zurück zur Startseite

 

 

HERBERT WITZENMANN
Die Voraussetzungslosigkeit der Anthroposophie
Eine Einführung in die
Geisteswissenschaft Rudolf Steiners.
Erkenntniswissenschaft als Ontologie.
Ein neues Zivilisationsprinzip durch
meditative Bewußtseinswandlung


VERLAG FREIES GEISTESLEBEN

CIP-Kurztitelauf nähme der Deutschen Bibliothek
Witzenmann, Herbert:
Die Voraussetzungslosigkeit der Anthroposophie: e. Einf. in d. Geisteswiss. Rudolf Steiners; Erkenntniswiss. als Ontologie; e. neues Zivilsationsprinzip durch meditative Bewußtseinswandlung / Herbert Witzenmann. - 2., völlig umgearb. u. erw. Neuausg. -Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben, 1986.
ISBN 3-7725-0851-0
Erste Auflage München 1958 Zweite, völlig umgearbeitete und erweiterte Neuausgabe 1986
Einband: Walther Roggenkamp
© 1986 Verlag Freies Geistesleben GmbH, Stuttgart
Satz und Druck: Greiserdruck, Rastatt

Inhalt
Vorrede zur Neuausgabe 7
Einführung 11
Einwände und Ausblicke 13 l Nachwirken einer alteren in einer jüngeren
Bewußtseinsart 15
l Ein Mißverständnis, welches das Wesen der Voraus
setzungslosigkeit betrifft
16 l Die soziale Voraussetzungslosigkeit und die
ihr widerstreitenden, mächtigen Voraussetzungen
19 l Die beiden
Grundvoraussetzungen und deren Konsequenzen
24 l Die sozialen Fol
gen erlangter oder mangelnder Welterkenntnis
27 l Die Folge mangeln
der Selbsterkenntnis
30 l Die Folge mangelnder Gemeinschafterkennt
nis
31 l Gemeinschaft und Kult. Der Tanz um das goldene Kalb 32 l
Zusammenfassung der Ausführungen über Welt, Ich und Gemein
schaft
35 l Die zu Beginn dieser Abhandlung gekennzeichneten Ein
wände in ihrem Verhältnis zu den heute geltenden Voraussetzungen
36 l
Schwierigkeiten, denen ein voraussetzungsloses Erkennen gegenüber
steht
37

Über die Urworte der menschlichen Existenz 41
Das Wort "Es ist" 43
Zwei große Entdeckungen Rudolf Steiners: Blickfähigkeit und Eigenstän
digkeit des Denkens; zwei Vorurteile 43 l Übersinnliche Wesensart des
Denkens. Denken und maschinelle Ordnungsfunktion 51 l Tätigkeits
blindheit als Degenerationserscheinung 55 l Evidenz als rückbestimmtes
Bestimmen 57 l Wahrnehmung und Wirklichkeit. Vorausgesetzte und
erzeugte Wirklichkeit 60 l Ein Bedenken, welches den Vereinigungsvor
gang von Wahrnehmung und Begriff betrifft. Kriterien der Wahrheit.
Korrespondenz- und Kohärenztheorie 62 l Die Schleier und deren
Anheftung 68 l Urteilsbildung und Meditation 73 l Eine Bemerkung
zum Wahrheitsgefühl 74 l Vom übenden Innewerden der Universa
lien 77 l Über ein die Voraussetzungslosigkeit betreffendes Bedenken.
Der Erkenntnisprozeß und die kosmische Evolution 80 l Das Zeichen des
Makrokosmos und die Blüte aus dem Abgrund 83 l Die Selbsteinwei
hung in die geistige Welt im Erkennen 88 l Die Übereinstimmung von
Menschen- und Weltsinn 90 l Erneute Bekräftigung der Voraussetzungs-
losigkeit 92 l Der unter der Asche glimmende Funke 94 l Über den
"Ort" der reinen Wahrnehmung, den Stachel und den Sinn der
Evolution 96 l Eine weitere große Entdeckung Rudolf Steiners und
die ihr widerstrebenden Vorurteile. Leib-Seele-Freiheit des Denkens.
Doppelte Negation 106 l Zusammenfassung einiges Vorausgehenden.
Urteilslehre. Der erste und der letzte Adam. Trinität und Trichotomie.
Wie ein Gegenstand entsteht 121 l Hinweis auf gegenwärtige wissenschaftliche
Anschauungen 126 / Wie können wir wissen, daß wir wissen?
Die Geist-und Sinndurchwobenheit der Welt. Die Sonne
der geistigen und die Opfersubstanz der natürlichen Welt 129 l
Was ist Anthroposophie? 135

Das Wort "Ich bin" 140
Übergang zu den anderen Urworten 1401 Rückblick 1401 Trennen und
Verbinden 142 l Individuelle Unsterblichkeit 143 l Entstehung des Ich-
Bewußtseins 145 l Unsterblichkeit, Leibfreiheit, Selbstbewußtheit 149 l
leb-Bewußtsein und Ich-Urbild 151 / Arabismus und Christentum. Wie
derverkörperung und Schicksal 153

Das Wort "Wir sind" 163
Fremdwahrnehmung und Gemeinschaft 163 l Die menschliche Geistge
stalt. Strukturphänomenologie der Menschlichkeit 169 l Ein wichtiges
Unterscheidungsmerkmal 176

Das Wort "Du bist" 178
Empfanglichkeits- und Tätigkeitsfähigkeiten 178 l Wiederverkörperung
des menschlichen Geistes und Schicksal 1801 Individuelles und universel
les Du 181 l Persönliches Du 186 / Nochmalige Abwehr von Diffamierung 189
Nachwort. Die Erneuerung des Bildungswesens als Zivilisationsprinzip 192
Anmerkungen 205
Literaturverzeichnis 211

Vorrede zur Neuausgabe
Diese seit vielen Jahren vergriffene Schrift wird hiermit in völlig neuer Gestalt ihren Lesern vorgelegt. Zwar blieb ihr Grundgedanke und der Stufengang seiner Entwicklung erhalten. Doch wurden zahlreiche neue Gesichtspunkte hinzugefügt, die keineswegs nur der Verdeutlichung des früher schon Ausgesprochenen dienen, sondern damals noch nicht in den Gang der Darstellung Einbezogenes aufgreifen und damit diese wesentlich erweitern und bereichern. Auch das Bemühen, dieser Schrift den Charakter einer Anregung zu übendem Mitvollziehen zu verleihen, kam viel stärker als bei ihrem ersten Erscheinen zur Geltung. Soll sie doch für den verstehenden Leser ein Anlaß zur Ausführung einer Reihe sinnvoll geordneter seelischer Beobachtungen sein.
Vor allem hierdurch hofft dieses Buch als eine Einführung in die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft Rudolf Steiners für den neu an sie Herantretenden gelten zu können. Gerade deshalb zählt sie nicht eine Reihe von (durch die Erstaunlichkeit ihres Inhalts vielleicht das Interesse anlockenden) Tatsachen auf, die sie als mühelos konsumierbares Wissen vermittelt, vielmehr beansprucht sie die Anstrengungsbereitschaft des Lesers. Denn nur durch eine solche Bemühung, die bereits in ihrem Beginn eine erste Veränderung der eigenen Bewußtseinshaltung darstellt, kann ein wahrhaftiger und der Qualität des Übersinnlichen inne werdender Zugang zum Werke Rudolf Steiners gewonnen werden. Aber auch für jene, die diesen Zugang bereits gefunden haben, kann der hier vorgeschlagene Gang durch den Bereich des seelisch Beobachtbaren die Bedeutung einer Überschau über Art und Umfang ihres eigenen Verständnisses besitzen.
Hofft daher der Verfasser durch die Anregung einer mitvollziehenden Verständnisbereitschaft bei seinen Lesern dem meditativen Grundzug der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners gerecht zu werden, so unternimmt er dies doch nicht nur in der Absicht, einem seelischen Bedürfnis entgegenzukommen. Ein solches ist gewiß berechtigt. Denn die ungeheuren Veränderungen, durch welche die heutige Welt in fortwährender Beschleunigung einem neuen Zustand, neuen sozialen Forderungen und

mit neuen Leistungen der Forschung und Werktätigkeit auch sich mehrenden Gefahren entgegengeht, fordert von uns ein neues Bewußtsein, den Gewinn neuer Fähigkeiten, die den Ansprüchen, die wir an uns selbst richten, standhalten. Dies haben viele einsichtsvolle Beobachter unserer Lage erkannt und ausgesprochen. Nur ein durch Meditation erweitertes und gestärktes Bewußtsein wird in den Krisen unserer Zeit die gestaltende Kraft entwickeln können, welche viele als den Beginn einer neuen Zivilisation erhoffen, ohne ihrem Verlangen klaren Ausdruck verleihen zu können.
Gerade aber weil auch der Verfasser hierin die Hauptschwierigkeit und Hauptaufgabe unserer Zeit erblickt, will er jenem berechtigten Bedürfnis in einer durchaus zeitgemäßen Weise entsprechen. Der Bewußtseinsart der heutigen zivilisierten Menschheit kann nur ein wissenschaftlich begründetes Vorgehen genügen. Nur ein solches kann einem heutigen Suchenden jene Anregungen vermitteln, die er bei wahrem Selbstverständnis erwartet. Daher gehört es zu dem ausdrücklichen Bemühen dieser Folge seelischer Beobachtungen, so eindeutig als möglich klarzustellen, daß zeitgemäße Meditation den Charakter wissenschaftlicher Begründung durch die Art ihres Vollzugs aufweisen müsse -daß aber auch anderseits wahrhaft zeitgemäße Wissenschaft in Meditation über-, aus ihr hervorgehen solle. Die nachfolgende Abhandlung will daher die Wissenschaftlichkeit der Anthroposophie dem Verständnis ihrer Leser nahebringen. Gerade darin erkennt sie ein wesentliches Merkmal ihrer einführenden Aufgabe. Denn an dem Aufbau einer neuen Kultur, ohne dessen Vollbringen uns keine menschenwürdige Zukunft beschieden sein wird, kann nur teilnehmen, wer sich über die Notwendigkeit der Veränderung unseres Wissenschaftsbewußtseins und dessen Ausstrahlung in alle Lebensbereiche im klaren ist. Die ersten Schritte, die in diese Richtung führen, möchte diese Schrift charakteri-
sieren.
Zu den bewußt gepflegten Eigenschaften dieser Schrift gehört die wiederholte, wenn auch, gemäß dem Zusammenhang, abgewandelte Formulierung einiger Leitmotive, unter denen dem Wirklichkeitsmotiv der Vorrang zukommt. Der Leser wird daher mit der allmählichen Veränderung der Verständnissituation zu einem vertieften Eindringen in den gleichen Problemgehalt geführt. Ist doch der Grundzug dieser Darstellung die mittätige Einführung des Lesers in ein neues Innewerden einer nicht gegenstands-, sondern vollzugsförmigen Wirklichkeit, wel-

