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V I O L E T T     [Mittelbilder]

 

16. Tag

Heute war der Krisen- und Durchbruchstag!
Es kam alles zusammen. Ich sitze ja immer noch an der Übersetzung, und meine Mutter hatte Geburtstag. Das allein hätte mir schon gereicht. Aber ich musste für sie auch noch Blumen, Torte und außerdem Butter besorgen. Dafür war ich zweimal unterwegs: Zuerst ging ich allein zu Lidl, wo ich Butter und After Eight für sie kaufte, weil mir die Torten nicht gefielen. Das brachte ich nach oben, packte es aus und wartete noch fünf Minuten auf M., um mir ihr zum Blumenladen zu gehen, sie zum Bioladen. Somit musste ich heute insgesamt dreimal raus, denn um vier noch mit J. zu meiner Mutter. Das hätte mir wirklich gereicht. Aber ich zog zum Einkaufen meine neuen Schuhe an, die drückten an den Seiten der Füße entlang, so dass die Füße beim Stehen und Gehen nicht richtig durchblutet wurden und furchtbar schmerzten. Die Füße waren geschwollen, und ich schwitzte seit längerer Zeit wieder schon nach den ersten paar Schritten, war in Schweiß gebadet und quälte mich die Wege entlang.
Dann telefonierte ich natürlich mittags wieder eine halbe Stunde lang und füllte dabei den GEZ-Antrag aus, den ich hinterher zum Verschicken fertig machte. Den brachte ich auch unterwegs zusammen mit den Unterlagen für die Wohngeldstelle zum Briefkasten.
Und als sei das alles noch nicht genug, war heute auch besonders viel im Haushalt zu tun: Ich wusch zwei Trommeln Handtücher, hängte eine auf, säuberte den Backofen und die Herdplatte und dann noch die Gegend um die Spüle herum und den Tisch. Insgesamt hatte ich noch nicht mal eine Stunde zu tun, aber es kotzte mich an, ich wollte das nicht.
So war ich am Nachmittag, als ich zu meiner Mutter fuhr, schon ziemlich frustriert und furchtbar müde, meine Beine schmerzten. Dann forderte mich J. bei ihr mehrmals auf, Dinge zu tun bzw. zu fragen, die ich nicht wollte, und schnappte jedesmal ein, wenn ich ablehnte. Als wir das Heim verließen, sank meine Stimmung rasant in den Keller. Natürlich belastete es mich immer mehr, dass er dauernd Dinge von mir erwartet, die mir nicht liegen, und mir dann ständig versucht, Schuldgefühle einzuflößen. Aber der wirkliche Hammer kam dann erst im Auto, als meine Stimmung schon wieder stieg, nachdem wir uns nach langem Hin und Her geeinigt hatten, dass wir im November nun wirklich eine Reise durch England machen, durch Wales nach Cornwall, und J. mir auf einmal eröffnete, sein Traum sei eigentlich ein dreiwöchiger Urlaub in Finnland: drei Wochen faul mitten in der Natur, weit weg von menschlichen Siedlungen, an einem See liegen und angeln. Ich dachte, Scheiße, dazu brauchen wir doch nicht nach Finnland zu fahren, das kannst du auch in Polen haben, und da sind wir nun schon wirklich oft genug gewesen!
Gleich fiel mir M.s Klammerabend von gestern ein, und dann kam alles zueinander. Ich hatte das ausweglose Gefühl, meine ganze Familie hänge an mir dran, so dass ich nie so leben können werde, wie ich will. M. kommt einfach nicht auf eigene Beine, J. will sogar anderen Urlaub als ich, Mutter und Tante, die wie selbstverständlich von mir und J. versorgt werden wollen, müssen... Als wir nach Hause kamen, steckte ich in einer rabenschwarzen Verzweiflung, an der Tür einer Depression.
Ich merkte selbst, dass der Gipfel des Leidensdrucks bei mir erreicht war. Und ich verzweifelte über das Mittel, das mir die Homöopathin gegeben hatte, weil es mir bisher noch kein bisschen weitergeholfen hat.
Und da kam der erste KLICK! Mit einem Mal, wie aus heiterem Himmel. Plötzlich fiel mir ein, dass ich doch jederzeit gehen kann, denn M. ist doch bei J.! Selbst wenn ich J. verlasse, lasse ich ihn nicht allein, insofern kommt mir M.s Entwicklungsverzögerung sogar richtig entgegen. Ein Hochgebirge fiel mir vom Herzen, momentan, mir wurde so leicht und froh! Nur den Urlaub im November will ich noch ausprobieren, die Chance bin ich J. schuldig. Außerdem bin ich im Moment sowieso noch nicht so weit zu gehen, vor allem meines Gewichts und meiner Kondition wegen. Das ist genau die Zeit, die ich für die Vorbereitung brauche, und es ist auch noch kein einziger Tag zu viel verstrichen, anders war es die ganze Zeit lang sowieso nicht geplant! Es läuft alles noch so, wie es soll, im rechten Zeitrahmen. Wenn wir wirklich in Cornwall gewesen sind, und J. macht dort Schwierigkeiten, wenn ihm meine Art des Reisens weiterhin nicht gefällt – dann werde ich mich nächstes Jahr auf meinen Weg machen, allein und am besten schon im zeitigen Frühling. Vielleicht werde ich erst einmal eine Reise allein unternehmen, die ich dann verlängere oder von der ich auch überhaupt nicht mehr wiederkomme – das werde ich dann sehen.

