5. Ergebnisse
5.1 Ausgangspunkt
Ausgangspunkt für die Untersuchung zu Schlangendarstellungen in Mesopotamien und Iran und deren Bedeutung waren Schlangenvorstellungen und Kulte, wie sie von Ethnologen bis heute bei unterschiedlichen Völkern und Stämmen auf der ganzen Erde aufgezeichnet werden. Vergleicht man ihre Berichte über Mythen, Riten und Kosmologievorstellungen so muss man immer wieder feststellen, dass sie sich in wesentlichen Punkten gleichen. Oft tritt eine Schlange als Schöpfer neben der Mutter Erde auf, ordnet eine Schlange die Welt und übergibt den Menschen ihre Kultur und spielt eine Schlange die Rolle eines Kämpfers und Kriegsgottes, sowie die eines Vorfahren. Schöpfungsberichte, Göttergenealogien, Ritualtexte und Beschwörungstexte aus dem Untersuchungsgebiet enthalten eine Vielzahl von Hinweisen, dass auch für die vorchristliche Zeit im Vorderen Orient derartige Vorstellungen denkbar sind. Am aussagekräftigsten, vor allem was die zeitliche Dimension angeht, erweisen sich Schlangendarstellungen und mit ihnen in Zusammenhang stehende Kultanlagen. Schon seit dem 9./8. Jt.v.Chr., als sich die Menschen nach der letzten Eiszeit immer weiter im Fruchtbaren Halbmond nach Osten vorwagten, findet man vereinzelte Hinweise auf Schlangenkulte in Form von Schlangenpfeilern in Göbekli, rundplastischen Schlangen in Nemrik oder Muttergottheiten
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mit Schlangenzier. Ab dem 6. Jt.v.Chr. sind auch bemalte und applizierte Keramikfunde aus Südmesopotamien bekannt was bedeutet, dass jetzt nicht nur Regen-, sondern auch der Bewässerungsfeldbau als Wirtschaftsmethode praktiziert wird. Die erst viel später entstandenen Textzeugnisse spiegeln zwei Kosmologien des Berg- und Marschlandes wieder, deren größter Unterschied in den Vorstellungen über die Herkunft des Wassers liegt (Regenwasser/Himmel und Grundwasser/Unterwelt). Die Marschlandkosmologie hat sich aus der Berglandkosmologie herausentwickelt, als die Menschen neues Land urbar machten. Handelstätigkeiten gewährleisteten über Jahrtausende einen regen Güter-, aber auch Ideenaustausch, so dass beide Kosmologien, trotz unterschiedlicher Schwerpunkte im Großen und Ganzen eine Einheit bilden. Aus diesem Grund ist auch der Vergleich mit Textmaterial zu vertreten, der somit nicht nur die mesopotamischen Vorstellungen, sondern durchaus auch die älteren Wurzeln im iranischen Bergland offenlegt.
5.2 Ergebnisse der Textanalyse
Urelemente Wasser und Erde
Vor der Schöpfung existiert ein riesiger Salzwasserozean, der in einem ersten Schöpfungsakt in Himmel und Erde getrennt wird. Um aus einem Element zwei entgegengesetzte Elemente (Himmel/Erde) zu schaffen, müssen diese vorher in From eines zweigeschlechtlichen Wesens schon im Ozean existiert haben, was sich anhand Ama-tu-anki bestätigt. ( dNammu, die Herrin, die Himmel und Erde geboren hat.) Von Anbeginn besteht ein dualistisches Weltbild mit einem Götterpaar aus männlicher und weiblicher Gottheit. Da sich die Mythen hauptsächlich auf die Marschlandkosmologie beziehen, steht Enki hier als Schöpfergott im Vordergrund. Die Götterlisten beweisen jedoch, da hier der Himmelsgott An an erster Stelle steht, dass die Kosmologie aus dem Bergland übernommen und abgewandelt wurde. Sowohl für An als auch für Enki ist ein Bezug zu Wasser nachgewiesen und zwar ist An für den Regen zuständig und Enki wird mit dem Apzu, dem Grundwasser gleichgesetzt. Beide sind mit der Erdgöttin verheiratet, deren Namen von Region zu Region unterschiedlich sind, doch scheinen An und Inanna und Enki und Ereschkigal die ursprünglichen Paare der Berg- und Marschlandkosmologie zu sein. Den immer noch ausstehenden Bezug zur Schlange gibt die Etana-Beschreibung über den Urzustand der Welt, als die Erde vom Meer in Form eines Tierkreises umschlossen war. Später werden alle als Schlangengötter bekannten Gottheiten als Söhne oder Brüder Ans/Enlils oder Enkis beschrieben, was wiederum auf den Schlangencharakter der Väter schließen lässt. Kurz und gut das Schöpferpaar kann als Erdmutter und Schlangengott, Inanna - An oder Ereschkigal - Enki angesprochen werden, wie dies unter anderen Namen auch von ethnologischer Seite bestätigt wird.
