‚Dialog der Kulturen’
Die in London erscheinende arabischsprachige Tageszeitung al-Hayat veröffentlichte am 31. Mai 2002 einen Artikel des Dekan der Scharia-Fakultät der Universität in Qatar, Scheich Abd Al-Hamid Al-Ansari.
„Seit
dem 11. September gab es eine Verstärkung von gegenseitigen Missverständnissen,
bösartigen Gedanken, Verdächtigungen und Verzerrungen zwischen dem Westen und
dem Orient. [...] Diese Zunahme führte zu einer ungesunden Atmosphäre, die zwei
Phänomene beförderte: Auf der einen Seite den Aufstieg der extremen Rechten im
Westen, dem so genannten Le Pen-Phänomen, welches die Anderen als einen
feindlich gesinnten Fremden betrachtet, der die [westliche] Kultur und Werte
verabscheut, und auf der anderen Seite den Aufstieg extremistischer Bewegungen
in arabischen und islamischen Gesellschaften, die den Westen als einen Feind
betrachten, der sich gegen den Islam und die Muslime verschworen hat. [...]“
Auszüge aus dem Artikel von Scheich Abd Al-Hamid Al-Ansarit:
„Es gibt gemeinsame Grundbedürfnisse und gemeinsame Interessen zwischen dem
Osten und dem Westen. Aber vor allem anderen gibt es ein gemeinsames
humanistisches Erbe, welches geschützt und gestärkt werden muss: Die Anerkennung
menschlicher Vielfalt und Unterschiedlichkeit, das Respektieren der
Besonderheiten und der religiösen und kulturellen Identitäten verschiedener
Völker und Nationalitäten. [...]
Im Koran heißt es: ‚Ihr Menschen! Wir haben euch geschaffen indem wir euch von
einem männlichen und einem weiblichen Wesen [abstammen ließen], und wir haben
euch zu Verbänden und Stämmen gemacht, damit ihr euch [aufgrund der
genealogischen Verhältnisse] untereinander kennt. (Bildet euch aber auf eure
vornehme Abstammung nicht zu viel ein!) Als der Vornehmste gilt bei Gott
derjenige von euch, der am frömmsten ist. Gott weiß Bescheid und ist [über
alles] wohl unterrichtet’. (Sure 49, 13) Dieser Vers verbietet es, eine einzelne
Kultur, ein Regime, eine Idee oder einen Glauben der gesamten Menschheit
aufzuerlegen (oder auf die gesamte Menschheit zu übertragen) Dschihad bedeutet
also in Wirklichkeit, das Recht auf Pluralismus und Vielfalt zu bewahren und die
Wahlfreiheit für alle zu garantieren, weil die Vielfalt als eine natürliche und
universale Wahrheit betrachtet wird. [...]
Meiner Meinung nach erfordert dies sowohl einen internen als auch einen externen
Dialog. Der interne Dialog muss alle Menschen und Organisationen einer
Gesellschaft umfassen, ohne eine Partei auszuschließen, ohne sie des Verrats
oder der Häresie anzuklagen oder sie zu verleumden. [...] Wir werden keine
gesunde, reife und konstruktive Beziehung mit dem fremden ‚Anderen’ erreichen
ohne eine gesunde Beziehung mit dem ‚Anderen’ innerhalb der eigenen Gesellschaft
aufzubauen, d. h. mit demjenigen, der eine andere politische, ideologische,
religiöse und ethnische Meinung hat [und] ohne unser Verhalten gegenüber Frauen
zu korrigieren, basierend auf dem Prinzip der Toleranz und dem Respekt für
Pluralismus und Akzeptanz für das ‚Andere’. [...]
Was den externen Dialog angeht: [...] Meiner Ansicht nach ist der notwendige
Ausgangspunkt, dass sich jede Partei von Anfang an aufrichtig zeigen muss, mit
den Vorurteilen und Stereotypen, die sie von den ‚Anderen’ haben. Danach muss es
eine Selbstkritik dieser Ideen und Ansichten geben. Bevor wir uns bei dem
‚Anderen’ über die negative Art, mit der er uns wahrnimmt, beschweren, müssen
wir uns selbst beobachten und unsere falsche Vorstellung über die ‚Anderen’
korrigieren. [...]
Der Westen muss die Grundlage seiner Wahrnehmung uns gegenüber überprüfen.
Ebenso die Ideen, die über uns seit der Periode des Orientalismus existieren,
die auf einer Rezeption aus dem Mittelalter basieren, wonach der Islam eine
Religion der Gewalt sei, die durch das Schwert verbreitet werde, und wonach die
Muslime an der modernen Zivilisation Rache nehmen und weder die Menschenrechte
akzeptieren noch die Rechte von Minderheiten garantieren, noch an die Werte der
Demokratie und der Toleranz glauben, und wonach sie sich nicht anständig
gegenüber Frauen verhalten. Ebenso sollte sich der Westen zurückhalten, den
Islam und die Muslime aufgrund des Verhaltens einer kleinen Minderheit zu
beurteilen. [...]
Zur gleichen Zeit müssen wir, die Muslime, uns von weltweiten und westlichen
Verschwörungstheorien uns gegenüber verabschieden. Wir müssen uns vom Komplex
der Kreuzzüge und des schweren Erbes des Kolonialismus befreien. Wir müssen
aufhören, den ‚Anderen’ als einen Teufel zu sehen, der kolonialistische,
imperialistische oder globale Verschwörungen oder kulturelle Eroberungen uns
gegenüber im Sinne hat. Wir müssen aufhören zu denken, dass die Welt nichts
anderes zu tun hat, als sich gegen uns zu verschwören und uns, weil wir Muslime
sind, zu hassen. [...]
