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Sepia officinalis




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3. Tag


   


V I O L E T T     [Mittelbilder]

 

2. Tag

Von früh an war ich unglaublich gelassen, ja nahezu gleichgültig. Das genau Gegenteil zu gestern. Meine Morgentoilette absolvierte ich im Schneckentempo, Zeit spielte keine Rolle mehr, egal, wieviel Arbeit auf mich wartet: Jetzt dusche ich. Und zwar ausgiebig.
So blieb es im Grunde den ganzen Tag über. Es war mir plötzlich schnurzegal, was meine Auftraggeberin will oder denkt. Es war mir egal, wie perfekt oder imperfekt die Übersetzung wird - ich bin keine Baufachfrau und will auch keine sein, und ich werde so einen Auftrag nie wieder annehmen.
Gelassen war ich zwar, dennoch regte ich mich ständig über andere auf. Nur reagierte ich heute nicht mit Angst, noch nicht einmal mit Wut, sondern nur mit rücksichtsloser Entschlossenheit.

Abends hatten M. und ich unsere erste Fahrtheoriestunde. Es fing schon damit an, dass wir wegen M.s "Gelassenheit" zum Bus hetzen mussten. Fahrscheine hatten wir auch keine mehr, zum Glück war der Busfahrer nett. Nachdem wir eine Zeit lang im Stau gezuckelt waren, standen wir 10 Minuten lang an der Zentralhaltestelle, im Volksmund "Zenti" genannt. Ich hatte nicht gewusst, dass halb sieben schon Rendezvous dort ist; hätte ich das gewusst, wären wir dort noch in die 26 umgestiegen, die direkt bis vor die Fahrschule fährt. So jedenfalls sah es ganz so aus, als kämen wir zu spät zum Unterricht. Kamen wir nicht, und zum Glück waren wir auch nur zu viert.
Die Leiterin begrüßte mich gleich, indem sie die AGB aus dem Regal holte. Es waren etliche großgedruckte Seiten, fein in Klarsichtfolie verstaut, in einem blauen Ordner.
"Nun ist das ja ganz schön viel, das kann ich mir hier nicht durchlesen. Nach Hause kann ich es bestimmt nicht mitnehmen", begann ich vorsichtig.
"Nein."
"Können Sie sie mir also vielleicht kopieren?"
"Nein!"
Leicht entrüstet und fast metallisch scharf.
"Wozu denn?"
Noch eine Lage schärfer. Jetzt war ich geplättet. Ich beugte mich vor und dozierte übertrieben ruhig, jede Silbe akzentuierend:
"Weil ich im Vertrag unterschrieben habe, dass ich die AGB erhalten habe."
"So ein Quatsch..." - sie nahm sich einen Vertrag vor. Überflog ihn angestrengt: "Hier steht: 'Mit meiner Unterschrift bestätige ich, ein Exemplar der AGB ausgehändigt bekommen zu haben'."
Mir fiel ein Stein vom Herzen. Zu früh.
"A-u-s-g-e-h-ä-n-d-i-g-t! Ausgehändigt heißt zum Einsehen! Das heißt nicht, dass Sie ihn mitnehmen können. Ich kann doch bei so viel Fahrschülern nicht jedesmal die AGB kopieren!"
Jetzt war ich wirklich geplättet. So viel Wortinterpretationsfantasie habe nicht mal ich.
Ich gab mich geschlagen. Während M. das Finanzielle regelte, raste ich durch die AGB. Natürlich ist nicht mal die Hälfte hängengeblieben. Dabei wäre es wirklich wichtig, sie zu haben. Ich weiß zum Beispiel schon nicht mehr, wie das mit den Kosten ist, wenn ich kündige. Oder wann die Fahrschule kündigen kann...

So war ich zum Beginn des Unterrichts demselben und der Frau gegenüber sehr voreingenommen. Ich hatte ein ganz schlechtes Gefühl bei allem, auf Deutsch: Mein Scheißemelder war angesprungen und heulte.
Doch im Laufe des Unterrichts änderte sich meine Einstellung immer mehr zum Positiven. Die Frau hielt eigentlich wirklich ganz ordentlichen Unterricht. Was mich nur wieder einmal immens störte, war die Angewohnheit der meisten Leute, andere ausschließlich innerhalb ihres engen Horizonts zu betrachten. Aber damit muss ich wohl leben. Es ist wahr: Ein Genie (damit meine ich nicht mich, ist nur ein griffiger Vergleich) kann nur einer erkennen, der selbst genial ist. Für einen Bäcker sind alle Menschen Bäcker.
Als ich mit M. nach Hause lief, weil der Bus gerade weg war und der nächste erst in einer halben Stunde fuhr, wagte ich nicht, alles auszusprechen, was mich bedrückte, weil M. so begeistert von der Fahrschule war, was bei ihr so selten ist. Ich wollte nicht riskieren, sie mit Miesmache vielleicht ein weiteres Mal zum Aufgeben zu bewegen. Und zu Hause wagte ich nicht, J. von den AGB zu erzählen, weil ich wusste, wie er sich aufregen und die ganze Fahrschule in den Dreck ziehen und von mir Sachen erwarten würde, die ich weder tun kann noch will.

Träume

Ich träumte von Janis Joplin.
Ich habe viel geträumt, einiges wusste ich am Morgen auch noch, aber außer Janis ist alles versunken.
Schon zum zweiten Mal eine starke Frau. Die größte Rock- und Bluessängerin der Hippie-Ära, die so lebte wie sie sang, die Bühne und Privatleben nie zu trennen vermochte. Die Männer und Frauen sexuell "konsumierte" wie ihre Bandkollegen die weiblichen Groupies. Die sich im damals immer noch fast vollständig von Männern dominierten Showbiz mit ihrem monströsen (in der Öffentlichkeit verschämt kaschierten) Ehrgeiz ganz allein durchgeboxt hatte, bis sie beim erfolgreichsten Manager jener Jahre neben Jimi Hendrix auf dem Olymp gelandet war. Die fluchte "wie ein Mann", trank "wie ein Mann" und ein kosmisches Ego pflegte "wie ein Mann" und doch gleich darauf der feinfühligste und liebenswerteste Mensch der Welt sein konnte. Eine in den Weiten des Universums verlorene und verzweifelt herumirrende Seele.
Baileys Sepia-Titel: Die Hexe. Die Tänzerin. Die Kurtisane. All das war Janis.

 

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