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(Kölner Stadtanzeiger, 5/91)

Nashorn mit Mütze

Der Autor als Boß: Mattis Manzels Geschichten

Von Norbert Hummelt

Zwei Seemänner sitzen in Barcelona und essen einen Albatros": Das klingt, als setze jemand dazu an, einen schrägen Witz zu erzahlen, und schräg und witzig ist das so betitelte Prosadebüt von Mattis Manzel allemal. In 36 ziemlich kurzen Geschichten erweist sich der Berliner (Jahrgang 1960) als respektloser literarischer Spaßvogel, der vorgibt, die Welt erklären zu können, zugleich aber durchblicken läßt, daß er selbst sie keineswegs verstanden hat.
Sein ungezügelter Forschungsdrang gilt der Welt des Lebendigen, und deshalb hat Manzel seine ganz und gar unwissenschaftlichen Betrachtungen zu Pflanze, Tier und Mensch nach Art einer naturkundlichen Systematik eingeteilt. Da gibt es die "Historiae de Plantis" und die "Historiae de animalibus", der Mensch erscheint als Sonderfall der Evolution ganz am Schluß in der Unterabteilung "Hominides".

Was Manzel von den Kreaturen zu berichten weiß, kleidet er in eine fröhlich-anarchistische, mühelos lesbare Prosa, Mal ironisch, mal mit gestellter Naivität wird Skurriles als selbstverständlich und Nichtiges als wichtig hingestellt. Einleuchtend vermag der Autor darzustellen, wie ein Hund sich von einem Modellflugzeug unterscheidet, wie der Waldrand zwischen Wald und Nichtwald tritt, beleuchtet er mit philosophischer Schärfe. Erstaunlich auch, was man über Dickhäuter erfährt. "Nashörner: Keines ist wie das andere. Sie unterscheiden sich zum Teil durch ihre Füße, einige lackieren sich die Nägel, andere tragen Mützen."

Sollte sich der Leser etwa erdreisten, die Erkenntnisse des Dichters in Zweifel zu ziehen, so wird er in der Geschichte "Serafina" in die Schranken gewiesen: "Nun, der Autor braucht kein Recht. Er ist der Boß und trifft allein die Entscheidungen." Mit diesen kann der geneigte Leser recht gut leben, wenngleich Manzel noch die eine oder andere sprachliche Holprigkeit unterläuft, In ihren besten Momenten erinnern seine Prosaskizzen an Ror Wolf, den Meister der nüchtern erzählten Groteske. Dem ehemaligen Wagenbach-Mitarbeiter Mathias Gatza ist mit Manzel sicherlich eine interessante Entdeckung gelungen.

Mattis Manzel: "Zwei Seemänner sitzen in Barcelona und essen einen Albatros". Verlag Mathias Gatza, 120 Seiten, 23 DM.

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