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(Es handelt sich im Folgenden um einen kleinen Aufsatz, der im Anhang dem unten
genannten Buch beigefügt wurde)
Dr Friedrich Benesch
Zur Frage nach der Anthroposophie
Bei der Behandlung der Inhalte dieses Buches handelt es sich um grundlegende und umfassende Erkenntnisfragen in bezug auf Welt, Erde und Mensch. Dabei mußte aus innerer Notwendigkeit immer wieder auf die Ergebnisse der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners zurückgegriffen werden. Denn es gibt heute nur eine Forschungsrichtung, die mit dem Primat des Geistes, des Lebens, der lebendigen Gestalt, des Sinnvollen, des Wesenhaften und der waltenden Vorsehung in der Welt voll und ganz ernst macht. Es ist das die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft Rudolf Steiners. Sie eröffnet die gedanklichen Wege vom Stoff zum Geist, vom Geist zum Stoff. Wie aber steht sie der heute üblichen Wissenschaft gegenüber?
Ein Überblick über den Umfang des Erkenntnislebens der Menschheit unseres Jahrhunderts zeigt die Überfülle dessen, was Wissenschaft im weitesten Sinn heute leisten kann. Diese Überfülle darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß ihr eine grandiose Einseitigkeit zugrunde liegt. Diese besteht darin, daß einerseits als das alleinige Objekt dieser Erkenntnisart ausschließlich das anerkannt wird, was direkt oder indirekt dem sinnlichen Erfahren, Beobachten und Prüfen zugrunde liegt. Ausschließlich dieser Bereich ist zugelassen. Von ihm aus und zu ihm hin ist Wissenschaft allein möglich und zulässig. Andererseits wird dieses Objekt mit der intellektuellen Gedanklichkeit des Menschen geordnet (Systematik), interpretiert (Analytik) und hinterfragt (Kausalität). Daraus werden Hypothesen, Theorien und Modelle gebildet, die das letzte Ergebnis dieser Erkenntnisart darstellen. Das allein heißt Wissenschaft. Selbstverständlich können dabei auch die Sinnesinhalte des normalen, naiven Bewußtseins auf ihren objektiven oder subjektiven Gehalt hin geprüft werden, doch müssen sie in jedem Fall auf irgend einen außerhalb der Subjektivität des Menschen vorhandenen Tatbestand, Sachverhalt bezogen, eventuell auch reduziert werden, der für alle Hypothesen, Theorien und Modelle unbestreitbar sein muß.
Seit Kant ist das wissenschaftliche Bewußtsein endgültig kritisch geworden, d. h. es kontrolliert sich selbst faktisch und methodisch. Daraus wird dann die Wissenschaftstheorie entwickelt: die Wissenschaft von der Wissenschaft.
Im Grunde handelt es sich dabei doch nur um drei, wenn auch nicht scharf gegeneinander abzugrenzende Kategorien des Erkenntnislebens. Die erste kann man den Bereich der mehr oder weniger naiven, unkritischen Erkenntnishaltung nennen. Der Mensch mit seinen Wahrnehmungen, Erfahrungen und Erlebnissen reflektiert über alles nach gelernten Kategorien aus Sprache, Kindheitserlebnissen, erlerntem Schulwissen, Urteilen der Mitmenschen und nach den aus Massenmedien übernommenen Urteilen, Dogmen, Phrasen, Denkgewohnheiten, sowie aus den popularisierten Ergebnissen der Wissenschaft. Auch die eigenen Einfälle spielen dabei eine Rolle, werden aber auch naiv vollzogen. Je nach dem persönlichen Intelligenzquotienten bildet sich der naive Mensch eine Welt- und Lebensanschauung, in die er seine Erfahrungen usw. hineinverarbeitet. Charakteristisch ist aber, daß er diese Erfahrungen und Urteile naiv glaubt und sie auch naiv im Leben praktisch anwendet.
Davon hebt sich Stufe um Stufe der sich wissenschaftlich schulende Mensch ab. Er entwickelt ein mehr oder weniger kritisches Bewußtsein, reflektiert und prüft Mittel und Methoden und setzt sich der Kritik der Wissenschaft untereinander aus, wobei Logik und Tatsachen die entscheidende Rolle spielen. Aber auch hier gibt es eine Fülle der Fähigkeiten nach Intelligenz und kritischer Bewußtseinsfähigkeit. Naivität, Dogmatismus, Autoritätsglaube und Fachidiotie leben in dauerndem Konflikt mit Vorurteilslosigkeit, geistiger Freiheit und Selbstkritik. Dadurch entstehen im Wissenschaftsbetrieb deutliche Stufen. Man kann eben auch als Wissenschaftler partiell sehr naiv sein und bleiben.
