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(Der Tagesspiegel, Berlin, 8/91)
Nashörner mit lackierten Nägeln
Der Berliner Poet Mattis Manzel erforscht Seelenflora und -fauna
"Zwei Seemänner sitzen in Barcelona und essen einen
Albatros." Das klingt wie der Anfang eines schrägen Witzes. Es ist
jedoch ein Rätsel, dessen Lösung der Autor nicht weiß: "Kaum
hat der eine Seemann einen Bissen genommen, steht der andere auf und erschießt
ihn. Warum?" Die Geschichte von den zwei Matrosen und dem Albatros inspirierte
Mattis Manzel zum Buchtitel seines Erstlingswerks. Mit seinen Prosageschichten
gibt er sich selbst und den Lesern allerhand Rätsel auf.
Trotz einiger Holprigkeiten liest sich seine fröhlich-anarchische Prosa
mühelos: mal ironisch, mal mit gestellter Naivität wird Skuriles als
Selbstverständliches und Nichtiges als wichtig hingestellt. Aus der Ich-Perspektive
stellt der Autor dar, wie sich ein Hund von einem Modellflugzeug unterscheidet.
Er durchleuchtet philosophisch, wie der Waldrand zwischen Wald und Nichtwald
tritt, und berichtet Erstaunliches über Nashörner: "Keines ist
wie das andere. Sie unterscheiden sich zum Teil durch ihre Füße,
einige lackieren sich die Nägel, andere tragen Mützen."
Der gebürtige Berliner (Jahrgang 1960) war - laut Klappentext - Sinfoniker,
Wikinger, Bassist der Post-Punk-Hippieband Rubbermind Revenge und Philosoph:
"Ich begebe mich gerne auf intellektuelle Ferien, das wird oft als Philosophieren
mißverstanden. Ich finde es einfach klasse, was man mit a und b im Gehirn
alles machen kann: wenn du zwei Sachen im Kopf hast, die abkoppelst von der
Wirklichkeit, ein bißchen verrührst und Kadmium und Pfeffer dazupackst"
Ihm gelingen damit verblüffend poetische Anfänge und Aphorismen, auch
wenn sie gelegentlich in überdrehtem Manierismus versacken.
Zur Zeit lebt Manzel von den Überresten des Alfred-Döblin-Stipendiums,
gestiftet vom Berliner Senat. Seit eineinhalb Jahren arbeitet er an einem Roman:
Der wird ziemlich durchgeknallt: Das ist so eine Entgleisung, eine Massenkarambolage
von Ausschweifungen", berichtet er mit leuchtenden Augen. Manzel protokolliert
Dinge, die ihn interessieren. Im Moment sind das mittelalterliche Schmuckfußböden
und die Vaginalflora. Dann geht er in die Bibliothek, wühlt in alten Büchern,
Archiven und Lexika und läßt sich inspirieren. Man muß sich
einfach den Weg freisprengen, sagen: O.K., jetzt find ich einfach Vaginalflora
klasse, dann mach ich was und es wird gut."
Gängige Regeln durchbrechen, rätseln und forschen sind für ihn
ein sicheres Mittel gegen tödliche Langeweile: "Ich fahr gern ab.
Der Spaß ist das einzig steuernde Moment."
Sein Verleger Mathias Gatza, ein ehemaliger Wagenbach-Mitarbeiter, hat sich
vor kurzem selbständig gemacht. "Noch ein paar Todesfälle, und
wir haben gar keine Gegenwartsliteratur mehr", begründet er seine
Entscheidung. Mattis Manzels Erstling ist auch das Debüt seines Verlegers.
Der Einband liest sich wie ein Stammbaum - frei nach dem Linnéschen System.
Der Inhalt ist in Historiae de animalibus und Historiae de plantis eingeteilt.
Der Leser findet dort - nach dem Jäger- und Sammlerprinzip - reichlich
Genießbares aus der Seelenflora und -fauna des Autors.
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