FREIE UNIVERSITÄT BERLIN 1948-1973 - Hochschule im Umbruch
Teil VI: Die ungeliebte Reform (1969-1973)
Ausgewählt und dokumentiert von
Peter Jahn, Annemarie Kleinert und Jochen Staadt
Herausgegeben von
Manfred Görtemaker und Klaus Schroeder
Vorwort
Diese Phase der Geschichte der Freien Universität war eine Periode der Krisen und Konflikte. Die rasche quantitative Expansion, die die FU - erst jetzt - zu einer Massenuniversität werden ließ und die Auseinandersetzungen um die Durchführung und Ausgestaltung der Berliner Hochschulreform von 1969 erzeugten Spannungen, die sich sowohl innerhalb der Universität als auch im Verhältnis zwischen Universität und Gesellschaft entluden und noch heute eine distanzierte, gelassene Betrachtung der damaligen Entwicklung erschweren.
Dabei war die Freie Universität ursprünglich, 1948, einmal als Reformuniversität gegründet worden: als Alternative und Kontrapunkt zu einer politisch gelenkten und kontrollierten Universität, wie sie im Nationalsozialismus bestanden hatte und gerade wieder im anderen Teil der Stadt, an der Ostberliner Humboldt-Universität, unter dem Einfluß von sowjetischer Militäradministration und SED etabliert wurde. Die Freie Universität sollte demgegenüber frei sein und durch die gesetzliche Verankerung von Mitbestimmungs- und Mitwirkungsrechten, die weit über das in jener Zeit übliche Maß hinausgingen, allen Gruppen der Universität einen Anspruch auf kooperative Arbeits- und Entscheidungsstrukturen verschaffen. Die gewährte Finanzhoheit und das Recht auf eigenständige Personalentscheidungen hatten dieses universitäre Reformmodell schließlich vervollständigt.
Allerdings hatte der hochschulpolitische Alltag den Buchstaben des Gesetzes nicht lange entsprochen. Die Mitwirkungsrechte der Studenten waren bald wieder eingeschränkt worden - recht schnell bei den Rechtswissenschaften, dann auch in anderen Fakultäten -, und die Freie Universität hatte sich zu einer für die deutsche Hochschullandschaft typischen Ordinarien-universität entwickelt, die der Druck der Studentenbewegung und der Zwang zur Anpassung der Massenuniversität an die Bedürfnisse des ökonomisch-technischen Wandels zu einem Hochschulgesetz und damit zu einem zweiten Versuch führte, Modernisierung und Demokratisierung zu verbinden. Das Gesetz von 1969 brachte eine radikale Veränderung der inneren Struktur der Hochschulen. An die Stelle der Fakultäten traten Fachbereiche, die Lehrstühle der Ordinarien wurden in Arbeitsgebiete überführt, Studenten, Assistenten und anderen Dienstkräften wurden Mitbestimmungs- und Mitwirkungsrechte garantiert, und die Universitätsverwaltung wurde zu einem Instrument modernen Wissenschaftsmanagements ausgebaut.
Doch auch diese Erneuerung mißlang. Was blieb, war eine "ungeliebte" Reform, die innerhalb und außerhalb der Universität keine mehrheitsfähigen Träger fand. Von der Mehrzahl der politisch aktiven, zumeist linksradikalen Studenten, wurde das Gesetz nicht ernst genommen; sie gingen mit den Mitwirkungsmöglichkeiten allenfalls taktisch um, setzten auf eine revolutionäre Veränderung der Gesellschaft und betrachteten die Universität hauptsächlich als Ausbildungsstätte für revolutionäre Kader. Versuche, in einigen Fächern "marxistische Studiengänge" oder ein "sozialistisches Studium" zu organisieren, stehen für diese Intention, die am Beginn der 70er Jahre zu ständigen Konflikten zwischen den beteiligten Studenten, der Universitätsleitung und der Senatsverwaltung führte. Gegner der radikalen Studenten fühlten sich dadurch sogar an die düsteren Erfahrungen an der Humboldt-Universität erinnert.
Das Gesetz von 1969 wurde aber nicht nur von radikalen Studenten, sondern auch von einer Mehrheit der Hochschullehrer abgelehnt. Zu jenen Professoren, die die Reform von Anfang an bekämpft hatten, weil sie ihre bisherigen Rechte einschränkte und ein Mehr an Bürokratie bedeutete, stießen sehr rasch andere, die den hochschulpolitischen Wandel zunächst unterstützt hatten und nun, von der Radikalität vieler Studenten abgeschreckt und zum Teil von traumatischen Erlebnissen mit ihnen geprägt, grundsätzlich gegen eine Demokratisierung der Universität Stellung bezogen. Die Überleitung einer großen Zahl habilitierter und nichthabilitierter wissenschaftlicher Angestellter und akademischer Räte in den Professorenstatus, die nicht zuletzt zu dem Zweck erfolgt war, die politische Konstellation der Professorenschaft zu unterminieren, hat an diesen Mehrheitsverhältnissen nichts wesentliches geändert, sondern nur das politische und wissenschaftliche Mittelmaß gefördert.
Polarisierend und konfliktverschärfend wirkte unter den konservativen Professoren insbesondere die "Notgemeinschaft für eine freie Universität", die in der Öffentlichkeit das Bild einer kommunistisch unterwanderten "roten Kaderschmiede" zeichnete. Angetreten in der Absicht, die Universität zu entideologisieren, erreichte sie mit ihren Aktionen und Publikationen letztlich das Gegenteil.
Als Träger der Reform blieben somit nur die wissenschaftlichen Assistenten sowie vor allem die Universitätsverwaltung. Die Vorstellungen der Assistenten waren im Reformgesetz großen Teils berücksichtigt worden, wobei insbesondere die Wahl des Assistenten Rolf Kreibich zum FU-Präsidenten ein Signal zu ihren Gunsten zu setzen schien. Doch das Spannungsverhältnis zwischen linksradikalen Studenten, konservativen Professoren und einer zunehmend zum restriktiven Staatseingriff entschlossenen Senatsbürokratie zwang sie bald immer häufiger dazu, sich in der Polarisierung der Auseinandersetzungen für eine Seite zu entscheiden, so daß bald nur noch die Universitätsverwaltung uneingeschränkt hinter dem Reformgesetz stand. Sie war nach der Wahl Kreibichs neu strukturiert und zügig ausgebaut worden und fühlte sich dadurch imstande, den Veränderungsprozeß zu lenken. Tatsächlich war auch sie jedoch nicht in der Lage, Impulse für die inhaltliche Ausgestaltung der Reform oder gar für die wissenschaftliche Orientierung der Universität zu geben.
So verkümmerte die Reform in der Zangenbewegung von linksradikalen Studenten und konservativen Professoren zur bürokratischen Ausgestaltung der Massenuniversität. Staatseingriffe und Vorbereitungen für eine Novellierung des Hochschulgesetzes sorgten schon bald dafür, daß der 1969 eingeleitete Reformprozeß schrittweise rückgängig gemacht wurde. Zugleich dienten in der öffentlichen Darstellung Exzesse einzelner radikaler Gruppen häufig zur Diffamierung des Reformprozesses insgesamt und die in vielen Bereichen vorhandene Normalität des wissenschaftlichen Lehr- und Lernbetriebes entging zumeist der Wahrnehmung. In Wirklichkeit blieben Berufungen marxistischer Professoren und radikaler Assistenten eher die Ausnahme, und unter den Studenten war ebenfalls nur eine Minderheit als linksradikal einzuschätzen, auch wenn diese über Jahre hinweg die Mehrheit der politisch Aktiven stellte. Aus heutiger Sicht ist daher zu fragen, ob die staatlichen und professoralen Reaktionen auf die Studentenrevolte in manchen Fällen nicht übertrieben waren und ob mehr Toleranz und Souveränität in den Auseinandersetzungen - bei allen Beteiligten! - die Polarisierung nicht hätte begrenzen können.
Das Scheitern der Reform von 1969 hat jedenfalls dazu geführt, daß die damals angestrebte Modernisierung und Demokratisierung mißlang. Mehrere Novellierungen des Hochschulgesetzes - nicht zuletzt unter dem Einfluß des Bundesverfassungsgerichtsurteils zur Mitbestimmung an den Hochschulen - ließen kaum noch Elemente des Reformwerkes übrig. In dem schließlich verabschiedeten Hochschulgesetz von 1976 erhielten die Professoren ihr früheres, nahezu alleiniges Entscheidungsrecht zurück, allerdings unter Preisgabe universitärer Autonomie. Die Assistenten wurden den Hochschullehrern wieder persönlich zugeordnet. Die Mitwirkungsmöglichkeiten der Studenten konzentrierten sich wieder auf ihre Selbstverwaltungsorgane. Und der Staatseinfluß wurde größer denn je - bishin zur Entstehung einer staatlich verwalteten Ordinarienuniversität.
Geblieben ist nach allem die Erkenntnis, daß eine bloße Demokratisierung von Entscheidungsgremien noch keine Verbesserung universitärer Lehre und Forschung bedeutet, und daß eine Modernisierung, die nur auf die gesellschaftlich-ökonomische Ausrichtung der Universität abzielt und den selbstreflexiven Gehalt der Wissenschaft vernachlässigt, noch keinen "Fortschritt" garantiert. Ebenso wenig erscheint eine dauerhafte Begrenzung demokratischer Mitwirkung auf die Professorenschaft oder gar die Gängelung der Universität durch staatliche Instanzen geeignet, die Qualität der Hochschulen zu steigern. Um selbst Impulse geben zu können, benötigt die Universität eine motivationsstiftende Identifikation bei ihren Mitgliedern, die nur dann zu erwarten ist, wenn ein größtmögliches Maß an wissenschaftlichem Freiraum besteht, Lehre und Forschung weiterentwickelt werden und die Hochschulen nicht von Politik und Gesellschaft abgekoppelt sind, sondern Gelegenheit bieten, auch abweichende Meinungen und Grundsatzkritik offen zu äußern.
Künftige Veränderungen der Universität werden diese Vorstellungen berücksichtigen müssen und dabei nicht umhin kommen, aus den Fehlern zu lernen, die im Umgang mit der ungeliebten Reform gemacht worden sind.
Der vorliegende Band wurde im wesentlichen von drei wissenschaftlichen Mitarbeitern erstellt. Dr. Jochen Staadt bearbeitete dabei den Zeitraum vom 31. 10. 1969 bis zum 29. 12. 1970, Dr. Annemarie Kleinert behandelte die Phase vom 1. 1. 1971 bis zum 30. 12. 1971 und Dr. Peter Jahn untersuchte und dokumentierte die Periode vom 1. 1. 1972 bis zum 3. 7. 1973.
Unterschiede in Temperament, politischer Einstellung und Sprachgebrauch zwischen den drei Mitarbeitern wurden von den Herausgebern weitgehend toleriert und finden somit in den einzelnen Abschnitten der Dokumentation ihren Niederschlag. Dies gilt ebenfalls für das Kapitel zur Strukturentwicklung der Freien Universität 1969 - 1973, in dem der erste Teil "Gesellschaftliche und bildungspolitische Voraussetzungen der Hochschulreform" von Dr. Peter Jahn formuliert wurde, der zweite Teil über die "Institutionalisierung der Hochschulreform an der FU" von Dr. Jochen Staadt und der dritte Teil über "Forschungsschwerpunkte und wissenschaftliche Leistung an der FU" von Dr. Annemarie Kleinert.
Die Herausgeber verbinden diesen Hinweis mit ihrem besonderen Dank an die drei Mitarbeiter, ohne die diese Dokumentation nicht erschienen wäre.
Außerdem danken die Herausgeber zahlreichen Angehörigen der Freien Universität für ihre Hilfe und Unterstützung. Dies gilt insbesondere für Dr. Siegward Lönnendonker vom Archivbereich "APO und soziale Bewegung" des Zentralinstituts für sozialwissenschaftliche Forschung, der den Zugang zu bisher nicht veröffentlichten Dokumenten ermöglichte. Herr Eberhard Zahn hat in dankenswerter Weise Dokumente aus seinem Privatarchiv zur Verfügung gestellt. Der Leiter des Präsidialamtes, Dr. Kurt Zegenhagen, hat die Arbeit jederzeit tatkräftig unterstützt. Thomas Hofmann und Peter Kotowski haben zusätzlich Fachbereichsdokumente durchgesehen und damit die wissenschaftlichen Mitarbeiter entlastet. Unser Dank gilt schließlich auch Dr. Kuno Böse und Dr. Werner Süß, die die Herausgeber in der ersten Phase bei der Betreuung der Dokumentation unterstützten, sowie vor allem auch Frau Gertrud Deutz und Frau Cornelia Wassmann für die redaktionelle Bearbeitung und technische Gestaltung.
Berlin, im August 1989
Dr. Manfred Görtemaker
Dr. Klaus Schroeder
1.
Grundlinien der quantitativen Entwicklung
(Peter Jahn)
Hochschulpolitik der siebziger Jahre, gleichgültig, ob sie auf weitestgehende Erhaltung überlieferter Strukturen oder auf radikale Neubestimmung der Bildungsziele und der universitären Kräfteverteilung zielte, war mit einer elementaren Entwicklung konfrontiert, die hochschulpolitische Entscheidungen wesentlich geprägt hat: Die Zahl der Studierenden erhöhte sich mit einer Geschwindigkeit, die alle Prognosen und Zielbestimmungen, oft schon im Moment ihrer Veröffentlichung, zu Makulatur werden ließ. Strukturelle Veränderungen, durchgehende Konfliktlinien wie auch einzelne Ereignisse sind jeweils im Kontext dieser Entwicklung zu interpretieren, einer Entwicklung, die die Hochschulsituation bis in die zweite Hälfte der achtziger Jahre geprägt hat. Diese allgemeine Entwicklung der Hochschulen in der Bundesrepublik findet sich noch einmal zugespitzt an der Freien Universität Berlin. Nachdem die Zahl der Studierenden seit 1964 annähernd gleich geblieben war, stieg sie innerhalb von vier Jahren, zwischen dem Sommersemester 1969 und dem Sommersemester 1973 um 60 %, von 15.000 auf 24.000.
Rahmenbedingungen und Vorgeschichte einer derart sprunghaften quantitativen Entwicklung können hier nur knapp umrissen werden. Die allgemeine Ausgangssituation war durch eine noch immer anhaltende Wirtschaftskonjunktur mit hohen Wachstumsraten charakterisiert. Ausgangspunkt aller Planungen und Prognosen war die Erwartung kontinuierlichen ökonomischen Wachstums. Der Kriseneinbruch in der Mitte der 60er Jahre wurde daher nur als kurzfristige Folge einer Fehlsteuerung interpretiert, der mit der Anwendung der richtigen Konjunktursteuerung wieder unter staatliche Kontrolle zu bringen war.
Modernisierung und akademische Bildung
Ökonomisches Wachstum und Modernisierung stießen jedoch im Laufe der 60er Jahre in verschiedenen Bereichen auf soziale und politische Strukturen, die dieser Entwicklung nicht angemessen oder direkt hinderlich geworden waren. Insbesondere der Bildungsbereich - im Kaiserreich und der Weimarer Republik noch aufgrund seiner Qualität als Vorreiter der Modernisierung gelobt - wurde im Bewußtsein einer breiten Öffentlichkeit anschauliches Beispiel für Rückständigkeit innerhalb einer hochentwickelten Industriegesellschaft. Der Begriff des "Bildungsnotstands" war um die Mitte der 60er Jahre Gemeingut der Öffentlichkeit und wurde an der Zahl der Kindergartenplätze, an Klassenfrequenzen in der Grundschule, an gymnasialen Lehrplänen wie auch insbesondere an der Zahl und der sozialen Herkunft der Studierenden exemplifiziert.
Der häufige Verweis auf den geringen Anteil von Studierenden innerhalb eines Jahrgangs der BRD-Bevölkerung im Vergleich zu anderen Industriestaaten (BRD: 5,5%, Frankreich: 11%, Schweden: 14%) deutet auf den ökonomischen Aspekt der Kritik: Produktionsbereich wie auch Dienstleistungsbereich - und hier gerade auch der Bildungssektor - fanden in diesen
Jahren auf dem akademischen Arbeitsmarkt nur ein knappes Angebot an Arbeitskräften vor. Verstärkt hatte sich diese Tendenz seit 1961 dadurch, daß mit dem Abschneiden des Zustroms von Arbeitskräften aus der DDR sich auf akademischer Ebene kein Ersatz fand, der dem Zustrom von weniger qualifizierten Arbeitskräften aus den Mittelmeerländern entsprochen hätte. Da die Bedarfsprognosen von staatlicher wie von industrieller Seite einen weiterhin steigenden Bedarf an Hochschulabsolventen anzeigten, war die grundsätzliche Notwendigkeit der Ausweitung akademischer Ausbildungskapazitäten gegen Ende der 60er Jahre unumstritten. Umstritten waren Ausmaß, Strukturen und Lehrinhalte der zu reformierenden Hochschulen.
Der in vielen Untersuchungen herausgearbeitete Tatbestand, daß der Zugang zu den wenigen Studienplätzen sehr ungleich nach der Herkunft der Studierenden verteilt war, weist auf die soziale Seite der Kritik an der Hochschule. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stand dabei die extrem niedrige Zahl der Studierenden aus Arbeiterfamilien, Mitte der 60er Jahre waren es ca. 5,5%. Ein anderer wesentlicher Kritikpunkt war der gleichfalls geringe Anteil an Frauen mit Hochschulabschluß. Im Hinblick auf zusätzliche konfessionelle und regionale Bildungsbarrieren verkörperte sich der Idealtyp der angestrebten Bildungsförderung im Hochschulabschluß einer Arbeitertochter aus ländlich-katholischem Umfeld.
In der Forderung nach Demokratisierung der akademischen Bildung, der Öffnung der Hochschulen für unterprivilegierte soziale Gruppen, konnten liberale Reformer wie etwa Ralf Dahrendorf und sozialistische Gesellschaftskritiker, wie sie sich etwa in den Denkschriften des SDS zur Hochschulreform artikulierten, ein weites Stück zusammengehen - trotz gleichzeitig weit auseinanderklaffender politischer Zielsetzungen. Als 1969 eine Koalition aus SPD und FDP die zwanzigjährige Regierungsgewalt der CDU beendete, bezog sich das "Mehr Demokratie Wagen" in der Regierungserklärung des Bundeskanzlers Brandt zu einem wesentlichen Teil auf den Bildungsbereich und insbesondere auf den seit mehreren Jahren revoltierenden Hochschulbereich. Erreicht werden sollte damit natürlich auch die Beruhigung der Hochschulen als Ausgangspunkten der 68er Protestbewegung, denn nicht allein Halbherzigkeit in der Abkehr von der faschistischen Vergangenheit, Notstandsgesetze und Vietnamkrieg waren Triebkräfte für die außerparlamentarische Opposition gewesen; auch der täglich erfahrene Hochschulbetrieb mit seiner mangelhaften
personellen und materiellen Ausstattung, der traditionellen Ordinarienautokratie, der Vorlesungsrezensionen bereits als Majestätsbeleidigung erschienen, und der damit verbundenen Verkrustung zahlreicher Wissenschaftsfelder war der Protestbewegung anschaulicher Ausgangspunkt einer grundsätzlicheren Gesellschaftskritik.
Die Expansion der Hochschulen
Auch wenn die Prognosen für die 70er Jahre, wie sie etwa von Arbeitsämtern, Bildungsforschern oder dem Hochschul-Informations-System (HIS) erstellt wurden, übereinstimmend einen steigenden Bedarf an Hochschulabsolventen anzeigten und deren Chancen auf einen, ihren Qualifikationen entsprechenden Arbeitsplatz positiv einschätzten, wurden die darauf basierenden Ausbauprogramme durch ein lang aufgestautes gesellschaftliches Bedürfnis nach wissenschaftlicher Qualifikation weitgehend überrollt. Mehr als 90% der Abiturienten wollten in diesen Jahren ihre Schulausbildung mit einem Studium fortsetzen. Der allgemeine Studentendruck auf die Hochschulen wurde im Fall der Freien Universität noch durch ihre große Anziehungskraft für westdeutsche Studienanfänger verstärkt, die von den Lebensmöglichkeiten der Metropole angezogen wurden, insbesondere aber von dem Image, das die Freie Universität als Ausgangspunkt der Studentenrevolte erhalten hatte. Nur etwa die Hälfte der Studierenden stammte aus Berlin (im Sommersemester 1973 52,7%), gut 13% kamen aus Nordrhein-Westfalen, 9,5% aus Niedersachsen und 7,3% aus Baden-Württemberg.
So wurden an der FU die Studentenzahlen, die nach den Prognosen des Wissenschaftsrates als Richtschnur für die Ausbaupläne der Universität für 1976 zu erwarten waren, bereits 1972 erreicht. Für die damals in Aussicht genommene Gesamthochschule, deren Kern die FU bilden sollte, ergänzt durch die Fachhochschulen für Wirtschaft und für Sozialarbeit sowie Teile der PH, wurde eine Höchstzahl von 30.000 Studierenden gesetzt. Größere Studentenzahlen hätten nach Berechnung der Planer die Effizienz der Verwaltung gemindert und die Studiensituation in nicht vertretbarem Maße verschlechtert. Im Rückblick wäre angesichts einer inzwischen erreichten Studentenzahl von 60.000 an der FU zu überlegen, wieweit die damals angelegten Kriterien für die Zahlenbegrenzung von der Realität widerlegt wurden oder wieweit sich die Maßstäbe derart verschoben haben, daß das damals Unzumutbare inzwischen zumutbar erscheint.
Der Ansturm auf die Hochschulen war zweifellos durch einen starken sozialen Aufstiegswillen motiviert, der in den Bildungswerbungskampagnen der 60er Jahre verstärkt bzw. freigesetzt worden war und jetzt daran ging, die gebotenen Chancen zur Qualifikation zu nutzen. Die Daten über die soziale Herkunft der Studierenden geben dafür deutliche Hinweise. Hier zeigt sich eine merkliche soziale Öffnung, wenn man die Daten mit Untersuchungen der 50er und 60er Jahre vergleicht. Dabei wird allerdings auch deutlich, daß zwar eine Verschiebung, aber keine Umwälzung stattgefunden hat. So zeigt sich bei Arbeiterkindern, die in den Plädoyers der 60er Jahre für verbesserte Bildungschancen als wichtigste Zielgruppe genannt worden waren, zwar eine deutliche Steigerung ihres Anteils an den Studierenden - 1973 stammten ca. 10% der Studierenden aus Arbeiterfamilien gegenüber ca. 6% Mitte der 60er Jahre -, gemessen am Bevölkerungsanteil blieben Arbeiterkinder (und das waren in der großen Mehrzahl Kinder von Facharbeitern) an der Universität weiterhin deutlich unterrepräsentiert.
Stärker ist die Hinwendung zur akademischen Ausbildung in der Gruppe der Angestellten zu finden. Unter den Studierenden aus Angestelltenfamilien, die mit einem Drittel die größte Gruppe vor Selbständigen (27,2%) und Beamten (23,1%) bilden, findet sich eine starke Mehrheit, deren Väter nur einen Volks- oder Realschulabschluß vorweisen konnten, und nur eine Minderheit der Eltern aus dieser Gruppe von weniger als 20% hatte eine Hochschulausbildung abgeschlossen (s. Tab.). Das kontrastiert deutlich zu den Studierenden, deren Eltern als Selbständige einzustufen waren und mehr noch zu den Kindern von Beamten; hier findet sich der größte Anteil an akademischer Selbstrekrutierung, die Beamtenväter hatten in der Mehrzahl ihre Berufsausbildung mit einem Hochschulexamen abgeschlossen (insgesamt stammten 28% aller Studierenden der FU aus Akademikerfamilien).
Die starke Zunahme der Studentenzahlen in diesen Jahren wird sich jedoch nicht allein auf sozialen Aufstiegswillen, auf die Hoffnung auf Einkommens- und Prestigezuwachs reduzieren lassen. Denn ein differenzierender Blick auf die studentischen Zuwachszahlen in den einzelnen Fächern und Studienrichtungen zeigt ein sehr unterschiedliches Wachstum. Zu einem geringeren Teil sind niedrige Zuwachsraten dabei auf staatliche Zulassungsbeschränkungen in den Numerus-Clausus-Fächern zurückzuführen, hier wären ohne derartige Beschränkungen insbesondere in der Humanmedizin weitaus höhere Zuwachszahlen zu verzeichnen gewesen. Auffällig aber ist, daß Fächer mit einem eher konservativen Image wie Rechtswissenschaft und Geschichte einen deutlich unterdurchschnittlichen Zuwachs an Studierenden zwischen 1970 und 1973 aufwiesen (35% bzw. 36%), wogegen Studienrichtungen mit linkem Image, wie sie in den Fachbereichen Philosophie und Sozialwissenschaften sowie Erziehungswissenschaften zusammengefaßt waren, weit überdurchschnittlichen Zulauf erhielten (104% bzw. 268%). Schaut man noch genauer darauf, welche Fächer innerhalb dieser Fachbereiche den stärksten Zuwachs aufwiesen, nämlich Erwachsenenpädagogik im Fachbereich Erziehungswissenschaften und Soziologie sowie Publizistik im Fachbereich Philosophie und Sozialwissenschaften, so werden wesentliche Motivationsstränge zahlreicher Studienanfänger für diese Zeit deutlich: Umfassende Analyse der Strukturen gesellschaftlicher Herrschaft und deren grundlegende Veränderung über gezielte Aufklärung der Betroffenen bildeten für viele die Zielsetzungen, mit denen sie an die Freie Universität kamen. Soziologie stellte dabei nach einem verbreiteten Verständnis die neue Integrationswissenschaft dar, die an die Stelle der Philosophie getreten war und die kritische Analyse gesellschaftlicher Totalität zu leisten hatte. Auch in philologisch-literaturwissenschaftlichen Studiengängen wie Germanistik, Anglistik und Romanistik sollte nach der Erwartung vieler künftiger Lehrer Literatur als - oft wenig vermittelter - Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse dargeboten werden. Die künftigen Analytiker und Planer, Lehrer und Erwachsenenbildner wollten Wissen erwerben, um Gesellschaftskritik leisten und weitervermitteln zu können und schließlich gesellschaftliche Veränderung - für die meisten als radikale Reform, für etliche als Revolution vorgestellt - durchzusetzen. So kamen viele Studierende einerseits mit hoher Motivation, andererseits mit engem inhaltlichem Horizont in die Seminare der Freien Universität.
Der Ausbau der FU
Es ist für die Spitze der FU wie auch für die politische Führung im Berliner Senat bemerkenswert, daß dem Ansturm der Studenten trotz aller organisatorischer und finanzieller Schwierigkeiten nicht durch Eindämmungsmaßnahmen, sondern durch verstärkten Ausbau begegnet wurde. Der Zulauf zur Universität wurde trotz aller Belastungen als Erfolg der eigenen Politik bejaht, die das Grundrecht auf Bildung seit langem propagiert hatte. Daß das Grundrecht auf Bildung in der konkreten Rechtfertigung gegen Kritiker oft auf ein Recht auf qualifizierte Berufsausbildung zusammenschrumpfte, indem primär die berufsbezogene Effizienz der Ausbaumaßnahmen betont wurde, erscheint verständlich in Abgrenzung gegen eine Vorstellung von Universität, die in Betonung der Persönlichkeitsbildung sich lange Zeit um den Praxisbezug gedrückt hatte. Indem sich die Bildungsdiskussion immer stärker auf Berufsbezogenheit und ökonomischen Bedarf reduzierte, verlor allerdings die Forderung nach Ausbau des Bildungssektors mit dem Kriseneinbruch Ende der siebziger Jahre einen Teil ihrer Legitimation.
Die Klagen über den Betrieb einer "Massenuniversität", die in den 60er Jahren Allgemeingut waren, mögen im Rückblick komisch erscheinen, wenn man die 15.000 Studierenden an der FU dieser Jahre mit 60.000 gegenwärtig Studierenden vergleicht. Mit einem derartigen Vergleich wird jedoch verdeckt, daß im universitären Lehrbetrieb dieser Jahre Dozenten mit denselben Problemen überfüllter Lehrveranstaltungen konfrontiert waren wie in der Gegenwart. Seminare mit mehreren hundert Teilnehmern waren zwar noch nicht die Regel, aber durchaus keine Seltenheit. Der allmählich steigenden Studentenzahl bis zur Mitte der 60er Jahre war erst einmal keine adäquate Aufstockung von Lehrkörper und Dienstkräften gefolgt, zwischen einzelnen Fächern bestanden in der Personalausstattung große Disparitäten, die auch dann nicht gezielt beseitigt wurden, als in der zweiten Hälfte der 60er Jahre der Lehrkörper allmählich verstärkt wurde. Dabei ist vom Medizinbereich erst einmal abzusehen, da hier eine spezifische Entwicklung zu finden ist.
Die Jahre 1969 bis 1971 brachten in der Personalausstattung deutliche Einschnitte, zum einen durch eine beträchtliche Erweiterung des akademischen Mittelbaus, im wesentlichen jedoch durch die Überleitungsbestimmungen auf Hochschullehrerstellen, die durch das neue Hochschulgesetz für eine begrenzte Frist Mitgliedern des Mittelbaus angeboten wurden. Damit wurde kurzfristig eine merklich höhere Kapazität des Lehrangebots erreicht, die Schere zwischen expandierenden Studentenzahlen und stagnierenden Dozentenzahlen verkleinerte sich für eine kurze Zeit. Andererseits waren durch die zahlreichen Überleitungen, die in vielen Fachbereichen extensiv nach Anciennitäts- und Loyalitätskriterien durchgeführt wurden, für die folgenden Generationen des Mittelbaus Hochschullehrerstellen langfristig verschlossen. Das Problem langfristig besetzter Hochschullehrerstellen wurde bereits 1973 deutlich, als durch Zeitungsinserate auf die Situation von ca. 500 Berliner Assistenzprofessoren (heute Hochschulassistenten) hingewiesen wurde, deren Verträge nach der bis dahin geltenden Regelung Anfang 1974 auslaufen sollten und von denen nur 20% eine Hochschullehrerstelle erwarten konnten.
Während sich die Relation zwischen Studentenzahlen und Planstellen für wissenschaftliches Personal bis 1971 spürbar verbesserte, begann die Schere seit 1972 wieder stärker auseinanderzuklaffen, zum einen, weil die Zahl der Studierenden sprunghaft anwuchs, so daß auch bei noch gleichmäßig zunehmender Dozentenzahl diese Nachfrage nicht zu befriedigen war; zum anderen wurde für 1973 aufgrund der Haushaltslage ein allgemeiner Stellenstop für die Hochschulen angeordnet, so daß sich bei stark ansteigenden Studentenzahlen die Zahl des Lehrpersonals aufgrund von auslaufenden Assistenzverträgen sogar verringerte. Zwar wurden in den folgenden Jahren nach Überwindung des Haushaltsengpasses wieder Stellen besetzt und auch merklich zögerlicher erweitert, eine Verbesserung der Zahlenrelation zwischen Studierenden und Lehrenden ist danach aber nicht mehr erreicht worden. Gleichzeitig war - als Vorgeschmack für die 80er Jahre - vorgeführt worden, daß die Universität, unabhängig von ihren konkreten Forschungs- und Ausbildungsbedürfnissen, sehr wohl als Manövriermasse im staatlichen Haushaltspoker zur Disposition stand.
Wenn die Ausbildungssituation an der FU nach 1970 trotz der sich wieder öffnenden Schere zwischen Studenten und Dozenten einigermaßen erträglich blieb, so hat der Ausbau des studentischen Tutorenwesens erheblich dazu beigetragen. Die Idee, nach englischem Vorbild begrenzte Aufgaben der Lehre an ältere Studenten zu übertragen und damit die starren Schranken zwischen Lehrenden und Lernenden zu lockern, war an der FU in einigen Fächern, speziell in Geschichte und Mathematik, als Reformidee bereits in den 60er Jahren praktiziert worden. Seit Ende der 60er Jahre wurde dieses System in vielen Fächern mit großen Studentenzahlen eingeführt und trug wesentlich zur Entlastung der Lehre von Hochschullehrern und Mittelbau bei. Der Ausbau des Tutorenwesens war zu dieser Zeit allerdings inhaltlich stark umstritten, da von Seiten der "Notgemeinschaft für eine freie Universität" kritisiert wurde, daß die Tutoren in den Massenfächern die Ideologisierung der Wissenschaft betrieben und nur marxistische Indoktrination verbreiteten. Wenn der Vorschlag der Notgemeinschaft zur Auflösung des Tutorenwesens trotzdem keine Resonanz bei Politikern fand, so lag das nicht an der völligen Irrealität ihrer Vorwürfe. Die Tutoren waren überwiegend eine Domäne der "Linken"(im weitesten Spektrum des Begriffs), aber die Schreckbilder ihres Wirkens zielten weit an der Realität vorbei, und auch Politiker, die mit marxistischen Ideen keineswegs sympathisierten, sahen die Tutoren stärker als Repräsentanten allgemeiner studentischer Vorstellungen denn als deren Rädelsführer. Und schließlich war wohl wesentlich, daß deren Anteil an der Lehre nicht nur motivierend und effektvoll war, sondern auch billig.
Um der Situation an der FU gerecht zu werden, sind allgemeine Zahlenrelationen, also für 1973 ca. 2800 Stellen für wissenschaftliches Personal bei 24.000 Studenten, kaum aussagekräftig, weil in ihnen die starken Unterschiede zwischen einzelnen Fachbereichen nicht deutlich werden. So finden sich etwa bei den Soziologen auf ca. 1.000 Studenten nur sieben Hochschullehrer, d.h., daß der Großteil der Lehre von Assistenten (bzw. wissenschaftlichen Mitarbeitern) und Tutoren getragen werden mußte. Diese Situation war nicht allein durch den extremen Ansturm von Studienanfängern gerade auf dieses Fach erzwungen worden, es war auch eine politsche Entscheidung, nicht durch eine Numerus-clausus-Regelung den Zugang zum Studium zu verschließen und die Lehre trotz fragwürdiger Berufsaussichten im wesentlichen auf den "Mittelbau" zu legen. Im Gegensatz dazu wurde beispielsweise bei den Historikern, die keinem studentischen Massenansturm ausgesetzt waren, der Professorenanteil im Vergleich zum Anteil des Mittelbaus relativ hoch gehalten, um den Assistenten noch universitäre Berufsaussichten zu erhalten. Die Lehre durch Tutoren war dort im Gefolge politischer Konflikte Ende der 60er Jahre erst einmal abgeschafft worden, auch hier mischten sich unter anderen Vorzeichen also fachliche und politische Erwägungen.
Eine besondere Situation wiesen die medizinischen Fachbereiche auf, deren Personalbestand stärker noch im nichtwissenschaftlichen als im wissenschaftlichen Bereich expandierte. Hier war seit dem Ende der 60er Jahre der Großbau des Steglitzer Klinikums zu nutzen, insofern zog eine zurückliegende politische Entscheidung für den Großbau, die weit über die Dimension der Universität hinausgegangen war, jetzt personelle Konsequenzen nach sich. Um alle vorgesehenen Abteilungen ausfüllen zu können, wurde mehrere Jahre lang Personal geworben. Mit der personellen Ergänzung und der räumlichen Ausstattung konnte die Ausbildungskapazität maßvoll erweitert werden. Da der Druck auf den Zugang zu Studienplätze im Fach Humanmedizin weiterhin zunahm, fiel schließlich auch die Entscheidung für den Ausbau des zweiten Klinikums in Westend, und mit der Übernahme von dort arbeitenden Kliniken erhöhte sich entsprechend der Personalbestand im medizinischen Bereich.
Die Entscheidung für das zweite Klinikum in Westend hatte nicht allein personelle Konsequenzen, sondern forderte auch beträchtliche Mittel für den Ausbau der bestehenden Gebäude sowie für Neubauten. Gleichzeitig forderte das Steglitzer Klinikum noch erhebliche Summen für Baumaßnahmen, obwohl es bereits Ende der 60er Jahre fertiggestellt worden war. Hier mußten Planungsfehler am Großprojekt nachträglich durch aufwendige Umbauten beseitigt werden. Der Finanzaufwand für derartige Projekte war zum größten Teil nur über Sonderanforderungen zu bewältigen, die vom Abgeordnetenhaus zu genehmigen waren. Wenn auch in anderen Bereichen das Bauvolumen beträchtlich zunahm und die Raumausstattung sich trotz des enormen Studentenzuwachses und der Personalausweitung aufs Ganze gesehen verbesserte, so war das zum einen darin begründet, daß ältere Großprojekte wie die ersten Baustufe auf dem Obstbaugelände (vulgo: Rostlaube) Anfang der 70er Jahre fertiggestellt waren. Zum anderen hatten Bauvorhaben im Hochschulbereich für die staatliche Planung hohe Priorität, da hier die langfristige Planung zum Hochschulausbau mit kurzfristigen Programmen zur Konjunkturankurbelung zusammentraf und mit Sonderprogrammen der Bundesregierung zur Hochschulbauförderung die Länderetats unterstützt wurde. So wurden im Bereich der FU zahlreiche Neubauten in der ersten Hälfte der 70er Jahre fertiggestellt, insbesondere für die naturwissenschaftlichen Fachbereiche, was in der Regel auch einen beträchtlichen Ausstattungsbedarf nach sich zog. Auch in diesen Fällen reichten häufig die normalen Etatmittel nicht aus und wurden durch Sondermittel ergänzt.
Auch für die Raumausstattung der FU gilt, daß allgemeine Aussagen wenig über die großen Unterschiede in der Situation der einzelnen Fachbereiche zu erkennen geben. So finden sich neben Fachbereichen, die nach dem Bezug großzügig geplanter Neubauten in diesen Jahren als saturiert gelten können, wie etwa Historiker und Romanisten in der "Rostlaube", Fachbereiche, die durch Schnellbauprogramme kurzfristig aus großer Raumnot befreit wurden (Mathematik). Gleichzeitig entstanden in Fächern, die nach Planungen aus den 50er Jahren erst in den 60er Jahren befriedigende Neubauten erhalten hatten, durch den Studentenansturm neue Raumprobleme, so bei den Juristen, Wirtschaftswissenschaftlern und Politikwissenschaftlern. Am extremsten wirkte sich diese Situation am Otto-Suhr-Institut aus, da hier dem großen Andrang der Studenten eine nur wenig verhüllte Unlust des Abgeordnetenhauses gegenüberstand, dem von Konflikten und Spaltungsdrohungen erschütterten Fachbereich besondere Finanzmittel für Baumaßnahmen zur Verfügung zu stellen. So wurde in vielen Fachbereichen trotz umfangreicher Baumaßnahmen die Arbeit in den kleinen Dahlemvillen fortgesetzt, zu einem beträchtlichen Teil wurden sogar weitere Gebäude in Dahlem und auch im weiteren Stadtgebiet unter hohen Kosten angemietet.
Beim Anmieten von derartigen zusätzlichen Räumen unterlief der Universitätsverwaltung mit dem Scherk-Haus auch eine Fehlentscheidung mit beträchtlichen Folgekosten. Im allgemeinen bewährte sich aber gerade auf dem Gebiet der Bau- und Raumplanung die neu aufgebaute Planungsbürokratie der FU. So konnte etwa für die "Rostlaube" die ältere Planung, die noch zahlreiche Hörsäle vorsah, nach einer Bedarfsprüfung kurzfristig dahingehend verändert werden, daß an deren Stelle mehr Seminarräume gebaut wurden. Allerdings waren derartige kurzfristige Entscheidungen im Baubereich nicht die Regel, bestimmend war eher die langfristige Planung, für die Weichen gestellt werden sollten, etwa durch Grunderwerb, auch wenn ein Bautermin erst in den 80er Jahren projektiert war. Ein großes Projekt dieser Planung, das zentrale Verwaltungsgebäude an der Takustraße, ist nach langem Tauziehen später aufgegeben worden. Ein anderes wesentliches Projekt, die zentrale Sportanlage in Dahlem blieb im Streit zwischen den Ausbildungsinteressen der Studenten und dem Anspruch der Dahlemer Bewohner auf eine herausgehobene Wohnqualität bis zum heutigen Tage stecken.
Die Expansion auf dem Personalsektor wie auch im Baubereich erforderte eine enorme Ausweitung des Universitätsetats. Zwischen 1969 und 1973 wurde er (nominell) annähernd verdoppelt, was nur durch eine hohen Bundesdanteil an der Finanzierung zu schaffen war.Konkret wuchs der ordentliche FU-Haushalt zwischen 1970 und 1972 von 270 auf 430 Mio.DM, annähernd die Hälfte dieses Etats wurde dabei von den Medizinbereichen verbraucht - und damit zu einem guten Teil als Krankenversorgung an die Gesellschaft zurückgegeben. Der kurzfristige Konjunktureinbruch, der für den Haushalt von 1973 eine starken Einschnitt bedeutete, konnte zwar bald überwunden werden, aber in den folgenden Jahren verlief das finanzielle Wachstum der Freien Universität in merklich kleineren Raten. Noch waren die mageren Jahre nicht angebrochen, aber die gar nicht so fetten Jahre gingen zu Ende. Einzuüben war die Verwaltung des Mangels.
2.
Die Institutionalisierung der Hochschulreform an der FU
(Jochen Staadt)
Die seit Anfang der 60er Jahre diskutierte und allseits für notwendig befundene Hochschulreform wurde Ende der 60er Jahre unter denkbar ungünstigen Rahmenbedingungen eingeleitet. Der Zeitpunkt für eine aufgabenbezogene Anpassung der Universitäten an die veränderten gesellschaftlichen Anforderungen war weit überschritten. Die Hochschulen waren in einem Ausmaß zur Arena gesellschaftspolitischer Kontroversen geworden, daß Versuche zu rationaler Diskussion des Reformprozesses selten möglich und auch dann mit nur mäßigem Erfolg beschieden waren. Professoren der juristischen, politikwissenschaftlichen und sogar historischen Zünfte schienen angesichts der Situation an der FU Analogismen zu 1933/34 und zur Bolschewisierung der Humboldt-Universität Ende der 40er Jahre geboten, während für die meisten Aktivisten der Linken Revolution und nicht mehr Reform auf der Tagesordnung stand. Für viele der Studentinnen und Studenten, die die Diskussionen um die Universitätsreform an der FU vor 1967/68 geführt hatten, war das Studium abgeschlossen. Aktivistische Jungsemester strömten aus westdeutschen Kleinstädten nach Dahlem in das Mekka der Revolte. Ihnen fehlte jegliches Problembewußtsein für den Veränderungsprozeß, an dem sie nach der Idee des Universitätsgesetz als tragende Kraft teilnehmen sollten. Aber auch die Hochschulreformer glaubten durch beispielhaftes Wirken an der FU gesellschaftliche Veränderung inspirieren zu können. Rolf Kreibich und seine Mitarbeiter sahen als Ziel der 1969 angestrebten "emanzipatorische Hochschulreform" die "Humanisierung unseres Daseins, hier speziell des Tätigseins im Bereich von Bildung und Wissenschaft an der Hochschule". In zehn Punkten wurde präzisiert, was damit gemeint war:
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Gesellschaftsbezogenheit von Bildung und Wissenschaft |
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Wechselverhältnis von Wissenschaft und gesellschaftlicher Praxis |
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Wissenschaftsfreiheit und Selbstverwaltung |
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Demokratisierung der Universität |
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Transparenz der Diskussions- und Entscheidungsprozesse |
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Leistungsfähigkeit der Universität |
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Repressionsfreiheit der Lehr-, Lern- und Forschungstätigkeiten |
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Wissenschaftspluralismus und Toleranz |
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Planung des Wissenschaftsbetriebs |
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Wandlung und Kontinuität der neuen Universität. |
Das neue Universitätsgesetz vom 16. 7. 1969 löste den Dualismus von akademischer und Wirtschaftsverwaltung zugunsten einer einheitlichen zentralen Universitätsverwaltung auf. Anstelle von Rektor und Kurator sollte der Universitätspräsident die Verantwortung für beide Verwaltungsbereiche übernehmen. Ihm übertrug das Universitätsgesetz weitreichende Funktionen:
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Vertretung der Universität, |
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Organisation und Leitung der gesamten Verwaltung, |
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Hausrecht, |
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Rechtsaufsicht im Bereich der akademischen Selbstverwaltung, |
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Gewährleistung des geordneten Gangs der akademischen Angelegenheiten, |
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Ausführendes Organ der Beschlüsse der zentralen Selbstverwaltungsgremien. |
Die reformierte Universitätsverwaltung sollte nach dem Selbstverständnis ihrer Mitarbeiter im neuen Präsidialamt der FU aktiver als ihre Vorgängerin die Entwicklung der Universität prägen. Ihre Aufgabe lag nicht mehr in erster Linie im Verwaltungsvollzug, sondern in der Vorbereitung von hochschulpolitischen Entscheidungen und Planungsmaßnahmen. Eine enge Kooperation mit den Fachbereichsverwaltungen wurde etabliert. Neben den üblichen Abteilungen und Referaten gliederte sich die innere Organisation des Präsidialamtes entlang der Aufgabenbereiche, die Vizepräsidentin und Vizepräsidenten sowie zunächst Stäben zugeordnet wurden. Diese Aufgabenbereiche waren:
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1) |
Hochschulpolitik, |
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Hochschulrecht und allgemeine Rechtsfragen, |
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3) |
Öffentlichkeitsarbeiten, |
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4) |
Hochschulplanung und Hochschulorganisation, |
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5) |
Außenbeziehungen, |
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6) |
Studien- und Prüfungsreform, studentische Angelegenheiten, Erwachsenenbildung und Fort- und Weiterbildungsprogramme, |
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7) |
Reform im Bereich der Medizin. |
Die Aufgaben der Stäbe wurden 1972 den Abteilungen des Präsidialamtes und dem Zentralen Planungsstab zugeordnet (siehe Schaubild "Zentrale Verwaltung der Freien Universität Berlin").
Die Selbstverwaltungsgremien
Mit der Reform wurde auch die Selbstverwaltung der Universität neu geregelt. Das Konzil erhielt neben dem Kuratorium als das Kontrollorgan der gesamten Universität weitreichende Kompetenzen. Das erste Konzil der FU (Präkonzil) hatte 114 Mitglieder, die noch in den alten Fakultäten gewählt wurden. 99 davon wurden drittelparitätisch von Hochschullehrern, wissenschaftlichen Mitarbeitern und Studenten besetzt, 15 Sitze erhielten die anderen Dienstkräfte. Das Präkonzil wählte den Präsidenten (Rolf Kreibich), eine Vizepräsidentin (Dr. Margeritha von Brentano) und zwei Vizepräsidenten (Prof. Dr. Herbert Lax und Prof. Dr. Uwe Wesel), den ersten neuen Akademischen Senat (vor Bildung der Fachbereiche) und vier Vertreter der Universität im Kuratorium (drei weitere wurden vom Akademischen Senat bestimmt). Außerdem hatte das Konzil die Aufgabe, die Satzung der FU zu verabschieden und jährlich den Rechenschaftsbericht des Präsidenten zu billigen. Das erste ordentliche Konzil wurde vom 8. -10. 2. 1971 für eine Amtszeit von drei Jahren gewählt.
