Schneeberger Krankheit

Einleitung

Unter der Schneeberger Krankheit, oftmals auch als Schneeberger Lungenkrankheit bezeichnet, versteht man, aus der Sicht der modernen Krankheitslehre, den strahlenbedingten Bronchial- und Lungenkrebs infolge der inhalativen Einwirkung des radioaktiven Edelgases Radon und seiner ebenfalls radioaktiven Zerfallsprodukte auf die Atemwege. Für die Verursachung der Schneeberger Krankheit sind hauptsächlich radioaktive Stoffe aus der Uraniumreihe verantwortlich. Der strahlenverursachte Lungenkrebs der Bergleute ist der häufigste berufsbedingte Strahlenschaden. Er übertrifft bei weitem die Gesamtheit aller sonstigen beruflichen Strahlenschäden, einschließlich der Opfer der frühen Röntgen- Ära.

Da nun der Bergbau im Erzgebirge seit der Wende "ausgestorben" ist, könnte man meinen, die Krankheit wäre damit auch verschwunden. Doch wie im folgenden beschrieben wird, finden seit einigen Jahren die Radonprobleme in Wohnungen und Arbeitsräumen zunehmend Beachtung der Fachleute und der Öffentlichkeit. Mit dem Risiko, Radon in größeren Mengen in seiner Wohnung zu haben, steigt demzufolge das Risiko an der Schneeberger Krankheit zu erkranken. Eine ähnlich große Rolle spielt das Risiko bei der Erörterung von Nutzen oder Schaden im Rahmen der therapeutischen Anwendung des Radons in Radonbädern. Diese vielfältigen Aspekte der Schneeberger Krankheit führen unweigerlich zu ihrer Geschichte.

Die Geschichte der Schneeberger Krankheit

Seit über fünf Jahrhunderten ist die Schneeberger Krankheit bekannt, jedoch bis ins 19. und 20. Jahrhundert hinein, ohne ihre wirklichen Ursachen zu kennen. Die Geschichte der Schneeberger Krankheit hat sich bis 1945 ausschließlich im Erzgebirgsraum, d.h. in der Region von Schneeberg und später von St. Joachimsthal, abgespielt. Sie ist unweigerlich mit der Geschichte des sächsisch- böhmischen Erzbergbaus verbunden.

Im Jahre 1168 stießen Fuhrleute im Raum der später gegründeten Bergstadt Freiberg zufällig auf oberflächlich liegende Silbervorkommen. Damit wurde ein "Berggeschrei" ausgelöst, dass vor allem Bergleute aus dem Bergbaurevier des Harzes ins Erzgebirge lockte. Innerhalb weniger Jahre entwickelte sich die Freiberger Region zum Zentrum des Silberbergbaus, der sich dann auf das ganze mittlere Erzgebirge ausdehnte. Ab Mitte des 14. Jahrhunderts ging dieser Bergbau merklich zurück, da die meist oberflächlich angelegten Gruben ausgeraubt waren. In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts erfuhr der sächsische Bergbau jedoch eine neue Blütezeit. Diese begann 1740, als am Schneeberg, südlich Zwickau, bei dem dort seit längerem umgehenden Bergbau neue, reiche Silberfunde gemacht wurden, die wieder ein "Berggeschrei" zur Folge hatten. 1744 gab es im Schneeberger Revier bereits 153 Zechen. 1481 verlieh ein landesherrlicher Freiheitsbrief der Wettiner der neuen Siedlung die Bergfreiheit. Von Schneeberg aus verbreitete sich der Silberbergbau in das obere Erzgebirge bis zum Gebirgskamm, wo in rascher Folge neue Bergstädte entstanden: 1497 Annaberg, 1516 St. Joachimsthal auf der böhmischen Seite des Erzgebirges, 1521 Marienberg und relativ spät, nämlich 1654 Johanngeorgenstadt. Aber auch in diesen Revieren trat nach einigen Jahrzehnten ein Rückgang der Ausbeute ein, was meist zur Aufgabe des Bergbaus führte.

Anders dagegen in Schneeberg. In den dortigen Gruben konnten nach dem Niedergang des Silberaufkommens andere wertvolle Erze gewonnen werden. So z. B. Kobalt, Ausgangsstoff für die wertvolle Farbe des Meißner Porzellans, Wismut, Wolfram, Nickel und Arsen. So konnte sich der Schneeberger Bergbau bis in unser Jahrhundert erhalten, Jahrhunderte, in denen sich die Geschichte der Schneeberger Lungenkrankheit abgespielt hat.

