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(Capone - das Magazin, Weseling, 01/96)
Buchvorstellung "Peinlich"
"peinlich EW unangenehm; ans Leben gehend (-es Gericht: Halsgericht); übergenau"
(Mackensen, Deutsches Wörterbuch, Südwest-Verlag, München)
"Immerfort vernahm er das Schwirren eines bratwurstförmigen Gongs,
dessen Klang ihn zum Trinken anhielt." Mattis Manzel scheint nur darauf
gewartet zu haben, das axionatische Postulat Voltaires vom Adjektiv als Feind
des Substantives (l'adjectif est l'enemi du substantiv) über Bord zu werfen.
Muß er wohl auch. Denn wie anders sollte er der Flut von Bildern, dem
ständig Neuen gerecht werden, das auf den Helden seines ersten Romans förmlich
herabstürzt. Peinlich heißt der Protagonist - und seine Story dreht
sich ums Leben, spielt im Leben und geht vor allem ans Leben. Peinlich ist eine
Art Don Quijote - die phantastische Figur des Ritters von der traurigen Gestalt
- in einer anderen Zeit, aber nicht anachronistisch. Manzel erzählt nicht
einfach vom Leben, er stürzt sich gemeinsam mit seinem Romanhelden hinein
und fühlt sich dann erst wohl, wenn er akribisch notieren kann, was unserem
täglichen Schlaf-Wach-Rhythmus überhaupt Sinn gibt. Ein Vulkanausbruch
von Kleinigkeiten, und Peinlichs Odyssee führt mit raschen, bisweilen orientierungslosen
und manchmal dilettantischen Schritten mitten durch die Lava, die viel zu schnell
wieder zum kalten Urgestein von gestern wird. Peinlich ist ein Widerspruch in
sich, ein bizarrer übergenauer Abriß einer Zeit, die so schnell vergeht,
daß für Peinlichkeiten eigentlich gar keine Zeit mehr bleibt.
Mattis Manzel
Peinlich
Roman
280 Seiten
Amman Verlag, Zürich
ISBN 3-250-10268-7