Der Akademische Senat, der als einziges Organ der reformierten universitären Selbstverwaltung seinen Namen behielt, büßte einen Teil seiner hochschulpolitischen Bedeutung ein und sollte das zentrale Arbeitsgremium der Universität werden. Ihm gehörten elf Hochschullehrer, sechs wissenschaftliche Mitarbeiter, fünf Studenten und zwei andere Dienstkräfte an, die von den Mitgliedern der Fachbereiche gewählt wurden, wobei die Zusammensetzung des ersten Akademischen Senats nach den Übergangsbestimmungen des Universitätsgesetzes vom Präkonzil bestimmt wurde. Für den neuen Akademischen Senat sah das Gesetz folgende Aufgaben vor:
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1) |
Aufstellung von Entwicklungsplänen für die Universität, |
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2) |
Erlaß von Rechtsvorschriften, |
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3) |
Mitwirkung bei der Errichtung, Veränderung und Aufhebung von Fachbereichen, |
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4) |
Koordinierung der Tätigkeit der Fachbereiche und anderer Organe der Selbstverwaltung, |
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5) |
Vorlage des Entwurfes für eine Universitätssatzung, |
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6) |
Stellungnahme zum Haushaltsentwurf des Präsidenten vor der Zuleitung zum Kuratorium, |
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7) |
Weitere Angelegenheiten die Gesetz oder Satzung festlegen (insbesondere die Einrichtung von Ständigen Kommissionen für Entwicklungsplanung [EPK], Forschung und wissenschaftlichem Nachwuchs [FNK], Lehre und Studium [LSK], Bibliothekswesen [BIK]). |
Anstelle der Fakultäten wurden Fachbereiche eingerichtet. Ihre Leitung übernahmen Fachbereichsräte. Die Fakultätsvertretungen an der FU waren Ende der 60er Jahre auf meist über 30 Mitglieder angewachsen, da alle ordentlichen Professoren vertreten waren - in der Philosophischen Fakultätsvertretung der FU standen 1969 den 83 Ordinarien 2 Akademische Räte, 2 Assistenten und ein Studentenvertreter gegenüber. Ein Fachbereichsrat umfaßte 15 Mitglieder: sieben Hochschullehrer, vier wissenschaftliche Mitarbeiter, drei Studenten und eine andere Dienstkraft. Die Fachbereichsräte sollten im Unterschied zu den alten Fakultäten öffentlich über Lehre, Studium und Forschung nach demokratischen Maßstäben unter Beteiligung aller funktionalen Gruppen beraten und entscheiden.
Im Unterschied zu den Fakultäten erhielten die Fachbereiche auch Entscheidungsrecht hinsichtlich der Verwaltung ihrer Haushaltsmittel. Zum Wintersemester 1970/71 wurde den Fachbereichsverwaltungen als personelle Grundausstattung ein Verwaltungsleiter, ein Mitarbeiter und eine Schreibkraft zugewiesen. In der täglichen Arbeit der Fachbereiche waren insbesondere die Verwaltungsleiter unentbehrliche, häufig allerdings weit über ihre Kompetenz hinaus agierende "Graue Eminenzen", die in der Entwicklung der Fachbereiche auch in den "chaotischen" Phasen für die Kontinuität der Verwaltungsabläufe sorgten.
Die Fachbereiche galten als die wichtigsten Organe für die Umgestaltung der Universität. Insbesondere auf dem Gebiet der Entwicklung neuer Studien- und Prüfungsordnungen sollten sie die Hochschulreform inhaltlich vorantreiben. Dem Elan, mit dem diese Aufgabe in Angriff genommen wurde, folgte rasche Ernüchterung. Berge von Studienreformvorschlägen wurden durch die restriktive Politik der Staatsseite zu Makulatur. Die Fachbereichsvertreter mußten bald erkennen, daß die Studiengänge auch weiterhin überwiegend durch staatliche Regelungen festgelegt wurden. Die Idee einer Neustrukturierung der Universität nach interdisziplinären Gesichtspunkten wurde 1972 sogar von der Universitätsleitung selbst als illusorisch und realitätsfern bezeichnet.
Eine verfaßte Studentenschaft war in dem neuen Hochschulgesetz nicht mehr vorgesehen. Im Gegensatz zur Hoffnung des Gesetzgebers (vgl. Interview mit Prof. Stein), daß auf diesem Weg die Politisierung universitärer Konflikte verringert werden könnte, wurde vielmehr die Neigung radikaler Studentengruppen noch verstärkt, ihren Aktivismus in die neuen Fachbereiche zu verlagern. Sachentscheidungen erhielten dadurch häufig den Charakter von Grundsatzentscheidungen, um die mit äußerster Erbitterung gerungen wurde.
Die Veränderung der Personalstruktur
Mit dem Universitätsgesetz von 1969 wurde auch die "Ordinarienherrschaft" beseitigt. Lehrstühle wurden als Verwaltungseinheiten abgeschafft, die abhängige Stellung des Mittelbaus aufgehoben. Daß der Gesetzgeber diese Abhängigkeit als besonderes Problem begriff, zeigt § 47 des Gesetzes, der Professoren eigens verpflichtet, bei Veröffentlichungen von Forschungsergebnissen die eigenständigen Beiträge von Mitarbeitern durch Nennung ihrer Mitautorenschaft kenntlich zu machen. Den wissenschaftlichen Assistenten wurde ein Drittel ihrer Arbeitszeit für eigenverantwortliche Forschung zugestanden und sie erhielten die Berechtigung zu eigenverantwortlicher Lehre. Damit wurde die Tatsache anerkannt, daß ein nicht unerheblicher Teil der Forschung und Lehre vom wissenschaftlichen Mittelbau getragen wurde.
Als weitere Maßnahme zur Veränderung der Personalstruktur wurden Assistenzprofessuren eingeführt. Nach Vorstellung des Berliner Senats sollten dies Qualifikationsstellen für zukünftige Hochschullehrer sein. Demzufolge hätten nur so viele Assistenzprofessoren neu eingestellt werden dürfen, wie zur Besetzung frei werdender Hochschullehrerstellen notwendig waren. In der universitären Diskussion setzte sich jedoch die von Mittelbaugruppen favorisierte und vom Präsidialamt unterstützte Lösung durch, die Assistenzprofessur als eine zweite Qualifikationsstufe nach der Assistentenzeit zu betrachten. Bis zum Haushaltsjahr 1972 wurden dafür 500 Stellen geschaffen.
Bei den Hochschullehrern behielt das Universitätsgesetz die Differenzierung nach Besoldungsgruppen bei, weitete aber durch eine Übergangsregelung die Zahl der Hochschullehrer aus. Habilitierte und langfristig im Mittelbau tätige Wissenschaftler konnten ohne Ausschreibung zu Professoren ernannt werden. Diese Möglichkeit nutzten 143 FU-Angehörige. Durch das Fachhochschulgesetz, das die Lehrkräfte der Fachhochschulen grundsätzlich den Hochschullehrern an den Universitäten gleichstellte, erhielten auch die Akademischen Räte und Oberräte, die sich in vergleichbarer Stellung wie die Fachhochschulprofessoren befanden, die Möglichkeit, ohne Habilitation in die Gruppe der Hochschullehrer zu wechseln. Davon machten 77 Mitglieder des Lehrkörpers der FU Gebrauch, was ihnen in der akademischen Öffentlichkeit die spöttische Bezeichnung "Discount-Professor" eintrug. Aufgrund dieser Besetzung von etwa 220 Hochschullehrerstellen ohne Ausschreibung kam es nicht nur zu "unorganischen Entwicklungen" in der Personalentwicklung, wie es verschämt im ersten Jahresbericht des Präsidialamts hieß, sondern es wurde auch weiteres Konfliktpotential angelegt, das beispielsweise in der Herabsetzung der Reputation von FU-Wissenschaftlern und Absolventen und im Konflikt um die Ablehnung von Hausberufungen durch den Senator für Wissenschaft und Kunst seinen Ausdruck fand.
Einen starken Ausbau erfuhr das Tutorenprogramm. Die Zahl der Tutoren wurde von rund 190 im Wintersemester 1969/70 auf fast 350 im Wintersemester 1970/71 erhöht (hinzu kamen noch ca. 60 von der Stiftung Volkswagenwerk finanzierte Tutorenstellen). Von dem Tutorenprogramm wurden ebenfalls Impulse für die Hochschulreform erwartet. In Kleingruppen sollte die "Erprobung und Entwicklung neuer Strukturen, Organisationsformen, Lehrmodelle und Ausbildungsgänge in Kooperation aller am Lernprozeß Beteiligten" erfolgen. Dafür waren 1972 immerhin über fünf Millionen DM vorgesehen. Gegen den Experimentalcharakter dieses Programms, das als institutionelle Verwirklichung der "kritischen Universität" (vgl. FU-Dokumentation Bd. 5) beargwöhnt wurde, bestand erhebliches Mißtrauen bei konservativen Professoren und auf Seiten des Staates. Dies erhielt durch als "Sozialistisches Studium" angekündigte Tutorien, die Kampagne "Marx an die Uni" und die propagandistischen Antworten der "Notgemeinschaft für eine freie Universität" in ihren Dokumentationen "Freie Universität unter Hammer und Sichel" ständig weitere Nahrung. Im Referentenentwurf zur Novellierung des Universitätsgesetzes wurde dann 1973 für den Einsatz von Tutoren eine entsprechend restriktive Regelung vorgesehen.
Politischer Senat und Freie Universität
Für das Land Berlin übte der Senator für Wissenschaft und Kunst die Staatsaufsicht über die FU aus. Laut Gesetz sollten die von der Universität erlassenen Rechtsvorschriften bzw. deren Änderungen durch den Senat bestätigt werden. Auf dem Wege der Rechtsaufsicht versuchte der Senator mehrfach, Entwicklungen an FU und TU zu unterbinden, die den Intentionen der Staatsseite widersprachen. Dabei kam es immer wieder zu Konfrontationen zwischen Teilen der Universität und dem politischen Senat, die aus einem unterschiedlichen Reformverständnis resultierten.
Diese Konflikte wurden nicht zuletzt im Kuratorium ausgetragen, dem je sieben Vertreter der Staatsseite und der Universität angehörten. Auf der Seite des Staates waren dies der Regierende Bürgermeister sowie die für Hochschulen und für Finanzen zuständigen Senatoren, der Präsident des Abgeordnetenhauses und drei vom Abgeordnetenhaus gewählte Vertreter der Parteien. Auf Seiten der Universität wurden vom Konzil der FU für jede funktionale Gruppe ein Vertreter gewählt, die anderen drei Kuratoren wurden vom Akademischen Senat nominiert. Dem Kuratorium oblagen grundsätzliche und bedeutsame Fragen der Wirtschaftsverwaltung und als oberste Dienstbehörde die Personalangelegenheiten. In den drei Jahresberichten der FU, die über den in dieser Dokumentation behandelten Zeitraum Rechenschaft ablegen, wird jeweils angemerkt, daß das Kuratorium aufgrund zeitlicher Schwierigkeiten der Mitglieder des Berliner Senats nicht genügend Sitzungen abhalten konnte. Dennoch zog das Kuratorium immer mehr Einzelentscheidungen an sich, für die eigentlich Selbstverwaltungsgremien der Universität zuständig gewesen wären. Bei diesen Entscheidungen war zunächst ein vorsichtiges, dann aber immer deutlicheres Abrücken der Staatsseite von den Reformen zu beobachten. Auf Novellierungsforderungen reagierte der politische Senat mit restriktiver Auslegung des Gesetzes, um den Nachweis seiner ordnungspolitischen Funktionsfähigkeit anzutreten. Dies beraubte die Universitätsreformer ihrer entscheidenden Handlungsgrundlage. Der Dahlemer Campus wurde zunehmend zu einer Arena parteipolitischer Kämpfe, bei denen universitätsinterne Auseinandersetzungen zu Variablen im Streit um divergierende gesellschaftspolitische Vorhaben wurden.
In universitären Gremienmarathons, öffentlichen und verwaltungsinternen Dauerquerelen wurden die Gruppen, die die Reform trugen, aufgerieben. Der Handlungsspielraum der Universitätsspitze war in kürzester Zeit auf Management und Reformakklamation geschrumpft.
3.
Forschungsschwerpunkte und wissenschaftliche Leistung an der FU
(Annemarie Kleinert)
Während sich die Öffentlichkeit hauptsächlich für die hochschulpolitischen Entwicklungen zu interessieren schien, wurde im Wissenschaftsbereich der FU oft in aller Stille das geleistet, was einen wesentlichen Teil einer Universität ausmacht: Forschung, die von internationalen Fachkreisen anerkannt wird. Diese Forschung wurde z.T. in Studierstuben auf wenig spektakuläre Weise durchgeführt, aber es gab auch große Projekte in der Medizin, den Sozial- und Geisteswissenschaften sowie den Naturwissenschaften, die als Schwerpunkte deklariert und mit Fremdmitteln gefördert wurden. Vielfach unbeachtet von der Öffentlichkeit vollzogen sich auch hervorragende Examensleistungen (Promotionen und Habilitationen) und selbst der Austausch der FU mit ausländischen Universitäten und der kostspielige Ausbau der Universitätsbibliothek fanden wegen der spektakulären Hochschulpolitik oft nicht die gebührende Beachtung in den Medien.
Der medizinischen Bereich
Im klinischen Bereich sind von den im Untersuchungszeitraum entstandenen Projekten vor allem vier zu nennen:
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Das im Klinikum Westend durchgeführte Projekt "Berlintransplant", bei dem es sich um die praktische Durchführung von Organtransplantationen und die wissenschaftliche Erforschung der damit verbundenen Probleme einschließlich der Immunologie handelte. |
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Das am Institut für Gerichtliche und Soziale Medizin entstandene "Rehabilitationsmodell für Drogenabhängige". |
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Die an der Frauenklinik Charlottenburg durchgeführte Sterilitätsforschung. |
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Die an der Frauenklinik Neukölln vorgenommen Studien zur Behandlung des "Foetus als Patienten". |
Unter "Berlintransplant" muß man ein in Berlin lokalisiertes Referenzzentrum als Kontaktpartner für die überregionale Organisation "Eurotransplant" verstehen. Anfangs ging es dort hauptsächlich um Nierentransplantationen und die Gewinnung von Testseren, die im europäischen Rahmen ausgetauscht wurden, später dann auch um Leber-, Lungen-, Herz- und Knochentransplantationen. - Das "Rehabilita-tionsmodell für Drogenabhängige" versuchte, Rauschmittelkonsumenten eine "emanzipatorische" Möglichkeit zu bieten, dem Drogenkonsum zu entkommen, indem es rigide Verhaltensmuster aufzulockern lehrte und sowohl bei den Konsumenten als auch bei den Sozialarbeitern Aufklärungsarbeit durchführte. - Bei der Sterilitätsforschung ging es daarum, durch Spezialsprechstunden mit Patienten unerwünschte Kinderlosigkeit zu beseitigen, was auch bei einem Drittel durch Aufdeckung physischer und psychischer Ursachen gelang. - Und schließlich wurde durch den Versuch der Eingliederung der Arbeitsgruppe für Perinatologie, die den Menschen vor seiner Geburt als Patienten ernstnimmt, ein Gebiet dem Klinikum Steglitz einzugliedern angestrebt, das vorher im Neuköllner Klinikum untergebracht war.
Darüber hinaus sind noch mehrere medizinische Sonderforschungsbereiche sowie Forschungsgebiets- und Forschungsprojektschwerpunkte zu nennen, die von 1969 bis 1973 durchgeführt wurden: einer über die Ursachen und die Prophylaxe von Karies sowie über Zahnfüllungen; einer über die nervalen Grundlagen bei der Beeinflussung innerer Organsysteme; einer über Biokybernetik und Informationsverarbeitung in den Sinnesorganen und im Zentralnervensystem; einer über die Ursachen der Schilddrüsenüberfunktion; einer über die Pathologie von Hochleistungstieren und einer über die Mikroflora und -fauna von Versuchstieren sowie über die Genetik von Versuchtieren. Als interdisziplinäre Arbeitsgruppe ist noch die über klinische und experimentelle Plasmaproteinforschung zu nennen, bei der es um Grundlagenforschung über Proteine in Körperflüssigkeiten ging.
Mehr als die Hälfte aller Promotionen an der FU wurden in den medizinischen Fachbereichen durchgeführt, etwa 280 pro Jahr. Die Zahl der Habilitationen stieg mit dem neuen Universitätsgesetz gewaltig. Statt wie in den zehn Jahren vorher etwa ein Dutzend pro Jahr, habilitierten nun ca. 50 Mediziner in jedem Jahr. Besondere Auszeichnungen wie Ehrendoktorwürden oder Ehrenmitgliedschaften an der Universität gab es kaum im Untersuchungszeitraum, da dies als Relikt der alten Ordinarienuniversität abgelehnt wurde.
Sozial- und Geisteswissenschaften
Bei den Sozial- und Geisteswissenschaften, zu denen die meisten Fachbereiche und Zentralinstitute der FU gehören, existierten zwei Sonderforschungsbereiche, zwei Forschungsgebietsschwerpunkte und dreizehn Forschungsprojektschwerpunkte. Gebiete, die von der Öffentlichkeit stark beachtet wurden, waren die des Otto-Suhr-Instituts zur Friedens- und Konfliktforschung, die des Friedrich-Meinecke-Instituts zur Ordensgeschichtsschreibung der Zisterzienser, die der klassischen Philologie mit ihren Arbeiten zu den Aristoteles-Handschriften und die des Instituts für Neuere Fremdsprachliche Philologien zu Literaturformen, bei denen die Literaten an der Produktion der von ihnen beschriebenen Wirklichkeit beteiligt sind.
Dazu einige Details: Bei der Friedensforschung ging es um drei Schwerpunkte, nämlich Möglichkeiten der gewaltfreien Konfliktaustragung, der internationalen Kooperation und der vergleichenden Systemanalyse in Krisen. Für die europäische Sicherheitskonferenz wurden Programmvorschläge erarbeitet. - Bei der Zisterzienserforschung beschäftigte man sich mit der Wirtschaftspolitik der Zisterzienser, mit der sozialen Struktur der Klöster und mit der Position der Zisterzienser innerhalb der Kirche. - Die Aristoteles-Forscher haben eine Sammlung aller Handschriften des Aristoteles-Textes zusammengestellt, was eine Rekonstruktion der authentischen Originaltexte sowie eine Erarbeitung der Überlieferungsgeschichte ermöglichte. - Und schließlich studierten die Neuphilologen Fälle in der Literatur, wo Autoren über die Teilnahme an der Produktion von Presseschriften Einfluß auf sozioökonomische Entwicklungen bekommen haben. Dadurch wurden Grundlagen für eine erweiterte Literaturgeschichtsschreibung gelegt.
Bei den bei der Ständigen Kommission für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs eingereichten größeren Projekten handelte es sich außerdem um folgende Themen: im Fachbereich Wirtschaftswissenschaft um Dynamische Lagerhaltungs-Produktionsmodelle, die Optimierungsprobleme bei der Lagerhaltung von Waren und Prognoseprobleme für die Nachfrage untersuchten, außerdem um ein Projekt zu betriebwirtschaftlichen Steuerbelastungsvergleichen im deutschen und internationalen Rahmen als Instrumente zur Beurteilung geltenden und künftigen Steuerrechts. Im Fachbereich Erziehungswissenschaften ging es um Produktives Denken und Problemlösen, d.h. man studierte die Integration von Intelligenz-, Kreativitäts-, Persönlichkeits- und Motivationsforschung. Auch gab es eine Untersuchung zur Vorschulerziehung. Im Fachbereich Geschichtswissenschaften wurden Studien zur Entwicklung der bürgerlich-liberalen Gesellschaft in Mitteleuropa vom späten 18. bis späten 19. Jahrhundert durchgeführt. Bei den Altertumswissenschaftlern wurden mittels elektronischer Datenverarbeitung Konkordanzen und Indizes zu spätantiken Autoren erstellt. Bei den Indogermanisten wurde Sprachmaterial aus Vorderasien auf Tontafeln in Keilschrift archiviert, es wurde unerschlossene Originalliteratur einer jüdischen Sekte, der Samaritaner, dokumentiert und ausgewertet und es wurden Studien zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Frühzeit des alten Orients durchgeführt. In den Politischen Wissenschaften ging es um Bestimmungsfaktoren der Außenpolitik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sowie um Widersprüche und Veränderungsmöglichkeiten in der Ökonomie und in der Politik der Bundesrepublik. Bei den Theaterwissenschaftlern hieß ein Projekt "Sozialisation von Unterschichtskindern durch darstellendes Rollenspiel". Im Osteuropa-Institut wurde über die Sowjetunion und ihren Einflußbereich seit 1917 geforscht. Und schließlich befaßte man sich im Zentralinstitut für sozialwissenschaftliche Forschung mit der Entwicklung der Parteien und des Parteiensystems in der Bundesrepublik seit 1945, außerdem mit Studien über die Zeit des Übergangs von der traditionellen Agrargesellschaft zur modernen Industriegesellschaft im Deutschland des 19. und 20. Jahrhunderts.
Auffällig ist bei der Durchsicht des ersten Forschungsberichtes der Freien Universität, daß Fachbereiche oder Zentralinstitute, die hochschulpolitisch wenig Aufsehen in dieser Zeit erregten, wie zum Beispiel der Fachbereich Altertumswissenschaften, oft unvergleichlich produktiver waren als andere Fachbereiche oder Zentralinstitute, die mit politischen Aktionen das Präsidialamt voll beschäftigten, wie das Lateinamerika-Institut. Allein in der ersten Wissenschaftlichen Einrichtung der Altertumswissenschaften, dem Institut für Griechische und Lateinische Philologie, wurden sechsundvierzig verschiedene Gebiete erforscht, und es gibt drei Wissenschaftliche Einrichtungen an diesem Institut, während am Lateinamerika-Institut nur wenige Themen behandelt und wenige Publikationen veröffentlicht wurden.
In den Sozial- und Geisteswissenschaften wurden etwa 150 Dissertationen pro Jahr geschrieben und etwa fünfzig mal wurde die venia legendi verliehen. Besondere Auszeichnungen für hervorragende Examina, wie beispielsweise die Verleihung des Tiburtiuspreises in den 80er Jahren, hat die Universität damals nicht vergeben.
Naturwissenschaften
Von der Forschung im naturwissenschaftlichen Bereich fanden, trotz teilweise schwieriger populärwissenschaftlicher Darstellungsmöglichkeiten der Projekte, vier Gebiete ein großes Echo in der Öffentlichkeit: so ein von den Geologen durchgeführtes Programm zur Erforschung der Entstehung eines neuen Faltengebirges im Mittelmeerraum, ein von den Meteorologen und Geowissenschaftlern entwickeltes Modell, das eine Berechnung der Luftqualität erlaubt, ein von den Physikern viele Einzelgebiete betreffendes Projekt zur Erforschung von Wechselwirkungen innerhalb des Atoms und die von den Biologen untersuchte Frage nach den Mechanismen der Differenzierung von Organismen und ihrer Regulation.
Dazu ebenfalls einige Erklärungen: Bei der Erforschung geologischer Formationen des Mittelmeerraums führte man erstmals Beobachtungen über Kontinentalverschiebungen in einem Gebiet durch, das nicht fossil, sondern relativ jung ist. Ziel war die Voraussagbarkeit von Massenbewegungen an Hängen und mögliche Aufdeckung von unbekannten mineralischen Lagerstätten. - Das mathematische Modell der Meteorologen und Geowissenschaftler erlaubt eine Berechnung von Luftverschmutzung, so daß es im Falle von Inversionslagen für Warndienste geeignet ist. Außerdem hilft es bei der Planung umweltgünstiger Ansiedlungen neuer Industrieanlagen. - Bei dem Projekt der Physiker, das den Titel "Hyperfeinwechselwirkung" trug, handelte es sich um Grundlagenforschung. Ziel war es, die Wechselwirkung zwischen dem magnetischen Moment des Atomkerns und dem der Umlaufbahnen der Elektronen zu untersuchen. - Die Biologen schließlich stellten sich die Aufgabe herauszufinden, weshalb ein Lebewesen (hier eine Grünalge) sich so und nicht anders entwickelt, wenn Wachstums- und Umweltbedingungen gleich bleiben, d.h. wie die Vorgänge in der Kommandozentrale eines Lebewesens geschaltet werden, um Änderungen der Bedingungen zu registrieren und wie diese Änderungen reversibel gemacht werden können. Einzelergebnisse dieser Projekte führten zur Verleihung von Preisen an die Wissenschaftler (siehe Chronik).
Neben diesen mehr spektakulären Projekten hatten die naturwissenschaftlichen Fachbereiche auch zahlreiche Forschungsgebiets- bzw. Projektsschwerpunkte deklariert: in der Mathematik einen über die Strukturen reeller und komplexer Banachräume, in der Physik einen über die Theorie der Elementarteilchen und Quantenfeldtheorie, in der Chemie einen über Röntgenstrukturanalyse, d.h. den thermischen Abbau von Adduktverbindungen und Phasenumwandlungen, und fünf weitere über a) trägergebundene Enzyme, b) organische und polymere Halbleiter, c) theoretisch-organische Chemie, d) Elektrodenprozesse und e) Geochemie und Mineralchemie von Modellsystemen des hochmetaphoren und magnetischen Bereichs. In der Pharmazie gab es einen Schwerpunkt über intramolekulare Nachbargruppeneffekte bei Pharmaka-Modellen, einen über Organaffinität von Metallocenen und einen über chemische Analysen von Arzneidrogen sowie Arbeiten über Arzneimittelkontrolle, in den Geowissenschaften einen über die Nutzung fließender Gewässer als Ver- und Entsorgungadern.
Ein Sonderforschungsbereich der Meteorologen hieß "Synoptische Meteorologie" und beschäftigte sich z.B. mit dem Problem der Objektivierung der Wetteranalysen und den Auswertungen von Satellitenbeobachtungen. Ein interdisziplinäres Projekt im Fachbereich Pharmazie beschäftigte sich mit der Chemie und der Pharmakologie von Inhaltsstoffen aus Lactuca virosa.
Im naturwissenschaftlichen Bereich sind nur etwa 90 Promotionen pro Jahr registriert. Bei den Habilitationen gab es im Universitätsjahr 1969/70 die ungewöhnlich hohe Zahl von 46 Habilitationen (im Vorjahr nur 18). Danach jedoch scheinen sich die Verhältnisse wieder "normalisiert" zu haben.
Die Erweiterung der Universitätsbibliothek
Die Universitätsbibliothek hat im Zeitraum von 1969 bis 1973 ihren Bestand von ca. 470.000 Bänden, 220.000 Dissertationen und 5 000 Zeitschriftentiteln um ca. 200.000 Bände, 50 000 Dissertationen und 650 laufende Zeitschriften erweitert. Sie hat einerseits ihr Sammelgebiet "Deutsche Sozialistica" ausbauen und restaurieren können (das Sammelgebiet war im Jahre 1951 durch den Erwerb der 7 500 Bücher umfassenden Bibliothek des Fabrikanten Max Stein im Jahre 1951 zustande gekommen), andererseits hat sie zahlreiche Fachzeitschriftensammlungen als Ganzes oder ergänzend aufkaufen und auch in der Abteilung "Rara" einige hervorragende Werke erwerben können, z.B. eine vierbändige Ausgabe der "Opera Omnia" des Melanchton aus dem 16. Jahrhundert in zeitgenössischem Renaissanceeinband.
Auch gelang es ihr, zwei weitere Gelehrtenbibliotheken aufzukaufen: im Jahre 1970 die von Ludwig Lewin, dem Begründer der Lessing-Hochschule für Erwachsenenbildung, mit 700 Bände zu den Themen Literatur, Psychologie und Psychoanalyse, und im Jahre 1971 die von Hans Knudsen mit 2 500 Bänden zum Thema Theaterwissenschaften. Erwähnenswert, obwohl bereits früher angelegt, sind auch die Sammlungen historischer Flugschriften sowie eine Sammlung von Märchenliteratur und eine von alten Almanachen. Als Dauerleihgaben verfügt die Bibliothek über 650 alte numismatische Zeitschriften, die ihr die Gesellschaft für Numismatik zu Berlin zur Verfügung gestellt hat, sowie über 1 500 Bände zur Homöopathie, die eine Leihgabe des Vereins homöopathischer Ärzte sind. Die Bibliothek erhält aufgrund von Abkommen auch Exemplare aller Druckschriften, die von den Vereinten Nationen, von der Europäischen Gemeinschaft, vom Europarat und von der Carnegie Commission on Higher Education publiziert werden. Jedes in Berlin gedruckte Buch muß in der UB als Pflichtexemplar hinterlegt werden sowie ein Teil der Amtsdrucksachen des US Governments. Erwähnenswert sind auch die vielen Nachdrucke alter Werke, die in den Jahren 1969-73 zum Teil von alternativen Verlagen produziert und von der Bibliothek angeschafft wurden. Im Untersuchungszeitraum wurden auch die Grundlagen für eine Zeitschriftendatenbank gelegt, die gemeinsam mit Stuttgart und Saarbrücken initiiert wurde und der sich später viele andere Bibliotheken anschlossen. Auf das praktische EDV-System stellte sich auch die Lehrbuchsammlung um, so daß für Studenten seitdem das Ausleihen nur mit geringem Aufwand verbunden ist.
Der wissenschaftliche Austausch mit anderen Universitäten
Die internationalen Beziehungen der FU wurden in den Jahren 1969 bis 1973 weiter ausgebaut. Die Zahl der eingeladenen Wissenschaftler konnte verdoppelt werden (auf etwa 400 pro Semester), die Partnerschaftsverhältnisse zu ausländischen Universitäten verstärkt werden. Ein Austausch von wissenschaftlichen Mitarbeitern und Hochschullehrern bestand zu den Universitäten London, Leningrad, La Paz, Istanbul und Ankara, außerdem zu zahlreichen amerikanischen Universitäten, mit denen seit Gründung der FU wissenschaftliche Kontakte gepflegt wurden. Allein mit elf Universitäten in den USA und in Kanada gab es ein Abkommen über einen regen Studentenaustausch, in Europa bestand dieses zu fünf Universitäten. Pro Semester wurden etwa 50 Forschungs- und Studienreisen von FU-Angehörigen in andere Länder mit finanzieller Unterstützung der FU durchgeführt. Zahlreiche Schüler- und Studentengruppen aus der Bundesrepublik und dem Ausland besuchten die FU. Die Zahl der Gäste an der FU, die in leitenden Positionen an ausländischen Universitäten (z.B. Rektoren oder Dekane) oder im Rundfunk- und Pressewesen des Auslandes beschäftigt waren, belief sich auf etwa 200 pro Jahr.
II. Zeittafel
31. Oktober 1969
Mehrheit für Fortsetzung des Reformmodells am OSI
Die Urabstimmung im Otto-Suhr-Institut über die Fortsetzung der dort praktizierten Reformsatzung, die nach dem Vorschaltgesetz zu Beginn jedes Semesters vorgeschrieben ist, ergibt bei allen funktionalen Gruppen eine Mehrheit für die Fortsetzung des Reformmodells. Die Auszählung ergibt bei den Hochschullehrern 12 (66,6%) für und 3 Stimmen gegen die Fortsetzung der Reformsatzung, in der Gruppe der wissenschaftlichen Mitarbeiter werden 51 Stimmen (75,1%) für und 1 Stimme gegen die Fortsetzung des Reformmodells abgegeben, von den 979 Studenten sprechen sich 580 (59,2%) für und 15 gegen das Reformmodell aus, und 53 der 72 Dienstkräfte (73,6%) votieren ebenfalls für die Weiterführung der OSI-Reform. (Vgl. 10. Okt. 1968 und Dok. 916 in Bd. V)
Erste Kandidaten für das Amt des FU-Präsidenten werden benannt
Mehrere Professoren der Philosophischen Fakultät der FU benennen als ihre Kandidaten für das Amt des Präsidenten und des Vizepräsidenten der FU den Frankfurter Ordinarius für Bürgerliches Recht, Handels- und Wirtschaftsrecht, Rudolf Wiethölter, und den Professor für Iranistik und Religionsgeschichte an der FU, Karsten Colpe.
3. November 1969
Beginn der Wahlen zum Übergangskonzil der FU
Für die 114 Sitze des Übergangskonzils der FU bewerben sich 303 Kandidaten.
4. November 1969
FU-Mediziner fordern mehr Stellen
In Briefen an den Senator für Wissenschaft und Kunst, Professor Dr. Werner Stein, den Kanzler der FU, Fritz von Bergmann, und den Dekan der Medizinischen Fakultät, Prof. Dr. Herbert Lax, fordern Hochschullehrer, Dozenten und Assistenten des Physiologischen und Biochemischen Instituts der FU einen Ausbau des Stellenplans, der sich an den Zulassungszahlen von zur Zeit rund 200 Studenten pro Semester orientieren soll. Sie kritisieren die Kuratoriumsvorlage für den 7. November, die dieser Forderung nicht entspreche.
Auf einer von 400 Studentinnen und Studenten besuchten Vollversammlung der Medizinischen Fakultät wird mit großer Mehrheit die Teilnahme an der für den 7. November einberufenen Sitzung des Kuratoriums der FU beschlossen. In einem Brief an den Vorsitzenden des Kuratoriums, den Regierenden Bürgermeister von Berlin, Klaus Schütz, fordern die Medizinstudenten die Verlegung der Kuratoriumssitzung in einen Raum, der die Teilnahme möglichst vieler Studenten ermöglicht. Andernfalls wird ein Go-in angekündigt. Der Direktor des Biochemischen Instituts, Prof. Dr. Tiedemann, fordert auf der Versammlung im Namen der Hochschullehrer die Schaffung von sechs neuen Assistentenstellen und acht Assistenzprofessuren.
Auf einer Versammlung von 50 wissenschaftlichen Mitarbeitern der Zahnklinik der FU wird die prinzipielle Zustimmung zum Streik der Zahnmedizinstudenten beschlossen. In einer Resolution wird erklärt, daß die Ausbildung der Studenten "im augenblick-lichen Zustand nicht mehr ausreichend gewährleistet" sei. Die wissenschaftlichen Mitarbeiter unterstützen die Forderung nach einer Kapazitätserweiterung und fordern die sofortige Bewilligung weiterer Planstellen für wissenschaftliche Mitarbeiter, eine vorzeitige Fertigstellung des geplanten Erweiterungsbaus der Klinik und die beschleunigte Besetzung des Lehrstuhls für Prothetik.
5. November 1969
Zahnmedizinstudenten streiken für bessere Studien-bedingungen
350 Zahnmedizinstudenten präzisieren auf einer "Streikvollversammlung" ihren Forderungskatalog zur Verbesserung der Studienbedingungen. Zusätzlich zu der verlangten Einrichtung von 20 neuen Arbeits-plätzen fordert die Vollversammlung mit großer Mehrheit die Schaffung von sechs zusätzlichen Assistenten- und vier Schwesternstellen sowie eine Erwei-terung um mindestens 25 neue Behandlungsstühle.
Mit dem geplanten Erweiterungsbau soll spätestens 1971 begonnen werden. In Folge des Streiks ist die zahnärztliche Versorgung stark beeinträchtigt. Die rund 550 Patienten, die von Studenten der klinischen Semester pro Woche versorgt werden, können nicht behandelt werden. Lediglich ein Notdienst für akute Fälle wird aufrechterhalten.
Übergangskonzil der FU gewählt
An den Wahlen zum Übergangskonzil der FU beteiligten sich die Hochschullehrer mit 66,6%, die wissenschaftlichen Mitarbeiter mit 73,8%, die Dienstkräfte mit 60% und die Studenten mit 28,6% der Wahlberechtigten. Im Übergangskonzil sind die Hochschullehrer, Assistenten und Studenten mit jeweils 33 Sitzen, die Dienstkräfte mit 15 Sitzen vertreten.
6. November 1969
Professor Lieber kandidiert für das Präsidentenamt der FU
"Der Abend" berichtet unter der Überschrift "Lieber hat jetzt die besten Chancen" über den Ausgang der Wahlen zum Übergangskonzil der FU. 50 der 114 Konzilsmitglieder seien als Befürworter einer Kandidatur des ehemaligen Rektors der FU, Prof. Dr. Hans-Joachim Lieber, für das Amt des Präsidenten der FU einzuschätzen.
7. November 1969
Psychologen fordern institutionelle Zusammenarbeit mit Erziehungswissenschaften
In einem Schreiben an den Dekan der Philosophischen Fakultät fordern Professor Jäger und 15 Mitarbeiter des Psychologischen Instituts der FU, daß bei der Fachbereichsbildung Psychologie und Erziehungswissenschaft nicht institutionell voneinander getrennt werden sollen, da beide Fächer auf zahlreichen Gebieten gemeinsame Lehr- und Forschungsaufgaben haben. (Vgl. 13. Febr. 1970, 17., 23., 24. und 26. März 1970)
8. November 1969
FU-Kuratorium beschließt 2. Nachtragshaushalt für 1969
Auf seiner 144. Sitzung verabschiedet das FU-Kuratorium gemäß Vorlage des Kanzlers Dr. von Bergmann den 2. Nachtragshaushalt der FU für 1969. Die Summe der Senatszuschüsse für die FU erhöht sich von 176.150.650 DM auf 184.150.650 DM.
Das Kuratorium beschließt den schwerpunktmäßigen Ausbau der Studienfächer Medizin und Zahnmedizin. Der Universitätspräsident wird beauftragt, bis zum 1. Februar 1970 einen Gesamtplan für die medizinische Ausbildung vorzulegen. In diesem Plan sollen die Bereiche Vorklinik und Klinik aufeinander abgestimmt werden sowie eine Überprüfung der baulichen Voraussetzungen für die Erweiterung erfolgen. Im Vorgriff auf den beabsichtigten Ausbau der Medizinischen Fakultät bewilligt das Kuratorium entsprechend einer Vorlage des Kanzlers der FU 22 neue Personalstellen und zusätzliche Sachmittel in Höhe von 1,5 Millionen DM für Investitions- und Baumaßnahmen der Institute für Physiologie und Physiologische Chemie. Der aufgrund dieses Beschlusses entstehende Mehrbedarf von 2.236.950 DM soll durch eine Erhöhung des Landeszuschusses für die Freie Universität gedeckt werden. Die auf der Kuratoriumssitzung anwesenden Vertreter der Medizinischen- und der Zahnmedizinischen Fakultät erklären ihr "außerordentliches Bedauern" über diesen Beschluß des Kuratoriums, da er nur zu 20% ihren Forderungen entspreche. Sie begrüßen ausdrücklich den Beschluß zum schwerpunktmäßigen Ausbau der Medizinischen Fakultät.
9. November 1969
Professor Wiethölter zieht Kandidatur für FU-Präsidentschaft zurück
"Der Tagesspiegel" meldet, daß der Frankfurter Professor Dr. Rudolf Wiethölter nicht mehr als Kandidat für das Amt des Präsidenten der Freien Universität Berlin zur Verfügung stehe. Am 10. November zitiert "Die Welt" ein Schreiben von Rudolf Wiethölter, in dem dieser die Absage seiner Kandidatur für das Amt des Universitätspräsidenten der Freien Universität Berlin begründet. In der "gegebenen gesellschaftlichen und verfassungspolitischen Wirklichkeit" könne ein Universitätspräsident "seine Funktion heute nur als politische Aufgabe" begreifen. Für die "profilierte reformerische Arbeit" benötige er "formale und inhaltliche Bedingungen", die er in dem Berliner Universitätsgesetz nicht gegeben sehe.(Vgl. 31. Okt. und 2. Nov. 1969)
In der "Berliner Morgenpost" erscheint ein Artikel von Prof. Dr. Hans-Joachim Lieber mit dem Titel: "Die Aufgabe eines FU-Präsidenten".
Dok. 997
10. November 1969
Konstituierende Sitzung des Konzils der FU gestört
Die konstituierende Sitzung des Übergangskonzils der Freien Universität Berlin kann nicht wie vorgesehen im Auditorium Maximum stattfinden, da ca. 500 Studenten den Raum besetzt halten. Der Zentrale Wahlvorstand der FU beschließt daraufhin, die Sitzung in das John-F.-Kennedy-Institut zu verlegen, und fordert Polizeischutz für dieses Gebäude an. Vor dem John-F.-Kennedy-Institut kommt es zu Zusammenstößen zwischen etwa 500 Studenten, meist Mitglieder der "Roten Zellen", die zur "Sprengung des Übergangskonzils" aufgerufen haben, und der Polizei.
Konzilsmitglieder fordern Einstellung der Ordnungsverfahren
20 linke und liberale Vertreter der Wissenschaftlichen Mitarbeiter und der Studenten im Übergangskonzil machen in einer Erklärung die Universitätsverwaltung für die Auseinandersetzungen anläßlich der konstituierenden Sitzung des Konzils verantwortlich. Durch die Einleitung neuer Ordnungsverfahren einen Tag vor Inkrafttreten des Universitätsgesetzes sei Unruhe unter den Studenten gesät worden. Sie fordern die sofortige Einstellung aller Ordnungsverfahren.
11. November 1969
Medizinstudenten beenden ihren Streik
An den Instituten für Physiologie, Physiologische Chemie und an der Universitätszahnklinik wird nach zehntägigem Streik der Lehrbetrieb wieder voll aufgenommen.
WiSo Vorlesung nach Störung abgebrochen
Mitglieder der "Roten Zelle Ökonomie" unterbrechen die Betriebswirtschaftsvorlesung von Prof. Dr. Bernhard Bellinger und versuchen, eine Diskussion über die Einrichtung eines Tutoriums zur Einführung in die marxistische Ökonomie herbeizuführen. Professor Bellinger bricht daraufhin seine Lehrveranstaltung ab und verlegt sie in das FU-Klubhaus. Bereits am 4. November war im gleichen Zusammenhang die Vorlesung von Prof. Bellinger unterbrochen worden.
"Rote Zelle Germanistik" droht mit Störungen
Am Germanischen Seminar der Freien Universität werden Flugblätter verteilt, in denen die Rote Zelle Germanistik exemplarische Aktionen gegen Lehrveranstaltungen ankündigt, deren Leiter sich auf der für den 12. November einberufenen Sitzung des Institutsrates gegen die Erteilung von Lehraufträgen für das "Fünfer-Projekt" aussprechen. Dieses Projekt sieht eine Selbstbestimmung der Studenten sowohl hinsichtlich des Arbeitsgegenstandes als auch der wissenschaftlichen Methode vor.
12. November 1969
Akademischer Senat benennt keinen Präsidentschaftskandidaten
Der amtierende Präsident der FU, Prof. Drs. Harndt, verliest ein Schreiben des Wissenschaftssenators zum Vorschlag des Akademischen Senats vom 15. Oktober 1969, den Wahltermin für dieses Gremium zu verschieben. Senator Stein teilt mit, daß er eine Verlegung der bereits angekündigten Wahlen nicht für vertretbar halte. Der Akademische Senat beschließt einstimmig, von seinem Recht auf Nominierung eines Präsidentschaftskandidaten keinen Gebrauch zu machen.
Dem Ende des Jahres in den Ruhestand tretenden Kanzler der FU, Dr.Dr.h.c. Fritz von Bergmann, soll auf einstimmigen Beschluß des Akademischen Senat, die Würde eines Ehrenmitgliedes der FU verliehen werden.
Der amtierende Präsident, Prof. Dr. Ewaldt Harndt, teilt mit, daß er gemäß § 42 des Universitätsgesetzes den Ersten Oberstaatsanwalt a.D. Blaesing, den Amtsgerichtsdirektor a.D. Dr. Kluger und Rechtsanwalt Hackelberg zu Mitgliedern des Ordnungsauschusses der FU benannt habe. Aus dem letzten Semester seien noch 6 Ordnungsverfahren anhängig.
Professor Klug lehnt Kandidatur für die Präsidentschaft an der FU ab
Auf einer Sitzung der linken und liberalen Konzilsabgeordneten der FU wird bekanntgegeben, daß der Kölner Professor Klug nicht zu einer Kandidatur für das Amt des Präsidenten der FU bereit sei. Prof. Klug ziehe seine juristische Tätigkeit in Köln und seine politische Arbeit in der FDP dem Amt des FU-Präsidenten vor.
Urteile in Prozessen gegen FU-Studenten
Der ehemalige AStA-Vorsitzende der FU, Johann Wolfgang Landsberg, wird von dem Vorwurf der Aufforderung zu strafbaren Handlungen im Zusammenhang der "Osterunruhen" vom April 1968 und einer Institutsbesetzung an der FU freigesprochen.
Zwei Studenten der FU werden wegen ihrer Teilnahme an den gewaltsamen Auseinandersetzungen während der Demonstration am Tegeler Weg zu einer Gefängnisstrafe von elf bzw sechs Monaten verurteilt. (Vgl. 4. Nov. 1968)
13. November 1969
FU-Präsidentschaft: Kandidatenkarussell dreht sich weiter
Die Versammlung linker und liberaler Konzilsmitglieder spricht sich mit 25 gegen 13 Stimmen für eine Kandidatur des Akademischen Oberrates am Otto-Suhr-Institut, Dr. Hans-Hermann Hartwich, aus. Dr. Hartwich lehnt jedoch eine Kandidatur ab, da er die Geschlossenheit der linken und liberalen Gruppierungen im Konzil für nicht ausreichend hält, die Durchsetzung der angestrebten inhaltlichen Reformen zu garantieren.
14. November 1969
Internationales Vietnam-Moratorium
Über 6000 Personen beteiligen sich in West-Berlin an einer Demonstration im Zusammenhang des internationalen "Vietnam-Moratoriums". An den Demonstrationen in Westeuropa und den USA beteiligen sich über zwei Millionen Menschen.