An das wissenschaftliche Erkenntnisleben als Forschung im weitesten Sinne schließt sich die Lehre. Sie hat zur Voraussetzung, daß der Lehrende die Fähigkeit entwickelt, sich in das Bewußtsein des Lernenden so hineinzuversetzen, daß er ihm die Brücke bauen kann von dem einen zum anderen Bewußtsein und Bewußtseinsinhalt. Schließlich werden wissenschaftliche Forschungsergebnisse im praktischen Leben angewendet, und Wissenschaft und Lehre gehen auf den Praktiker über.
Der naive Mensch kann erkennen, ohne Wissenschaftler zu sein, der Wissenschaftler kann forschen, ohne kritisch zu sein, der kritische und selbstkritische Wissenschaftler kann wissen, ohne lehren zu können. In diesen drei Kategorien des naiv Erkennenden, des wissenschaftlich Forschenden und des Lehrenden erschöpft sich die Tätigkeit des Erkenntnislebens des Menschen. Die unübersteigbaren Grenzen liegen auf der einen Seite in der Welt der Sinneserfahrung, auf der anderen Seite in den Grenzen des Bewußtseins und in den Denkkategorien des Intellekts. Charakteristisch ist, daß alle Begriffe dieser Theorien und Modelle letzten Endes auf sinnliche Erfahrungen oder daraus abgeleitete Interpretationen bezogen sein müssen. Sachlichkeit, Exaktheit, Logik und Nachprüfbarkeit sind die methodischen Postulate. Und alles, was über diese Bereiche hinausgeht, ist dann nicht mehr Gegenstand der Wissenschaft. Es ist Metaphysik, Mystik, Okkultismus, Esoterik, Parapsychologie, Magie und Religion, oder schlicht Illusion, Halluzination, Pathologie.
Ganz unbemerkt steht an diesen Grenzen doch ein naiver Dogmatismus. Denn so, wie für den Menschen sinnliche Wahrnehmung, seelische Erfahrung und intellektuelle Begrifflichkeit in Sprachform Tatsachen sind, die kritisch geprüft werden können, so gibt es außerhalb solcher Erfahrungsgrenzen auch das Hellsehen, das zweite Gesicht, die Clairvoyance, Ahnung, Vision und Prophetie. Das sind erfahrbare Tatsachen menschlichen Daseins. In ihnen begegnet dem Menschen eine Weltdimension, die den normalen Sinnen, dem normalen seelischen Erleben und dem logischen Denken nicht zugänglich sind. Gibt man ihnen den Namen: Bereiche einer übersinnlichen Welt, so ist über Objektivität, Tatsächlichkcit oder Subjektivität und Irrealität derselben noch nichts entschieden. Es gibt sehr viel mehr hellsichtige Menschen in der Welt, als man meint.
Nun gilt aber auch hier, genau wie bei der sinnlichen Erfahrung, daß die meisten Hellseher ihren Erlebnissen genauso naiv gegenüberstehen wie die "normalen" Menschen der Sinnenwelt. Die wissenschaftliche Frage ist eine doppelte: Muß es bei der naiven Beziehung zu übersinnlichen Erlebnissen bleiben, oder kann der Hellseher eine wissenschaftliche Schulung durchmachen, durch die er seine übersinnlichen Erlebnisse genauso kritisch prüfen, ordnen, erklären und begründen kann wie der die sinnliche Welt erforschende Wissenschaftler die scinigen? Und das andere: kann der übersinnlich Forschende seine Wahrnehmungsmöglichkeiten selbst in die Hand nehmen, schulen, bewußt lenken, verfeinern, erweitern und vertiefen und vor allem prüfen durch Umbildung und Ausbildung seiner eigenen Konstitution, z.B. durch Selbstkontrolle, Meditation, Konzentration usw.? Dadurch könnte alles Illusionäre, Halluzinatorische und Pathologische ausgeschlossen sein.
Wenn das gilt, so kann aus dem natürlichen Hellseher ein Geistesforscher werden, ein Wissenschaftler auf dem Gebiete des Übersinnlichen, der seine Erfahrungen und sich selbst ebenso kritisch begrifflich durchschauen kann wie der exakte Naturforscher die seinigen. Dem naiven Hellseher kann man weder vertrauen, noch kann man ihn kontrollieren. Gilt das aber auch für den Geistesforscher? Er kann seine Forschungsergebnisse in Wissenschaftlich geprüfter Form weitergeben. Damit werden sie für andere zwar nicht wahrnehmbar, aber verständlich, erklärbar und begründbar. Die Voraussetzung ist nur, daß der Geistesforscher in der Lage ist, seine kritisch geprüften Forschungsergebnisse mit den Erlebnissen und Erfahrungen des gewöhnlichen Bewußtseins, sowohl des naiven wie des wissenschaftlichen, zu konfrontieren, zu verbinden und zu durchdringen. Das heißt aber, er muß Geisteslehrer sein können. Er muß, was er erforscht, in Gedankenform so an das nicht hellsehende Bewußtsein seiner Mitmenschen heranbringen können, daß er die Bewußtseinsinhalte verständlicher machen kann, als sie durch sich selbst sind, und er muß inhaltliche Erweiterungen durch das Übersinnliche so mit dem Vorhandenen verbinden können, daß sie Ergänzungen darstellen zu dem, was auf dem normalen Wege nicht zu finden ist. Schließlich muß er zeigen können, wie seine Forschungsergebnisse auch im ganz praktischen Leben anwendbar und fruchtbar sind.