che in ihrer Urgestalt als ein immer neues und dennoch immer gleiches Verwandeln ihrem Werdestrom in sich wandelnden und im Wandel ruhenden Gebilden enttaucht.
Diese Schrift erwartet einen aufmerksamen Leser, der bereit ist, auch in einer über mehrere Schritte ausgedehnten Darlegung die Überschau über deren Zusammenhang festzuhalten. Daher ist es ratsam, sich zunächst eine Übersicht über den angebotenen Inhalt zu verschaffen und erst bei nochmaliger Beschäftigung mit dem Text bei Einzelheiten zu verweilen. Bei der ersten Lektüre können die Abschnitte über den "Ort der Wahrnehmung" und "Anschauungen zeitgenössischer Wissenschaft" übergangen werden, da ihr Verständnis gegenüber dem sonst nur mittleren Schwierigkeitsgrad der Ausführungen etwas erhöhte Anforderungen stellt. Doch sind auch die genannten Abschnitte für das Verständnis dieser Schrift unentbehrlich, da gerade sie den einige Mühe nicht scheuenden Leser zu den wichtigsten Einsichten führen wollen, deren Wegweiser diese Schrift sein möchte.
Auf die Frage, ob denn die praktische Tätigkeit nicht wichtiger sei als das Erkennen, gibt die Darstellung der Voraussetzungslosigkeit eine unmißverständliche Antwort. Gewiß muß sehr vieles geschehen, damit wir unser Dasein fristen können. Der Ergebnisse nützlicher Maßnahmen können wir nicht ermangeln. Diese Schrift möchte sich aber, wiewohl sie dieses Selbstverständliche anerkennt, für den als praktizierte Gesinnung fast unerträglichen Gedanken einsetzen, daß ein wahrer, neubildender und umwertender Fortschritt solange nicht erwartet werden darf, als man fortfährt, Menschen für bestimmte Vorhaben einzusetzen, anstatt alle Vorhaben auf das eine Kulturziel hinzuorientieren, wie schöpferischen Menschen Gestaltungsfreiheit und Wirkensspielraum verschafft werden könne, wie sie diese in sich selbst zu gewinnen vermögen. Dieser Grundgedanke erfließt aus dem Wiedergewinn der Wirklichkeiterkenntnis in wirklichkeitentfremdeter Zeit. Für ihn möchte sich diese Schrift einsetzen. Er allein, doch auch er nur in der Gesinnung und Anstrengung wissenschaftlicher Erkenntnis, kann eine neue Kultur, die Ablösung des erschöpften Intellektualismus und Operationalismus einleiten. Ringsum sind die Menschen damit beschäftigt, Pferde am Schwanz, an den Vorhaben, anstatt für den Zügelgriff der Menschen aufzuzäumen. Daß wir einer Umkehr unseres Zivilisationsprinzips bedürfen, nicht des Einsatzes von Fähigkeiten für Bedürfnisse, sondern der Umveredelung von Bedürfnissen zur Neubildung von Fähigkeiten,

wenn unser Ritt in die Zukunft nicht zum Sturz verurteilt sein soll, dies möchte diese Schrift mit dem ihr möglichen Nachdruck dartun.

Puerto de la Cruz, Oktober 1985

Herbert Witzenmann

10


Einführung

Einwände und Ausblicke
Der Versuch, Anthroposophie als voraussetzungsloses Erkennen zu charakterisieren, mag Verwunderung, ja Bedenken erregen. Verwunderung, weil ein verbreitetes Vorurteil die auf geistiger (übersinnlicher) Anschauung ruhenden Erkenntnisse für (anerkennbare oder auch abweisbare) Voraussetzungen hält, zu denen das heutige gegenständliche Bewußtsein keinen selbständigen Zugang finde, mag es sie auch herablassend für nicht ganz unwahrscheinlich halten. Weitere Bedenken entstehen, wenn man an die Untrüglichkeit einiger Kennzeichen glaubt, die die Abhängigkeit jeder Besinnung von vorgegebenen Bedingungen (Axiomen) zu erweisen scheinen.1
Aber gewichtigere Einwände sind möglich:
1. Auch gerade dann, wenn man sich dem Werk Rudolf Steiners verstehend genähert hat, könnte man einwenden, der erkenntniswissenschaftliche Unterbau der Geisteswissenschaft sei ein endgültig wißbarer Inhalt. Er stelle als solcher die Vorleistung dar, die man als Voraussetzung übernehmen müsse, wenn man den Zugang zu seinem Werk suche. Rudolf Steiners grundlegende Forschung von neuem zum Thema zu machen, sei daher überflüssig und vermessen. Ein solcher Einwand würde indessen außer Acht lassen, daß die erkenntniswissenschaftliche Begründung der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft keine theoretische, im Gedächtnis bewahrte Überzeugung ist. Vielmehr öffnet sie dem strebenden Teil unseres Wesens ein Erlebnisgebiet der Seele, auf dem sich die Voraussetzungslosigkeit im Betätigen der Seelenkräfte immer neu bewahrheitet.2
2. Doch auch wenn man hiermit übereinstimmt, wird man entgegnen können, daß sich dem voraussetzungslosen Erleben zwar das Verständnis für die im Werk Rudolf Steiners wirksame Erkenntnisart öffnen mag, daß das Werk selbst aber, nicht mitvollziehbar in seinen Ursprüngen und nicht erreichbar in seinen Zielen, die epochale Voraussetzung jeder eigenen Leistung bilde, die der Errichtung einer neuen Kultur gewidmet wird. Indessen wird man der Bedeutung dieses Werkes gerade dann nicht gerecht, wenn man es vornehmlich als eine ohne Selbstwandlung übernehmbare Summe von Forschungsresultaten versteht. Stellt es doch vielmehr einen Entwicklungsweg der Seele dar, auf dem der intellektuali-stische (der Verstandesseele entsprechende) Unterschied von Wissens-
13

inhalt und wissendem Bewußtsein fortschreitend überwunden wird. Denn das Erkennen, das im denkenden Durchdringen übersinnlicher Inhalte entfaltet wird, ist so geartet, daß es auch dort, wo es der vermittelten Inhalte nicht durch eigenes Schauen gewahr wird, dennoch einer voraussetzungslosen Vereinigung mit ihnen auf Grund einer qualitativen Verwandtschaft inne werden kann.3 Dies einsehbar zu machen gehört zu den Aufgaben dieses Buches. Das Erkennen wird (wie im nachfolgenden entwickelt werden soll) zum Erkenntnisweg, zum selbsterweckenden Gewinn neuer Erkenntniskräfte und zur Erschließung neuer Erkenntnisgebiete.
3. Endlich aber mag sich ein Bedenken angesichts der Art erheben, die Rudolf Steiner selbst zu den Erträgen seiner geisteswissenschaftlichen Forschung gelangen ließ. Könnte es doch scheinen, als ob diese durch die Ergebnisse einer vorangehenden philosophischen Entwicklung zwar vorbereitet sei, die philosophische Erkenntnisart aber in das spätere übersinnliche Erkennen nicht übernommen werde. Einem durch erkenntniswissenschaftliche Mittel geschulten Erleben seien Begnadungen zuteil geworden, denen denkendes Erkennen im Wesen fern bleibe. Dem eigenen Vermögen Anteilnehmender heute kaum erst in Näherung zugänglich, bildeten jene außergewöhnlichen Erfahrungen das Firmament einer aufschauenden Gemeinschaft. Doch auch hiermit würde der Erkenntnischarakter der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft verfehlt. Denn die Wesensbeschaffenheit der Begnadung, die den Erkenntnissen der geistigen Welt freilich eignet, wird, mit keiner dogmatischen Haltung vereinbar, vorzüglich auf dem Wege der Erkenntniswissenschaft Rudolf Steiners erfahren. Ist die Begnadungserfahrung (mag dies auch absurd klingen) doch geradezu ein Merkmal des voraussetzungslosen Inneseins, das von Rudolf Steiner in zeitgemäßer Fortbildung des naturwissenschaftlichen Erkennens entwickelt wurde.4 Daher entfalten sich Gemeinschaften im Geistraum der Anthroposophie anders als durch Offenbarung, die der Verknüpfung mit dem prüfenden Durchschauen des naturwissenschaftlich geschärften Bewußtseins ermangelt.5
Im Hinblick auf mögliche Einwände wurde in behauptender Form die erlebte, nicht nur theoretische Voraussetzungslosigkeit des echten übersinnlichen Erkennens unter drei Gesichtspunkten charakterisiert. Der Inhalt dieses Buches soll aber in einer für jeden Leser überprüfbaren Art gerade aus dem Inhalt dieser Einwände entwickelt werden. Denn sobald man Erkenntniserlebnisse von der Art der Voraussetzungslosigkeit
14

erlangt, erkennt man auch, daß sich im Innewerden dieser seelischgeistigen Vollzüge der Zugang zu Einsichten eröffnet, die über den wißbaren Inhalt der Erkenntniswissenschaft Rudolf Steiners hinaus zu Willenserleuchtungen hinführen.
Hieraus ergibt sich ein doppelter Gewinn. Einerseits wird ein gesicherter Ausgangspunkt erreicht, der nicht von einem als Dogma akzeptierten Tatsachenumfang abhängt. Andererseits erschließt sich von hieraus auch ein aus eigenem erkennenden Überschauen in inneren Aktionen erfließendes Verständnis für die Mitteilungen Rudolf Steiners über die Ergebnisse seines geistigen Schauens. Diese werden dadurch zu eigenen gesicherten Erkenntnisinhalten des Verstehenden. Hierin liegt die einzigartige Bedeutung einer zur Voraussetzungslosigkeit vordringenden Disziplinierung der einsichtfähigen Kräfte unseres Wesens. Dies darzustellen ist die Hauptabsicht dieser Schrift.