16. November 1969
Rolf Kreibich kandidiert für das Amt des FU-Präsidenten
Die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, daß die linken und liberalen Mitglieder des Konzils als ihren Kandidaten für das Amt des Präsidenten der Freien Universität Berlin nunmehr den Diplomphysiker und Diplomsoziologen Rolf Kreibich, Assistent am Soziologischen Institut der FU, benannt haben. Rolf Kreibich wurde 1937 geboren. 1960 verließ er die DDR, weil dort, wie er erklärt, "ein Sozialismus praktiziert wird, der nach meiner Ansicht eine Umkehr des wirklichen Sozialismus ist". Nach dem Mauerbau beteiligte sich Kreibich an Fluchthilfeunternehmen (laut Welt vom 1. Dez.). Nach Abschluß seines Physikstudiums befaßte er sich mit Soziologie und Politischer Wissenschaft. Seit 1967 war er Assistent am Soziologischen Institut der FU und wurde 1969 dessen Institutsratsvorsitzender. Kreibich gehört der SPD an und rechnet sich zum linken Flügel dieser Partei. Er bezeichnet sich als Vertreter des demokratischen Sozialismus und kritisiert die Entwicklung nach dem "Godesberger Programm" als "vulgär-pragmatisch".
17. November 1969
FU-Übergangskonzil nominiert Präsidentschaftskandidaten
Das Übergangskonzil der Freien Universität tagt in der von Polizeikräften vollständig abgeriegelten Landesbildstelle in Moabit. Als Kandidaten für das Amt des Präsidenten der FU werden der 46jährige Professor für Philosophie an der FU und ehemalige Rektor Hans-Joachim Lieber und der 31jährige Vorsitzende des Institutsrates am Soziologischen Institut der FU, Rolf Kreibich, nominiert. Prof.Dr. Hans-Joachim Lieber erhält 40 Unterschriften für seine Kandidatur, Rolf Kreibich 55.
Dok. 998
18. November 1969
Kommune I am Ende
Unter der Überschrift "Das ist das Erbe der Kommune" berichtet die BZ vom Ende der "Kommune I" in der Stephanstraße 60.
Dok. 999
19. November 1969
Rolf Kreibich erläutert seine hochschulpolitischen Vorstellungen
Der Kandidat der linken und liberalen Mitglieder des Übergangskonzils Rolf Kreibich stellt sich auf einer Pressekonferenz der Öffentlichkeit vor. Kreibich betont, daß er die Experimentierklausel des neuen Universitätsgesetzes "stets extensiv" auslegen werde, und spricht sich für eine starke Beteiligung der Studenten und der Anderen Dienstkräfte an den demokratischen Entscheidungsprozessen innerhalb der Universität aus. Kreibich erklärt: "Die herkömmliche Universität ist zum Zerrbild ihres geistigen Anspruchs geworden". Sie genüge nicht einmal den Leistungskriterien der hochindustrialisierten Gesellschaft, "geschweige denn dem emanzipatorischen Auftrag der Wissenschaft".
Dok. 1000
20. November 1969
FU vor der Zerreißprobe ?
"Der Abend" berichtet unter der Überschrift "Vor der Zerreißprobe" über die Vorbereitungen zur Wahl des Präsidenten der FU. Die "jetzige Präsidentschafts-Alternative" müsse "die FU in eine äußerst gefährliche, wenn nicht sogar tödliche Zerreißprobe" führen.
Dok. 1001
Presseberichte über Vorlesungsstörungen an der FU
"Die Welt" berichtet, daß an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der FU seit Semesterbeginn auf Grund von Vorlesungsstörungen der "Roten Zelle Ökonomie" (Rotzök) bereits acht Lehrveranstaltungen abgebrochen werden mußten. Die Vorlesung von Prof. Dr. Bernhard Bellinger habe außerhalb der Universität unter Polizeischutz stattgefunden. Diese Kampagne der Rotzök werde nicht für studentische Belange geführt, sondern ziele darauf, die bürgerliche Wissenschaft in ihrem "Schwachsinn" zu entlarven und zu verhindern. Die Rotzök stelle die Forderung nach Etablierung marxistischer Lehrinhalte.
21. November 1969
FU-Kuratorium für Vertagung der Präsidentenwahl
Auf seiner kurzfristig einberufenen 145. Sitzung appelliert das Kuratorium der FU auf Vorschlag von Wissenschaftssenator Stein mit 5:1:2 Stimmen an das Überganskonzil der FU, die Wahl des Präsidenten der FU zu vertagen. Nachdem in der Universität zwischen den die beiden Präsidentschaftskandidaten stützenden Lagern eine "unheilvolle Polarisierung" entstanden sei, "glaubt das Kuratorium, daß ein Präsident, der ohne eine überzeugende Mehrheit" gewählt werde, vor eine "besonders schwierigen Situation" stehe. "Der Grundgedanke der strukturellen Hochschulreform in Berlin, der Gedanke der sachlichen Kooperation aller Mitglieder der Hochschule, erscheint damit gefährdet." Der Vizepräsident des Abgeordnetenhauses, Peter Lorenz (CDU), und der amtierende FU-Präsident, Prof. Dr. Harndt, sprechen sich gegen den Antrag von Senator Stein aus. Lorenz befürchtet, daß ein Appell des Kuratoriums die Position des Kandidaten Professor Lieber verschlechtern werde, der seiner Auffassung nach noch immer Aussicht habe, gewählt zu werden.
Rotzeg warnt vor Kreibich
Die Rote Zelle Germanistik warnt in einem Flugblatt davor, Hoffnungen in den Assistentenkandidaten Kreibich zu setzen. Kreibich sei gegenüber dem "Hinterwäldler des Kapitalismus, Lieber," als Technokrat "objektiv die letzte Hoffnung der Herrschenden".
Dok. 1002
24. November 1969
Rolf Kreibich wird Präsident der FU
Das Übergangskonzil wählt den Diplomphysiker und Soziologen Rolf Kreibich mit 61 Stimmen zum 1. Präsidenten der Freien Universität Berlin. Sein Gegenkandidat Prof. Dr. Hans-Joachim Lieber erhält 49 Stimmen. Zwei Mitglieder des Konzils enthalten sich der Stimme; zwei Wahlscheine sind ungültig. Die Wahl findet unter starkem Polizeischutz in der Landesbildstelle in Moabit statt, da einige Rote Zellen auf Flugblättern eine Sprengung der zunächst im Auditorium maximum der FU einberufenen Wahlversammlung angekündigt hatten.
Heinrich Lummer bezeichnet Wahl Kreibichs als legal
Der Vorsitzende der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Heinrich Lummer, bezeichnet in einer Stellungnahme die Wahl von Rolf Kreibich zum Präsidenten der FU als legale Entscheidung eines demokratisch gewählten Organs.
Vorlesungsstörungen an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät
Mehrere Lehrveranstaltungen werden an der WiSo-Fakultät durch Gruppen von 25 bis 60 Studenten unterbrochen, um Diskussionen über die Forderung nach Tutorien mit marxistischer Themenstellung herbeizuführen. In den meisten Fällen brechen die Professoren daraufhin ihre Veranstaltungen ab. (Vgl. 11. Nov., 1. und 8. Dez. 1969)
25. November 1969
Pressestimmen zur Wahl von Rolf Kreibich
Die "Süddeutsche Zeitung" berichtet unter der Überschrift "Durch Straßensperren ins Spannungsdreieck" von der Wahl Rolf Kreibichs zum Präsidenten der FU.
Gegenüber der "Frankfurter Rundschau" äußert der neugewählte Präsident der FU, Kreibich, eines seiner langfristigen Ziele sei die Umwandlung der Universitätsverwaltung zu einem Instrument modernen Managements. Kreibich kündigt an, er werde für Transparenz der Entscheidungsprozesse innerhalb der Universität sorgen.
Dok. 1003
Senat bestätigt die Wahl des FU-Präsidenten
Der West-Berliner Senat bestätigt gemäß §6 des Universitätsgesetzes die Wahl von Rolf Kreibich zum 1. Präsidenten der Freien Universität Berlin.
Präsident Kreibich will Ordnungsrecht abschaffen
Auf einer studentischen Vollversammlung der Philosophischen Fakultät erklärt Rolf Kreibich, daß er sich für die Abschaffung des Ordnungsrechtes einsetzen werde.
Professor Maßhoff wird Direktor des FU-Klinikums
Neuer Direktor des Klinikums der FU wird Prof. Dr. Wilhelm Maßhoff, Ordinarius für Allgemeine Pathologie und Pathologische Anatomie. Professor Maßhoff tritt die Nachfolge von Professor Heinz Goerke an, der zum 1. November 1969 einen Ruf der Universität München angenommen hat.
26. November 1969
Staatlicher Zuschuß für FU wird erhöht
Der Hauptausschuß des Abgeordnetenhauses von Berlin beschließt in seiner 149. Sitzung eine vorsorgliche Erhöhung des Zuschusses an die Freie Universität von 204 auf 208 Millionen DM, um damit einen Ausgleich für die Auswirkungen des Universitätsgesetzes zu schaffen.
27. November 1969
Drahtseilakt über dem Campus
In der "Welt" berichtet Bernd Nellessen über die Präsidentschaftswahl an der FU. Dem neugewählten Präsidenten Rolf Kreibich räumt Nellessen nur eine geringe Chance ein, seine siebenjährige Amtszeit durchzustehen.
Dok. 1004
Kuratorium bewilligt Mittel für Großrechenanlage
Zu Beginn der 146. Sitzung begrüßt der Vorsitzende des FU-Kuratoriums, der Regierende Bürgermeister Klaus Schütz, den neugewählten Präsidenten der FU, Rolf Kreibich, und gibt bekannt, daß der bisherige amtierende Präsident, Professor Harndt, und sein Vizepräsident, Professor Lieber, auf eigenen Wunsch vorzeitig aus dem Kuratorium ausscheiden. Das Kuratorium bewilligt 1,3 Millionen DM Personal- und Sachausgaben für Ankauf oder Miete einer Großrechenanlage und beschließt einen Ausbau der medizinischen Fachgebiete Neurochirurgie und Zahnärztliche Prothetik, die Errichtung einer selbständigen Abteilung Neurologie am Klinikum Westend und eine Erweiterung der Poliklinik und Klinik für Zahn-, Mund, und Kieferkrankheiten. Der Haushaltsplan der FU für 1970 erhöht sich um ca. 3,7 Millionen DM auf 256.990.610 DM. Eine entsprechende Erhöhung des öffentlichen Zuschusses soll beim Senator für Wissenschaft und Kunst erwirkt werden.
Das Kuratorium übernimmt alle noch bestehenden Verbindlichkeiten des aufgelösten FU-AStAs.
(Vgl. 1. Dez. 1970)
29. November 1969
Interpretation der Wahl Kreibichs als Votum für die Universitätsreform
In der "Berliner Stimme" kommentiert Nils Diderichs (SPD) die Wahl von Rolf Kreibich zum Präsidenten der FU. Der Gesetzgeber habe "den Universitäten eine Chance für die demokratische Reform eingeräumt". Alle Mitglieder der Universität seien "aufgefordert und verpflichtet, daran mitzuwirken." Die Mehrheit für Kreibich sei "kein Votum für vermeintlich erkannte Qualitäten in der Person, sondern ein Votum für die Universitätsreform". Durch "Ablehnungen der Kandidatur und ablaufende Nominierungsfristen" seien die wissenschaftlichen Mitarbeiter schließlich gezwungen gewesen, einen Kandidaten aus ihren Reihen zu suchen. Nachdem eine Mehrheit der linken Fraktion für Kreibich votiert habe, "hätte jede Stimmenthaltung bei der endgültigen Abstimmung am 24. November im Ergebnis eine Option für Lieber bedeutet".
30. November 1969
FU-Präsident trifft sowjetischen Gastprofessor
Der Präsident der Freien Universität, Rolf Kreibich, trifft im Gästehaus der FU mit dem Direktor des Instituts für Politik und Ökonomie an der Universität Leningrad, Sergej Iwanowitsch Tulpanow, zusammen. Professor Tulpanow hält sich gegenwärtig im Rahmen eines Austauschprogramms zwischen der Freien Universität Berlin und der Universität Leningrad zu Gastvorlesungen in Berlin auf. In der Unterredung wird ein Ausbau des wissenschaftlichen Austauschprogramms der beiden Universitäten diskutiert und die Ausarbeitung eines langfristigen Konzeptes für dieses Vorhaben vereinbart. (Vgl. 4. Dez. 1969)
Wissenschaftsenator Stein nicht zufrieden mit der Wahl Kreibichs
Der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, erklärt in einem Interview, bei der Wahl des neuen Präsidenten der FU habe sich gezeigt, daß im Übergangskonzil der FU Konstellationen vorhanden seien, die sich der Gesetzgeber bei der Ausarbeitung des Universitätsgesetzes nicht vorgestellt habe.
1. Dezember 1969
"Wird aus der FU eine 'marxistische Kaderschmiede'"?
Unter dieser Überschrift berichtet Hans-Erich Bilges in der "Welt" über die Situation an der FU zum Zeitpunkt des Amtsantritts des neuen Präsidenten Rolf Kreibich. In der gleichen Ausgabe veröffentlicht "Die Welt" eine Erklärung des Ordinarius für Staats- und Verwaltungsrecht an der Juristischen Fakultät der FU, Prof. Dr. Karl-August Bettermann. Professor Bettermann kritisiert die Bestätigung von Rolf Kreibich in seinem Amt als Präsident der FU durch den Senat von Berlin. Die Erklärung trägt als Überschrift: "Vorbildung, Alter und bisherige Tätigkeit reichen zur Ausübung des Präsidenten-Amtes nicht aus".
Dok. 1005
Vorlesungsabbruch an der WiSo-Fakultät der FU
An der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der FU bricht Prof. Dr. Bernhard Bellinger seine Vorlesung ab, nachdem sich die Mehrheit der in der Veranstaltung anwesenden Studenten für eine Diskussion anstelle des Lehrbetriebes entscheidet. Professor Bellinger erklärt, daß die Veranstaltung durch vorlesungsfremde Studenten majorisiert worden sei. Auch andere Veranstaltungen an der WiSo-Fakultät werden durch Studenten unterbrochen. (Vgl. 11. und 24. Nov., 4. und 8. Dez. 1969)
Wissenschaftssenator Stein trifft den neuen FU-Präsidenten
Der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, trifft den neugewählten Präsidenten der FU, Rolf Kreibich, zu einem ersten offiziellen Gespräch. Professor Stein und Rolf Kreibich betonen ihre Bereitschaft zur konstruktiven Zusammenarbeit im Rahmen des Universitätsgesetzes.
2. Dezember 1969
Professoren wollen Reformen unterstützen
28 Professoren der FU fordern in einer Erklärung dazu auf, dem neugewählten Präsidenten der FU, Rolf Kreibich, "Gelegenheit zu geben, sich in sein Amt einzuarbeiten". Sie wenden sich "gegen Untergangspropheten und meinen, daß die neuen Möglichkeiten zur Reform der Universität in fairer Zusammenarbeit genutzt werden" sollten. Weitere elf Professoren schließen sich dieser Erklärung am 13. Dezember an.
3. Dezember 1969
Mittel für Herzzentrum werden bewilligt
Der Hauptausschuß des Berliner Abgeordnetenhauses bewilligt in seiner 151. Sitzung 3,9 Millionen DM für Um- und Erweiterungsbauten im Rahmen des Dringlichkeitsprogramms der FU: In der Chirurgischen Universitätsklinik im Westend-Krankenhaus der FU soll mit dem Bau eines Herzzentrums für Organtransplantationen und den künstlichen Ersatz von Organen begonnen werden. Des weiteren sind im Rahmen des Dringlichkeitsprogramms Baumaßnahmen für das Pharmakologische Institut vorgesehen. Dort soll auf Empfehlung des Wissenschaftsrates das Fachgebiet Embryonal-Pharmakologie erweitert werden. Für die Neubauten, die im Januar 1970 beginnen sollen, werden rd. fünf Millionen DM bereitgestellt.
FU-Präsident vermittelt am Romanischen Seminar
Nach Vermittlung durch den Präsidenten der FU, Rolf Kreibich, kann der Abbruch der Vorlesung von Prof.Dr. Walter Pabst am Romanischen Seminar abgewendet werden. Mehrere Studenten haben bei einem "Go-in" gefordert, daß Professor Pabst sich zu Publikationen während der Zeit des Nationalsozialismus äußern solle. Sie werfen ihm vor, in diesen Publikationen faschistische Ideen vertreten zu haben. Der Vorschlag von Präsident Kreibich, am 8. Dezember auf einer gesonderten Veranstaltung eine rationale Diskussion der Vorwürfe durchzuführen, wird von allen Beteiligten akzeptiert.
Sozialistische Assistentenzelle am OSI gegründet
Am Otto-Suhr-Institut gründen 16 Angehörige des wissenschaftlichen Mittelbaus eine "Sozialistische Assistentenzelle" (SAZ). In einem "Arbeits- und Projektbericht" - verfaßt für die Arbeitskonferenz der "Roten Presse Korrespondenz" (RPK) am 6./7. Dezember 1969 - bezeichnen die Gründer der SAZ die Überwindung "der bürgerlichen Form unserer Arbeit" als ihre gemeinsame Perspektive. Dazu erachten sie u.a. als notwendig,
- "die durch unsere berufliche Stellung möglichen Konflikte mit den Studenten bewußt zu machen und in solidarischer Zusammenarbeit mit ihnen organisiert zu bewältigen;
- die Hochschulpolitik in ihrer relativen Funktion zu erkennen und unsere Hauptarbeit den Kämpfen außerhalb der Universität zu widmen;".
Die SAZ kündigt zur Unterstützung politischer Projekte die Einrichtung eines durch ihre Mitglieder finanzierten Fonds an.
Senat antwortet auf Anfrage über Ulrike Meinhof
Der Regierende Bürgermeister Klaus Schütz und der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, antworten auf eine kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Ursula Besser (CDU) vom 17. November 1969. Frau Dr. Besser will unter anderem wissen, ob dem Senat bekannt sei, daß Frau Ulrike Meinhof in ihrer Lehrveranstaltung "Funklabor, Möglichkeiten von Agitation und Aufklärung im Hörfunk, Feature" geäußert habe, "die Lehrveranstaltung diene nicht der Ausbildung von Journalisten, die politisch gegen die Linke arbeiteten; die Ergebnisse dieser Lehrveranstaltung hätten der Agitationsarbeit zu dienen; die Teilnehmer der Lehrveranstaltung hätten Verbindung zur Roten Garde und zum Roten Spartakusbund aufzunehmen". Frau Dr. Besser fragt, was "seitens des Rektorats der FU bisher" in dieser Sache unternommen worden sei und ob der Senat billige, "daß Lehrveranstaltungen an der FU in dieser Weise umfunktioniert werden" In der Antwort wird darauf verwiesen, daß beim Präsidenten der FU auf Grund einer Protokollnotiz über diese Äußerungen ein Gespräch mit dem Direktor des Instituts für Publizistik, Professor Pross, stattgefunden habe, in dem dieser um Überprüfung der Angelegenheit gebeten worden sei. Ein Ergebnis sei dem Präsidenten der FU bisher noch nicht vorgelegt worden. Im übrigen billige der Senat die genannten Äußerungen von Frau Meinhof nicht.
4. Dezember 1969
Erster öffentlicher Habilitationsvortrag an der FU
Erstmals wird gemäß den Bestimmungen des neuen Universitätsgesetzes ein Habilitationsvortrag an der Freien Universität Berlin öffentlich gehalten. Dr. Ekkehart Krippendorff spricht vor Vertretern der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät und ca. 300 Studenten über das Thema "Zur Geschichte und zur inhaltlichen Neubestimmung des Begriffs Imperialismus".
Wahlen zum Institutsrat des OSI
An den Wahlen zum drittelparitätisch besetzten Institutsrat des Otto-Suhr-Instituts der FU beteiligen sich nach Boykottaufruf des "Sozialistischen Arbeitskollektivs am OSI" (SAKO) nur 23,7% der Studenten. Mittelbau und Hochschullehrer nehmen zu 70-80% an der Wahl teil. Der Institutsrat bestätigt auf seiner konstituierenden Sitzung den bisherigen Vorsitzenden, Dr. Hartwich, in seinem Amt.
WiSo-Fakultät fordert Eingreifen des FU-Präsidenten
Unter Hinweis auf die erneute Störung der Vorlesung von Prof. Dr. Bernhard Bellinger fordert die Fakultät der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften den Präsidenten der FU auf, "geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um den geordneten Gang der akademischen Angelegenheiten wiederherzustellen". (Vgl. 11. und 24. Nov., 1. und 8. Dez. 1969)
Präsident Kreibich entläßt Ordnungsbeauftragte
Der Präsident der FU, Rolf Kreibich, widerruft die Bestellung der drei Beauftragten für die Ordnungsverfahren an der FU. Vorausgegangen ist ein Gespräch, in dem der Präsident den Beauftragten, Oberstaatsanwalt a.D. Blaesing, Amtsgerichtsdirektor a.D. Kluger und dem Rechtsanwalt Hackenberger, nahelegt hat, von ihren Ämtern zurückzutreten. Dies wurde von den drei Beauftragten abgelehnt. Kreibich erklärt in diesem Zusammenhang, daß er die Funktion des Ordnungsausschusses politisch definiere und ihn nicht weiterhin als "Mittel der politischen Disziplinierung" an der Universität eingesetzt sehen wolle.
ZDF-Magazin kritisiert Gastvorlesung von Professor Tulpanow
Der Moderator des ZDF-Magazins, Gerhard Löwenthal, geht während seiner Sendung auf die Gastvorlesung des Leningrader Professors Sergej Iwanowitsch Tulpanow an der FU ein und erklärt: "Wenn heute dort der sowjetische Offizier, der der eigentliche Anlaß für die Gründung dieser Universität war, weil er nämlich die geistige Freiheit an der alten Universität Unter den Linden unterdrückte und viele von uns persönlich mit Verfolgung bedrohte, - wenn dieser Mann heute an dieser Freien Universität eine Vorlesung halten kann, dann ist das für mich einfach ein erbärmliches Schauspiel".Löwenthal spricht in diesem Zusammenhang vom Niedergang der Freien Universität, in der "Freiheit tagtäglich systematisch untergraben wird". (Vgl. 30. Nov. 1969)
5. Dezember 1969
Bild-Zeitung befürchtet Professorenflucht aus Berlin
Die Berliner Ausgabe der "Bild-Zeitung" veröffentlicht einen Artikel unter der Schlagzeile "Professorenflucht aus Berlin", in dem der Historiker Prof. Dr. Hans Herzfeld zitiert wird: "Die Linksradikalen, die sich hier breitgemacht haben, vertreiben die besten Wissenschaftler. Seit der Wahl des linken Soziologie-Assistenten Kreibich zum Universitäts-Präsidenten ist eine sinnvolle wissenschaftliche Arbeit nicht mehr möglich. Die meisten Dozenten warten - sofern sie nicht schon abgewandert sind - nur darauf, daß sie eine Berufung an eine westdeutsche Universität erhalten". Namentlich werden in diesem Zusammenhang als Weggänge von der FU aufgeführt: "Ewald Harndt, Direktor der Klinik für Zahn-, Mund- und Kieferkrankheiten. Fritz von Bergmann, Kanzler und Chef der Wirtschaftsverwaltung der FU. Pro-Rektor Hans-Joachim Lieber. Professor Hans Hörmann, zweiter Mann im Psychologischen Institut der FU". (Vgl. 6. Dez. 1969)
6. Dezember 1969
"Tagesspiegel" widerspricht "Bild-Zeitung"
"Der Tagesspiegel" veröffentlicht eine korrigierende Darstellung zu dem Artikel "Professorenflucht aus Berlin" aus der "Bild-Zeitung" vom 5. Dezember. "Der Tagesspiegel" wirft der Bildzeitung unter Hinweis auf die destruktiven Absichten einiger linksradikaler Kräfte vor, "daß diese Art von Publizistik die Universität auch zerstören kann".
"Bayern-Kurier" sieht FU unter dem Diktat der Roten Zellen
"Der Bayern-Kurier" berichtet unter der Überschrift "Diktat der Roten Zellen" über die Situation an der Freien Universität und den neugewählten Präsidenten Rolf Kreibich.
Dok. 1006
6. und 7. Dezember 1969
APO kann sich nicht mehr einigen
Auf der Arbeitskonferenz der Wochenzeitschrift "Roten Presse Korrespondenz der Studenten-, Schüler- und Arbeiterbewegung" (RPK) scheitert der Versuch einer gemeinsamen Strategie- und Organisationsdebatte der verschiedenen Gruppen und Fraktionen der Außerparlamentarischen Opposition West-Berlins. Unterschiedliche Vorstellungen über den Aufbau einer maoistischen Partei polarisieren die Arbeitskonferenz.
Unter den zahlreichen Strategiepapieren, die auf der Arbeitskonferenz zur Diskussion stehen befinden sich auch Selbstdarstellungen der an der FU in den letzten Monaten gegründeten Roten Zellen Rotzjur, Rotzmed, Rotzök und Rotzeg.
Dok. 1007
8. Dezember 1969
Diskussionsveranstaltung am Romanischen Seminar endet im Dissens
Auf einer Diskussionsveranstaltung am Romanischen Seminar der FU verteidigen vor 400 Studenten und 20 Professoren Prof. Dr. Richard Löwenthal und Prof. Dr. Ernst Heinitz ihren Kollegen Prof. Dr. Walter Pabst gegen Vorwürfe der "Roten Zelle Romanistik". Professor Pabst habe als Journalist in der Zeit des Nationalsozialismus nicht ohne Kompromisse leben können. Professor Heinitz, der als Jude nach Italien emigrierte, bescheinigt Professor Pabst, daß dieser als Mitarbeiter des deutschen Konsuls in Florenz mitgeholfen habe, vielen Verfolgten das Leben zu retten. Fast alle anwesenden Professoren verlassen den Saal, als die "Rote Zelle Romanistik" - entgegen vorheriger Absprachen mit Präsident Kreibich - eine Resolution vorlegt, die sich gegen ein weiteres Verbleiben von Professor Pabst am Romanischen Seminar der FU wendet und die Forderung nach zwei, gemäß den Vorschlägen der Studenten zu besetzenden Assistentenstellen erhebt. Die Resolution wird von den Anwesenden nicht angenommen. Präsident Kreibich warnt die Studenten, nicht durch ihr Verhalten den Weg zu Reformen zu verschütten. Eine "emanzipatorische Reform" könne nur ohne psychische und physische Gewalt durch Aufklärung verwirklicht werden. (Vgl. 4. Dez. 1969)
Professor Flechtheim tritt aus Zentralem Wahlvorstand zurück
Prof. Dr. Ossip K. Flechtheim tritt als Mitglied des Zentralen Wahlvorstandes der FU zurück. Professor Flechtheim hatte gemeinsam mit mehreren Kollegen anläßlich der studentischen Aktionen gegen die Konstituierung des Übergangskonzils am 10.November eine Erklärung veröffentlicht, die die Ordnungsverfahren als Ursache der Auseinandersetzungen bezeichnet und "Untergangspropheten" im Kreis der Professoren kritisiert. Daraufhin hatte der Vertreter der Juristischen Fakultät im Zentralen Wahlvorstand, Professor Blümel, in Schreiben an den Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, und den Regierenden Bürgermeister, Klaus Schütz, gegen Professor Flechtheim den Vorwurf der Neutralitätsverletzung erhoben.
FU-Präsident will an der WiSo-Fakultät vermitteln
Gespräch zwischen dem Präsidenten der FU, Rolf Kreibich, dem Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät, Prof. Dr. Wolfram Fischer, und dem Ordinarius für Betriebswirtschaftslehre, Prof. Dr. Bernhard Bellinger, über einen möglichen Abbruch der Lehrveranstaltung von Professor Bellinger. Präsident Kreibich schlägt vor, die Lehrveranstaltung bis Weihnachten auszusetzen. In dieser Zeit will der Präsident mit der Roten Zelle Ökonomie über eine Beilegung des Konfliktes diskutieren. Dekan Fischer lehnt diesen Vorschlag als unakzeptabel ab und schlägt eine öffentliche Diskussion in der Lehrveranstaltung von Professor Bellinger vor. Unterdessen dauern die Störungen von Lehrveranstaltungen an der WiSo-Fakultät unvermindert an. (Vgl. 11. und 24. Nov., 1., 4. und 16. Dez. 1969, 7. und 8. Jan. 1970)
Neue Mitarbeiter im Präsidialamt
Der Präsident der FU, Rolf Kreibich, überträgt die Position des Universitätsdirektors und Leiters der Abteilung 1 der Universitätsverwaltung "interimistisch" dem bisherigen Oberregierungsrat beim Senator für Justiz, Detlev Borrmann. Der Jurist Dr. Klaus Warncke, bisher Regierungsassessor in der Senatsverwaltung für Finanzen, wechselt ebenfalls in diese Abteilung des Präsidialamts.
Präsident Kreibich beruft neuen Ordnungsauschuß
Der Präsident der FU, Rolf Kreibich, beruft als Mitglieder des Ordnungsauschusses der FU Rechtsanwalt Lothar Vortisch (SPD), Rechtsanwalt Otto Schily (RC) und den ehemaligen AStA-Vorsitzenden der TU, Rainer Wethekam. In diesem Zusammenhang erklärt Präsident Kreibich, er habe die Abberufung der bisherigen Mitglieder des Ordnungsauschusses verfügt, um das auch vom Gesetzgeber angestrebte Zusammenwirken der Universitätsmitglieder dadurch zu ermöglichen, daß die "inneruniversitären Konflikte ohne die Belastungen aus der Vergangenheit gelöst werden können".
Beratergremium für FU-Präsident gebildet
Zehn Vertreter der Hochschulgruppen, die Präsident Kreibich gewählt haben, konstituieren sich als Beratergremium des Präsidenten. Zwei Mitglieder des Beratergremiums gehören Roten Zellen an.
Dok. 1008
9. Dezember 1969
Presseberichte über FU
Unter Überschriften wie "FU-Präsident zwischen den Flügeln" ("Der Tagesspiegel"), "Kreibich stand im Zielkreuz der Roten Zelle Romanistik" ("Die Welt") und "GUF gegen Rotzrom/Der Volksgerichtshof der Studenten tagt" ("Frankfurter Allgemeine Zeitung") berichtet die Presse über die Diskussionsveranstaltung im Romanischen Seminar vom Vortage.
Dok. 1009
Die "Bild-Zeitung" veröffentlicht eine Gegendarstellung des Präsidenten der FU zu ihrem Artikel "Professorenflucht aus Berlin". (Vgl. 5. Dez. 1969)
Dok. 1010
Präsident Kreibich solidarisiert sich mit griechischen Studenten
Der Präsident der FU, Rolf Kreibich, erklärt sich in einem Schreiben solidarisch mit dem aus Protest gegen das Militärregime in Hungerstreik getretenen Vorsitzenden der "Vereinigung griechischer Studenten und Akademiker in Berlin", Stergios Katsanides. Mit seinem Hungerstreik will Katsanides die Entscheidung des Europarates über einen Ausschluß Griechenlands beeinflussen.
10. Dezember 1969
Senat nimmt zum Mietstreik in Studentenheimen Stellung
Auf eine Kleine Anfrage des Abgeordneten Dr. Klaus Riebschläger (SPD) vom 25. November zum Mieter-Streik in den vom Studentenwerk für Berlin verwalteten Studentenwohnheimen antworten Bürgermeister Kurt Neubauer und Wissenschaftssenator Professor Stein, "daß seit dem 1. Juni 1969 fast alle Studenten des Studentenwerks Charlottenburg e.V. in den Wohnheimen Siegmundshof, Eichkamp und Hardenbergstr. 34 ihren vertraglichen Mietzins nur um 30% gekürzt bezahlen, wodurch monatlich ca. 35.000 DM Mindereinnahmen entstanden sind". Der Mietstreik solle der Forderung nach "Wohngeld an alle außerhalb des Haushalts ihrer Eltern wohnenden Studenten" und nach familienunabhängiger Förderung aller Studenten Nachdruck verleihen. Der Senat erklärt, daß er für die Ziele der Studenten "Verständnis habe und sich dafür einsetze, daß er illegale Methoden aber ablehnen müsse".
Kontroverse Diskussion an der WiSo-Fakultät mit Präsident Kreibich
FU-Präsident Kreibich diskutiert in der Vorlesung von Professor Bellinger mit Hochschullehrern und Studenten der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät. Präsident Kreibich betont seine Absicht, den Konflikt an der WiSo-Fakultät auf die Ebene rationaler Auseinandersetzung zu heben und zu bereinigen. Er wolle die Studenten der "Roten Zelle Ökonomie" davon überzeugen, daß sie ihre Ziele nur durch vernunftmäßige Mittel, nicht aber durch "exemplarische Aktionen" gegen einzelne Hochschullehrer erreichen könnten. Kreibich drückt seine Überzeugung aus, daß im Lehrkörper der FU auch Marxisten vertreten sein sollten. Die Professoren der Fakultät halten die Besetzung von Stellen mit Marxisten nicht für einen Lösungsweg der aktuellen Konflikte. Präsident Kreibich sichert den Professoren der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät zu, im Falle der Erfolglosigkeit seines Gesprächs mit den Studenten der "Roten Zelle Ökonomie", für den Schutz ihrer Lehrfreiheit Sorge zu tragen. Der Dekan der WiSo-Fakultät, Prof Dr. Wolfram Fischer, wendet sich gegen die von Präsident Kreibich geäußerte Auffassung, der Lehrplan der WiSo-Fakultät sei um das Fach Politische Ökonomie ergänzungsbedürftig. Professor Fischer weist daraufhin, daß die "Rote Zelle Ökonomie" mehrfach in Flugblättern ihre Absicht bekundet habe, die bürgerliche Ökonomie zerstören zu wollen. An der Fakultät würden sich 13 Lehrveranstaltungen mit Politischer Ökonomie befassen, darunter auch seine beiden Lehrveranstaltungen, die Politische Ökonomie unter marxistischen Vorzeichen behandelten.
11. Dezember 1969
Präsident Kreibich erläutert vor FU-Kuratorium seine Vorstellungen zum Ordnungsrecht an der FU
147. Sitzung des Kuratoriums der FU. Das Kuratorium bittet Präsident Kreibich, seine Grundsatzvorstellungen zu Ordnungsverfahren zu erläutern. Kreibich betont, daß der neue Ordnungsausschuß sich strikt an die gesetzlichen Vorstellungen halten werde. Das Kuratorium beschließt, bis zum 30. Juni 1970, bis zu Bildung der im neuen Universitätsgesetz vorgesehenen Fachbereiche, nur 45% der Mittel den alten Universitätseinrichtungen freizugeben. Das Kuratorium ergänzt seinen Beschluß vom 27. November, die Verbindlichkeiten des aufgelösten AStA der FU zu übernehmen. Ausgenommen wird die Rechnung "Firma Wiener Wald GmbH" über DM 967,50.
Wissenschaftssenator will Ordnungsauschuß kontrollieren
Der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, betont vor dem Berliner Abgeordnetenhaus, er werde genau kontrollieren, wie der neue Ordnungsauschuß der FU seine Rechte und Pflichten wahrnehmen wird.
12. Dezember 1969
Wohin soll das Institut für Perinatale Medizin ?
Im Landespressedienst erscheint eine Darstellung der mit dem geplanten Institut für Perinatale Medizin zusammenhängenden Probleme.
13. Dezember 1969
Negative Sicht der Situation an der FU in der FAZ
Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" bringt in ihrer Beilage eine Darstellung der Situation an der Freien Universität: "Die Berliner Universität ist unregierbar geworden/Kreibich und die Folgen", von Günther Gillessen.
"Aktionsgemeinschaft für eine freie Universität" gegründet
Im Dekanat des Klinikum Steglitz wird von 14 FU-Angehörigen die "Aktionsgemeinschaft für eine freie Universität" gegründet. Unter § 1 ihrer Satzung setzt sich die Aktionsgemeinschaft als Aufgaben: "1. Die Freiheit von Forschung, Lehre und Lernen zu wahren und zu fördern; 2. Die Öffentlichkeit über die Lage der Hochschulen aufzuklären; und 3. Reformen zu entwickeln und durchzusetzen, die eine freie und leistungsfähige Hochschule gewährleisten". Zu Mitgliedern des vorläufigen Vorstandes bestellt die Aktionsgemeinschaften die Professoren Ernst Büchi (Anthropologie), Jürgen Domes (Politische Wissenschaften), Peter Hanau (Jura), Georg Nicolaus Knauer (Klassische Philologie), Stanislaw Kubicki (Neurologie), Bernd Rüthers (Jura) und Otto von Simson (Kunstgeschichte). (Vgl. 9. Febr. 1970)
14. Dezember 1969
Professor von Simson vergleicht FU- Situation mit 1933
"Die Welt" berichtet, daß der Dekan der Philosophischen Fakultät der FU, Prof. Dr. Otto von Simson, zur Lage an der FU erklärt habe: "Eine vergleichbare Situation hat es in Deutschland nur 1933 gegeben".
15. Dezember 1969
FAZ befürchtet linke Unterwanderung der FU
Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" veröffentlicht unter der Überschrift "Die Unterwanderung einer Fakultät/Beobachtungen aus Instituten der Freien Universität Berlin" von Günther Gillessen.
Regierender Bürgermeister trifft FU-Dekane
Der Regierende Bürgermeister trifft die Dekane und einen Kreis von Professoren verschiedener hochschulpolitischer Richtungen zu einem Gespräch über die Situation an der FU. Präsident Kreibich ist zu diesem Treffen nicht eingeladen.
Die Dekane der FU kritisieren Präsident Kreibich
Die Dekane der sechs Fakultäten der Freien Universität kritisieren in einem Offenen Brief Präsident Kreibich in seiner bisherigen Amtsführung. Der Präsident habe Professoren, gegen die eine "Denunzianten"-Kampagne der "Roten Zelle" im Gange sei, nicht hinreichend in Schutz genommen, den Ordnungsauschuß der FU "überwiegend mit Personen besetzt, die als der Außerparlamentarischen Opposition" nahestehend anzusehen seien und Störer von Lehrveranstaltungen ermuntert. Die Dekane fragen, ob Kreibich nicht selbst gegen das Gesetz verstoßen habe und seine Befugnisse als Präsident mißbrauche.
Präsident Kreibich antwortet Dekanen
In einer ersten Stellungnahme bezeichnet Präsident Kreibich den Brief der sechs Dekane als vorläufigen "Höhepunkt einer Kampagne", die vom Dekan der Philosophischen Fakultät, Prof. von Simson, gesteuert sei und mit dem Ziel geführt werde, die Arbeit des Präsidenten unmöglich zu machen. Hinter der Kampagne stünde eine "kleine Gruppe von Professoren", die das Hochschulgesetz ablehne und ihre Ablehnung personalisiere. "Durch diese destruktive Politik soll die Universität in eine schwierige Lage gebracht, der staatliche Eingriff provoziert und damit schließlich das Reformwerk zum Scheitern gebracht werden."
Störungen am Germanischen Seminar der FU
Am Germanischen Seminar der FU werden mehrere Lehrveranstaltungen von Mitgliedern der "Roten Zelle Germanistik" (Rotzeg) gestört, zwei Veranstaltungen (Prof. Dr. Schröbler und Dr. Mommsen) werden abgebrochen. Die Rotzeg hatte auf Flugblättern eine Kampfwoche angekündigt, um ihre Forderung nach Einstellung von Dr. Rothe und Dr. Kreidt durchzusetzen. Die beiden Wissenschaftler sind Mitarbeiter eines aus der "Kritischen Universität" (KU) hervorgegangenen Projektes, das sich mit materialistischer Literaturwissenschaft beschäftigt. Auf studentischen Vollversammlungen war mehrfach die Einbeziehung dieses "Fünferprojektes" in den offiziellen Lehrbetrieb gefordert worden. Am 11. Februar erteilt das Germanische Seminar der FU Dr. Kreidt und Dr. Rothe Lehraufträge.
Medizinstudenten drohen mit Institutsbesetzung
Eine von ca. 500 Studentinnen und Studenten besuchten Vollversammlung am Physiologisch-Chemischen Institut der FU fordert, daß zukünftig an Teilnehmer des Biochemischen Praktikums eine automatische Scheinvergabe erfolgen soll. Präsident Kreibich erklärt auf der Versammlung seine Unterstützung dieser Forderung. Die Vollversammlung kündigt für den Fall der Nichterfüllung ihrer Forderung eine Besetzung des Instituts an.
Bachmann sagt im Mahler-Prozeß aus
In dem Prozeß gegen Rechtsanwalt Horst Mahler im Zusammenhang mit den Ausschreitungen nach dem Attentat auf Rudi Dutschke sagt als Zeuge der Verteidigung Josef Bachmann aus. Bachmann erklärt, daß er sein Bild über Rudi Dutschke aus der Lektüre der "Bild-Zeitung" und der "Welt" gewonnen habe. Als Zeugen der Verteidigung sollen in den nächsten Wochen der Regierende Bürgermeister Klaus Schütz, sein Amtsvorgänger Heinrich Albertz und Verleger Axel Springer gehört werden.
16. Dezember 1969
Bildungshilfe durch FU-Studenten
Unter der Überschrift "Bildungswerbung braucht ständige Bildungshilfe" berichtet die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" über die Schularbeitszirkel, die von Studenten der FU an Grund- und Hauptschulen durchgeführt werden.
FU-Dekane antworten Präsident Kreibich
Die sechs Dekane beschuldigen den FU-Präsidenten, die Ursache der Verwilderung an der Universität "einer Gruppe von Professoren zuzuschreiben, obwohl jedermann" wisse, daß "diese Verwilderung ein Ergebnis des Terrors der Roten Zellen" sei. (Vgl. 15. Dez. 1969)
Professor von Simson weist Vorwürfe Kreibichs zurück
Der Dekan der Philosophischen Fakultät der FU, Professor von Simson, weist in einer Erklärung die Vorwürfe von Präsident Kreibich zurück: "Mein Bestreben und meine Pflicht als Dekan, Hochschullehrer und Staatsbürger sind es, Gesetz und Recht im Universitätsbereich zu wahren. Wenn Herr Kreibich darin eine Beeinträchtigung seiner Tätigkeit sieht, so zeugt das von einem gebrochenen Verhältnis zum Recht." Professor von Simson schreibt, er habe niemals eine Kampagne der Dekane gegen den Präsidenten iniziiert. Präsident Kreibich sage die Unwahrheit, wenn er dies behaupte.
Präsident Kreibich vermittelt bei FU-Chemikern
Der Präsident der FU, Rolf Kreibich, vermittelt erfolgreich bei einem Konflikt am Institut für Physiologische Chemie. Studenten forderten ultimativ die automatische Scheinvergabe an alle Teilnehmer des physiologisch-chemischen Praktikums. Bisher wurde dieses Praktikum mit einer Klausur abgeschlossen. Alle Beteiligten akzeptieren den Vorschlag des Präsidenten, daß am Ende des Praktikums die Studenten selbst entscheiden, ob sie in einer Abschlußklausur oder in einem Colloquium mit einer Gruppe von Professoren, Assistenten und Studenten ihre Kenntnisse selbst überprüfen.
Erneute Störung der Vorlesung von Professor Bellinger
An der WiSo-Fakultät dauern die Anfang des Wintersemesters begonnen Störungen von Lehrveranstaltungen an. Auch die Vorlesung von Prof. Dr. Bernhard Bellinger wird erneut gestört, obwohl sich Professor Bellinger bereit erklärt hat, nach einer Stunde Vorlesung eine Diskussion zuzulassen. Vertreter der "Roten Zelle Ökonomie" (Rotzök) fordern die Einrichtung und vollständige Integration von Parallelveranstaltungen zum offiziellen Lehrbetrieb. Ein Sprecher der Rotzök kündigt die Fortsetzung der Störaktionen an, wenn "die Bedürfnisse eines relevanten Teils der Studenten" nicht befriedigt würden. (Vgl. 8. Dez. 1969, 7. und 8. Jan. 1970)
FU mietet Großrechenanlage
Der Präsident der Freien Universität unterzeichnet in Einvernehmen mit dem Berliner Senat einen Mietvertrag für eine Großrechenanlage. Die FU wird mit dieser Anlage die Übergangszeit bis zum vollständigen Ausbau des "Großrechenzentrums Berlin" überbrücken.
17. Dezember 1969
Präsident Kreibich nimmt erneut zu den Vorwürfen der FU-Dekane Stellung
Der Präsident der FU, Rolf Kreibich, antwortet in einem zweiten ausführlichen Schreiben auf die Vorwürfe der Dekane der FU. Kreibich bedauert, daß die hochschulpolitische Kampagne, die gegen ihn seit Übernahme seiner Amtsgeschäfte geführt werde, auch von den Dekanen "mitgeschürt" worden sei. Er habe sich "ununterbrochen um vermittelnde Gespräche bemüht" und wünsche eine Zusammenarbeit mit den Hochschullehrern, da eine Reform der Universität ohne Mitarbeit der Professoren illusorisch bleiben müsse. Kreibich wiederholt seine Kritik am Dekan der Philosophischen Fakultät, Professor von Simson, der mehrfach versucht habe, eine Situation herbeizuführen, die den Präsidenten der FU vor die Entscheidung zwischen Polizeieinsatz und der Einstellung wichtiger Funktionen des Universitätsbetriebes stellen sollten. Ein Polizeieinsatz sei angesichts seiner "unabsehbaren Folgen nur bei akuter physischer Bedrohung oder Sachbeschädigung" zu rechtfertigen.
Präsident Kreibich für Polizeieinsatz bei Sachbeschädigungen und Tätlichkeiten
Vor der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät erklärt FU-Präsident Kreibich, daß die Polizei bei Demonstrationen auf dem Campus mit allen angemessenen Mitteln durchgreifen soll, falls Sachbeschädigungen erfolgen oder die Gefahr von tätlichen Angriffen auf Personen besteht. Wenn in solchen Situationen der Präsident nicht erreichbar sein sollte, könnten Dekane bzw. Institutsdirektoren selbst die Polizei anfordern.
Philosophische Fakultät stützt ihren Dekan
Die Philosophische Fakultät der FU spricht ihrem Dekan, Professor Otto von Simson - noch bevor Präsident Kreibich erscheint, um seine Vorwürfen gegen Professor von Simson zu begründen - mit Mehrheit das Vertrauen aus. Die Angriffe gegen den Dekan werden als "unbegründet" zurückgewiesen. Abgelehnt wird ein Antrag, auch denjenigen das Vertrauen auszusprechen, die die Reform der Universität im Rahmen des Universitätsgesetzes zu verwirklichen suchten. (Vgl. 14. und 20. Febr. 1970)
18. Dezember 1969
Vorlesungsstörungen bei Germanisten und an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät
Die Vorlesungsstörungen an der WiSo-Fakultät und am Germanischen Seminar der FU dauern an. (Vgl. 11. und 24. Nov., 1.,8.,10. und 15. Dez. 1969)
Professor Wesel wird FU-Vizepräsident
Der 36jährige Ordinarius für Rechtsgeschichte und Bürgerliches Recht, Prof. Dr. Uwe Wesel, wird vom Übergangskonzil mit 57 gegen 18 Stimmen zum Vizepräsidenten der FU gewählt. 20 der 31 anwesenden Professoren verlassen während der Abstimmung den Saal, um zu demonstrieren, daß Professor Wesel nicht das Vertrauen der Mehrheit der Hochschullehrer besitzt.
