Die Homepage des Autors
Willkommen im Wien des 19. Jahrhunderts
Liebesgeschichte, historischer Kriminalroman, Detektiverzählung, Zeitgemälde, Politthriller, das alles umfaßt der meisterhaft komponierte Roman
"Und sie rührten an den Schlaf der Welt" von C.S. Mahrendorff
Darin treten Gustav Mahler, Hans von Bülow, Sigmund Freud, Houston Stewart Chamberlain, Arthur Schnitzler, Karl Kraus, der junge Arnold Schönberg und vor allem der legendärste Detektiv der Weltliteratur auf. Dieses faszinierende Gesellschafts- und Kulturpanorma des Wiener Fin de Siècle ist ein Roman voll brisanter Spannung, der den Leser in die Welt der Wiener Cafes entführt, zu Melange, dichtem Tabakqualm und politischem Streitgespräch der "Jung-Wien" Literaten, wo ein Wiener Arzt und ein rätselhafter englischer Detektiv versuchen, die Machenschaften einer obskuren Geheimloge aufzudecken.

Fischer Taschenbuch ISBN 3-596-14127-3 DM 16,90
Im zweiten Teil der Wien Trilogie
"Der Walzer der gefallenen Engel"
gerät der junge Nervenarzt Dr. Heydinger zwischen alle Fronten, als er sich in die Mutter einer Patientin verliebt Als Berater wird er in die Ermittlungen gegen den antisemitischen Geheimbund "Die schwarze Hand" hineingezogen und kommt einer europäischen Verschwörung auf die Spur, die die Zerschlagung der Habsburger Monarchie zum Ziel hat. Niemand am Hofe glaubt ihm bis plötzlich das Leben von Kaiserin Elisabeth in höchste Gefahr gerät.

Ullstein Taschenbuch ISBN 3-548-25263 € 9.95 (DM 19,46)
"Auf einen neuen deutschen Autor wie C.S. Mahrendorff haben wir seit langem gewartet." DIE WELT
"Psychoanalyse und schöne Frauen, die schwelenden Konflikte im Habsburger Kaiserreich und die melancholische Einsamkeit des Ermittlers sind die Ingredienzen, die dieser ungewöhnlichen Geschichte aus der Belle Époche ihr besonderes Flair verleiht." BRIGITTE
"Da kommt ein junger Autor daher und läßt auf einen Schlag alle anderen alt aussehen", befand DIE WELT DER BÜCHER. "Wunderbar geschrieben, nur so von Phantasie strotzend und nie langweilig dieses in jeder Hinsicht vielseitige Buch sollten Sie sich nicht entgehen lassen."
Der dritte Teil dieser spannenden Trilogie
"Das dunkle Spiel"
ist im September 2003 beim Lübbe Verlag erschienen. Mittlerweile gibt es auch dieses Buch als Taschenbuchausgabe.
- ein Wein von einem Roman! Eine Melange aus fesselnder Liebesgeschichte, brilliantem Epos des Fin de Siècle und spannender Kriminalerzählung um die Machenschaften einer düsteren Geheimloge, um politische und musikalische Leidenschaften und um den Wiener Hofoperndirektor Gustav Mahler.

edition Lübbe ISBN 3-7857-1541-2 € 22,-
Mit seinem neuen Roman schließt C.S. Mahrendorff an seinen durchschlagenden Debüterfolg UND SIE RÜHRTEN AN DEN SCHLAF DER WELT und den Publikum und Kritik nicht minder beeindruckenden Nachfolger DER WALZER DER GEFALLENEN ENGEL an.

Der Autor C.S. Mahrendorff, geboren in Eschwege, aufgewachsen in Frankfurt am Main, studierte Geschichte, Anglistik, Musikwissenschaft und Jura, besuchte dann eine Verwaltungsakademie und trat 1991 in den hessischen Staatsdienst ein. Er lebte als freier Schriftsteller in Frankfurt und widmete sich neben seinem Beruf auch der Komposition zeitgenössischer Musik. Am 15.10.2004 starb er tragisch und unerwartet.
Autorenporträt Frankfurter Rundschau vom 30.Mai 2003
LEUTE, LEUTE...
Gustav Mahler, Sigmund Freud und Sherlock Holmes im Nordend-Salon
C. S. Mahrendorff war zwar noch nie in Wien, lässt seine Krimis aber dort
spielen
Wer ist C. S. Mahrendorff? Ein Schriftsteller, der Kritiker und anspruchsvolle
Leser begeistert hat mit kunstvoll konstruierten, historisch korrekten Krimis
aus dem Wien der K.u.K.-Zeit. Dabei lebt er in einer Altbauwohnung im Nordend
und schwärmt für alles Englische.
