsland rückgeführt werden. Die Auswirkungen dieser Entwicklung auf den Arbeitsmarkt spiegeln sich in 2 % Arbeitslosenquote wieder. Allerdings kommt es heutzutage zu einer großen Mechanisierung, so dass es seit 1995 schon zu 5% Verlust der Arbeitsplätze kam. Gefahrenpotentiale der Zukunft liegen vor allem in der weltweiten Rezession in den Absatzmärkten und der damit verbundenen Umorientierung der Firmen in noch billigere Produktionsstätten wie zum Beispiel Indonesien oder Madagaskar.
Auf die Rolle des Tourismus als dritte Devisenquelle des Landes wird in einem anderen Beitrag näher eingegangen. Hier sei nur erwähnt, dass im Jahre 1999 die Hälfte der Beschäftigten von Mauritius im tertiären Sektor arbeitet und sein Anteil am Bruttoinlandsprodukt bereits 65,5 % beträgt.

La Reunion

Das Überseedepartement ist wirtschaftlich abhängig vom Mutterland Frankreich. Die finanzielle Unterstützung, die in den 1960ern dazu diente, die wirtschaftliche Entwicklung voranzutreiben, reißt bis heute nicht ab. Sie ist vielmehr zum Grundpfeiler avanciert. Die soziale und ökonomische Struktur ist heute ohne die finanzielle Unterstützung der EU kaum verständlich. So wurde in der letzten Periode der Strukturfonds der EU um 51% auf 9,22 Mrd. FF erhöht (vgl. Afrika- Jahrbuch 1999, S. 289). Infrastruktur, soziale Absicherung (durch Arbeitslosengeld und Sozialhilfe), medizinische Versorgung etc. entsprechen europäischen Standards, werden aber finanziell von Frankreich gestützt. La Réunion trägt sich wirtschaftlich nicht selbst. Das spiegeln auch die Importe 83,5 % (1998) und Exporte 16,5 % (1998) wieder (vgl. Afrika-Jahrbuch 1998, S. 279). In den letzten 30 Jahren ging die Bedeutung des primären Sektors zurück. Heute ist der Anteil am BIP auf 6 % (1999) zugunsten des tertiären Sektors geschrumpft. 74 % entfallen auf den Dienstleistungsbereich, 20 % auf den sekundären Sektor. Die Beschäftigtenzahlen zeichnen ein ähnliches Bild. So arbeiten heute weniger als 6 % in der Landwirtschaft, dafür aber über 80 % im tertiären Bereich. Nur circa 14 % sind in Industrie und Produktion beschäftigt.

Primärer Sektor
Nur rund 26 % der Insel sind Kulturfläche (vgl. Hüser, Reinl, Geographische
Rundscha 39, S. 47). Die verschiedenen Nutzungen ergeben sich aus den klimatischen Verhältnissen, die Hälfte der Fläche ist mit Zuckerrohr bedeckt.
Die Landwirtschaftskammer versucht, die Monokultur durch den Anbau anderer, neuer Pflanzen zu diversifizieren. Trotz des Bedeutungsrückgangs des Zuckerrohrs (Zuckerexport: 1989 - 72 %, 1998 - 59 %) ist Zucker Exportgut
Nummer 1; Hauptabnehmer sind Frankreich und die EU. Jedes Jahr wird ein Basispreis für Zuckerrohr durch die EU-Kommission festgelegt (Quotenregelung).

Der Weltmarktpreis deckt dabei nicht die Kosten der Pflanzer, er wird durch französische Preissubvention erhöht. Die Zuckerindustrie der Insel steht und fällt mit dem Preis, den die EU festlegt. Weitere landwirtschaftliche Produkte sind Vanille, Tabak und Parfümöle, welche aus Geranium und Vétyver gewonnen werden. Die Bourbon- Vanille und die Parfümessenzen stehen in Konkurrenz mit den Billiglohnländern der Dritten Welt. Das gilt auch für tropische, schnell verderbliche Früchte wie Ananas und Lychees. Außerdem wird zunehmend Obst und Gemüse angebaut, um die Bedürfnisse der einheimischen Bevölkerung zu decken und den europäischen Markt zu beliefern.
Ein Großteil der Grundnahrungsmittel wird immer noch aus Frankreich und Europa importiert.


La Réunion - Landnutzung (Atlas of Mauritius)

Schlüsselindustrien La Réunions 1997 (Association for the Industrial Development of Réunion – 1997 nach www.webmaster@newafrica.com)
Sekundärer Sektor
Aufgrund des Reliefs sind die Küstenzonen die potenziellen Industriestandorte. In St. Denis und St. Pierre ist außerdem das notwendige Arbeitspotential konzentriert, so dass sich die Industrieansiedlungen vor allem hier befinden. Der Hafen in Le Port bietet die erforderlichen Umschlag- und Transportmöglichkeiten. Der sekundäre Sektor wird von der Nahrungsmittelindustrie dominiert, gefolgt von Baubranche und Stromproduktion. Andere wichtige Zweige sind Metallverarbeitung, chemische und Kunststoffindustrie sowie Druckereigewerbe. Die Rumherstellung, als ein ehemaliges Abfallprodukt der Zuckerverarbeitung, ist heute so ergiebig und lukrativ, dass Rum exportiert wird.
Tertiärer Sektor
Die folgende Tabelle unterstreicht die Dominanz des tertiären Sektors. Tourismus, Handel und der umfangreiche Verwaltungsapparat stellen ca. 80 % der Arbeitsplätze und des Bruttoinlandprodukts dar. Die Verwaltung entspricht der Frankreichs und wurde mit der Eingliederung in den Staat installiert. Eine stabile politische Situation und soziale Ruhe sind notwendiges Fundament für Réunion. Mit einer regionalspezifischen Politik gelingt es möglicherweise, die Wirtschaft zu stabilisieren. Jedoch müssen neue, einheimische Produkte forciert werden. Allein auf Zuckerrohr und Zucker zu setzen, macht die Wirtschaft stark abhängig vom „Wohlwollen“ der EU. Der sekundäre Sektor spielt auf der Insel nur eine untergeordnete Rolle. Es gilt, diesen zu stärken, um die Abhängigkeit zu Frankreich abzuschwächen. Die finanzielle Fessel zur Metropole (und der EU) lässt die Industrie stagnieren. Der Bedeutungsrückgang in der Landwirtschaft seit den 1960er Jahren und die damit verbundenen Arbeitsplatzverluste gingen mit einem direkten Wachstum des tertiären Sektors einher. Die Investitionen flossen hauptsächlich in die Entwicklung des Tourismus. Dieser spielt heute eine zunehmend tragende Rolle und ist das positive Vorzeigebeispiel.
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