Wahlen zum Akademischen Senat und Kuratorium der FU
Bei den Wahlen zum Akademischen Senat fallen 13 Sitze an Kandidaten, die eine kritische Position gegenüber Präsident Kreibich beziehen, neun Sitze an Unterstützer des Präsidenten und zwei Sitze an Vertreter einer mittleren Position. Bei den Wahlen zum Kuratorium der FU ergibt sich eine Mehrheit für die Vertreter der Reformkoalition des Präsidenten.
Abgeordnetenhaus verabschiedet Wissenschaftsetat
Das Abgeordnetenhaus von Berlin verabschiedet gegen die Stimmen der CDU den Etat der Senatsverwaltung für Wissenschaft und Kunst. Von den vorgesehenen Ausgaben von ca. 585 Millionen DM erhält die FU 208 Millionen DM. Im Verlauf der Debatte erklärt der CDU-Vorsitzende Peter Lorenz, daß sich mit seiner Partei auch viele Berliner Sorgen machten, ob die hohen finanziellen Mittel, die aus Steuermitteln der Freien Universität zugeteilt würden, nicht im steigendem Maße dazu benutzt würden, gegen die Demokratie gerichtete wissenschaftsfremde Tätigkeiten zu finanzieren. Lorenz verweist auf die Tätigkeit der "Roten Zellen", die ihre Aktionen an der FU "in bester nationalsozialistischer und stalinistischer" Tradition durchführten, um Angehörige des Lehrkörpers öffentlich zu demütigen und zur Aufgabe ihrer Lehrtätigkeit bzw. zum Weggang von der FU zu zwingen. In ganzen Fachbereichen der Freien Universität herrsche totalitärer Geist und könnten totalitäre Methoden "praktisch ungehindert" angewendet werden. Die Wahl des Universitätspräsidenten Kreibich und seine bishe
rige Tätigkeit seien in keiner Weise geeignet, diese Besorgnis zu vermindern. In seiner Replik stellt sich der Senator für Wissenschaft und Kunst, Professor Stein, vor den Präsidenten der FU, den er wegen seines Engagements lobt. Die Universität sei Gegenstand "ernstester Sorge". Die Ausgangslage habe sich jedoch durch das Hochschulgesetz verbessert. Der SPD-Abgeordnete Heymann erklärt, daß seine Partei im Prinzip zu einer Novellierung des Universitäts-gesetzes bereit sei, zunächst komme es jedoch darauf an, das bestehende Gesetz zu realisieren.
19. Dezember 1969
Presseberichte zur Situation an der FU
Im "Handelsblatt" erscheint ein Situationsbericht von Ilse Reutter: "Ein neues Lehrstück aus Berlin/Bewährungsprobe für Kreibich - an der Freien Universität wird jetzt offen gekämpft". Es werden "zum Zerreißen angespannte Nerven und dementsprechend 'unkontrollierte' Reaktionen aller Beteiligten" konstatiert. Präsident Kreibich habe "sich bisher nicht zu voreiligen Handlungen hinreißen lassen" und "Mut und Gelassenheit" gezeigt.
In der Zeitschrift "Volkswirt" wird unter der Überschrift "Rote Uni West-Berlin" über "aktuelle Eindrücke und Erfahrungen 'vor Ort'"berichtet. Präsident Kreibich werden in dem Artikel wenig Chancen eingeräumt, die Probleme an der FU zu bewältigen. Im Zentrum der Auseinandersetzung zwischen dem Präsidenten und "reformwilligen Professoren" stehe die Frage, "ob an der Freien Universität der Zukunft in den Geisteswissenschaften auch noch andere als marxistische Gedanken geduldet werden".
21. Dezember 1969
Präsident Kreibich plädiert für starke Autonomie der Fachbereiche
Im "Telegraf" erscheint ein Interview mit dem Präsidenten der FU, Rolf Kreibich. Kreibich spricht sich für eine weitgehende Autonomie der geplanten Fachbereiche und wissenschaftlichen Einrichtungen aus. Der Präsident habe "vor allem eine koordinative Aufgabe" und müsse "Hilfestellung bei der Durchführung" von inhaltlichen Reformen in Studien- und Wissenschaftsplanung leisten.
Wissenschaftliche Mitarbeiter kritisieren FU-Dekane
217 Wissenschaftliche Mitarbeiter der FU wenden sich gegen die Erklärung der 6 Dekane und unterstützen Präsident Kreibich. Sie kritisieren "mit Schärfe eine Tendenz, wie sie als der leicht durchschaubare Teil einer Politik der Prophezeiung, die sich selbst miterfüllt", in dem Schreiben der Dekane zum Ausdruck komme. Zurückgewiesen wird auch die Behauptung der Dekane, an der FU sei gegenwärtig die Lehr- und Forschungsfreiheit bedroht. Die Schreiben der Dekane müßten den Eindruck erwecken, daß die Mehrheit der Hochschullehrer die Bedingungen nicht wünsche, die allein Lehr- und Forschungsfreiheit aufrechterhalten könnten, nämlich umfassende und durchgreifende Reformen. Die unterzeichnenden Wissenschaftlichen Mitarbeiter erklären außerdem, daß zur Zeit der Lehrbetrieb nachweislich in geringerem Maße behindert sei als in den vergangenen Semestern und daß von der Universitätsspitze erstmals unausgesetzte Anstrengungen unternommen würden, Konflikte abzubauen und die Reformtendenzen durchzusetzen.
24. Dezember 1969
FU als böhmisches Dorf in Berlin
"Christ und Welt" veröffentlicht einen Artikel von Prof. Dr. Peter Wapnewski "Ein böhmisches Dorf in Berlin/Was geschah in der FU - Beim Nachdenken über eine Deutsche Universität".
26. Dezember 1969
Drohbrief gegen Berufungskandidat am Romanischen Seminar
Die "Deutschen Nachrichten" veröffentlichen einen Brief, der anonym an einen Berufungskandidaten für einen Lehrstuhl am Romanischen Seminar der FU gesandt wurde. In dem Brief wird der Professor aufgefordert, sich vor dem Eintritt in Berufungsverhandlungen einer Diskussion mit Studenten zu stellen. "Die sich anschließende Diskussion wird dann zeigen, ob wir zustimmen können, daß Sie den Lehrstuhl erhalten (...) Sollten Sie nicht zu einer Diskussion mit allen Beteiligten bereit sein, können wir Ihnen nur raten, jeden Gedanken an eine Tätigkeit in Berlin sofort aufzugeben." Der Drohrief ist mit "Roter Traktor Westberlin" unterzeichnet.
Erneute Anfrage zur Lehrveranstaltung von Ulrike Meinhof
Bürgermeister und Innensenator Kurt Neubauer und der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, antworten für den Senat auf eine erneute Anfrage der Abgeordneten Dr. Ursula Besser (CDU) bezüglich der Lehrveranstaltung von Frau Ulrike Meinhof, daß der Direktor des Instituts für Publizistik, Prof. Dr. Harry Pross, sich nach einem Gespräch mit Frau Meinhof abschließend zu den Vorwürfen geäußert habe. Es lägen keine Anhaltspunkte dafür vor, daß Frau Meinhof die Treue zur Verfassung nicht einhalte. Im übrigen sei es Angelegenheit der Fakultät, darüber zu entscheiden, ob im Sommersemester 1970 erneut ein Lehrauftrag an Frau Meinhof erteilt werde oder nicht.
28. Dezember 1969
Strategiediskussion über Pressepolitik des FU-Präsidalamtes
Mitglieder des Beraterkreises von Präsident Kreibich diskutieren die Öffentlichkeitsarbeit des Präsidialamtes. Es wird eine offensive Pressepolitik gegenüber den konservativen Kritikern empfohlen. Eine Fixierung der Selbstdarstellung des Präsidialamtes auf die Person Kreibichs sei zu vermeiden. Der Präsident solle in der Öffentlichkeit als Vertreter der Reformfraktion auftreten.
Dok. 1011
31. Dezember 1969
Gegendarstellung aus der Philosophischen Fakultät in der FAZ
Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" veröffentlicht eine Gegendarstellung der Geschäftsführenden Direktoren des Germanischen Seminars der FU, Professor Heinrichs, des Philosophischen Seminars der FU, Dr. Krausser, des Psychologischen Instituts der FU, Professor Jäger, und des Publizistischen Instituts der FU, Professor Pross, zu dem Artikel von Günther Gillessen, "Die Unterwanderung einer Fakultät".
(Vgl. 15. Dez. 1969)
1. Januar 1970
Presseberichte zur Situation an der FU
"Der Sozialdemokrat" bringt unter der Überschrift "Kreibichs Wahl zum Universitätspräsidenten: knallharter Kämpfer" eine Darstellung der Situation an der FU von Jürgen Mensendiek. Die Wahl Von Rolf Kreibich zum Universitätspräsidenten wird als Erfolg der Assistentenschaft und als Anzeichen dafür gewertet, daß "die Stunde der jungen hochschulpolitischen Manager geschlagen" habe.
"Das Deutsche Monatsblatt" veröffentlicht die Kleine Anfrage im Berliner Abgeordnetenhaus von Frau Dr. Ursula Besser zur Lehrveranstaltung von Frau Ulrike Meinhof an der FU und die Antwort des Senats. (Vgl. 3. Dez. 1969) Diese Anfrage gebe einen besseren Einblick in die Verhältnisse der Freien Universität als alle Artikel, resümiert die Zeitschrift.
6. Januar 1970
Streik der Assistenten bei Chemikern und Pharmazeuten
36 ehemalige wissenschaftliche Hilfsassistenten der Chemischen Institute der FU treten in einen unbefristeten Streik, dem sich die ehemaligen wissenschaftlichen Hilfsassistenten des Pharmazeutischen Instituts der FU anschließen. Die ehemaligen wissenschaftlichen Hilfsassistenten fordern eine bessere Bezahlung sowie die Möglichkeit, ein Drittel ihrer bezahlten Arbeitszeit für eigene wissenschaftliche Arbeiten verwenden zu können. Mit diesen Forderungen soll eine Angleichung ihrer Position an die der Vollassistenten erreicht werden. Ein Sprecher der wissenschaftlichen Hilfsassistenten gibt bekannt, daß die Verhandlungen mit der Senatsverwaltung für Wissenschaft und Kunst und der Kuratorialverwaltung bisher erfolglos verlaufen seien.
Streik der Professoren an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät nach Vorlesungsstörung
An der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der FU bricht der Ordinarius für Betriebswirtschaftslehre, Prof. Dr. Bernhard Bellinger, nach Störungen durch Mitglieder der "Roten Zelle Ökonomie" seine Vorlesung ab. Sprecher der Rotzök fordern in der Lehrveranstaltung die Rücknahme der von Professor Bellinger eingeleiteten Strafverfahren und die Einstellung eines Tutors, der über Kenntnisse der marxistischen politischen Ökonomie verfügt. Der Vizepräsident der FU, Prof. Dr. Uwe Wesel, der in der Vorlesung von Professor Bellinger anwesend ist, bezeichnet nach Abbruch der Veranstaltung die Forderungen der Studenten als "berechtigt und logisch". Das Anliegen der Studenten habe in direktem Zusammenhang mit der Vorlesung gestanden. Nach Aussagen von Dekan Fischer sei die Tutorenstelle finanziell gesichert. Die Anstellungsordnung und die personelle Besetzung des Lehrstuhls von Professor Bellinger würden eine Zuordnung des Tutoriums nicht erlauben.
28 von 30 Hochschullehrern der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der FU kündigen aus Protest gegen die erneute Störung der Vorlesung von Professor Bellinger die Einstellung ihrer Lehrveranstaltung für den Zeitraum einer Woche an.
FU-Präsident erläutert Organisation des Präsidialamts
Der Präsident der FU, Rolf Kreibich, erläutert auf einer Pressekonferenz sein Konzept für einen Mitarbeiterstab in der Präsidialverwaltung. Präsident Kreibich plant die Einrichtung von vier Hauptstabsstellen, denen folgende Aufgabengebiete zugeordnet werden: 1. Prognostik, 2. Hochschulorganisation und Planung, 3. Hochschulpolitik und 4. Studentische Angelegenheiten. Das Kuratorium der FU habe bereits zwei Hauptstabsstellen und die Stelle eines Referenten für Pressewesen genehmigt. Die Stabsstelle für Hochschulpolitik sei an Diplomkaufmann Michael Höbich, bisher Assistent des Instituts für Soziologie der FU, die Stelle für Presseangelegenheiten an den früheren studentischen Senatssprecher der FU, Peter Dehn, vergeben worden. Die Position des Universitätsdirektors und Leiters der Abteilung 1 der Universitätsverwaltung wird "interimistisch" dem bisherigen Oberregierungsrat beim Senator für Justiz, Detlef Borrmann, übertragen. Der Jurist Dr. Klaus Warncke, bisher Regierungsassessor in der Senatsverwaltung für Finanzen, wechselt ebenfalls in diese Abteilung des Präsidialamtes.
7. Januar 1970
Konstituierung des Akademischen Senats
Unter Vorsitz des Präsidenten der FU, Rolf Kreibich, findet die konstituierende Sitzung des Akademischen Senats der FU statt. Dem Akademischen Senat gehören nach dem neuen Universitätsgesetz elf Hochschullehrer, sechs Wissenschaftliche Mitarbeiter, fünf Studenten und zwei Dienstkräfte an. Mit knapper Stimmenmehrheit von jeweils 13 Stimmen werden Prof. Dr. med. Helmut Coper, Prof. Dr. jur. Bernd Rüthers und Dr. math. nat. Heinz Knoll in das Kuratorium der FU gewählt.
FU-Präsident kritisiert WiSo-Professoren
Präsident Kreibich weist in einer Presserklärung jegliche Verantwortung für die erneute Zuspitzung der Lage an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät zurück. Dieser in der Erklärung der streikenden Hochschullehrer enthaltene Vorwurf treffe auf jene Professoren zu, "die rational begründete Forderungen offenbar nur deshalb nicht erfüllen, um die Verwirklichung des Reformwerkes zu verhindern". Die Einstellung der Lehrtätigkeit durch 28 Professoren stehe in keinem Verhältnis zu dem Anlaß. Nach ersten Ermittlungen des Präsidialamtes handele es sich bei den Vorgängen in der Vorlesung von Professor Bellinger nicht um eine Störung. Vielmehr seien "von Studenten Fragen zu der Einrichtung eines neuen Tutoriums am Institut für Bank- und Kreditwirtschaft, dessen Direktor Professor Bellinger ist, gestellt" worden. Professor Bellinger habe die Einrichtung dieses Tutoriums verzögert, obwohl die sachlichen und finanziellen Voraussetzungen bereits vorhanden seien. Zwar seien die Fragen an Professor Bellinger "teilweise in unangemessener Form gestellt" worden, der Abbruch der Vorlesung könne jedoch nicht als "adäquate Reaktion bezeichnet werden".
8. Januar 1970
Pressekonferenz des FU-Präsidenten zum WiSo-Konflikt
Der Präsident der FU, Rolf Kreibich, nimmt am Nachmittag vor Pressevertretern erneut zur Situation an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät Stellung. Er mißbilligt die Art der Auseinandersetzung und das Vorgehen der Studenten insbesondere während der Vorlesung von Professor Bellinger am 6. Januar, hält aber die Reaktion der Hochschullehrer für nicht angemessen. Kreibich bekräftigt seine Auffassung, daß die bisher an der FU gelehrte Betriebswirtschaftslehre nicht den Ansprüchen einer modernen Universität genüge und erklärt: "Ich finde es durchaus vertretbar, wenn sich Studenten für einen ihren Bedürfnissen stärker angepassten Lehrbetrieb einsetzen und die Einrichtung eines weiteren Tutoriums fordern".
Bürgermeister Schütz bedauert Vorgehen der WiSo-Professoren
Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Schütz, bedauert in einer Stellungnahme das Vorgehen der Professoren der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät und weist darauf hin, daß man sich früher in ähnlichen Situationen auch auf eine Aufrechterhaltung des Lehrangebots habe einigen können.
9. Januar 1970
FU-Präsident verhandelt mit streikenden Professoren
Die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät der FU berät auf Wunsch von Präsident Kreibich über die Störung von Lehrveranstaltungen durch die "Rote Zelle Ökonomie" und die einwöchige Einstellung des Lehrbetriebs durch 28 Professoren der Fakultät. An der Fakultätssitzung nehmen Präsident Kreibich und einige seiner Berater teil. Präsident Kreibich appelliert an die Studentenvertreter, einzusehen, daß bestimmte Formen der jüngsten Diskussionen den zumutbaren Umfang einer psychischen Belastung für einen Hochschullehrer überschreiten könnten. Erneut kritisiert der Präsident die Reaktion der Hochschullehrer als überzogen. Der Präsident unterbreitet der Fakultät einen Kompromißvorschlag, der die Schaffung von vier zusätzlichen Tutorenstellen bis zum 19. Januar vorsieht. Die Hochschullehrer sollen am Montag, dem 12. Januar, ihre Lehrveranstaltungen wieder aufnehmen. Präsident Kreibich betont, daß im Falle erneuter Störungen die Anforderung von Polizeischutz für die entsprechenden Lehrveranstaltungen unumgänglich sei und richtet "die dringende Bitte an Dozenten und Studenten, alles zu tun, um zu verhindern, daß an dieser Universität nur noch unter Polizeischutz der Lehrbetrieb aufrechterhalten werden kann". In seiner Entgegnung begründet der Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät, Prof. Dr. Wolfram Fischer, die Einstellung des Lehrbetriebs durch 28 Hochschullehrer und weist darauf hin, daß nur aus Rücksichtnahme auf die Einarbeitungszeit des Präsidenten nicht schon im Dezember reagiert worden sei. Er selbst habe auf Grund von Gesprächen, die er mit dem Präsidenten geführt habe, erwartet, "daß nach Weihnachten nicht mehr diskutiert wird, sondern Maßnahmen ergriffen werden". Dekan Fischer bietet an, daß, falls die Vorlesung von Professor Bellinger am 13. Januar ungestört verlaufe, die Hochschullehrer am kommenden Tag ihre Lehrveranstaltungen wieder aufnehmen. Er fordert von der "Roten Zelle Ökonomie" eine Garantieerklärung für den ungestörten Ablauf des Lehrbetriebs. Die Wiederaufnahme des Lehrbetriebs bereits am 12. Januar lehnt Dekan Fischer hingegen ab. Zunächst müsse Professor Bellinger und allen Hochschullehrern wieder zumutbar gemacht werden, an dieser Universität zu lehren. Die Mehrheit der Professoren der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät ist mit der Haltung des Präsidenten der FU unzufrieden. Professor Arndt interpretiert die Auseinandersetzung mit der "Roten Zelle Ökonomie" als einen Machtkampf, der von der Rotzök mit dem Ziel geführt werde, die Macht der Ordinarien durch die Macht einer kleinen Studentengruppe zu ersetzen. Mehrere Hochschullehrer fordern in ihren Diskussionsbeiträgen den Präsidenten auf, zukünftig den Schutz vor weiteren Nötigungen und strafbaren Handlungen zu gewährleisten.
FDP gegen Professorenstreik
Hermann Oxfort bezeichnet im Namen der Berliner FDP den Streik der Professoren an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der FU als unzulässig und fordert die sofortige Wiederaufnahme der Lehrtätigkeit. Die FDP äußert die Befürchtung, der Streik der 28 Hochschullehrer unterstütze den Versuch gewisser Kreise, insbesondere der CDU, "die Universitätsreform zu Fall zu bringen". Den Extremisten sollte durch die Beseitigung von Mißständen, nicht aber durch Vorlesungsstreiks begegnet werden.
Ein "Verband demokratischer Hochschulgruppen" (VdH) wird in Berlin mit dem Ziel gegründet, passive Studenten politisch zu aktivieren und zur Teilnahme am Willensbildungs- und Entscheidungsprozeß in den Universitäten zu mobilisieren. Der VdH setzt sich aus Mitgliedern der "Aktion demokratisches Otto-Suhr-Institut" (ADO), der "demokratischen Alternative" (DA) an der TU, der Juristischen Fachschaft der FU, der Evangelischen Studentengemeinde (ESG) und der Katholischen Hochschulgemeinde (KHG) zusammen.
10. Januar 1970
Professor Baring protestiert gegen Prüfungsverfahren am OSI
Professor Arnulf Baring hat aus Protest gegen die Prüfungsverfahren am Otto-Suhr Institut seine Mitwirkung an Hochschulprüfungen eingestellt. Wie "Die Welt" berichtet, halte Professor Baring die gegenwärtigen Prüfungen für "eine Farce". In einem Schreiben an den Geschäftsführenden Direktor des Otto-Suhr-Instituts der FU, Prof. Dr. Gert von Eynern, kritisiert Professor Baring die gegenwärtige Prüfungsordnung des OSI und bezeichnet die zur Zeit praktizierten Prüfungsverfahren als "verhängnisvollen Fehler", die "dem Gedanken jeder Prüfungsgerechtigkeit Hohn sprechen". Nach Ansicht Professor Barings legen die Prüfungskandidaten praktisch die Diplomrahmenthemen selbst fest. Es gebe Anzeichen dafür, daß den Kandidaten die Klausurthemen "offenbar lange vor den Prüfungsterminen bekannt werden". "Darüberhinaus neigen einige Prüfer, vom Unsinn des Prüfens im allgemeinen und dieser Prüfungsordnung im besonderen überzeugt, ohne Ansehen der Person zu guten und sehr guten Zensuren, um auf diese Weise das Prüfungssystem ad absurdum zu führen und zu unterlaufen." Dies habe dazu geführt, daß eine Verschlechterung der Prüfungsleistung bei gleichzeitiger beträchtlicher Verbesserung der Benotung zu verzeichnen sei. In seinem Antwortschreiben wirft von Eynern Professor Baring "erstaunliches Unverständnis" für die Probleme am Otto-Suhr-Institut vor. In einer Zeit, in der "der Wert kollektiven Arbeitens" erkannt worden sei, sei es selbstverständlich, daß auch am OSI hierzu partielle Experimente stattfinden müßten. "Selbstverständlich werden auch die Prüfungsdinge von den revolutionären Studentengruppe mißbraucht". Dies sei aber eine unvermeidliche Begleiterscheinung jeglicher Reform. "Was bisher im OSI vorgesehen ist, hält sich im Rahmen des Sinnvollen und rechtlich Zulässigen." Anstatt innerhalb des OSI zu diskutieren, kleide Professor Baring seine Kritik "ins Gewand juristischer Argumente" und melde sie "nach oben". Dies sei in seinen Augen unverantwortlich.
WiSo-Assistenten kritisieren Professoren und Rotzök
Der Assistentenrat an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der FU fordert die Hochschullehrer auf, ihren Proteststreik gegen die Störung von Lehrveranstaltungen abzubrechen. Der Assistentenrat fordert die Bereitstellung weiterer Tutoren- und sonstiger Planstellen besonders für die Betriebswirtschaftslehre, um so eine kritische Analyse des Lehrangebots zu gewährleisten. Der Assistentenrat hält die Einstellung des Lehrbetriebs "bei allem Verständnis" für eine zu scharfe Reaktion. Zugleich kritisiert er das Vorgehen der "Roten Zelle Ökonomie", die "ihre ideologischen Ziele in einer unangemessenen Weise durchzusetzen versucht".
CDU-Vorsitzender Lorenz unterstützt WiSo-Professoren
Der Landesvorsitzende der Berliner CDU, Peter Lorenz, weist energisch die Äußerung des Landesvorsitzenden der FDP, Hermann Oxfort, vom 9. Januar zurück. Der FDP-Vorsitzende habe die Hintergründe der Auseinandersetzung an der Freien Universität nicht begriffen und erkläre die Opfer zu Schuldigen. Das Ziel der "Roten Zelle Ökonomie" sei nicht nur, durch pseudorevolutionäre Rhetorik in Verbindung mit Gewalt Einfluß auf die Berufungspolitik zu nehmen, sondern eine marxistische Universität zu errichten. Oxfort müsse als Jurist wissen, daß es sich bei diesen Vorgängen um Nötigung und strafbare Handlungen handele. Die Äußerungen Präsident Kreibichs zeigten, daß er diese Entwicklung unter dem Vorwand des Pluralismus stütze. Für die Zustände an der FU seien die SPD und der Universitätspräsident verantwortlich, die sich noch immer weigerten, wirkungsvolle Maßnahmen zur Sicherung und Aufrechterhaltung der Freiheit von Forschung und Lehre zu ergreifen.
Wissenschaftssenator unterstützt FU-Präsidenten
Der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, stellt sich in einer Erklärung hinter den Präsidenten der FU. Er halte es zur Zeit nicht für sinnvoll, der Universität Lösungen aufzudrängen, solange die Hoffnung bestehe, daß die Universität ihre Probleme selbst lösen könne. Polizeischutz für Vorlesungen könne keine Dauereinrichtung sein, die Polizei könne nur die äußere Ordnung herstellen und nicht die Lösung inneruniversitärer Konflikte herbeiführen. Er werde erst dann intervenieren, wenn der Präsident der FU keine geeigneten Maßnahmen ergreife. Senator Stein hält die Forderungen der linken Studenten nach Einrichtung neuer Tutorenstellen für sinnvoll. Die Tutorenstellen müßten nicht einem Professor, sondern könnten dem jeweiligen Fachbereich zugeordnet werden.
12. Januar 1970
Dekane der FU fordern staatliche Rechtsaufsicht
Die sechs Dekane der Freien Universität Berlin ersuchen in einem Schreiben an den Regierenden Bürgermeister von Berlin, Klaus Schütz, und den Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, um ein Eingreifen des Senats an der FU. Der Universitätspräsident habe sich durch sein Verhalten bei mehreren schweren Rechtsbrüchen nicht in der Lage gezeigt, die Lehr- und Lernfreiheit aufrechtzuerhalten.
In einem weiteren Schreiben wenden sich die sechs Dekane direkt an Präsident Kreibich und kritisieren die Art seiner Intervention am Romanischen Seminar und der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät sowie die Besetzung des Ordnungsauschusses mit Personen, die "als der APO nahestehend gelten". Präsident Kreibich habe rechtswidrige Angriffe auf Professoren nicht zurückgewiesen und "die terroristischen Störer" der Lehrveranstaltung von Professor Bellinger ermuntert. Die Dekane kündigen die Veröffentlichung ihrer beiden Schreiben an.
Dok.
Senat nimmt zur Raumvergabe an FU und TU Stellung
Der Senator für Inneres, Bürgermeister Kurt Neubauer, und der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, antworten auf eine Kleine Anfrage des SPD-Abgeordneten Eberhard Hesse, daß der Präsident der Technischen Universität in Zukunft nur noch Räume an Veranstalter vergeben werde, die die volle Verantwortung für den Ablauf der Veranstaltung übernähmen und garantierten, daß die Veranstaltung ausschließlich der politischen Bildungsarbeit der Studenten diene. Die Veranstalter müßten sich verpflichten, die Veranstaltung sofort aufzulösen, wenn in ihrem Verlauf zu strafbaren Handlungen aufgerufen werden sollte. Bei Verstößen werde der Präsident der TU dem gleichen Veranstalter keine Räume mehr zur Verfügung stellen.
Tutorium an der WiSo-Fakultät beschlossen
Der Tutorenauschuß der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der FU beschließt die Einrichtung eines Tutoriums "Ideengeschichte der sozialen Bewegung". Das Tutorium wird keinem Professor zugeordnet. (Vgl. 19. Jan. 1970)
13. Januar 1970
Akademischer Senat entspricht nicht den Vorschlägen von Präsident Kreibich
In einer außerordentlichen Sitzung stimmt der Akademische Senat der FU mit 13 zu 11 Stimmen gegen den von Präsident Kreibich vorgeschlagenen Vorsitzenden der Kommission für Entwicklungsplanung Prof. Dr. Hans-Peter Dreitzel. Daraufhin zieht Präsident Kreibich seine Vorschlagsliste für die übrigen Mitglieder der Kommission zurück. Ein ad hoc-Ausschuß soll bis zur nächsten Senatssitzung die sachlichen Prioritäten festlegen und bestimmen, "für welche Aufgaben ein Sachverständiger in der Kommission vertreten sein" müsse. Der Ausschuß soll auf dieser Grundlage Übereinstimmung für eine Vorschlagsliste erzielen. Mitglieder des Ausschusses sind Präsident Kreibich, die Professoren Theis, Lax, Nipperdey, Dreitzel und Schwan sowie die Herren Jannsen, Kremendahl und Havlicek.
14. Januar 1970
Dekan Fischer begründet Streik an der WiSo-Fakultät
Der Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät, Prof. Dr. Wolfram Fischer, begründet in einem Schreiben an den Regierenden Bürgermeister Klaus Schütz den Vorlesungsstreik von 28 Professoren seiner Fakultät. Dekan Fischer erinnert daran, daß Präsident Kreibich den Studenten von Professor Bellinger einen ungestörten Lehrbetrieb von Januar an garantiert und für den Fall erneuter Störung Polizeischutz versprochen habe. Die Störungen seien jedoch nach den Weihnachtsferien fortgesetzt worden, ohne daß der Präsident seine angekündigten Maßnahmen verwirklicht habe. Der Regierende Bürgermeister könne davon ausgehen, daß "unsere Loyalität zu Universitätsgesetz und Reform selbstverständlich ist. Dazu benötigen wir jedoch auch die Loyalität des Präsidenten gegen über den Hochschullehrern". Auf einer Sondersitzung der Fakultätsvertretung habe der Präsident der FU den nötigen Schutz für Lehrveranstaltungen nur vage und für später zugesagt, falls es die politische Klugheit erlaube. Daher hätten sich die Hochschullehrer außerstande gesehen, ihre Lehrveranstaltungen noch vor Ablauf ihres befristeten Streiks wiederaufzunehmen.
Vollversammlung an der WiSo-Fakultät
Vor 600 Teilnehmern der Vollversammlung an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät nimmt Präsident Kreibich zu den Vorwürfen der 28 Hochschullehrer, die in den Vorlesungsstreik getreten sind, Stellung und bekräftigt erneut, daß er dieses Vorgehen für falsch halte. Zugleich mißbilligt der Präsident die Vorlesungsstörungen durch die "Rote Zelle Ökonomie", lehnt jedoch einen Polizeieinsatz ab, da das Vorgehen der Rotzök nicht den Tatbestand der Beschädigung von Sachgütern bzw. psychischer oder physischer Terrormaßnahmen erfülle. Der Präsident betont, daß es sein Ziel sei, die Diskussion an der Universität in rationale Bahnen zu lenken. Er würde seine Präsidentschaft als gescheitert betrachten, wenn dies nicht gelänge. Der Sprecher der Assistenten der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät, Dr. Peter Neve, der auch dem Beraterkreis von Präsident Kreibich angehört, hält eine harte Auseinandersetzung mit der "Roten Zelle Ökonomie" für notwendig. Wenn man allerdings der Rotzök gegenübertreten wolle, müsse man wissen, was man gegen ihre Angriffe verteidigen wolle. Die Fakultät sei in ihrem augenblicklichen Zustand nicht verteidigungswürdig. Neve plädiert für ein pluralistisches Wissenschaftsangebot, das den Studenten die verschiedenen Positionen präsentiert. Für die "Rote Zelle Ökonomie" erklärt Rolf Rosenbrock, daß es nicht das Ziel der Gruppe sei, den Lehrbetrieb lahmzulegen, sondern durch marxistische Parallelveranstaltungen die Interessen eines Teils der Studenten an der Fakultät zu verwirklichen. Die Rote Zelle fordere weiterhin vier Tutorien, da ihr Gesamtkonzept nur durch vier Tutorien mit sechs Themenbereichen zu verwirklichen sei. Eine von der Rotzök vorgeschlagene Resolution wird verabschiedet, in der die Offenlegung des Stellenplans der Fakultät, die Autonomie des Tutorenausschusses, die Drittelparität der Berufungskommissionen und die sofortige Besetzung von vier Tutorenstellen für marxistische Ökonomie gefordert werden.
15. Januar 1970
Ende des Streiks an der WiSo-Fakultät
An der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der FU endet der Streik von 28 Hochschullehrern. Der Lehrbetrieb wird in vollem Umfang wiederaufgenommen.
Hochschullehrer gründen "Aktionsgruppe" an der FU
Mehr als 70 Hochschullehrer der FU gründen eine "Aktionsgruppe", die in einer Stellungnahme alle Hochschullehrer auffordert, die vermittelnden Aktivitäten des Universitätspräsidenten zu unterstützen. Kritisiert wird der Vorlesungstreik der 28 Professoren der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät. Dieser Streik diene dazu, den Präsidenten der FU in Schwierigkeiten zu bringen und reaktionäre Ziele an der Universität zu fördern. "Wenn sachlich begründete Reformvorschläge zu Nötigungsversuchen mißbraucht worden sind, ist das kein Argument gegen ihre Realisierung", heißt es in Stellungnahme der "Aktionsgruppe".
FU-Präsident empfängt Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde
Präsident Kreibich trifft zu einem Meinungsaustausch mit dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde in Berlin, Heinz Galinski, zusammen. Der FU-Präsident betont, daß er fest entschlossen sei, in seinem Zuständigkeitsbereich antisemitischen Tendenzen entgegenzuwirken.
16. Januar 1970
Chemie-Hilfsassistenten setzen Streik aus
Die ehemaligen Wissenschaftlichen Hilfsassistenten der Chemischen Institute und des Instituts für Pharmazie der FU setzen ihren am 6. Januar begonnen unbefristeten Streik aus, nachdem der Präsident der FU, Rolf Kreibich, zugesichert hat, die Forderungen der Hilfsassistenten im Kuratorium der FU auf die Tagesordnung zu setzen.
Kritik am Ersuchen der FU-Dekane nach Rechtsaufsicht
Der "Ring Christlich Demokratischer Studenten" (RCDS) sieht in dem Ersuchen der sechs Dekane der FU nach einem Eingreifen des Senats einen "untauglichen Versuch", die Probleme an der Freien Universität und insbesondere an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät zu lösen.
Die Vertreter der Wissenschaftlichen Mitarbeiter (Assistenten) an der FU wenden sich auf ihrer Versammlung gegen die zwei Schreiben der Dekane. Sie werfen den Dekanen der FU vor, "mit ihrer Polemik und der Forderung nach einem Polizeieinsatz lediglich die Verschärfung der Situation" an der FU herbeiführen zu wollen. Die Schreiben der Dekane seien nur "die persönliche Meinung von sechs Hochschullehrern", da von keinem der Dekane die jeweilige Fakultätsvertretung konsultiert oder ein Beschluß dieses Gremiums herbeigeführt worden sei.
Die Vertreter der Studenten in der Juristischen Fakultät verweisen in ihrer Stellungnahme darauf, daß "die von den Dekanen beschworene Bedrohung der Lehr- und Lernfreiheit" im Vergleich zu den vergangenen Semestern "in weitaus geringerem Umfang gegeben" sei. Damals sei hingegen der Ruf nach Rechtsaufsicht gegenüber dem Rektor der FU nicht erhoben worden. Es dränge sich deshalb der Verdacht auf, daß die Dekane beabsichtigten, "das unbeliebte Universitätsgesetz und dessen Exponenten, den Universitätspräsidenten, zu treffen und so die Reform an der FU zu hintertreiben".
19. Januar 1970
Professor Szondi kritisiert Dekane
Professor Peter Szondi, Direktor des Instituts für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der FU, kritisiert in einem Schreiben an den Regierenden Bürgermeister Schütz und an Wissenschaftssenator Stein den Brief der Dekane vom 12. Januar. "Eine Lernfreiheit in der Bedeutung des Wortes, die analog wäre jener, in der üblicherweise von Lehrfreiheit gesprochen wird, hat es vor Beginn der Reformen für die Studenten überhaupt nicht gegeben." Die Studenten hätten gelernt, "was den Hochschullehrer, in vollem Genuß seiner Lehrfreiheit, zu behandeln gutdünkte". Professor Szondi erklärt, daß die Konflikte an der Hochschule nur durch Diskussion gelöst werden können. "Die Reaktion der Dekane auf die Bemühung von Herrn Kreibich, ohne Polizeieinsatz Konflikte" zu lösen, erwecke den fatalen Eindruck, daß sie aus Verärgerung darüber erfolge, daß der Präsident der FU sich die Lösung einer Aufgabe zum Ziel gesetzt habe, zu der die Dekane selbst "weder fähig wären noch bereit sind". Keiner der seit Beginn der Studentenbewegung amtierenden Rektoren sei je in der Lage gewesen, die Lehr- und Lernfreiheit für alle Angehörigen der Universität aufrechtzuerhalten. Professor Szondi kritisiert insbesondere Dekan Professor von Simson, der seiner Fakultät weder den Wortlaut des Briefes mitgeteilt, noch eine Diskussion über die Bitte um Wahrnehmung der Rechtsaufsicht in der Fakultät herbeigeführt habe. Das Schreiben von Professor Szondi wird am 20. Januar im "Tagesspiegel" veröffentlicht.
Weiteres Tutorium wird an der WiSo-Fakultät eingerichtet
Der Tutorenausschuß der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät beschließt die Einrichtung eines Tutoriums "Wissenschaftsverständnis und Methodenprobleme der Betriebswirtschaftslehre". Die Veranstaltung soll von zwei Tutoren geleitet werden, die "die Voraussetzungen mitbringen, um die folgenden wissenschaftstheoretischen Richtungen zu vertreten: 1. Neopositivismus, 2. Dialektik (insbesondere marxistische Ansätze der Wissenschaftstheorie)". (Vgl. 12. Jan. 1970)
20. Januar 1970
Professoren der Philosophischen Fakultät kritisieren ihren Dekan
Mehrere Professoren der Philosophischen Fakultät der FU kritisieren in einem Offenen Brief an den Dekan der Fakultät, Professor von Simson, daß dieser die Fakultät nicht zumindest nachträglich über sein Schreiben an den Regierenden Bürgermeister und den Senator für Wissenschaft und Kunst informiert habe, obwohl nach dem 12. Januar, am 14. Januar, eine Sitzung dieses Gremiums stattfand. Dieses Verhalten dränge den Unterzeichnern die Frage auf, ob Professor von Simson es mit dem Verständnis seiner Pflichten als Dekan, der ein gewählter Repräsentant der Fakultät sei, vereinbaren könne, "in solch schwerwiegender Angelegenheit die Fakultät zu übergehen".
Unterzeichner des Offenen Briefes sind die Professoren Colpe, Furck, Gottwald, Heinrich, Landmann, Schwan, Steppat, Taubes und Weischedel.
21. Januar 1970
Regierender Bürgermeister spricht mit Dekanen
Zwischen dem Regierenden Bürgermeister Schütz, dem Senator für Wissenschaft und Kunst, dem Präsidenten und den sechs Dekanen der Freien Universität findet eine Unterredung über aktuelle Fragen der Hochschulsituation statt. Die Dekane bekräftigen ihre "grundsätzliche Bereitschaft, auf der Basis des neuen Hochschulgesetzes weiterzuarbeiten".
Akademischer Senat berät Fachbereichsbildung
Der Akademische Senat der FU berät über die Gliederung der Fachbereiche und die Einrichtung der Zentralinstitute. Die Ergebnisse dieser Beratung werden als Vorschläge dem Kuratorium der FU zugeleitet, das über die Bildung von Fachbereichen und Zentralinstituten zu entscheiden hat. Die Ersetzung der Fakultäten durch Fachbereiche und Zentralinstitute soll noch im laufenden Semester erfolgen. Vorgeschlagen wird, daß das John - F.- Kennedy-Institut für Amerikastudien und das Osteuropa-Institut Zentralinstitute werden, das Otto-Suhr-Institut soll einen Fachbereich bilden. Die Juristische Fakultät soll in einen Fachbereich Rechtswissenschaften umgewandelt werden. Eine Aufgliederung der Naturwissenschaftlichen Fakultät in die Fachbereiche Chemie, Physik, Biologie, Mathematik, Pharmazie, Geographie und Kartographie und Geophysikalische Wissenschaften wird vorgeschlagen. (Vgl. 4. Febr. 1970)
Institutsbesetzung bei FU-Mathematikern scheitert
Der Versuch von Mitgliedern der Roten Zelle Mathematik, das I. Mathematische Institut zu besetzen, scheitert am Widerstand von Dienstkräften. In den folgenden Wochen kommt es zu zahlreichen Störungen des Lehrbetriebs an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der FU. Durch Diskussionen in Lehrveranstaltungen sollen die von Studenten erhobenen Forderungen nach Wahl der studentischen Hilfskräfte durch halbparitätisch besetzte Kommissionen und Einführung eines "gesellschaftsbezogenen Tutorenprogrammms" durchgesetzt werden.
23. Januar 1970
Unhaltbare Zustände bei FU-Chemikern
"Der Tagesspiegel" berichtet unter der Überschrift "Chemie auf dem Flur" über "unhaltbare Zustände" am Institut für Chemie der FU.
Weitere Kritik am Schreiben der FU-Dekane
Eine Versammlung der Wissenschaftlichen Mitarbeiter der Juristischen Fakultät distanziert sich vom Brief der 6 Dekane der FU. Das Schreiben der Dekane sei ohne Beratung in der Fakultätsvertretung verfaßt und publiziert worden und enthalte keinerlei konstruktive Ansätze. Gegenwärtig sei "die Lehr- und Lernfreiheit an der FU keinesfalls mehr gefährdet als in den vergangenen Semestern". (Vgl. 12. Jan. 1970)
27. Januar 1970
Präsident Keibich kritisiert Rotzeg
Auf einer Vollversammlung des Germanischen Seminars der FU wirft Präsident Kreibich der "Roten Zelle Germanistik" (Rotzeg) Ignoranz vor, weil sie ein marxistisch orientiertes Gegenprogramm zur "bürgerlichen Wissenschaft" erkämpfen wolle. Die Wissenschaft habe von bürgerlicher Seite ganz entscheidende Impulse erhalten, daher könne man die "bürgerliche Wissenschaft" nicht generell bekämpfen. Präsident Kreibich spricht sich dagegen für eine fruchtbare Konkurrenz der verschiedenen Wissenschaftstheorien und Methoden an der Universität aus. Bei sinnvollen Argumenten müsse man immer bereit sein, die eigene Position zu verändern.
28. Januar 1970
Kuratorium stellt Haushalt für 1970 fest und plant weitere 250 Assistenzprofessuren
Auf seiner 148. Sitzung stellt das Kuratorium den Haushaltsplan der FU für 1970 in Höhe von 255.209.800,-- DM fest. Über die bisher bereits geschaffenen 150 Stellen für Assistenzprofessoren hinaus will das Kuratorium der FU im Rahmen des Nachtragshaushaltes weitere 250 Assistenzprofessuren schaffen. Außerdem werden neue Vertragstypen für die Arbeitsverhältnisse der wissenschaftlichen Assistenten und Tutoren beschlossen, die Teilzeitverträge von 150, 120, 100 und 80 Stunden pro Monat vorsehen. Das Kuratorium stimmt im Rahmen des Dringlichkeitsprogramms für Institutsbauten der Errichtung von Schnellbautens für die Poliklinik und die Klinik für Zahn-, Mund- und Kieferkrankheiten zu.
Das Kuratorium wählt den bisherigen Direktor in der Senatsverwaltung für Wissenschaft und Kunst, Hermann Hildebrandt, zum neuen Kanzler der FU. Hildebrandt ist Volljurist und betreute in der Senatsverwaltung die Referate Technische Universität und Hochschulrecht.
29. Januar 1970
Rotzök erläutert ihre Strategie
Die "Rote Presse Korrespondenz" veröffentlicht einen Bericht "zur Institutspolitik der Rotzök", in dem die Rote Zelle zu den jüngsten Auseinandersetzungen an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der FU Stellung nimmt und ihre Strategie erläutert. Danach sollen an der Universität "erkämpfte Freiräume direkte Zulieferfunktion für außeruniversitäre Projekte" übernehmen. Der aktuellen Phase des Kampfes gegen reaktionäre Professoren müsse "in einer zweiten Phase die Auseinandersetzung mit den Technokraten" folgen.
30. Januar 1970
Professor Löwenthal nimmt zur Sitation an der FU Stellung
"Der Tagesspiegel" veröffentlicht unter der Überschrift "Freie Universität auf der schiefen Ebene" ein Interview mit Professor Richard Löwenthal zur Situation an der FU.
Auf Professor Löwenthal antworten in der gleichen Zeitung am 5. Februar der SPD-Abgeordnete Löffler ("Die Reform hat erst begonnen") und am 17. Februar die Professoren Alexander Schwan, Eberhard Lämmert und Klaus Ulrich ("Freie Universität wirklich auf der schiefen Ebene?").
Dok. 1012
Ausschreitungen und Vorlesungsstörungen an der FU
In der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät stürmen linksradikale Studenten das Dekanat. Sie schlagen eine Glastür ein und durchwühlen zahlreiche Aktenschränke. An die Wand sprühen sie die Drohung: "Fischer bis Dienstag hast du Zeit". Die Aktion steht in Zusammenhang mit der anstehenden Entscheidung über die Besetzung einer Assistentenstelle.
Seit 14 Tagen werden am Mathematischen Institut nahezu sämtliche Lehrveranstaltungen gestört. Die "Rote Zelle Mathematik" will damit ihre Forderung nach Einsetzung einer halbparitätischen Tutorenkommission durchsetzen. (Vgl. 21. Jan. 1970)
Vertrauensvotum für Präsident Kreibich
91 Hochschullehrer und Wissenschaftliche Mitarbeiter aus den Instituten für Anorganische Chemie, für Physikalische Chemie, für Zoologie, für Mathematik und für Politische Wissenschaften veröffentlichen ein gemeinsames Vertrauensvotum für den Präsidenten der FU, Rolf Kreibich: "In einem Augenblick, wo erstmals von der Universitätsspitze Anstrengungen unternommen werden, Konflikte durch persönliche Initiativen abzubauen und mit einem Minimum an Autoritätseinsatz zu sachlichen Lösungen zu gelangen, ist es erforderlich, den Universitätspräsidenten in seinen Bemühungen, Reformtendenzen zum Durchbruch zu verhelfen, zu unterstützen und ihm das Vertrauen auszusprechen."