In den Schneeberger Gruben war, wie in allen Bergrevieren, die Arbeit untertage mit erheblichen Gesundheitsgefahren und- risiken verbunden. Schon 1492 hat der sächsische Lateinlehrer Paulus Naivis auf diese Risiken in einem Lehrgespräch für den Unterricht hingewiesen: "Wie man vom Schneeberge und von den Gruben zu sprechen hat: Die Arbeit darin, und die Luft im Berge, die sehr ungesund ist, nimmt ihnen die natürliche Farbe, sehr oft geschieht es auch, dass sie frühzeitig mit Tod abgehen."

Neben Unfällen und Schäden an Knochen und Gelenken, waren chronische Erkrankung der Atmungsorgane das mitunter größte Gesundheitsrisiko der Bergleute. Ab Anfang des 16 Jahrhunderts kam für diese Lungenkrankheiten der Bergmänner die Bezeichnung "Bergsucht" auf. Die betroffenen Bergleute wurden seit daher "bergsüchtig" oder "bergfertig" genannt. Bergsucht ist jedoch nur ein Sammelbergriff für überwiegend chronische Lungenkrankheiten, d.h. Dauerschäden nach arbeitsbedingten Entzündungen der Atemwege, wie chronische Brochitis, Bronchiektasen, Lungenemphysem, Lungentuberkulose und, in Abhängigkeit von den jeweiligen Abbauverhältnissen, auch Staublungenerkrankungen. Natürlich haben die Bergbauärzte von der Bergsucht geschrieben, jedoch ohne eine Unterscheidung einzelner Krankheitsbilder vorzunehmen. Der Autor, der sich als Erster und auf lange Zeit mit diesen Krankheiten auseinander setzte, war Paracelsus.

Er hat in den 30er Jahren des 16. Jahrhunderts ein umfangreiches Werk zu diesem Thema unter dem Titel: "Von der Bergsucht oder Bergkranckheiten drey Bücher" verfasst, dass erst 1567 gedruckt wurde. Theophrastus Bombast von Hohenheim, wie sein eigentlicher Name war, hatte sich während seiner Ausbildung und auf seinen weiten Reisen durch Europa mit dem Bergwesen beschäftigt und sich dabei um die medizinischen Belange der Bergleute gekümmert. Paracelsusforscher Sudhoff berichtete einmal, dass Hohenheim auch Schneeberg und das Erzgebirge aufgesucht hat:

"So ist er denn auch weiter die Mulde aufwärts nach Schneeberg geritten, von dem er spricht, wo arm gewordene Silbergruben durch Wismut und Kobalt Ersatz boten, die den bergkundigen Hohenheim besonders anzogen und beschäftigten."

Die weit verbreitete Meinung, Georgius Acricola habe die Lungenkrankheit der Bergleute ausführlich und sogar als Erster beschrieben, entspricht nicht der Wahrheit. Er hat sich nur ganz gelegentlich mit der Lungenkrankheit befasst und vielmehr die Technik des Bergbaus erfasst und erneuert.

Nach Paracelsus haben sich im 17. und 18. Jahrhundert vorwiegend sächsische Ärzte Gedanken über die Bergsucht gemacht. Genannt sei hier nur J. F. Henckel, Bergphysikus in Freiberg, der in seinem Werk, verfasst um 1728, erstmals die gerade aufgekommenen pathologisch- anatomischen Untersuchungen einbezieht.

Im 18. Jahrhundert und vor allem im 19. Jahrhundert fielen die Krankheitsfälle an Bergsucht im Schneeberger Revier durch besonders eigentümliche Krankheitsverläufe auf. Die betroffenen Bergleute erkrankten schon häufig im relativ jugendlichen Alter. Nach einigen Monaten bis wenigen Jahren trat der Tod ein, begleitet von Husten, Auswurf und auffälliger Atemnot. Diese Form der Bergsucht erhielt nun den Begriff "Schneeberger Krankheit".

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts haben sich zwei Ärzte dieser bemerkenswerten Krankheit ihrer Heimat angenommen. Der eine von ihnen, Härting, war durch seine Tätigkeit als Bergarzt in Schneeberg von solchen Krankheitsfällen angesprochen. Der andere, Hesse, war als Bezirksarzt im nahen Schwarzenberg für die sozialmedizinischen Belange der Krankheit zuständig. Während ihrer über 20- jährigen Arbeit fanden sie heraus, dass die Schneeberger Krankheit zu 75 Prozent an den Todesursachen ehemaliger Bergleute der Schneeberger Gruben beteiligt war. Hesse schrieb 1878 erstmals über ihre Untersuchungen:

"Es ist eine in der Gegend von Schneeberg ganz bekannte Thatsache, dass die Bergarbeiter im besten Mannesalter an der sogenannten Bergkrankheit zu Grunde gehen, und ganz gewöhnliche Leute bezeichnen diese Todesart geradezu als Lungenkrebs."