Von Anne Lorenc

C.S. Mahrendorff in seinem "Salon" im Nordend
(Rolf Oeser)
Watson, wir gehen aus!" Dieser Satz hängt
greifbar in dem Salon mit dem mahagonifarbenen Parkett, der burgunderroten original
englischen Vinyl-Tapete mit Lilien-Muster. Er umweht die schweren Portieren
am Fenster, kräuselt sich um die Stuckdecke und scheint dem Herrn des Hauses,
schmalgesichtig und mit graumeliertem Knebelbart geziert, aus den Poren zu dringen.
Doch statt der Geige steht da ein blank polierter schwarzer Flügel, es
riecht zwischen den Papierbergen kein bisschen nach Rauch, und anstelle des
stets diensteifrigen Faktotums serviert eine diskutierfreudige Ehefrau Tee mit
selbst gebackenen Scones. C. S. Mahrendorff hat zwar den Meisterdetektiv Sherlock
Holmes zu seinem Idol erkoren und ihn - nebst Gustav Mahler und Sigmund Freud
- zu einer Schlüsselfigur des ersten Bandes seiner Wiener Roman-Trilogie
gemacht. Doch er lebt hier und heute im Frankfurter Nordend. Und trägt
natürlich einen ganz anderen Namen.
Die spätviktorianische Heimeligkeit hat der 40-Jährige detailgetreu
inszeniert, nachdem das Manuskript seines Erstlingswerks 34 Absagen überlebt
und 1997 unter dem Titel "Und sie rührten an den Schlaf der Welt"
herausgekommen war - in Verbindung mit einem Scheck. "Wir hatten genug
von weißen Rauhfasertapeten", erklärt der ehemalige Bettina-Schüler.
Genug auch von einer "Verbürgerlichungsperiode", die ihn für
sieben Jahre als Diplom-Finanzwirt in den hessischen Staatsdienst geführt
hatte. Er schlug das Beamtentum in den Wind und lebt seither als freier Autor
auf einer existenziellen Achterbahn.
Der Finanzwirt, sagt Mahrendorff, war eher unerwünschtes Ergebnis einer
"gezielten Verzettelung" während des Studiums: Die Neigung zu
Musik und Kunst musste auf Drängen des bodenständigen Vaters in die
Hobby-Ecke gedrängt werden. So studierte er Jura, Geschichte, Musikwissenschaften
und Anglistik - eine Melange, die sich in seinen Romanen niederschlägt.
Zuvor hatte er mit E-Gitarre und Eigenkompositionen in einer Rockband experimentiert
("Da erging ich mich sogar in Gesang"), die es bis zu Auftritten in
der Batschkapp und im Cooky's gebracht hatte, sich aber kurz vorm Plattenvertrag
heillos zerstritt. Danach entdeckte er die Klassik und trat ein in die Komponistenphase.
Mit ähnlich umstrittenem Ergebnis wie zu seiner Zeit Gustav Mahler, für
den Mahrendorff eine tiefe Bewunderung entwickelte.
Einer Grippe hat es der 1963 in Eschwege geborene Frankfurter zu verdanken,
dass sich die Erfahrungen der "verzettelten" Studienjahre zu einer
Roman-Idee bündelten. Um ihn von den Gliederschmerzen abzulenken, hatte
ihm die Ehefrau eine Gesamtausgabe von Doyles "Sherlock Holmes" ans
Bett gebracht. Mahrendorff, der damals noch auf seinen Taufnamen hörte,
fraß sich von der ersten bis zur letzten Seite hindurch.
Den Schlüsselimpuls gab, dass Doyle den Holmes ums Jahr 1890 nach Wien
reisen ließ, um ihn wegen seiner Kokainsucht behandelt zu lassen - eine
Zeit, in der Mahler dort Generalmusikdirektor der Hofoper war, Freud praktizierte
und, wie der Schriftsteller sehnsuchtsvoll vermerkt, "ein Gipfelpunkt der
Kultur in Musik, Literatur und bildender Kunst" erreicht war. Was lag näher,
als seine Helden zusammenzubringen in einem komplex verknüpften Musik-Polit-Psycho-Detektivroman,
in dem es vor Intrigen, Spionen, Verschwörern und Attentätern, Nervenärzten
und unterkühlten adeligen Damen im Wien der absterbenden K.u.K.-Monarchie
nur so wimmelt?