Vom Chaos zur Zivilisation
Am Beispiel des Schlangengottes Enki kann man nachvollziehen, wie die Menschen, nach dem auf die Schöpfung folgenden Choaszustand, zivilisiert werden und Ordnung in ihr Leben gebracht wird. Der Schlangengott verlässt aus diesem Anlass den Tatort der Schöpfung, eine Insel mitten im Meer (Dilmun) und fährt in seiner halblebendigen Barke zum Festland, um den Sumerern das Getreide (=Kultur) zu bringen. Er errichtete in Eridu sein Haus des Apzu. Parallel zu Enkis Haus des Apzu wird von An berichtet, dass er sein Haus des KUR errichtet. Beide Tempelarten (Hoch- und Tieftempel) bilden in der Tat bis ins 1. Jt.v.Chr. immer eine Einheit im Tempelbezirk einer Stadt und symbolisieren somit die beiden Wirkungskreise des Wasserschlangengottes mit seiner Gattin. Aus verwaltungstechnischen Gründen setzt Enki an wichtigen Orten Schlangenstadtgottheiten ein und verteilt auch sonst Gottheiten im Land, denen er jeweils eine seiner Fähigkeiten anvertraut. Nach getaner Arbeit heißt es, waren die Frühjahrsüberschwemmungen in Sumer in Ordnung.
Zyklischer Ablauf des Jahres
Wichtig für den zyklischen Ablauf des Jahres hat sich herausgestellt, ist das Zusammenspiel von Mutter- und Schlangengottheit. Nicht nur, dass beide aus einem Urelement hervorgegangen sind, es gibt auch zahlreiche Hinweise aus Texten, dass beide selbst zweigeschlechtlich sind. (Enki der Ziegenfisch und die bärtige Ischtar.) Diese Zweigeschlechtlichkeit ist auch bei allen nachfolgenden Vegetationsgöttern aus den Texten herauszulesen. Nur durch die Aufspaltung der Urgottheit in männlich und weiblich, also Wasser (Schlange) und Erde (Ziege) oder Schlangengott und Erdgottheit wurde der Jahreszyklus möglich. Jeweils ein Teil der Gottheit hält sich ein halbes Jahr über und ein halbes Jahr unter der Erde auf. Dies sieht so aus: In der Trockenzeit, die als fruchtbare Zeit des Jahres gilt, (Nach den Überschwemmungen bleibt fruchtbarer Schlamm zurück und das Leben kann neu beginnen.) lebt die Erd- und Fruchtbarkeitsgöttin in Gestalt der Ziege auf der Welt. Der Wassergott ist in der Trockenzeit unter der Erde gefangen. (Es sei an die Mythen über Dumuzis und Inannas Gang zur Unterwelt erinnert.) In der Regenzeit bietet sich ein anderes Bild, in dem auch die Symboltiere der beiden Gottheiten wechseln. Die Regenzeit wirft die Erde wieder in einen chaotischen Zustand zurück, der von Elend und Tod geprägt ist und so werden Schlange und Ziege von den Symbolen Adler und Skorpion ersetzt, denen die Überschwemmungen nichts anhaben können. Der Wechsel von Schlange - Ziege in Adler - Skorpion und umgekehrt vollzieht sich jeweils in einem Kampf, der einmal von der weiblichen und einmal von der männlichen Seite ausgelöst wird und somit einen ausgewogenen Zustand im Jahresablauf gewährleistet. In diesem Zusammenhang muss der Diener der Schlangengötter genannt werden, der als Flussgeist zu verstehen ist und den Wasserstand der Flüsse regelt, indem er jeweils die vorherrschende Gottheit bekämpft. Dieser ständige Wechsel von Regen- und Trockenzeit ist prägend für die Vorstellungswelt der Menschen und wird in Form von Regen- und Erntedankzeremonien begleitet, in denen der Mensch jeweils die Rolle des Katalysators für den Jahreszeitenwechsel übernimmt. In Form von Initiationsriten können Parallelen zwischen ethnologischem Material und Textquellen gezogen werden, wie die Beispiele Etana-Mythos und Lugalbanda-Epos deutlich gemacht haben. Gleiches gilt auch für die Vermählung von Priesterinnen mit dem Schlangengott und dann mit dem weltlichen Herrscher, was diesen in die Reihe der Schlangengötter erhebt.
