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Betrachtung Rudolf Steiners/Direkt zu den Leitsätzen/Einleitung des Webmasters:
Rudolf Steiner hat immer wieder neue Versuche unternommen, Menschen zu vermitteln, was die "Anthroposophie" ist bzw. sein will. Zuletzt hat er in den "Anthroposophischen Leitsätzen" thesenartig das Feld der Anthroposophie umrissen. Dieses Werk wurde nicht fertig, sondern wurde durch Rudolf Steiners Tod (30.3.1925) zum Fragment. Diese sehr knappen Statements sind dennoch für sich verständlich, genauso verständlich, wie eine Sammlung mathematischer Formeln dem mathematisch Begabten einsichtig ist. Es kann jedoch sehr gut sein, dass jemand diese Leitätze wiederum als völlig unverständlich abtun möchte. Er gleicht dann einem Menschen, dem eben eine mathematische Formelsammlung nichts sagt. Rudolf Steiner hat diese Leitsätze geschrieben als "Leit"- sätze für Anthroposophen, die die Aufgabe übernehmen, die Anthroposophie öffentlich darzustellen. Ihre Aufgabe bestünde also gewissenmaßen darin, durch frei und selbstständig zu findende Ausführungen, diese Grundeinsichten der Anthroposophie einsichtig zu machen, im Vergleich gesprochen: "Ein mathematisches Lehrbuch zu schreiben." Es gibt aber einen bedeutsamen Unterschied: während bei der Mathematik tatsächlich oftmals eine Vorbildung in mathematischer Spezialdisziplin von Nöten ist, um etwas zu verstehen, so ist es in der Anthroposophie anders: Eine "Vorbildung" beinhaltet nämlich oftmals eine "Ver"-bildung, eine Angewöhnung, eine Trainierung von Urteilen bzw. Urteilsgewohnheiten, die im Weiteren dann (unreflektiert?) angewendet werden. Zumindest solche unreflektierten Urteile nennt man aber im gewöhnlichen Leben: Vorurteile. Die notwendige Vorbildung für die Anthroposphie besteht aber gerade in einer unvoreingenommenen Sicht auf Leben und Denken. Gerade im Abbau, d.h. in der Bewußtmachung von vielerlei - auch materialistisch-naturwissenschaftlichen - Urteilen besteht die "Vorbildung" für Anthroposophie. (Es sei hier für den interessierten, (nach-, hinter-) fragenden Leser ausdrücklich hingewiesen auf das Buch "Die Voraussetzungslosigkeit der Anthroposophie" von Herbert Witzenmann, Stuttgart, 1986, Verlag Freies Geistesleben; aber auch viele andere Werke anthroposophischer Autoren zu dem Thema.) Insofern sind folgende "Thesen", "Leitsätze" doch eigentlich für sich verständlich. Denn - und das ist wichtig - die Wirklichkeit, auf die hier hingewiesen werden will, ist genauso wenig - zumindest in ihrem ERFAHRUNGsaspekt - durch logische Schlüsse zu finden, wie jede schlichte Sinneswahrnehmung durch Schlüsse eben nicht geschaffen = erzeugt wird. Es mag - anknüpfend an ein altes Wort gesagt sein: Wer denken kann, der DENKE, wer reflektieren kann, der reflektiere über seine existentiellen Erfahrungen. "Allerursprünglichste Fragestimmung lebt in diesen Menschen. Es wird ja freilich vom Intellekt aus heute viel gefragt. Bis in die geheimsten Bezirke anthroposophischer Forschung wagt sich das Fragevermögen und die Fragelust des modernen, kombinierenden Verstandes. Aber dieser Verstand ist in solchem Falle doch nur gleichsam der Narr des Sprichwortes, der mehr zu fragen versteht, als neuen Weise beantworten können. Fragestimmung des Menschen in der erwachten Bewußtseinsseele ist etwas anderes. Dieer Menschen sehen zwischen ihrem entschlußbegabten, eigensten Wesen und der Natur einen abgrundtiefen Riß. Sie fühlen dadurch sich selbst "in Frage gestellt". Von Erkenntnisnot bedrängt bis zum Grunde, sind sie lebendige Frage ganz und gar. Eine Antwort von außen her gibt es für sie nicht. Es gibt für sie nur einen Rat, der sie zugleich auf den Weg eigenen Erkennens stellt." (Aus Michael Bauer: Gesammelte Werke, Aufsätze, Stuttgart 1987). Auch, weil es der "Weg eigenen Erkennens" ist, ist der Vergleich mit der Mathematik statthaft, denn auch da gibt es keinen "äußeren" Beweis. Allein ein Unterschied ist doch: Hat die Mathematik eigentlich keinen Inhalt, ist nur reine, wasserklare Bewußtseinsform, so hat die Anthroposophie Inhalt durch und durch. Der Inhalt ist aber die existentielle Lebenserfahrung, wie M.Bauer mit seinen Worten versucht darzustellen.