Nachwirken einer älteren in einer jüngeren Bewußtseinsart
Die Frage nach der Voraussetzungslosigkeit bildet mit der anderen nach der Freiheit eine Einheit. Nur wenn sich menschlichem Handeln ein Ursprung erschließt, der zu seiner Wirksamkeit keiner äußeren Triebkräfte bedarf, kann von Freiheit die Rede sein. Ein anderer Gesichtspunkt ist freilich deren Wünschbarkeit. Denn gerade in unseren Tagen könnte es scheinen, daß vernünftiger Zwang und Unterwerfung unter führende Kräfte dogmatischer und institutionärer Art als alleinige Rettung verblieben. Würde doch, könnte man vermeinen, anders unsere Welt dem Chaos, dem Aufruhr und dem Verderb ihrer speisenden Quellen verfallen. Doch gehört die voraussetzende Seelenhaltung einer Zeit an, die Erfüllung des menschlichen Inneren von ihm äußerlichen Mächten erwartete. Auch wenn dieser Abhängigkeit heute kein göttlichgeistiger, sondern ein natürlich-stofflicher Ursprung zugeschrieben wird, dem das menschliche Erleben etwa durch Spiegelung oder andere Beeindruckung und Beeinflussung entspreche, erstreckt sich die ältere Seelenhaltung in den Bereich eines jüngeren Bewußtseins, das nach anderen Gehalten verlangt. Hat doch das Naturerkennen den Menschen der Gegenwart gelehrt, daß er die Kraft, die seine Art, zu sein, bestimmt, im eigenen Wesen finden müsse. Mit ihren bewußten und
15

noch mehr mit ihren unbewußten Voraussetzungen steht daher die neuzeitliche Naturwissenschaft zu ihrem eigenen Leitbild der Befreiung von dogmatischen Abhängigkeiten im Widerspruch. Sie verwickelt sich in diesem um so bedenklicher, mit je aggressiverer Unduldsamkeit sie ihre Autorität unter Ablehnung einer Überprüfung ihrer Grundlagen beansprucht.
Die Voraussetzungslosigkeit ist als Bewußtseinshaltung eines der großen Ideale der neueren Menschheit. Sie ist nicht allein ein Erkenntnisideal, sondern darüber hinaus auch dort, wo man nicht formuliert, ein Bedürfnis des seelischen Lebens geworden. Sie hängt innig mit dem neuzeitlichen Erlebnis der Menschenwürde zusammen, und sie wurde kaum zumeist deshalb zum wissenschaftlichen Ideal erhoben, weil der moderne Mensch anders kein gesichertes Wissen zu erlangen glaubt. Vielmehr entwickelt er diese Erkenntnisart, weil er sich durch sie zu einem in sich bestehenden Selbstbewußtsein erziehen will.

Ein Mißverständnis, welches das Wesen der Voraussetzungslosigkeit betrifft
Die seit langem, neuerdings verstärkt auftretenden Zweifel an der Möglichkeit der Voraussetzungslosigkeit und damit überhaupt gesicherter Erkenntnis, also unerschütterlichen Wahrheitsgewinns gehören zu der Krisensituation, in der sich nicht nur die heutige Wissenschaft, sondern auch die heutige Menschheit in ihrem Gesamtzustand befindet. Hierüber wird im nachfolgenden zu sprechen sein. Schon hier aber muß auf ein naheliegendes Mißverständnis eingegangen werden. Die Voraussetzungslosigkeit der Erkenntnisart, von der hier die Rede sein soll, weil von ihrem Verständnis das Verständnis für die Geisteswissenschaft Rudolf Steiners abhängt, darf nicht im Sinne einer psychologischen oder gegenständlichen Voraussetzungslosigkeit verstanden werden. Es ist unverkennbar, daß keine der Tatsachen der uns umgebenden Welt voraussetzungslos sein kann. Jede von ihnen setzt andere Tatsachen voraus. Dieses Bedingtsein aller Erscheinungen der "äußeren" Welt durch andere Erscheinungen ist eines der charakteristischen Merkmale dieses Bereichs. Ebensowenig wie eine "äußere" kann die Voraussetzungslosigkeit eine "innere", psychologische Tatsache sein. Denn schon allein die
16

Notwendigkeit, von ihr sprechen zu müssen, um sie zu kennzeichnen, zeigt, daß der Weg zu ihrem Verständnis aus einem inneren Zustand eingeschlagen werden muß, der diesem Verständnis vorausgeht. Damit aber scheint die Erkenntnisfähigkeit und mit dieser das Denken als eine Vorbedingung der Voraussetzungslosigkeit anerkannt und diese eines Widerspruchs in sich selbst überführt zu sein. Und des weiteren scheint es, daß, wer dies bestreiten wollte, das Denken und damit ebenso die eigene wie die entgegennehmende Erkenntnisfähigkeit voraussetze, also wiederum in den Widerspruch mit sich selbst verfalle. Hierzu kann in diesem anfänglichen Stadium dieser Untersuchung nur festgestellt werden, daß die hier gemeinte Voraussetzungslosigkeit allerdings keine psychologische sein kann. Denn ihrem Gewinn gehen zweifellos Bewußtseinsformen voran, die noch nicht zur Voraussetzungslosigkeit vorgedrungen sind. Und des weiteren kann diese nur im Ausgehen von menschlichen Fähigkeiten gewonnen werden, die schon vorhanden sind. Man sollte aber das zeitliche Vorausgehen nicht mit einer erkenntnismäßigen, geistigen Voraussetzung verwechseln. Zu den Aufgaben dieser Schrift wird es gehören, die unterscheidenden Merkmale herauszuarbeiten, durch die sich der geistige Bereich von den physischen, lebendigen und seelischen Bereichen abhebt. In diesem Unterschied, durch den sich der geistige Bereich gegenüber den anderen Bereichen auszeichnet, ist die Möglichkeit der Voraussetzungslosigkeit begründet.
Wenn es einen solchen geistigen Bereich gibt, der sich dadurch kennzeichnet, daß er voraussetzungslos ist, daß in ihm Voraussetzungslosigkeit erlebt wird (dies muß freilich dargetan werden), dann ist es unerheblich, welche Zustände der anderen Bereiche im Sinne ihres Zeitablaufs ihm vorangehen. Daher wird geistiges Erfahren nicht durch die psychologischen Randbedingungen beeinträchtigt, unter deren Einfluß der einzelne erkennende Mensch steht. Feststellungen wie die folgende Sprangers, muß ihre psychologische (nicht die behauptete "geistige") Geltung auch eingeräumt werden, betreffen daher nicht den Gegenstand dieser Schrift: "Wir haben gesagt, daß der Wissenschaft, wie sie in der geistigen (?) Wirklichkeit erscheint, Voraussetzungen zu Grunde liegen, die an sich selbst nicht rein theoretischer Natur sind. In der geistigen (?) Gesamteinstellung des Forschers, ob sie mehr durch die Zeitlage oder durch persönliche Geistesrichtung bestimmt sei, mehr unbewußter Artung oder bewußter Selbstkultur entspringe, liegen tatsächliche Besonderungen vor, die niemals ganz aufzuheben sind."6 Ebensowenig
17

wird A. Diemer des Problems ansichtig, ob innerhalb psychologischer Bedingungen ein geistiger Bereich der Voraussetzungslosigkeit zur Geltung kommen könne, wenn er behauptet: "Schließlich muß auch die Frage nach der Objektivität im Sinne der Voraussetzungslosigkeit hier ausgeschieden werden; es geht nur um das Problem der Vorurteilsfreiheit. Ich kann die notwendigen Voraussetzungen nicht ausschalten, aber ich soll mich vorurteilsfrei verhalten."7 Die psychologische Zugangsbedingung der Vorurteilsfreiheit bei der Erschließung eines Problems ist nicht gleichbedeutend mit dem geistigen Inhalt der Voraussetzungslosigkeit. Man blicke hierauf unter den folgenden Gesichtspunkten:
1. Nach dem Verlust der ehemaligen, von außen zuströmenden göttlich-geistigen Erfüllung und, was das gleiche bedeutet, der Entfaltung eines Bewußtseins, das sich in diesem Verlust mit der Kraft der Entsagung Gestalt gibt, weil es die speisenden Quellen in sich selbst finden will, wird die Erkenntnisfreiheit, also Voraussetzungslosigkeit, wissenschaftliches Ideal. Sie wird damit aber auch zugleich Ausdruck eines Lebensgefühls und eines ihm entsprechenden Zivilisationsprinzips.
2. Die Forderung der Voraussetzungslosigkeit verbreitet sich aber über die Grenzen der Wissenschaft hinaus. Sie wird zum Ideal des Ausgleichs im menschlichen Zusammenleben, der Gleichheit vor dem Recht. Dieses besteht durch die Achtung der Menschenwürde, die an keine unterscheidende Voraussetzung geknüpft ist.
3. Im gleichen Sinne wird es zum Ideal, durch die Lenkung der Kräfte des sozialen Organismus allen die wirtschaftliche Grundlage für die freie und beste Entfaltung ihrer Individualität zu gewähren. Daher soll die Bildung arbeitsteilig geordneter Gemeinschaften nicht unter Voraussetzungen erfolgen, welche die hervorbringenden und verwaltenden Fähigkeiten ihrer Mitglieder dem Einfluß von Privilegien unterstellen. Nur dann kann anstelle des Gewinn- und Besitzstrebens, der sonst bewegenden Hebel wirtschaftender Energien, das Interesse für den mitmenschlichen Bedarf treten, welches die Arbeitswelt von einschränkenden Bedingungen befreit und zu höchster Selbstentfaltung steigert. Diese aber gibt nicht nur der Tätigkeit die größte Mannigfaltigkeit und Reichweite, sondern auch der Achtung vor der menschlichen Individualität, deren Bedürfnissen jene Tätigkeit gilt, die schönste Erfüllung.
18

Die soziale Voraussetzungslosigkeit und die ihr wider streitenden,, mächtigen Voraussetzungen
In der Dreigliederung des sozialen Organismus hat Rudolf Steiner die Gestalt einer dreifach zeitgemäßen Voraussetzungslosigkeit der kulturellen Sehnsucht einer untergehenden Welt urbildlich dargestellt.
Soviel dieses Bild keine programmatische Ideologie, sondern von den geistigen Lebensbedingungen der sich ihrer selbst bewußt werdenden Individualität abgelesen ist, so wenig ist unsere Gegenwart seiner Anerkennung günstig. Zwar bedürfte es zu seiner Verkörperung keiner zwingenden Maßnahmen. Vielmehr wäre die dreifache soziale Voraussetzungslosigkeit nach Beseitigung der, freilich fast übermächtigen, Hemmungen in einer Gemeinschaft lebende, ihrer eigenen tiefsten Triebkräfte ansichtig werdende Selbsterkenntnis. Anstatt jedoch ihr eigenes Wesen in seinen zur Verwirklichung drängenden Urmotiven zu entbinden, fesselt sich die heutige Menschheit, ihrem epochalen Ideal tragisch widersprechend, allenthalben durch Voraussetzungen, Vorurteile und Denkgewohnheiten:
1. Eine der mächtigsten dieser Voraussetzungen betrifft die materielle Beschaffenheit des Weltalls. Diese Voraussetzung hat den Stand der Theorie längst überschritten. In immer größerem Umfange werden Veranstaltungen getroffen, ihren Inhalt, die kosmische Mechanik, praktisch werden zu lassen. Die Rückwirkung dieser Veranstaltungen auf die Neigung zu mechanistischen Vorstellungen und die Maßnahmen, die auf Grund solcher Vorstellungen erfolgen, drängen sich gegenseitig immer unerbittlicher fortschreitende Erscheinungsformen auf. Die interkontinentalen Raketen, künstlichen Satelliten und Raumfähren sind, neben und verbunden der Atomphysik und Informationstechnik, Gegenstand größter Anstrengungen und Anteilnahme der heutigen Menschheit. Die menschliche Zivilisation scheint in der Schöpfung von Weltkörpern zu triumphieren, die, wesensfern einer göttlich-geistigen Evolution und der Lenkung höherer geistiger Wesenheiten, auch nicht von Menschen, sondern von elektronischen Rechengeräten gesteuert werden. Sind diese doch, wie es in einem der Berichte über die künstlichen Satelliten heißt, "in ihrer großen Überlegenheit gegenüber dem menschlichen Gehirn" allein in der Lage, den Bau eines solchen Satelliten, seinen Start und seine Bahn zu bestimmen und die statistische Auswertung der Myriaden von
19