C. S. Mahrendorff - selbst das Pseudonym ist aus Telefonbüchern zusammengebastelt
- beteuert, dass 98,55 Prozent des Inhalts historisch korrekt sei. Sechs Jahre
hat er an dem ersten Band gearbeitet. Mit der Fortsetzung ("Der Walzer
der gefallenen Engel") ging es schon flotter - das Buch erschien 2000.
Der Abschlussband der Wien-Trilogie kommt im September unter dem Titel "Das
dunkle Spiel" auf den Markt. Dank einer Bandscheibenoperation mit anschließender
Ruhezeit kam er "in der Rekordzeit von sieben Monaten" zustande.
Seit er als freier Schriftsteller lebt, gibt es für C. S. Mahrendorff "keinen
Alltag mehr". Es gebe die "sehr reglementierten" Perioden, in
denen ein neues Buch entsteht - mit bis zu achtstündiger Schreibarbeit
täglich. Dieser disziplinierte Persönlichkeitsanteil, Überbleibsel
des Beamtentums, wird durch die Namensendung ". . .dorff" symbolisiert:
"Das klingt ein bisschen nach preußischem Junker." Und es gebe
die Phasen dazwischen, in denen "die Batterien wieder aufgeladen werden
müssen" und in der es gilt, die innere Leere zu füllen. In diesen
Zeiten spielt Mahrendorff Bar-Jazz an seinem Flügel, genießt Nachmittage
in Straßencafés, lädt zu "Herrenabenden" mit gutem
Whisky in sein Kabinett - und fuhr, bevor rutschende Börsenkurse die Honorare
in Luft auflösten, mit seinem geliebten Oldtimer durch die Lande: Bild
und Modell eines Mercedes Benz W 111 fallen in seinem an Nippes reichen Refugium
völlig aus dem Zeitrahmen. "Irgendwann möchte ich so einen wieder
haben - aber dann in blau." In Sachen körperlicher Ertüchtigung
liegt für ihn die Obergrenze "beim Briefmarkensammeln und Klavierspielen".
Im viktorianischen Salon im Nordend formiert sich bereits die Idee zum nächsten
Werk. "Es wird 1945 spielen, in Berlin." Diese Stadt kennt er aus
eigener Anschauung. Denn in Wien, dessen Gässchen und Paläste er so
trefflich beschreibt, war er sein Lebtag noch nicht.
Leseprobe aus:
"Und sie rührten an den Schlaf der Welt"(Seite 25 - 29)
Für den flüchtigen Besucher war das Wien des Jahres 1892 das, was es immer gewesen war: die elegante Metropole der Bälle und der Festgesellschaften, des Walzers und des Heurigen, des Praters und der Oper. Nur wer selbst in dieser Stadt lebte, nur wer in ihr aufgewachsen und sich von der Prunksucht der vergangenen zwei Jahrzehnte nicht hatte blenden lassen, nur der wußte, daß Wien zugleich eine Stadt der Angst war. Es war eine Angst, die man sich nicht eingestand, von der man nicht sprach, die man zu ersticken suchte.Sie hatte keinen Namen, kein Gesicht und war doch überall zu spüren. Sie lauerte hinter den Fassaden pompöser Ringstraßenpaläste und unter der verzweifelten Lustigkeit von Kaiserwalzer und "Zigeunerbaron", sie lag in der Luft und entlud sich von dort auf die Straße, wo sie Formen annahm, die man noch vor einem Vierteljahrhundert als kühne Phantasterei abgetan hätte.
Die kaiserlich-königliche Habsburgermonarchie unter Franz Joseph war in die Jahre gekommen; der Liberalismus der Gründerzeit hatte ausgespielt, die Spannungen unter den sozialen Schichten gewannen Jahr um Jahr an Heftigkeit. Die ersten Automobile ratterten dröhnend und stinkend über das Kopfsteinpflaster, Pläne für eine elektrische Tramway wurden ausgearbeitet, kasernenartige Massensiedlungen in kürzester Bauzeit errichtet, um der stetig anwachsenden Arbeiterschaft wenigstens notdürftig Obdach zu bieten. Es war die Zeit der Sozialistenprozesse und der Studentenkrawalle, der Arbeiterkundgebungen und des Ausnahmezustands, der über die Stadt verhängt werden mußte, nachdem Radikale zwei Polizisten und einen Wechselstubenbesitzer ermordet hatten; es war die Zeit des skandalumwitterten, niemals ganz aufgeklärten Selbstmords des Kronprinzen Rudolph und seiner Geliebten in Mayerling; und es war die Zeit der ethnischen Spannungen in einem Reich, das von der Schweiz bis zum Balkan reichte, von Polen bis zur Türkei, und in dem allein in der österreichischen Gebietshälfte neun verschiedene Sprachen gesprochen wurden.
