zurück zur Seite Pressestimmen

(Der Tagesspiegel, Berlin, 12/95)


Die Nulpe macht ihrem Namen Ehre

 

Herr Peinlich aus Neukölln


Mattis Manzel: Peinlich. Roman. Ammann Verlag. Zürich 1995. 280 Seiten. 38 DM.

Wenn einer schon Peinlich heißt! Die Geschichte eines solchen Anti-Helden kann gar nicht anders anfangen als mit einem dicken Ende. Peinlich, eine Berliner Nulpe aus Neukölln, wird von seinem Herzensschatz Margit an die Luftgesetzt - sein unsachgemäßes Hantieren an einem Präservativ hat die Liebste in allzu frohe Hoffnung versetzt. Dank seiner penetranten Dickfelligkeit gelingt es Peinlich, bei einem befreundeten Pärchen Unterschlupf zu finden. Doch bald schon wird er wie ein blinder Passagier behandelt und der beim Kaffeetrinken geschlossene häusliche Friede beim Kartoffelschälen gebrochen. Es sind Figuren am Rande gegenseitiger Nervtöterei, die der Autor mit spitzer Feder gegeneinander aufstichelt.
Fast schon ein Gescheiterter, rafft sich Peinlich als Gelegenheitsaufseher einer Wanderausstellung moderner Kunst zu neuen Taten auf. Ein dummdreister Aufriß gewinnt ihm das Herz von Kollegin Mona, die prompt ihrem bisherigen Lover Rasputin, einem prolligen Rockmusiker, den Laufpaß gibt. Die werdende Mutter Margit ergötzt sich unterdessen an Frustkäufen. Selbst wenn der Leser ihren Einkaufswagen schieben müßte, er könnte sich kaum besser amüsieren. Die Komik solcher Szenen verdankt sich wesentlich der bildverliebten Sprache von Mattis Manzel, der mit Mokanz und barocken Manierismen auch eine ironische Distanz zum eigenen Text signalisiert.
Von der Mitte des Romans an unterstreicht der Text immer stärker seine Zeichenhaftigkeit. Bizarre Nebenhandlungen flicht Manzel in die Geschichte wie das mysteriöse Schicksal einer Herde Gürteltiere in der Niederlausitz oder die Wunder menschlicher Körperflora aus Sicht eines Geißeltierchens. Und er macht den Roman zur Spielwiese anderer Textformen: Filmscripts, Artikel und Sendebeiträge. Illustrationen unterbrechen den Text, die sich auf vorhergegangene Ereignisse beziehen und an denen wiederum neue Episoden anknüpfen. Sie alle bilden ein Handlungsgefüge, das im Verlauf seines Entstehens einem Zustand größtmöglicher Unordnung zuzustreben scheint - eine erzählerische Verrätselung, zu der sich Manzel offensichtlich von Thomas Pynchon und dessen Entropiebegriff' hat inspirieren lassen. Solchermaßen auf der Klaviatur der Postmoderne klimpernd, beginnt der Roman, Texte anderer Autoren fortzuschreiben: Alice aus dem Wunderland mausert sich zur Popdiva Annie Lennox. Und wie bei Goytisolo brechen einige Tuaregs in die Welt des Helden ein; während die Truppe durch Neukölln nomadisiert, erkennt Hermann in einem Reiter der kleinen Karawane gar den verrückt gewordenen Linguistikprofessor aus Paul Bowles' Story "A Distant Episode".
Von Mattis Manzel. zugleich Begründer und Bassist einer Hip-Hop-Jazzband, erschien bisher nur der Geschichtenband "Zwei Seemänner sitzen in Barcelona und essen einen Albatros". Sein Debütroman "Peinlich" ist ein Kabinettstückchen, mit dem ein Virtuose sich zum Komponisten entwickelt hat Auch wenn das Buch in seiner Nähe zum postmodemen Potpourri mit dem Gattungsbegriff "Roman" etwas hochstapelt, hat es viel von dem Stoff, aus dem ein Kultbuch gemacht wird. Boris Preckwitz


zurück zur Seite Pressestimmen


1