Im Folgenden stelle ich zunächst einmal herein das, was Rudolf Steiner eigentlich den Leitsätzen 1 - 37 folgen läßt. Doch es macht für sich schon deutlich, daß die Anthroposophie genau dieselbe Welt betrachtet, in der alle anderen Menschen auch leben. Doch wie der eine - um den Bild-, Vergleichsgedanken Rudolf Steiners einzuleiten - vor einem Gemälde vielleicht nur Pigmente, Bindemittel, chemische Verbindungen usw. betrachtet und das MOTIV übersieht, so sucht Anthroposophie eben jenes MOTIV (im weitesten Sinne und in Stufen differenziert) zu finden, zu betrachten, zu begreifen, zu verstehen. Von daher strebt sie sogar dann noch danach zu durchdringen, wie dieses Motiv sich wiederum detailiert ausdrückt in der "Maltechnik", den "Malmitteln", dem "Malgrund".

Aus Rudolf Steiner"Anthroposophische Leitsätze" Rudolf Steiner Verlag, Dornach, 1976, Bibliographie Nr 26, ISBN 3-7274-0261-X:

ZU DEN ... LEITSÄTZEN ÜBER DIE BILDNATUR DES MENSCHEN

Es kommt viel darauf an, daß durch die Anthroposophie begriffen werde, wie die Vorstellungen, die der Mensch im Anblicke der äußeren Natur gewinnt, vor der Menschenbetrachtung Halt machen müssen. Gegen diese Forderung sündigt die Denkungsart, die durch die geistige Entwickelung der letzten Jahrhunderte in die Menschengemüter eingezogen ist. Durch sie gewöhnt man sich, Naturgesetze zu denken; und durch diese Naturgesetze erklärt man sich die Naturerscheinungen, die man mit den Sinnen wahrnimmt. Man sieht nun nach dem menschlichen Organismus hin und betrachtet auch diesen so, wie wenn seine Einrichtung begriffen werden könnte, wenn man die Naturgesetze auf ihn anwendet.
Das ist nun gerade so, als ob man das Bild, das ein Maler geschaffen hat, betrachtete nach der Substanz der Farben, nach der Kraft, mit der die Farben an der Leinwand haften, nach der Art, wie sich diese Farben auf die Leinwand streichen lassen, und nach ähnlichen Gesichtspunkten. Aber mit alledem trifft man nicht, was sich in dem Bilde offenbart. In dieser Offenbarung, die durch das Bild da ist, leben ganz andere Gesetzmäßigkeiten als diejenigen, die aus den angegebenen Gesichtspunkten gewonnen werden können.
Es kommt nun darauf an, sich darüber klar zu werden, daß sich auch in der menschlichen Wesenheit etwas offenbart, das von den Gesichtspunkten, von denen aus die Gesetze der äußeren Natur gewonnen werden, nicht zu ergreifen ist. Hat man diese Vorstellung in der rechten Art sich zu eigen gemacht, dann wird man in der Lage sein, den Menschen als Bild zu begreifen. Ein Mineral ist in diesem Sinne nicht Bild. Es offenbart nur dasjenige, was unmittelbar die Sinne wahrnehmen können.
Beim Bilde richtet sich die Anschauung gewissermaßen durch das sinnlich Angeschaute hindurch auf einen Inhalt, der im Geiste erfaßt wird. Und so ist es auch bei der Betrachtung des Menschenwesens. Erfaßt man dieses in rechter Art mit den Naturgesetzen, so fühlt man sich im Vorstellen dieser Naturgesetze nicht dem wirklichen Menschennahe, sondern nur demjenigen, durch das sich dieser wirkliche Mensch offenbart.
Man muß es im Geiste erleben, daß man mit den Naturgesetzen so vor dem Menschen steht, wie man vor einem Bilde stünde, wenn man nur wüßte, da ist Blau, da ist Rot, und man nicht imstande wäre, in einer inneren Seelentätigkeit das Blau und Rot auf etwas zu beziehen, das sich durch diese Farben offenbart. Man muß eben eine andere Empfindung haben, wenn man mit den Naturgesetzen einem Mineralischen, und eine andere, wenn man dem Menschen gegenübersteht. Beim Mineralischen ist es für die geistige Auffassung so, als wenn man das Wahrgenommene unmittelbar ertastete; beim Menschen ist es so, als ob man ihm mit den Naturgesetzen so ferne stünde, wie man einem Bilde ferne steht, das man nicht mit Seelenaugen anblickt, sondern nur betastet.