Denn Österreich-Ungarn war nun einmal ein Vielvölkerstaat, und in seiner Hauptstadt Wien prallten all die verschiedenen Nationalitäten und Rassen, die Deutschen, Serben, Kroaten und Bosnier, die Slowaken und Tschechen, die Tiroler und Böhmen, die Ungarn und natürlich die Juden wie in einem überhitzten Schmelztiegel aufeinander. Allein der Antisemitismus sollte im Lauf der Jahre derart groteske Blüten treiben, daß schließlich ein Mann wie Dr. Karl Lueger, Gründer und Führer der Christlichsozialen Partei, der vorgeschlagen hatte, alle Juden auf Schiffe zu verfrachten und diese zu versenken, Bürgermeister der Stadt werden konnte
In diesem Wien der Angst nun gab es einen Ort, der die Eigenschaft besaß, den Geist der Zeit wie in einem Brennglas zu bündeln, ohne daß sich der Betrachter dabei verbrannte und dieser Ort war das Kaffeehaus. Egal ob man nun Demel's Café am Kohlmarkt mit seiner berühmten Konditorei bevorzugte oder das malerische Central mit seinem hochaufragenden Arkadenhof, egal ob man sich im Café Landtmann zum Ärztestammtisch traf oder im Imperial am Kärntnerring die gefeierten Sänger der Hofoper einmal aus nächster Nähe erleben wollte das Kaffeehaus war die Oase in der Wüste der Bedrohlichkeiten. Und die Königin unter diesen Oasen war das Café Griensteidl am Michaelerplatz.
Das Griensteidl war eine Welt für sich. Dabei hatten die Räume des Lokals im ehemaligen Palais Herberstein für sich genommen nur wenig Anziehendes an sich. Der sogenannte "Große Lesesaal" zum Beispiel, in dessen Mitte ein riesiger, über und über mit Zeitungen und Journalen bedeckter runder Tisch stand, war ein kahles, steinernes Gewölbe, in dem man sich bisweilen wie in einer Bahnhofswartehalle vorkam: verloren, ungemütlich, einsam. Zum Ausgleich dafür wirkte das "Schachzimmer" mit seinen kleinen und schlecht beleuchteten Nischen ebenso bedrückend wie das "Künstlerzimmer", das überdies mit geschmacklosen englischen Blumentapeten in einem ehemals bronzebraunen, mittlerweile aber nicht mehr näher bestimmbaren Farbton ausgekleidet war. Es gab wenig Fenster im Griensteidl, eigentlich nur jene zur Straße hin, die aber niemals geöffnet wurden, aus Angst, die sorgsam konservierte Künstleratmosphäre des Hauses könne dadurch unwiderbringlich an die frische Luft entweichen. An manchen Abenden hing daher auch ein schwerer Dunst aus spanischen Zigaretten und enttäuschter Liebe, Havannazigarren und Wiener Schwermut, türkischem Mokka und pathetischer Dichterlesung so undurchdringlich wie Londoner Novembernebel über denTischen des Lokals. Die Kellner waren unaufmerksam und mürrisch, das Publikum laut und arrogant; hatte man schlechte Laune, ging man ins Griensteidl, hatte man gute, erst recht. Wie in allen Kaffeehäusern Wiens war es auch im Griensteidl verboten, auf den Boden zu spucken, und wie in allen anderen tat man es auch hier mit dem Unterschied, daß sich hier niemand darum kümmerte.
Denn ins Griensteidl ging man nicht wegen der Behaglichkeit, sondern wegen seiner besonderen Atmosphäre, einem seltsamen Gemisch aus Zeitgeist, Künstlerklatsch und Ruhmsucht. Gerade in jenem unwirtlichenen Großen Lesesaal entluden sich zu fortgeschrittener Stunde die Emotionen, wenn aus zunächst noch moderat geführten Wortwechseln plötzlich lautstarke Attacken gegen alles und jeden wurden, die auch schon einmal in Handgreiflichkeiten ausarten konnten. Im Künstlerzimmer dagegen gab man sich etwas feiner. Hier traf man zusammen, um in gepflegtem Wiener Zynismus den jüngstenTheaterskandal zu genießen oder die Idee für einen epischen Sittenroman zu ersinnen, der dann zwar doch nicht geschrieben wurde, dessen öffentlich unternommener Versuch aber genügte, um den Autor fortan als "Hoffnung" gelten zu lassen. Und da wider Erwarten tatsächlich ab und an eine Berühmtheit aus einer solchen "Hoffnung" hervorging (selbst Laube und Grillparzer hatten zu ihrer Zeit zu den Stammgästen gehört), bürgerte sich unter den Wienern allmählich der Spitzname "Café Größenwahn" ein, eine Bezeichnung für welche die selbsternannten Kaffeehausgenies des Griensteidl natürlich nur ein gelangweiltes Achselzucken übrig hatten.