Warnung vor Abwanderung von Professoren aus Berlin
Die Landtagsfraktion der SPD in Rheinland-Pfalz warnt in einer Stellungnahme vor einer Abwanderung von Professoren aus Berlin. Die Landtagsfraktion bezieht sich dabei auf das starke Interesse von Professoren der FU und TU an einer Tätigkeit in der künftigen Universität Trier/Kaiserslautern. Die Massierung von Bewerbern aus Berlin erwecke den Anschein, "als wollten sie ein sinkendes Schiff verlassen".
3. Februar 1970
Umfrage zur Situation an der FU
Die "BZ" veröffentlicht eine Umfrage des Allensbach-Institutes, nach der sich über 60% der Studenten an der Freien Universität als linksstehend bezeichnen, davon 20% als weit links. 26% der befragten Professoren, die Mehrzahl davon Geisteswissenschaftler, sind mit der bisherigen Tätigkeit von FU-Präsident Kreibich nicht einverstanden. Positiv äußern sich 5% der Professoren, 29% der Dozenten und über 50% der Assistenten und Studenten. 48% der Professoren seien zum Weggang von der FU bereit, falls sie einen Ruf erhielten. Auch 29% der Dozenten, 31% der Assistenten und 19% der Studenten würden die FU verlassen, wenn sich ihnen eine Möglichkeit dazu böte. 58% der Professoren in den Geisteswissenschaften fühlen sich in ihrer Lehrtätigkeit beeinträchtigt und 62% sehen sich in ihrer Forschungsarbeit behindert.
Wissenschaftssenator antwortet auf SPD Rheinland-Pfalz
Auf die Bedenken der SPD-Fraktion im Landtag von Rheinland-Pfalz, es würden zu viele Berliner Professoren um eine Berufung an die geplante Hochschule Trier/Kaiserslautern nachsuchen, äußert Wissenschaftssenator Stein in einer Stellungnahme, Berlin sei kein hochschulpolitischer Naturpark. Es sei selbstverständlich, daß sich unter den Bewerbern für die Landeshochschule Trier/Kaiserslautern eine Reihe von Berliner Wissenschaftlern befänden. Die genannte Anzahl von 8 % entspreche kaum dem Berliner Anteil am Wissenschaftspotential der Bundesrepublik Deutschland. Am 7. Februar bekräftigt Senator Stein in der "Berliner Stimme" erneut seine Reformpolitik an den Berliner Universitäten. Die Umfrage des Allensbach-Instituts zur Situation an der FU verdeutliche, daß das Berliner Hochschulgesetz in eine sinnvolle Richtung weise, auch wenn auf diesem Weg noch viele Hindernisse überwunden werden müßten. (Vgl. 30. Jan. 1970)
4. Februar 1970
Akademischer Senat setzt Beratung zur Fachbereichsbildung fort
Der Akademische Senat der Freien Universität empfiehlt dem Kuratorium der FU die Bildung von sieben medizinischen Fachbereichen: Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, Nervenklinische Medizin, Krankenhaus Westend, die übrigen Kliniken der Fachrichtungen Frauenheilkunde, Geburtshilfe, Orthopädie, Dermatologie, im Fachbereich Vorklinik sollen Anatonomie und Physiologie, unter Einbeziehung des Instituts für Klinische Physiologie und das Klinikum Steglitz soll in die zwei Fachbereiche für Klinische Medizin und Theoretische Medizin aufgeteilt werden. Außerdem empfielt der Akademische Senat die Einrichtung eines Zentralinstituts für Soziale Medizin an der FU.
WiSo-Fakultät stellt SDS-Mitglied als Assistenten ein
Die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät beschließt auf Vorschlag des Soziologischen Institutes die Besetzung einer Assistentenstelle mit Dr. Reinhard Wolff. Dr. Wolff war Mitglied des letzten (kommissarischen) Bundesvorstandes des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), von studentischen Vollversammlungen war in den vergangenen Wochen wiederholt seine Einstellung als Assistent gefordert worden.
5. Februar 1970
Professor Hartwich wird Vorsitzender des OSI-Institutsrats
Der Institutsrat des Otto-Suhr-Instituts wählt Prof. Dr. Hans-Hermann Hartwich zu seinem Vorsitzenden. Prof. Hartwich tritt die Nachfolge von Prof. Dr. Gerd von Eynern an, der wegen seiner bevorstehenden Emeritierung von diesem Amt zurücktritt.
7. Februar 1970
Juristische Fakultät will gegen Fachbereichsbildung klagen
Die Juristische Fakultät der Freien Universität Berlin beauftragt ihren Dekan, beim Verwaltungsgericht gegen die entsprechend dem Universitätsgesetz vorgesehene Umwandlung der Fakultät in einen Fachbereich Klage zu erheben, falls das Kuratorium der FU diese Umwandlung beschließen sollte. In Hinblick auf den Grundgesetzartikel 5 Abs. 3, in dem die Freiheit von Forschung und Lehre garantiert wird, sieht die Juristische Fakultät in ihrer Mehrheit eine Verfassungswidrigkeit in der Zusammensetzung und Zuständigkeit des Fachbereichsrats. Die Tatsache, daß Nichthabilitierte - wie Studenten, Assistenten und Dienstkräfte -im Falle von Habilitationen und Berufungen stimmberechtigt sind, verstoße ebenso gegen das Grundgesetz wie die Möglichkeit, daß Hochschullehrer in Fragen der Lehre und Forschung Mehrheitsbeschlüssen unterworfen werden. Dieser Beschluß der Juristischen Fakultät wird von den Ordinarien bei einer Gegenstimme gegen die Voten der Privatdozenten, Assistenten, Akademischen Räte und Studenten gefaßt.
9. Februar 1970
"Notgemeinschaft für eine freie Universität" gegründet
Im Bezirksverordneten-Sitzungssaal des Rathauses Tiergarten findet die Gründungsversammlung der "Notgemeinschaft für eine freie Universität" statt. Die Versammlung wird von Prof. Dr. Thomas Nipperdey geleitet. In die einstimmig verabschiedete Satzung werden als Ziele § 1 der "Aktionsgemeinschaft für eine freie Universität" übernommen. In den Vorstand der Notgemeinschaft werden die Professoren Ernst Büchi, Jürgen Domes, Peter Hanau, Georg Nicolaus Knauer, Stanislaw Kubicki, Bernd Rüthers und Otto von Simson gewählt, die auch schon im vorläufigen Vorstand der "Aktionsgemeinschaft für eine freie Universität" vertreten waren. Neu hinzu kommen der FU-Professor für Volkswirtschaftslehre, Horst Sanmann, der Professor für Handels- und Wirtschaftsrecht an der TU, Folkmar Koenigs und der Akademische Rat (Klassische Philologie) Dr. Hans Joachim Geisler (CDU). (Vgl. 13. Dez. 1969)
10. Februar 1970
Romanistik-Professoren verlassen Auswahlkommission
Am Romanischen Seminar der FU ziehen die beiden Vertreter der Professoren aus der drittelparitätisch besetzten Auswahlkommission für Assistentenstellen aus, weil zwei Lehrveranstaltungen durch Studenten gestört wurden. In den Lehrveranstaltungen war unter anderemn von den studentischen Vertretern in der Auswahlkommission die öffentliche Diskussion der Kriterien bei den vorgesehenen Besetzungen der Assistentenstellen gefordert worden. Die Professoren sehen in dem Verlangen nach öffentlicher Erörterung der vertraulichen Beratungen den Versuch, Druck auf die Kommission auszuüben. Die in der Kommission verbliebenen Vertreter der Assistenten und Studenten benennen zwei Kandidaten für die zu besetzenden Stellen, alternativ dazu kündigen die beiden Professoren an, der Philosophischen Fakultät zwei Kandidaten ihrer Wahl vorzuschlagen.
11. Februar 1970
Pressestimmen zur Situation an der FU
Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und "der Tagesspiegel" melden die Gründung der Notgemeinschaft für eine freie Universität. Die Notgemeinschaft habe etwa 100 Mitglieder, die überwiegend Professoren seien.
Die "Berliner Morgenpost" veröffentlicht einen Artikel von stud. phil. E. Winterhager unter der Überschrift "FU unter dem Terror der 'Roten Zellen'".
Senat antwortet auf weitere Anfrage über Ulrike Meinhof
Der "Landespressedienst" veröffentlicht die Antwort des Regierenden Bürgermeisters Schütz und des Senators für Wissenschaft und Kunst, Prof.Dr. Werner Stein, auf eine Anfrage der Abgeordneten Dr. Ursula Besser (CDU) vom 19. Januar 1970 hinsichtlich der Vorlesung von Frau Ulrike Meinhof an der FU. Ein "Beweis für ein verfassungswidriges Verhalten von Frau Meinhof" liege zur Zeit nicht vor.
Romanisches Seminar der FU besetzt
Das Romanische Seminar der FU wird für ca. 4 Stunden von Studenten besetzt. Mit der Besetzung soll Druck auf die zugleich tagende Philosophische Fakultät ausgeübt werden, die zwei Assistentenstellen am Romanischen Seminar im Sinne des Mehrheitsvotums der Auswahlkommission zu besetzen. (Vgl. 10. Febr. 1970)
12. Februar 1970
Professor Arndt legt Leitung des Instituts für Konzentrationsforschung nieder
Professor Arndt legt die Leitung des Instituts für Konzentrationsforschung nieder. Professor Arndt begründet seinen Rücktritt mit der Emotionalisierung der Auseinandersetzung an seinem Institut sowie mit dem neuen Universitätsgesetz, das dem Institutsdirektor Planung und Entscheidung über Forschungsvorhaben zugunsten anderer Gremien entziehe. Dies könne auf einem politisch brisanten Gebiet wie der Erforschung der Zusammenhänge der wirtschaftlichen Konzentration nicht verantwortet werden. (Vgl. 13.Febr. 1970)
13. Februar 1970
Assistenten und Dienstkräfte kritisieren Professor Arndt
Sämtliche Assistenten und Dienstkräfte des Instituts für Konzentrationsforschung verwahren sich in einer Erklärung gegen die Vorwürfe ihres zurückgetretenen Direktors Professor Arndt. Von ihrer Seite habe es keine Emotionalisierung der Auseinandersetzung gegeben. Wenn Professor Arndt zu einem Zeitpunkt zurücktrete, an dem über "eine Erweiterung des Forschungsansatzes und eine Demokratisierung der Institutsstruktur" diskutiert werde, könnten seine bisherigen Mitarbeiter darin "nur den Versuch sehen, seine eigene Machtposition und seine Privilegien zu erhalten". Damit stelle er sich gegen die Intention des Universitätsgesetzes, das die Ordinarienuniversität durch eine demokratische Universität zu ersetzen suche.
17 Philosophieprofessoren kritisieren ihren Dekan
17 Hochschullehrer der Philosophischen Fakultät werfen in einer Erklärung ihrem Dekan Professor von Simson eine "bewußte Irreführung der Fakultät" vor. Der Dekan habe die Fakultät auf ihrer Sitzung am 17. Dezember 1969 nicht darüber aufgeklärt, daß er noch vor der Bestätigung des neugewählten FU-Präsidenten Kreibich durch den Berliner Senat sich an einer Unterschriftensammlung gegen Kreibich beteiligt habe. Auf der Fakultätssitzung vom 1. Dezember waren diesbezügliche Vorwürfe des FU-Präsidenten in einem Vertrauensvotum für Dekan von Simson als "unbegründet" zurückgewiesen worden.(Vgl. 20. Febr. 1970)
Psychologen fordern ein neues Psychologisches Institut
Eine "Initiativgruppe" von zwölf Angehörigen des Mittelbaus am Psychologischen Institut der FU fordert in einem Flugblatt "eine zweite Wissenschaftliche Einrichtung Psychologie und deren Eingliederung in den Fachbereich Erziehungswissenschaften". Die "Initiativgruppe" begründet ihre Forderung mit der unerträglichen politischen und persönlichen Situation am Psychologischen Institut. (Vgl. 7. Nov. 1969, 17., 23., 24. und 26. März 1970)
16. Februar 1970
Ernest Mandel soll Gastprofessur am OSI erhalten
Der Institutsrat des Otto-Suhr-Instituts der FU beschließt einstimmig, dem belgischen Marxisten Ernest Mandel eine Gastprofessur für das Wintersemester 1970/71 zu übertragen. Mandel ist Vorsitzender der (trotzkistischen) Kommunistischen Internationale. Mandel will sich in seiner Lehrveranstaltung mit den ökonomischen Beziehungen zwischen Ländern der Dritten Welt und den hochindustrialisierten Staaten sowie mit Fragen der Entwicklungshilfe befassen.
17. Februar 1970
Jura-Professoren drohen Einzelklage gegen Fachbereichsbildung an
Die Professoren der Juristischen Fakultät der FU kündigen in einer Presseerklärung an, daß sie im Falle eines positiven Beschlusses des Kuratoriums der FU zur Umwandlung der Fakultät in einen Fachbereich gemäß dem Berliner Universitätsgesetz neben der bereits beschlossenen Klage ihrer Fakultät auch Einzelklage beim Verwaltungsgericht erheben werden. Lediglich ein Professor der Fakultät wird diesen Schritt nicht vollziehen. In der Erklärung heißt es, daß die "willkürliche und unsinnige Festlegung von Paritäten im Hochschulgesetz die FU nicht reformieren, sondern ruinieren" werde, da sie eine "Sowjetisierung der Universität" ermögliche. Studien- und Prüfungsordnungen, Promotionen, Habilitationen und Berufungen könnten im Extremfall von Studenten, Assistenten und Dienstkräften gegen die Stimmen der Professoren beschlossen werden. Das Gesetz sei zwar nicht "total falsch, aber in den endscheidenden Punkten schlecht". Die Professoren der Juristischen Fakultät äußern die "feste Zuversicht", daß das Bundesverfassungsgericht noch in diesem Jahr die Rechtsauffassung der Juristischen Fakultät der FU bestätigen werde.
(Vgl. 18. Febr. 1970)
18. Februar 1970
Neun Mathematik-Professoren haben Berlin verlassen
Die "Frankfurter Rundschau" berichtet über eine Dokumentation der Berliner "Mathematischen Gesellschaft", in der mitgeteilt wird, daß neun renommierte Mathematik-Professoren mit 13 Assistenten TU und FU verlassen haben. Die neun Professoren seien wegen der schlechten Arbeitsbedingungen, nicht aber aus politischen Gründen Rufen anderer Universitäten gefolgt. Die "Mathematische Gesellschaft" kritisiert Schulsenator Evers und Wissenschaftssenator Stein, die den faktisch seit Jahren vorhandenen Fehlbestand an Gymnasiallehrern für naturwissenschaftliche Fächer zu verschleiern suchten. In der von ihrem Vorsitzenden, Prof. Dr. Udo Simon, vorgelegten Dokumentation der "Mathematischen Gesellschaft" werden für die Jahre 1973 bis 1975 "katastrophale Folgen für den Lehrernachwuchs" vorausgesagt.
Rote Zellen fordern Freilassung von Sybille Plogstedt
In der gleichen Ausgabe berichtet die "Frankfurter
Rundschau" über einen Brief der Berliner "Roten Zellen", in dem
vom Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der CSSR die sofortige
Freilassung der FU-Studentin Sybille Plogstedt aus der Untersuchungshaft in
Prag gefordert wird. Frau Plogstedt, ein früheres SDS-Mitglied, ist unter dem
Vorwurf
inhaftiert, im Zusammenhang
trotzkistischer Verschwörungstätigkeit Verbrechen gegen die CSSR geplant zu
haben. (Vgl. 8. März 1971)
FU-Präsident antwortet Jura-Professoren
Der Präsident der FU, Rolf Kreibich, nimmt zu den Vorwürfen der Juristischen Fakultät vom Vortage Stellung. Präsident Kreibich wirft den Professoren der Juristischen Fakultät ein gebrochenes Verhältnis zur Demokratie vor. Dafür seien die von den Professoren gebrauchten Ausdrücke wie "Sowjetisierung" und "Demokratisierungsfimmel" symptomatisch. Ihre Kritik an den Mitbestimmungsrechten von Dienstkräften in den Fachbereichsräten zeuge von Überheblichkeit, immerhin handele es sich bei den Universitätsdienstkräften um zum Teil hochqualifizierte Mitarbeiter. Diese Gruppe von über 6000 Beschäftigten sei jeweils nur mit einem Vertreter in den Fachbereichsräten repräsentiert, während die ca. 700 Hochschullehrer 7 Vertreter in diese Gremien entsenden könnten. Von einer Überrepräsentanz der Anderen Dienstkräfte könne demnach überhaupt keine Rede sein.
AEG-Betriebsrat lädt FU-Präsidenten ein
Der Betriebsrat der AEG-Telefunken / Fabrik Reinickendorf lädt Präsident Kreibich ein, am 20. März auf einer Betriebsversammlung zum Thema "Der Betrieb und seine Umwelt" zu sprechen. In dem Einladungsschreiben heißt es: "Es ist dabei auch unser Wunsch, vorhandene Vorurteile, die das Verhältnis von Arbeitnehmern zu Studenten belasten, abzubauen." Präsident Kreibich wird gebeten, in seinem Vortrag der AEG-Belegschaft die Probleme der Freien Universität darzulegen.
19. Februar 1970
Kuratorium beschließt Nachtragshaushalt
In seiner 149. Sitzung beschließt das Kuratorium der FU den Nachtragshaushalt für das Jahr 1970 in Höhe von 8,2 Millionen DM. Mit dem Nachtragshaushalt werden die Kosten für den Einsatz einer Rechenanlage, Sofortmaßnahmen zum Ausbau der Human- und Zahnmedizin, der Mehrbedarf für die Physiologischen und Physiologisch-Chemischen Institute und die Umwandlung der Stellen von Wissenschaftlichen Räten in Professuren gedeckt. Wissenschaftssenator Stein bezeichnet die gesamte Bauplanung der Freien Universität als problematisch und kündigt an, daß eine gründliche Überprüfung der Bauvorhaben erfolgen werde. Angesichts des zu erwartenden Anstiegs der Studentenzahlen könnten nicht einfach die Entwürfe verwirklicht werden, die vor zehn Jahren konzipiert wurden. Es müsse eine "ganz neue Konzeption" gefunden werden. Senator Stein hält es für erforderlich, daß eine Trennung zwischen Bauten, die für die Lehre und solchen, die für die Forschung bestimmt sind, erfolgen müsse. Das Kuratorium der FU beschließt eine Hauptkommission aus je vier Mitgliedern des Akademischen Senats der FU und des verantwortlichen Senatsbereichs für Wissenschaft und Kunst, die gemeinsam mit Vertretern des Bausenats eine erste Sichtung der bestehenden Baupläne vornehmen soll.
Das Kuratorium beschließt eine Kommission, die einen Vorschlag zur Fachbereichsgliederung erarbeiten soll. Der Kommission gehören der Kuratoriumsvorsitzende, der Senator für Wissenschaft und Kunst, der Senator für Finanzen, der Abgeordnete Neubaum und für die Universität Professor Lämmert, Dr. Mattakas und die Herren Bruhn und Abt an.
Zustimmend nimmt das Kuratorium eine Vorlage zur Kenntnis, die die Erstattung von Sitzungsgeldern für studentische Vertreter in den Selbstverwaltungsgremien der FU vorsieht. Studentenvertreter sollen für jede ordnungsgemäß einberufene Sitzung 20,- DM erhalten. Die Sitzungsgelder sollen eine monatliche Höhe von 250,- DM nicht überschreiten.
Wissenschaftssenator erläutert seine Semesterbilanz
Senator Stein erläutert vor Pressevertretern seine Billanz des vergangenen Semesters. An der FU bestehe gegenwärtig nicht die Gefahr einer Leistungsminderung infolge des neuen Hochschulgesetzes. Die Situation an der Freien Universität sei nach wie vor als schwierig einzuschätzen, aber er habe nach Verabschiedung des Gesetzes mit größeren Problemen gerechnet. In einer Unterredung mit dem Regierenden Bürgermeister, dem Präsidenten der FU und ihm selbst hätten die sechs Dekane der FU heute in keinem Punkt juristisch zu verfolgende Rechtsverstöße vorgebracht. Unbestreitbar sei allerdings, daß die Universitätsorgane "unter einem bestimmten Druck" stünden, dem Professoren ebenso wie Politiker begegnen müßten. FU-Präsident Kreibich versuche "auf behutsame Art, nach beiden Seiten auszugleichen", was keineswegs im Interesse der Roten Zellen liege. Zu den Verfassungsbedenken der Juristischen Fakultät hinsichtlich der Umwandlung in einen Fachbereich äußert der Senator, die Behauptung, daß Studenten und Andere Dienstkräfte bei Entscheidungen in Fragen von Forschung und Lehre den Ausschlag geben, treffe nur unter der Voraussetzung zu, daß es dabei regelmäßig zu einer Konfrontation zwischen Hochschullehrern und Wissenschaftlichen Mitarbeitern käme. Das aber wolle das Universitätsgesetz überwinden.(...) Es treffe zu, daß Studienpläne und Prüfungordnungen gegen den Willen der Hochschullehrer und Assistenzprofessoren beschlossen werden könnten. Die Studienpläne und Prüfungsordnungen müßten aber vor ihrem Inkrafttreten vom zuständigen Senator bestätigt werden. Nicht zutreffend seien hingegen die Behauptungen, die Verleihung des Doktorgrades könne ohne Zustimmung von Promovierten erfolgen und Berufungs- bzw. Habilitationsangelegenheiten könnten gegen die Mehrheit der Stimmen der Hochschullehrer einschließlich der wissenschaftlichen Mitarbeiter entschieden werden. Senator Stein sieht keine Chance für einen Erfolg der Verfassungsklage der Juristischen Fakultät. Für die Jahre 1972/73 erwartet der Senator ernste Probleme, sofern die Diskrepanz zwischen den über die mittelfristige Finanzplanung zur Verfügung stehenden Mitteln und den baulichen Erfordernissen nicht überwunden werde.
20. Februar 1970
38 Philosophie-Professoren unterstützen ihren Dekan
38 Hochschullehrer der Philosophischen Fakultät der FU wenden sich in einer gemeinsamen Erklärung gegen die Behauptung von 17 Mitgliedern der Fakultät, Dekan Professor von Simson habe den Lehrkörper "bewußt irregeführt": "Die Erklärung der 17 Mitglieder der engeren Fakultät - ihre Zahl stellt noch nicht ein Viertel der Fakultätsvertretung dar - muß als ein Mosaikstein unter vielen in einem systematischen Kesseltreiben gegen den Dekan erscheinen.(...) Bekannt und durch Zeugen jederzeit zu erhärten ist auch, daß ein engerer Mitarbeiter des Herrn Präsidenten nach dem Bekanntwerden des Briefes der sechs Dekane erklärt hat, man müsse sich jetzt auf Herrn von Simson einschießen.(...) Die Unterzeichnenden mißbilligen diese unsachliche und fragwürdige Form der Auseinandersetzung aufs Schärfste." Zu den Unterzeichnern dieser Erklärung gehören die Professoren Ernst Fraenkel, Nikolaus Knauer, Erich Loos und Richard Löwenthal. (Vgl. 13. Febr. 1970)
Akademischer Senat setzt seine Beratungen über die Neugliederung der FU fort
Der Akademische Senat befaßt sich mit der Bildung der Fachbereiche an der FU und schlägt die Bildung eines Fachbereichs Veterinärmedizin vor. Das interfakultative Institut für Politische Wissenschaft soll in ein Zentralinstitut umgewandelt werden, das nur Forschungsaufgaben wahrnimmt. Der Akademische Senat lehnt einen Vorschlag der Medizinischen Fakultät ab, Zulassungsbeschränkungen auszusprechen.
Professor Kisker wird Vorsitzender des Studentenwerks
Der Verwaltungsrat des Studentenwerks der FU wählt den Volkswirtschaftler Prof. Dr. Klaus-Peter Kisker zum neuen Vorstandsvorsitzenden. Professor Kisker tritt die Nachfolge des Juristen Prof. Dr. Hermann Bley an. Als weitere Vorstandsmitglieder werden gewählt der Universitätsassessor Dr. Klaus Warnke und die Studenten Hans Gutzmann und Klaus Kittel.
21. Februar 1970
Allgemeine Studentenausschüsse weitgehend in linker Hand
Der "Telegraf" veröffentlicht eine dpa-Übersicht, aus der hervorgeht, daß mit Ausnahme der Universitäten Gießen, Würzburg und Freiburg die Allgemeinen Studentenausschüsse an den Universitäten der Bundesrepublik von linken Studentenvereinigungen gebildet werden.
22. Februar 1970
Presseberichte zur Situation an der FU
In der "Berliner Morgenpost" wendet sich der Leiter des I. Mathematischen Instituts der FU, Prof. Dr. Alexander Dinghas, unter der Überschrift "Pippi Langstrumpf und die Mathematik-Reform an der FU" gegen "kritikloses Experimentieren". Professor Dinghas kritisiert, daß einige Reformvorstellungen der Masse der Studienanfänger "ein Studium ohne Anstrengung" vortäuschten und sie "am Ende ihres Studiums, falls sie mit der Wirklichkeit konfrontiert werden, mangels Selbständigkeit in eine oft ausweglose Situation hineinzwingen". Dies seien "Pippi-Langstrumpf-Mathematik-Reformen", die den gleichen Nutzeffekt erzielten "wie ein Schwimmunterricht mit einer Dauer-Schwimm-weste". Zu den Weggängen von Wissenschaftlern schreibt Professor Dinghas, es sei ungerecht, "in einer Zeit so vieler Neugründungen von Universitäten zeitbedingte Fluktationserscheinungen dem Senator für Wissenschaft und Kunst zur Last legen zu wollen". In manchen Stellungnahmen werde zudem nicht hinreichend spezifiziert, daß es sich dabei "um einen Ordinarius, drei Wissenschaftliche Räte und Professoren, einen Wissenschaftlichen Oberassistenten und drei Wissenschaftliche Assistenten" gehandelt habe, "die, wie jeder junge Mathematiker, das Recht haben, ihre Position durch Berufung an eine andere Universität zu verbessern". Es sei in der öffentlichen Darstellung auch nicht vermerkt worden, daß durch Neubesetzungen freigewordener Stellen "praktisch der Zustand von 1968 wiederhergestellt wurde".
23. Februar 1970
Erfolgreiche Fürsprache des FU-Präsidenten für türkische Studenten
Der Präsident der FU, Rolf Kreibich, erhält auf seine Intervention bei dem Staatspräsidenten der Türkei die Zusicherung, daß der angedrohte Paßentzug für einige türkische Studenten der FU nicht erfolgen wird.
24. Februar 1970
Dutschke-Attentäter begeht Selbstmord
In seiner Zelle wird Josef Bachmann, der wegen seines Attentats auf Rudi Dutschke eine fünfjährige Haftstrafe verbüßt, tot aufgefunden. Bachmann hat sich mittels einer Plastiktüte selbst erstickt.
Akademischer Senat schlägt die Bildung weiterer Fachbereiche vor
Der Akademische Senat der FU empfiehlt die Bildung der Fachbereiche Altertumswissenschaften, Germanistik und Theaterwissenschaften. Mit knapper Mehrheit wird auf Vorschlag von Professor Nipperdey außerdem die Bildung eines Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften beschlossen, über dessen Teilung nach zwei Jahren erneut beraten werden soll. Studenten- und Assistentenvertreter treten dagegen für die Aufteilung in einen Mathematisch-Sozialwissenschaftlichen, einen Wirtschaftspolitisch-Sozialökonomischen und einen Betriebswirtschaftlich-Unternehmenspoliti-schen Fachbereich ein. Des weiteren wird dem Kuratorium die Bildung eines Zentralinstituts für Wirtschaftsforschung vorgeschlagen.
Zahlen zur Drittmittelforschung an FU und TU
Auf eine Kleine Anfrage der Abgeordneten Dieter Schwäbel (SPD) und Gerd Löffler (SPD) antwortet der Senat, daß an der Technischen Universität Berlin 620 Personen und an der Freien Universität ca. 120 Personen erfaßt seien, die aus "Drittmitteln" (Fremdmitteln) bezahlt werden. Der Senat bestätigt, daß diese Beschäftigten durch Privatverträge mit den jeweiligen Professoren an spezielle Aufgaben gebunden sind und weder an den universitären Wahlen teilnehmen können noch durch die Personalräte der beiden Universitäten vertreten werden. Dies stelle eine Benachteiligung dieser Mitarbeiter dar, die einen nicht unerheblichen Teil der Forschung an den Universitäten gewährleisteten. Der Senat bemühe sich seit geraumer Zeit um eine Verbesserung der Rechtsstellung der aus Drittmitteln bezahlten Beschäftigten an den Berliner Universitäten.
25. Februar 1970
Rektor der Universität Jerusalem besucht FU
Der Rektor der Universität Jerusalem, Prof. Dr. Jacob Katz, wird von dem Präsidenten der Freien Universität Berlin, Rolf Kreibich, empfangen und hält vor geladenen Gästen an der FU einen Vortag über "Juden und Freimaurer - Historie eines Schlagwortes", in dem er auch auf die Geschichte der Berliner Freimaurerloge und der Berliner Juden eingeht.
25. und 26. Februar 1970
Akademischer Senat macht Vorschläge zur Aufteilung der Philosophischen Fakultät
Der Akademische Senat der Freien Universität berät über die Fachbereichsbildung und empfielt für die Philosophische Fakultät eine Aufteilung in acht Fachbereiche: Politische Wissenschaft, Altertumswissenschaften, Germanistik, Neuere Fremdsprachliche Philologien, Geschichtswissenschaften, Sozialwissenschaften, Kunstwissenschaften und Erziehungswissenschaften.
27. Februar 1970
Stellungnahme zum Wohngeldstreik in Studentenheimen
"Der Tagesspiegel" veröffentlicht einen Beitrag des studentischen Mitglieds im Vorstand des Studentenwerks der FU zum Thema "Warum immer noch Wohngeldstreik?".
28. Februar 1970
Symposium zur Gastrokamera-Diagnostik im Klinikum der FU
Mit der Gründung der "Europäischen Gesellschaft für Gastrokamera-Diagnostik" wird im Klinikum der FU in Steglitz das zweite europäische Symposium über Fragen der Gastrokamera-Diagnostik beendet. An dem Symposium haben mehr als 500 Gäste aus 11 europäischen und außereuropäischen Ländern teilgenommen.
4. März 1970
Schulsenator Evers tritt zurück
Der Senator für Schulwesen, Prof. Dr. Carl-Heinz Evers (SPD), erklärt dem Regierenden Bürgermeister Klaus Schütz schriftlich seinen Rücktritt.
Akademischer Senat wählt Entwicklungsplanungs-kommission
Der Akademische Senat der FU wählt gemäß § 12, Abs. 2 UniG auf Vorschlag des FU-Präsidenten Rolf Kreibich die Kommission für Entwicklungsplanung. Im ersten Wahlgang werden gewählt: die Hochschullehrer Prof. Dr. Hans Peter Dreitzel, Prof. Dr. Hanns Hippius und Prof. Dr. Eckart Matthias; die Wissenschaftlichen Mitarbeiter Dr. Adelheid Hiesecker, Dr. Wolfgang Schuller, der Student Hans-Utz Foerderreuther und die Andere Dienstkraft Hartmut Zimmermann. Im zweiten Wahlgang erhält auch Prof. Dr. Carl-Ludwig Furck die notwendige einfache Mehrheit. Auf Vorschlag von Professor Schwan erhält der vorgeschlagene Fachbereich VI. den Namen Philosophie und Sozialwissenschaften.
5. März 1970
Präsident Kreibich erläutert seine Politik
Im "Vorwärts" erscheint ein Interview mit dem Präsident Kreibich unter der Überschrift: "Die richtigen Mittel wählen".
Mitarbeiter des Präsidenten nicht an Einbruch beteiligt
Der Regierende Bürgermeister Klaus Schütz und der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, antworten auf eine Anfrage des Abgeordneten Friedrich von Kekule (CDU), daß der bis zum 31. März mit Werkvertrag als Berater des FU-Präsidenten eingestellte Student der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät Rolf Rosenbrock nicht an einem Einbruch in das Dekanat der WiSo-Fakultät beteiligt war. Es bestünden keine Anhaltspunkte für einen das Vertragsverhältnis belastenden Sachverhalt. Pressemeldungen, die die Beteiligung von Rosenbrock an dem Einbruch in das Dekanat der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät behauptet hätten, seien unzutreffend. Herr Rosenbrock habe mit Erlaubnis einer Sekretärin lediglich ein Telefon benutzt, um die Forderungen der in das Dekanat eingedrungenen Studenten an den Präsidenten weiterzugeben.
Der Akademische Senat der FU beschließt weitere Empfehlungen zur Fachbereichsbildung
Mit 19:2:1 Stimmen beschließt der Akademische Senat die Zuordnung der Entwicklungssoziologie zum Fachbereich Philosophie und Sozialwissenschaften, wohingegen die Empfehlung, Ethnologie dem Fachbereich Kunstwissenschaften zuzuordnen, mit 12:10:1 sehr knapp ausfällt. Studenten- und Assistentenverteter geben zu Protokoll, daß entgegen dem Votum der Mehrheit der Studenten den Interessen der Ordinarien nachgegeben werde. Dies zeige, "daß die Hochschullehrer die Ordinarienuniversität aufrechterhalten" wollten. Bereits am 3. März war es in dieser Frage zu einer Kontroverse zwischen Studenten- und Assistentenvertretern und Professor Rudolph gekommen, bevor der Akademische Senat mit zwölf gegen neun Stimmen die Zuordnung der beiden Fächer zum geplanten Philosophisch - Sozialwissenschaftlichen Fachbereich wieder aufgehoben hatte.
Präsident Kreibich bedauert den Rücktritt von Senator Evers
FU-Präsident Rolf Kreibich würdigt den zurückgetretenen Schulsenator Prof. Dr. Carl-Heinz Evers (SPD) als "über die Grenzen Berlins und Deutschlands hinaus anerkannten Bildungspolitiker", dessen Rücktritt "im Bereich der Universität große Besorgnis ausgelöst" habe. Die mittelfristige Finanzplanung des Berliner Senats berücksichtige nicht die von der Bundesregierung empfohlene verstärkte Förderung der Bildungspolitik. Eine Vernachlässigung des Schulsystems müsse "schwerwiegende negative Auswirkungen auch auf die Berliner Universitäten haben". (Vgl. 4. März 1970)
6. März 1970
Präsident Kreibich 100 Tage im Amt
"Die Zeit" veröffentlicht unter der Überschrift "100 Tage Kreibich" einen Situationsbericht von Prof. Dr. Alexander Schwan.
In der gleichen Ausgabe erscheint auch ein Interview von Nina Grunenberg mit FU-Präsident Kreibich.
Dok. 1013 und Dok. 1014
Kein Streikrecht für Studenten
"Die Deutschen Nachrichten" melden die Entscheidung des Berliner Verwaltungsgerichtes, daß Studenten nicht das Streikrecht für sich in Anspruch nehmen dürften. Nach Auffassung des Gerichtes ist es nicht zulässig, das auf den wirtschaftlichen und sozialen Bereich zugeschnittene Mittel des Streiks in Hochschulen und Schulen zur Anwendung zu bringen. (Aktenzeichen: VG III 146/257/69)
"Notgemeinschaft" befürchtet rote Unterwanderung der FU
Die "Notgemeinschaft für eine freie Universität" veröffentlicht unter dem Titel "Freie Universität unter Hammer und Sichel" eine Dokumentation "zur Lage an der FU", in der gegenüber dem Präsidenten der FU, Kreibich, der Vorwurf erhoben wird, er beabsichtige die FU auf legalem Wege "im sozialistischen Sinne umzugestalten". Die Freie Universität, "die einmal als Antwort auf den Totalitären Marxismus gegründet wurde" wird nach Ansicht der Notgemeinschaft zu einer "Vorbereitungsstätte eines marxistischen Revolutionsversuches". Die Notgemeinschaft ist der Auffassung, daß die Unterwanderung am psychologischen Institut der FU am fortgeschrittensten sei. Dessen Lehrbetrieb stehe bereits weitgehend unter marxistischen Vorzeichen.
Dok. 1015
Schülerdemonstration vor Schöneberger Rathaus
Im Zusammenhang mit dem Rücktritt von Schulsenator Prof. Dr. Carl Evers demonstrieren etwa 2500 Schüler vor dem Rathaus Schöneberg gegen die Schulpolitik des Senats. Die Schüler führen Spruchbänder mit sich, auf denen "Mehr Geld für die Schulen" gefordert wird. Als Schüler mehrere Fenster des Schöneberger Rathauses mit Schneebällen einwerfen, räumt die Polizei den Rathausvorplatz.
7. März 1970
Protest gegen Festnahme von palästinensischen Studenten
Der Vorstand des Studentenwerks der FU protestiert in einer Presseerklärung aufs schärfste gegen die vorübergehende Festnahme von insgesamt acht Arabern in der vergangenen Woche. Die Festgenommenen sind Mitglieder der "Generalunion Palästinensischer Studenten" (GUPS) und wohnen in verschiedenen Studentenheimen. Die Polizei bestätigt lediglich die Festnahme von zwei Jordaniern, die auf dem Wege der Amtshilfe erfolgt sei. Gegen die Festgenommenen, die inzwischen wieder auf freien Fuß gesetzt worden seien, bestehe von Seiten der Bundesanwaltschaft "Verdacht auf Mitwirkung an Flugzeugzwischenfällen".
Demonstration für Horst Mahler
An einer Solidaritätsdemonstration für Rechtsanwalt Horst Mahler, zu der auch die "Roten Zellen" aufgerufen haben, beteiligen sich ca. 4000 Personen. Während der Schlußkundgebung vor dem Untersuchungsgericht in Moabit kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei, in deren Verlauf Steine und zwei Molotowcocktails gegen das Gerichtsgebäude geschleudert werden. Acht Polizeibeamte und eine unbekannte Zahl von Demonstranten werden verletzt. In der Innenstadt setzen sich die Auseinandersetzungen fort, als etwa 200 Demonstranten versuchen, in ein Kaufhaus einzudringen, und von der Polizei unter Schlagstockeinsatz aus den Einkaufsräumen gedrängt werden. (Vgl. 9. März 1970)
9. März 1970
FAZ berichtet über Arbeit der Nofu
In der "Frankfurter Allgemeine Zeitung" berichtet Karlheinz Renfordt über die "Notgemeinschaft für eine freie Universität" und deren Bilanz des Wintersemesters. (Vgl. 6. März 1970)
Dok. 1016
Streiks an Berliner Schulen
An etwa der Hälfte der Berliner Gymnasien fällt der Unterricht in den oberen Klassen nach der 2. bzw. 4. Stunde aus, da die Schüler im Zusammenhang des Rücktritts von Schulsenator Evers in den Streik treten. Nach Auskunft von Landesschulrat Barth finden in den Klassen überwiegend Diskussionen zu Fragen der Schulpolitik statt. Justizsenator Korber, der kommissarisch die Aufgaben des Schulsenators wahrnimmt, verweist auf die Rechtswidrigkeit eines Unterrichtsboykotts und fordert von den Lehrern, in jedem Fall das planmäßige Unterrichtsangebot sicherzustellen.
Staatsanwalt fordert Haftstrafe für Rechtsanwalt Mahler
Im Prozeß gegen Rechtsanwalt Horst Mahler fordert die Staatsanwaltschaft wegen schweren Landfriedensbruchs und schweren Aufruhrs in zwei Fällen eine Haftstrafe von zwei Jahren. Vor dem Plädoyer der Staatsanwaltschaft wird Verteidiger Otto Schily das Fragerecht zur weiteren Vernehmung des Zeugen Springer entzogen, da er nach Auffassung des Gerichtes sein prozessuales Fragerecht mißbraucht habe. Der Angeklagte nimmt nicht an der Verhandlung teil.
Am 16. März plädiert Rechtsanwalt Schily auf Freispruch. Schily vertritt die Auffassung, es habe sich bei den Osterdemonstrationen nach dem Attentat auf Rudi Dutschke um spontane Kundgebungen gehandelt, die die Polizei nicht hätte auflösen dürfen. Das Vorgehen der Polizei sei rechtswidrig gewesen und die Demonstranten hätten aus einer Notwehrlage heraus Widerstand gegen die Polizei geleistet. Rechtsanwalt Schily versucht in längeren Ausführungen zu belegen, daß "die Springerpresse eine Pogromhetze gegen Dutschke als Exponenten der kritischen Oppositionsbewegung betrieben" habe. Nach dem Mordanschlag auf Dutschke habe sich Mahler gemeinsam mit anderen Demonstranten zum öffentlichen Ankläger gegen den Verleger Springer und seinen Konzern gemacht.
10. März 1970
Schüler demonstrieren gegen Bildungspolitik
Über 10 000 Berliner Schüler nehmen an einer Demonstration gegen die Schulpolitik des Senats teil und erklären auf zahlreichen Transparanten ihre Sympathie für den zurückgetretenen Schulsenator Prof. Dr. Carl Evers. Auf einem Teach-in, das im Anschluß an die Demonstration im Auditorium Maximum der Technischen Universität stattfindet, verabschieden die Schüler eine Resolution, die den Berliner Senat auffordert, die Streichung von 560 Millionen DM im Bildungsetat der mittelfristigen Finanzplanung rückgängig zu machen und die Mittel dafür aus dem Polizeietat freizumachen.Unter den fast 60 Berliner Gymnasien haben nur zwhn geschlossene Unterrichtsteilnahme ihrer Schülerinnen und Schüler registriert. Am 18. März demonstrieren nochmals ca. 3000 Schüler gegen den "Bildungsnotstand an den Berliner Schulen".
11. März 1970
Psychologiestudenten schließen Journalisten aus
Die studentische Vollversammlung des Psychologischen Instituts der FU schließt mehrheitlich mehrere Journalisten von der Teilnahme an der Diskussion über die Berufung von Professor Eyferth aus. In Diskussionsbeiträgen wird der "Ausschluß der Springerpresse" als politischer Akt bezeichnet. Für die Anwendung des Beschlusses gegen den Berichterstatter des "Tagesspiegel" wird keine Begründung abgegeben. Die Versammlung beschließt mehrheitlich, Professor Eyferth aufzufordern, seinen Ruf an die FU abzulehnen. (Vgl. 8. Mai 1970)
Der Präsident der FU, Rolf Kreibich, bedauert in einer Erklärung den Ausschluß der Journalisten. Ein derartiges Vorgehen widerspreche seinen Vorstellungen einer demokratischen Universität und der notwendigen Transparenz von Diskussionsprozessen.
TU-Präsident erkennt Architekturprüfungen nicht an
Der amtierende Präsident der TU, Professor Wever, weigert sich, die Diplomurkunden von 128 Architekturstudenten zu unterzeichnen, da die Diplomprüfungen zum Teil kollektiv abgelegt worden sind. Der TU-Präsident sieht darin einen Verstoß gegen die Diplomprüfungsordnung. Der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein kündigt eine Überprüfung jedes einzelnen strittigen Prüfungsvorganges an.
12. März 1970
Auseinandersetzung an Berliner Schulen
Die Störungen an Berliner Schulen halten an. Die Polizei geht mehrfach gegen "Streikposten" und Schüler aus benachbarten Schulen vor, die in Gebäude oder Schulhöfe eingedrungen waren. An zahlreichen Schulen fällt der Unterricht in den Oberstufen aus.
AEG-Betriebsrat muß Einladung an FU-Präsidenten rückgängig machen
Der Betriebsrat der Firma AEG-Telefunken macht auf Intervention der Betriebsleitung seine Einladung an den Präsidenten der FU, Rolf Kreibich, rückgängig, am 20. März zum Thema "Die Situation der Universität und ihre gegenwärtigen Probleme" vor der Belegschaft zu sprechen. Die Geschäftsleitung ist der Auffassung, daß eine Teilnahme Kreibichs an der Betriebsversammlung eine unüberschaubare betriebliche Belastung mit sich bringen könne. (Vgl. 18. Febr. und 20. März 1970)
13. März 1970
Wissenschaftssenator kritisiert "Notgemeinschaft"
Der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, erklärt im Landespressedienst unter der Überschrift "Anschauungen der Notgemeinschaft nicht konform mit dem Universitätsgesetz", daß die von der "Notgemeinschaft für eine Freie Universität" angeführten Beispiele einer "roten Unterwanderung" der FU von ihm bereits mehrfach zurückgewiesen worden seien.
17. März 1970
Heftige Kontroversen am Psychologischen Institut
Der Institutsrat des Psychologischen Instituts diskutiert über die Forderung nach einem zweiten Psychologischen Institut an der FU, die Siegfried Greif von der "Initiativgruppe" begründet. (Vgl. 7. Nov. 1969, 23., 24. und 26. März 1970)
18. März 1970
Presseberichte über das Psychologische Institut der FU.
"Die Welt" berichtet unter der Überschrift "Auch Kreibich spricht von einer sehr ernsten Lage" über die Auseinandersetzung um den Berufungsvorgang des Darmstädter Professors Klaus Eyferth und der "Tagesspiegel" unter der Überschrift "Ernste Krise an FU Institut" über die Bestrebung, ein zweites Psychologisches Institut an der FU zu errichten.
Dok. 1017
Bundesbildungsminister besucht FU
Der Bundesminister für Bildung und Wissenschaft, Hans Leussink, besucht die Freie Universität Berlin. Leussink erklärt nach seinen Gesprächen an der FU, er habe den Eindruck, daß sich die FU nicht auf einer schiefen Ebene befinde. Vielmehr glaube er, daß auf Grund des Berliner Universitätsgesetzes und seiner Anwendung die "echte Chance" bestehe, zu einer modernen Konzeption einer zukünftigen Hochschule zu gelangen. Mit dem neuen Universitätsgesetz sei Berlin zum Modellfall für andere Bundesländer geworden. Der Präsident der FU, Rolf Kreibich, äußert sich zufrieden über die Resultate des Besuches von Bundesminister Leussink und spricht die Hoffnung aus, daß der Minister einige seiner Thesen neu überdenken werde. Man habe übereingestimmt, daß die Entwicklungsplanung für die Hochschulen auf Bundes-, Länder- und Universitätsebene besser koordiniert werden müsse. Präsident Kreibich gibt bekannt, daß er von Minister Leussink in Hinblick auf die zum Teil sehr schlechte Bausituation an der FU eine Zusage auf finanzielle Unterstützung von Sofortbaumaßnahmen erhalten hat. Dabei handelt es sich um den Neubau der Zahn- und Kieferklinik, die Erweiterung des Instituts für Organischen Chemie, den Neubau für die Physik und ein Gebäude für die Zentralverwaltung der FU.
