Der Autor als Boß: Mattis Manzels Geschichten
Von Norbert Hummelt
Zwei Seemänner sitzen in Barcelona und essen einen Albatros":
Das klingt, als setze jemand dazu an, einen schrägen Witz zu erzahlen,
und schräg und witzig ist das so betitelte Prosadebüt von Mattis Manzel
allemal. In 36 ziemlich kurzen Geschichten erweist sich der Berliner (Jahrgang
1960) als respektloser literarischer Spaßvogel, der vorgibt, die Welt
erklären zu können, zugleich aber durchblicken läßt, daß
er selbst sie keineswegs verstanden hat.
Sein ungezügelter Forschungsdrang gilt der Welt des Lebendigen, und deshalb
hat Manzel seine ganz und gar unwissenschaftlichen Betrachtungen zu Pflanze,
Tier und Mensch nach Art einer naturkundlichen Systematik eingeteilt. Da gibt
es die "Historiae de Plantis" und die "Historiae de animalibus",
der Mensch erscheint als Sonderfall der Evolution ganz am Schluß in der
Unterabteilung "Hominides".
Was Manzel von den Kreaturen zu berichten weiß, kleidet er in eine fröhlich-anarchistische, mühelos lesbare Prosa, Mal ironisch, mal mit gestellter Naivität wird Skurriles als selbstverständlich und Nichtiges als wichtig hingestellt. Einleuchtend vermag der Autor darzustellen, wie ein Hund sich von einem Modellflugzeug unterscheidet, wie der Waldrand zwischen Wald und Nichtwald tritt, beleuchtet er mit philosophischer Schärfe. Erstaunlich auch, was man über Dickhäuter erfährt. "Nashörner: Keines ist wie das andere. Sie unterscheiden sich zum Teil durch ihre Füße, einige lackieren sich die Nägel, andere tragen Mützen."
Sollte sich der Leser etwa erdreisten, die Erkenntnisse des
Dichters in Zweifel zu ziehen, so wird er in der Geschichte "Serafina"
in die Schranken gewiesen: "Nun, der Autor braucht kein Recht. Er ist der
Boß und trifft allein die Entscheidungen." Mit diesen kann der geneigte
Leser recht gut leben, wenngleich Manzel noch die eine oder andere sprachliche
Holprigkeit unterläuft, In ihren besten Momenten erinnern seine Prosaskizzen
an Ror Wolf, den Meister der nüchtern erzählten Groteske. Dem ehemaligen
Wagenbach-Mitarbeiter Mathias Gatza ist mit Manzel sicherlich eine interessante
Entdeckung gelungen.
Mattis Manzel: "Zwei Seemänner sitzen in Barcelona und essen einen
Albatros". Verlag Mathias Gatza, 120 Seiten, 23 DM.