Nun kommt allerdings auf dem übersinnlichen Feld noch ein Weiteres hinzu. Im Sinnesgebiet ist es so, daß der Forscher die Interpretation der Natur selbst vollzieht. Nur den Mitmenschen gegenüber ist das nicht möglich. Die Begegnung mit einer Person, die denken und sprechen kann, bedeutet immer auch, daß abgewartet werden muß, was diese Person über sich selbst und über ihre eigenen Bewußtseinsinhalte aussagt. Der Forscher muß etwas erfahren durch persönliche Mitteilung, sonst erfahrt er dies auf keine Weise.
Auch diesen Tatbestand kann man auf die übersinnliche Welt übertragen. Denn der Geistesforscher begegnet in der geistigen Welt individuellen geistigen Wesen. Er kann sie beobachten und interpretieren, er kann aber von ihnen auch Mitteilungen empfangen, die ihm nur dadurch zugänglich werden, daß sich diese Wesen von sich aus äußern. Sie können ihm ihre Absichten mitteilen. Er wird dann etwas erfahren, was dem gewöhnlichen Bewußtsein niemals zugänglich ist. Er wird das, was man von alters her einen Eingeweihten nennt. Er lebt als solcher in den Erinnerungen, den gegenwärtigen Taten und den Zukunftsabsichten der Geistwesen, die nicht Naturwesen sind und auch nicht wie der Mensch sinnlich erscheinen. Auch von diesen Inhalten kann er den nicht hellsehenden Menschen Mitteilung machen.
Nun könnte man einwenden, wozu braucht man denn für wahre Welterkenntnis
überhaupt noch die exakte Naturforschung. Man lasse doch alle Menschen
Übungen machen, hellsichtig werden und Geistesforschung
betreiben.
Aber so ist es nicht: Erstens muß die Schulung für ein exaktes, wissenschaftlich-kritisches Bewußtsein an der Sinneswelt erarbeitet werden. Philosophie, Mathematik und exakte Naturwissenschaft sind die Erzieher eines Sachbewußtseins, das auch der Hellseher braucht, um Geistesforscher zu sein. Zweitens gehören die Ergebnisse der Sinneswissenschaft einerseits und der Geisteswissenschaft andererseits so zueinander wie ein Handschuh zum anderen. Sie decken sich nicht, aber sie ergänzen sich existentiell-symmetrisch. Das hängt mit der menschlichen Existenz als solcher zusammen. Denn der Mensch lebt, ganz gleich, ob er sich dessen bewußt ist oder nicht, immer in drei Welten: der Sinnes-, der Seelen- und der Geisteswelt. Er ist seiner vollständigen Natur nach Bürger dreier Welten. Er kann sein forschendes Bewußtsein reduzieren auf eine dieser Welten, er kann es aber auch auf alle drei erkenntnisspezifisch anwenden. Naturwissenschaft auf verständige Weise, Seelenwissenschaft auf seelische Weise und Geisteswissenschaft auf geistige Weise eröffnen zusammen erst die Erkenntniswege für das Ganze der Welt: für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
In der Gestalt Rudolf Steiners und seinem Lebenswerk kann man einem solchen Hellseher, Geistesforscher, Geisteslehrer, praktischen Lebenshelfer und Eingeweihten begegnen. Da in der Offenbarung des Johannes von übersinnlichen Tatsachen die Rede ist, liegt es nahe, dort Rat zu holen, wo für solche Tatsachen Erkenntniswege vorliegen. Aus diesen Gründen konnte grundsätzlich nicht darauf verzichtet werden, immer wieder auf die Geisteswissenschaft zurückzugreifen. Darum wurden auch im Anhang die entsprechenden Inhalte aus den Vortragen und Büchern im Wortlaut diesem Buch mitgegeben.
Aus Friedrich Benesch: Apokalypse,
Die Verwandlung der Erde; eine okkulte Mineralogie,
Urachhaus-Verlag, Stuttgart ISBN 3-87838-298-7
Dort:"GEISTESWISSENSCHAFTLICHE ARBEITSGRUNDLAGEN"
Anhang Nr. 1