Bundestag beschließt Amnestie für Demonstranten
Der Deutsche Bundestag beschließt vorbehaltlich der Zustimmung des Bundesrates eine Amnestie aller Demonstrationsstraftaten, die in der Zeit zwischen 1965 und dem 31. Dezember 1969 verübt wurden und Ermittlungs- und Strafverfahren wegen Aufruhr, Auflauf und Landfriedensbruch zur Folge hatten, sofern das Strafmaß nicht über neun Monate Haft beträgt. Gleichzeitig mit diesem Straffreiheitsgesetz verabschiedet der Bundestag auch das Gesetz zur Reform der Strafbestimmungen zum Schutz des Gemeinschaftsfriedens. Bei den bis zum Jahresanfang 1970 registrierten 2613 Fällen von Demonstrationsdelikten, wobei gegen 3738 Demonstrationsteilnehmer und 353 Polizeibeamte Verfahren eingeleitet worden sind, handelt es sich zum überwiegenden Teil um Tatbestände, die unter die Amnestie fallen. Der Berliner Justizsenator Hans-Günter Hoppe erklärt gegenüber der "Berliner Morgenpost": "Die Befriedungsamnestie will im Zusammenhang mit der Reform der strafrechtlichen Bestimmungen zum Schutz des Gemeinschaftsfriedens im Bereich der Demonstrationstaten einen Schlußstrich ziehen. Der rechtspolitische Beitrag ist das staatliche Angebot zu einem neuen Anfang in einem Zeitpunkt, in dem Recht und Rechtsauffassung wieder in Übereinstimmung gebracht worden sind."
Urteil gegen Horst Mahler
Rechtsanwalt Horst Mahler wird wegen seiner Teilnahme an den Auseinandersetzungen nach dem Attentat auf Rudi Dutschke und des Durchbrechens einer Polizeisperre des schweren Aufruhrs und Landfriedensbruches für schuldig befunden und von der 4. Großen Strafkammer des Berliner Landgerichtes zu 10 Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Das Gericht sieht eine Rädelsführerschaft von Horst Mahler nicht als gegeben an. Das Ausmaß des entstandenen Schadens könne Mahler nicht angelastet werden.
Krawalle nach Demonstration für Horst Mahler
In der Berliner Innenstadt kommt es anläßlich einer Solidaritätsdemonstration für Rechtsanwalt Horst Mahler zu schweren Ausschreitungen. Zahlreiche Schaufensterscheiben werden eingeworfen und auf dem Mittelstreifen des Kurfürstendamms geparkte Fahrzeuge beschädigt. Mehrere Zeitungsfilialen werden in Brand gesteckt. Es entsteht ein Sachschaden, der sich nach Schätzungen der Polizei auf über 500.000 DM beläuft.
19. März 1970
FU-Kuratorium beschließt Baumaßnahmen für Mediziner
In seiner 150. Sitzung beschließt das Kuratorium der FU die Errichtung von Seminar- und Hörsaalräumen gegenüber dem Gelände des Städtischen Krankenhauses Westend. Die Baukosten dieser Schnellbaumaßnahmen sollen 1,5 Millionen DM nicht überschreiten. Das Kuratorium betont im gleichen Beschluß die Notwendigkeit von Schnellbauten der Klinik und Poliklinik für kleine Haustiere und der Klinik für Pferdekrankheiten, die über den Haushalt des Landes Berlin finanziert werden sollen. Das Kuratorium berät über die Errichtung einer Kindertagesstätte an der FU. Das Kuratorium übernimmt Forderungen an den früheren AStA in Höhe von 1.138,90 DM. Damit erhöhen sich die für den AStA übernommenen Verbindlichkeiten auf 51.124,76 DM.
Erstes innerdeutsches Gipfeltreffen in Erfurt
Zwischen Bundeskanzler Willi Brandt und Ministerpräsident Willi Stoph findet in Erfurt das erste innerdeutsche Gipfelgespräch statt.
20. März 1970
FU-Präsidialamt verteilt Flugblätter vor AEG
Fünf Mitglieder des Präsidialamts der FU verteilen vor dem Reinickendorfer Werk von AEG-Telefunken Flugblätter, in denen auf die "Ausladung" des FU-Präsidenten Kreibich aufmerksam gemacht wird. Das Flugblatt enthält drei Thesen aus der für die Betriebsversammlung vorgesehenen Rede von Präsident Kreibich: 1. Universitäten seien nicht Selbstzweck, sondern müßten an der Lösung gesellschaftlicher Probleme teilhaben. Die Erforschung der Arbeitswelt müsse verstärkt werden. 2. Arbeiter und Angestellte hätten durch das neue Universitätsgesetz erstmals die Möglichkeit, an allen Entscheidungen mitzuwirken. Dieses Mitbestimmungsmodell könne den Demokratisierungsprozeß außerhalb der Universität vorantreiben. 3. Die Hochschulreform verbessere die Bildungschancen von Arbeitern und Angestellten. (Vgl. 18. Febr. und 12. März 1970)
Dok. 1018
21. März 1970
Harte Fronten am Psychologischen Institut
Die Mittelbauversammlung am Psychologischen Institut mißbilligt mit 14:13:2 Stimmen die "Spaltungsbestrebungen" der "Initiativgruppe für ein 2. Psychologisches Institut".
SDS als Bundesverband aufgelöst
Der Bundesvorstand des SDS wird in Frankfurt aufgelöst. Eine Versammlung von aus dem Bundesgebiet angereisten SDS-Mitgliedern - es hatten zumeist keine Delegiertenwahlen in den örtlichen Gruppen mehr stattgefunden - stimmt dem Vorschlag des Bundesvorstandes zu, dieses Gremium zu dispensieren. Damit hört der SDS als gemeinsamer Verband auch faktisch auf zu existieren, nachdem die meisten örtlichen Gruppen sich in den letzten Monaten bereits in verschiedene Fraktionen und neugegründete Organisationen der APO aufgelöst hatten.
23. März 1970
Verschärfter Streit am Psychologischen Institut
Ebenso wie die Mittelbauversammlung am 21. März "spricht der Institutsrat den Mitgliedern der Initiativgruppe 2. Psychologisches Institut mit 6:3:1 Stimmen seine Mißbilligung aus". Namentlich werden die Mitglieder des Institutsrates Faber, Greif und Zahn "wegen Weitergabe von das gesamte Institut betreffenden, insbesondere ungeprüften und nicht belegten Informationen außerhalb der durch Satzung vorgebenen Institutionen" kritisiert. Demgegenüber bestehen die Mitglieder der Institutsgruppe auf der Möglichkeit, als Minorität Entschlüsse zu fassen und bekanntzugeben. Die Forderung nach einem 2. Psychologischen Institut habe jetzt an die Entscheidungsgremien weitergeleitet werden müssen, "da die Entscheidung über die Bildung der Fachbereiche unmittelbar vor ihrem Abschluß steht".
24. März 1970
Psychologen-Initiativgruppe will nicht mißbraucht werden
Die "Initiativgruppe für ein 2. Psychologisches Institut" an der FU wendet sich in einer Erklärung dagegen, für eine Kampagne gegen die Hochschulpolitik von FU-Präsident Kreibich mißbraucht zu werden: "Die Initiativgruppe für ein 2. Psychologisches Institut verurteilt auf das entschiedenste die Intentionen der Notgemeinschaft für eine Freie Universität, die politischen und wissenschaftstheoretischen Auseinandersetzungen am Psychologischen Institut der FU dazu zu benutzen, die Reformansätze, die durch das neue Hochschulgesetz ermöglicht werden, sowie die umsichtige und fortschrittliche Hochschulpolitik des Präsidenten Kreibich zu torpedieren." Mit der gleichen Intention erfolge die tendenziöse Berichterstattung der Zeitungen des Springer Verlages zur Situation an der FU und speziell an deren Psychologischem Institut. Die Initiativgruppe betont, daß sich ihre Kritik allein auf die Situation am Psychologischen Institut der FU beziehe, das einen hinreichenden Schutz der legitimen Reformbestrebungen der Minorität nicht mehr gewährleisten könne.
25. März 1970
Ferienausschuß des Akademischen Senats der FU beschließt Zulassungsbedingungen
Der Ferienausschuß des Akademischen Senats beschließt die Zulassungsbedingungen in den Numerus-clausus-Fächern Medizin, Zahnmedizin, Veterenärmedizin, Pharmazie, Psychologie, Chemie und Biologie.
26. März 1970
Zweites Psychologisches Institut beantragt
Professor Adolf-Otto Jäger, 13 Wissenschaftliche Mitarbeiter und 57 Hauptfachstudenten beantragen beim Kuratorium der Freien Universität "in Abänderung der Empfehlung des Akademischen Senats eine weitere Wissenschaftliche Einrichtung für Psychologie zu errichten."
Dok. 1019
Film über Klinikum Steglitz uraufgeführt
Ein einstündiger Dokumentarfilm über den Bau und Betrieb des Klinikums Steglitz der FU, der im Auftrag der "Benjamin-Franklin-Stiftung" von dem Dokumentar- und Lehrfilmproduzenten Peter Cürlis hergestellt wurde, wird in der Berliner Kongreßhalle vor Vertretern der Stiftung, der am Bau beteiligten Berliner Senatsverwaltungen und Firmen, der Freien Universität und Mitarbeitern des Klinikums uraufgeführt.
27. März 1970
Professoren aus USA solidarisch mit ihren FU-Kollegen
"Der Tagesspiegel" veröffentlicht Auszüge aus einem Brief, in dem sieben Professoren der Universität Berkeley / USA ihren Kollegen in der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der FU ihre Unterstützung und Solidarität zusichern. Die Hochschullehrer der WiSo-Fakultät, die die Idee der freien Lehre gegen den von Teilen der Studentenschaft ausgehenden Druck "besonders energisch verteidigt haben", hätten sich "ein hohes Verdienst um das akademische Leben in allen Ländern erworben". Die Wissenschaftler aus Berkley, die zum teil durch persönliche Erfahrungen mit dem deutschen Universitätsleben verbunden sind, erklären, daß sie sich verpflichtet fühlen, "an die Seite der Berliner Kollegen zu treten."
Studentendorf der FU in finanziellem Dilemma
"Der Tagesspiegel" berichtet, daß dem Studentendorf der FU in Zehlendorf der Konkurs drohe, da die Miete nicht mehr kostendeckend sei und der seit elf Monaten laufende "Mietstreik" eines größeren Teils der Bewohner im vergangenen Jahr bereits einen Zuschuß von 200.000 DM für die laufenden Unterhaltungskosten erforderlich gemacht habe.
28. März 1970
"Bayernkurier" befürchtet rote Herrschaft über FU
Im "Bayernkurier" erscheint unter der Überschrift "Rote Herrschaft über die Freie Universität / Gefahr nicht bagatellisieren" ein Artikel von Werner Hardenberg.
2. April 1970
FU und TU für Großrechenzentrum als Interessengemeinschaft
In einer gemeinsamen Erklärung nehmen die Freie und die Technische Universität Berlin zu dem geplanten Großrechenzentrum Stellung. Nach Meinung der Universitäten soll das Berliner Großrechenzentrum nicht, wie bisher beabsichtigt, eine nachgeordnete Behörde und damit eine nicht rechtsfähige Verwaltungseinrichtung des Senats sein, sondern als Interessengemeinschaft aller beteiligten wissenschaftlichen Institutionen betrieben werden. FU und TU sind sich darüber einig, daß sie Verhandlungen über die Organisation der elektronischen Datenverarbeitung in Berlin nur noch gemeinsam führen wollen.
3. April 1970
Vorwürfe gegen Schülerladen des Psychologischen Instituts
"Die Welt" veröffentlicht unter der Überschrift "Nixon verantwortet alles, er ist der Hauptschuldige / Freie Universität Berlin: Erziehungs-Experiment, sozialistisch eingefärbt" einen Artikel von Hans Erich Bilges, der sich mit dem Projekt "Schülerladen" am Psychologischen Institut der FU beschäftigt. Dieses Projekt des Psychologischen Instituts erprobe seit Juli 1969 "antiautoritäre Kindererziehung". "Die Welt" dokumentiert auf der gleichen Seite Auszüge aus Protokollen der in diesem Schülerladen "Rote Freiheit" mitarbeitenden Studenten und einen Brief des Projektleiters Rüdiger Koch, in dem dieser eine Veröffentlichung der Protokolle des Schülerladens unter Hinweis auf deren subjektiven und vorläufigen Charakter vor Abschluß des Projektes ablehnt. Koch droht der "Welt" im Falle der "Nichtbeachtung" dieser "Forderung" rechtliche Schritte an.
"Der Tagesspiegel" setzt sich unter der Überschrift "Versuchskaninchen" ebenfalls mit dem Kreuzberger Kinderladenprojekt des Psychologischen Instituts der FU auseinander. Kommentierend wird angemerkt: "Im Auftrag eines Universitätsinstituts, das diesen Versuch unter Ausschluß der Öffentlichkeit unternommen hat, werden hier Studenten auf Kinder losgelassen, zu denen sie in keinerlei rechtlicher oder verwandtschaftlicher Beziehung stehen. Aus Protokollen, deren Richtigkeit der zuständige Professor nicht bestreitet, geht hervor, daß hier nicht beobachtet, sondern mit unmündigen Menschen experimentiert wird." Auch "Der Tagesspiegel" veröffentlicht Auszüge aus den Protokollen des Kinderladenprojektes. In der gleichen Ausgabe wird unter der Überschrift "Antrag auf Institutsteilung" über "Konsequenzen von FU-Psychologen aus politischen Konflikten" berichtet: "Die Initiativgruppe 2. Psychologisches Institut an der FU hat jetzt offiziell beim Kuratorium beantragt, in Abänderung der diesbezüglichen Empfehlung des Akademischen Senats der FU für die Neugliederung der FU in Fachbereiche eine weitere wissenschaftliche Einrichtung für Psychologie neben dem bisher bestehenden Psychologischen Institut zu errichten. Dieses 2. Psychologische Institut soll dem Antrag zufolge dem Fachbereich Erziehungswissenschaften zugeordnet werden." (Vgl. 26. März 1970)
Dok. 1020
FU-Präsidialamt bedauert Veröffentlichung der Kinderladenprotokolle
Das Präsidialamt der FU veröffentlicht eine Erklärung, in der "außerordentlich" bedauert wird, daß Berichte, "die noch nicht einmal im Institut wissenschaftlich ausgewertet worden sind", veröffentlicht und "zu politischer Agitation gegen Herrn Professor Holzkamp mißbraucht werden". Hier werde "mit blinder Wut gegen politische Gegner" versucht, "den Ruf eines engagierten Wissenschaftlers und seiner Mitarbeiter zu ruinieren".
4. April 1970
Stellungnahmen zum Schülerladen des Psychologischen Instituts
"Der Tagesspiegel" veröffentlicht die Erklärung des Präsidialamtes vom Vortage und berichtet über Stellungnahmen des Dekans der Philosophischen Fakultät, Professor von Simson, sowie des Geschäftsführenden Direktors des Psychologischen Instituts, Prof. Dr. Klaus Holzkamp.
Dok. 1021
7. April 1970
Professor Holzkamp verteidigt Schülerladen Projekt
Der Geschäftsführende Direktor des Psychologischen Instituts der Freien Universität, Klaus Holzkamp, verteidigt auf einer Pressekonferenz der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der FU die wissenschaftliche Konzeption des Kinderladenprojekts "Rote Freiheit" in der Kreuzberger Naunynstraße. Professor Holzkamp weist den Vorwurf zurück, dort werde mit Kindern experimentiert. Es handele sich bei der Tätigkeit der Mitarbeiter des Psychologischen Instituts um "kontrollierte Beobachtung". Die Kinder würden im Rahmen des Kinderladenprojektes "durch kritische Urteilsfähigkeit ihre eigene Lage besser verstehen und persönliche Schuldgefühle abbauen" lernen.
Bundesjustizminister Jahn nimmt an Vermitlungsgespräch zwischen FU und Wissenschaftszentrum teil
Unter Leitung des Präsidenten der Freien Universität Berlin, Rolf Kreibich, trifft eine Verhandlungsgruppe der FU mit Vertretern des geplanten Wissenschaftszentrums Berlin und Bundesjustizminister Jahn zusammen. Für die FU nehmen die Herren Prof. Dr. Dreitzel (Entwicklungsplanungskommission), Dr. Warnke und Hoebich (Präsidialamt) und Gessinger (studentischer Stab im Präsidialamt), für das Wissenschaftszentrum dessen Geschäftsführer Dr. Brandt und Frau Maletzke an dem Gespräch teil. Alle Beteiligten stimmen überein, daß die geplanten Projekte von großer gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Relevanz sind. Im einzelnen sind dies: die Deutsche Fakultät, das Internationale Zentrum für fortgeschrittene Studien, das Institut für Management und Verwaltung, das Institut für Friedens- und Konfliktforschung und das Institut für Soziale Lebenswelt, Sprach- und Wissenschaftsforschung. Die Vertreter der FU wünschen die Einrichtung eines Wissenschaftszentrums Berlin als Ort gemeinsamer Forschungsinstitute der Freien und Technischen Universität. Die Vertreter des Wissenschaftszentrums streben hingegen die Einrichtung internationaler Problemforschungsinstitute an, die vom Bund finanziert werden, aber unabhängig arbeiten und auch von dritten Staaten mitgetragen werden können.
(Vgl. 10. April 1970)
8. April 1970
Jugendsenator ordnet Schließung des Schülerladens "Rote Freiheit" an
Der Senator für Familie, Jugend und Sport, Horst Korber, fordert in einem Schreiben an den Geschäftsführenden Direktor des Psychologischen Instituts der Freien Universität Berlin, Prof. Dr. Klaus Holzkamp, dringend dazu auf, "dafür Sorge zu tragen, daß der von Ihrem Institut betriebene 'Schülerladen' unverzüglich geschlossen wird." In einem Rechtsbescheid untersagt Senator Korber sechs studentischen Betreuern des "Schülerladens" jegliche weitere Tätigkeit im Rahmen dieses Forschungs- oder Arbeitsprojekts. Die Tätigkeit der Projektgruppe werde "durch die von Art. 5, Abs. 3, Satz 1 des Grundgesetzes gewährleistete Freiheit der Forschung nicht gedeckt, da es mit Forschung nichts zu tun hat, vielmehr einen durch nichts gerechtfertigten Eingriff in die Rechte anderer, insbesondere in das Recht des Kindes auf Erziehung zur seelischen und gesellschaftlichen Tüchtigkeit (§ 1, Abs 1 des Gesetzes für Jugendwohlfahrt) und das Erziehungsrecht der Eltern (Art. 6, Abs 2 des Grundgesetzes) darstellt". Die sofortige Vollziehung dieses Bescheids wird angeordnet, da sie im öffentlichen Interesse liege. "Die Kinder müssen vor der weiteren erheblichen Gefährdung ihres geistigen und sittlichen Wohls geschützt werden, ohne daß der Ausgang eines etwaigen Verwaltungsstreitverfahrens abgewartet werden kann."
Finanzierung des Instituts für Perinatale Medizin gesichert
Der Hauptauschuß des Abgeordnetenhauses von Berlin stimmt in seiner 169. Sitzung mit großer Mehrheit einer von der SPD-Fraktion vorgeschlagenen Empfehlung zur Vorlage des Senats über die Errichtung eines Instituts für Perinatale Medizin zu.
9. April 1970
Institut für Politische Wissenschaft will selbständig bleiben
Die Mitarbeiter des Instituts für Politische Wissenschaft an der FU sprechen sich in einer Erklärung gegen die Absicht der Vorkommission des Kuratoriums der FU aus, das Institut in den künftigen Fachbereich Politische Wissenschaft einzugliedern. Die Mitarbeiter des Instituts für Politische Wissenschaft lehnen den Plan, das Institut als selbständiges interdisziplinäres Forschungsinstitut aufzulösen, einstimmig ab.
Abgeordnetenhaus diskutiert über Schülerladen des PI
In der Fragestunde des Berliner Abgeordnetenhauses kommt es zu einer längeren Diskussion um den Schülerladen "Rote Freiheit". Auf Anfrage erklärt der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, daß er den Präsidenten der FU aufgefordert hat, eine gründliche Untersuchung der Schülerladen-Affäre durchzuführen. Außerdem sei Präsident Kreibich von ihm ersucht worden, künftig keine Gelder mehr für derartige Projekte zu bewilligen.
10. April 1970
FU-Kuratorium beschließt Fachbereichsgliederung
In seiner 151. Sitzung beschließt das Kuratorium der Freien Universität die Einrichtung von 24 Fachbereichen; die Fachbereiche sollen ihre Arbeit mit Beginn des Sommersemesters 1970 aufnehmen. Im einzelnen werden folgende Fachbereiche eingerichtet:
Rechtswissenschaften, Wirtschaftswissenschaften, Che-mie, Physik, Biologie, Veterinärmedizin, Mathematik, Geowissenschaften, Zahn-, Mund- und Kieferheil-kunde, Nervenklinische Medizin, Krankenhaus Westend, Vorklinik, Klinische Medizin, Klinisch-Theoretische Medizin, Außenkliniken, Politische Wissenschaft, Altertumswissenschaften, Germanistik, Neuere Fremdsprachliche Philologien, Geschichtswissenschaften, Philosophie und Sozialwissenschaften, Kunstwissenschaften, Erziehungswissenschaften, Phar-mazie. Das Kuratorium bittet den Akademischen Senat der FU, sich bis zur nächsten Kuratoriumssitzung mit der Frage der Teilung des Psychologischen Instituts zu befassen.
Das Kuratorium der FU billigt einen Antrag des Präsidenten der FU, der den Kanzler der FU berechtigt, dem Studentendorf einen Betrag von DM 30.000,- zur Verfügung zu stellen, um einen drohenden Konkurs abzuwenden. Der Berliner Senat wird in dem Antrag gebeten, geeignete Maßnahmen zur finanziellen Sanierung des Studentendorfes einzuleiten. Die Sitzung wird auf den 11. April vertagt.
FU- und TU- Präsidenten sprechen über Wissenschaftszentrum
Zwischen Vertretern der Präsidialämter der FU, unter Leitung von Präsident Kreibich, und der TU, unter Leitung des amtierenden Vizepräsidenten Prof. Dr. Wille, findet ein Gespräch über die Haltung der Universitäten zur "Wissenschaftszentrum Berlin GmbH" statt. Beide Universitäten "wenden sich gegen die Tendenz, in Berlin eine Privatuniversität aus öffentlichen Mitteln zu errichten, die weder der Kontrolle der Öffentlichkeit unterliegt, noch den durch das Universitätsgesetz vorgezeichneten demokratischen Reformen verpflichtet ist". Die vom Wissenschaftszentrum geplanten Projekte seien "zum großen Teil Bestandteil der Lehr- und Forschungstätigkeit der Berliner Universitäten" und sollten verstärkt gefördert werden. Die Vertreter beider Universitäten erklären, daß sie "die Übernahme und Integrierung der vom §
"Wissenschaftszentrum Berlin GmbH" geplanten Forschungsvorhaben durch zentrale wissenschaftliche Einrichtungen für Forschung und Lehre an FU und TU" anstreben. (Vgl. 7. April 1970)
11. April 1970
Darstellung der Kontroverse um das WZB
"Der Tagesspiegel" veröffentlicht einen Artikel zur Kontroverse um das geplante Wissenschaftszentrum Berlin.
Dok. 1022
FU-Kuratorium beschließt Bildung von Zentralinstituten und Zentralen Einrichtungen
Das Kuratorium der Freien Universität Berlin beschließt in Fortsetzung seiner Sitzung vom Vortage die Bildung von Zentralinstituten und Zentralen Einrichtungen. Als Zentralinstitute sind vorgesehen: das John-F.-Kennedy-Institut, das Osteuropa-Institut, das Institut für Lateinamerikanistik, das Institut für Soziale Medizin, das Institut für Biochemie und Biophysik. Das Institut für politische Wissenschaften und das Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte sollen zu einem nur forschungsbezogenen Zentralinstitut, dem ZI 6, zusammengefaßt werden. Als Zentrale Einrichtungen werden Metereologie und ein "Dokumentationszentrum für das Schrifttum aus und über Rußland-UdSSR" beschlossen.
12. April 1970
Werden die Naturwissenschaften an der FU vernachlässigt?
Die "Berliner Morgenpost" berichtet über die Situation der Naturwissenschaften an der FU: "Die Naturwissenschaft steckt an der Freien Universität im Flaschenhals / Zu wenig Geld, zu wenig Studienplätze - zu viel Bürokratie".
13. April 1970
Diskussion über Schülerladenprojekt der FU-Psychologen geht weiter
"Die Welt" veröffentlicht ein Interview mit Senator Prof. Dr. Werner Stein über den Schülerladen "Rote Freiheit": "Zum pädagogischen Experiment gehören Reife und Begabung".
Der Deutsche Kinderschutzbund äußert seine Besorgnis über die Entwicklung der "antiautoritären Kindergärten". Der Präsident des Bundes, Dr. Walter Bäcker, wendet sich gegen die organisierten Versuche, Kinder "systematisch zu bolschewisieren" und zu "sexueller Libertinage" zu führen. Dr. Bäcker appelliert an die Eltern, den "bedenklichen Fehlformen der Erziehung" entgegenzutreten und ihre Kinder nicht in die "antiautoritären Kindergärten" zu schicken.
Professor Furck bietet Rücktritt als Leiter des PZ an
Der Leiter des Pädagogischen Zentrums Berlin (PZ), der Ordinarius für Erziehungswissenschaften an der FU Prof. Dr. Carl-Ludwig Furck, bietet dem Senator für Schulwesen, Gerd Löffler, seinen Rücktritt an. Professor Furck versteht seinen Schritt als Protest gegen die "Einführung einer Genehmigungspflicht, gewissermaßen einer 'Vorzensur'", die sich auf Anweisung Löfflers auf die vom Pädagogischen Zentrum durchgeführten Schulversuche bezieht. Aufgabe des Wissenschaftler ist es nach Ansicht von Professor Furck, die Öffentlichkeit auch dann zu informieren, wenn die Untersuchungsergebnisse zu Ungunsten einiger Teilaspekte der Gesamtschulexperimente ausfielen, die das PZ im Auftrag der Senatsverwaltung für Schulwesen wissenschaftlich untersucht. Andernfalls sei die Überparteilichkeit des Pädagogischen Zentrums in Frage gestellt. Wissenschaft werde "zum Markt der Politik", wenn der Auftraggeber entscheide, wann Ergebnisse verwertet werden dürften. In einer Entgegnung betont der Senator für Schulwesen, Gerd Löffler, daß er eine durchsichtige Schulpolitik betreiben wolle. Es sei keinesfalls daran gedacht, Informationen vor der Öffentlichkeit zurückzuhalten. Bei der von Professor Furck kritisierten Maßnahme handele es sich lediglich um einen Vorbehalt, die Ergebnisse des Pädagogischen Zentrums erst dem Auftraggeber vorzulegen, bevor sie in die Öffentlichkeit gelangen.
14. April 1970
Rotzök stört Sitzung des Tutorenausschusses
Die "Rote Zelle Ökonomie" verhindert durch ein Go-in die Abstimmung des Tutorenausschusses an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät über zwei Tutorien, die im Semesterprogramm der Rotzök als sozialistische Tutorien ausgewiesen sind. Dem Tutorenausschuß lag ein Antrag auf fristlose Entlassung von Tutoren vor, die zu Semesterbeginn andere als in der ursprünglichen Ausschreibung der Tutorien vorgegebene Themen angekündigt hatten. (Vgl. 16. und 22. April 1970)
Schulsenator akzeptiert Rücktritt von Professor Furck
Der Senator für Schulwesen nimmt das Entlassungsgesuch von Prof. Dr. Carl-Ludwig Furck als Leiter des Pädagogischen Zentrums Berlin an. Löffler sieht sich außerstande, der Forderung von Professor Furck nachzukommen, das Pädagogische Zentrum in eine Stiftung oder Körperschaft des öffentlichen Rechts mit eigener Rechtspersönlichkeit umzuwandeln. (Vgl. 13. April 1970)
15. April 1970
Keine Studiengebühren mehr an FU und TU
Zum Sommersemester 1970 werden an der FU keine Studiengebühren mehr erhoben.
Präsidenten von FU und TU kritisieren Pläne des Wissenschaftszentrums
Die Präsidenten der Freien- und der Technischen Universität Berlin wenden sich in einer Presseerklärung entschieden gegen die in den Plänen der "Wissenschaftszentrum Berlin GmbH" enthaltenen Tendenz zur Gründung einer Privatuniversität und kritisieren, daß die Planung des Wissenschaftszentrums "ohne jeden Kontakt zu den beiden Universitäten in Berlin entwickelt" wurde. Der "schwerpunktmäßige Ausbau der von der 'Wissenschaftszemtrum Berlin GmbH ins Auge gefaßten Forschungsbereiche" solle von den Universitäten und dem Land Berlin organisiert werden. "Unter gar keinen Umständen" sei es "zuträglich, daß einer privaten Gesellschaft vom Staat Prüfungsrechte zugestanden" würden, "die dem Recht auf Promotion und Habilitation gleichkommen".
Dok. 1023
ÖTV unterstützt FU-KITA-Projekt
Der Vorsitzende der Berliner ÖTV, Schwäbl, appelliert an alle an der Entscheidung über die Einrichtung der FU-Kindertagesstätte berteiligten Organe, die Einbeziehung eines Forschungsprogramms über vorschulische Erziehung in die projektierte FU-KITA zu unterstützen. Damit könne Berlin seine führende Position im Erziehungswesen festigen und notwendige Forschungsarbeiten vorantreiben.
16. April 1970
WiSo-Tutoren sollen entlassen weden
Die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät der FU beschließt die fristlose Entlassung derjenigen Tutoren, die die vom Tutorenausschuß übertragenen Lehraufgaben nicht erfüllen. Der Beschluß bezieht sich auf drei Tutoren, die ihre Veranstaltung im Rahmen der Semesterankündigung der Roten Zelle Ökonomie (Rotzök) abweichend von der ursprünglichen Themenstellung des Tutorenausschusses angekündigt haben. (Vgl. 22. April 1970)
Medizinassistenten für Übernahme des Universitätsgesetzes für Charlottenburger Kliniken
Etwa 200 Assistenten der Medizinischen Fakultät der FU beschließen auf einer Vollversammlung Kampfmaßnahmen vom Dienst nach Vorschrift bis zur Aufrechterhalung lediglich eines Notdienstes, falls das Bezirksamt Charlottenburg nicht dem Universitätsgesetz für das Krankenhaus Westend und die Frauenklinik Charlottenburg volle Gültigkeit verschafft. Für die Übernahme der Mitbestimmungsregelungen des Universitätsgesetzes wird dem für das Krankenhaus Westend zuständigen Bezirksamt Charlottenburg eine Frist bis zum 22. Mai gesetzt. In der Resolution der Vollversammlung heißt es : "Die moderne Medizin erfordert eine weitgehende Spezialisierung der Ärzte, und sie erfordert im Interesse der Patienten eine neue freie Kooperation zwischen den Wissenschaftlern, in die auch das nichtwissenschaftliche Personal einbezogen werden muß." Dafür biete das Universitätsgesetz die organisatorische Voraussetzung. "Die Ärzte der Freien Universität werden sich weigern, noch weiter unter dem alten System der Ordinarienherrschaft zu arbeiten." Den Professoren der Klinik Westend wird vorgeworfen, die Anwendung des Universitätsgesetz beim Bezirksamt Charlottenburg "zu hintertreiben". Die Assistentenversammlung fordert "im Bewußtsein ihrer Verantwortung für die Krankenversorgung" eine "umfassende Demokratisierung des Krankenhauses Westend und der Frauenklinik Charlottenburg". Krankenhäuser könnten "unmöglich ihren wahren Aufgaben hinreichend gerecht werden, solange sie als Herrschaftsbereiche und Profitinstrumente Einzelner angelegt" seien.
17. April 1970
WiSo-Fakultät setzt sich für inhaftierte griechische Kollegen ein
Die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät der FU fordert die sofortige Freilassung des von einem griechischen Sondermilitärgericht verurteilten Professors für Volkswirtschaft Kara Jorgas, des Professors für Strafrecht Mangakis, des Assistenten Wassiliou und des ehemaligen Studentensprechers Konstantopoulos. Der Wortlaut des Beschlusses wird brieflich dem griechischen Botschafter in Bonn übermittelt.
Bundespräsident Dr. Heinemann besichtigt FU-Klinikum
Bundespräsident Dr. Gustav Heinemann besichtigt das Klinikum Steglitz der FU. Am Abend empfängt der Bundespräsident in seinem Amtssitz Schloß Bellevue den Präsidenten der FU, Rolf Kreibich, zu einem Meinungsaustausch über Fragen der Hochschulreform.
18. April 1970
FU-Rechtsprofessoren klagen gegen Fachbereichsbildung
Die ehemalige Juristische Fakultät der FU und 13 ihrer Professoren reichen beim Verwaltungsgericht die bereits angekündigte Klage gegen die Umbildung ihrer Fakultät in einen Fachbereich ein. Die Klage wird mit der Zusammensetzung des Fachbereiches begründet, in dem die Hochschullehrer in der Minderheit sind.
20. April 1970
GEW, Rektorenkonferenz und Assistentenkonferenz lehnen Wissenschaftszentrum Berlin ab
Die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW), die Westdeutsche Rektoren-Konferenz und die Bundesassistenten-Konferenz wenden sich in getrennten Erklärungen gegen das geplante Wissenschaftszentrum Berlin. Die Westdeutsche Rektorenkonferenz lehnt auf ihrer 79. Plenartagung in Bonn-Bad Godesberg entschieden eine "unkontrollierte Privatisierung des öffentlichen Bildungswesens" ab und "fordert den Bundesminister für Bildung und Wissenschaft, die Kultusministerkonferenz und den Wissenschaftsrat auf, die weitere Förderung der `WZB-GmbH'so lange einzustellen, bis geklärt ist, wie weit dieser Plan in das Gesamtkonzept der Hochschulplanung eingefügt werden kann".
Zwei Professoren stellen Mitarbeit am WZB ein
Die Professoren für Politikwissenschaft Iring Fetscher (Frankfurt) und Frieder Naschold (Konstanz) geben die Einstellung ihrer Mitarbeit am Wissenschaftszentrum Berlin bekannt. Professor Fetscher begründet seinen Schritt mit der "totalen Isolierung" des WZB von den Berliner Universitäten, Professor Naschold sieht seine "von Anfang an geäußerten Bedenken gegen die Gesamtkonzeption des Internationalen Instituts für Konflikt- und Friedensforschung im Rahmen des WZB" im wesentlichen bestätigt und spricht sich für eine Unterstützung entsprechender Forschungsvorhaben an den Berliner Universitäten aus.
Bundesassistentenkonferenz protestiert gegen WZB
Der Vorstand der Bundesassistentenkonferenz verurteilt schärfstens "die Errichtung einer wesentlich auf privatwirtschaftliche Interessen ausgerichteten Gegenuniversität in Berlin". Im einzelnen kritisiert die Bundesassistentenkonferenz die Abtrennung der Forschung von der Lehre, die Zerschlagung der durchlässigen Hochschulausbildung und die Gründung abhängiger, von der Privatindustrie beherrschter Elite-Universitäten.
21. April 1970
Wissenschaftssenator annulliert 45 TU-Diplomprüfungen
Der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, hebt in 45 Fällen die Prüfungsentscheidungen der Fakultät für Architektur an der Technischen Universität Berlin auf, da die Prüfungen als Gruppenprüfungen abgelegt wurden: "Eine Gruppenarbeit von Studenten bis in die Prüfung hinein, wie sie an der Fakultät für Architektur im letzten Prüfungstermin vorgenommen worden ist, ist weder nach den Prüfungsbestimmungen zulässig, noch durch das Universitätsgesetz gedeckt." Gruppenarbeit sei lediglich auf die Einführung in die Methodik des Faches und die studienbegleitendene Beratung bezogen sinvoll, während die "Feststellung des wissenschaftlich-orientierten Denkens des einzelnen Diplomanden" in der Prüfung nur individuell vorgenommen werden könne.
Streit um Wissenschaftszentrum geht weiter
Mit Stinkbomben und Knallkörpern stören etwa 50 Studenten beider Universitäten eine Pressekonferenz der "Wissenschaftszentrum Berlin GmbH" im Hotel Seehof am Lietzensee.
Der Senat von Berlin spricht sich in einer Erklärung für die Bildung des Wissenschaftszentrums Berlin aus. Der Regierende Bürgermeister Klaus Schütz kündigt an, in den nächsten tagen mit den Präsidenten beider Universitäten über das Projekt zu sprechen.
22. April 1970
"Rote Zelle Ökonomie" droht mit gezielten Störaktionen
Auf einer studentischen Versammlung mit 350 Teilnehmern, droht die "Rote Zelle Ökonomie" (Rotzök) Maßnahmen gegen die Lehrveranstaltungen bestimmter Professoren an, falls die angekündigte Entlassung von drei Tutoren erfolgt, die ihr Programm im Rahmen der Semesterankündigung der Rotzök abweichend von der Aufgabenstellung des Tutorenauschusses erläutert haben. (Vgl. 16. April 1970)
Abstimmung über Teilung des Psychologischen Instituts
Am Psychologischen Institut der FU beginnt eine studentische Urabstimmung über die Teilung des Instituts.
Weitere Kritik am geplanten Wissenschaftszentrum Berlin
Der Landesvorstand der Berliner FDP empfielt dem Landesparteitag, eine Finanzierung des WZB aus öffentlichen Mitteln abzulehnen. Die für das WZB vorgesehenen Mittel sollten entsprechenden Instituten der Berliner Universitäten zugeführt werden, da hier eine öffentliche Kontrolle über deren Verwendung im Rahmen der demokratischen Struktur der Universitäten erfolge.
Auch die Mehrheit der SPD-Abgeordneten im Bundestagsauschuß für Bildung und Wissenschaft lehnt eine finanzielle Beteiligung des Bundes an dem geplanten Wissenschaftszentrum Berlin ab. Das Wissenschaftszentrum Berlin soll aus dem Titel "Förderung von Einzelvorhaben der wissenschaftlichen Forschung von überregionaler Bedeutung" des Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft ca. 1,65 Millionen DM erhalten.
Die "Aktionsgruppe Hochschullehrer an der FU", der etwa 100 Professoren angehören, schließt sich der Kritik am WZB an, wie sie zuletzt von der Rektorenkonferenz und den Präsidenten von FU und TU vorgebracht wurde. Die Aktionsgruppe fordert, "daß durch sinnvolle Kooperation zwischen Universitäten und anderen Forschungsinstituten die Zersplitterung der ohnehin beschränkten Gelder vermieden wird." Das WZB hemme durch seine "in auffallender Heimlichkeit betriebene Planung" diese durch das neue Universitätsgesetz gegebenen Möglichkeiten.
Wissenschaftszentrum antwortet auf Kritik der Universitäten
Der Generalsekretär der "Wissenschaftszentrum Berlin GmbH (WZB)", Dr. Gerd Brandt, tritt auf einer Pressekonferenz im Berliner Bundeshaus den Vorwürfen gegen das Wissenschaftszentrum entgegen. Es handele sich bei dem geplanten Wissenschaftszentrum nicht um eine Privatuniversität. Das WZB strebe keine Promotions- oder Habilitationsrechte an, sondern wolle sich mit ausgewählten Problemen befassen, für die entsprechende Forschungsinstitute gegründet werden sollen. Als erste Einrichtung dieser Art nennt Dr. Brand ein internationales Institut "für Management und Verwaltung" und ein "internationales Institut für Konflikt- und Friedensforschung".
23. April 1970
Präsidenten von FU und TU fordern öffentliche Kontrolle des WZB
Die Präsidenten der Freien Universität und der Technischen Universität, Kreibich und Wever, erklären nach einem Gespräch mit dem Regierenden Bürgermeister Schütz und Wissenschaftssenator Stein über das geplante Wissenschaftszentrum Berlin, daß Institutionen wie das Wissenschaftszentrum, die mit öffentlichen Mitteln finanziert werden sollen, auch vollständig einer öffentlichen Kontrolle unterworfen sein müßten. Beide Präsidenten kritisieren die bisherige "undurchsichtige Vorbereitungspolitik" für das Wissenschaftszentrum.
Akademischer Senat lehnt Teilung des Psychologischen Instituts ab
Der Akademische Senat der Freien Universität Berlin berät auf einer außerordentlichen Sitzung über die Einrichtung eines weiteren Psychologischen Instituts am Fachbereich Erziehungswissenschaften. Es werden Vertreter der Initiativgruppe für ein 2. Psychologisches Institut und des Institutsrates gehört. Der Akademische Senat kommt in dieser Frage zu keiner Einigung. Mit 13:11 Stimmen wird die von Professor Nipperdey beantragte Teilung des Psychologischen Instituts abgelehnt. Eine gemeinsame Schlichtungskommission des Kuratoriums und des Akademischen Senats der FU soll bis zum 8. Mai 1970 Vorschläge darüber erarbeiten, wie ein "Minderheitenschutz" am Psychologischen Institut der FU gewährleistet werden könne.
24. April 1970
Professor Sanmann verläßt unter Kritik die FU
Prof. Dr. Horst Sanmann, Ordinarius für Volkswirtschaftslehre an der FU, begründet in einem Schreiben an den Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der FU, Prof. Dr. Wolfram Fischer, die Annahme eines Rufes der Universität Hamburg mit der Unmöglichkeit, künftig noch eine gedeihliche wissenschaftliche Arbeit an der FU leisten zu können.
FU-Juristen beantragen Aufschiebung der Fach-bereichsbildung
Die ehemalige Juristische Fakultät der FU und 13 ihrer Professoren beantragen beim Verwaltungsgericht, die aufschiebende Wirkung ihrer Klage vom 18. April 1970 wiederherzustellen.
Abbruch einer Lehrveranstaltung am Englischen Seminar
Nach Unterbrechung durch Mitglieder der "Roten Zelle Anglistik" (Rotzang) wird die Einführung in das Altenglische durch den Assistenten Hubert Gburek abgebrochen. Die Rotzang will durch ihre Maßnahmen der Forderung einer studentischen Vollversammlung nach "Abschaffung des obligatorischen Charakters der Alten Abteilung" Nachdruck verleihen.
Otto-Suhr-Institut will WZB boykottieren
Der Institutsrat des Otto-Suhr-Instituts der Freien Universität beschließt einen Boykott des Wissenschaftszentrums Berlin. Das Otto-Suhr-Institut will keine Wissenschaftler berufen, die am Wissenschaftszentrum arbeiten, diesem Personenkreis keine Promotions- und Habilitationsmöglichkeit einräumen und nicht seine Bibliothek für eine Nutzung im Rahmen des Wissenschaftszentrums Berlin zur Verfügung stellen.
27. April 1970
Kontroversen um WZB am Otto-Suhr-Institut
Auf anonymen Flugblättern, die im Otto-Suhr-Institut verteilt werden, wird ein Go-in in die Lehrveranstaltung von Prof. Dr. Richard Löwenthal wegen dessen Beteiligung am Wissenschaftszentrum Berlin angekündigt. Die Flugblätter tragen die Überschrift "Vertreibt den WZB-Knecht Löwenthal". Prof. Dr. Richard Löwenthal fordert seinerseits in einem Flugblatt die Mitglieder des Otto-Suhr-Instituts zur Beteiligung an seiner Lehrveranstaltung und einer öffentlichen Diskussion über das Wissenschaftszentrum Berlin auf und kündigt eine Verlegung seiner Vorlesung in das Auditorium Maximum der FU an. (Vgl. 28. April 1970)
28. April 1970
Professor Löwenthal verteidigt Wissenschaftszentrum
Vor mehr als 400 Teilnehmern verteidigt Professor Richard Löwenthal im Auditorium Maximum der FU seine Beteiligung am Wissenschaftszentrum Berlin. An der Diskussion beteiligt sich auch der Präsident der FU, Rolf Kreibich.
Berliner Senat erläutert seine Position zum WZB
In einer Sieben-Punkte-Erklärung erläutert der Senat von Berlin seine Stellung zum Wissenschaftszentrum Berlin.
Dok. 1024
29. April 1970
Akademischer Senat der FU mißbilligt Wissenschaftszentrum
Der Akademische Senat der FU mißbilligt mit 13 gegen 10 Stimmen die Pläne zur Errichtung der "Wissenschaftszentrum Berlin GmbH". Der Akademische Senat nimmt zum Haushaltsplanentwurf der FU für das Jahr 1971 Stellung und verabschiedet den Nachtragshaushalt für 1970.
30. April 1970
Bundesregierung nennt Bedingungen für Unterstützung des WZB
Die Bundesregierung begrüßt im Prinzip den Aufbau eines Wissenschaftszentrums Berlin. Regierungssprecher Kurt Ahlers erklärt in der Bundespressekonferenz, neben den Hochschulen müßten auch in außeruniversitären Einrichtungen Forschungsaufgaben wahrgenommen werden können. Als Bedingung für die Unterstützung solcher Einrichtungen durch die Bundesregierung nennt Ahlers die innere Struktur solcher Institute, die die Unabhängigkeit der wissenschaftlichen Arbeit gewährleisten müsse und den internationalen Charakter der Institute, der durch die Zusammensetzung ihrer Mitarbeiter garantiert werden solle.
1. Mai 1970
Maidemonstrationen in West-Berlin
Zum ersten Mal seit 11 Jahren gibt es keine offizielle Freiheitskundgebung vor dem Reichstag in Berlin. Vor dem Schöneberger Rathaus veranstalten der Deutsche Gewerkschafts - Bund und die Deutsche Angestellten Gewerkschaft eine Kundgebung, an der ca. 25.000 Personen teilnehmen. Die Reden des DGB-Vorsitzenden Walter Sickert, des Regierenden Bürgermeisters Klaus Schütz und des Verkehrsministers Georg Leber werden von Anhängern der SEW durch Pfiffe und Sprechchöre gestört.
Etwa 8.000 Personen beteiligen sich an der Demonstration der Außerparlamentarischen Opposition in Neukölln und Kreuzberg. Während dieser Demonstration kommt es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei und zu Steinwürfen auf Banken und Kaufhäuser. Nach Ende der Demonstration werden von Demonstrantengruppen, die sich mit der U-Bahn in die Innenstadt begeben haben, ca. 50 Schaufensterscheiben und Vitrinen durch Steinwürfe zerstört.