Träume

Oje, dafür heute! Der Durchbruch-Traum!
Ich wollte, musste unbedingt nach Halle. Dazu musste ich mit dem Bus irgendwohin fahren, zu einem Bahnhof, wo ich in den Zug nach Halle umsteigen musste. Der Zug aber fuhr jeden Tag immer nur sehr früh am Morgen, so dass ich es nicht an einem Tag schaffte: Ich musste erst mit dem Bus in diesen Ort mit dem Bahnhof fahren und am nächsten Tag dann weiter mit dem Zug nach Halle.
Es war Donnerstag, und am Sonnabend musste ich nach Halle fahren. Es war der letzte mögliche Termin, warum, weiß ich nicht, ich weiß nur, dass ich diesen Zug am Sonnabend früh unbedingt erreichen musste, sonst wäre alles verloren gewesen, und ich wäre nie mehr aus meinem jetzigen Leben weggekommen. Eigentlich hatte ich schon heute, am Donnerstag, mit dem Bus fahren wollen, aber ich hatte es nicht geschafft. Einige aus meiner Leibgarde, darunter jemand, der M. ähnlich war, drängten mich immerzu, aber ich konnte es nicht schaffen, weil hier noch zu viel zu tun war. Dann informierte ich mich über die Abfahrtszeiten der Busse und sah, dass mehrmals täglich einer fuhr, auch morgen, am Freitag. Ich beruhigte die anderen und teilte ihnen mit, ich habe jetzt beschlossen, den Bus morgen Vormittag zu nehmen, so würde ich den letzten Zug nach Halle am Sonnabend noch schaffen. Aber auch das war zeitlich äußerst knapp bemessen, ich wusste nicht, ob ich es schaffe.
Ich gab mir alle Mühe, alles so schnell wie möglich zu erledigen, aber es war so viel. Vor allem – und das war wohl die Hauptarbeit – musste ich meine Kleider aufräumen. Ich ging in die Ecke, in der sie lagen, und zog in aller Eile eins nach dem anderen von dem wüsten Stapel, der dort lag. Doch der Stapel war riesig, und schnell stellte sich heraus, dass dort längst nicht nur meine Kleider lagen, sondern noch viel mehr von M. Die mussten aber auch weg, damit ich alle meine Kleider fand. Zu allem Übel zeigte sich, nachdem schon eine Schicht abgeräumt war, ein großes Loch in der Wand und dahinter ein Hohlraum, der war ebenfalls voll mit unseren Kleidern. In immer größerer Eile schleuderte ich ein Kleidungsstück nach dem anderen von dort weg, immer mehr von M., immer seltener meine eigenen, und hatte Angst, nie fertig zu werden. Mittendrin ließ ich diese Arbeit liegen, um erst etwas anderes zu tun. Da traf ich M. und wurde ungeheuer wütend auf sie, dass ich ihr dauernd hinterherräumen muss und sie keinen Finger krumm macht. Ich fuhr sie ungewohnt aufgebracht an, sie solle sofort ihre Kleider dort aus der Ecke und dem Loch räumen, und sie gehorchte auch gleich.
Die ganze Zeit über dachte und sprach ich immer nur von der Reise, stellte mir wieder und wieder den nötigen Ablauf vor, machte mir Sorgen, dass der Anschluss nicht klappen könnte, überlegte wieder und wieder, ob ich es auch an einem Tag schaffen könnte, aber das war unmöglich. Ich musste spätestens am Freitag fahren, und wieder und wieder machte ich mir das klar, dass mir nur noch ein Tag blieb, bis alles fertig und ich im Bus sein musste.
Bei diesen Überlegungen und Gesprächen rückte auf einmal das Thema "Arabien" immer mehr in den Vordergrund. Ich sagte jemandem, ich fahre ja nach Arabien, dabei wusste ich ebenso wie er oder sie, dass ich nach Halle fahre, in die genau entgegengesetzte Richtung. Mit der Zeit wurde klar, dass es sich um einen arabischen Bus und wohl auch Zug handelte, mit dem ich hinfahre, aber ich sagte trotzdem immer: "Ich fahre ja nach Arabien."
Als ich aufwachte, glaubte ich einen Moment lang tatsächlich, es sei Freitag und ich müsse zum Bus... Wie war ich erleichtert, als mir einfiel, dass heute erst Donnerstag ist!

 

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© 2004 by Angela Nowicki • kontakt           
 
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