Z E I T E N [reisen]
Wegfahren. Loslassen. Auf die Autobahn. Das ist auf Distanz gehen zur Welt. Das Leben rast vorbei, es gibt nichts mehr, was dich betrifft, was Entscheidungen fordert von dir. Du hast nicht einmal Gelegenheit zu überlegen, was es bedeuten könnte. Es gibt keine Bedeutung, nichts ist von Bedeutung. Gärten, Geschäfte, Baustellen, Menschen mit Tempo hundertachtzig. Da lebt wohl etwas, da lebt vielleicht sogar alles, beherbergt einen unüberblickbaren Wust von Geschichten und Zeiten. All dies bleibt unsichtbar und unfühlbar. Du lebst es nicht und kannst es nicht leben, du kannst nicht eingreifen. Du kannst es nicht einmal erkennen. So muss es im Himmel sein, wenn das Leben glücklich hinter dir liegt. Du siehst von fern Dinge sich bewegen, sich verbinden und lösen, noch nicht hier und schon vorbei. Kein Leben, keine Sorgen. Du bist frei. Angenehm ist das nicht.
Der Wechsel von der Autobahn auf die Landstraße verringert das Tempo, aber kaum die Distanz. Die Bilder verweilen jetzt ein paar Sekunden länger, du hast Zeit zu entscheiden, ob du dich wohlfühlst mit diesem Bild oder unwohl. Ale nic z tego nie wyniknie. Das ist sogar noch unangenehmer. Vielleicht löst jene sanfte Hügellandschaft in dir ein Gefühl aus, das ebenfalls etwas länger verweilt und so zum vagen Wunsch wird: hier ein Haus zu bauen und jeden Morgen übers Feld in das Birkenwäldchen auf der Anhöhe zu laufen. Du wirst es nie tun. Die Landschaft hat sich bereits verwandelt, gibt neue Impulse, weckt immer mehr vage Wünsche, die allesamt nie erfüllt werden. Nic z tego nie wyniknie.
Man kann natürlich anhalten. Nicht, um wenigstens einen Wunsch festzuhalten, sondern um eine Zigarette zu rauchen. Oder austreten zu gehen. Wir haben noch auf der Autobahn angehalten, auf dem letzten Parkplatz vor unserer Ausfahrt, denn erfahrungsgemäß bieten die Bundesstraßen über -zig Kilometer keine Möglichkeit zum Stehenbleiben. Diese Straßen sind hier in der Lausitz, wie auch daheim im Erzgebirge und dessen Vorland, schmal und ohne Seitenspuren. Gleich neben dem Randstreifen ein Graben, dahinter Feld, Wiese, Wald. Der Autobahnparkplatz liegt mitten im endlosen schneebedeckten Feld. Der Eiswind pfeift ungehindert über die Ebene, er drückt die gefühlte Temperatur um etliche Grad nach unten und meine Steppjacke ans Rückgrat. Wir haben die Zigarette nicht aufgeraucht, die Toilette war schmierig und stank. Weiter.