Funksignalen, die ihn auf seinem Wege erreichen, zu übernehmen.8 Welches Vertrauen man im Zeitalter des verlorenen Denkvertrauens den elektronischen Informationsmaschinen und Steuergeräten entgegenbringt, kann man den folgenden Äußerungen des ehemaligen Vorsitzenden des wissenschaftlich-technischen Komitees für die Fernlenktechnik der UdSSR Chelbzewitsch entnehmen: Man kann schon jetzt "die Jahre unserer Ausfahrt in den kosmischen Raum nennen. ... Zu Beginn der sechziger Jahre werden die ersten ferngesteuerten Roboter den Mond untersuchen. . . . Gegen Anfang des 21. Jahrhunderts wird der Mond so etwas wie der sechste Kontinent unseres Planeten sein". Und in den Jahren 1965-1971 werde man ebenso wie auf dem Mond auch auf dem Mars eine ständige, mit Menschen besetzte wissenschaftliche Station errichten.9 Diese Voraussagen haben sich zwar nicht erfüllt. Das ihnen zugrunde liegende Vertrauen auf die materialistisch-mechanistische Vorstellungsart und deren Berechnungen, die, wie man vermeint, wohl im einzelnen, jedoch nicht im Grundsatz fehlgehen können, ist aber ungebrochen. Es ist das Vertrauen auf die Urkatastrophe, den Urknall (Big Bang), durch den vor etwa (l 3 ±5) l O9 Jahren die Expansion des Weltalls begonnen haben soll und die Atome Wasserstoff und Helium (Urmate-rie) sowie die 3° K-Hintergrund-Strahlung (von der man annimmt, daß sie das ganze Universum homogen und isotrop erfüllt) entstanden sein sollen.
2. Eine zweite mit fast übermächtigem Zwang auftretende Voraussetzung unserer Zeit ist die Vorstellung, daß die im Gebiete der materiellen Welt (wenn auch nicht uneingeschränkt) wirksame Kausalität sich auch auf die menschliche Ichwesenheit erstrecke. Die Selbstentwürdigung der heutigen Menschheit, die hierin Ausdruck findet, hat ebenfalls eine bedrohliche praktische Aktualität erlangt. Den Methoden der in unserer historischen und geographischen Nähe geübten Entwürdigungstechnik gilt die Sorge Gabriel Marcels in seinem Buche: "Die Erniedrigung des Menschen".10 Marcel glaubt, daß angesichts der bis zur völligen Mechanisierung der Bewußtseinsinhalte vervollkommneten Techniken der Entwürdigung, deren Opfer jeder von uns ohne Aufschub werden könne, nur die Zuflucht verbleibe, "so lange es noch Zeit ist, d. h. bevor die gefürchtete Selbstentfremdung eingetreten ist, zu verkünden, daß wir im voraus die Handlungen oder Worte verwerfen, die von uns durch irgendwelchen Zwang erlangt werden können".11 Wirksamer noch als die in einzelnen Fällen ausgeübte Technik der Entwürdigung und
20

Erpressung, ist eine andere Art der praktizierten, hochaktuellen Selbstentwürdigung der heutigen Menschheit. Es ist der Zwang unseres Zivilisationsprinzips, welches der heutigen Menschheit den Lebensinstinkt aufdrängt, der sich in dem bewußten oder unterbewußten Selbstverständnis "ich bin mein Leib" Ausdruck gibt. Hieraus folgt ein ständiger Nötigung unterworfenes Verhalten, welches die praktische Konsequenz für ein Wesen darstellt, das sich als ein Bündel materieller Prozesse, also als Glied eines unentrinnbaren Kausalzusammenhangs versteht. Die erst in der Entwicklung begriffene Gentechnologie scheint hierfür den unwi-derleglichsten Tatsachenbeweis liefern zu können.
Auch wenn die neueste Physik an die Stelle der älteren Kausalität die Quantenstatistik setzt, ist damit die Vorstellung, der Mensch unterstehe einem über sein ganzes Wesen verfügenden, äußerlichen Wirkensgefüge, nicht verlassen.
3. Mit den beiden Voraussetzungen der materiellen Beschaffenheit des Universums und eines nirgends unterbrochenen, wenn auch im Einzelnen nicht mehr erfaßbaren Bedingungszusammenhangs, verbindet sich eine dritte, die zusammen mit ihnen das Gesicht unserer untergehenden Welt zeichnet. Die Voraussetzung, daß die Formen des menschlichen Zusammenlebens, ja das Gemeinschafts- und das damit verbundene Glückserlebnis das Ergebnis äußerer Umstände und Maßnahmen seien, bestimmt das sozialpolitische Vorstellen und Handeln ebenso in der östlichen wie in der westlichen Welt. Und die Hoffnungen und Wünsche, daß im praktizierenden Bemühen um ein Paradies auf Erden eine mit naturhaftem Zwang entstehende Glücksgemeinschaft entwickelt werde, wirken mit ständig wachsender Faszination auf das theoretische Bewußtsein zurück. So ist es mindestens in den instinktiven Rückhalten des Urteilens bereits zur Überzeugung fast der ganzen zivilisierten Menschheit geworden, was ein Vertreter des dialektischen Materialismus, der Russe Chasschatschich in seinem Buche "Materie und Bewußtsein"12 ausspricht: "Nach der Definition Lenins ist die Materie . . . die objektive, unabhängig vom menschlichen Bewußtsein existierende und von ihm abgebildete Realität."13 "Das Denken ist jedoch nicht nur ein Produkt der physiologischen Gehirntätigkeit. Das Denken des Menschen ist gleichzeitig ein Produkt des gesellschaftlichen Lebens, ... In der . . . Entwicklung der Materie gab es zwei gewaltige Sprünge . . .: l. die Entstehung des Lebens und 2. das Erscheinen des Menschen. Entsprechend diesem Verlauf der Entwicklungsgeschichte der Materie
21

unterscheiden wir drei Hauptstufen in der Entwicklung der Außenwelt: 1. die anorganische Natur, 2. die organische Natur und ... 3. die menschliche Gesellschaft, die die höchste Eigenschaft der Materie hervorgebracht hat, das menschliche Bewußtsein".14 In diesem Zusammenhang darf freilich nicht übersehen werden, daß der heutige dialektische Materialismus den mechanistischen "Vulgärmaterialismus", der das Denken als eine besondere Form der Materie oder eine besondere Bewegungsform der Materie betrachtet, weit hinter sich gelassen zu haben glaubt. So behauptet Georg Klaus15, daß zwar "Bewußtsein, Geist und Denken weder eine bestimmte Art der Materie, noch Materie selbst", aber dennoch "als eine Eigenschaft (!) einer bestimmten Bewegungsform der Materie"16 materiell17 sind. Doch ist nicht zu verkennen, daß man durch den mehrfachen Überbau der "vulgärmaterialistischen" Bestimmung (Materie, Bewegungsform der Materie, Eigenschaft einer bestimmten Bewegungsform der Materie) sich der allein wesentlichen Entscheidung nicht entziehen kann, ob uns nämlich das Denken ohne unser Zutun aufgedrungen oder ob es unsere eigene Tätigkeit18 ist. Ist es aber unsere eigene Tätigkeit, kann es auch nicht durch Bestimmungen ("materiell"), welche dem ohne unser Zutun Auftretenden angehören, gekennzeichnet werden. Dennoch ist es nur konsequent, wenn man zuerst das Denken als Ergebnis oder Eigenschaft physiologischer, also materieller Prozesse vorstellt, dann auch das gesellschaftliche Bewußtsein als Produkt und Widerspiegelung des materiellen und des gesellschaftlichen Seins und dieses wiederum als einen Abschnitt innerhalb der materiellen Gesamtentwickelung betrachtet.
Was hier klar ausgesprochen wird, bildet die oft nicht bewußt werdende, darum aber in ihren verborgenen Wirkungen nur um so mächtigere, gesinnungshafte Triebkraft des sich unaufhaltsam über die ganze heutige Menschheit ausbreitenden sozialpolitischen Handelns. Über die in den Vereinigten Staaten seit 1950 zum werbungstechnischen System erhobene "Symbolmanipulation und Motivforschung", d. h. die tiefenpsychologische Massensteuerung von der Zigaretten- bis zur Präsidentenwahl, das bewußte Hinarbeiten auf einen konform manipulierbaren Team-Menschen mit allen Mitteln im Räume zwischen der psychoanaly-tisch redigierten Kaufsuggestion und der elektronischen Gehirnkontrolle der Kinder berichtet der New Yorker Publizist Vance Packard.19 Der amerikanische Publizist und Soziologe Walter Lippmann äußert sich zu der die Menschheit übergreifenden Erscheinung des sozialpolitischen
22

Materialismus mit den folgenden Worten: "Zweifellos hat es grausamere als die . . . Despotismen in Rußland, Italien oder Deutschland gegeben. Nie aber fand sich ein umfassenderer. In diesen alten Kulturzentren leben20 mehrere hundert Millionen Menschen unter der . . . Herrschaft des Dogmas, daß die Staatsbeamten ihre Herren und Meister seien und daß sie nur auf öffentliche Befehle hin leben, arbeiten und das Heil suchen dürfen. Noch bedeutungsvoller ist aber, daß man in anderen Ländern, in denen man zwar vor der erbarmungslosen Politik dieser Regime zurückschreckt, doch gemeinhin annimmt, daß die Entwicklung in der gleichen allgemeinen Richtung laufen müsse".21 Der Bericht Pakkards lenkt die Aufmerksamkeit auf jene Tendenzen, welche die bürokratischen Fesseln des sozialen Lebens immer mehr in wirtschaftliche, die dem Bewußtsein noch faßbaren Nötigungen in tiefenpsychologische zu verwandeln trachten. Gemeinsam ist den charakterisierten Vorstellungen und Erscheinungsformen des sozialen Lebens, daß Gemeinschaftlichkeit und Glück der Menschheit durch äußere Maßnahmen herbeigeführt werden sollen und können - ja allein auf diese Weise einen gesicherten Bestand erhalten.
Schon Max Weber (und mit ihm in den Resultaten ihrer Untersuchungen übereinstimmend Horkheimer, Adorno und Marcuse) hat aber gezeigt, daß dieser Beglückungsprozeß zu einer Erstickung des Menschen und damit zu der kollektiven Verblendung führt, im Unmenschlichen Ziel und Sinn der Menschlichkeit zu finden. Denn diese äußere "Beglückung" und Vergemeinschaftung erfolgt durch eine unablässig fortschreitende dehumanisierende und depersonalisierende Rationalisierung. Die Aufgabenstellung dieser Rationalisierung ist ausschließlich die Erzeugung von immer zahlreicheren Gegenständen und Einrichtungen zur Befriedigung der leiblichen Bedürfnisse des Menschen sowie der Mittel zu deren immer rascheren und billigeren Herstellung. Hiermit ist ein fortschreitend geringeres Verständnis für die Organisation des privaten und öffentlichen Lebens sowie deren immer anonymere Technisierung verbunden. "Der Wilde weiß von den ökonomischen und sozialen Bedingungen seiner eigenen Existenz nämlich viel mehr als der im üblichen Sinne "Zivilisierte".22 Die kollektive Beglückung läßt daher nicht eine Ausdruckswelt entstehen, in der sich der Mensch in sich steigernden Selbstgestaltungsleistungen darstellt und begreift, sondern ein System überwältigender Beeindruckungen. Hiergegen erheben sich einerseits weltweite Reform- und Protestbewegungen auf allen Gebieten des sozia-
23

