"sichter", Hamburg,
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Mattis Manzel
Nur noch Geschwindigkeit und nicht mehr Masse
Der Schriftsteller Mattis Manzel nennt
sich selbst ein "lesefaules Stück". Über Bastelanleitungen
sei er bei seiner Lektüre bisher kaum hinausgekommen, behauptet der 35jährige.
Für dicke Wälzer hat Manzel keine Zeit, schließlich muss der
Mann hart arbeiten. Als Sinfoniker, Wikinger und Philosoph will er sich durchgeschlagen
haben, bevor er schließlich zum Romanautor umschulte. Nur gelegentlich
unterbricht Mattis Manzel seine Arbeit. Heute Abend unternimmt er einen seiner
seltenen Hausbesuche und geht dabei seinem liebsten Hobby nach: Legenden um
die eigene Person spinnen. Zum Beispiel die von der norwegischen Schriftstellerin,
die er einst liebte, und die auf merkwürdige Art und Weise seine Muse wurde.
"Eigentlich hab ich damals nur mit dem Schreiben angefangen, weil ich sie
ärgern wollte", flunkert Manzel, der es sich bei selbst gedrehten
Zigaretten und Earl-Grey Tee auf meinem Wohnzimmersofa bequem gemacht hat. Mitte
der achtziger Jahre war das mit der Norwegerin, Manzel bediente damals bei den
Rubbermind Revenge, einer Berliner "Post-Punk-Hippie-Popband" den
Bass. Auf Befehl des Sängers beginnt er Songtexte zu schreiben, englische
natürlich, denn Deutsch singen nach dem Ausverkauf von New Wave und Post-Punk
nur noch Schlagerfuzzis und Rock-Dinosaurier. "Auf englisch Texte schreiben,
das ist, als würde man sich beide Arme absägen und versuchen, eine
Dose aufzumachen", sagt Manzel und grinst. Trotz seiner schweren Behinderung
bringt er es zu einem lobenden Vermerk im Londoner Fanzine Enzyclopaedia Psychedelica.
"Great lyrics". Natürlich kann sich außer dem Geadelten
selbst niemand an die zusammenkopierte Zeitung von damals erinnern, eine von
Hunderten, die zu dieser Zeit in London kursierten. Doch Manzel ist stolz auf
dieses Lob. Das merkt man. Wahrscheinlich gibt er sogar mehr darauf, als auf
all die anerkennenden Floskeln, mit denen verschiedene Jurys den jungen Schriftsteller
überschüttet haben. Auf Schloss Solitude, einer elitären Kaderschmiede
der Schönen Künste, hat er als Stipendiat gelebt, und in Berlin hat
Manzel mit dem Autorenstipendium des Senats und dem Alfred-Döblin-Stipendium
gleich doppelt zugeschlagen. Schwer zu glauben, dass der verschmitzt lächelnde,
Geschichten erzählende Mensch, der mir gegenübersitzt, all diese ehrwürdigen
Auszeichnungen an Land gezogen hat.
Auf den ersten Blick passt der Berliner Rockpreis, den er 1986 gewinnt, besser
zu dem langhaarigen Verrückten, der über junge Männer schreibt,
die sich im Löwenzahn herumwälzen und über Sex, der die gesamte
Rammlerpopulation der Lüneburger Heide in Neid versetzen würde, fände
er nicht hinter der verschlossenen Schlafzimmertür eines seiner Romanhelden
statt. Doch Manzel ist nicht der Luftikus, für den er sich ausgibt. Ein
Sponti arbeitet keine sechs Jahre an einem Debütroman. Und auch seine "Bewerbungsprofessionalität",
die es ihm ermöglicht hat, eine erstaunlich lange Zeit von Stipendien zu
leben, fügt sich so gar nicht ins Image des weltfremden Spinners ein, das
er sich selbst verpasst hat.
Manzel liebt es, die Welt zum Narren zu halten, mit seinen grotesken Prosa-Attacken
genauso wie mit diesen Legenden, mit denen er sich umgibt. Doch, das Musikmachen
damals sei eine gute Schule gewesen, sagt er gerade. Schließlich habe
es ihn zum Schreiben gebracht. Dann hält er für eine Sekunde inne.
Als ob das eben Gesagte zu vernünftig klänge, korrigiert er sich:
"Aber man hätte in dieser Zeit natürlich auch sinnvolle Dinge
tun können, Laubsägearbeiten mit altem Stollen zum Beispiel".
Angestrengt habe er sich jedenfalls nicht, Manzel zuckt lässig mit den
Schultern. Das sei ihm so zugefallen mit dem Schreiben. Wieder eine dieser Legenden.
Nur ein paar Atemzüge weiter erzählt er von Lesetouren durch sämtliche
Berliner Clubs, von Schriftstellerzirkeln, die er über Jahre hinweg besucht
hat, - wo man sich gegenseitig "zerfetzt" hat, wo man gezwungen war,
seitenlangen Wortmüll über sich ergehen zu lassen, wo man abwarten,
musste "bis auch der letzte Halbbesoffene was abgelassen hat", um
schließlich ein verwertbares Statement zu den eigenen Texten zu ergattern.
