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(Harakiri, 5/96)

Die ewige Oberschüler-Rebellion des Mattis Manzel

Mit "Peinlich" hat der 35-jährige Berliner Mattis Manzel nach dem Geschichtenband "Zwei Männer sitzen in Barcelona und essen einen Albatros" seinen ersten Roman veröffentlicht. Mattis ist kein unbekannter. Manch einer kennt vielleicht sogar das Hip Hop Jazz-Trio "Der Pulk", wo er den Bass bearbeitet. "Peinlich" ist nur nach Seitenanzahl ein Roman, eine Sintflut von Assoziationen, Traumsequenzen und Visionen in Buchstabenform. Handlung scheint mehr ein Gummiwort zu sein, dessen Manzel sich nach gut- oder schlechtdünken bedient. Eine größtenteils beliebige (?) Abfolge von bizarren Situationen, die jeder kennt, jeder liebt oder haßt, schlicht "peinliche" Situationen, die den sinnentleerten Status Quo einer Zeit einfangen, in der die alltägliche Paranoia genauso ihren Platz hat, wie die ultimative Rationalität. Sinnfindung also mal ganz anders. Die Grenzpfosten heißen Pluralität, Menschsein und Droge. Die einzige Orientierung durch den Wortdschungel bietet die historische Aufarbeitung des Kondoms. Harakiri rauchte mit Mattis einen Joint in Berlin.

Harakiri: Wie kommt man auf so eine Idee, "Peinlich" zu schreiben?
Mattis Manzel: "Peinlich" ist eine Idee... Das könnte hinkommen. Man schreibt Romane nicht, sie wiederfahren einem. Ich weiß nicht, ob das nochmal klappt, aber bei "Peinlich" war es zumindest so. Ich habe irgendwann mal im tiefen Winter '90/'91 einen Spaziergang gemacht, und danach habe ich auf einen Zettel geschrieben: "dumm, plan, boshaft". Das war das ganze Konzept, und dann habe ich "Peinlich" geschrieben. Die nächsten sechs Jahre. Bis jetzt sind inzwischen sechs Jahre vergangen. Ich habe zwischendurch den "Albatros" lektoriert, mein erstes Buch, das kam raus während ich "Peinlich" schon geschrieben habe.

H: Was bedeutet für Dich eigentlich das Gefühl der Peinlichkeit? .Peinlich" handelt ja streng genommen nicht von einem Menschen, sondern von Situationen der Peinlichkeit.
M: Der Typ hieß ja eigentlich zuerst Hermann. Peinlich erschien mir damals ein verkäuflicher Romantitel zu sein. Peinlich, das Wort, tauchte irgendwann auf, wie man das Wort eben mal so sagt und sich überlegt: was hast du denn da gerade für ein Wort gesagt? So kam das. Und dann dachte ich: Nenne doch den Roman so. Dann habe ich noch zwei Monate diese Idee so am schwelen gehabt, dann habe ich diese Umbenennung vollzogen. Hier ist die Mitte, peng, peng. So. Daß der Typ dieses Gefühl personifiziert, das sagst Du mir jetzt, und das stimmt auch, aber daran dachte ich nie. Ich fand Peinlich immer gut. Ich habe auch von jedem einzelnen Buchstaben aus abgeleuchtet, wie das so wirken könnte. Der Titel des Romans ist schließlich der Roman, das entscheidende, wichtigste Wort. Aber daß er das Gefühl personifiziert, daran habe ich so direkt nie gedacht. Peinlichkeit hat doch irgendwie mit dem sozialen Körper zu tun. Wenn du den sozialen Körper verläßt, dann passieren peinliche Dinge. Wenn einer Dinge von sich gibt, die nicht ins Betriebssystem reinpassen. Diese große Klammer, wenn sich jemand da raus begibt, dann wird es peinlich. Aber was das genau ist und wieso der Typ nun so heißt... Der hieß ja eigentlich Hermann. Ich habe "Peinlich" als Hermann geschrieben. Ich hätte ihn wahrscheinlich anders geschrieben, wenn "Peinlich" von vornherein eine Idee gewesen wäre. Ich habe ihn irgendwann umbenannt und habe dann die Mitte justiert. Hermann hieß mein Teddy, der da (deutet auf einen Teddy, der auf dem Schrank sitzt). Den hat mir meine Mutter vor kurzem erst wiedergegeben, der lag im Keller rum. Das muß wohl was tieferes sein... Ich hatte kein außergewöhnliches Verhältnis zu ihm, hatte ihn inzwischen vergessen, aber jetzt ist er endlich geweiht worden, indem er auf dem Foto mit drauf ist.

H: Stand denn der Verlauf des Romans von vornherein schon fest?
M: Nein. Form entsteht aus Wut. Ich habe ihn wuchern lassen, es waren ca. 450 Manuskriptseiten, und habe ihn dann komprimiert. Und dann hatte ich diesen ganzen Haufen Zeugs da, der mir eingefallen war während der ganzen Zeit, und ich habe dann viel montiert.

H: Wie stark autobiographisch ist denn Peinlich?
M: Da ist schon das eine oder andere, was der Autor tendenziell erlebt haben mag, aber der literarische Exciter läuft da mit. Da ist schon ein Effektgerät zwischengeschaltet. Eines bis mehrere. Die schalte ich auch ganz gerne an. Klar, ich habe auch selbst mal in einer Ausstellung als Aufsicht gearbeitet. Heute noch besuche ich Kunstausstellungen mit großer Freude und nehme sofort die Peinlich-Pose an: verschränke die Arme hinter dem Rücken, und schau so um mich: Alles gehört mir! Das ist angenehm, weil Kunst so majestätisch konditioniert wird. Das gefällt mir eigentlich.

H: Warum hast Du diese extreme Art von literarischem Crossover der Stilmittel gewählt?
M: Aus dem gesunden Impuls der ewigen Oberschüler-Rebellion heraus. Wenn ich merke, daß ich irgendwas mache, und merke, daß es irgendwas ist, mache ich es wieder kaputt, oder ich mache was anderes, oder ich mache etwas, das dagegen steht. Das ist interessant: Peinlich und das Gefühl des Sich-Abwendens. Weißt du, man wendet sich von Dingen ab, die einem peinlich sind. Wenn eine Situation klar wird, wenn man sie versteht, wird sie peinlich. Und dann wendet man sich ab. Wenn ich irgendwas gemacht habe, denke ich: O.K., aber jetzt anders.

H: Peinlich ist ja ein Anti-Held. Sind Helden denn nicht mehr zeitgemäß?
M: Peinlich heißt der Roman und Peinlich heißt mein Held, er ist wie die Frauen: an manchen Stellen ziemlich rund. Es ist das Prinzip der Schadenfreude, ein ziemlich tief ins Hirn gehendes Prinzip. Wenn einer ausrutscht, lachen alle anderen. Man identifiziert sich doch mit dem, der ausrutscht. Nur, daß man nicht selbst ausrutscht, man ist ja der verdammte Leser und der kriegt es ja auch immer wieder reingebraten: hallo Leser!

H: Was liest Du denn gerade?
M: Also zuletzt habe ich die Bedienungsleitung von meinem Apple Classic gelesen.


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