Hat man erst in der Anschauung des Menschen begriffen, daß dieser Bild von etwas ist, dann wird man in der rechten Seelenstimmung auch zu dem fortschreiten, was sich in diesem Bilde darstellt. Und im Menschen offenbart sich die Bildnatur nicht aufeine eindeutige Weise. Ein Sinnesorgan ist in seinem Wesen am wenigsten Bild, am meisten eine Art Offenbarungseiner selbst wie das Mineral. Man kann gerade an die Sinnesorgane mit den Naturgesetzen am nächsten heran. Man betrachte nur die wundervolle Einrichtung des menschlichen Auges. Man erfaßt durch Naturgesetze annähernd diese Einrichtung. Und bei den andern Sinnesorganen ist es ähnlich, wenn auch die Sache nicht so offen zutage tritt wie beim Auge. Es kommt dies daher, daß die Sinnesorgane in ihrer Bildung eine gewisse Abgeschlossenheit zeigen. Sie sind als fertige Bildungen dem Organismus eingegliedert, und als solche vermitteln sie die Wahrnehmungen der Außenwelt.
So aber ist es nicht mit den rhythmischen Vorgängen, die sich im Organismus abspielen. Sie stellen sich nicht als etwas Fertiges dar. In ihnen vollzieht sich ein fortwährendes Entstehen und Vergehen des Organismus. Wären die Sinnesorgane so wie das rhythmische System, so würde der Mensch die Außenwelt in der Art wahrnehmen, daß diese in einem fortwährenden Werden sich befände. Die Sinnesorgane stellen sich dar wie ein Bild, das an der Wand hängt. Das rhythmische System steht vor uns wie das Geschehen, das sich entfaltet, wenn Leinwand und Maler im Entstehen des Bildes von uns betrachtet werden. Das Bild ist noch nicht da; aber es ist immer mehr da. In dieser Betrachtung hat man es nur mit einem Entstehen zu tun. Was entstanden ist, bleibt zunächst bestehen. In der Betrachtung des menschlichen rhythmischen Systems schließt sich das Vergehen, der Abbau, sogleich an das Entstehen, an den Aufbau an. Im rhythmischen System offenbart sich ein werdendes Bild. Die Tätigkeit, welche die Seele verrichtet, indem sie sich einem ihr Gegenüberstehenden wahrnehmend hingibt, das fertiges Bild ist, kann als Imagination bezeichnet werden. Das Erleben, das entfaltet werden muß, um ein werdendes Bild zu erfassen, ist dem gegenüber Inspiration.
Noch anders liegt die Sache, wenn man das Stoffwechsel- und das Bewegungssystem des menschlichen Organismus betrachtet. Da ist es, als ob man vor der noch ganz leeren Leinwand, den Farbentöpfen und dem noch nicht malenden Künstler stünde. Will man dem Stoffwechsel- und dem Gliedmaßensystem gegenüber zum Begreifen kommen, so muß man ein Wahrnehmen entwickeln, das mit dem Wahrnehmen dessen, was die Sinne erfassen, nicht mehr zu tun hat als der Anblick von Farbentöpfen, leerer Leinwand und Maler mit dem, was später als Bild des Malers vor unsere Augen tritt. Und die Tätigkeit, in der die Seele rein geistig den Menschen aus dem Stoffwechsel und aus seinen Bewegungen heraus erlebt, ist so, wie wenn man im Anblicke vom Maler, leerer Leinwand und Farbentöpfen das später gemalte Bild erlebte. Dem Stoffwechsel- und Gliedmaßensystem gegenüber muß in der Seele die Intuition walten, wenn es zum Begreifen kommen soll.
Es ist nötig, daß die tätig wirkenden Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft in solcher Art auf die Wesenheit hindeuten, die dem anthroposophischen Betrachtenzugrunde liegt. Denn nicht nur soll eingesehen werden, was durch Anthroposophie an Erkenntnisinhalt gewonnen wird, sondern auch, wie man zum Erleben dieses Erkenntnisinhaltes gelangt. ..." nach oben

Anthroposophische Leitsätze als Anregungen vom Goetheanum ausgegeben

1.Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg, der das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltenall führen möchte. Sie tritt im Menschen als Herzens- und Gefühlsbedürfnis auf. Sie muß ihre Rechtfertigung dadurch finden,daß sie diesem Bedürfnisse Befriedigung gewähren kann. Anerkennen kann Anthroposophie nur derjenige, der in ihr findet, was er aus seinem Gemüte heraus suchen muß. Anthroposophen können daher nur Menschen sein, die gewisse Fragen über das Wesen des Menschen und die Welt so als Lebensnotwendigkeit empfinden, wie man Hunger und Durst empfindet.

