Moscheen
faszinierten mich von Anfang an. Als ich 1975 zum ersten mal die Sultan
Ahmed Camii und die Süleymaniye betrat war ich begeistert.
Die kunstfertigen Ornamente der Wände und wuchtigen Kuppeln, die
Großzügigkeit und Offenheit des schein bar unbegrenzten, von Licht durchströmten Raumes.
Nichts war überladen oder beengend. Die Schlichtheit im Innern von Moscheen welche auf die
Menschen einwirkt, erzeugt beim Besucher Ehrfurcht und Andacht. Im Gegensatz dazu die
katho- lischen Kirchen und Domen hierzulande, in denen schon bei einer größeren
Besuchergruppe die Bewegungsfreiheit, wegen
der Sitz- und Kniebänke, stark eingeschränkt
ist. Trübsinnige, in dunklen Farben gehaltene Bilder der Apokalypse, der
Passionsgeschichte oder von Heiligen in ihrem Innern, versetzen die Menschen in
schwermütige und depressive Gemüts-
lage. Und oftmals ist es so dunkel, dass man den
Eindruck erhält, einen riesigen, mit überladener Verzierung und hässlichen,
mittelalterlich wirkenden Sakralkunstwerken ausgestatteten Grabbau betreten zu haben.
Und noch etwas erweckte damals meine
Neugier und Aufmerksamkeit. Die Lastwagen auf den Straßen, welche zu diesem Zeitpunkt fast
ausnahmslos mit liebevollen Landschafts- , Natur- und Blumenmotiven oder Ornamenten
verziert waren, und außerdem noch irgendwo in arabische Hieroglyphen oder latainischen
Buchstaben einen Zungenbrecher wie bismillahirrahmanirrahim aufwiesen. Zigmal habe ich
meine Frau gefragt, wie man das ausspricht. Als ich es endlich flüssig und fehlerfrei
aufsagen konnte, war ich ganz stolz. Soweit zur Vorgeschichte.
Es war Anfang der achtziger Jahre. Auf dem
Heimweg legten wir eine Tagesetappe bei Burhaniye/Edremit an der Ägäischen Küste ein.
Das Hotel welches wir zufällig auswählten lag an einem Hang. Es besaß eine große Terrasse
Richtung Küstenstraße und Meer. Unmittelbar neben dem Hotel eine Moschee. Dazwischen der Weg
zum Hotel. Dort Parkte unser Auto. Die Terrasse lag im Schatten eines riesigen
Pinienbaumes,
was wir in der Septemberhitze zu schätzen wussten. So saßen wir nun am
Spätnachmittag auf der Terrasse und erholten uns von der endlosen Fahrt der
letzten Tage. Nach einiger Zeit parkte ein Auto nicht weit hinter unserem. Der
Fahrer, ein junger Mann Mitte 30, begann damit sein Gefährt zu waschen. Ich
gesellte mich zu ihm und stellte einige Fragen. Nach der Beantwortung wollte
wissen, ob wir im Hotel nebenan wohnten. Später, als er mit der Wagenpflege fertig
war, gesellte sich der Mann zu uns an den Tisch. Die Konversation begann mit den
üblichen Fragen nach Alter, Beruf, wie lange verheiratet, ob ich den Moslem nach
der Hochzeit geworden sei, etc. Dann erzählte er von sich, dass er noch keinen
Führerschein habe und gerade dabei sei Fahrstunden zu nehmen, dass er Imam der
gegenüberliegenden Moschee sei usw. "Ob ich denn Interesse habe beim Gebet in der
Moschee dabei zu sein, um zu sehen, wie das Gebet verrichtet wird", wollte er
schließlich wissen. Da sagte ich natürlich, neugierig wie ich bin, nicht nein.
Diese Zeremonie wollte ich schon immer einmal sehen. Das war unter normalen Umständen
nicht so leicht möglich, da den Turisten zu Gebetszeiten der Zutritt zu Moscheen
verwehrt wurde, um die Gläubigen während des Gebetes nicht zu stören. Er versprach
mich mich rechtzeitig abzuholen. Wann das sei erwähnte er nicht und ich hatte auch
keine Ahnung um welche Uhrzeit das Gebet stattfinden würde. Kurz vor Sonnenuntergang
kam der Imam. Er führte mich zum "Abdesthane" dem Raum für die Reinigung zum Gebet.
Ich müsse vor dem Gebet auch die Reinigung durchführen, sagte er. So zog ich Schuhe
und Strümpfe aus und begann nach seinen Anweisungen mit dem "Abdest". "Während des
Gebetes machst du alle Bewegungen nach, so wie ich sie vormache", sagte der Hoca.
Und wenn wir fertig sind, warte auf mich auf der Hotelterrasse. Ich möchte noch etwas
mit euch sprechen.
Das Gebet war eine physische Qual.
Da ich das Sitzen und Knien auf den Unterschenkeln nicht gewohnt war, begann nach
kürzerster Zeit alles zu Schmerzen. Ich bewegte die Füße, drehte und verschob die
Unterschenkel, es half alles nichts. So war ich schließlich froh, als das Abendgebet
zuende ging und ich mich erheben konnte.
Als dann nach einiger Zeit der Imam sich
zu uns auf die Terrasse gesellte, schmunzelte er ein wenig. Da ich direkt hinter Ihm
kniete, hatte er natürlich nach den beiden Gebetseinheiten, als er sich der Gemeinde
zuwendete, meine Unruhe und mein Leiden bemerkt. Zu meiner Frau gewandt meinte er. "Er ist
das Knien nicht gewohnt" und ich ergänzte, dass ich Höllenqualen durchlitten habe. Wir
sprachen einige Weile über verschiedene Sachen, dann sagte er zu mir: "Türk&ccdil;e biliyormusun"
(Verstehst du türkisch)."Tabii" (natürlich), sagte ich, schließlich war ich ganz stolz
darauf, wie viel ich schon verstand. "Sprech mir mal", das nach sagte und dann kam so ein
Zungenbrecher wie in der Vorgeschichte erwähnt. Ich lies ihn mir erst noch einmal vorsagen
und sagte dann: "ESHEDÜ ENLÄ ILÂHE ILLALLÂ VE ESHEDÜ ENNE MUHAMMEDEN ABDÜHÜ VE RESÛLÜH",
voller Zweifel ob es ganz korrekt gewesen sei. Noch einmal sagte der Imam und diesmal
strengte ich mich noch mehr an, es korrekt auszusprechen. Und wieder sagte er nochmal,
und ich wiederholte den Spruch ein drittes mal, schon leicht genervt. Was er dann sagte
verstand ich nicht ganz, ich fragte meine Gattin, und sie erklärte mir, der Hoca sagte,
du bist jetzt Moslem. "Wie kommt der auf die Idee", fragte ich. "Na ja du hast 3x das
Glaubensbekenntnis ausgesprochen und bist somit Moslem geworden", war die Erklärung.
Ich schmunzelte über die Hinterlist des Hocas. Er ergänzte noch, es fehle nur noch die
Beschneidung, das sei aber auch nicht unbedingt notwendig. Aber wenn ich mich beschneiden
lasse sei dies natürlich besser. Und dann sprachen er noch über die Vorzüge der
Beschneidung aus hygienischer und medizinischer Sicht. Als er uns dann kurz vor dem
Nachtgebet verließ, war mir der Kerl wirklich sympathisch geworden. Über diese "heimliche
Bekehrung" muss ich noch heute schmunzeln.