"Rote Zelle Psychologie" begründet ihr Vorgehen
Die "Rote Presse Korrespondenz" veröffentlicht eine Darstellung "Zur Situation am Psychologischen Institut (FU)", in der die "Rote Zelle Psychologie" (Rotzeps) erklärt, ihr sei "von der überraschend sich formierenden Rechten ein Verteidigungskampf aufgezwungen" worden. Die Rotzeps kritisiert ihre bisherige "Kooperationsbereitschaft mit dem Präsidialamt". Teile der Organisation hätten nicht bemerkt, wie sie "für die Politik Kreibichs funktionalisiert" worden seien. In dem Artikel erläutert die Rotzeps auch ihr Vorgehen gegen Professor Eyferth.
2. Mai 1970
Dekan Professor Fischer kritisiert OSI-Institutsrat
Der Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der FU, Prof. Dr. Wolfram Fischer, weist in einem Schreiben an den Präsidenten der FU und die Professoren des Otto-Suhr-Instituts (OSI) darauf hin, daß der Boykottbeschluß des OSI gegen das Wissenschaftszentrum Berlin nach seiner Auffassung "zum Teil weit außerhalb der Legalität liegt und den Grundvoraussetzungen unserer Demokratie widerspricht". Insbesondere das im Grundgesetz verankerte Recht der persönlichen Freiheit, der Freiheit von Forschung und Lehre und der staatsbürgerlichen Rechte - vor allem des gleichen Zugangs zu jedem öffentlichen Amt - würden durch den Beschluß des Institutsrates des Otto-Suhr-Instituts verletzt. (Vgl. 24. April und 4. Mai 1970)
3. Mai 1970
Präsident Kreibich nimmt zum Wissenschaftszentrum Stellung
"Der Tagesspiegel" veröffentlicht ein Interview von Uwe Schlicht mit dem Präsidenten der Freien Universität Berlin, Rolf Kreibich, zum geplanten Wissenschaftszentrum Berlin.
Dok. 1025
Apothekerkongress im Klinikum Steglitz
Im Klinikum Steglitz geht der "Kongreß der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Krankenhausapotheker" zu Ende. An dem Kongreß haben Apotheker aus der Bundesrepublik Deutschland, Österreich, der Schweiz, Frankreich, den Niederlanden und Dänemark teilgenommen. Der Direktor des Instituts für Geschichte der Medizin an der Universität München, Prof. Dr. Heinz Goerke, erklärt in seinem Festvortrag, daß im Klinikum Steglitz der FU bereits in vorbildlicher Weise der Modernisierungsprozeß im Krankenhaus mit Hilfe moderner Informationssysteme verwirklicht sei.
4. Mai 1970
Studiengebühren in Berlin aufgehoben
Der Berliner Senat verabschiedet auf Vorschlag des Senators für Wissenschaft und Kunst eine Rechtsverordnung, die vorsieht, mit Wirkung vom Wintersemester 1970/71 an auf die Erhebung von Studiengebühren an allen Hochschulen, fachbezogenen Akademien und Fachschulen zu verzichten. Der Einnahmeausfall, der dadurch für den Berliner Senat entsteht, beträgt jährlich etwa 6 Millionen DM.
FU-Soziologen wollen Wissenschaftszentrum boykottieren
Der Institutsrat des Soziologischen Instituts der FU beschließt die Verweigerung jeglicher Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftszentrum Berlin. (Vgl. 27. April und 2. Mai 1970)
Nationalgarde erschießt vier Studenten in Kent State USA
Auf dem Campus der Universität von Kent State/Ohio schießen US-Nationalgardisten auf Studenten, die gegen die Intervention der USA in Kambodscha protestieren. Vier Studenten werden getötet.
5. Mai 1970
Brandanschlag auf Amerikahaus
In den frühen Morgenstunden wird ein Brandanschlag auf das Amerika-Haus in der Hardenbergstraße verübt. Aus fünf Personenwagen, die vor dem Amerika-Haus halten, springen mehrere Personen, zertrümmern 18 Scheiben und schleudern Molotow-Cocktails. Polizeibeamte können das Kennzeichen eines Fahrzeugs identifizieren. Wenig später werden in der Schöneberger Hauptstraße die Insassen des Fahrzeugs festgenommen. Es handelt sich dabei um den 27jährigen ehemaligen stellvertretenden Vorsitzenden des AStA der FU, Ulrich Fischer, die 35jährige Dolmetscherin Renate Sami und den 16jährigen Fürsorgezögling Karl-Heinz Wierzejewski. Als Grund für ihren Anschlag geben die Festgenommenen den Einmarsch amerikanischer Truppen am 1. Mai in Kambodscha an.
FU-Präsident soll Störungen unterbinden
34 Studenten und der für die von ihnen besuchte Übung verantwortliche Assistent des Englischen Seminars an der FU fordern in einem gemeinsamen Brief Präsident Kreibich auf, künftig Störungen ihrer Lehrveranstaltungen durch die Rote Zelle Anglistik zu unterbinden.
Wittkowsky zum TU-Präsidenten gewählt
Zum neuen Präsidenten der Technischen Universität Berlin wird der 34jährige Assistent des Instituts für Brennstofftechnik Alexander Wittkowsky gewählt. Das drittelparitätisch besetzte Konzil der TU votiert mit 59 gegen 51 Stimmen für Alexander Wittkowsky.
8. Mai 1970
Präsidialamt veröffentlicht Dokumentation zur Berufung von Professor Eyferth
Das Präsidialamt der FU veröffentlicht drei Schreiben von Professor Eyferth, in denen dieser Voraussetzungen für eine Annahme seines Rufes an das Psychologische Insititut der FU formuliert. Mit dieser Dokumentation will das Präsidialamt Vermutungen entgegentreten, es "habe in einem Briefwechsel mit Prof. Eyferth die Teilung des Psychologischen Institutes vorbereitet". Professor Eyferth unterstützt in seinen Schreiben die Reformbemühungen an der FU, macht jedoch die Annahme seines Rufes davon abhängig, ob es Präsident Kreibich gelingt, die durch die Fachschaft Psychologie und die Mehrheit der Wissenschaftlichen Mitarbeiter des Psychologischen Instituts der FU formulierte Ablehnung seiner Berufung rückgängig zu machen.
FU-Studenten demonstrieren gegen Intervention der USA in Kambodscha
Gegen den Einmarsch der US-Streitkräfte in Kambodscha demonstrieren vom Henry-Ford-Bau der FU aus etwa 1000 Studentinnen und Studenten der FU zum Hauptquartier der US-Streitkräfte in der Clay-Allee. In Höhe des U-Bahnhofs ist die Straße durch Polizei gesperrt. Während der dort abgehaltenen Kundgebung lehnen es die veranstaltenden Roten Zellen ab, einen Brief des Präsidenten der Freien Universität, Rolf Kreibich, an den amerikanischen Stadtkommandanten zu verlesen. In seinem Schreiben protestiert Präsident Kreibich gegen die Erschießung der vier Studenten in Ohio/USA anläßlich einer Demonstration gegen den Einmarsch in Kambodscha. "Ich teile die Trauer der Angehörigen und schließe mich dem Protest zahlreicher Präsidenten von amerikanischen Hochschulen an", schreibt Präsident Kreibich. (Vgl. 4. Mai 1970)
Dok. 1026
Bundesregierung formuliert Bedingungen für Unterstützung des Wissenschaftszentrums Berlin
Das Bundeskabinett beschließt, die Unterstützung des Wissenschaftszentrums Berlin von einer Verzahnung dieser Institution mit den beiden Berliner Universitäten abhängig zu machen. Ferner wird als Bedingung formuliert, daß die "innere Struktur des Instituts die Unabhängigkeit der wissenschaftlichen Arbeit unter verantwortlicher Mitwirkung der Mitarbeiter gewährleistet".
Wissenschaftszentrum bietet Aufsichtsgremium an
Der Generalsekretär der "Wissenschaftszentrum Berlin GmbH" Brand bietet in einem Schreiben an Wissenschaftssenator Stein die Bildung eines Aufsichtsgremiums an, in dem der Bund, das Land Berlin, andere Bundesländer, die Berliner Universitäten und überregional verantwortliche Gremien vertreten sein sollen.
9. Mai 1970
Straßenschlacht nach Kambodscha-Demonstration
Im Anschluß an eine Demonstration mit ca. 10.000 Teilnehmern gegen den Einmarsch der US-Streitkräfte in Kambodscha kommt es in der Berliner Innenstadt zu schweren Ausschreitungen und stundenlangen Straßenschlachten. 284 Polizeibeamte und eine unbekannte Zahl von Demonstranten werden verletzt, darunter zwei Personen und ein Polizeibeamter durch Schüsse eines in Bedrängnis geratenen Zivilfahnders. Ein Polizeipferd muß erschossen werden, nachdem es sich beide Vorderläufe gebrochen hat, ein weiteres wird durch Stahlkugeln, die Demonstranten aus Katapulten abschießen, so schwer am Kopf verletzt, daß es ebenfalls getötet werden muß. Sein Reiter erleidet einen Nervenzusammenbruch.
11. Mai 1970
FU-Fachbereiche erhalten Nummerierung
Im FU-Info wird die nunmehr gültige Nummerierung der Fachbereiche und Zentralinstitute veröffentlicht:
1 Fachbereich Vorklinik
2 Fachbereich Klinisch-Theoretische Medizin
3 Fachbereich Klinische Medizin
4 Fachbereich Krankenhaus Westend
5 Fachbereich Nervenklinische Medizin
6 Fachbereich Außenkliniken
7 Fachbereich Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde
8 Fachbereich Veterinärmedizin
9 Fachbereich Rechtswissenschaft
10 Fachbereich Wirtschaftswissenschaft
11 Fachbereich Philosophie und Sozialwissenschaften
12 Fachbereich Erziehungswissenschaften
13 Fachbereich Geschichtswissenschaften
14 Fachbereich Altertumswissenschaften
15 Fachbereich Politische Wissenschaft
16 Fachbereich Germanistik
17 Fachbereich Neuere Fremdsprachliche Philologien
18 Fachbereich Kunstwissenschaften
19 Fachbereich Mathematik
20 Fachbereich Physik
21 Fachbereich Chemie
22 Fachbereich Pharmazie
23 Fachbereich Biologie
24 Fachbereich Geowissenschaften
Die Zentralinstitute der FU werden ebenfalls nummeriert:
ZI 1 Osteuropa-Institut
ZI 2 John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikanistik
ZI 3 Institut für Lateinamerikanistik
ZI 4 Zentralinstitut für Soziale Medizin
ZI 5 Zentralinstitut für Biochemie und Biophysik
ZI 6 Zentralinstitut für Sozialwissenschaftliche For-
schung
Zentraleinrichtungen der FU bestehen für Meteorologie und als Dokumentationszentrum für das Schrifttum aus und über Rußland - UdSSR.
Vorlesungsstörungen bei FU-Ökonomen
Angehöriger der "Roten Zelle Ökonomie" (Rotzök) stören mehrere Lehrveranstaltungen. Zwei Vorlesungen werden abgebrochen. Die Rotzök hat eine "Rote Woche" proklamiert, in der sie das "Monopol der bürgerlichen Nationalökonomie" brechen will. (Vgl 13. Mai 1970)
Dok. 1027
12. Mai 1970
Wissenschaftssenator hebt Boykottbeschluß des OSI auf
Der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, hebt den Boykottbeschluß des Institutsrates am Otto-Suhr-Institut gegen das Wissenschaftszentrum Berlin gemäß § 45 des Universitätsgesetzes in Verbindung mit § 28 und 11 AZG insoweit auf, als er für den Fall der Gründung des Wissenschaftszentrums Berlin Boykottmaßnahmen vorsieht bzw. dazu aufruft. (Vgl. 27. April, 2. und 4. Mai 1970)
FU-Präsident kritisiert Rotzök
Der Präsident der FU, Rolf Kreibich, wendet sich gegen die "Umfunktionierungsversuche" von Lehrveranstaltungen durch die "Rote Zelle Ökonomie" (Rotzök). Er fordert die Rotzök auf, die Störungen des Lehrbetriebes einzustellen. Präsident Kreibich bezeichnet den Ton des Diskussionspapiers, in dem die Rotzök ihre Aktionen begründet, als anmaßend und dessen Inhalt als nicht geeignet, eine sachliche Diskussion in Gang zu setzen.Die Rotzök setzt ihre Go-ins fort. Zwei Lehrveranstaltungen werden abgebrochen.
Charlottenburger Kliniken der FU zugeordnet
Das Westend-Krankenhaus und die Frauenklinik in der Pulsstraße, die bisher von der Freien Universität genutzt und vom Bezirksamt Charlottenburg verwaltet wurden, sollen in Zukunft völlig der FU zugeordnet werden.
13. Mai 1970
Akademischer Senat befürwortet Teilung des PI
Der Akademische Senat der FU hört den Bericht der in der letzten Sitzung angeregten Kommission zum Konflikt am Psychologischen Institut. Professor Adolf-Otto Jäger und die Vertreter der "Initiativgruppe für ein 2. Psychologisches Institut" Zahn und Greif erhalten erneut Gelegenheit zur Stellungnahme. Professor Holzkamp verzichtet darauf, noch einmal den Standpunkt des Institutsrates zu erläutern. Der Akademische Senat beschließt in geheimer Abstimmung mit 15 gegen 9 Stimmen die Teilung des Psychologischen Instituts. Nach der Stimmauszählung besetzen die als Zuhörer zugelassenen Studenten den vorderen Teil des Senatssitzungssaales und sperren die Ausgänge. Es kommt zu handgreiflichen Auseinandersetzungen. Die Sitzung des Akademischen Senats wird abgebrochen. Universitätspräsident Rolf Kreibich besteigt einen Tisch und fordert die Studenten auf, die Türen wieder freizugeben. Dem wird nach kurzer Zeit Folge geleistet.
Etwa 200 Studentinnen und Studenten besetzen aus Protest gegen den Beschluß des Akademischen Senats das Haus II des Psychologischen Institut der FU. Die Initiativgruppe reagiert auf die Besetzung mit einem Flugblatt: "Die Lust am Eigenheim".
Übergangskonzil wählt weiteren Vizepräsidenten der FU
Das Übergangskonzil der Freien Universität Berlin wählt im ersten Wahlgang gemäß Vorschlag von Präsident Kreibich mit 63 gegen 37 Stimmen Dr. Margherita von Brentano und mit 51 gegen 44 Stimmen Prof. Dr. Herbert Lax zu Vizepräsidenten der FU. Dr. von Brentano, seit 1955 am Philosophischen Seminar der FU, ist seit 1959 als Akademische Rätin mit Schwerpunkt Faschismus- und Antisemitismusanalyse tätig. Sie war Mitbegründerin und Mitarbeiterin der marxistischen Zeitschrift "Argument". Dr. von Brentano ist Vertrauensdozentin der Friedrich-Ebert-Stiftung. Als Vizepräsidentin sollen insbesondere Fragen der Studien- und Prüfungsreform in ihren Aufgabenbereich fallen. Professor Lax war seit 1950 an der Humboldt-Universität Professor mit Lehrauftrag, nach seiner Übersiedlung nach Westberlin von 1956 - 1959 Chefarzt im Auguste-Viktoria-Krankenhaus. 1960 wurde Professor Lax an der FU als Extraordinarius und 1962 Ordinarius für Geburtshilfe und Gynäkologie. Seine Aufgabengebiete als Vizepräsident werden die Medizinischen Fachbereiche und die Einbeziehung der Kliniken in die Universitätsreform sein. Professor Lax gehörte als letzter Dekan der Medizinischen Fakultät zu den Mitunterzeichnern des Briefes der sechs FU-Dekane, in dem Präsident Kreibich Verstöße gegen das Universitätsgesetz vorgeworfen worden waren. Aus diesem Grunde erhielt er nicht alle Stimmen der den Präsidenten stützenden Konzilsmitglieder. Auf der anderen Seite resultieren die Gegenstimmen konservativer Konzilsmitglieder aus seiner Bereitschaft, nunmehr mit Präsident Kreibich zusammen die Universitätsreform zu betreiben.
Rotzök verteidigt Militanz
Auf einer Informationsveranstaltung in der Wirtschafts- und Sozialwisenschaftlichen Fakultät lehnen Vertreter der "Roten Zelle Ökonomie" (Rotzök) eine Distanzierung von dem militanten Angriff auf das Amerikahaus und insbesondere von Steinwürfen ab. Sprecher der Rotzök werfen den Professoren vor, zu einer Diskussion unfähig oder unwillig zu sein. Dies zeige sich daran, daß die Vorlesungsabbrüche unter Vorwänden erfolgt und nur drei Professoren zu der Versammlung erschienen seien. Professor Zabeck lehnt es ab, auf der Versammlung seine positive Stellungnahme zur "Wissenschaftszentrum Berlin GmbH" zu diskutieren. Die 300 anwesenden Studentinnen und Studenten billigen nach zweistündiger Diskussion die Aktionen der Rotzök und fordern in einer Resolution die Professoren auf, "umgehend in ihren Veranstaltungen zu den Plänen eines privatkapitalistischen WZB in Berlin Stellung zu nehmen". (Vgl. 11. und 12. Mai 1970)
Einstellung einer Lehrveranstaltung am Englischen Seminar
Nach mehrfachen Unterbrechungen durch Mitglieder der "Roten Zelle Anglistik" (Rotzang) stellt Frau Dr. Krawschak ihre Übung bis zum Ende des Semesters ein.
14. Mai 1970
Andreas Baader mit Waffengewalt befreit
Am Vormittag verhelfen vier maskierte Personen nach einer Schießerei dem 27-jährigen Strafhäftling Andreas Baader zur Flucht. Baader erhielt auf Antrag von Rechtsanwalt Horst Mahler die Genehmigung zur Ausführung in das Zentralinstitut für Soziale Fragen, um in der Institutsbibliothek gemeinsam mit der Lehrbeauftragten des Publizistischen Instituts der FU, Ulrike Marie Meinhof, Quellenstudien für ein Buch über Jugendkriminalität zu betreiben. Frau Meinhof hält sich zum Zeitpunkt des Eintreffens von Andreas Baader und zweier ihn begleitenden Justizbeamten in der Bibliothek auf. Als die maskierten und bewaffneten Personen die Bibliothek betreten, kommt es zu einem Schußwechsel, in dessen Verlauf die beiden Justibeamten und der 62jährige Institutsangestellte Georg Linke verletzt werden. Linke wird mit einem lebensgefährlichen Lebersteckschuß in ein Krankenhaus eingeliefert. Andreas Baader, Ulrike Meinhof und die maskierten Personen springen aus dem Fenster der Institutsbibliothek und flüchten mit einem bereitgestellten Fahrzeug. Die Polizei leitet eine Großfahndung nach Andreas Baader und Ulrike Meinhof ein.
Assistenten kritisieren Teilung des PI
Die Assistenten der ehemaligen Philosophischen Fakultät der FU verurteilen auf einer Vollversammlung den Beschluß des Akademischen Senats der FU zur Teilung des Psychologischen Instituts. Die Assistenten kündigen für den Fall einer den Senatsbeschluß bestätigenden Kuratoriumsentscheidung eine aktive Solidarisierung mit ihren Kollegen am Psychologischen Institut an. (Vgl. 13. Mai 1970)
Weitere Institutsbesetzung an der FU
Studenten der Erziehungswissenschaften der FU besetzen in Solidarität mit den Studenten des Psychologischen Instituts für 24 Stunden das Hörsaalgebäude ihres Instituts.
15. Mai 1970
FU-Präsidialamt verurteilt Institutsbesetzungen
Das Präsidialamt der FU kritisiert die Besetzungen des Psychologischen und des Erziehungswissenschaftlichen Instituts als rechtswidrig. Um eine weitere Eskalation des Konflikts zu vermeiden, soll vorläufig kein Polizeieinsatz herbeigeführt werden. In diesem Zusammenhang betont das Präsidialamt der FU, daß eine Teilung des Psychologischen Instituts aus sachlichen Gründen zur Zeit nicht gerechtfertigt sei. (Vgl. 13. und 14 Mai 1970)
FU-Kanzler mahnt Medizinprofessoren
Einige Medizinprofessoren der FU schulden dem Berliner Senat mehr als 100.000 DM. Nach Angaben des Rechnungshofes zahlen sie, obwohl gesetzlich dazu verpflichtet, seit 1963 keine Bettengelder für von ihren Privatpatienten belegte Krankenhausbetten. 1966 hatte der Landesrechnungshof den Einspruch der Medizinprofessoren gegen das Bettengeld als unbegründet zurückgewiesen. Der Kanzler der Freien Universität verschickt nunmehr Leistungsbescheide an die Schuldner.
16. Mai 1970
Distanzierungen von Baader-Befreiung
Zahlreiche Berliner Jugendorganisationen, darunter die Jungsozialisten, die Junge Union und mehrere "Rote Zellen" distanzieren sich in getrennten Erklärungen von der gewaltsamen Befreiung des Kaufhausbrandstifters Andreas Baader. Die linksradikalen Gruppen verurteilen die Tat, lehnen aber zugleich eine grundsätzliche Distanzierung von der Anwendung bewaffneter Gewalt ab. Die "Rote Zelle Ökonomie" und das Sozialistische Arbeitskollektiv am Otto-Suhr-Institut geben ein Flugblatt heraus, in dem sie die Befreiung des "Genossen Baader" als "eine zum gegenwärtigen Zeitpunkt der noch nicht entfalteten Klassenkämpfe prinzipienlose Aktion" kritisieren.
Dok. 1028
18. Mai 1970
Professor Fischer stellt Vorlesung ein
Der letzte Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der FU, Prof. Dr. Wolfram Fischer, kündigt die Einstellung seiner Vorlesung für das laufende Semester an. Professor Fischer begründet seinen Schritt mit dem Abbruch von sechs Vorlesungen nach Störungen durch die "Rote Zelle Ökonomie".
19. Mai 1970
CDU fordert Rücktritt von Bürgermeister Schütz
Die Berliner CDU fordert als Konsequenz der Ausschreitungen im Zusammenhang mit der Kambodscha-Demonstration vom 9. Mai und der gewaltsamen Befreiung des Kaufhausbrandstifters Andreas Baader den Rücktritt des Regierenden Bürgermeisters Klaus Schütz.
20. Mai 1970
FU-Kuratorium beschließt 2. Psychologisches Institut
Die 152. Sitzung des Kuratoriums der Freien Universität Berlin findet auf Vorschlag der Vertreter des Berliner Senats im Hause des Bausenators statt, da eine Störung im Zusammenhang mit dem Tagesordnungspunkt "Teilung des Psychologischen Instituts" befürchtet wird. Der Präsident der FU, Kreibich, bleibt aus Protest gegen die Verlegung der Sitzung fern. Das Kuratorium beschließt, die Gründung eines 2. Psychologischen Instituts als Wissenschaftliche Einrichtung im Fachbereich Erziehungswissenschaften der FU. Das Präsidialamt soll die dafür notwendigen Vorbereitungen in den nächsten sechs Monaten abschließen. Das Kuratorium beauftragt den Akademischen Senat der FU, eine Arbeitsgarantie für Minderheiten zu formulieren, die in die Fachbereichsordnungen aufgenommen werden soll. Diese Arbeitsgarantie soll bei ähnlich gelagerten Konflikten wie am Psychologischen Institut der FU Gruppen von Hochschullehrern, Assistenten und Studenten ermöglichen, für ihre wissenschaftlichen Vorhaben Sach- und Personalmittel zu erhalten. Fachbereichsordnungen, die diesen Minderheitenschutz nicht enthalten, soll der Akademische Senat zurückweisen. Die Sitzung wird auf den 4. Juni vertagt.
TU-Präsident für Verlegung der Truppenparade
Der Präsident der Technischen Universität, Alexander Wittkowsky, ersucht bei den drei Alliierten Kommandanturen um eine Verlegung der für den 23. Mai vorgesehenen Truppenparade. Der Akademische Senat der TU Berlin ist der Meinung, daß bei einer Parade, die an der Technischen Universität vorbeiführt, "das Eindringen unbefugter Personen in die TU und die dadurch zu erwartende Gefährdung von Menschen und Sachen nicht verhindert werden können".
Besetzung des Psychologischen Instituts beendet
Das Haus II des Psychologischen Instituts der FU wird am Abend von den studentischen Besetzern freiwillig geräumt.(Vgl. 13. Mai 1970)
21. Mai 1970
"Vorwärts" lobt Kreibich
Der "Vorwärts" veröffentlicht eine Halbjahresbillanz über die Tätigkeit von FU-Präsident Kreibich unter der Überschrift "Diskussionen über Konflikte". Der Verfasser, Bruno Naumann, sieht "erheblich mehr Sicherheit und Funktionsfähigkeit an der FU als zuvor" und führt dies auf den "vom Gesetzgeber institutionalisierten Zwang zur Verständigung zwischen den unterschiedlichen Richtungen" zurück.
Wissenschaftssenator beanstandet Kreibich-Brief
Der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, beanstandet das Schreiben von FU-Präsident Kreibich an den US-Stadtkommandaten vom 8. Mai 1970, da nach dem Universitätsgesetz der Universitätspräsident kein allgemeinpolitisches Mandat wahrnehmen könne.
22. Mai 1970
Fachbereichsbildung bei FU-Juristen wird nicht ausgesetzt
Der Antrag der Juristischen Fakultät der FU auf Aussetzung der Bildung des Fachbereiches Rechtswissenschaften wird vom Berliner Verwaltungsgericht abgelehnt. Der Dekan der Fakultät, Prof. Dr. Peter Hanau, teilt mit, daß mit diesem Spruch des Verwaltungsgerichts eine Entscheidung über die Frage der Verfassungsmäßigkeit des Berliner Universitätsgesetzes nicht verbunden sei. Darüber werde in einem anderen Verfahren der Bundesgerichtshof in Karlsruhe in Kürze entscheiden. Die Professoren der Juristischen Fakultät kündigen Beschwerde gegen die Entscheidung des Verwaltungsgerichtes an, deren Inhalt sie jedoch zunächst respektieren wollen. An den Wahlen zum Fachbereichsrat werden die klageführenden Professoren nur unter Vorbehalt teilnehmen.
FU-Präsident kündigt Reform des Klinikum Westend an
Vor der Personalversammlung des Klinikum Westend verspricht der Präsident der FU, Rolf Kreibich, eine umfassende Studien- und Prüfungsreform nach Übernahme des Klinikums durch die FU. Für den medizinischen Bereich schlägt Präsident Kreibich eine Erweiterung des Mitspracherechtes der Dienstkräfte in den Fachbereichsräten vor, die durch eine Gesetzesnovelle verankert werden müßte. Der Wechsel zur FU werde wesentliche Vorteile für alle Mitarbeiter des Krankenhauses bringen, da sie künftig über die Vergabe von Sachmitteln und Personalstellen mitentscheiden könnten.
TU-Präsident bezeichnet Militärparade als Provokation
Der Präsident der Technischen Universität, Alexander Wittkowsky, äußert in einer Erklärung die Auffassung, angesichts der weltweiten Empörung über den Einmarsch von US-Streitkräften in Kambodscha betrachte er die Alliierte Militärparade auf der Straße des 17. Juni als Provokation. Wittkowsky kündigt an, daß er versuchen werde, "die Polizei vom TU- Gelände fernzuhalten".In Reaktion auf diese Erklärung des TU-Präsidenten fordert der Senator für Wissenschaft und Kunst den Präsidenten der TU auf, derartige Erklärungen zu unterlassen und der Polizei jede Unterstützung zu gewähren.
TU-Berlin von Polizei abgeriegelt
Für die Berliner Schutz- und Bereitschaftspolizei wird Große Alarmstufe gegeben, um die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen für die Truppenparade anläßlich des Tages der Allierten Streitkräfte zu gewährleisten. Die Technische Universität Berlin wird weitläufig durch Stacheldraht abgeriegelt. Auf dem Gelände der TU entdecken Polizeibeamte in einem Lagerraum 14 Molotow-Cocktails, die vermutlich im Zusammenhang mit den geplanten Aktionen gegen die Alliierte Militärparade dort versteckt worden sind.
23. Mai 1970
Ausschreitungen nach Militärparade
Die Militärparade der drei Westallierten auf der Straße des 17. Juni wird bei ihrem Vorbeimarsch vom TU Gelände aus von Demonstranten durch Stein- und Farbbeutelwürfe gestört. An dem Gebäude der Technischen Universität hängt ein riesiges Bild des chinesischen Parteivorsitzenden Mao Tse Tung. Nach Abschluß der Parade kommt es den Nachmittag über zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstrantengruppen und der Polizei. Die Demonstranten ziehen sich immer wieder auf das Gelände der Technischen Universität zurück und bewerfen von dort aus die Polizei mit Steinen. Bei ihrem Vorgehen gegen diese Demonstranten werfen auch Polizeibeamte mit Steinen. Polizeikräfte besetzen schließlich mehrere Gebäude der TU und der Hochschule für bildende Künste (HfbK), um Demonstranten aus den Gebäuden zu vertreiben. Dabei kommt es in der HfbK zu Übergriffen von Polizeibeamten gegen unbeteiligte Kunststudenten und Professoren. Im Verlauf der Auseinandersetzungen werden zehn Polizisten verletzt und 52 Personen vorläufig festgenommen.
Der Präsident der TU, Alexander Wittkowsky, wendet sich in einer Erklärung gegen eine "Politik der Eskalation der Gewalt auf allen Seiten". Nachdem ohne sein Wissen das Gelände der TU mit Stacheldraht eingezäunt worden sei, habe er keine Möglichkeit mehr gehabt, mäßigend auf die Demonstranten einzuwirken.
25. Mai 1970
Bekennerbrief zur Baader-Befreiung
Bei der Deutschen Presse Agentur geht ein Bekennerschreiben zur gewaltsamen Befreiung von Andreas Baader ein: "Glaubten die Schweine wirklich, wir würden den Genossen Baader 2 oder 3 Jahre sitzen lassen? - Glaubte irgend ein Schwein wirklich, wir würden von der Entfaltung der Klassenkämpfe, der Reorganisation des Proletariats reden, ohne uns gleichzeitig zu bewaffnen? Glaubten die Schweine, die zuerst geschossen haben, wir würden uns gewaltlos wie Schlachtvieh abknallen lassen? - Wer sich nicht wehrt stirbt." Der Brief endet mit dem Aufruf: "Mit dem bewaffneten Widerstand beginnen! Die Rote Armee aufbauen!"
26. Mai 1970
HfbK kritisiert Polizei
Die Hochschule für bildende Künste (HfbK) erhebt schwere Vorwürfe gegen die Berliner Polizei. Im Verlauf des Polizeieinsatzes nach der Alliierten Truppenparade seien unbeteiligte Studenten der HfbK aus ihren Räumen geprügelt und von Polizeibeamten mit vorgehaltener Pistole durch die Flure des Gebäudes getrieben worden. Studienarbeiten und Modelle seien von den eingesetzten Polizisten zerrissen und zertreten worden.
Professor verlässt FU unter Kritik
Prof. Dr. Gerhard Bischhoff, der seit eineinhalb Jahren als Erdölberater im Ausland tätig ist, wird nicht an die Freie Universität Berlin zurückkehren, da die völlige Politisierung der FU, die unter Beihilfe des Senats geschehe, seiner Auffassung nach eine sinnvolle wissenschaftliche Forschungstätigkeit an der FU unmöglich mache.
27. Mai 1970
Akademischer Senat billigt FU-Haushalt
Der Akademische Senat der Freien Universität billigt den Haushaltsentwurf für das kommende Jahr, der sich gegenüber dem laufenden Haushalt um 47 Millionen DM erhöht. Für das Jahr 1971 waren zunächst 1600 neue Personalstellen an der FU vorgesehen, davon werden 540 Stellen in den Etatentwurf aufgenommen. Die Gesamtzahl der Planstellen an der FU steigt damit auf 8200. Der Zuschuß des Landes Berlin für den FU-Haushalt beträgt zur Zeit 258 Millionen DM und soll im kommenden Haushaltsjahr auf 296,7 Millionen DM erhöht werden.
Der Akademische Senat entsendet die von den Studentenvertretern vorgeschlagenen Herren Hagen, Messing, Mietsch und Thiele als Vertreter der FU mit Beobachterstatus zu der Mitgliederversammlung des VDS in München.
Innensenator läßt Fotomontage zunageln
Auf Anweisung von Innensenator Kurt Neubauer (SPD) wird auf der Juryfreien Kunstaustellung ein Pavillon mit Brettern vernagelt. In dem Pavillon werden Fotomontagen des Fotografen Peter Jim Kruse gezeigt, die in Anspielung auf das Gesetz zur Anwendung unmittelbaren Zwangs Innensenator Neubauer mit Handgranate und Gummiknüppel in den Händen darstellen. Der Verkauf des Katalogs der Juryfreien Kunstaustellung darf nur dann weiter erfolgen, wenn die Seiten, die die Abbildungen der inkriminierten Kunstwerke enthalten, daraus entfernt werden. Der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, erklärt in diesem Zusammenhang, daß die Öffentlichkeit mit Sicherheit kein Verständnis dafür habe, wenn der Senat Schmähungen seiner Politik mit den ihm anvertrauten Steuergeldern auch noch selbst finanziere. Die Maßnahme des Innensenators schränke die Freiheit der Kunst nicht ein.
28. Mai 1970
Fakultätssitzung von Studenten gestört
Die Sitzung der Philosophischen Fakultät der FU wird durch ein Go-in von Studenten gestört. Die Studenten protestieren gegen die Einstellung eines Institutsassistenten am Ethnologischen Institut der FU, die ihrer Auffassung nach nicht hinreichend in der Institutsöffentlichkeit diskutiert wurde. Der Dekan bricht die Fakultätssitzung nach dem Eindringen der Studenten ab. Der Tagesordnungspunkt "Wissenschaftszentrum Berlin", zu dem auch dessen Generalsekretär Dr. Brand eingeladen ist, kann nicht mehr behandelt werden.
Schlagstockeinsatz während Schahbesuch war rechtswidrig
Das Berliner Verwaltungsgericht entscheidet auf Klage einer Studentin, daß die während des Schahbesuches in Berlin erfolgten Schlagstockeinsätze vor der Deutschen Oper rechtswidrig waren. Das Gericht begründet dieses Urteil mit dem Fehlen einer deutschen bzw. alliierten Rechtsgrundlage für den Waffen- bzw. Schlagstockeinsatz durch die Berliner Polizei.
30. Mai 1970
FU-Präsident soll sich von Störungen distanzieren
In einem Schreiben an den Präsidenten der Freien Universität, Rolf Kreibich, fordert der Ordinarius für Wirtschaftspädagogik, Prof. Dr. Jürgen Zabeck, eine Distanzierung von den Störungen seiner Vorlesung durch das linksorientierte Fachschaftskollektiv. Die Zwischenfälle stehen im Zusammenhang mit der von Studenten geforderten Einrichtung eines zweiten Lehrstuhls im Fach Wirtschaftspädagogik. Professor Zabeck weist in seinem Schreiben jegliche Verantwortung für die Nichtbesetzung eines weiteren Lehrstuhls zurück. Professor Zabeck erklärt, ihm werde die Praktizierung des Rechts auf freie Lehre an der FU unmöglich gemacht, da er nicht bereit sei, sein Lehrangebot marxistisch auszurichten.
1. Juni 1970
"Rote Woche" am Romanischen Seminar
Am Romanischen Seminar der FU kommt es aus Anlaß einer von der "Roten Zelle Romanistik" (Rotzrom) ausgerufenen "Roten Woche" zu Störungen von Lehrveranstaltungen. Die Rotzrom fordert zwei Assistenten- und fünf Tutorenstellen für das von ihr geplante "Sozialistische Studium".
Professor fordert Verbot der Roten Zellen an der FU
Der geschäftsführende Direktor des Instituts für Ethnologie an der FU, Prof. Dr. Wolfgang Rudolph, erklärt in einem Schreiben an Präsident Kreibich, daß er nicht bereit sei, mit den Roten Zellen zusammenzuarbeiten, da diese "antidemokratisch und verfassungsfeindlich" seien und ihn an der Erfüllung seiner Treuepflicht gegenüber dem Staat zu hindern suchten. Professor Rudolph fordert den Präsidenten der FU auf, alle Wahllisten der Roten Zellen bei den Fachbereichswahlen zu streichen und ihre Tätigkeit innerhalb der FU zu verbieten.
Professor Furck verläßt Entwicklungsplanungskommission
Prof. Dr. Carl-Ludwig Furck erklärt seinen Rücktritt aus der Entwicklungsplanungskommission der Freien Universität Berlin. Professor Furck hält die Kommission aufgrund mangelnder Kooperation und Information mit anderen Gremien der FU nicht für arbeitsfähig. Die Kommission habe bisher nur aktuelle "Feuerwehrarbeit" leisten können und sei nicht zu eigentlich planerischer Arbeit gekommen. Professor Furck äußert die Vermutung, daß sehr schnell entschieden werde, wobei Zielrichtungen zum Teil außerhalb der Entwicklungsplanungskommission erarbeitet würden und an eigentlicher Hochschulplanung im Augenblick kein starkes Interesse bestehe. Professor Furck bemängelt zudem das Fehlen ständiger Mitarbeiter, was es der Kommission unmöglich mache, Unterlagen und Daten für eine Planung zu beschaffen, auszuwerten und zu sammeln.
Die FU-Vizepräsidenten sind ordnungsgemäß im Amt
In Beantwortung einer Wahlanfechtung durch Prof. Dr. Thomas Nipperdey weist Wissenschaftssenator Stein darauf hin, daß die am 13. Mai 1970 gewählten Vizepräsidenten Dr. von Brentano und Prof. Dr. Lax ordnungsgemäß im Amt seien. Eine Bestätigung der Vizepräsidenten durch den Senator müsse nicht erfolgen. Auch gegen die Wahl einer Wissenschaftlichen Mitarbeiterin zur Vizepräsidentin erhebe er keine Bedenken.
2. Juni 1970
Personalpolitik muß nicht in Lehrveranstaltung diskutiert werden
Die 2. Kammer des Berliner Verwaltungsgerichts weist einen Antrag von drei Studenten zurück, der den Geschäfts-führenden Direktor des Instituts für Ethnologie an der FU, Prof. Dr. Wolfgang Rudolph, verpflichten sollte, in seiner Vorlesung auch personalpolitische Probleme des Instituts zu erörtern. Beschäftigte des Instituts und Studenten hatten am 11. Mai 1970 versucht, mit Professor Rudolph in dessen Vorlesung über die Ausschreibung und Besetzung einer dringend notwendigen zweiten Assistentenstelle zu diskutieren.
Lehrveranstaltung am Englischen Seminar abgebrochen
Am Englischen Seminar der FU bricht eine Dozentin ihre Lehrveranstaltung für den Rest des Semesters ab, nachdem die Mehrheit ihrer Hörer, die Mitglieder der "Roten Zelle Anglistik" (Rotzang) sind, sie in einer Abstimmung als Übungsleiterin "für abgesetzt erklärt" hatten.
3. Juni 1970
Heftige Kontroversen im Akademischen Senat der FU
Der Akademische Senat der FU lehnt es ab, FU-Präsident Kreibich wegen der Ansetzung eines Hochschultags am 4. Juni zu kritisieren. Präsident Kreibich hatte den Hochschultag festgelegt, ohne dieses Gremium und die Fachbereiche an der Entscheidung zu beteiligen. Die Senatsmitglieder Professor Nipperdey, Professor Broser, Professor Büchi, Professor Laskowski, Professor Merkenschlager, Professor Poelt und Professor Theis geben zu Protokoll, daß sie "die Anordnung eines Hochschultages durch den Universitätspräsidenten in ihrer Form für gesetzeswidrig" halten. Präsident Kreibich verweist darauf, daß der Hochschultag entsprechend einer Empfehlung der Westdeutschen Rektorenkonferenz und der Bundesassistentenkonferenz in Absprache mit dem Senator für Wissenschaft und Kunst angesetzt worden sei. Der Akademische Senat behandelt gegen das Votum von Professor Nipperdey einen Dringlichkeitsantrag der Studentenvertreter Bödeker, Helmert und Kremendahl zum Gesetzentwurf über die Anwendung unmittelbaren Zwangs (UZwG). Von verschiedenen Mitgliedern des Akademischen Senats wird die Kompetenz dieses Gremiums zu allgemeinpolitischen Stellungnahmen in Abrede gestellt. Durch Auszug eines Teils der Senatsmitglieder, darunter der Mehrheit der Hochschullehrer, wird Beschlußunfähigkeit hergestellt.
4. Juni 1970
Hochschultag an der FU
Anläßlich des Hochschultages werden auf Veranstaltungen im Auditorium maximum und in den Fachbereichen Fragen der Hochschulreform und Hochschulentwicklung diskutiert. Alle Lehrveranstaltungen fallen ab 10 Uhr aus, den Angestellten ist dienstfrei erteilt. Im Auditorium maximum der FU diskutieren in Anwesenheit von Präsident Kreibich 700 Andere Dienstkräfte über ihre Mitbestimmungsrechte im Rahmen des neuen Universitätsgesetzes. Heftige Kritik wird am Kuratorium der FU geäußert, das es bisher versäumt hat, die von Präsident Kreibich beantragte Entlastung der in Universitätsgremien tätigen Dienstkräfte zu beschließen. Auch im Klinikum Steglitz wird auf einer Versammlung von 900 Anderen Dienstkräften kritisiert, daß noch keine Regelung getroffen wurde, die die Vertreter der Dienstkräfte für die Zeit, in der sie in den Universitätsgremien engagiert sind, von ihren Arbeitsverpflichtungen entbindet. Präsident Kreibich verspricht auf dieser Veranstaltung den Dienstkräften des Klinikums eine bessere Repräsentanz im Fachbereichsrat. Bisher ist für die 1503 Dienstkräfte lediglich ein Vertreter im Fachbereichsrat des Klinikums vorgesehen, während in anderen Fachbereichsräten den Anderen Dienstkräften ab 15 Beschäftigten bereits ein Sitz zusteht. Kreibich betont, daß es bei den bevorstehenden Fachbereichswahlen um eine Weichenstellung für die künftige Hochschulreform gehe. Die Universität müsse jetzt ihr neues Gesicht zeigen. An der FU müsse jede Form des individuellen psychischen und physischen Terrors in der politischen Auseinandersetzung unterbunden werden. Weitere Reformen würden nur durch Diskussion und Aussprache, nicht aber durch nebulöse Ideologien und irrationale Aktionen erreicht.
Auf einer Veranstaltung des Hochschultages an der Juristischen Fakultät bezeichnet FU-Vizepräsident Professor Uwe Wesel die Situation an der FU als sehr ernst. Das Präsidialamt stehe zwischen zwei Feuern. Auf der einen Seite versuche eine "ungeheuere Reaktion", die Reform mit allen Mitteln zu diffamieren und Obstruktion zu betreiben, auf der anderen Seite werde durch die wachsende Gewaltbereitschaft der linken Gruppen die Gefahr heraufbeschworen, daß das Reformexperiment mißlinge. Professor Wesel warnt vor einer geistigen Spaltung der FU. Der Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät, Prof. Dr. Wolfram Fischer, lehnt eine Beteiligung an dem Hochschultag ab, da Präsident Kreibich diese Veranstaltung "angeordnet" habe, ohne zuvor mit den Fakultäten und dem akademischen Senat Rücksprache geführt zu haben. Diese Vorgehensweise widerspreche der von Präsident Kreibich selbst immer wieder erhobenen Forderung nach "Demokratisierung" und "Transparenz" der Entscheidungsprozesse an der Universität. (Vgl. 6. Juni 1970)
Gründungsauschuß des Instituts für Soziale Medizin soll konstituiert werden
Der Präsident der FU, Rolf Kreibich, gibt die Zusammensetzung des Gründungsausschusses des geplanten Instituts für Soziale Medizin bekannt. Dem Gründungsausschuß sollen vier Hochschullehrer, vier Wissenschaftliche Mitarbeiter, zwei Studenten und zwei Dienstkräfte angehören, darunter Mediziner, Psychologen, Statistiker und Sozialwissenschaftler. Mit Schreiben vom 5. Juni ernennt Präsident Kreibich zu Mitgliedern des Gründungsausschusses: die Professoren Lax, Hippius, Feldhoff und Dreitzel; die Wissenschaftlichen Mitarbeiter Dr. Kruckenberg, Dr. Pietzcker, Seidel und Schüngel; die Studenten Ohm und Engel; die Dienstkräfte Tietze und Schulz. Die konstituierende Sitzung des Gründungsausschusses wird für den 17. Juni 1970 einberufen.
FU-Kuratorium beschließt Nachtragshaushalt
Das Kuratorium der FU beschließt in Fortsetzung seiner 152. Sitzung vom 20. Mai, daß die Bildung eines 2. Psychologischen Instituts im Fachbereich Erziehungswissenschaften mit keiner Kürzung der Sachmittel und Personalstellen am 1. Psychologischen Institut verbunden sein soll. Das 1. Psychologische Institut soll seinen bisherigen Stellenplan und seine Ausstattung behalten. Präsident Kreibich wird beauftragt, innerhalb des nächsten halben Jahres die Errichtung eines 2. Psychologischen Instituts im Fachbereich Erziehungswissenschaften zu prüfen und dem Kuratorium einen entsprechenden Vorschlag zur Entscheidung vorzulegen.Dem Kuratorium liegt ein Tadelsantrag gegen Präsident Kreibich vor. Der Antrag bezieht sich auf das Schreiben von Präsident Kreibich an den Kommandanten der US-Streitkräfte in Berlin anläßlich des Einmarsches von US-Streitkräften in Kambodscha und der Erschießung von vier Studenten in der Universität von Kent/Ohio. Das Kuratorium möge Kreibichs Offenen Brief mißbilligen, da der Universitätspräsident im Rahmen seiner Amtsbefugnisse kein allgemeinpolitisches Mandat wahrnehmen könne. Der Tadelsantrag kommt nicht zur Beratung. Die Vertreter der Anderen Dienstkräfte verlassen unter Protest vorzeitig die Sitzung des Kuratoriums, da der Antrag des FU-Präsidenten nicht beraten wird, einen Ausgleich für die Dienstkräfte einzuführen, die durch ihre Mitarbeit in den Universitätsgremien eine zusätzliche Arbeitsbelastung auf sich nehmen. (Vgl. 4. und 8. Mai 1970)
Der 2. Nachtragshaushaltsplan der FU für 1970 wird mit einem Gesamtvolumen von 50 Millionen DM festgestellt. Die Geschäftsordnung des Kuratoriums wird verabschiedet.
Universitätspräsident hat kein politisches Mandat
Der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, erklärt in einer Pressekonferenz, daß den Präsidenten der Universitäten gemäß Berliner Universitätsgesetz kein allgemeinpolitisches Mandat zustehe. Die politischen Äußerungen eines Universitätspräsidenten besäßen "keine größere Relevanz ... als die anderer Personen". Selbstverständlich stehe den Universitätspräsidenten ein hochschulpolitisches Mandat zu.