2. Anthroposophie vermittelt Erkenntnisse, die auf geistige Art gewonnen werden. Sie tut dies aber nur deswegen, weil das tägliche Leben und die auf Sinneswahrnehmung und Verstandestätigkeit gegründete Wissenschaft an eine Grenze des Lebensweges führen, an der das seelische Menschendasein ersterben müßte, wenn es diese Grenze nicht überschreiten könnte. Dieses tägliche Leben und diese Wissenschaft führen nicht so zur Grenze, daß an dieser stehengeblieben werden muß, sondern es eröffnet sich an dieser Grenze der Sinnesanschauung durch die menschliche Seele selbst der Ausblick in die geistige Welt.

3. Es gibt Menschen, die glauben, mit den Grenzen der Sinnesanschauung seien auch die Grenzen aller Einsicht gegeben. Würden diese aufmerksam darauf sein, wie sie sich dieser Grenzen bewußt werden, so würden sie auch in diesem Bewußtsein die Fähigkeiten entdecken, die Grenzen zu überschreiten. Der Fisch schwimmt an die Grenze des Wassers; er muß zurück, weil ihm die physischen Organe fehlen, um außer dem Wasser zu leben. Der Mensch kommt an die Grenze der Sinnesanschauung; er kann erkennen, daß ihm auf dem Wege dahin die Seelenkräfte geworden sind, um seelisch in dem Elemente zu leben, das nicht von der Sinnesanschauung umspannt wird.

4. Der Mensch braucht zur Sicherheit in seinem Fühlen, zur kraftvollen Entfaltung seines Willens eine Erkenntnis der geistigen Welt. Denn er kann die Größe, Schönheit,Weisheit der natürlichen Welt im größten Umfange empfinden : diese gibt ihm keine Antwort auf die Frage nach seinem eigenen Wesen. Dieses eigene Wesen hält die Stoffe und Kräfte der natürlichen Welt so lange in der lebend-regsamen Menschengestalt zusammen, bis der Mensch durch die Pforte des Todes schreitet. Dann übernimmt die Natur diese Gestalt. Sie kann dieselbe nicht zusammenhalten, sondern nur auseinandertreiben. Die große, schöne, weisheitsvolle Natur gibt wohl Antwort auf die Frage: wie wird die Menschengestalt aufgelöst, nicht aber, wie wird sie zusammengehalten. Kein theoretischer Einwand kann diese Frage aus der empfindenden Menschenseele, wenn diese sich nicht selbst betäuben will, auslöschen. Ihr Vorhandensein muß die Sehnsucht nach geistigen Wegen der Welterkenntnis unablässig in jeder Menschenseele, die wirklich wach ist, regsam erhalten.

5. Der Mensch braucht zur inneren Ruhe die Selbst-Erkenntnis im Geiste. Er findet sich selbst in seinem Denken, Fühlen und Wollen. Er sieht, wie Denken, Fühlen und Wollen von dem natürlichen Menschenwesen abhängig sind. Sie müssen in ihren Entfaltungen der Gesundheit, Krankheit, Kräftigung und Schädigung des Körpers folgen. Jeder Schlaf löscht sie aus. Die gewöhnliche Lebenserfahrung weist die denkbar größte Abhängigkeit des menschlichen Geist-Erlebens vom Körper-Dasein auf. Da erwacht in dem Menschen das Bewußtsein, daß in dieser gewöhnlichen Lebenserfahrung die Selbst-Erkenntnis verloren gegangen sein könne. Es entsteht zunächst die bange Frage: ob es eine über die gewöhnliche Lebenserfahrung hinausgehende Selbst-Erkenntnis und damit die Gewißheit über ein wahres Selbst geben könne? Anthroposophie will auf der Grundlage sicherer Geist-Erfahrung die Antwort auf diese Frage geben. Sie stützt sich dabei nicht auf ein Meinen oder Glauben, sondern auf ein Erleben im Geiste, das in seiner Wesenheit so sicher ist wie das Erleben im Körper. (Ende Zitat aus o.g. Buch)