Zu besonderer Virtuosität in dieser Hinsicht brachte es eine kleine Gruppe vornehmlich jüdischer Dichter und Schriftsteller, die im Laufe der Zeit unter der Bezeichnung "Jung-Wien" bekannt wurde. Ich stand in flüchtiger Verbindung mit diesem Zirkel, nicht etwa, weil ich damals selbst literarische Ambitionen gehegt hätte, sondern weil zwei seiner Mitglieder zu meinen Patienten gehörten. Den unbestrittenen Vorsitz führte Hermann Bahr, ein rauschebärtiger Kosmopolit aus Linz, der mit schwankender Stimme jedem seiner Schützlinge die baldigst eintretende Berühmtheit prophezeihte. Infolgedessen gab man sich unter den Jung-Wienern allzeit leger und weltmännisch abgeklärt "Ich habe da heute an einem Sonett gearbeitet, das ist so tief, man möcht's gar nicht zu End' bringen" , trug gemusterte Seidenkrawatten zu blitzenden Monokeln, rauchte Zigaretten mit goldener Spitze, nippte an grünen Schnäpsen und hielt allgemein ganz auf Künstler, obwohl keiner der jungen Literaten bisher einen größeren Erfolg vorweisen konnte. Ihre Bedeutung ergab sich eher daraus, daß sie im Hauptberuf Kritiker bei namhaften Wiener Zeitungen wie der "Neuen Freien Presse" waren und so ohne große Umstände die Möglichkeit hatten, ihre Werke gegenseitig zu besprechen. Das war allerdings auch dringend nötig, denn selbst die weniger Begüterten unter den den Jung-Wienern schienen es als ausgesprochen degoutant anzusehen, mehr als hundert Seiten im Jahr zu veröffentlichen (vorausgesetzt, man betrachtete sich nicht als reinen Dichter, bei dem bereits zwanzig Seiten als anstössig empfunden wurden). Auch brachten es die Abende im Griensteidl mit sich, daß die dort bis spät in die Nacht geführten Diskussionen gerade jene Energie aufzehrten, die eigentlich für das Schaffen eigener Werke notwendig gewesen wären. Die Folge war bei den meisten Talenten der Jung-Wiener ein äußerst schmales Opus, mit dem man zwar den Anspruch auf Erlesenheit untermauern konnte, aber regelmäßig in Schwierigkeiten geriet, wenn die Miete für den nächsten Monat drohte
Selbstverständlich aber war das Griensteidl kein reines Literaten-Café. Es verkehrten hier ebenso Musiker wie Schauspieler, Wissenschaftler wie Ärzte, Politiker wie Studenten. Wer es darauf anlegte, konnte den ganzen Tag hier verbringen, ohne sich in irgendeiner Weise einschränken zu müssen. Es wurden alle Mahlzeiten des Tages serviert, man erhielt Spirituosen und Tabak, Adreßbücher und sämtliche Bände von Meyers Konversationslexikon, man spielte Billard oder Schach, Tarock oder Skat, konnte mit eigens dafür bereitstehendem Schreibzeug Briefe oder Gedichte schreiben und für ein paar Kreuzer Telegramme absenden. Zu meinen Bekannten zählte ein stadtbekannter junger Bohemien und Aphorismen-Dichter (in dieser Reihenfolge), der seine Adresse zeitweilig mit "Wien I., Herrengasse, Café Central" angab. Das Kaffeehaus war also der eigentliche, nämlich der geistige Wohnsitz; was man daneben noch für ein Leben führte, galt als zweitrangig. Damit war noch nichts darüber gesagt, ob man diesen Ort liebte, im Gegenteil. Wie viele auch meiner Bekannten hatten nicht nach gewissen abendlichen Diskussionen geschworen, nie wieder einen Fuß über die Schwelle zu setzen, und waren dennoch wie von einer Sucht getrieben, seine Mitmenschen zu verachten, ihnen dieses jedoch auch zeigen zu müssen am nächsten Abend wieder hingegangen. Mit einem Wort, das Kaffeehaus war, wie es der genannte Aphorist so treffend formulierte, "ein Ort für Leute, die allein sein wollen, aber dazu Gesellschaft brauchen."
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