Durch Sezieren von mehr als 20 Bergleuten und ihrer Lungen, gelang es Härting und Hesse die Volksmeinung zu bestätigen. Damit wurden sie zu den Entdeckern des ersten berufsbedingten Lungenkrebses in der Geschichte der Arbeitsmedizin. Beide konnten den Lungenkrebs aber nur von untertage arbeitenden Bergleuten, nicht aber bei der sonstigen Bevölkerung nachweisen, das es zur damaligen Zeit noch keine, so seltsam das auch klingt, Zigaretten gab. Die erste Zigarettenfabrik wurde 1862 in Dresden gebaut. Heute stirbt jeder zehnte Mann an Lungenkrebs, bis zu 90 Prozent des Krebses wurden durch das Zigarettenrauchen verursacht.

Nach der Entdeckung der Krebsnatur forschte man nach den Ursachen der Schneeberger Krankheit. Um die Jahrhundertwende standen zwei Faktoren zur Diskussion. Zum einen wurde das in den Schneeberger Erzen reichlich vorkommende Arsen beschuldigt, nachdem es bereits in früheren Jahrhunderten im Gespräch gewesen war. Zum anderen wurde die Ursache in den silikogenen Gesteinsstäuben der Schneeberger gruben vermutet, die allein oder in Kombination mit anderen Noxen, z. B. toxischen Metallbestandteilen der Erze, wie Kobalt, Nickel und Wismut, karzinogene Effekte bewirken sollten. Die Entdeckung der Radioaktivität durch Becquerel 1896 und des Radiums durch die Curies 1898 schufen neue Erklärungsmöglichkeiten, als erste krebserzeugende Wirkungen der ionisierenden Strahlung bekannt wurden. Innerhalb weniger Jahre verbreitete sich die Kenntnis von der karzinogenen Wirksamkeit der Röntgen- und Radiumstrahlung. In den Jahren 1908 bis 1912 wurde auf Veranlassung der königlich- sächsischen Regierung eine Forschungsaktion durchgeführt, bei der Professor Carl Schiffner von der Bergakademie Freiberg mit seinen Mitarbeitern die Quellen des Landes auf radioaktive Bestandteile untersucht hat, mit dem Ziel diese eventuell zu therapeutischen Zwecken anwenden zu können. Durch diese Aktion wurde 1909 in Wässern und Luft der Schneeberger Gruben ein extrem hoher Gehalt an Radiumemanation nachgewiesen.

Der Bergdirektor von Zwickau H. E. Müller schrieb über die Verursachung des Lungenkrebses durch Emanation: "Durch die Radiumforschung ist die gefährliche Einwirkung von Radiumstrahlung und der Emanation, sofern sie eine zu lange dauernde ist, bekannt geworden. Als Folge zeigen sich an den betroffenen Stellen regelmäßig krebsartige Veränderungen, die leicht in Eiterung übergehen. Bei der Emanation wird jedenfalls der am leichtesten verletzliche Teil des von der Luft berührten Körpers zuerst angegriffen und das sind die Weichteile der Lunge. Ich betrachte daher den Schneeberger Lungenkrebs als eine besondere Berufskrankheit der Gruben, deren Gesteine Radium enthalten und deren Luft mit starker Emanation beladen ist." Der "Arbeitsausschuss für die Erforschung des Schneeberger Lungenkrebses in Sachsen" hat zwischen 1922 und 1926 insgesamt fünf Reihenuntersuchungen in Schneeberg durchführen lassen. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Untersuchungen 1926 waren von 154 erfassten Bergleuten in drei Jahren 21 verstorben. Davon waren 71 Prozent Opfer der Schneeberger Krankheit. Gleichzeitig mit den Reihenuntersuchungen wurden eingehende Messungen der Radonkonzentrationen in den Schneeberger Gruben veranlasst, die von P. Ludewig, dem Direktor des Radiuminstituts an der Bergakademie Freiberg, und seinem Mitarbeiter E. Lorenser durchgeführt wurden. Beide konnten nun an die früheren Messungen von Carl Schiffner anknüpfen, hatten jetzt aber von Anfang an den Zusammenhang zwischen dem Schneeberger Lungenkrebs und der Radiumemanation in der Grubenluft im Auge: "Es lag nahe, für die Entstehung dieses Lungenkrebses das dauernde Einatmen emanationshaltiger Luft in den Gruben verantwortlich zu machen." An einigen Stellen fanden sie die gleichen Werte wie 1909 Carl Schiffner: "Es zeigte sich also, dass dieser hohe Emanationsgehalt schon dauernd bestanden hat." Die von ihnen erzielten hohen Messwerte der Emanationskonzentration veranlassten sie zu der Feststellung: "dass die genannte Krankheit durch radioaktive Einflüsse hervorgebracht sein könnte." Da trotz dieser Untersuchungen auch immer wieder andere Ursachen für den Lungenkrebs vorgeschoben wurden, sollte A. Brandt auf Anlass sächsischer Behörden diese Problematik mit neuen, genaueren Untersuchungen klären. Gemeinsam mit dem Experten Rajewsky, begann er 1936 die Untersuchungen. Rajewsky arbeitete bis dahin am Anfang 1936 gegründeten Kaiser- Wilhelm- Institut für Biophysik und beschäftigte sich mit Radonbalneotherapie und der Radiuminkorporation. Zusammen mit A. Brandt konnte er nach langen Untersuchungen beweisen, dass der Schneeberger Krebs durch Radoninhalation verursacht wird. Rajewsky versuchte sogar Wirkungsschwellen abzuleiten, unterhalb denen eine Gefährdung weitgehend verneint werden könne. Rajewsky fasst das Ergebnis seiner Arbeit so zusammen:

