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(Scheinschlag, Berlin, 11/95)

Peinlich


Gummiqualität im Verhältnis zu unerwünschten Ei-Samenkontakten.

Peinlich. Wer ist Peinlich. Eine Abhängergestalt, ein Mann - ohne postpubertäre Eigenschaften. Peinlich. Der Mann hat gerade seine Freundin geschwängert, wird von ihr widerspruchslos vor die Tür gesetzt, kommt bei Freunden unter und schläft in der Küche: Was tut er? Er meditiert seitenlang über die Qualität des Gummis und über die Fehlerquoten moderner Industrieproduktion. Irrt durch Neukölln. Lustlos schält er Kartoffeln. Redet Belanglosigkeiten und Blech. Beschäftigt sich mit seinem Glied und cremt die Bettdecke ein. Wer möchte nicht einen Gast haben, der seine Mitesser am Spiegel ausdrückt?
Peinlich ist Aufsicht und in der Ausstellung, Kunstwächter. Trotz blödester Anmache wird er Mona bumsen. Das erfahren wir von Carlo, der in der Vaginalflüssigkeit ein bakteriöses oder amöbenhaftes Leben führt, und plötzlich von einem Schwanz erschreckt wird, der in das Biotop hineindrängt. Kennen sie Rasputin? Rasputin ist irgend so ein versoffener Rockinvalide, der ein Konzert vor drei oder vier zahlenden Gästen hat. Rasputin ist ein wandelnder Bölkstoffvertilgungsautomat. Kommt um auf Seite 163, oder ist nur betrunken, was soll's.
Wußten Sie, daß Peinlich eigentlich Hermann heißt? Nun, das Ganze spielt am Hermannplatz, also Hermann ist nichts Herausragendes. In einer fremden Küche, halt! Dazwischen oder danach ist ein Exkurs über Kino und Lautschrift sowie über tote Neunbindengürteltiere in der Mark B.; also, in der Küche, wo Hermann nun Brotkrümel anzündet, avanciert er zum Kommandanten eines Atomunterseebootes und ist absoluter Kommandant der länglichen Atomprojektile... Auf dem Tisch sind Stecknadeln, Tennissocken, Illustrierte, schwarze Schuhcreme, ein aus Alumiumfolie geprägter Napf-für ein Fischfilet àla Bordelaise... Zeugung soll mit dem Tode bestraft werden. Seite 254 zitiert Hermann: Spaß ist des Lebens finale Endlösung, während er, Hermann, nachdem er von Paul Bowles was erfahren hat, Tuareg an der Ampel zwischen der Deutschen Bank und der Commerzbank bekämpft.
Unsinnige Einsprengsel und alles in einer leichten, flottierenden jargon-garnierten Sprache. Gretchenfrage? Sie!: Ist das jetzt Aidsalarm auf Spiegelniveau (die verrotteten und schwanzgesteuerten Endzwanziger!) oder nur eine Komödie? Ein anarchistischer und doch triebdevoter Blick, der niemals tiefer blickt als Peinlich alias Hermann? Fragen Sie ihn, wenn sie einen Endzwanziger mit billigem Linksoutfit und Abhängegesicht am Hermannplatz finden, fragen Siel Sind sie Peinlich? GMZ


Mattis Manzel: "Peinlich", Ammann- Verlag, 260.S., gebunden. Mattis Manzel veröffentlichte zuvor den Erzählungsband "Zwei Seemänner sitzen in Barcelona und essen einen Albatros".

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