.....Anmerkung: Hier schließen sich vielerlei Fragen an, denn wie will Anthroposophie dieses - wohlgemerk! - Erleben nachweisen. Das ist niemandem von außen aufzudrängen. Es geht nur über den Selbst-Beweis, eben das Erleben. Es muß aber das Erleben ein solches sein, dass durch sich selber zugleich Erkenntnis-Qualtität hat, ansonsten wäre es wiederum gänzlich zweifelhaft und unklar, wie eben alle Erfahrung selber ist. Ein solches Erleben ist die Erfahrung der übersinnlichen Natur des eigenen Denkens. Darum knüpfen eben alle meditativen Übungen der Anthroposophie zunächst immer an dem wachesten Punkt des Bewußtseins an, an das Denken und versuchen über die Erkraftung dieses Denkens einen ersten Schritt in das sich selbst tragende und sich selbst gegenwärtig wissende Bewußtsein zu tun.nach oben
Rudolf Steiner führt nun in "6." und "7." den Begriff des Ätherischen ein, wie dieses in der Natur, also auch in der menschlichen Natur wirksam ist. In "8." wird über die Betrachtung des Bewußtseins der Begriff des Astralleib eingeführt. Die Erfahrung und Anerkenntnis davon kann - verstänlicher weise - gar nicht von Außen, sondern nur aus sich selbst heraus erfolgen, gleich einem mathematischen Beweis, der nicht einsichtig wird, solange man ihn nicht SELBST DENKT. Hier geht es aber nicht nur um SELBERDENKEN, sondern um ein gegenwärtiges Wissen ( = Erleben) der eigenen Bewußtseins-, ja Geistestätigkeit. Diese Übungen können Meditationen genannt werden. Genauer geht Rudolf Steiner darauf ein ab "9."ff. (Weiter im Text Rudolf Steiners:)

8. Man kann die Wesenheit des Menschen betrachten, insoferne diese aus seinem physischen und seinem ätherischen Leib sich ergibt. Man wird finden, daß alle Erscheinungen am Menschen, die von dieser Seite ausgehen, nicht zum Bewußtsein führen, sondern im Unbewußten verbleiben. Das Bewußtsein wird nicht erhellt, sondern verdunkelt, wenn die Tätigkeit des physischen und des Ätherleibes erhöht wird. Ohnmachtszustände kann man als Ergebnis einer solchen Erhöhung erkennen. Durch die Verfolgung einer solchen Urteilsorientierung gelangt man dazu, anzuerkennen, daß in die Organisation des Menschen - und auch des Tieres - etwas eingreift, das mit dem Physischen und Ätherischen nicht von der gleichen Art ist. Es ist wirksam nicht, wenn das Physische und Ätherische aus seinen Kräften heraus tätig ist, sondern wenn diese aufhören auf ihre Art wirksam zu sein. Man kommt so zum Begriffe des Astralleibes.

9. Die Wirklichkeit dieses Astralleibes wird gefunden, wenn man durch die Meditation von dem Denken, das durch die Sinne von außen angeregt wird, zu einem innerlichen Anschauen fortschreitet. Man muß dazu das von außen angeregte Denken innerlich ergreifen und es in der Seele als solches, ohne seine Beziehung auf die Außenwelt, intensiv erleben; und dann durch die Seelenstärke, die man in solchem Ergreifen und Erleben sich angeeignet hat, gewahr werden, daß es innere Wahrnehmungsorgane gibt, die ein Geistiges schauen da, wo in Tier und Menschen der physische und der ätherische Leib in ihren Schranken gehalten werden, damit Bewußtsein entstehe.

10. Das Bewußtsein entsteht nicht durch ein Fortführen derjenigen Tätigkeit, die aus dem physischen und dem Ätherleib als Ergebnis kommt, sondern diese beiden Leiber müssen mit ihrer Tätigkeit auf den Nullpunkt kommen, ja noch unter denselben, damit "Platz entstehe" für das Walten des Bewußtseins. Sie sind nicht die Hervorbringer des Bewußtseins, sondern sie geben nur den Boden ab, auf dem der Geist stehen muß, um innerhalb des Erdenlebens Bewußtsein hervorzubringen. Wie der Mensch auf der Erde einen Boden braucht, auf dem er stehen kann, so braucht das Geistige innerhalb des Irdischen die materielle Grundlage, auf der es sich entfalten kann. Und so wie im Weltenraum der Planet den Boden nicht braucht, um seinen Ort zu behaupten, so braucht der Geist, dessen Anschauung nicht durch die Sinne auf das Materielle, sondern durch die Eigenkraft auf das Geistige gerichtet ist, nicht diese materielle Grundlage, um seine bewußte Tätigkeit in sich rege zu machen.

11. Das Selbstbewußtsein, das im "Ich" sich zusammenfaßt, steigt aus dem Bewußtsein auf. Dieses entsteht, wenn das Geistige in den Menschen dadurch eintritt, daß die Kräfte des physischen und des ätherischen Leibes diese abbauen. Im Abbau dieser Leiber wird der Boden geschaffen, auf dem das Bewußtsein sein Leben entfaltet. Dem Abbau muß aber, wenn die Organisation nicht zerstört werden soll, ein Wiederaufbau folgen. So wird, wenn für ein Erleben des Bewußtseins ein Abbau erfolgt ist, genau das Abgebaute wieder aufgebaut werden. In der Wahrnehmung dieses Aufbaues liegt das Erleben des Selbstbewußtseins. Man kann in innerer Anschauung diesen Vorgang verfolgen. Man kann empfinden, wie das Bewußte in das Selbstbewußte dadurch übergeführt wird, daß man aus sich ein Nachbild des bloß Bewußten schafft. Das bloß Bewusste hat sein Bild in dem durch den Abbau gewissermaßen leer Gewordenen des Organismus. Es ist in das Selbstbewußtsein eingezogen, wenn die Leerheit von innen wieder erfüllt worden ist. Das Wesenhafte, das zu dieser Erfüllung fähig ist, wird als "Ich" erlebt.

