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(Sender Freies Berlin, Hörfunkrezension)

von Michael Seyfert


Mattis Manzel: Peinlich. Amman Verlag.


Peinlich fand ich zuerst, daß die Hauptfigur des Romans ausgerechnet diesen Namen tragen muß. Zu direkt, dachte ich und fühlte mich an Comics wie "Mad" erinnert. Es ist eine der Überraschungen dieses Romans, daß der Autor in der Mitte des Buches seine Hauptfigur umbenennt. Sie heißt ab Seite 132 Hermann. Aber das ist auch nicht ganz richtig: Eigentlich hieß sie von Anfang an Hermann, das wollte Manzel aber nicht gleich sagen. Mal ehrlich, meint er, ohne gleich mit Vorträgen über die verkaufslähmende Wirkung ungeschickt gewählter Romantitel langweilen zu wollen, ein Buch, auf dem steht Peinlich, Roman geht nun mal besser über den Ladentisch als eines mit dem Titel Hermann, Roman. Da muß man wohl zustimmen.
Das Buch birgt jede Menge weitere Überraschungen, besser gesagt, es ist eine 260 Seiten lange Überraschung.

Es ist verspielt, es ist sogar spielerisch. Dem Autor hat das Schreiben offenbar Spaß gemacht. Dafür muß man ja heute schon dankbar sein: Ein Buch in die Hand zu bekommen, bei dem sich nicht gleich das Gefühl einstellt, hier hat wieder mal jemand monate -, wohlmöglich jahrelang hart mit sich gerungen, damit er mir Gewichtiges mitgeben kann auf den weiteren Lebensweg.
Nicht daß man von Peinlich nichts lernen kann. Es heißt einmal: "Spaß ist des Lebens finale Endlösung. Ohne Spaß läuft nichts. Welchen Sinn sollte das Leben haben, wenn nicht Spaß?" Peinlich alias Hermann steht sich bei dieser Sinngebung natürlich häufig genug selber im Weg, wird aber von Manzel mittels allerlei Kapriolen über Wasser gehalten.

Was in Peinlich so alles passiert, will ich gar nicht aufzählen. Wir bewegen uns zwischen Rockkonzert im Kreuzberger SO 36 und Kamelsattel in Nordafrika, wir erleben Peinlich in Wohngemeinschaften, im Bett, in Gesprächen und sehr häufig in Gedanken.

Zuerst muß er darüber hinwegkommen, daß seine Freundin schwanger Ist. Da hatte mal was nicht richtig geklappt und deswegen enthält der Roman viel Wissenswertes über Kondome, und was mit denen alles schiefgehen kann. Auch kulturgeschichtlich und geopolitisch. Dabei kommen interessante Details ans Tageslicht. Peinlich weiß z.B., daß 1975 in der Arabischen Republik Jemen von der Agency for International Developement ein (in Worten ein) Kondom ausgegeben wurde, wobei nicht bekannt ist wie der Empfänger hieß. Oder es bewegt Peinlich die Frage, was wäre, wenn der Kopf einer Samenzelle die Größe eines Rugby-Eies hätte, die vom "International Rugby Board" auf eine Länge zwischen 28 - 30 cm festgelegt ist. Demnach hätte - Peinlich kann gut rechnen - ein Kondom einen Durchmesser von 2 km, die Stärke der Latexwand läge bei ca. 4 m. Man muß solche Dinge nicht unbedingt wissen. Das meint auch Peinlich, der sich angesichts tausender komplizierter und überflüssiger Gedanken, die in seinem Kopf herumfunken, ohnehin "als großtechnische Anlage zur Verbrennung von Gedankenschrott versteht."

Es geht in diesem Buch um den Sinn des Lebens, also auch um den Tod, um Musik, Sex, das Neunbindenwirbeltier, hilfsbereite Kanadier, um Radioprogramme, die, obwohl ultrakurzwellig gesendet langweilig sind, und es geht um Philosophie. Etwa um die Frage von Erkenntnis, z.B. ob die Cheopspyramide weiß, daß ihre Grundfläche quadratisch ist. Das kann man nicht mit letzter Sicherheit ergründen, meint Manzel und kommt zu dem Schluss, daß ohnehin eine recht stolze Portion Ignoranz dazu gehöre, die Cheopspyramide darauf anzusprechen, ob ihr Grundriss vielleicht rund sei.

Mir gefällt an dem Buch, wie geschickt Manzel den Erzählerstandpunkt wechselt.

Z. B. können wir eine Beischlafszene von Carlos' "point of view" aus miterleben. Carlo ist eine Trichomonade aus der Familie der Protozoen, die in dem für diese Szene äußerst wichtigen Körperteil der weiblichen Mitwirkenden nistet. Aus Carlos' Blickwinkel sieht das alles schon ganz anders aus.

Schön auch, wie schnell und sicher Manzel Dinge auf den Punkt bringt. Da ist z.B. von einem Künstler die Rede, und ich nehme an, Manzel mag ihn nicht. Keine langweiligen Werkanalysen, keine Beschreibung seines Äußeren, nein, der Mann wird umgetauft in "Fotztell", und jeder weiß, wer - und vor allem was - gemeint ist.

Und so geht das immer weiter. Kluge Gedanken, aber auch Spitzfindigkeiten und Sottisen über Sinn und Unsinn des Lebens, über Musik, über Sex oder Gaumenfreuden, wobei "kulinarische Antidepressiva" vorgeführt werden und ein "Napalmkochbuch der südostasiatischen Küche".

Ein Buch, das spielerisch mit literarischen Formen umgeht und den Ernst des Lebens nicht allzu ernst nimmt. Peinlich zeigt uns, daß einem kaum etwas peinlich .sein muß. Und wenn es doch hin und wieder mal vorkommt, dann muß man sich vor dem Gefühl nicht drücken. Vor allem ist das kein Ärgernis, sondern nur die Folge davon, sich die Wirklichkeit nicht richtig konstruiert zu haben.


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