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(adagio Nr. 38/1995)

Mattis Manzel: Peinlich, Roman.
Amman Verlag, Zürich, 1995, 263 Seiten, Hardcover, DM 38)


Publikumsverarschung


Einen Roman "Überfrachtet", "Albern" oder "Langweilig" zu betiteln, mag eine originelle Idee sein. Wenn die Hauptfigur dieses Romans dann aber ebenfalls Überfrachtet, Albern oder Langweilig heißt, ist das eher peinlich. Im jüngst erschienen Roman "Peinlich" aus der Feder des Berliner Musikers und Schriftstellers Mattis Manzel geht es um einen Menschen namens Peinlich, und das ist... - Wortspiele dieser Art können wir bis zum Exzeß weitertreiben, und damit hätten wir so ziemlich die einzige Albernheit erwischt, in der sich der Autor nicht seitenlang ergeht.
Die Geschichte beginnt als verspielte, bisweilen experimentelle Prosa irgendwo in Berlin: Der notorische Tagträumer Hermann Peinlich, anfangs ausschließlich mit seinem Nachnamen benannt, wird gerade von seiner Freundin vor die Tür gesetzt, und zwar weil sie schwanger ist (!). Er zieht bei seinem Freund Rudi ein und arbeitet in einer Kunsthalle als Aufseher. Dort spannt er einem versoffenen Rockmusiker namens Rasputin, dem Prototyp des Versagers, die Freundin aus und geht mit ihr zuerst im Mondschein spazieren und anschließend ins Bett. Zwischendurch bekommt seine Exfreundin die angeblich für Schwangere typischen, ungewöhnlichsten Freßanfälle, und nebenbei wird der Leser mit kleinen Exkursen über die Kulturgeschichte des Kondoms aufgeklärt. Soweit die Handlung in der ersten Hälfte des Romans.
In der zweiten Hälfte passiert nichts.
Ungefähr in der Mitte werden sowohl das Buch als auch der Held umgetauft: Es wird nicht mehr von Peinlich, sondern nur noch von Hermann gesprochen. Tatsächlich wird nun auch in den hin und wieder eingestreuten Fußnoten von "Hermann, Roman" gesprochen, anstatt wie bisher vom bekannten Buchtitel. Wer sich fragt, was das soll, wird freundlicherweise vom Erzähler aufgeklärt: Der reißerische Titel "Peinlich" war ausschließlich dazu da, um Käufer für den Schrieb anzulocken. Ob das tatsächlich ernstgemeint ist, wird nicht ganz klar. Und ebenso unklar ist es auch, warum es nötig ist, auf insgesamt 21 Seiten zu beschreiben, wie Hermann mit Krümeln auf der Tischplatte spielt und was ihm dabei durch den Kopf geht! Und es bleibt mir auch der Sinn verborgen, weshalb Manzel (ganz der Handke) den Leser stellenweise als dummen Hammel beschimpft, nur weil hin und wieder einfache Sachverhalte mit intellektuellen Spielereien verdunkelt werden. Vielleicht weil ich gerade das nicht verstehe, muß ich wohl ebenfalls in diese Kategorie fallen.
Immer wieder tauchen im Roman Passagen auf, die das Geschehen unverständlich machen. Das Thema Realität und Realitätsverlust wird dabei auf verschiedenste Spielarten durchleuchtet. Verrückte Eskapaden, die sich aus einer möglichen Wirklichkeit scheinbar völlig ausklinken, können hin und wieder als Tagträume gedeutet werden, vielleicht auch nur als Karikatur tatsächlicher, lächerlicher Situationen. Diese Unklarheiten machen den Roman anfangs noch interessant: Beispielsweise liest es sich gut, wie sich Peinlich schließlich in einer Geschichte von Paul Bowles verliert, einem in Nordafrika lebenden amerikanischen Autor. Er trinkt mit arabischen Perlenhökern Tee und reitet mit deren Karawane bis zur nächsten U-Bahnstation. Soweit eine sympathische Episode aus der Traumwelt der Hauptfigur. Peinlichs Verflossene als anderes Beispiel wird in der allmorgentlichen Radioshow "Der kleine Kurzwellenpsychologe" von einem unerträglich originellen Moderator vollgeschwätzt und von einem Psychodoktor genervt. Die ungezählten Beratersendungen im Unterhaltungsrundfunk werden hier vortrefflich auf die Schippe genommen: eine gelungene Satire für alle, die mindestens einmal pro Woche Carlo von Tiedemann (oder ein regionales Pendant ihres Rundfunksenders) ertragen müssen.
Mit ebenso glücklicher Hand karikiert der Autor alles, was Szene heißt, am Beispiel des Publikums in der oben erwähnten Kunsthalle oder mit der Beschreibung des Gitarristen Rasputin, dessen Lebenswelt vor allem aus Dope und Dosenbier zu bestehen scheint. Es besteht hierbei kein Anspruch auf Echtheit, aber zum Wiedererkennen und Schmunzeln reicht es. Doch schnell überlebt sich die moderne, sagen wir mal spät-expressionistische Atmosphäre und wandelt sich zu einem der vielen Brüche im Geschehen, mit denen das Buch so überladen ist. Der Leser schreit nach Handlung, aber die Passage über den Fund einer Herde von Neunbindengürteltieren in der Niederlausitz muß ja erst noch erzählt werden... Das Buch erweist sich als gänzlich überfrachtet mit solchen nur scheinbar originellen Zwangswitzen: Immer wieder versucht der Autor die Synthese aus anspruchsvollem Bildungsballast und platten Kalauern, und immer wieder mißlingt sie.
Der bis ins Detail aufgelistete Lebensmitteleinkauf der schwangeren Margit oder die genaue Beschreibung von Hermann Peinlichs Morgentoilette inklusive "bekloppter Klammerkommentare" wie beispielsweise "aqua barba" für "rasierwässern, sich", "Pippin der Mittlere" für "pinkeln, sich", "sforza grande" für "drücken, sich (Pickel)" und "guckscherb" für "betrachten, sich (derweil im Spiegel")" sowie die oben erwähnte Erörterung der Spielerei mit den Krümeln lassen dabei Zweifel aufkommen, ob wir alle noch ganz klar bei Verstand sind. Bin ich zu dumm, um den in der Tiefe verborgenen Witz (oder gar Ernst?) dieser Stellen zu begreifen? Bin ich zu sehr vergeistigt, daß ich nicht mehr über einfache, kindische Witze lachen kann, oder ist es etwa der Verfasser, der mich Leser nicht für voll nimmt und testen will, wie lange ich mir diesen Stuß gefallen lasse? Ich fühle mich, gelinde gesagt, verarscht! Mattis Manzel legt leider nicht die sprachliche Souveränität an den Tag, um wie Peter Handke seine Leserschaft beschimpfen zu dürfen, und er zeigt auch nicht den Geist des expressionistischen Dichters oder eines James Joyce, der uns am Ende dafür belohnt, uns durch die vielen unverständlichen Teile des Romans durchgekämpft zu haben. "Peinlich" ist kein gelungener Versuch, an diese Tradition anzuschließen. Und um die Wortspielerei zum traurigen Ende zu bringen, will ich es gerne auf meine Kappe nehmen, daß ich viele Anspielungen gar nicht, andere nur mit eifrigem Nachschlagen in verschiedenen Fachwörterbüchern verstanden habe - und das ist mir nicht im geringsten peinlich. (Christof Knodel)


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