"Die Möglichkeit, dass die Schädigung durch Einatmung der emanationshaltigen Grubenluft wenigstens eine der Ursachen der Schneeberger Krankheit ist, kann aufgrund der nunmehr vorliegenden Messergebnisse nicht mehr bestritten werden und ist mit großer Wahrscheinlichkeit zu bejahen." Die Außenstelle des Kaiser- Wilhelm- Instituts für Biophysik in Oberschlema konnte 1941 den vollen Betrieb aufnehmen, wurde jedoch durch Beschlagnahme seitens der sowjetischen Besatzungsmacht 1946 geschlossen. In den wenigen Jahren ihres Bestehens war die Außenstelle an den Untersuchungen in den Schneeberger und St. Joachimsthaler Gruben beteiligt. Weltweit erstmalig erfolgten damit in Gruben mit radioaktivem Untertageklima regelmäßige Kontrollmessungen der Radonkonzentration an den Arbeitsplätzen der Bergleute mit dem Ziel, durch geeignete Maßnahmen, vorrangig eine wirksame Wetterführung, die Strahlenbelastung zu minimieren. So kam es dann auch zu einer Grenzwertfestlegung für die Radonkonzentration in der Grubenluft, die bei Kriegsende bereits in sächsische bergbaupolizeiliche Vorschriften umgesetzt waren.

Nach dem Krieg hat sich die Geschichte der Schneeberger Krankheit vom Erzgebirge aus auf alle Weltregionen ausgedehnt, in denen abbauwürdige Uranerze gefunden wurden. In den USA beispielsweise orientierte man sich im Uranbergbau an den Grenzwerten der sächsischen Bergbaupolizei. Der amerikanische Forscher Bale konnte 1951 einschlägige Forschungsergebnisse aufweisen, dass nicht nur das Radon, sondern auch dessen radioaktiven Folgeprodukte Lungenkrebs verursachen.

Fast zeitgleich wurde am Max- Planck- Institut für Biophysik dasselbe Ergebnis festgestellt. Diese Forschungsarbeiten bildeten den Anschluss an Rajewskys Untersuchungen. "In Fortsetzung dieser Arbeiten, die sich auf die Wirkung des Radons und seiner im Körper gebildeten Folgeprodukte beschränken, ergab sich die Notwendigkeit, auch die mit dem Radon zusammen eingeführten Zerfallsprodukte zu berücksichtigen."

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Ostteil Deutschlands von der Sowjetunion besetzt. Nun fing der Bergbau im Erzgebirge von neuem an. Nur, dass diesmal nach Uran für das sowjetische Atomprogramm gesucht und gefunden wurde. Auch bei den dort arbeitenden Bergleuten stellte sich Lungenkrebs ein. Da im Uranbergbau die Schutzmaßnahmen für die Bergleute im Laufe der Zeit erhöht wurden, kam die Schneeberger Krankheit aber erst nach Jahrzehnten zum Ausbruch, konnte aber nie verhindert werden.

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