"Manchmal hab ich gedacht, nicht schon wieder hin zu dem Drecksgesülze",
gesteht der abgebrochene Musikstudent und verdreht dabei die Augen. Trotzdem
fehle ihm in Hamburg, wo er seit einigen Monaten lebt, so ein regelmäßiger
Autorentreff.
Schließlich sind die Zusammenkünfte mit Kollegen Teil eines Umfelds,
aus dem heraus er "mutig ins Weiße der Landkarte arbeiten kann",
in dem er produzieren kann, ohne darauf achten zu müssen, welcher Verlag
was gerade an den Mann bringen will. "Kommen lassen", so nennt Manzel
diese Arbeitsweise in bester Hippie-Manier. Mit Gefühl arbeiten, sich von
seiner Intuition leiten lassen und den nächsten Kreativitätsschub
abwarten. Zwischen 1984 und 1989 entstehen nach dieser Methode etliche Kurzgeschichten,
fantasievolle, wortgewaltige Anschläge auf den guten Geschmack.
Der Verleger Mathias Gatza ist von Manzels Kurzprosa begeistert und veröffentlicht
1991 den Geschichtenband Zwei Seemänner sitzen in Barcelona und essen einen
Albatros. Zwei Jahre später bringt Manzel seinen Debütroman Peinlich
beim Ammann-Verlag unter. Wie gerät ausgerechnet ein so Wortverrückter
an diesen renommierten Zürcher Verlag? Einer, dem Vorab-Exposés
genauso zuwider sind wie auf dem Reißbrett geplante Erfolgsromane? "Ein
Buch kriegt man nur veröffentlicht, wenn man die entsprechenden sozial
erwirtschafteten oder zufälligen Connections hat. Sonst hat man keine Chance",
sagt Manzel. Eine solche zufällige Begegnung hat er 1993 mit der Besitzerin
des Ammann-Verlags, die ihn als Literaturjurorin der Akademie Schloss Solitude
entdeckt. Sie gibt das Peinlich-Manuskript an ihren Lektor weiter. "Wenn
die das mit der Post bekommen hätten, wäre es sicher untergegangen",
Manzel weiß, wovon er spricht, an 34 verschiedene Verlage hat er sein
Manuskript verschickt, dabei hat er die ersten 22 Absagen gleich automatisch
postwendend kassiert. Noch heute flattern Schreiben von Lektoren, die ihren
Manuskriptstapel abarbeiten, auf seinen Schreibtisch. Doch die negativen Bescheide
lassen Manzel kalt. Seit Ende letzten Jahres steht sein Roman in den Regalen
der Buchhandlungen. Sechs Jahre hat er daran gearbeitet, immer wieder in Zusammenarbeit
mit seinem Lektor gekürzt, umstrukturiert und den Text per Computer mit
digitaler Cut-Up-Technik bearbeitet, "am Schluss war Peinlich nur noch
Geschwindigkeit und nicht mehr Masse", sagt Manzel stolz. Aus den drei
Wörtern "dumm-plan-boshaft", die der Autor 1990 nach einem Spaziergang
auf einen Bierdeckel gekritzelt hat (legendenverdächtig!), wurde ein großer
Roman. Zu gut, um sich anständig zu verkaufen, zu schräg für
einen Publikumsliebling.
"Peinlich war kein Hit. Ich wollte gerne, dass er ein Hit wird", für
einen kurzen Augenblick senkt sich der Kopf des quirligen Berliners. Was bedeutet
das, "kein Hit"? Er richtet sich wieder auf und grinst: "Man
kann das in Zahlen ausdrücken: null Komma null. Du verkaufst keine Bücher,
bekommst keine Lesungen. Dein Name ist nicht in der Gegend rum. Die Stipendienhirsche
werden nicht auf dich aufmerksam." Dabei wollte Manzel mit seinem Roman
"jetzt mal so richtig in die Unsterblichkeit einfingern". Stattdessen
sitzt er seit Monaten beim Hamburger Stadtmagazin Prinz herum und korrigiert
Texte von Leuten, die Schwierigkeiten damit haben, drei zusammenhängende
Hauptsätze zu Papier zu bringen.
Natürlich ist Manzel enttäuscht. Von "null Komma null" können
schließlich weder Verlag noch Autor leben, doch von seinem Anspruch, den
Lesern in seiner Literatur das Maß an Verwirrung zu bieten, das auch die
Welt selbst bereithält, will er keine Zeile abweichen. Schließlich
hasst er Kollegen, die versuchen, den komplizierten Lauf der Dinge als eine
zusammenhängende Geschichte zu verkaufen. Für ihn ist das Betrug am
Publikum. Einer, den die Dinge erst dort zu interessieren beginnen, wo er sie
nicht mehr versteht, verlangt von seinen Lesern, dass sie ihm hart gesotten
durch seine literarischen Tagträume folgen. "Wer das nicht aushalten
kann, der soll sich halt Geschichten reinziehen", findet Manzel.
von Christian Buhl
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