"sichter", Hamburg, 7/96

 

Mattis Manzel

Nur noch Geschwindigkeit und nicht mehr Masse


Der Schriftsteller Mattis Manzel nennt sich selbst ein "lesefaules Stück". Über Bastelanleitungen sei er bei seiner Lektüre bisher kaum hinausgekommen, behauptet der 35jährige. Für dicke Wälzer hat Manzel keine Zeit, schließlich muss der Mann hart arbeiten. Als Sinfoniker, Wikinger und Philosoph will er sich durchgeschlagen haben, bevor er schließlich zum Romanautor umschulte. Nur gelegentlich unterbricht Mattis Manzel seine Arbeit. Heute Abend unternimmt er einen seiner seltenen Hausbesuche und geht dabei seinem liebsten Hobby nach: Legenden um die eigene Person spinnen. Zum Beispiel die von der norwegischen Schriftstellerin, die er einst liebte, und die auf merkwürdige Art und Weise seine Muse wurde. "Eigentlich hab ich damals nur mit dem Schreiben angefangen, weil ich sie ärgern wollte", flunkert Manzel, der es sich bei selbst gedrehten Zigaretten und Earl-Grey Tee auf meinem Wohnzimmersofa bequem gemacht hat. Mitte der achtziger Jahre war das mit der Norwegerin, Manzel bediente damals bei den Rubbermind Revenge, einer Berliner "Post-Punk-Hippie-Popband" den Bass. Auf Befehl des Sängers beginnt er Songtexte zu schreiben, englische natürlich, denn Deutsch singen nach dem Ausverkauf von New Wave und Post-Punk nur noch Schlagerfuzzis und Rock-Dinosaurier. "Auf englisch Texte schreiben, das ist, als würde man sich beide Arme absägen und versuchen, eine Dose aufzumachen", sagt Manzel und grinst. Trotz seiner schweren Behinderung bringt er es zu einem lobenden Vermerk im Londoner Fanzine Enzyclopaedia Psychedelica. "Great lyrics". Natürlich kann sich außer dem Geadelten selbst niemand an die zusammenkopierte Zeitung von damals erinnern, eine von Hunderten, die zu dieser Zeit in London kursierten. Doch Manzel ist stolz auf dieses Lob. Das merkt man. Wahrscheinlich gibt er sogar mehr darauf, als auf all die anerkennenden Floskeln, mit denen verschiedene Jurys den jungen Schriftsteller überschüttet haben. Auf Schloss Solitude, einer elitären Kaderschmiede der Schönen Künste, hat er als Stipendiat gelebt, und in Berlin hat Manzel mit dem Autorenstipendium des Senats und dem Alfred-Döblin-Stipendium gleich doppelt zugeschlagen. Schwer zu glauben, dass der verschmitzt lächelnde, Geschichten erzählende Mensch, der mir gegenübersitzt, all diese ehrwürdigen Auszeichnungen an Land gezogen hat.
Auf den ersten Blick passt der Berliner Rockpreis, den er 1986 gewinnt, besser zu dem langhaarigen Verrückten, der über junge Männer schreibt, die sich im Löwenzahn herumwälzen und über Sex, der die gesamte Rammlerpopulation der Lüneburger Heide in Neid versetzen würde, fände er nicht hinter der verschlossenen Schlafzimmertür eines seiner Romanhelden statt. Doch Manzel ist nicht der Luftikus, für den er sich ausgibt. Ein Sponti arbeitet keine sechs Jahre an einem Debütroman. Und auch seine "Bewerbungsprofessionalität", die es ihm ermöglicht hat, eine erstaunlich lange Zeit von Stipendien zu leben, fügt sich so gar nicht ins Image des weltfremden Spinners ein, das er sich selbst verpasst hat.
Manzel liebt es, die Welt zum Narren zu halten, mit seinen grotesken Prosa-Attacken genauso wie mit diesen Legenden, mit denen er sich umgibt. Doch, das Musikmachen damals sei eine gute Schule gewesen, sagt er gerade. Schließlich habe es ihn zum Schreiben gebracht. Dann hält er für eine Sekunde inne. Als ob das eben Gesagte zu vernünftig klänge, korrigiert er sich: "Aber man hätte in dieser Zeit natürlich auch sinnvolle Dinge tun können, Laubsägearbeiten mit altem Stollen zum Beispiel".
Angestrengt habe er sich jedenfalls nicht, Manzel zuckt lässig mit den Schultern. Das sei ihm so zugefallen mit dem Schreiben. Wieder eine dieser Legenden. Nur ein paar Atemzüge weiter erzählt er von Lesetouren durch sämtliche Berliner Clubs, von Schriftstellerzirkeln, die er über Jahre hinweg besucht hat, - wo man sich gegenseitig "zerfetzt" hat, wo man gezwungen war, seitenlangen Wortmüll über sich ergehen zu lassen, wo man abwarten, musste "bis auch der letzte Halbbesoffene was abgelassen hat", um schließlich ein verwertbares Statement zu den eigenen Texten zu ergattern. "Manchmal hab ich gedacht, nicht schon wieder hin zu dem Drecksgesülze", gesteht der abgebrochene Musikstudent und verdreht dabei die Augen. Trotzdem fehle ihm in Hamburg, wo er seit einigen Monaten lebt, so ein regelmäßiger Autorentreff.