Man kommt nicht daran vorbei, die Mängel in unserem sozialen Gefüge aufzudecken
– in der Politik, in der Kultur, in den Medien, im Erziehungswesen und im
religiösen Curriculum der letzten 50 Jahre. [...]
Der nationalistische Diskurs: Diesem Diskurs zufolge sabotierte der Westen die
Renaissance der Araber und verhinderte ihren Fortschritt; [der Westen] habe ihre
Einheit durch die Besetzung arabischer Länder und die Grenzziehungen verhindert,
[...] ebenso wie ihren Versuch, Demokratien zu errichten und ihre natürlichen
Ressourcen zu nutzen. [...]
Wie auch immer, eine faire und objektive Betrachtung zeigt, dass, auch wenn der
kolonialistische Westen einen Teil der Verantwortung trägt, der Hauptteil der
Verantwortung vor der Tür der Araber selbst liegt. [...]
Die regionalen Staaten waren schon vor dem Kolonialismus eine alte historische
Tatsache. Als die Grenzen festgelegt wurden, wurde mehr auf den Ausgleich
zwischen den Stämmen als auf die westlichen Interessen geachtet. Demokratie war
noch nie mehr als ein falscher Slogan in der Welt der Araber und hatte noch nie
praktische Folgen – weder innerhalb eines Regimes noch in der Opposition [...]
Darüber hinaus waren wir es, die unsere eigenen Ressourcen durch dumme
Politikführung und Kriege unter uns und gegen andere verschwendeten. [...]
Der religiöse Diskurs: Ein beachtlicher Teil des [islamischen] religiösen
Diskurses ist von Begriffen wie ‚geistigem Angriff’, ‚Weltverschwörung’,
‚Kampfhandlungen von Kreuzrittern’ und ‚andauernden Feindschaften gegenüber dem
Islam und den Muslimen’ geprägt. Wie der nationale Diskurs stachelt auch der
religiöse Diskurs auf und mobilisiert. Er richtet sich immer gegen das fremde
und das lokale ‚Andere’. [...] Viele religiöse Rechtsgutachten werden erstellt,
um Intellektuelle, Schriftsteller und Künstler der Häresie oder der
Sündhaftigkeit anzuklagen. [...]
Die westlichen Kirchen sind über den Komplex der Kreuzzüge hinweg. Im Gegensatz
dazu, leben unsere Geistlichen ihre Bitterkeit über diese Kriege immer noch aus
und fordern eine vernichtende Niederlage des Westens. [...]
Der religiöse Diskurs muss korrigiert und erneuert werden, [...] so dass er
fähig wird, seine wahre Rolle von Wissen und Aufklärung zu verbreiten und mit
den nationalen Grundproblemen so umzugehen, dass die einzelnen in der
Gesellschaft näher zusammenkommen und kein Hass gegenüber anderen gesät wird.
[...] Die Moscheen sind von Allah und sie dürfen nicht zu einer Arena für
politische und sektiererische Auseinandersetzungen werden. [...]
Der Mediendiskurs: Unsere Medien bedienen nur uns selbst. Sie mobilisieren und
hetzen die Menschen auf und lenken sie von ihren wirklichen Problemen ab. Was
sie mehr als alles andere interessiert, sind negative Kommentare [über die
Araber] durch das westliche ‚Andere’. [...] Seit unsere Medien ausgiebig
Huntingtons Theorie über den ‚Kampf der Kulturen’ verbreiteten, wurde diese
Theorie äußerst populär und alle unsere Intellektuellen reagierten darauf. [...]
Unsere Medien haben die humane Alternative dazu vergessen – den ‚Dialog der
Kulturen’ –, den auch westliche Intellektuelle fordern. Und als Berlusconi den
Fehler machte, von der Überlegenheit der westlichen Kultur zu sprechen, wurde
dieser Ausrutscher bei uns aufgebauscht, während seine Erklärung und
Entschuldigung und sein Besuch eines islamischen Zentrums unter den Tisch
fielen. [...]
Der Diskurs über Erziehung: Unser Diskurs über die Erziehung basiert auf der
Verteidigung gegenüber dem ‚Anderen’ und auf einer historischen
Selbstüberschätzung. Die Gedanken eines Kindes sind voll vom Ruhm und Triumph
seiner Nation, während [im Geschichtsunterricht] andere Länder kaum eine Rolle
spielen. Ein wichtiger Teil unseres Erziehungsdiskurses ist von anderen modernen
Gesellschaften völlig abgeschnitten und basiert auf einer eindimensionalen
Sichtweise, die eine eingeschränkte Mentalität und ein leichtes Abrutschen in
den Fanatismus hervorbringt. Sie befördert falsche Vorstellung gegenüber Frauen
und religiösen oder ethnischen Minderheiten; wobei Methoden des Auswendiglernens
und der Wiederholung dominieren. [...]
Lasst uns daran arbeiten, geistige Energien zu mobilisieren und sie auf das Gute
der gesamten Menschheit zu lenken.
aus
http://www.nahost-politik.de/islam/dialog.htm
Sonderthema: Dossier:
"Islam-Frieden-Terror"