len und kulturellen Lebens. Anderseits breiten sich die Erschlaffung im Empfinden der Hilflosigkeit und der Nihilismus einer allgemeinen Enttäuschung23 zerfallartig aus. Und endlich wird die Einsicht, daß die mit der Beglückungsrationalisierung verbundene Entmenschlichung in der Zerstörung unserer Welt enden muß, als der Ausblick auf die Erlösung von der alles Erduldbare übersteigenden Qual begrüßt, die wir selbst über uns verhängt haben. So erklärt U. Horstmann (unter Hinweis auf G. Anders, Endziel und Zeitwende, 1972, doch im Gegensatz zu ihm): "Die <Automatisierung> der Verantwortung durch Delegation an elektronische Entscheidungsträger, an maschinelle Befehlsempfänger und operative Systeme läßt. . . unmenschliche Taten zusehends zu "Taten ohne den Menschen" . . . werden, die . . . schließlich als selbstgesteuerte und -regulierte Abläufe niemandem mehr moralisch verantwortlich sind. Daraus folgt die für den Humanisten Anders skandalöse, für den anthropofugalen (menschenflüchtigen) Denker tröstliche und erhebende Einsicht in ein gleichsam vorprogrammiertes Inferno, zu dessen Realisation es im Grunde keinerlei Kraftanstrengung mehr bedarf . . . Über eine Weile . . . werden auch die Verstocktesten . . . davon ablassen, gegen den Strom der Geschichte zu schwimmen . . . und sich - wenn nicht mit anthropofugalem Frohlocken, so doch ohne Gegenwehr und Bestürzung - jenem sanften Tempo in die Vernichtung überantworten, die aller Not ein Ende bereitet". "Nicht bevor die letzte Oase verödet, der letzte Seufzer verklungen, der letzte Keim verdorrt ist, wird wieder Eden auf Erden sein".24


Die beiden Grundvoraussetzungen und deren Konsequenzen
Mit vielen verwandten gehen die drei im voranstehenden angeführten Voraussetzungen auf zwei Hauptvoraussetzungen zurück, die sich seit langem alpdruckgleich über die neuere Menschheit legen, wird die bedrohliche Konsequenz ihrer Lebenswirkungen auch erst heute deutlich sichtbar. In dem unvergleichlichen Werk "Lessings Weltanschauung"25 von Gideon Spicker findet man die folgende Kennzeichnung jener beiden Ursprünge der charakterisierten Bewußtseinshaltung, deren soziale und zivilisatorische Folgen sich freilich Spicker noch nicht deutlich macht: "Gilt also irgendeine allgemeine Wahrheit, so ist es diese:
24

daß, wenn etwas existiert, von Ewigkeit her etwas existiert haben muß. Man kann diesen Satz nur bestreiten, wenn man die Richtigkeit des Denkens bestreitet. . . . Daß das Denken an sich richtig sei, ist die unbedingte Voraussetzung für obige Wahrheit. Und diese Voraussetzung läßt sich schlechterdings durch keine Art von Beweis jemals rechtfertigen. . . . Daß das Denken an sich richtig sei, können wir nie erfahren, weder empirisch, noch logisch mit Sicherheit feststellen, folglich können wir auch nie wissen, ob und wie weit es über die Erfahrung hinausreicht".26 Das gleiche Bekenntnis läßt Rudolf Steiner in seinem Mysteriendrama "Die Pforte der Einweihung" Strader, den Vertreter der modernen naturwissenschaftlichen Forschungsart ablegen:
"Und wer in rechter Treue
Zu dieser Forschung lebt,
Ihm ziemt es zu bekennen,
Daß niemand wissen kann,
Woher des Denkens Quellen strömen
Und wo des Daseins Gründe liegen".27
Die begrifflichen und gesinnungshaften Gehalte, in denen sich diese beiden Urvoraussetzungen dem Denken der heutigen Menschheit aufdrängen und miteinander vereinigen, lassen sich nicht zählen. Sie alle aber sind geprägt von der Doppelvorstellung, daß wir weder des Seins (also dessen, was von den Dingen als Wahrnehmung, Erfahrung an uns herankommt) noch des Denkens (des Vermögens, Begriffe und Vorstellungen zu bilden) in seinen Ursprüngen inne werden, beides also voraussetzen müssen. Stünden wir im Denken auf voraussetzungslosem Grund, dürften wir auch erwarten, einen denkerischen Zugang zur ursprünglichen Beschaffenheit des außergedanklichen Teiles der Wirklichkeit zu finden, falls sich ihre gedanklichen mit den außergedanklichen Bestandteilen auf voraussetzungslose Weise zusammenschlössen. Öffnet sich aber auch zum Denken kein voraussetzungsloser Zugang, dann können wir, abgesehen von der begrifflichen Durchdringung der Erfahrenswelt im Dienste unserer Bedürfnisse, mit seiner Hilfe nur folgern, was sich aus dem vorausgesetzten Dasein der uns umgebenden Welt sowie des Denkens selbst ergibt.
Wie diese Folgerungen beschaffen sind, soll an Beispielen gezeigt werden. Dabei wird wiederum die vorhin betrachtete Dreiheit von Voraussetzungen als maßgeblich betrachtet, da sich wohl alle anderen Vor-
25

aussetzungen den Vorstellungen über die Welt, die menschliche Ichwesenheit und die menschliche Gemeinschaft typisch unterordnen:
a. Die Existenz der Welt wird, wie immer diese auch vorgestellt werden mag, vorausgesetzt. (Selbst wenn sie als reiner Bewußtseinsinhalt gedacht würde, gälte für dessen Existenz und das ihm gewidmete Begreifen Entsprechendes). Mit dem Erfahren eines uns umgebenden, doch in seinen Gründen nicht erfaßbaren Daseins verbindet sich, ebenso unfaßlichen Quellen entspringend, der Begriff der Wirklichkeit. Dies ist die Gestalt in der wir zunächst des Es ist inne zu werden scheinen.
b. In gleicher Art scheinen wir die Wirklichkeit des Ich bin vorstellen zu müssen. Angesichts des uns umgebenden Daseins ist es keine Frage, daß es wahrnehmbar wird, wenn wir auch im Zweifel darüber sein mögen, welche begrifflichen Mittel wir zu seiner Bestimmung anwenden wollen.
Im Falle unserer Ichwesenheit sind wir indessen hinsichtlich ihrer Wahrnehmung ebenso unsicher wie hinsichtlich ihres Begriffs. Was wir aber auch der Wahrnehmung unserer Ichwesenheit angehörig erachten mögen, es scheint im Sinne der Denkgewohnheiten unserer Zeit aus gleich rätselvollen Daseinsgründen aufzusteigen wie alles andere Erfahrene und, sofern seine Existenz überhaupt anerkannt wird, nur in Begriffen unbegreiflicher Herkunft als vorausgesetzte Wirklichkeit gedacht werden zu können.
c. Und ebenso liegt auch das Wir sind für die gegenwärtige Bewußtseinsverfassung im Bereich jener beiden Grundvoraussetzungen. Zwar steht wohl der allgemeine Begriff der Gemeinschaft und seine Unveräußerlichkeit für den Menschen als eines gemeinschaftbedürfenden und -bildenden Wesens deutlich vor den Hoffnungen und Befürchtungen der heutigen Menschheit. Um so fragwürdiger erscheinen ihr aber die wahrnehmbaren Gestalten des sozialen Lebens, in denen er erfüllt wäre und damit auch die individuellen Formen, durch die er bestimmten sozialen Aufgaben gerecht würde. Unabhängig hiervon scheinen sich aber auch die begrifflichen Ursprünge ebenso wie die wahrnehmbaren Grundlagen menschlichen, der Gemeinschaft zustrebenden Daseins bewußtem Durchdringen zu entziehen und daher den Charakter von Voraussetzungen zu tragen. Dies äußert sich sehr deutlich in der Unsicherheit über die Grundlagen des Rechts. Denn in diesen müßten, sollen sie mehr als Spiel- und Schutzregeln unseres Verhaltens sein, die
26

Ursprünge menschlicher Gemeinschaft und die aus deren Wesen hervorgehenden Formen ihrer Gestaltung erkennend erfaßt werden.

Die sozialen Folgen erlangter oder mangelnder Welterkenntnis
Welt, Ich und menschliche Gemeinschaft stehen im dargestellten Sinne als die Dreigestalt, in der sich die beiden dem Sein und dem Denken geltenden Grundvoraussetzungen vereinen, erkenntnis- und lebensbestimmend vor der heutigen Menschheit. Diesen Urworten unserer Existenz, unseres Selbst- und Weltverständnisses werden die nachfolgenden Untersuchungen gewidmet.
Die Folgen jener beiden Grundvoraussetzungen reichen denkbar tief. Sie sollen zuerst betrachtet werden, ehe die Frage gestellt wird, welche Gestalt das voraussetzungslose Innesein im allgemeinen wie in bestimmten Fällen annehmen müsse:
Wird die Welt in einer menschlichem Bewußtsein ungleichartigen Seinsart und damit in einer ohne menschliches Zutun für uns erscheinenden Vollständigkeit vorgestellt, dann muß auch unser Wissen von ihr als ein wirkungsbedingtes (also etwa als Einwirkung äußerer Ursachen auf menschliche Empfänglichkeiten oder Korrespondenzbedingungen, als Affizierung beliebiger Art) gedacht werden. Das Wissen von einem objektiven Dasein wird damit auf ein solches von den eigenen Zuständen eingeschränkt. Die Anschauung, daß die Bewußtseinsinhalte subjektiver Natur seien, wird bereits von Thomas von Aquin charakterisiert, freilich in einem weit über diese Feststellung hinausgreifenden Zusammenhang: "Es haben manche die Ansicht vertreten, daß unsere Erkenntniskräfte nur ihre eigenen Modifikationen erkennen, z. B. die sensitive Potenz nichts weiter als die Alteration ihres eigenen Organs wahrnimmt. Danach erkennt auch der Intellekt nur seine eigenen Modifikationen".28 Das menschliche Erleben kann der illusionistischen Konsequenz dieser Anschauung nicht ausweichen. Denn selbst wenn sie den Schluß auf eine objektive Wirklichkeit zulassen sollte, könnte die Bodenlosigkeit dieser Anschauung keinen erlebten Inhalt und Halt im Sein finden. Mit der Erlebnisfolge der Vorstellung, im eigenen Bewußtsein nicht die Wirklichkeit zu erreichen, muß sich aber auch die andere der Fesselung,
27

