aus : www.islam.de

Der Zentralrat im Kampf gegen Antisemitismus und Islamfeindlichkeit


Dienstag, 27.04.2004

ZMD bei der OSZE-Antisemitismuskonferenz im Auswärtigen Amt in Berlin - Beteiligung an der NGO-Tagung im Centrum Judaicum im Rahmen der OSZE-Konferenz

Die Bekämpfung rassistischer und totalitärer Ideologien, wie z.B. des Antisemitismus, muss ein Anliegen eines jeden Muslims sein. Die islamische Lehre ist eine deutliche Kampfansage gegen jede Art von Rassismus und Menschenverachtung. Der ZMD hat diese Haltung in Interviews und Stellungnahmen immer wieder bekräftigt. Der Zentralrat wird in dieser Woche auch an der OSZE-Antisemitismuskonferenz im Auswärtigen Amt teilnehmen. Er beteiligte sich ebenfalls an den Vorbereitungen für die NGO-Tagung im Centrum Judaicum im Rahmen der OSZE-Konferenz und wird auch dort vertreten sein.

Im Hinblick auf die Eskalation im Nahen Osten und das militärische Vorgehen gegen das palästinensische Volk seitens der israelischen Regierung, sind einige Muslime nicht gerade zugänglich für solche Aufforderungen, zumal das antijüdische Gedankengut in arabisch-islamischen Kreisen latent präsent ist.
Die Zunahme der Islamfeindlichkeit europaweit und die antiislamischen Anfeindungen, die immer offener ausgetragen werden, erschweren das "Geschäft der Differenzierung" zusätzlich. Dennoch sollte den Muslimen solche kritische Selbstrefflektion zugetraut werden.

Das Problem ist aber auch, dass es in der Neuzeit einen Export des westlichen Antisemitismus in die arabische Welt gegeben hat. Die Auseinandersetzung darüber steht noch aus. Heute wird diese nur über den Nahost-Konflikt ausgetragen.

Aufklärung wird benötigt, welche die Stellung des Islams zu anderen Religionen erläutert und die Geschichte des europäischen Antisemitismus sowie dessen Rezeption in einigen muslimischen Ländern erklärt. Zum anderen soll die Entwicklung von pädagogisch-didaktischen Konzepten und Strategien zur Verbreitung dieser Informationen vorangetrieben werden, wobei insbesondere Jugendliche angesprochen werden müssen. Dies wird nicht kostenlos funktionieren und kann nicht alleine den muslimischen Organisationen aufgetragen werden.



Irmgard Pinn : Muslime zur Antisemitismuskonferenz der OSZE


In letzter Zeit sehen sich Muslime und Musliminnen verstärkt mit dem Vorwurf konfrontiert, Hauptträgergruppe eines "neuen Antisemitismus" zu sein, in dem sich Elemente der über Jahrhunderte tradierten europäischen Verleumdung von Juden mit einer extremistischen Auslegung bestimmter Koran-Verse sowie daraus abgeleiteter Aussagen über Wesen und Charaktermerkmale von Juden bis hin zur Rechtfertigung von Gewalt gegenüber Juden und gegen den Staat Israel verbinden.

Einige dieser Vorwürfe sind zweifellos berechtigt, z.B. mit Blick auf die Verbreitung antisemitischer Hetzschriften wie der "Protokolle der Weisen von Zion" in muslimischen Ländern, deren Rezeption in Politik und Medien sowie deren Re-Import nach Europa. Andere, insbesondere wenn Israel-Kritik mit Antisemitismus gleichgesetzt wird, bedürften dringend einer Differenzierung und Diskussion. Und schließlich wäre erst einmal zu klären, ob und wie dieser "islamisch" motivierte Antisemitismus überhaupt in dem behaupteten Ausmaß existiert, worauf er basiert und wie er sich artikuliert. So handelt es sch bei den für die Bundesrepublik immer wieder zitierten Gewalttätigkeiten um Vorfälle, die größtenteils schon Jahre zurück liegen. Jeder einzelne ist ein Skandal und sollte für sich Anlaß genug sein, dagegen energisch einzuschreiten, doch scheint es uns verfehlt, daraus ohne weiteres "den muslimischen Jugendlichen" (die im übrigen fast alle das hiesige Bildungssystem durchlaufen haben) eine aggressiv-antisemitische Grundeinstellung zuzuschreiben.

Gewiß gibt es unter Muslimen, wie überall, überzeugte Antisemiten. Und das, obwohl Antisemtismus zur islamischen Lehre in einem eklatanten Widerspruch steht. =DCberwiegend basieren antisemtitische Denkmuster nach unserer Erfahrung jedoch zunächst einmal größtenteils auf Unkenntnis des herkömmlichen europäischen Antisemitismus sowie einem Unvermögen, dessen Stereotype und Argumentationsmuster im Kontext der aktuellen Situation im Nahen Osten überhaupt als antisemitisch wahrzunehmen und kritisch zu reflektieren. Hier wäre nach unserer Auffassung in einem breit angelegten gesellschaftlichen Diskussionsprozeß anzusetzen.

Bei den Wortführern der an die Muslime gerichteten Vorwürfe vermögen wir dafür allerdings bisher nicht einmal ansatzweise ein Engagement zu erkennen. Vielmehr geht es den meisten offenbar vor allem darum, Muslime als die "neuen Antisemiten" vorzuführen. Dabei gibt es innerhalb der muslimischen Community - auch bei den im Zentrum der Kritik stehenden islamischen Vereinen und Verbänden - durchaus eine zunehmende, nicht zulettzt islamisch motivierte Bereitschaft, sich auf das Thema "Antisemitismus" einzulassen. Allerdings fehlt es dafür - beispielsweise für die Vermittlung von Informationen und für Aufklärungsarbeit - in jeder Hinsicht an den erforderlichen Ressourcen. (Die in diesem Zusammenhang an Muslime gestellten Erwartungen stehen in einem krassen Mißverhältnis zu deren Möglichkeiten, was die Kritiker aber offensichtlich nicht interessiert.)

Allein mit Vorwürfen und Appellen wird sich an dieser Situation auf absehbare Zeit nichts ändern. Wir fordern daher alle auf, denen ernsthaft an einem Engagement gegen Antisemitismus und Rassismus in jeglicher Form gelegen ist, sich zusammentun und zu überlegen, wie zum einen die notwendige Informations- und Aufklärungsarbeit in die Wege geleitet und wie zum anderen ein Diskussionsprozeß gestaltet werden kann und soll, in den Muslime als ebenbürtige Partner einbezogen sind und wo die Diskriminierung von Muslimen in der hiesigen Gesellschaft ebenso ein Thema ist wie die Rechte der Palästinenser auf eine menschenwürdige Existenz und einen eigenen Staat, der mehr ist als ein zersplittertes israelisches Protektorat ("Bantustan"). Allein mit "runden Tischen", wo man über dieses und jenes redet, wird das allerdings kaum zu leisten sein. Vielmehr bedarf es wissenschaftlich fundierten Aufklärungsmaterials, pädagogischer Konzepte und nicht zuletzt der erforderlichen finanziellen Mittel, um Informationen und Aufklärung dann auch in der muslimischen Community verbreiten zu können. Das forum unabhängiger muslime hat dazu bereits Ideen und auch konkrete Vorüberlegungen entwickelt und hofft, für deren Realisierung recht bald Unterstützung und Kooperationspartner zu finden.


Irmgard Pinn
Vorsitzende des fum - forum unabhängiger muslime e.V. und Deligierte des Zentralrats der Muslime bei der OSZE-Antisemitismuskonferenz

Zurück

 

1