12. Die Wirklichkeit des "Ich" wird gefunden, wenn man die innere Anschauung, durch die der Astralleib erkennend ergriffen wird, dadurch weiter fortbildet, daß man das erlebte Denken in der Meditation mit dem Willen durchdringt. Man hat sich diesem Denken zuerst willenslos hingegeben. Man hat es dadurch dazu gebracht, daß ein Geistiges in dieses Denken eintritt, wie die Farbe bei der sinnlichen Wahrnehmung in das Auge, der Ton in das Ohr eintritt. Hat man sich in die Lage gebracht, dasjenige, das man auf diese Art, durch passive Hingabe, im Bewußtsein verlebendigt hat, durch einen Willensakt nachzubilden, so tritt in diesen Willensakt die Wahrnehmung des eigenen "Ich" ein.

13. Man kann auf dem Wege der Meditation zu der Gestalt, in der das "Ich" im gewöhnlichen Bewußtsein auftritt, drei weitere Formen finden: 1. In dem Bewußtsein, das den Ätherleib erfaßt, erscheint das "Ich" als Bild, das aber zugleich tätige Wesenheit ist und als solche dem Menschen Gestalt, Wachstum, Bildekräfte verleiht. 2. In dem Bewußtsein, das den Astralleib erfaßt, offenbart sich das "Ich" als Glied einer geistigen Welt, von der es seine Kräfte erhält. 3. In dem Bewußtsein, das eben als das zuletzt zu erringende angeführt worden ist, zeigt sich das "Ich" als eine von der geistigen Umwelt relativ unabhängige, selbständige geistige Wesenheit.

14. Die zweite Gestalt des "Ich", die in der Darstellung des 13. Leitsatzes angedeutet worden ist, tritt als "Bild"dieses Ich auf. Durch das Gewahrwerden dieses Bildcharakters wird auch ein Licht geworfen auf die Gedankenwesenheit, in der das "Ich" vor dem gewöhnlichen Bewusstsein erscheint. Man sucht durch allerlei Betrachtungen in dem gewöhnlichen Bewußtsein das "wahre Ich". Doch eine ernstliche Einsicht in die Erlebnisse dieses Bewusstseins zeigt, daß man in demselben dieses "wahre Ich" nicht finden kann; sondern dass da nur der gedankliche Abglanz, der weniger als ein Bild ist, aufzutreten vermag. Man wird von der Wahrheit dieses Tatbestandes erst recht erfaßt, wenn man fortschreitet zu dem "Ich" als Bild, das in dem Ätherleibe lebt. Und dadurch wird man erst richtig zu dem Suchen des Ich als der wahren Wesenheit des Menschen angeregt.

15. Die Einsicht in die Gestalt, in der das "Ich" im Astralleibe lebt, führt zu einer rechten Empfindung von dem Verhältnisse des Menschen zu der geistigen Welt. Diese Ich-Gestalt ist für das gewöhnliche Erleben in die dunklen Tiefen des Unbewußten getaucht. In diesen Tiefen tritt der Mensch mit der geistigen Weltwesenheit durch Inspiration in Verbindung. Nur ein ganz schwacher gefühlsmäßiger Abglanz von dieser in den Seelentiefen waltenden Inspiration aus den Weiten der geistigen Welt steht vor dem gewöhnlichen Bewußtsein.

16. Die dritte Gestalt des "Ich" gibt die Einsicht in die selbständige Wesenheit des Menschen innerhalb einer geistigen Welt. Sie regt die Empfindung davon an, daß der Mensch mit seiner irdisch-sinnlichen Natur nur als die Offenbarung dessen vor sich selber steht, was er in Wirklichkeit ist. Damit ist der Ausgangspunkt wahrer Selbsterkenntnis gegeben. Denn jenes Selbst, das den Menschen in seiner Wahrheit gestaltet, wird sich der Erkenntnis erst offenbaren, wenn er vom Gedanken des Ich zu dessen Bilde, von dem Bilde zu den schöpfenden Kräften dieses Bildes, und von da zu den geistigen Trägern dieser Kräfte fortschreitet.