5.3 Archäologische Ergebnisse
Dieses soeben gewonnene dualistische Weltbild muss in knappen Sätzen auf das archäologische Material angewendet werden.
Kult
Kultanlagen mit Schlangenzier seit dem 9. Jt.v.Chr. beweisen, dass die Menschen tatsächlich Schlangen verehrt und aktiv am Wechsel der Jahreszeiten mitgewirkt haben. Mit einem Ziegenopfer, wie es in den Einführungsszenen der Rollsiegel festgehalten ist, dankt man für die fruchtbare Hälfte des Jahres, während man sich mit Libationen aus Keramikgefäßen für den Regen erkenntlich zeigt.
Symbolik von Keramik und Stempelsiegeln
Die ersten Keramikgefäße sind mit Schlangenmuster oder echten Schlangen verziert und werden für Libationen oder zur Fütterung der Ahnenschlangen verwendet, wie ethnologische Vergleiche zeigen. Doch damit nicht genug, aufgebaut aus den Elementen Wasser und Erde (=Ton) symbolisieren die Gefäße selbst die Einheit aus Wasserschlange und Mutter Erde. Auch den Stempelsiegeln aus dem iranischen Gebiet kann man große Symbolhaftigkeit zuschreiben. So ist das häufigste Motiv die Abbildung von Schlange mit Ziege, also Wasser und Erde und somit Fruchtbarkeit.
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Die kreisförmigen Darstellungen um die Ziege weisen auf Etanas Weltbild hin, als er sieht wie die Erde von Wasser in Gestalt eines Tierkreises umschlungen wird. Der Wechsel von Trocken- zu Regenzeit wird durch die Darstellung von Schlange und Adler symbolisiert, wenn der Schlangengott aus der Unterwelt als Vogel in den Himmel aufsteigt und Regen bringt. Dass die Schlange tatsächlich als Regen- und Grundwasserschlange gedacht ist scheinen doppelköpfige Schlangenabbildungen zu bestätigen. Aber es ist auch schon eine Gottesvorstellung in den Stempelsiegeln enthalten, der Ziegen-"Dämon".
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Wie Enki in Texten "the pure bezoar of the apzu" genannt wird, so stellt der Ziegen-"Dämon" beide Aspekte bildlich dar und hält dabei noch zwei Schlangen in der Hand. Es handelt sich auch hier um eine zweigeschlechtliche Gottheit aus der Kombination Schlange und Ziege und da sie im Bergland verehrt wird handelt es sich deshalb um die Darstellung Ans, der Enki in der Göttergenealogie voransteht.