Schließlich sind die Zusammenkünfte mit Kollegen Teil eines Umfelds, aus dem heraus er "mutig ins Weiße der Landkarte arbeiten kann", in dem er produzieren kann, ohne darauf achten zu müssen, welcher Verlag was gerade an den Mann bringen will. "Kommen lassen", so nennt Manzel diese Arbeitsweise in bester Hippie-Manier. Mit Gefühl arbeiten, sich von seiner Intuition leiten lassen und den nächsten Kreativitätsschub abwarten. Zwischen 1984 und 1989 entstehen nach dieser Methode etliche Kurzgeschichten, fantasievolle, wortgewaltige Anschläge auf den guten Geschmack.
Der Verleger Mathias Gatza ist von Manzels Kurzprosa begeistert und veröffentlicht 1991 den Geschichtenband Zwei Seemänner sitzen in Barcelona und essen einen Albatros. Zwei Jahre später bringt Manzel seinen Debütroman Peinlich beim Ammann-Verlag unter. Wie gerät ausgerechnet ein so Wortverrückter an diesen renommierten Zürcher Verlag? Einer, dem Vorab-Exposés genauso zuwider sind wie auf dem Reißbrett geplante Erfolgsromane? "Ein Buch kriegt man nur veröffentlicht, wenn man die entsprechenden sozial erwirtschafteten oder zufälligen Connections hat. Sonst hat man keine Chance", sagt Manzel. Eine solche zufällige Begegnung hat er 1993 mit der Besitzerin des Ammann-Verlags, die ihn als Literaturjurorin der Akademie Schloss Solitude entdeckt. Sie gibt das Peinlich-Manuskript an ihren Lektor weiter. "Wenn die das mit der Post bekommen hätten, wäre es sicher untergegangen", Manzel weiß, wovon er spricht, an 34 verschiedene Verlage hat er sein Manuskript verschickt, dabei hat er die ersten 22 Absagen gleich automatisch postwendend kassiert. Noch heute flattern Schreiben von Lektoren, die ihren Manuskriptstapel abarbeiten, auf seinen Schreibtisch. Doch die negativen Bescheide lassen Manzel kalt. Seit Ende letzten Jahres steht sein Roman in den Regalen der Buchhandlungen. Sechs Jahre hat er daran gearbeitet, immer wieder in Zusammenarbeit mit seinem Lektor gekürzt, umstrukturiert und den Text per Computer mit digitaler Cut-Up-Technik bearbeitet, "am Schluss war Peinlich nur noch Geschwindigkeit und nicht mehr Masse", sagt Manzel stolz. Aus den drei Wörtern "dumm-plan-boshaft", die der Autor 1990 nach einem Spaziergang auf einen Bierdeckel gekritzelt hat (legendenverdächtig!), wurde ein großer Roman. Zu gut, um sich anständig zu verkaufen, zu schräg für einen Publikumsliebling.
"Peinlich war kein Hit. Ich wollte gerne, dass er ein Hit wird", für einen kurzen Augenblick senkt sich der Kopf des quirligen Berliners. Was bedeutet das, "kein Hit"? Er richtet sich wieder auf und grinst: "Man kann das in Zahlen ausdrücken: null Komma null. Du verkaufst keine Bücher, bekommst keine Lesungen. Dein Name ist nicht in der Gegend rum. Die Stipendienhirsche werden nicht auf dich aufmerksam." Dabei wollte Manzel mit seinem Roman "jetzt mal so richtig in die Unsterblichkeit einfingern". Stattdessen sitzt er seit Monaten beim Hamburger Stadtmagazin Prinz herum und korrigiert Texte von Leuten, die Schwierigkeiten damit haben, drei zusammenhängende Hauptsätze zu Papier zu bringen.
Natürlich ist Manzel enttäuscht. Von "null Komma null" können schließlich weder Verlag noch Autor leben, doch von seinem Anspruch, den Lesern in seiner Literatur das Maß an Verwirrung zu bieten, das auch die Welt selbst bereithält, will er keine Zeile abweichen. Schließlich hasst er Kollegen, die versuchen, den komplizierten Lauf der Dinge als eine zusammenhängende Geschichte zu verkaufen. Für ihn ist das Betrug am Publikum. Einer, den die Dinge erst dort zu interessieren beginnen, wo er sie nicht mehr versteht, verlangt von seinen Lesern, dass sie ihm hart gesotten durch seine literarischen Tagträume folgen. "Wer das nicht aushalten kann, der soll sich halt Geschichten reinziehen", findet Manzel.

von Christian Buhl

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