17. Der Mensch ist ein Wesen, das in der Mitte zwischen zwei Weltgebieten sein Leben entfaltet. Er ist mit seiner Leibes-Entwickelung in eine "untere Welt" eingegliedert; er bildet mit seiner Seelen-Wesenheit eine "mittlere Welt",und er strebt mit seinen Geisteskräften nach einer "oberen Welt" hin. Seine Leibes-Entwickelung hat er von dem, was ihm die Natur gegeben hat; seine Seelen-Wesenheit trägt er als seinen eigenen Anteil in sich; die Geisteskräfte findet er in sich als die Gaben, die ihn über sich selbst hinausführen zur Anteilnahme an einer göttlichen Welt.

18. Der Geist ist in diesen drei Weltgebieten schaffend. Die Natur ist nicht geistlos. Man verliert erkennend auch die Natur, wenn man in ihr den Geist nicht gewahr wird. Aber man wird allerdings innerhalb des Naturdaseins den Geist wie schlafend finden. So wie aber der Schlaf im Menschenleben seine Aufgabe hat und das "Ich" eine gewisse Zeitschlafen muß, um zu einer andern recht wach zu sein, so muß der Weltengeist an der "Natur-Stelle" schlafen, um an einer andern recht wach zu sein.

19. Der Welt gegenüber ist die Menschenseele ein träumendes Wesen, wenn sie nicht auf den Geist achtet, der in ihr wirkt. Dieser weckt die im eigenen Innern webenden Seelenträume zur Anteilnahme an der Welt, aus welcher des Menschen wahres Wesen stammt. Wie sich der Träumende vor der physischen Umwelt verschließt und in das eigene Wesen einspinnt, so müßte die Seele ihren Zusammenhang mit dem Geiste der Welt verlieren, aus dem sie stammt, wenn sie die Weckrufe des Geistes in sich selbst nicht hören wollte.

20. Es gehört zur rechten Entfaltung des Seelenlebens im Menschen, daß er sich innerhalb seines Wesens des Wirkens aus dem Geiste vollbewußt werde. Viele Bekenner der neueren naturwissenschaftlichen Weltanschauung sind in dieser Richtung so stark in einem Vorurteile befangen, daß sie sagen, die allgemeine Ursächlichkeit ist in allen Welterscheinungen das Herrschende. Wenn der Mensch glaubt, er könne aus Eigenem die Ursache von etwas sein, so kann das nur eine Illusion bilden. Die neuere Natur-Erkenntnis will in allem treu der Beobachtung und Erfahrung folgen. Durch dieses Vorurteil von der verborgenen Ursächlichkeit der eigenen menschlichen Antriebe sündigt sie gegen diesen ihren Grundsatz. Denn das freie Wirken aus dem Innern des menschlichen Wesens ist ein ganz elementares Ergebnis der menschlichen Selbstbeobachtung. Man darf es nicht wegleugnen, sondern muß es mit der Einsicht in die allgemeine Verursachung innerhalb der Naturordnung in Einklang bringen.

21. Die Nicht-Anerkennung dieses Antriebes aus dem Geiste heraus im Innern des menschlichen Wesens ist das größte Hindernis für die Erlangung einer Einsicht in die geistige Welt. Denn Einordnung des eigenen Wesens in den Naturzusammenhang bedeutet Ablenkung des Seelenblickes von diesem Wesen. Man kann aber in die geistige Welt nicht eindringen, wenn man den Geist nicht zuerst da erfaßt, wo er ganz unmittelbar gegeben ist: in der unbefangenen Selbstbeobachtung.

.....Anmerkung: dieser "Antrieb aus dem Geiste heraus im Innern des menschlichen Wesens" ist von Rudolf Steiner ausführlich immer und immer wieder dargestellt worden als das Wesen der menschlichen Freiheit. Hier nun nur hier kann eine gesunde und zeitgemäße Erkenntnis der Welt auch in ihrem geistigem Wesen ihren Ursprung nehmen. Darum hat Rudolf Steiner auch immer wieder hingewiesen auf seine "Philosophie der Freiheit" als seiner eigentlichen Tat. nach oben

22. Die Selbstbeobachtung bildet den Anfang der Geistbeobachtung. Und sie kann deshalb den rechten Anfangbilden, weil der Mensch bei wahrer Besinnung nicht bei ihr stehen bleiben kann, sondern von ihr fortschreiten muß zu weiterem geistigen Weltinhalt. Wie der menschliche Körper verkümmert, wenn er nicht physische Nahrung erhält, so wird der im rechten Sinne sich selbst beobachtende Mensch sein Selbst in Verkümmerung empfinden, wenn er nicht sieht, wie in dieses Selbst die Kräfte einer außer ihm tätigen geistigen Welt hineinwirken.

