zurück zur Seite Pressestimmen

(Kult 3/96)

Nicht sinnvoll - Aber auch nicht strafbar


Zu: Mattis Manzel, Peinlich (Ammann Verlag, Zürich, 1995, 263 S.)

Im freien Spiel zwischen Phantasie und Albernheit fordert uns dieser Autor heraus. Mattis Manzel (Jg. 60) weigert sich 260 Seiten lang, einen ordentlichen Roman zu erzählen. Es passiert recht wenig, allerhand wird durchspintisiert. Des Autors Programm: "Doch man sollte nicht darüber spekulieren, was sich außerhalb der menschlichen Vorstellungskraft abspielt." Ein Roman, der keiner werden darf - eher ein introvertiertes Nummernkabarett. Ein wenig reizt diesen Autor das Experimentieren mit Sprache, Stil und Gattungsgrenzen. Das ist nett, bleibt aber Stückwerk. Soll es wohl auch sein: "Es geht nicht um Wirklichkeit." Einige Figuren und Konstellationen werden quasi durchprobiert, bis es z.B. plötzlich heißt: "Was gibt es also von Margit zu erzählen? Nichts. Doch es gibt anderes zu erzählen."
Wenn man den Vorgang erzählen nennen kann, dann ist es assoziativ. Aber nicht im seriösen, revolutionär wirkenden Stil der Jahrhundertwende - eher banal bis albern. Sicherlich komisch unter Alkoholgenuß vor einem Studentenpublikum. Nicht sinnvoll, aber auch nicht strafbar. Man darf heutzutage so schreiben. Nur weiß der Leser am Ende nicht, was er eigentlich gelesen hat. Partikel und Versatzstücke schwirren einem durch den Kopf - und als running gag erfahren wir in fortgesetzten Einsprengseln etwas über die historische Entwicklung des Kondoms. Da es noch genügend andere eindeutige Stellen gibt, fragt man sich, ob der Autor etwa ein Sexualneurotiker sein könnte. Jedenfalls ist er schon geschlechtsaktfixiert unterwegs.
Der geschätzte Leser, dem es schwerfällt einen urschriftlich in blödhammelnder Inversionstechnik verfaßten Text nachzuvollziehen könnte natürlich das Buch ein zweites Mal lesen, um originelle Details zu entdecken. Mir steckt aber in diesem Spiel zu wenig Ernst. Vielleicht könnte dieses Buch als Vorwand dienen, sich pseudointellektuell zu amüsieren. Jedenfalls scheint der "düstere Himmel der kreativen Bewußtlosigkeit", den der Autor seiner Hauptfigur Hermann Peinlich attestiert, eher ihn selbst überwölkt zu haben.
Die Verwirrung, die Manzel in Leserköpfen anzustellen vermag, ließe sich aus folgender Textpassage herleiten: "Zum Glück trug Hermann immer ein Heftlein und einen Kugelschreiber bei sich. Er tat dies, weil er nicht den Mut besaß, es aufzugeben, sich von der Idee zu befreien, daß er es besser bleiben lassen sollte, so doof zu sein, es nicht wahrhaben zu wollen, was für einen ausgemachten Schwachsinn es darstellte, ungeschickterweise zu ignorieren, wie sinnlos es war, hin und wieder irgendwelche seiner dummen und überflüssigen Einfälle schriftlich zu fixieren."
Nun, jeder potentielle Leser wird selbst entscheiden müssen, ob er diese "dummen und überflüssigen Einfälle" für postmoderne Literatur zu halten gewillt sein könnte. Vielleicht antwortet der potentiell geplagte Leser auch mit einem Zitat: "Hermann war fest davon überzeugt, daß ihm für eine derartige Geisteskür zu übel sei." Wenn man bereit ist, auf den Peinlich-Trip zu gehen, kann auch eine andere Aussage als Motto gelten: "Spaß ist des Lebens finale Endlösung. Ohne Spaß läuft nichts. Welchen Sinn sollte das Leben haben, wenn nicht Spaß?"
Welchen Sinn sollte Literatur haben? Daß der Autor vor der Literaturkritik straffrei ausgehe? Das Buch eskaliert: Hermann ist U-Boot-Kommandeur, hat die Vision einer Schlacht zwischen Krümeln, landet bei den Tuareg. Wahrnehmungsebenen schieben sich ineinander. Wir erfahren zum wiederholten Mal (wie niveauvoll), daß Hermann beim Kamelritt "der Arsch wehtat" und ihn eine "kandierte Endzeitstimmung" überkommt.
Der Schluß bleibt so offen wie die Stimmung. Der Klappentext behauptet, der Roman sei ein "Schnellsuchlauf durch die Programme der Gegenwart (...) ein Cutup durch das Bilderdickicht unseres Denkens." Nun, die Cutup-Methode sei angesagt in der jungen Literatur, habe ich mir sagen lassen. Na gut, wer beim Lesen das Gefühl haben möchte, Videoclips anzuschauen, dem sei dieses Buch empfohlen. Karl Heinz Schreiber

 

zurück zur Seite Pressestimmen

 


1