ohnmächtiger Teil eines übermächtig naturhaften Daseins zu sein, vereinen. Denn nur durch echte Wirklichkeiterfassung könnten wir uns mit der Welt in einer Art verbinden, die wir selbst bestimmen. Unter dem Einfluß der charakterisierten Voraussetzungen ergreift der heutige Denker mit seinen Begriffen kein solches Wesenhaftes an den Welterscheinungen, das ihm auf Grund einer Wesensverwandtschaft mit ihnen verständlich wäre. Vielmehr verbleibt die Seinsart der natürlichen Welt jenseits seines Bewußtseins, wie er auch in diesem keinen sich selbst tragenden voraussetzungslosen Grund und Stand gewinnt. Daher kann ihm das Denken nur das Mittel sein, die Macht des ihm Wesensfremden durch gegengerichtete Machtentfaltung zu bannen, einzuschränken oder in seinem Dienste einzufangen und umzubilden. Hält man jedoch ein echtes Erkennen für möglich (seine Beschaffenheit ist Gegenstand der nachfolgenden Ausführungen), ein Erkennen also, das nicht nur die Erscheinungen des eigenen Bewußtseins, vielmehr die Dinge in ihrer Seinsart selbst erfaßt, dann blickt man auf einen Bewußtseinszustand hin, innerhalb dessen die Schranke zwischen erkennendem Wesen und dem Wesen der erkannten Dinge angesichts einer beide umspannenden Existenz fällt.29 Damit schwinden aber auch Möglichkeit und Anlaß der Bemächtigung. Denn das Bewußtsein, daß die totalexistentielle Einigung des Denkens mit seinen Gegenständen möglich, ja daß diese Möglichkeit ein Wesenszug des Menschseins ist, mag der einzelne Erkenntnisversuch auch noch so oft fehlschlagen, ist für den auf sich selbst gestellten Menschen die stärkste gesinnungsbildende Gegenkraft gegen den Machttrieb.
Freilich betrachtet man heute Wissen als vornehmstes Mittel der Machtausübung und setzt es so auch ein. Doch ist es dann nicht selbst Macht, sondern der Wille, der sich seiner bedient. Das sich vereinende Wissen ist nicht Bemächtigung. Die gestaltete oder mitgestaltete Gemeinschaft mit der Welt schließt deren Überwältigung aus, da man mit ihr und in ihr geeint und einigend lebt. Einen Menschen, dessen Wesen man fern bleibt, kann man, wie eine Sache, zum Instrument seiner Zwecke machen. Aus gegenseitigem Verständnis verfolgt man dagegen gemeinsame Interessen. Ein Erkennen, welches Welt und Mensch von dem gleichen einenden Geiste durchdrungen weiß, setzt an die Stelle ausbeutender Macht pflegende Dankbarkeit. Das Verständnis dafür, daß nur im echten Erkennen der Wille zur Macht überwunden wird, wird sich in Übereinstimmung mit dem Verständnis für die Idee

28
,


der Voraussetzungslosigkeit einstellen. Da sich jedoch das Bewußtsein der Vereinigung mit den Welterscheinungen in echter Einsicht unter der Wirkung der gekennzeichneten Voraussetzungen über Sein und Denken nicht entwickeln kann, tritt an seine Stelle das Bedürfnis, die unüberwindliche Kluft zwischen Subjekt und wesenhaft fremdem Objekt durch Besitz und Bemächtigung zu überbrücken. Die Wirklichkeitfremdheit muß Wissen als Macht begehren. Die Besitzbegierde strahlt notwendig aus dem Fremdheiterlebnis aus. Die menschlichen Verflechtungen, die sich auf Grund des Besitzstrebens und der Entfaltung von Bedürfnissen ergeben, können zwar, wenn sie von einem kollektiven oder durch individuelle Erkenntnis neu errungenen, harmonisierenden Totalbewußtsein durchdrungen werden, Bildekräfte echter sozialer Ordnungen sein. Es ist aber zu sehen, was geschieht, wenn das universelle Element fehlt. Ein nicht Subjekt und Objekt gemeinsam umfassendes und durchdringendes Denken kann in dem Maße, als die autoritären Sozial- und Kulturregulative unwirksam werden, in den Menschen nur den Willen zur Ausübung von Macht hervorrufen. Liegen Denken und Sein hinter dem Schleier undurchdrungener Voraussetzungen, dann verbleiben der Menschheit im Fortgang ihrer Entwicklung nur zwei Möglichkeiten: Sie muß sich entweder in den Kampf Aller gegen Alle stürzen, ein System technologischer Bemächtigungen entwickeln, das in einem Inferno gegenseitiger Überwältigung endet. Oder sie muß sich in einem Weltstaat der alleinigen Macht einer herrschenden Schicht von Zwangsbeglückern unterwerfen. Aldous Huxley hat dies im Vorwort zur Neuausgabe (1949) seines berühmten Romanes "Schöne neue Welt" (und er hat dessen Gedanken in dem Essay "Dreißig Jahre danach" weiterverfolgt) folgendermaßen ausgesprochen: "Wenn wir nicht die Dezentralisierung wählen und die angewandte Wissenschaft nicht als den Zweck gebrauchen, zu welchem aus Menschen die Mittel gemacht werden, sondern als das Mittel zur Hervorbringung freier Individuen - dann bleiben uns nur zwei Möglichkeiten: entweder eine Anzahl militarisierter Totalitarismen, die in Angst vor der Atombombe gründen und deren Furcht die Vernichtung der Zivilisation [falls aber die Kriegsführung eingeschränkt wird, die Verewigung des Militarismus] sein wird; oder ein übernationaler Totalitaris-mus, hervorgerufen durch das soziale Chaos, das sich aus raschem technischem Fortschritt im allgemeinen und der atomaren Revolution im besonderen ergeben haben wird und das sich aus dem Bedürfnis
29

nach Leistungsfähigkeit und Stabilität zur Wohlfahrtstyrannei Utopias entwickeln wird".
Was über Erkenntnis und Macht entwickelt wurde, ist auch angesichts solcher Ausführungen zu sagen, wie man sie etwa in einer Schrift von Karl Jaspers*1 über die Gefahr einer Totalvernichtung der Menschheit durch die Atombombe findet. Jaspers spricht von der Notwendigkeit einer Gesinnungsänderung32 und dem Vertrauen auf einen transzendenten Sinn33, den man gerade in der Auswegslosigkeit der Grenzsituationen und im Scheitern des erkennenden Bemühens erfahre. Daß die Frage dem Am-Leben-Bleiben und nicht dem Zum-Geist-Kommen der Menschheit gilt, ist verständlich, wenn, wie für Jaspers, die Unerkennbarkeit des wahren Seins grundlegende Überzeugung und daher das "Scheitern" der Erkenntnisbemühung zuletzt unausweichlich ist. Diese Vorstellungsart drängt aber im Sinne des vorausgehenden Gedankenganges mit Notwendigkeit der Entwickelung von Machtimpulsen zu. Man wird daher mit den Mitteln einer Vorstellungsart schwerlich das Gegenteil dessen erreichen, das sich lebensgemäß aus ihr ergeben muß, auch wenn man sich selbst durch das Leben in einer weltanschaulichen Tradition davor bewahrt glaubt. Damit ist angedeutet, wie beschaffen eine Gesinnungsänderung sein müßte, und daß sie nicht ohne Erkenntniswandlung zu erlangen ist.


Die Folge mangelnder Selbsterkenntnis
Auch in ihrer Erstreckung auf die menschliche Ichwesenheit führen die beiden Grundvoraussetzungen eine Lage herbei, die uns mit dem Verlust unserer Menschlichkeit bedroht. Gewährt uns weder das von dieser Ichwesenheit Erfahrbare noch das andere, das von ihr denkbar ist, ein wissendes Innesein ihres Wesens, zeigen sich vielmehr auch hier Sein und Denken nur als Ausläufer eines wissend unerreichbaren Vorausgesetzten, dann verbleibt für die menschliche Ichwesenheit kein Inhalt. Erkennt man die Existenz eines Ich überhaupt an, vermeint man aber gleichzeitig, das wirkliche Ich im Erkennen nicht zu erreichen, dann kann es nur in Gestalt stellvertretender Bewußtseinsinhalte erschlossen werden. Sucht man aber diese von den durch sie erfaßten Dingen zu unterscheiden, dann findet man für sie keinen positiven Inhalt. So
30

schrumpft, was derart als "Ich" vorgestellt werden kann, zum ausdehnungslosen Punkt. Es erscheint dann als jenes Wesen, das sich von dem übrigen Weltinhalt abhebt, weil er nicht Ich ist. Dieser Weltinhalt steht etwa wie bei Sartre als "An-Sich" einem "Für-sich" gegenüber, das sich, ähnlich dem Fichteschen "Ich", von dem als "Nicht-Ich" bestimmten übrigen Weltinhalte loslöst. Dieses "Für-sich" "ist" im Sinne Sartres nicht, sondern "existiert", d. h. es macht das "An-sich", die Welt in der es lebt, zwar zu seinem Bewußtseinsinhalt und verbindet sich dadurch mit ihrem "Sein", jedoch nur, um dieses wieder "nichtend" (also sich von ihm befreiend) von sich abzustoßen: "Das Fremdbewußtsein" (d. h. das Bewußtsein vom "An-sich", der einem "Für-sich", einem Selbstbewußtsein gegenüberstehenden Welt) "ist, was es nicht ist". "Die Wirklichkeit, die Mensch heißt, ist ihrem Wesen nach Leiden. Denn sowie sie sich zum Sein erhebt, ist sie unaufhörlich bedrängt von einer Totalität, die sie zugleich ist und doch wiederum nicht sein kann. Denn sie kann die Seinsweise des "An-sich" nicht erwerben, ohne dadurch ihre eigene Seinsart, die des "Für-sich", einzubüßen. So ist sie ihrer Natur nach ein unglückliches Bewußtsein, dem es versagt ist, diesem unglücklichen Zustand zu entrinnen".34 Im Sinne dieses Gedankengangs, der sich konsequent an die Vorstellung einer menschlichen Ichwesenheit anschließt, deren Dasein vorausgesetzt und nicht erkennend erfaßt wird, ist der Mensch zu seiner Freiheit "verdammt", steht er am Abgrunde des Nichts. Denn ihm verbleibt, sofern er nicht die Übermacht der Grundvoraussetzungen überwindet, für das eigene Wesen nur das "Für-sich", die Unterscheidung von allem Inhaltvollen, das Nichts.

