Mit allen Wassern gewaschen
oder
Sailors have more fun
Nach meiner Bewerbung als Zeitsoldat (Z2), Musterung beim Kreiswehrersatzamt Wetzlar, der Eignungs- und Verwendungsprüfung in der Wilhelm-Ebkeriege-Kaserne in Wilhelmshaven erfolgte meine Einstellung bei der Marine.
Am 01.01.1996 trat ich als
Matrose meinen Wehrdienst in der Fachrichtung
Operationsdienst in der Marineortungsschule (jetzt Marineoperationsschule) in Bremerhaven an.
Es folgte die übliche Grundausbildung, die sich jedoch gegenüber den "Spatenpaulis" dadurch unterscheidet, daß mehr Wert auf die spätere Verwendung gelegt wird. D. h. Schulbank drücke und Fächer wie Radarkunde, taktische Navigation, Lagebilderstellung auf Plots, Fernmeldeverkehr usw.
Ab dem 01.04.1996 durfte ich als frischgebackener
Gefreiter einen 3 monatigen militärfachlichen Lehrgang besuchen. Weitere Büffelei für die spätere Verwendung an Bord.
Am 01.07.1996 war es dann soweit. Abkommandierung nach Wilhelmshaven auf die Fregatte F 213 "Augsburg".
Und pünktlich zur Versetzung hatte ich schon den 2. Pommesstreifen auf der Schulter und war nun
Obergefreiter.
Schon während meiner ersten Fahrt nach Schottland im Herbst 1996 durch die stürmische Nordsee sollten mir Seebeine wachsen.
Bei einem Wellengang bis zu 13 Metern und einem 12 stündigem Arbeitstag, der durch 2 mal 6 Std. Freiwache unterbrochen wurde, kam keine Langeweile auf.
Nach 2 Wochen liefen wir dann zum ersten Mal einen Hafen für das Wochenende an.
Es folgten weitere Einsatzübungen vor Schottland, ehe es dann, nach einem weiteren Wochenende mit Landgang durch die stürmische See wieder nach Hause ging.
Am 01.10.1996 stürmte ich die Karriereleiter ein weiteres Mal nach oben und avancierte zum
Hauptgefreiten. Allgemein auch unter dem Spitznamen Private Paula bekannt.
Es folgten weitere Manöver in der Ostsee, eine Seebestattung des Admirals a. D. Luther, das Manöver Iles d´Or vor der Küste Frankreichs an dem 3 Flugzeugträger verschiedener Nationen teilnahmen (die Garribaldi aus Italien, die Foche aus Frankreich und die John F. Kennedy aus den USA).
Während meiner letzten 3 Monate sollte die "Augsburg", zusammen mit Schiffen aller anderen NATO-Staaten im Ständigen Einsatzverband Mittelmeer eingebunden werden. Für einen Monat wurde die "Augsburg" für die Embargoüberwachung des ehemaligen Jugoslawiens abgestellt werden.
Doch noch während des ersten Manövers kam die Durchsage des Kommandanten:"Besatzung, hier spricht der Kommandant. Die Fregatte "Augsburg" wurde soeben von ihren Aufgaben im Einsatzverband entbunden und verläßt das Mittelmeer. Die Fregatte "Niedersachsen" wird den Platz der "Augsburg" einnehmen. Ende der Durchsage."
Alle schauten sich fragend an. Was war passiert ? Schiff beschädigt ? Kann nicht sein, dann würden wir den nächsten Hafen anlaufen. Krieg ? Kann auch nicht sein. Dann würde die "Niedersachsen" nicht als Ersatzschiff kommen. Wie in einem Film wußte, bis auf wenige Ausnahmen, niemand was Sache war. Noch mysteriöser wurde die ganze Geschichte, als nach Durchfahrt der Straße von Gibraltar Kurs Richtung Süden genommen wurde und die Geschwindigkeit auf 27 Knoten erhöht wurde.
Fregatten diesen Bautyps haben eine max. geschwindigkeit von 30-32 Knoten (1 Knoten = 1,852 km/h).
Dann die erlösende aber dennoch beunruhigende und kaum zu fassende Durchsage:"Besatzung hier spricht der Kommandant. Wie sie sicherlich festgestellt haben, laufen wir nach verlassen der Straße von Gibraltar Südkurs mit 27 Knoten. Am 22.09. stießen vor der Küste Namibias eine deutsche Tupolev und ein amerikanische Starlifter in der Luft zusammen. Die Fregatte "Augsburg" hat den Befehl, Wrackteile in einem bestimmten Gebiet zu suchen und zu bergen und damit auch gleichzeitig Deutschland zu repräsentieren. Ende der Durchsage".
Was nun folgte war eine 2 wöchige Fahrt mit durchgehend 27 Knoten mit Bunkerstop in Dakar und Ascension Island.
Für die Besatzung bedeutete dies, 1 Monat Seefahrt ohne die Möglichkeit auch nur einen Fuß an Land zu setzen, da direkt nach Ankunft in Walvis Bay in Namibia wieder Proviant und Treibstoff gebunkert wurde und des sofort ins Suchgebiet ging.
Zusammen mit Seefernaufklärern des Typs Breguet Atlantic des Marinefliegergeschwaders und amerikanischen Flugzeugen suchten wir tagsüber nach Wrackteilen.
Auch nach 2 wöchigem Transit konnten wir noch sehr viele Wrackteile finden und so zur Klärung der Unfallursache beitragen.
Im Gegensatz zu den Amis hat es die deutsche Regierung den Angehörigen ermöglicht, an der Absturzstelle auf See von den Verstorbenen Abschied zu nehmen.
Die Angehörigen wurde hierzu aus Deutschland eingeflogen undauf der "Augsburg" für ein Wochenende eingeschifft.
Nach Ausschiffung der Trauergäste erfolgte noch ein Besuch in Südafrika, wo die Besatzung in Simons town und Kapstadt ausspannen konnte.
Der zuerst begeisterte Besitzer des Hardrock Cafes in Kapstadt dürfte wohl froh gewesen sein, als er uns wieder los war.
Auf der Rückfahrt erwartete uns das, meiner Meinung nach, höchste Ereignis eines jeden Seefahrers, die
Äquatortaufe.
Nach mehr oder weniger qualvollen Leiden war auch diese Zeit vorbei und für mich war gleichzeitig mit Einlaufen in Wilhelmshaven nach ca. 50000 gefahrenen Seemeilen meine aktive Zeit bei der Marine vorbei.
Für mich war die Zeit bei der Marine, eine Zeit, in der ich einige Entbehrungen in Kauf nehmen mußte (unter anderem die Trennung mit der Freundin), in der ich aber auch sehr viel gelernt und gesehen habe.
Wünsche sind in Erfüllung gegangen, die wohl so nie in Erfüllung gegangen wären.
Und schließlich das Wissen, daß ich meine Zeit nicht sinnlos abgesessen habe, sondern das ich das Gefühl hatte, gebraucht zu werden.
Daher trage ich auch heute noch mit Stolz als Reservist das "blaue Tuch".
Nach Lehrgang in der Marineunteroffiziersschule 1997 wurde ich zum
Maat der Reserve und nach abgeleisteter Wehrübung in der Grundausbildung 1998 und auf der "Augsburg" im Sommer 2003 zum
Obermaat der Reserve befördert.