(Bierfront, Aachen, 12/95)
... Ein ganz anderer Genuß ergibt sich, wenn man den bezeichnenderweise
als PEINLICH durch die Gegend laufenden Zeitgenossen im gleichnamigen Roman
von MATTTS MANZEL begleitet. Denn: "Peinlich war Peinlich, und er würde
es bis zu seinem Tode bleiben. Wenn er Pech hatte, sogar darüber hinaus."
Es sind Situationen, in denen man sonst mit einem krampfhaften Lachen zum nächsten
Gegenüber flieht, oder leicht genervt "Ja ja" murmelt. Das Problem
ist, das sich heute immer mehr Peinlichkeiten aneinanderreihen. Man stumpft
ab, ohne es zu merken. Es ist mit PEINLICH wie mit MTV CLIPS - man wartet stundenlang
auf das eine, wahre, geile Ding - und ist umgeben von 2000 Peinlichkeiten. Genau
das kehrt MANZEL in seinem Roman ad absurdum, macht aus der uns überall
umgebenden Situation des Peinlichen einen Helden, dem man gar nicht entfliehen
möchte - voller hintengründigem Schwachsinn, der nur so herausstrudelt
- wie aus einer aufgeplatzten Wunde. Flicken gilt nicht, wenn es z.B. heißt:
"Lenka versteht kein Deutsch, kein Englisch nichts. Nur kein Tschechisch
versteht sie nicht". Lenka singt, und Peinlich schält Kartoffeln.
Warum das so ist, sollte man besser nicht ergründen. Und doch steckt der
Sinn des Lebens im Kartoffelmesser. Daher PEINLICH ist als Roman alles andere
als peinlich, zu besitzen. (AMMANN Verlag, Zürich, ISBN-3-250-10268-7,
38 DM).