Rollsiegel: Rituelle, symbolische und mythologische Bedeutung
Die rituelle Bedeutung der Rollsiegel wurde bereits unter Punkt Kult behandelt, als es um Erntedank und Libationen ging. Auch der symbolische Charakter von Ziege - Schlange und Skorpion - Adler ist bereits als Symbol von Trocken- und Regenzeit besprochen worden. Der Ziegen-"Dämon" wird als sechslockiger Held (lachmu)
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in das Bildrepertoire der Rollsiegel übernommen. Wie sein Name "Flussgeist des Enki" schon sagt, ist er hauptsächlich für die gerechte Wasserverteilung in den Flüssen zuständig und aktiv am Kampf zum Wechsel der Jahreszeiten beteiligt. Dies erlaubt zugleich den Rückschluss auf die Aufgabe des Ziegen-"Dämons" (den Schlangengott An), der die im Bergland entspringenden Flüsse mit Wasser speist, wohingegen Enki für das Grundwasser zuständig ist. Der Vergleich der iranischen und mesopotamischen Darstellungen des Schlangengottes zeigt, dass jeweils das mächtigere Land die höchste Gottheit des unterlegenen Landes ihrer eigenen höchsten Gottheit unterordnet. Zu sehen ist dies am Beispiel des Gottes mit dem Schlangenunterkörper (Enki)/Schlangenstadtgottheiten (Ninazu, Ningizzida, Tischpak usw.)
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und dem iranischen Ziegen-"Dämon" (An)/später anthropomorphem Schlangengott (Ischtaran/Inschuschinak), deren Diener oder Vizier jeweils vom höchsten Nachbargott verkörpert wird. Während des Akkadreiches wird in Mesopotamien Enki immer mit seinem Begleiter lachmu dargestellt, der meines Erachtens die Umwandlung des Ziegen-"Dämons", der iranischen Hauptgottheit, repräsentiert. (Beide verbindet die Aufgabe den Wasserstand der Flüsse zu regulieren.) Nach dem Kollaps des Reiches von Schamschi Adad I. dringen die elamitischen Großviziere, wie sie sich nach dem in Lagasch stationierten Beamten nennen, in Babylonien ein und so erklärt sich der umgekehrte Vorgang, dass plötzlich Enki zum Thron des elamischen Schlangengottes degradiert wird. Neu im Rollsiegelrepertoir ist die Darstellung von mythologischen Szenen. Eine herausragende Stellung kommt hier dem Bootgott zu, der mit Enki identifiziert werden kann. Innerhalb weniger Jahrhunderte
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(FD-II-Zeit bis Akkad-Zeit) wandelt sich seine Darstellung von einem völlig schlangenhaften Wesen, über den Gott mit dem Schlangenunterkörper hin zu anthropomorphen Stadtgottheiten. Dies ist die Geschichte Enkis, der in seiner Schlangenbarke die Zivilisation nach Sumer bringt und Stadtgottheiten einsetzt. Diese Stadtgottheiten stehen alle mit ihm oder An in verwandtschaftlicher Verbindung, haben Bezüge zur Vegetation und vertreten einzelne Aspekte Enkis, wie z.B. Gerechtigkeit. Die Verbindung zu An weist auf die enge Bindung und den regen Austausch von Bergland und Tiefland hin und macht für An eine Identifizierung mit dem Ziegen-"Dämon" möglich. (Zumal dieser als Schlangengott Ischtaran im 2. Jt.v.Chr. in Susa auf dem Thron in Gestalt von Enki sitzt. Sein Name nimmt auf seinen weiblichen und männlichen Teil Bezug.) Eine Reihe von Rollsiegeln befasst sich mit dem Thema des Jahreszeitenwechsels und zwar einerseits dargestellt durch Götterkampfszenen
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und zum anderen durch Szenen, die mit den sterbenden Vegetationsgöttern in Verbindung gebracht werden können. Aber auch der Jahreszyklus
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als geschlossenes Bild kann meines Erachtens in einigen Siegeln vermutet werden, wenn entweder die Tiere Schlange, Ziege und Adler, Skorpion, oder die entsprechenden halbanthropomorphen Götter Enki, An und Inanna abgebildet sind.
Rundbild und Relief
Im großen und ganzen kann man sagen bestätigen die Funde aus diesen beiden Materialgruppen das bisher gesagte. Die aus Texten gewonnene Zusammengehörigkeit von Wasserschlangengott und Erdgöttin wird vorallem durch die als Muttergottheit angesprochenen Statuetten bestätigt.
Zusammenfassend können diese Ergebnisse in einer Graphik dargestellt werden:
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© Birgit Kahler