Kommentar
"Die Terroristen sind unsere Söhne"
© Al-Jazeera/AP Im Fernsehen ausgestrahlt: Irakische Geiselnehmer präsentieren
einen Filipino und drohen mit seiner Hinrichtung
Abdel Rahman al-Rashid, Direktor des Fernsehsenders Al Arabiya, rechnet ab: mit
islamistischem Terror und dem Schweigen der arabischen Welt.
Fest steht: Nicht alle Muslime sind Terroristen. Fest steht aber auch: Fast alle
Terroristen sind Muslime. Das einzugestehen ist sehr betrüblich. Die
Geiselnehmer von Beslan: Muslime. Die Entführer und Mörder der nepalesischen
Köche und Arbeiter im Irak: Muslime. Die Reiterbanden, die in Darfur
vergewaltigen und morden: Muslime wie ihre Opfer. Die beiden Frauen, die in
Russland zwei Flugzeuge zum Absturz brachten: Muslime.
Bin Laden ist ein Muslim. Die Mehrheit derer, die in den letzten zehn Jahren
Selbstmordattentate auf Busse, Schulen, Wohnhäuser und andere Gebäude überall
auf der Welt verübten - sie bestand aus Anhängern des Islam. Was für eine
schreckliche Bilanz! Sagt sie uns nicht etwas über uns selbst, unsere
Gesellschaft und unsere Kultur?
Beschämend und entwürdigend
Ob man sie in ihrer Gesamtheit betrachtet oder jedes für sich: Diese Bilder sind
grausam, beschämend und entwürdigend für uns Muslime. Was sie zeigen, ist
wirklich geschehen. Dieser Realität sollten wir uns stellen, statt uns vor
diesen Bildern zu verstecken oder sie gar zu rechtfertigen und wie so oft in
wohlklingenden Texten und Predigten unsere großen historischen Leistungen zu
beschwören.
Abdel Rahman al-Rashid, Direktor des TV-Senders Al ArabiyaEs wäre ein Leichtes,
uns selbst zu kurieren, wenn wir nur anerkennen würden, dass wir in einer
kranken Gesellschaft leben. Diese Selbsterkenntnis wäre der erste Schritt zur
Besserung. Die Terroristen sind unsere Söhne. Unsere verstümmelte Kultur hat sie
zu dem gemacht, was sie sind. Es liegt an uns, sie aufzuhalten. Hört euch genau
an, was Jusuf al-Qaradawi zu sagen hat, der Fernsehscheich des Senders Al
Jazeera. In aller Öffentlichkeit erklärt er, das islamische Recht erlaube es,
US-Zivilisten im Irak umzubringen. Ein Religionsgelehrter ruft zum Mord an
Zivilisten auf! Am Ende seines Lebens stachelt dieser Scheich Kinder zum Mord an
Zivilisten an - während gleichzeitig zwei seiner Töchter im sicheren
Großbritannien ihren Studien nachgehen, im Vereinigten Königreich der
Ungläubigen.
Wie könnte ein Vater wie er jemals der Mutter des jungen Nick Berg
gegenübertreten, deren Sohn wie einem Tier die Kehle durchgeschnitten wurde,
weil er in den Irak kam, um Funkmasten zu reparieren? Wie können wir solch einem
Scheich glauben, wenn er uns verkündet, der Islam sei eine Religion der Gnade
und Vergebung, und ihn doch selbst in eine Religion des Blutvergießens verkehrt?
Früher, vor diesem Zeitalter der Extremisten, betrachteten wir die Radikalen
unter uns, ob Linke oder Nationalisten, immer als Wurzel gesellschaftlicher
Korruption, weil ihre Ideologien die Basis der Gewalt bildeten und sie das
Morden auf die leichte Schulter nahmen. Damals war die Moschee noch ein Ort des
Schutzes und der Zuflucht. Die Religionsgelehrten kündeten vom Frieden, und in
ihren Predigten ging es um edle moralische Werte.
Verunstaltung einer unbescholtenen Religion
Es ist eine neue Art von Muslimen, die unsere Religion verunstaltete. Eine
unbescholtene Religion - das sieht man schon daran, dass unsere Schriften sogar
das unnötige Fällen von Bäumen verbieten; den Mord als schlimmstes aller
Verbrechen beschreiben; den verurteilen, der ein kleines Insekt unachtsam
zertritt, und dem Belohnung verheißen, der einer durstigen Katze zu trinken
gibt.
Das ist der Islam, wie wir ihn kannten - bevor die Islamisten mit ihren
Gebetsgruppen und Programmen und Lehrern daherkamen, die politischen
Gruppierungen unter ihren Einfluss brachten, die Religion entstellten und den
Leuten den Verstand durcheinander brachten.
Es gereicht uns nicht zur Ehre, dass wir Muslime jetzt mit Leuten in Verbindung
gebracht werden, die Schüler und Journalisten als Geiseln nehmen, die Zivilisten
umbringen und Busse in die Luft jagen - ganz gleich, was für Leid diesen Rächern
mit Sprengstoffgürteln selbst angetan worden sein mag. Diese Leute entstellen
und beleidigen den Islam.
Wir werden unseren ramponierten Ruf nicht reparieren können, bis wir die ebenso
klare wie schändliche Tatsache anerkennen, dass heute die Mehrheit der
Terrorakte auf der Welt das Werk von Muslimen ist. Wir werden es nicht schaffen,
unsere Kinder, die diese abscheulichen Verbrechen begehen, von ihrem
unheilvollen Weg abzubringen, ohne zu kritisieren, wie unsere Scheichs den
Verstand der Leute manipulieren. Diese Scheichs, die sich auf ihren Kanzeln als
Revolutionäre aufspielen und die Kinder anderer Leute in Kriege schicken - ihre
eigenen aber auf Schulen in Europa und Amerika.
Copyright: Al-Scharq Al-Awsat, 2004
Übersetzung: Steffen Gassel
http://www.stern.de/politik/panorama/529771.html?eid=532139&s=4&nv=ex_rt