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(Zitty, Berlin, 1/96)

Mattis Manzel

Peinlich


Mattis Manzel ist in Berlin kein Unbekannter. 1986 war er Preisträger des Berliner Rockwettbewerbs, 1990 erhielt er das Alfred-Döblin-Stipendium, 1991 erschien im Berliner Gatza-Verlag sein Prosa-Band Zwei Seemänner sitzen in Barcelona und essen einen Albatros, 92 war er unter den Besten des Montblanc-Literaturpreises, Stipendien folgten, auch sein Trio "Der Pulk", mit ihm am Baß.
Und nun das. Peinlich. Als Roman apostrophiert. Weil es mehr als 200 Seiten hat. 261, um genau zu sein, und deshalb über der Reich-Ranicki-Romandefinitionsgrenze liegt. Auf ihnen tobt Manzel in einer hie bedröhnenden, da luiziden Jam-Session aller Stile durch die Gefilde dessen, was Arno Schmidt LG nannte. Längeres Gedankenspiel. Eins reiht sich ans andere. Stets auf der Hut vor zu wenig Ratio und zu wenig Bauch zugleich. Vor allem aber nach dem Motto, daß der Sinn des Lebens Spaß sei. Hab Spaß, gib Gas. Und Manzel rotiert. Ist sein Held anfangs peinlich darauf bedacht, so was wie Stringenz zu beachten, gerät ihm Seite für Seite dann alles aus dem Lot. Handlung? Immer wieder eine neue. Idee? Das Kondom, das bekannte Wesen. Denn das einzige, was diesen Wust aus einem Hauch Woody Allen und etwas Alice who the fuck is Alice im Wunderland zusammenhält, ist eine als running gag auftretende Belehrung über die Geschichte des Parisers.
Ansonsten werden wir ins Innere eines Kiffer-Bewußtseins geführt, dem es gelingt, aus Rotweinkorkenkrümel seitenlange Krümel-Monster-Schlachten abzuleiten. Natürlich geht es auch um den Geschlechtsverkehr als solchen. Und um die Tatsache, daß alle Kanadier Finnisch lernen und auch sonst merkwürdige Wesen sind. Zum Schluß landet eine Bande Tuareg-Kamelreiter auf dem Berliner Asphalt.
All das ist bisweilen äußerst erheiternd zu lesen, ab und an ein bißchen gelehrig, hin und wieder mit bewundernswert hirnrissigen Metaphern geschmückt und alles in allem kein Buch, das man von vorne bis hinten durchzulesen braucht, weil man wie in einem Dick & Doof-Film überall schneiden kann, ohne daß wesentliches an Handlung verlorenginge. Also erwartet die Leser so etwas wie ein Text, der dem linearen Geschichtenerzähler ganz schön zeigt, warum es in unserer zitierfähigen Postmoderne alles andere als wichtig ist, das große Ganze zu sehen, wenn doch das Halbe auch schon ganz schön fertig macht. Kurzum: keine Bettlektüre, eher was für die Phasen zwischen Ampel-Rot und Ampel-Grün. Und, Vorsicht! Denken bleibt einem nicht erspart, Manzel ist zum Beispiel von einem mathematischen Bazillus besessen. Hadayatullah Hübsch

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