Philosophische Fakultät über WZB zerstritten
Die Sitzung der Philosophischen Fakultät der FU wird nach vierstündiger Diskussion über das Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) durch Auszug der Gegner des WZB wegen Beschlußunfähigkeit beendet. Der Fakultät lag ein Antrag von Prof. Dr. Richard Löwenthal vor, die grundsätzlich ablehnende Haltung des Präsidenten der FU gegenüber dem Wissenschaftszentrum zu bedauern. Der Präsident und der Akademische Senat der FU sollten von der Philosophischen Fakultät ersucht werden, Verhandlungen über eine Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftszentrum Berlin einzuleiten.
Professor Blümel kritisiert Arbeitsgarantie für Minderheiten
Der Ordinarius für Staats- und Verwaltungsrecht an der Juristischen Fakultät der FU, Prof. Dr. Blümel, kritisiert in einem Rechtsgutachten die vom Präsidialamt der FU entworfene Arbeitsgarantie für Minderheiten in Instituten und Fachbereichen. Professor Blümel hält diese "Arbeitsgarantie", die in die Fachbereichsordnungen aufgenommen werden soll, für überflüssig, sofern sich die Gremien der FU an die Verfassung und das Universitätsgesetz hielten. Sollten Universitätsgremien sich über geltendes Recht hinwegsetzen, sei es die Pflicht des Senators für Wissenschaft und Kunst, von seinen Befugnissen im Rahmen der Staatsaufsicht Gebrauch zu machen. Professor Blümel vermutet, daß die "Arbeitsgarantie" dazu benutzt werden soll, für linke Gruppen "Freiräume" zu legalisieren, in denen diese dann ihren Zielen unter Ausgrenzung der Fachbereichsaufsicht nachgehen könnten.
5. Juni 1970
"Notgemeinschaft" legt weitere Dokumentation vor
Die "Notgemeinschaft für eine freie Universität" legt ihren Zweiten Bericht "Freie Universität unter Hammer und Sichel" vor, in dem detailliert Störungen des Lehrbetriebes am Romanischen Seminar, am Englischen Seminar, in der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät, am Otto-Suhr-Institut und die Auseinandersetzungen um die Gründung eines 2. Psychologischen Instituts geschildert werden. Die Notgemeinschaft ruft zu Spenden für Studenten auf, die an Lehrveranstaltungen in der FU nicht mehr teilnehmen könnten, da diese "zu kommunistischen Indoktrinationskursen pervertiert worden" seien. Den betreffenden Studenten solle mit den Spendengeldern ein Weiterstudium an westdeutschen Universitäten ermöglicht werden. Die Notgemeinschaft spricht von "fortwährenden Rechtsbrüchen des Präsidenten", der immer enger mit den Roten Zellen zusammenarbeite, die "nunmehr unverhüllt zum revolutionären Kommunismus" übergegangen seien und sich der KPD-Aufbauorganisation unterstellt hätten. Der Anschein größerer Ruhe an der FU entstehe nur dadurch, daß der Präsident die Forderungen der Roten Zellen unterstütze und "Störungen in den Berichten seiner Pressestelle unterschlägt". Die an den Universitäten weit vorangeschrittene Auflösung der Rechtsordnung bedrohe nicht nur die Freiheit von Forschung und Lehre, sondern auch die demokratische Verfassung Berlins.
6. Juni 1970
Rolf Kreibich antwortet Professor Fischer
FU-Präsident Kreibich weist die Kritik von Prof. Dr. Wolfram Fischer mit der Begründung zurück, es gebe laut Universitätsgesetz für die Anberaumung eines Hochschultages kein anderes zuständiges Organ als den Universitätspräsidenten. Kreibich weist in diesem Zusammenhang darauf hin, daß seit seiner Wahl von den Gegnern des Universitätsgesetzes "ständig behauptet" werde, "das Präsidialamt würde Rechtswidrigkeiten begehen". Diese Vorwürfe seien "nicht nur immer leichtfertig, sondern zum Teil auch böswillig erhoben und in keinem einzigen Fall bewiesen worden". (Vgl. 4. Juni 1970)
7. Juni 1970
Assistenten unzufrieden mit Satzung des WZB
Die Landesassistentenkonferenz protestiert in einem Offenen Brief dagegen, daß der Senat von Berlin und insbesondere der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, noch immer keine entschiedene Politik hinsichtlich des Wissenschaftszentrums Berlin formuliert habe. Trotz der inzwischen erarbeiteten Satzung des Wissenschaftszentrums könne von demokratischer, alle funktionale Gruppen umfassender Mitbestimmung keine Rede sein.
8. Juni 1970
Dürfen Putzfrauen über Doktorgrade entscheiden ?
"Die Welt" berichtet unter der Überschrift "Politexamina für Professoren durch rote Tribunale / FU Berlin : Putzfrauen-Stimmrecht über Doktorgrade" über die Situation an der FU.
Personalrat des Krankenhauses Westend gegen Eingliederung in FU
Der Personalrat des Westend-Krankenhauses spricht sich gegen eine Eingliederung in die Freie Universität Berlin aus. In einer Entschließung, die dem Präsidenten des Abgeordnetenhauses, dem Regierenden Bürgermeister, den Fraktionen des Abgeordnetenhauses und dem bisher für das Westend-Krankenhaus zuständigen Bezirksamt Charlottenburg zugeleitet wird, heißt es: "Nach dem Entwurf der Fachbereichsordnung für medizinische Fachbereiche dienen die medizinischen Einrichtungen der Krankenversorgung nur noch nach Maßgabe der Erfordernisse in der Lehre und Forschung; das heißt, daß die Krankenversorgung zumindest der Bevölkerung Charlottenburgs nicht mehr gewährleistet ist." In geheimer Abstimmung haben sich 77,8% des Krankenhauspersonals gegen die Übernahme des Hauses durch die FU ausgesprochen. Das Krankenhauspersonal befürchtet, daß die "erhebliche Unruhe - hervorgerufen durch rivalisierende radikale Interessengruppen - auch in unser Haus getragen wird". Weder Bezirksamt noch der Berliner Senat hätten bisher die Meinung des Krankenhauspersonals eingeholt. "Es wurde lediglich dem massiven Druck einer Gruppe von Assistenten nachgegeben, die angedroht haben, ihre Forderungen notfalls mit Kampfmaßnahmen durchzusetzen."
9.Juni 1970
Minister Leussink versucht im Streit um das WZB zu vermitteln
Auf Einladung von Bundesbildungsminister Prof. Dr. Hans Leussink treffen in Bonn die Präsidenten von FU und TU, Kreibich und Wittkowsky, Wissenschaftssenator Stein, der Bundesminister für Justiz, Gerhard Jahn, und Dr. Gerd Brand von der "Wissenschaftszentrum Berlin GmbH" zusammen. Für die FU nehmen noch Professor Hans Peter Dreitzel (Entwicklungsplanungskommission) und Pressesprecher Peter Dehn an der Unterredung teil. Die Präsidenten von FU und TU protestieren gegen die Teilnahme von Dr. Brand und fordern ihn auf , sich von seiner Presseklärung zu distanzieren, in der er den Universitäten vorgeworfen hatte, "zu Verzerrungen, zu Unterstellungen, zu Unwahrheiten" zu greifen, um das Wissenschaftszentrum zu diffamieren. Als Grundlage weiterer Gespräche wird Einigung über vier Punkte erzielt: "1. Für den Ausbau besonderer Problemforschungsbereiche in Berlin sind weder bisher von der WZB GmbH entwickelte Pläne verbindlich, noch ist die bestehende Trägerinstitution eine Voraussetzung dafür. 2. Grundlage einer institutionellen demokratischen Verankerung ist das Berliner Universitätsgesetz. 3. Die Vergabe öffentlicher Mittel für solche Projekte unterliegt der öffentlichen Kontrolle. 4. Der Ausbau der Problemforschungsbereiche führt nicht zur Gründung einer 'Gegenuniversität`."
10. Juni 1970
Vorwürfe gegen Friedensforschung im Rahmen des WZB
Prof. Dr. Carl-Friedrich von Weizäcker und der norwegische Friedensforscher Prof. Dr. Johan Galtung distanzieren sich von dem im Rahmen des Wissenschaftszentrums Berlin geplanten Institut für Friedens- und Konfliktforschung. Professor Galtung kündigt an, jeglichen Kontakt mit dem Wissenschaftszentrum Berlin abzubrechen. Profesor Galtung kritisiert die dort geplante Konzeption der Friedensforschung, da sie zu sehr auf "Gesetz und Ordnung" ausgerichtet sei. Die Planung des Wissenschaftszentrums sei einseitig in "Kalter-Kriegs-Manier" erfolgt. Die Hauptursachen der Spannungen in der Welt würden nur als vom Osten ausgehend gesehen. Das Wissenschaftszentrum Berlin wolle sich lediglich mit dem Namen Friedensforschung schmücken, ohne mit deren Inhalt wirklich etwas zu tun zu haben. Echte Friedensforschung sei nicht an den Status quo gebunden.
Berufungsbilanz der FU
Die Pressestelle der Freien Universität Berlin veröffentlicht eine Berufungsbilanz über das 1. Halbjahr 1970. Zwischen dem 1. Januar und dem 8. Juni 1970 haben acht Wissenschaftler einen Ruf an die FU angenommen, darunter sechs Privatdozenten. sieben Wissenschaftler, darunter fünf Professoren, haben es abgelehnt, einem Ruf an die FU zu folgen. Bei Bleibeverhandlungen stehen einer positiven drei negative Entscheidungen gegenüber.
11. Juni 1970
Abgeordnetenhaus verabschiedet UZwG
Das Abgeordnetenhaus von Berlin verabschiedet mit 92 Ja-Stimmen von SPD und CDU das "Gesetz über die Anwendung unmittelbaren Zwanges". Von den 137 Abgeordneten fehlen 32, darunter mehrere SPD-Abgeordnete, die sich in der letzten Fraktionssitzung gegen das Gesetz ausgesprochen hatten. Mehr als 10.000 Personen demonstrieren einem Aufruf zahlreicher linker Gruppen folgend am Nachmittag gegen die Verabschiedung dieses Gesetzes.
Ende der Fachbereichsratswahlen an der FU
Die dreitägigen Fachbereichsratswahlen an der Freien Universität enden mit einer Wahlbeteiligung von 48,6% der rund 19.000 wahlberechtigten Universitätsmitglieder. Um die 420 Plätze in den 24 Fachbereichsgremien der FU bewarben sich 1177 Kandidatinnen und Kandidaten. Für die 196 Sitze der Hochschullehrer standen 330 Kandidaten zur Wahl, für 112 Sitze der Wissenschaftlichen Mitarbeiter 355 Kandidaten, für 84 Sitze der Studenten 312 Kandidaten und für 28 Sitze der Anderen Dienstkräfte 180 Kandidaten. Die schwächste Wahlbeteiligung wird mit 40,6% bei den 12.551 wahlberechtigten Studenten verzeichnet, die höchste Wahlbeteiligung liegt bei 84,1% in der Gruppe der Hochschullehrer. Hier waren 639 Professoren wahlberechtigt. Die 1.974 Wissenschaftlichen Mitarbeiter haben sich zu 83% an der Wahl beteiligt und von den 3.976 Dienstkräften gaben 52,3% ihre Stimme ab. Bei den Hochschullehrern setzten sich liberale und konservative Kandidaten in etwa gleicher Stärke durch. Bei den Studenten erringen die Roten Zellen 16 der 84 möglichen Mandate. Allerdings hatten mehrere Rote Zellen eine Beteiligung an den Wahlen mit der Begründung abgelehnt, daß die Hochschulgremien pseudodemokratisch seien und nur zur Befriedung der Hochschulen dienten. (Vgl. 15. Juni 1970)
Dok. 1029
12. Juni 1970
Erste Fachbereichsratssitzung an der FU
Im Beisein von FU-Präsident Kreibich findet die erste Fachbereichsratssitzung an der FU am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften statt.
15. Juni 1970
Präsident Kreibich wertet Fachbereichsratswahlen als Erfolg
Der Präsident der Freien Universität Berlin, Rolf Kreibich, wertet die Fachbereichswahlen als Erfolg der Befürworter der Universitätsreform. Auf einer Pressekonferenz weist Kreibich auf die enormen Anstrengungen einer großen Zahl von Universitätsmitgliedern im Zusammenhang mit den Wahlen hin. Gegen die "Notgemeinschaft für eine freie Universität" erhebt Präsident Kreibich den Vorwurf der Obstruktion und klassifiziert deren Mitglieder als "konservative, ewig gestrige". Hinsichtlich der "Roten Zellen" plädiert Kreibich für eine Unterscheidung zwischen anarchistischen Gruppen und solchen, deren Vorstellungen für strukturelle Änderungen teilweise durchaus im Sinne der Reform seien. Präsident Kreibich nimmt auch zum geplanten Institut für Soziale Medizin und zu Fragen der Übernahme von städtischen Krankenhäusern in die FU Stellung. (Vgl.11., 18. und 22. Juni 1970)
Konstituierende Sitzungen der ersten Fachbereichsräte an der FU
An der Freien Universität konstituieren sich die Fachbereichsräte und wählen ihre Vorsitzenden. Gewählt werden: Prof. Dr. Helmut Kewitz, Klinisch-Theoretische Medizin; Prof. Dr. Ulrich Henneberg, Klinische Medizin Steglitz; Prof. Dr. Jacob Taubes, Philosophie und Sozialwissenschaften; Prof. Dr. Carl-Ludwig Furck, Erziehungswissenschaften; Prof. Dr. Heinrich Mathias Heinrichs, Germanistik; Prof. Dr. Erich Loos, Neuere Fremdsprachliche Philologien; Prof. Dr. Klaus Bruhn, Kunstwissenschaften; Prof. Dr. Helmut Gabriel, Physik; Prof. Dr. Hellmuth Bütow, Osteuropa-Institut.
16. Juni 1970
Mao Tsetung wird nicht Fachbereichsratsvorsitzender
Unter Vorsitz des Präsidialamtsvertreters Dr. Klaus Warnke findet die konstituierende Sitzung des Fachbereichsrates Mathematik statt. Die Wahl zum Vorsitzenden des Fachbereichsrates bringt folgendes Ergebnis: "10 Stimmen für Prof. Dr. Hanfried Lenz, 3 Stimmen für Prof. Dr. Gerhard Ringel, 2 Stimmen für Mao Tsetung".
Weitere Fachbereichsräte wählen auf ihren konstituierenden Sitzungen zu Vorsitzenden: ...., Vorklinik; als einzige weibliche Vorsitzende Prof. Dr. Meta Alexander, Krankenhaus Westend; Prof. Dr. Josef Broch, Veterinärmedizin; Prof. Dr. Reinhard Elze, Geschichtswissenschaften; Prof. Dr. Rudolf Kassel, Altertumswissenschaften; Prof. Dr. Horst Gnichtel, Chemie; Prof. Dr. Rudolf Haensel, Pharmazie; Prof. Dr. Enrique Otte, Zentralinstitut für Lateinamerikanistik.
Abgeordnetenhaus fordert Bericht über Situation an den Berliner Hochschulen
Auf Antrag der Abgeordneten Dr. Ursula Besser (CDU) beschließt das Berliner Abgeordnetenhaus, daß der Senator für Wissenschaft und Kunst einen Überblick über die Entwicklung an den Hochschulen seit dem Inkrafttreten des Universitätsgesetzes vorlegen soll. Im Rahmen dieses Berichts, der am 1. Oktober 1970 im Abgeordnetenhaus auf der Tagesordnung steht, sollen die Ziele und Methoden der Roten Zellen untersucht werden. (Vgl. 16. Okt. 1970)
Senat beschließt Eingliederung von Krankenhäusern in die FU
Der Senat von Berlin beschließt die Eingliederung des Städtischen Krankenhauses Westend und der Städtischen Frauenklinik Charlottenburg in die Freie Universität Berlin. Ab 1. Januar 1971 sollen die beiden Einrichtungen als Universitätskliniken Charlottenburg weitergeführt werden.
18. Juni 1970
Profesor Nipperdey kritisiert Wahlanalyse des FU-Präsidenten
Der ehemalige Dekan der Philosophischen Fakultät der FU, Prof. Dr. Thomas Nipperdey, wendet sich gegen die von FU-Präsident Kreibich gegebene Einschätzung der Fachbereichswahlen vom 8. - 11. Juni. Kreibichs Wahlanalyse biete ein "optimistisch verzerrtes Bild der Funktionsfähigkeit der Universität". Professor Nipperdey weist die Vorwürfe Präsident Kreibichs gegen die "Notgemeinschaft für eine freie Universität" zurück. Er selbst sei Jahrgang 1927, gehöre also zur "jüngeren Generation", und sei als Mitglied der SPD und "in Selbstverwaltung und Politik immer entschieden für die notwendigen Reformen" eingetreten. Er habe sich in mehr als einem Dutzend Fällen wegen Rechtsverletzungen an den Wissenschaftssenator gewandt und die Aufsichtsbehörde zum Handeln aufgefordert. Zuletzt habe er am 2. und 3. Juni Unterlagen über die außerordentlich ernsten Störungen am Englischen und Romanischen Seminar an den Wissenschaftssenator übersandt. "Auf meine mehrfachen Bitten hin hat der Präsident der Freien Universität Berlin nichts Durchgreifendes zum Schutz der Freiheit des Lehrens und des Lernens unternommen."
Klage gegen Fachbereichsbildung zurückgewiesen
Die Klage der Juristischen Fakultät der FU und 13 ihrer Mitglieder gegen den Beschluß des Kuratoriums der Freien Universität, einen Fachbereich Rechtswissenschaften zu bilden und die Fachbereichsbildung sofort vollziehen zu lassen, wird von dem Oberverwaltungsgericht Berlin (OVG) in einer unanfechtbaren Entscheidung zurückgewiesen.
Konstituierende Sitzungen weiterer Fachbereichsrätes
Der Fachbereichsrat Biologie wird auf seiner konstituierenden Sitzung von Dr. Klaus Warnke (Präsidialamt) geleitet. Zum Vorsitzenden des Fachbereichsrates wird Prof. Dr. Werner Ulrich gewählt und zu seinem Stellvertreter Dr. Horst Nöthel. Zu Vorsitzenden werden gewählt: im Fachbereichsrat Nervenklinische Medizin Professor Helmut Coper, im Fachbereichsrat Außenkliniken Professor Günter Stüttgen, im Fachbereichsrat Politische Wissenschaft Prof. Dr. Hans-Hermann Hartwich, im Fachbereich Geowissenschaften Prof. Dr. Hillert Ibbeken und im Zentralinstitut für Biochemie und Biophysik Prof. Dr. Friedrich Körber.
Entwicklungsplanungskommissionen gegen Senatspläne
Gemeinsame Sitzung der Entwicklungsplanungskommissionen von Freier und Technischer Universität. Die Kommissionen kritisieren das geplante Fachhochschulgesetz. Mit diesem Gesetz beabsichtige das Abgeordnetenhaus von Berlin, ein Jahr nach Inkrafttreten des neuen Universitätsgesetztes neue tiefgreifende Veränderungen an den Universitäten zu schaffen.
19. Juni 1970
Die Bauplanung der FU für 1970
Die "BILD-ZEITUNG" berichtet, daß 1970 und 1971 rund 53 Millionen Mark für FU-Bauten benötigt werden. Ohne zügige Realisierung der Bauvorhaben sei die erwartete Verdoppelung der Studentenzahlen nicht zu bewältigen.
Dok. 1030
Konstituierung der letzten Fachbereichsräte an der FU
Der Fachbereichsrat Wirtschaftswissenschaft wählt Professor Gerold Krause-Junk zu seinem Vorsitzenden und Professor Lutz Fischer zu dessen Stellvertreter.
Der Fachbereichsrat Rechtswissenschaft wählt den letzten Dekan der Juristischen Fakultät Prof. Dr. Peter Hanau zu seinem Vorsitzenden und Prof. Dr. Gerhard Dilcher zu dessen Stellvertreter. Der Fachbereichsrat protestiert gegen die Aufhebung der Ausschreibungspflicht bei Assistenz-Professuren. Der Fachbereich Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde wählt Prof. Dr. Karl Eichner zum Vorsitzenden.
22. Juni 1970
FU-Senat gegen Numerus clausus
Der Akademische Senat der Freien Universität Berlin spricht sich einstimmig für eine baldige Beseitigung des Numerus clausus an der FU aus. Die Fachbereichsräte werden ersucht, bis Ende 1970 Pläne zur Studienreform vorzulegen. Für das Wintersemester 1970/71 sollen Neuzulassungen an die FU zu je einem Drittel nach Leistungen im Abitur, nach sozialen Kriterien und nach Losentscheid zur Entscheidung gelangen.
"Notgemeinschaft" antwortet Präsident Kreibich
Die "Notgemeinschaft für eine freie Universität" weist die Vorwürfe von FU-Präsident Kreibich vom 15. Juni 1970 zurück und wirft dem Präsidenten vor, er verharmlose die Roten Zellen nach außen und fördere sie nach innen. Bei den Wahlen zu den Fachbereichsräten seien bei einer Beteiligung von ca. 40 % der Studenten etwa 40 % der Stimmen an Rote Zellen oder ähnliche Gruppen gegangen. In den acht Fachbereichen mit den höchsten Studentenzahlen seien sogar über 50 % der Mandate an diese Gruppen gefallen. Präsident Kreibich habe die Sachdarstellung der Notgemeinschaft "in keinem Punkt konkret bestritten, geschweige denn widerlegt", daher halte sie ihre Vorwürfe "in vollem Umfang aufrecht".
"Bund Freiheit der Wissenschaft" geplant
Verteter aus Kreisen der Wissenschaft, Politik und der Wirtschaft beschließen die Gründung eines Bundes "Freiheit der Wissenschaft". Dem Gründungsausschuß des Bundes gehören der Vizepräsident des Deutschen Bundestags Schmidt-Vockenhausen (SPD) sowie der frühere Bundesaußenminister Gerhard Schröder (CDU) an. Mit der Berliner "Notgemeinschaft für eine freie Universität" ist eine enge Kooperation geplant. Der Gründungsauschuß des "Bundes Freiheit der Wissenschaft" ist der Auffassung, daß die neuen Universitätsgesetze den gefährlichen Aktionen extremistischer Gruppen Vorschub leisten.
23. Juni 1970
Konsultation zwischen FU und Hochschulinformationssystem
Im Rahmen der Routinesitzung des Präsidialamtes findet ein Informationsgepräch mit H. Krönig über das Hochschulinformationssystem (HIS) statt. Das FU-Präsidialamt hatte am 18. Juni 1970 entschieden, keinen Vertrag mit HIS abzuschließen, solange kein Rahmenvertrag zwischen HIS und Westdeutscher Rektorenkonferenz abgeschlossen ist. Bisher haben ca. 24 Hochschulen vertragsähnliche Übereinkommen mit HIS. Die FU will zunächst ein Konsultationsverhältnis mit HIS aufrechterhalten.
Haftbefehl gegen FU-Studentin wegen Baader Befreiung
Gegen die FU-Studentin Astrid Proll wird im Zusammenhang mit der gewaltsamen Befreiung des Kaufhausbrandstifters Andreas Baader Haftbefehl erlassen. Astrid Proll wird beschuldigt, am Abend vor der Gefangenenbefreiung eine der Tatwaffen samt 250 Schuß Munition gekauft zu haben.
24. Juni 1970
OSI-Fachbereichsratsvorsitzender tritt zurück
Der stellvertretende Fachbereichsratsvorsitzende des Otto-Suhr-Instituts der FU, Prof. Dr. Franz Ansprenger, tritt unter Protest zurück, nachdem der Fachbereichsrat die Einleitung von Strafverfahren gegen drei Studenten abgelehnt hatte, die von der Polizei beim Malen eines Sowjetsterns an der Frontseite des Instituts festgenommen worden waren.
Fachbereichsrat Germanistik gegen Fachhochschulgesetz
Der Fachbereichsrat Germanistik kritisiert das geplante Fachhochschulgesetz als "verhängnisvollen Schritt auf dem Wege der technokratischen Hochschulreform" und lehnt insbesondere die Einführung des vorgesehenen Fachhochschuldozenten ab. Der Fachbereichsrat lehnt mit 8 zu 2 Stimmen eine Distanzierung von einem Fragebogen ab, der in einem Tutorium des Seminars "Theorie der Funktion literarischer Bildung" (Mattenklott) verteilt worden war. Dieser Fragebogen enthält auch Fragen zum Sexualverhalten der Seminarteilnehmer. (Vgl. 2. Juli 1970)
25. Juni 1970
"BZ" fragt nach APO-Opas
Die "BZ" berichtet unter der Überschrift "Wo sind sie geblieben" über Rudi Dutschke, Sigrid Fronius, Fritz Teufel, Rainer Langhans und Dieter Kunzelmann. Die BZ stellt die Frage, ob die Revolutionäre von gestern die APO-Opas von heute seien.
Sitzung des FU-Kuratoriums vorzeitig abgebrochen
Das Kuratorium der Freien Universität verabschiedet in seiner 153. Sitzung den Haushaltsvoranschlag für 1971 in Höhe von 345236710 DM. Der Zuschuß aus öffentlichen Haushaltsmitteln beträgt 296,7 Millionen DM.
Im Verlauf der Haushaltsberatung kommt es zu einem Go-in von Anderen Dienstkräften. Sie wollen damit ihre Forderung nach Bereitstellung einer Vertretung am Arbeitsplatz für die Zeit, in der sie ihren Aufgaben als Mitglieder von Universitäts- bzw. Fachbereichsgremien nachgehen, bekräftigen. Das Kuratorium der FU beschließt einstimmig, daß die Mehrbelastung der Anderen Dienstkräfte durch Mitarbeit in Universitätsgremien im Einzelfall aufgefangen und notfalls auch Vertretungskräfte eingestellt werden sollen. In einem weiteren Beschluß streicht das Kuratorium der Zeitschrift "Colloquium" ihren bisherigen Zuschuß von 15.000 DM.
Die Sitzung wird von Senator Stein, der in Vertretung des Regierenden Bürgermeisters den Vorsitz führt, vorzeitig beendet, nachdem FU-Vizepräsident Wesel unter Protest den Raum verlassen hat. Streitpunkt ist die Abstimmung über eine gesperrte Professorenstelle am Fachbereich 12 (Erziehungswissenschaften). Der von Senator Stein gestellte Antrag sieht die Freigabe der Stelle und ihre Besetzung mit einem Psychologen vor. Der Antrag wird mit einer Stimme Mehrheit angenommen. Der Vizepräsident der FU, Prof. Dr. Uwe Wesel, wendet sich entschieden gegen das Verfahren, sich durch einfachen Antrag zum Haushalt über den Beschluß des Kuratoriums vom 20. Mai 1970 und über sämtliche mit Entwicklungsplanung beschäftigte Gremien hinwegzusetzen und über eine Haushaltsentscheidung die Teilung des Psychologischen Instituts herbeizuführen.
Der Präsident der FU, Rolf Kreibich, kritisiert in einer Stellungnahme das Vorgehen des Kuratoriums, da es jede sinnvolle mittel- und langfristige Planung an der FU unmöglich mache und den wildwuchsartigen Ausbau der Universität vergangener Zeit fortsetze.
26. Juni 1970
Psychologen stellen Mitarbeit im Fachbereichsrat ein
Aus Protest gegen die am Vortage vom Kuratorium der FU beschlossene Freigabe einer Professorenstelle am Fachbereich 12 zur Ausschreibung für einen Psychologen stellen die Angehörigen des Psychologischen Instituts im Fachbereichsrat Philosophie und Sozialwissenschaften ihre Mitarbeit vorläufig ein. In ihrer Begründung werfen sie dem Berliner Senat vor, er legitimiere mit dem Kuratoriumsbeschluß "die Obstruktionspolitik jener Gruppen, die mit liberal kaschierten Argumenten im Sinne der `Notgemeinschaft' eine Demokratisierung der Entscheidungsprozesse über Ausbildung und Forschung verhindern" wollten.
Gerhard Löwenthal tritt "Notgemeinschaft" bei
Die "Notgemeinschaft für eine freie Universität" veröffentlicht einen Pressespiegel mit Reaktionen auf ihren zweiten Bericht "Freie Universität unter Hammer und Sichel". Im begleitenden Schreiben teilt die Notgemeinschaft mit, daß "Herr Gerhard Löwenthal vom ZDF, ein ehemaliger FU-Student", ihrer Organisation beigetreten sei.
29. Juni 1970
Hearing mit Universitätspräsidenten im Abgeordnetenhaus
Die Ausschüsse des Berliner Abgeordnetenhauses für Schulwesen und für Wissenschaft und Kunst führen im Zusammenhang mit der Diskussion des geplanten Fachhochschulgesetzes ein Hearing mit den Präsidenten von FU und TU, dem Rektor der PH und weiteren Angehörigen von Universitätsgremien durch.
Professor Szondi tritt aus Fachbereichsrat zurück
Prof. Dr. Peter Szondi stellt seinen Sitz im Fachbereichsrat Neuere Fremdsprachliche Philologien zur Verfügung, da sein Vorschlag, ein qualifiziertes Gruppenveto in die Fachbereichsordnung aufzunehmen, abgelehnt wird. Professor Szondi hatte bereits auf der konstituierenden Sitzung des Fachbereichsrates einen entsprechenden Antrag gestellt, der auf Bedenken des Präsidialamtsvertreters, Universitätsdirektor Detlef Borrmann, vertagt wurde. Das qualifizierte Gruppenveto sieht vor, daß jede funktionale Gruppe des Fachbereichs durch Urabstimmung gegen sie betreffende Beschlüsse des Fachbereichsrates Veto einlegen kann.
Beratergremium des FU-Präsidenten diskutiert Perspektive
Das Beratergremium diskutiert über Möglichkeiten seiner weiteren Arbeit. Die ursprüngliche Konzeption, "am Gesetz vorbei, nicht gegen das Gesetz, so etwas wie eine Demokratisierung des Präsidialamtes durch zwar informelle aber instititutionalisierten Kontakt mit der Basis" aufrechtzuerhalten, habe sich als nicht praktikabel erwiesen. Eine zunehmende Bedeutungslosigkeit des Beratergremiums wird konstatiert.
Dok. 1031
"Initiativgruppe für ein 2. Psychologisches Institut" zufrieden
Die "Initiativgruppe" am Psychologischen Institut der FU begrüßt den Beschluß des FU-Kuratoriums vom 25. Juni 1970. Die "Initiativgruppe" sieht in dem Beschluß eine erste konkrete Maßnahme zu der von ihr geforderten Schaffung einer zweiten Wissenschaftlichen Einrichtung für Psychologie an der FU.
30. Juni 1970
Senat antwortet auf Anfrage zur Raumsituation an der FU
Auf eine Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Ursula Besser (CDU) zur beengten Raumsituation im Bereich der früheren Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der FU antworten der Regierende Bürgermeister Klaus Schütz und der Senator für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Werner Stein, mit einer detaillierten Aufstellung der seit 1960 durchgeführten Bauvorhaben an der FU, die von der Universität als vordringlicher eingestuft worden seien.
Hochschulangehörige kritisieren Fachhochschulgesetz
Auf einer Versammlung von etwa 500 Angehörigen der Berliner Universitäten und Akademien wird eine Urabstimmung über einen Streik für den Fall angekündigt, daß das Abgeordnetenhaus von Berlin das Fachhochschulgesetz mit der Tendenz verabschieden sollte, die sich im jetzigen Entwurf abzeichnet. Insbesondere richtet sich die Kritik auf der Versammlung in der TU dagegen, daß für Hochschullehrer die Möglichkeit bestehen soll, lediglich in der Forschung tätig zu sein, was eine Aufhebung der Einheit von Forschung und Lehre bedeuten würde.
Rechtsanwalt Mahler soll für Osterunruhen zahlen
Der 9. Zivilsenat des Berliner Kammergerichts entscheidet in Abänderung des Beschlusses der 11. Zivilkammer des Berliner Landgerichts, daß Rechtsanwalt Horst Mahler 76884,25 DM Schadensersatz an den Verlag Axel Springer und die Ullstein GmbH zahlen muß. Die 11. Zivilkammer hatte Mahler nach Betragsverfahren zur Zahlung von 118000 DM verurteilt. Rechtsanwalt Mahler wurde damit für einen Teil der Schäden verantwortlich gemacht, die nach dem Attentat auf Rudi Dutschke an den Verlagshäusern in der Kochstraße entstanden waren. Das Gericht ist der Auffassung, daß Mahler bewußt und vorsätzlich die Polizeikette vor dem Verlagshaus durchbrochen und "durch sein Verbleiben am Tatort" die Gewaltakte gefördert habe. Die von den Verlagen ursprünglich geforderte Schadenssumme betrug 506.000 DM. (Vgl. 10. März 1969)
Solidaritätsdemonstration für Heidelberger SDS
Über 4.000 Personen demonstrieren in Kreuzberg und Schöneberg gegen das durch die Landesregierung von Baden-Würtemberg ausgesprochene Verbot des Heidelberger SDS. Im Auditorium Maximum der FU hatten zuvor auf einer Versammlung der Roten Zellen ca. 1.000 Studenten in einer Resolution den Rücktritt des Innenministers von Baden-Würtemberg und die Rückgabe des beschlagnahmten Eigentums an den Heidelberger SDS gefordert. Bereits am Vortage hatte der Fachbereichsrat Biologie der FU das Verbot des SDS Heidelberg und das Vorgehen der Polizeibehörden in diesem Zusammenhang kritisiert. In Heidelberg beteiligen sich über 10.000 Personen an einer Demonstration gegen das Verbot des SDS.
1. Juli 1970
Akademischer Senat verteidigt FU-Präsident Kreibich
Der Akademische Senat der FU verwahrt sich mit 14:4:5 Stimmen gegen alle Versuche, in der Öffentlichkeit den Eindruck zu erwecken, daß an der FU eine chaotische Situation bestehe und die normale Arbeit in Lehre und Forschung unmöglich sei. Der Akademische Senat stellt sich in seinem Satz für Satz abgestimmten Beschluß mit 12:8:3 Stimmen "schützend vor den Präsidenten" insbesondere in Hinblick auf die Vorwürfe, er begünstige die Aushöhlung des Universitätsgesetzes und eine Einschränkung der Freiheit von Forschung und Lehre. Präsident Kreibich wird beauftragt, eine Dokumentation über die erhobenen Vorwürfe und Unterstellungen in der Presse herauszugeben.
Der Akademische Senat spricht sich für die Einrichtung einer Kindertagesstätte an der FU aus, die mit eine Kapazität von 120 Plätzen allen Universitätsangehörigen zur Verfügung stehen soll und zugleich als Forschungs- und Ausbildungsinstitut im Bereich der Vorschulerziehung genutzt werden kann. Die endgültige Entscheidung über dieses Projekt liegt beim Kuratorium der FU. Außerdem wählt der Akademische Senat den Hochschullehrer Professor Hajo Riese, den Studenten Fritjof Mietsch und die Andere Dienstkraft Helga Miels als Mitglieder der Entwicklungsplanungskommission (EPK). Zur Vorsitzenden der EPK wird die Wissenschaftliche Mitarbeiterin Dr. Adelheid Biesecker gewählt.
Störungen von Fachbereichsratssitzungen an der FU
Die Mehrheit der Professoren verläßt die Fachbereichsratssitzung des Otto-Suhr-Instituts nach Störungen durch das "Sozialistische Arbeitskollektiv am OSI" (SAKO). Sprecher des SAKO, das etwa 100 Studenten zu der Fachbereichssitzung mobilisiert hat, fordern die Besetzung des Lehrstuhls für politische Wirtschaftslehre mit einem marxistischen Wissenschaftler. Auf der Sitzung des Fachbereichsrats steht eine entsprechende Empfehlung der Ausbildungskommission des OSI zur Diskussion. Professor Ziebura bezeichnet die Empfehlung als "Machtusurpation" der Ausbildungskommission, die laut Hochschulgesetz nicht für Berufungsfragen zuständig sei. Die Empfehlung der Ausbildungskommission wird von einem Mitglied des Fachbereichsrats als Antrag übernommen und erhält mehrheitlich Zustimmung. Abgelehnt wird hingegen der Antrag, in Nachfolge von Professor von Eynern einen Marxisten auf den Lehrstuhl für politische Wirtschaftslehre zu berufen. Für eine weitere neu auszuschreibende Hochschullehrerstelle, die mit einem marxistischen Wisenschaftler besetzt werden soll, spricht sich dann wiederum eine Mehrheit des Fachbereichsrats aus.
Der Fachbereichsrat Mathematik entscheidet, nachdem Zuhörer wiederholt in die Diskussion eingreifen, daß Nichtmitgliedern nur nach Mehrheitsbeschluß des Fachbereichsrats das Wort erteilt werden kann.
Fachbereichsrat Philosophie und Sozialwissenschaften protestiert gegen Kuratoriumsbeschluß
Der Fachbereichsrat Philosophie und Sozialwissenschaften protestiert nach Anhörung eines Mitgliedes der "Initiativgruppe für ein 2. Psychologisches Institut" einstimmig "gegen den am 25. 6. 1970 vom Kuratorium der Freien Universität Berlin gefaßten Beschluß, den vom Psychologischen Institut seit langem beantragten und bereits zugesagten vierten Lehrstuhl für Psychologie dem FB Erziehungswissenschaften zuzuordnen. Der Fachbereichsrat protestiert insbesondere dagegen, daß in diesem Verfahren sämtliche Beratungs- und Entscheidungsgremien der Universität (Präsidialamt, Entwicklungsplanungskommission, Fachbereichsrat, Wissenschaftliche Einrichtungen) übergangen wurden".
"Rote Zelle Anglistik" stört Lehrveranstaltungen
Mitglieder der "Roten Zelle Anglistik" (Rotzang) stören zwei Lehrveranstaltungen, eine Vorlesung muß abgebrochen werden. Die Störungen erfolgen, nachdem zwei Aussistentenstellen am Englischen Seminar nicht mit Bewerbern besetzt worden sind, die einen "materialistischen Wissenschaftsansatz" vertreten. In einem Flugblatt kündigt die Rotzang an, daß sie alle Sprachwissenschaftlichen Lehrveranstaltungen bis zum Ende des Semesters stören wird.
2. Juli 1970
Kontroverse um "Sex-Fragebogen" am Germanischen Seminar
"Die Welt" berichtet unter der Überschrift "Sex-Fragebogen im Proseminar löst Unruhe an der FU aus" über eine Lehrveranstaltung am Germanischen Seminar der FU, in der ein Fragebogen an Studentinnen und Studenten ausgegeben wurde, der sich auch mit dem Sexualverhalten der Teilnehmer befaßt. (Vgl. 7. Juli 1970)
Die "Notgemeinschaft für eine freie Universität" berichtet in einem Rundschreiben ebenfalls über den Fragebogen und dokumentiert ein Flugblatt, das von der "Vollversammlung des Seminars 'Theorie der Funktion literarischer Bildung'" verabschiedet wurde und namentlich Mitglieder des Lehrkörpers am Germanischen Seminar angreift, die den Fragebogen auf die Tagesordnung der Fachbereichsratssitzung am 24. Juni 1970 gesetzt hatten. In dem Text heißt es: "Die für uns wichtige Erkenntnis ist, daß die bürgerliche Sexualmoral, hier personifiziert in den Pornoschnüfflern Rappl, Hennig u. Co., ihre notwendige Ergänzung in deren reaktionärer politischer Einstellung findet. Verdrängte Sexualität und Frustration versuchen sie durch übersteigerten Ehrgeiz und Machthunger, durch Realisierung ihrer sadistischen Strebungen an den von ihnen Abhängigen zu kompensieren." Das Flugblatt fordert die Studenten auf, ihr Studium gemäß der "Bedürfnisse einer sozialistischen Politik" und der "Unterstützung des revolutionären Kampfes der Arbeiter, Lehrlinge und Schüler" zu gestalten.
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaften (GEW) kritisiert die Berichterstattung der "Welt" über den "Sex-Fragebogen" und "verurteilt den Versuch der Notgemeinschaft, demokratisch gewählte Gremien wie den Fachbereichsrat Germanistik, in dem sie eindeutig in einer Mehrheitsentscheidung unterlag, unter den Druck einer unzureichend informierten Öffentlichkeit zu setzen". Die GEW sieht in der "Agitation der Notgemeinschaft" den Versuch, "wissenschaftlichen Mitarbeitern das Recht auf eigenständige Forschung und Lehre streitig zu machen und durch politische Diffamierungen in wissenschaftliche Arbeitsprozesse einzugreifen".
Fachbereichsrat Kunstwissenschaften gegen Änderung des Hochschullehrergesetzes
Der Fachbereichsrat Kunstwissenschaften kritisiert die Absicht des Berliner Senats, mit dem geplanten neuen Fachhochschulgesetz "neben dem Hochschullehrer bisheriger Prägung einen sogenannten Hochschuldozenten" einzuführen. Damit werde "der vor einem knappen Jahr aus guten Gründen abgeschaffte Akademische Rat wieder eingeführt". Durch seine umfangreichen Lehrverpflichtungen sei der "Hochschuldozent" de facto zu Forschungsarbeit nicht in der Lage. Damit werde das "grundlegende Prinzip wissenschaftlicher Ausbildung - forschend zu lehren - aufgegeben und der Verschulung der Universität Tür und Tor geöffnet". Der Fachbereichsrat Kunstwissenschaften fordert das Berliner Abgeordnetenhaus auf, "von jeder Gesetzgebung Abstand zu nehmen, die nicht sorgfältig und unter Beteiligung aller Gruppen an den Universitäten auf ihre Bedeutung für das Verhältnis von Forschung und Lehre hin geprüft worden ist".
FU-Studentendorf in schlechtem Zustand
Der Pressesprecher des Präsidialamts der FU, Peter Dehn, gibt bekannt, daß die FU den monatlichen Zuschuß von 30.000 DM für ihr Studentendorf nicht mehr mit gutem Gewissen leisten könne. Diese Summe reiche allenfalls aus, um die Verwaltungskosten zu decken und könne nicht die notwendigen Renovierungen der inzwischen elf Jahre alten Einrichtung abdecken. Die Bäder und zahlreiche Dächer des Studentendorfs müßten dringend erneuert werden. Im Winter habe es infolge der Dachschäden in 30 Zimmern stark durchgeregnet. Zur Zeit befinden sich die Bewohner des Studentendorfes zu 50% in einem Mietstreik. Sie behalten 30 DM der Miete in Höhe von 74 DM ein, um ihrer Forderung nach Gewährung eines Wohngeldes für alle Studenten Nachdruck zu verleihen. Wie FU-Pressesprecher Dehn mitteilt, ist für die notwendigen Reperaturen ca. eine Million DM zu veranschlagen, die vom Senat von Berlin aufgebracht werden müßten.
Professor Neubert gestorben
An seinem 84 Geburtstag verstirbt der emeritierte Ordinarius der Romanischen Philologie an der FU, Prof. Dr. Fritz Neubert. Professor Neubert war seit 1949 an der FU maßgeblich am Aufbau des Romanischen Seminars beteiligt. Er war Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften, Träger des Bundesverdienstkreuzes erster Klasse und Offizier des französischen Ordens "palmes academiques".
3. Juli 1970
500 Millionen für Baumaßnahmen an Berliner Hochschulen
Der Landespressedienst veröffentlicht eine Mitteilung des Hauptausschusses des Berliner Abgeordnetenhauses, der sich in seiner 187. Sitzung mit den Bauplänen an den Berliner Hochschulen beschäftigt hat. Nach dem Hochschulbauförderungsgesetz sollen von 1972 - 1975 für 20 Großprojekte ca. 500 Millionen DM veranschlagt werden. Die Hälfte dieser Kosten übernimmt der Bund. An TU und FU sollen neben den Geisteswissenschaften hauptsächlich die Naturwissenschaften durch Baumaßnahmen bessere Lehr- und Forschungsbedingungen erhalten. An der FU soll der Engpaß im Bereich der Organischen Chemie durch einen Institutsbau für 32 Millionen DM beseitigt werden. Das Institut für Physikalische Chemie an der FU wird mit 30 Millionen veranschlagt, das Institut für Hygiene mit 33 Millionen und der 2. Bauabschnitt des "Obstbaugeländes" Habelschwerdter Allee mit 70 Millionen. In Hinblick auf die angestrebte Schaffung eines Herzzentrums soll auf dem Gelände des Klinikums Westend der Neubau einer Chirurgischen Klinik für sechs Millionen DM entstehen. Der Hauptauschuß stellt bezüglich des von Professor Saling geleiteten Instituts für Perinatrale Medizin fest, daß die dafür im Krankenhaus Neukölln vorgesehenen Investitionen im Falle einer Übersiedlung des Instituts in die FU für kommunale Zwecke weiter nutzbar sein müssen. Die Universität müsse sich im klaren sein, daß in Neukölln kein "Provisorium auf Dauer" geschaffen werde. Die vorliegende Bauplanung dürfe nicht behindert werden.
"Aktionsgruppe Hochschullehrer" gegen Kuratoriumsbeschluß
Die "Aktionsgruppe Hochschullehrer an der FU" "verurteilt den Beschluß des Kuratoriums vom 25. 6. 1970, einen Lehrstuhl für Psychologie dem Fachbereich Erziehungswissenschaften zuzuordnen". Der Beschluß sei "ohne die notwendige Vorberatung und ohne Benehmen mit den zuständigen Gremien der Universität zustande gekommen". Er entwerte die Autorität des Präsidenten, der vom Kuratorium am 20. Mai 1970 beauftragt worden sei, innerhalb eines halben Jahres die Frage "der Vertretung des Faches Psychologie im Fachbereich Erziehungswissenschaften" zu klären. Mit diesem Beschluß setze das Kuratorium "lediglich die Gelegenheitsbewilligung vergangener Zeiten fort".
4. Juli 1970
FR bewertet Entwicklung an der FU positiv
Unter der Überschrift "Rechter und linker Pulverdampf vernebelt Fortschritt / Mehrheit an der Freien Universität akzeptiert die neue Lage - Grund zum Opitmismus" berichtet die "Frankfurter Rundschau" über die Situation an der FU.
Dok. 1032
Weitere Störungen von Lehrveranstaltungen bei Anglisten
Mitglieder der "Roten Zelle Anglistik" setzen ihre Störungen von Lehrveranstaltungen fort. Mehrere Lehrveranstaltungen müssen abgebrochen werden. Von Angehörigen des Englischen Seminars wird darauf verwiesen, daß sowohl Präsident Kreibich als auch Senator Stein über die andauernden Störungen informiert worden seien. Professor Stein habe bisher auf entspr