Es gibt vielleicht nichts Konkreteres als etwas mit seinen Händen anzufassen. Aber um dabei wirklich konkret zu sein, muss man es mit seinem Hara tun.
Im Halten eines Dinges mit der Hand koexistieren zwei ganz verschiedene Aspekte: einer ist natürlich die Absicht, es zu besitzen oder zu beherrschen, welche im englischen Ausdruck "to get hold of" klar zum Ausdruck kommt der andere Aspekt ist die Reaktion auf die Gefahr des Entgleitens des gehaltenen Gegenstandes. In diesem letzten Fall wird umso offenbarer, dass der Gegenstand in der haltenden Hand fremd ist, je fester die Hand um ihn geschlossen wird. So ist die Hand dazu bestimmt, Kontakt mit dem "Anderen" als ein Objekt aufzunehmen, etwas das ihm grundsätzlich fremd ist.
Die Betrachtung als ein Objekt ist so unausweichlich. Niemals kommt es zu einer Identifizierung. Identifizierung geschieht nur auf emotionalen Ebenen. Jedoch ist sie nur in der Sphäre der Dichtung, Musik oder der sentimentalen Erinnerung gültig, in der Welt der Tat ist sie Tabu.
Das was ich gerade über den Körper gesagt habe, kann noch klarer auf das Sehen und den Verstand übertragen werden.
Die Augen erfassen das Ding, das sie sehen, nicht nur als ein Objekt, sondern immer auch aus einer bestimmten Distanz. Ihre Arbeit besteht in der Verleugnung der anfänglichen verwirrten Identifizierung und ihrer Schritt für Schritt immer klareren Differenzierung.
Wir können dasselbe auch über den Verstand sagen. Die Person, die denkt, weiß sicher, dass sie gerade über etwas nachdenkt. Aber der Gedanke nimmt zum ersten Mal klare Form an, wenn er auf ein Objekt bezogen wird. Solange dieser Prozess noch unklar und unreif ist, anders gesagt solange seine Idee noch nicht genügend "klar" und "bestimmt" ist, wird sein Denkziel nicht erreicht und er sollte nicht aufhören, nach genaueren Konzepten zu suchen.
Auf der anderen Seite erscheint das denkende Subjekt nie, es zeigt nie sein eigenes Gesicht nicht einmal ihm selbst, denn sobald es erscheint wird es sofort zum Objekt, es hat aufgehört das Subjekt des cogito zu sein, dessen Existenz wir trotz Descartes auf direkte, sofortige Weise nicht beweisen können.
Was wir klar und bestimmt kennen können, ist einzig das Objekt seines cogito, seine Produkte, die Spur seiner Bewegungen. Kurz gesagt, der Körper, das Sehen und der Verstand erfassen das "Andere" jeweils auf eigene Weise aber immer als ein Objekt. Sie alle handeln ohne Ausnahme als ein Subjekt an einem ihm fremden Objekt.
Hara kann nicht anders arbeiten. Im großen Unterschied dazu nimmt Hara Kontakt mit dem "Anderen" durch sofortige Identifikation. Nur durch die Identifikation kann es das "Andere" erfassen, seine Existenz wahrnehmen.
Solang eine Identifikation ausbleibt, existiert das "Andere" nicht. Jedoch, obwohl es paradox erscheinen mag, das durch Hara identifizierte "Andere" wird gleichzeitig klar wahrgenommen und als solches erkannt. Die Klarheit des Hara in diesem Ablauf ist ganz verschieden von der Nebulösität einer emotionalen Identifizierung. Und der reale Zusammenschluss oder die Vereinigung kann nur durch diese besondere Fähigkeit des Hara erreicht werden.
Eine der konkretesten Handlungen wie ein Ding mit unseren Händen halten wird in Wirklichkeit durch diese abstrakte Entität unterstützt, die Hara genannt wird. Hara, dessen Sitz im Abdomen vermutet wird, ist nichtsdestotrotz weder ein Organ noch ein Teil des Körpers; seine Existenz ist aus anatomischer Sicht unwirklich.
Aber in unserer Handlungsweise, in unserer Empfindung von Existenz und Leben ist es nicht nur real sondern auch essentiell und vital. Durch Hara, den Kern unserer Existenz, sind wir wirklich imstande zu sein, zu sitzen, zu stehen, uns selbst in unsere Umgebung einzupassen, wir können uns selbst in unser eigenes Universum integrieren ohne dabei disintegriert zu werden. Wie ich gerade gesagt habe, können wir durch Hara auch ansonsten unmöglichen realen Kontakt mit dem "Anderen" aufnehmen. Stattdessen integriert Hara durch Absorption des "Anderen" oder Penetration in das "Andere" hinein.
Da Hara - obwohl tief im Körper verwurzelt - nicht Teil des Körpers ist, ergreift es das "Andere" nicht durch Kontraktion von Muskeln und durch Knochen wie unsere Hände. So kann Hara das "Andere" durch die es ergreifenden Hände erfassen, wodurch die Situation komplett umgekehrt wird.
Aber anders als das Sehen und der Verstand fixiert Hara das "Andere" nicht, es versteht es nicht als etwas Statisches. Im Gegenteil, Hara fängt das "Andere" in seinem freien Fluss, in seiner konstanten Bewegung und Oszillation, weil Hara selbst im Wesentlichen dynamisch und vital ist.
Im Unterschied zu den Händen und dem Sehen, aber ähnlich wie der Verstand kann Hara die Entfernung vernachlässigen und in direkter Sofortheit Kontakt zu dem "Anderen" aufnehmen. Das in der Tiefe des Abdomens verborgene Hara wird auch Kikaitanden genannt, das riesige, im Bauch angesammelte Meer von Ki, dessen Schlagen, Atmung und Kommunikation mit seiner Umgebung und anderen lebenden und nicht lebenden Dingen unser Leben in seinen vielfältigen Manifestationen ausmachen.
Meiner Meinung nach besteht einer der attraktivsten, interessantesten Aspekte von Aikido in der Tatsache, dass wir persönlich mit dieser auf den ersten Blick vollkommen irrationalen und phantastischen Idee verschiedenartig, aber konkret, streng und detailliert experimentieren, sie realisieren und sie vervollkommnen können, indem wir unseren eigenen Körper und den anderer im realen, lebenden und nicht nur geometrischen Raum benutzen, unendlich wiederholen, unaufhörlich korrigieren wenn notwendig, jedes Mal auf subtilere und tiefere Weise.
Madrid, April 2006
von Yasunari Kitaura
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