Die Folge mangelnder Gemeinschafterkenntnis
Zu einer ähnlich verhängnisvollen Konsequenz führt die Voraussetzung, welche die menschliche Gemeinschaft, also die Existenz mitmenschlicher Ichwesen betrifft. Ein Ich, dessen wahres Wesen nicht Gegenstand des Erkennens sein und daher nur vorausgesetzt werden kann, muß sich den wahrhaft menschlichen Verflechtungen des sozialen Lebens aus dem gleichen Grunde entziehen, der es unmöglich macht, ihm eine begrifflich inhaltvolle Bestimmung zu geben. Denn nur durch die Ablehnung sozialer Bindungen und Verantwortungen vermag ein solches Ich seine punk-
31

tuelle Sonderexistenz, von der es allein zu wissen scheint, zu bewahren. Will es sich nicht verlieren, scheint ihm keine andere Wahl zu verbleiben, als sich von seinen Erdenaufgaben zurückzuziehen und in seine Eigeninteressen zu flüchten. Verfügt es doch im Lichte der Voraussetzungen zur Ausstattung seines Wesens nur über den stets wiederholten Unterscheidungsakt gegenüber der Welt, in der es lebt und die es denkt, also kein Vermögen, das den egoistisch weit- und gemeinschaftflüchtigen Neigungen überlegen wäre. Allein die, fortwährend abnehmende, Autorität religiöser und weltanschaulicher Handlungsmodelle, wenn nicht Zwang und Furcht, können es, sobald es seiner selbst inne wird, abhalten, jenen Neigungen zu folgen. Durch diese aber muß es der Vereinsamung und Selbstaushöhlung verfallen. Einerseits muß also der Blick, den der Mensch seinem eigenen Wesen zuwendet, ohne mehr als dessen inhaltleere Form zu erfassen, ihn von mitmenschlicher Gemeinschaft ausschließen. Anderseits muß die Gemeinschaft dem ihr zugewandten Blicke als unerträgliche Last erscheinen, wenn sie als eine mit der Vielzahl menschlicher Wesen gegebene Notwendigkeit vorausgesetzt wird, also als ein gleich einem Naturgesetz wirksames, wie auch immer formuliertes Merkmal der menschlichen Gattung. Denn ein solches Gesetz müßte die menschliche Individualität auslöschen, und diese würde ihm gegenüber ihr Selbstbestimmungsrecht geltend machen, indem sie sich einem Einflüsse, der ihr Innerstes zwingend und unausweichlich ergriffe und daher mit Recht als unerträglich empfunden würde, durch den Selbstmord entzöge.

Gemeinschaft und Kult. Der Tanz um das goldene Kalb
Durch die Gemeinschaft, welcher er angehört, ist der Mensch nicht nur erkennend, sondern auch lebend-erlebend in die ihn umgebende Wirklichkeit eingefügt. Denn menschliche Gemeinschaften sind auf Gegenseitigkeit gegründete Schutzverbände zur Erhaltung der physisch-leiblichen Existenz ihrer Mitglieder. Dabei können die einzelnen Interessengruppen durchaus gegeneinander konkurrieren. Diese Konkurrenz ist ja gerade der mächtige Ansporn, der zur Gruppenbildung führt. Der Gegensatz des eigenen Gruppeninteresses zum Interesse anderer Gruppen ist die Klammer, welche die Gruppe zusammenhält. Denn im Hin-
32

tergrund des Gruppeninteresses steht der jeder Vergemeinschaftung feindliche Bemächtigungstrieb, der, wie im Vorausgehenden entwickelt wurde, durch jene Bewußtseinsart entstehen muß, welche die Wirklichkeit voraussetzt, also eine echte Erkenntnisvereinigung mit ihr unmöglich macht. Die Gruppen bedürfen daher solcher Bewußtseinsinhalte, welche den Bemächtigungsinstinkten entgegenwirken, und der Institutionen, welche die Übertragung dieser Bewußtseinsinhalte vermitteln. Dieser Aufgabe dienten von jeher die Kulte und die Kultzentren. Ohne machtneutralisierende Einrichtungen und deren sich in die Gesinnungen einwurzelnden Einfluß müssen daher Gemeinschaften zerfallen. Ohne Kulte gehen Gemeinschaften zugrunde. Nach dem Zerfall des Numino-sen haben die Gründer und Verwalter von Gemeinschaften in ideologischen Ersatzgebilden und -handlungen Abhilfen gefunden. Seitdem der Materialismus Weltreligion geworden ist, gibt es nur noch einen einzigen Kultgegenstand, den menschlichen Leib. Und in der Tat zelebrieren die Interessengruppen unserer Zeit den Tanz um das goldene Kalb des menschlichen Leibes in der Eigenart ihrer Gebräuche als die kultische Besiegelung ihrer Existenz. Die Konkurrenz dieser Kulte ist der Gruppenkult.
Diese Kultart kann aber nicht auf die Dauer ihrem Zweck genügen, muß vielmehr in ihre Selbstauflösung auslaufen. Die zahlreichen Formen des Überdrusses, die unsere Zivilisation zermürben, sind nur die an die Oberfläche tretenden Erscheinungsformen des inneren Widerspruchs jenes sozialen Bindemittels. Denn die für unsere Zeit charakteristische Ritualisierung des menschlichen Leibes muß den Bemächtigungsinstinkt (der sich durch klugheitsmoralische Übereinkünfte selbst betrügt) auf d:e Dauer anreizen, anstatt ihn zu dämpfen. Ist doch der menschliche Leib ein sich gegen eindringende Einflüsse behauptendes Selbsterhaltungssystem, das uns durch seine Sinnes-Nervenfunktion lauter unver-bundene Elemente (Wahrnehmungen) vermittelt, also der Überbrük-kung gerade entgegenwirkt, welche allein die Macht bannen kann. Unser physischer Leib ist es also, der uns in die denkbar voraussetzungsreichste, weil am wenigsten erkenntnisdurchleuchtete Situation versetzt. Und die Macht ist die Ausschreitung des aufgestauten Ingrimms, der sich durch den (wenn auch nur vermeinten) Wirklichkeitentzug angesammelt hat und Luft machen will. Der innere Widerspruch einer Bindung mit Hilfe eines bindungsfeindlichen Mittels (wie es der Leib ist) kommt aber noch in einer anderen Richtung zum Ausdruck. Muß doch die Verbin-
33

düng mit einem Leibe nicht nur Ingrimm, sondern auch Ekel hervorrufen. Dieser richtet sich gegen die Gemeinschaft, weil diese ein System der Leibeserhaltung, des eigenen und des fremden Leibes ist. Denn durch den Leib verfügt ein übermächtiges Schicksal über den Menschen, der sich als Ich vom Leibe, der ihn verwaltenden menschlichen Gesellschaft und der das Material seiner Existenz liefernden Natur absondert. Ebenso wie die Derealisation Ingrimm über den Seinsentzug erzeugt, so die Depersonalisation durch die Verleiblichung Ekel gegen die Leibes-verwaltungsgesellschaft und die in ihr angesammelten mitmenschlichen Leiber, aber auch Scham über den eigenen Leib. Dieser ist ein Gegenstand der Scham, weil er in zweifacher Weise depersonalisierend wirkt. Als Inbegriff der Fürsorge einer Leibesverwaltungsgesellschaft, die ihre Rituale mit den größten Belohnungen und Strafen schützt, ruft er zwar alle jene Gesinnungen und Stimmungen hervor, welche der isolierten Selbsterfahrung widersprechen. Zugleich wirkt er aber auch als ein Isolation und damit Voraussetzung schaffendes System und macht dadurch die Intimität der ichhaften Absonderungserfahrung in entwürdigender Art zu einem Naturvorgang. Die voraussetzende Bewußtseinshaltung ruft Ekel und Ingrimm angesichts leibgebundener Gemeinschaft hervor. Die Verzweiflung an der Möglichkeit würdiger Gemeinschaft muß daher endlich das leibliche Dasein überhaupt verwerfen.
In seiner Schrift "Brennende Probleme" zitiert Albert Steffen den Rechtsgelehrten Karl Binding, der unter dem Eindruck der hier charakterisierten Voraussetzungen das menschliche Dasein einen Ursprung nehmen läßt, den wir als übermächtige Verfügung über uns anerkennen müssen, ohne darin einen Sinn finden zu können. Mit diesem Schicksal sich abzufinden, sei des Menschen Beruf. "Wie er dies tut, das kann innerhalb der engen Grenzen seiner Bewegungsfreiheit nur er selbst bestimmen. Insoweit ist er der geborene Souverän über sein Leben. Das Recht - ohnmächtig, dem Einzelnen die Tragkraft nach der ihm vom Leben auferlegten Last zu bestimmen - bringt diesen Gedanken scharf zum Ausdruck, durch Anerkennung von jedermanns Freiheit, mit seinem Leben ein Ende zu machen".35 In der erwähnten Schrift sowie seinem Drama "Ruf am Abgrund" entwickelt Steffen das Gegenspiel der Kräfte, das für unsere Zeit charakteristisch ist: der Niedergangskräfte eines geistlosen Naturwissens, wie es in der Anschauung Bindings mit erschütternder Folgerichtigkeit Ausdruck findet, und der Erneuerungskräfte einer wahrhaft erkennenden Geisteswissenschaft, wie sie den
34

Inhalt von Rudolf Steiners Werk bildet. Wären wir freilich einem uns mit Übermacht bestimmenden materiellen Dasein ausgeliefert, müßte die Freiheit, den eigenen Leib zu zerstören, die Binding in Anspruch nimmt, zu einer Notwendigkeit für jeden werden, welcher der Tragik seines Menschseins inne wird. Eine Gemeinschaft als Zwangsparadies würde nicht weniger dringend als ein kollektiver Arbeitszwang das menschliche Selbstbestimmungsrecht zur Notwehr herausfordern, falls sich weder der Weg der Revolte nach außen noch der Befreiung nach innen öffnete. Unter diesem Gesichtspunkt sollte man die einer nahen Zukunft drohenden psychologischen Gefahren beurteilen, welche die über die ganze Menschheit verbreiteten sozialpolitischen Maßnahmen in sich bergen.36 Einer Lebensstimmung, die mit der Gemeinschaft das Vertrauen zum Leben überhaupt verliert, weil ein vorausgesetztes, über uns verfügendes Dasein wertlos ist und nur durch seine Vernichtung Sinn erhalten könnte, hat der durch Selbstmord endende Philipp Mainländer, damit unseren Jahren um ein Jahrhundert vorauseilend, erschütternden Ausdruck verliehen.37