23. Der Mensch betritt, indem er durch die Todespforte geht, die geistige Welt, indem er von sich abfallen fühlt alles, was er durch die Sinne des Leibes und durch das Gehirn während des Erdenlebens an Eindrücken und an Seeleninhalten erworben hat. Sein Bewußtsein hat dann in einem umfassenden Tableau in Bildern vor sich, was an Lebensinhalt während des Erdenwandels in Form von bildlosen Gedanken in das Gedächtnis gebracht werden konnte, oder was zwar für das Erdenbewusstsein unbemerkt geblieben ist, doch aber einen unterbewussten Eindruck auf die Seele gemacht hat. Diese Bilder verblassen nach wenig Tagen bis zum Entschwinden. Wenn sie sich ganz verloren haben, so weiß der Mensch, daß er auch seinen Ätherleib abgelegt hat, in dem er den Träger dieser Bilder erkennen kann.

24. Der Mensch hat nach der Ablegung des Ätherleibes noch den Astralleib und das Ich als die ihm verbleibenden Glieder. Solange der erstere an ihm ist, lässt dieser dem Bewusstsein alles das erleben, was während des Erdenlebens den unbewussten Inhalt der im Schlafe ruhenden Seele gebildet hat. In diesem Inhalt sind die Urteile enthalten, welche die Geistwesen einer höheren Welt während der Schlafzeiten dem Astralleib einprägen, die aber dem Erdenbewußtsein sich verbergen. Der Mensch lebt sein Erdenleben noch einmal durch, doch jetzt die Beurteilung seines Tuns und Denkens vom Gesichtspunkte der Geisteswelt aus ist. Das Durchleben geschieht rückläufig: erst die letzte Nacht, dann die zweitletzte und so weiter.

25. Die nach dem Durchgang durch die Todespforte imAstralleibe erlebte Lebensbeurteilung dauert so lange, wie die Zeit betragen hat, die während des Erdenlebens von dem Schlafe eingenommen war.

26. Erst nach Ablegung des Astralleibes, nach der vollendeten Lebensbeurteilung, tritt der Mensch in die geistige Welt ein. In dieser steht er zu Wesenheiten rein geistiger Art in einer solchen Beziehung wie auf der Erde zu den Wesenheiten und Vorgängen der Naturreiche. Es wird im geistigen Erleben dann alles, was im Erdenleben Außen-welt war zur Innenwelt. Der Mensch nimmt dann nicht bloß diese Außenwelt wahr, sondern er erlebt sie in ihrer Geistigkeit, die ihm auf Erden verborgen war, als seine Innenwelt.

27. Der Mensch, wie er auf Erden ist, wird im Geistgebiet Außenwelt. Man schaut auf diesen Menschen, wie man auf Erden auf Sterne, Wolken, Berge, Flüsse schaut. Und diese Außenwelt ist nicht weniger inhaltreich, wie die Erscheinung des Kosmos dem irdischen Leben erscheint.

28. Die.im Geistgebiet vom Geiste des Menschen erbildeten Kräfte wirken in der Gestaltung des Erdenmenschen fort, so wie die im physischen Menschen vollbrachten Taten in dem Leben nach dem Tode als Seeleninhalt fortwirken.

29. In der entwickelten imaginativen Erkenntnis wirkt was im Innern des Menschen seelisch-geistig lebt und in seinem Leben am physischen Leib gestaltet und auf dessen Grundlage das Menschendasein in der physischen Welt entfaltet. Dem sich im Stoffwechsel immer wieder erneuernden physischen Leib steht da die in ihrem Wesen von der Geburt (bzw. Empfängnis) bis zum Tode dauernd sich entfaltende innere Menschenwesenheit gegenüber, dem physischen Raumesleib ein Zeitenleib.

30. In der inspirierten Erkenntnis lebt im Bilde, was das Menschenwesen in der Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt innerhalb einer geistigen Umgebung erfährt. Da ist anschaulich, was der Mensch ohne seinen physischen und Ätherleib, durch die er das irdische Dasein durchmacht, seinem Wesen nach im Weltenzusammenhange ist.

31. In der intuitiven Erkenntnis kommt das Herüberwirken früherer Erdenleben in das gegenwärtige zum Bewußtsein. Diese früheren Erdenleben haben in ihrer Weiterentwickelung die Zusammenhänge abgestreift, in denen sie mit der physischen Welt gestanden haben. Sie sind zum rein geistigen Wesenskern des Menschen geworden und wirken als solcher im gegenwärtigen Leben. Sie sind dadurch auch Gegenstand der Erkenntnis, die als die Entfaltung der imaginierenden und inspirierten sich ergibt.

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