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(Berliner Zeitung, 2/96)
Antiheld Peinlich im großen Universum
Debüt des Berliner Schriftstellers Mattis Manzel
Von Andreas Schäfer
Unser Held heißt Peinlich. Jemand, der so heißt,
kann naturgemäß nur ein Antiheld sein. Peinlich hat mindestens zwei
Probleme. Problem Nummer eins: Er benutzt Kondome nicht fachgerecht. Daraus
ergibt sich Problem Nummer zwei: Seine Freundin Margit wird schwanger und schmeißt
den werdenden Vater aus der Wohnung. Erst finden wir das etwas unlogisch, 260
Seiten später kennen wir Peinlich besser und können Margit verstehen.
Zusammenfassend läßt sich über Peinlich sagen:
Er tut im richtigen Augenblick immer das Falsche und fühlt sich halbwegs
wohl dabei.
Wohnungslos geworden, zieht Peinlich zu Rudi. Der ist auch ein lustiger Vogel.
Seine Lebensmaxime:
"Fressen, Ficken, Fernsehen" und dabei in der Nase bohren. Lange hält
es Peinlich bei Rudi nicht aus. Er wandert durch Neuköllns Straßen
und denkt nach: "Ich bin einer von vielen. Ich bin normal - Die Größe
des Universums ist unermeßlich. - Jeder ist sich selbst der Nächste."
Später treffen wir Peinlich als Aufseher in einer Kunstausstellung und
hören ihn seine Kollegin Mona folgendes fragen: "Hast du große
oder kleine Brustwarzen?" Auch Monas Reaktion können wir verstehen,
aber gegen Peinlichs pubertäre Hartnäckigkeit hat sie wenig Chancen.
Den Beischlaf erleben wir aus Carlos Sicht, einem in Monas Intimbereich ansässigen
Einzeller, und wir erfahren dabei all das über Monas blühende Vaginalflora,
was wir immer schon wissen wollten, aber nie zu fragen wagten: "Es gab
massenhaft Zellteilung, Unterjochung, Volksfeste und Epidemien."
Später passiert noch allerhand, Margit, Rudi und Mona tauchen aber nicht
mehr auf. Noch später reitet Peinlich auf einem Kamel über den Berliner
Hermannplatz, und wenn wir uns nicht irren, mündet das Ende wieder in den
Anfang, und das Spiel geht von vom los.
Wie Peinlich der Antiheld, soll das Buch der Antiroman schlechthin sein. Handlung,
Spannung, Sinn werden bewußt vermieden. Erzählfäden werden extra
gesponnen, um dann hilflos in der Luft zu hängen. Der Weg ist das Ziel
und der lustige Einfall alles. Der 1960 geborene Autor Mattis Manzel setzt ganz
auf diese liebenswürdige Peinlichkeit seiner Hauptfigur und die eigene
Gabe, aus schrägen Bildern schräge Geschichten zu generieren. Das
trägt manchmal fünf und manchmal zwanzig Seiten. Oft trägt es
nicht. Aber weil weder Peinlich noch der Autor sich selbst ernst nehmen, hat
man beim Überblättern kein schlechtes Gewissen. Wahrscheinlich wurden
sogar einige Seiten dieses Antiromans extra geschrieben, um überblättert
zu werden.
Immerhin wissen wir jetzt alles über die Geschichte des Kondoms von seinen
Anfängen bis in die Gegenwart. Die beeindruckende Passage über Carlos
Abenteuer mit Poxviren und Döderleinschen Bazillen, seine unerwiderte Liebe
zu seiner Wirtin Mona und sein schließlich tragisches Ende finden Sie
übrigens auf den Selten 94-103.
Mattis Manzel: Peinlich. Roman. Ammann Verlag, Zürich 1995. 265 Seiten. 38Mark.
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