Zusammenfassung der Ausführungen über Welt, Ich und Gemeinschaft
Die Voraussetzungen, welche die Gedanken und Gesinnungen unserer Zeit beherrschen, werfen, wie man sieht, den von ihnen Befangenen zwischen den gegensätzlichen Trieben der Bemächtigung und Selbstauflösung hin und her, je nachdem er sich der Wirklichkeit als Erkennender zuwendet oder Einbettung in eine mitmenschliche und naturhafte Gemeinschaft erfährt. Richtet er aber den Blick auf sich selbst, verwandelt sich der Trieb der Bemächtigung in die Ohnmacht, sich im eigenen Wesen aufrecht zu halten. Die voraussetzende Bewußtseinshaltung führt in die tiefsten Entfremdungen von der Welt, vom eigenen Ich, von der Gemeinschaft. Dergestalt werden die drei Worte, die, weil sie den Inbegriff unserer Erkenntnisse und Aufgaben darstellen, als Urworte gelten können, zu Worten der Verzweiflung und des Wahns: das Wort £5 ist zum Worte des Kampfes Aller gegen Alle, das Wort Ich bin zum Worte des Nichts und das Wort Wir sind zum Worte des Selbstmords.
Die Bewußtseinsverfassung unserer Tage, die unter drei Gesichts-
35

punkten gekennzeichnet wurde, läßt sich zusammenfassend folgendermaßen beschreiben: Die heutige Menschheit erlebt die letzten Reste einer älteren Seelenhaltung, die sich von religiösen und weltanschaulichen Gehalten erfüllen ließ, ohne deren Rechtfertigung im Erkennen suchen zu müssen. Vielmehr fühlte sie das menschliche Dasein und seinen Sinn durch jene Kraft getragen, die keiner Bezeugung bedurfte, weil sie sich selbst bezeugte. Das heutige Bewußtsein steht vor der Notwendigkeit, die Sicherheit des Erkennens und Handelns aus eigenem Vermögen zu gewinnen. In dem Maße, als es sich auf sich selbst zurückgewiesen sieht und der ehemals speisenden Quellen ermangelt, wird ihm aber der Daseinssinn des eigenen Wesens und der Welt fragwürdig. Es sieht sich daher genötigt, von der eigenen Einsicht Voraussetzungslosigkeit zu fordern, verlangt aber, im Gewahrwerden der verlorenen inneren Sicherheit, sich selbst widersprechend, nach Stützen seines wankenden Seinsgefühls, wie sie das voraussetzende Bewußtsein besaß. Daher setzt es voraus, daß ihm der Wirklichkeitsfaktor von außen gegeben werden müsse.38 Damit gerät dieses Bewußtsein aber in die gekennzeichneten, an die Grenzen des Erlebens und Ertragens führenden Bewußtseinszerklüftungen. Denn wenn es den Inbegriff dessen, dem Denken und Handeln gelten können (die Wirklichkeit der Welt, der eigenen Ichwesenheit und der menschlichen Gemeinschaft), voraussetzt, dann entweicht einerseits das Vorausgesetzte dem Erleben, wird anderseits das Erleben angesichts der Wesen-losigkeit seines Erfüllungsverlangens zur Illusion.
Vor dem Bewußtsein der heutigen Menschheit steht damit die Frage, ob es ihr gelinge, die existentiellen Urworte nach Erschöpfung ihrer ehemaligen Erfüllungen, aus dem wahrhaftigsten Impuls der Gegenwart neu zu beleben, in Voraussetzungslosigkeiten umzuwandeln.

Die zu Beginn dieser Abhandlung gekennzeichneten Einwände in ihrem Verhältnis zu den heute geltenden Voraussetzungen
Angesichts dieser Aufgabe ist es von Bedeutung, zu erkennen, daß den eingangs gekennzeichneten Einwänden39 die Voraussetzungen zugrunde liegen, die das Bewußtsein der heutigen Menschheit bestimmen:
36

a. Vermeint man, die Erkenntniswissenschaft Rudolf Steiners liege als abgeschlossenes Ergebnis in erinnerbarer Gestalt vor, dann gesteht man dem Erkennen, welches dem Menschen und der ihn umgebenden Welt gilt, nicht jene Freiheit, die sein wahres Wesen ist, zu, sondern macht es von dogmatischen Inhalten ebenso abhängig, wie wenn man eine dem menschlichen Erkennen überhaupt vorgegebene Wirklichkeit voraussetzt. Denn nur angesichts einer solchen wäre es sinnvoll, über die Wesensart und Leistung des Erkennens endgültige Feststellungen machen und diese aufbewahren zu wollen. Hat dagegen, wie es im folgenden unter den Gesichtspunkten der Urworte der menschlichen Existenz dargestellt werden soll, das Erkennen an der Wirklichkeit erzeugenden Anteil, dann sind die Ergebnisse erkenntniswissenschaftlicher Untersuchungen von geringerer Bedeutung als die dabei gehandhabte Methode, das im Erkenntnisvollzug erlebte Innesein.40 Gleichwohl kann über den Erkenntnisvorgang unanzweifelbar Gültiges, wenn auch nicht endgültig Abgeschlossenes, gesagt werden.41 Die Bedeutung jeder Aussage über das Erkennen wird aber erst innerhalb seines Vollzugs erfahren. Der Grund ist ein ähnlicher wie beim Vorgang der Verbrennung, über den ebenfalls Gültiges gesagt werden kann. Wärme verbreitet sich jedoch nur, wenn die Verbrennung in Gang gebracht wird.
b. Ist man ferner der Anschauung, auf erkenntniswissenschaftlichem Wege erschließe sich zwar das Verständnis für die Wesensart des übersinnlichen Erkennens, das auf dieser ruhende Werk Rudolf Steiners bilde aber dennoch die eigenem Erkennen unzugängliche epochale Voraussetzung jeder späteren Leistung, dann stellt man bewußt oder unbewußt die menschliche Ichwesenheit im Sinne der beiden Grundvoraussetzungen vor - nämlich als ein Dasein, über dessen Gründe man nichts wissen kann, und das sich Gedanken zu eigen macht, deren Quellen ihm unbekannt bleiben. Man faßt die menschliche Ichwesenheit als eine in ihrer Beschaffenheit starr bestimmte auf, also als eine nicht im Erkenntnisakt sich wandelnde im Verhältnis zu einem ebenfalls starren Wissensinhalte.42 Eine solche Intellektualisierung würde der epochalen Bedeutung des Werkes Rudolf Steiners keineswegs gerecht werden, sondern sie von Grund aus verkennen, da ihr Sinn und Wert weniger auf der Übermittelung von Kenntnissen als der Erweckung von Fähigkeiten beruht. In dieser Fähigkeiterweckung wird aber das Erweckende zum immer neuen Erreichnis, zum mit dem sich Verwandelnden sich selbst wandelnden Ereignis.
37

c. Glaubt man endlich, die Gnadenerfahrung der übersinnlichen Schau verbände sich nicht mit der Bewußtsemsart, die auf dem Wege der modernen Erkenntniswissenschaft Rudolf Steiners entwickelt wird, dann stellt man das Wesen der menschlichen Gemeinschaft und die sie bildenden Kräfte ebenfalls unter dem Einfluß der beiden Grundvoraussetzungen vor. Ein begnadeter Einzelner wäre dann der Übermittler von Bewußtseinsinhalten einer diese empfangenden Gemeinschaft, die derart wie durch einen in seinen letzten Gründen unbekannten Naturprozeß von außen bestimmt würde. Dagegen ist, wie im nachfolgenden ausgeführt wird, die Gnadenerfahrung, welche der Evidenz geistiger Urbilder inne wird, eine solche, die Gemeinschaft und ihre Lebensformen aus neu erschlossenen Ursprüngen begründet.

Schwierigkeiten, denen ein voraussetzungsloses Erkennen gegenübersteht
Die Folgenschwere jener Voraussetzungen wurde im vorausgehenden unter sozialen und kulturellen Gesichtspunkten entwickelt. Angesichts ihrer muß sich freilich die Frage erheben, ob damit nicht eine unausweichliche Situation gekennzeichnet sei. Denn die Voraussetzungslosig-keit könnte als unerreichbares Ideal erscheinen. Bevor diese Darstellung zu einem Lösungsversuch des Problems der Voraussetzungslosigkeit übergeht, ist es daher nützlich, auf die Schwierigkeiten hinzuweisen, denen dieses Unternehmen gegenübersteht. Müßte doch ein voraussetzungsloses Erkennen den folgenden Forderungen gerecht werden:
1. Einem im Sinne seiner Erkennbarkeit vollständig vorgegebenen Gegenstande gegenüber könnten wir kein voraussetzungsloses Erkennen entwickeln. Denn wir müßten nicht nur seine Entstehung voraussetzen, sondern der ohne das Zutun unseres Erkennens fertige Gegenstand könnte selbst nicht in diesem erscheinen, vielmehr in ihm nur Veränderungen hervorrufen. Für diese Veränderungen wäre die Sache selbst eine ihnen unzugängliche Voraussetzung. Die Gegenstände eines voraussetzungslosen Erkennens müßten demgegenüber in ihrem Entstehen erkannt werden. Eine Folge von Veränderungen wäre noch kein Entstehen, da auch diese Veränderungen als Ergebnisse vorausgehender und daher vorauszusetzender Wirkungen vor das ihnen zugewandte
38

Bewußtsein träten. 2. Das Erkennen müßte ebenso wie sein Gegenstand durch ein echtes Entstehen Gestalt gewinnen, also nicht als Veränderung vorgegebener Zustände auftreten. Andernfalls wäre die Bewußtseinsverfassung, die dem Erkennen zugrunde liegt, vorausgesetzt. Dies aber würde wiederum dazu führen, den Gegenstand des Erkennens vorauszusetzen. Denn eine von ihren Gegenständen unabhängige Beschaffenheit des Bewußtseins könnte nur Veränderungen erfahren, deren Voraussetzungen die Gegenstände selbst wären. Das erkennende Bewußtsein würde also wiederum nur seine eigenen Zustände, nicht aber die Gegenstände selbst umspannen, die es nur voraussetzen könnte. 3. Ein voraussetzungsloses Erkennen würde sich also nur bei gleichzeitigem echten Entstehen des erkennenden Bewußtseins und des erkannten Gegenstands entwickeln können. Ein von dem erkennenden Bewußtsein verschiedener Gegenstand wäre für dieses aber stets ein entstandener. Und ein von seinem Gegenstande verschiedenes Bewußtsein wäre stets das Ergebnis vorauszusetzender Quellen, die ihm nie gegenständlich bewußt werden könnten. Das Entstehen des erkennenden Bewußtseins und des erkannten Gegenstandes müßten also zusammenfallen. Der Gegenstand der Erkenntnis müßte im Entstehen des erkennenden Bewußtseins und das erkennende Bewußtsein im Entstehen des Erkenntnisgegenstandes mitentstehen.
Die Paradoxie der Entscheidung, vor der die prüfende Selbsterkenntnis des heutigen Menschen steht, sollte im vorausgehenden unabge-schwächt dargestellt werden. Einerseits führt das Fortwirken der älteren voraussetzenden Seelenhaltung im Zusammenstoß mit einem entwickelten Selbstbewußtsein an die Grenzen menschlicher Existenz. Anderseits bestimmt uns der Entschluß zur Voraussetzungslosigkeit, Forderungen über die Beschaffenheit und Leistung des Erkennens sowie seines Gegenstandes zu formulieren, die unerfüllbar zu sein scheinen.
39



 

1