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Mitmenschen von Boris Körkel Es fällt mir selbst eigentlich gar nicht auf, dass ich seit etwa zwei Monaten sämtliche Kontakte zur Außenwelt auf ein Minimum reduziert habe. Zu wissen, dass man nichts erfährt, was bei Freunden oder Bekannten, im Weichbild der gewohnten sozialen Beziehungen also, so alles vor sich geht, ist zwar ein wenig sonderbar, doch problematisch scheint mir das nicht zu sein. Vielmehr die Vorstellung, nicht mehr zu reden, mir das Reden grundsätzlich abzugewöhnen, könnte mich beunruhigen. Doch bis jetzt ist es ja noch nicht so weit gekommen. Keineswegs fühle ich mich also vereinsamt. Mir bleiben ja an jedem Tag eine Unzahl von Kontakten zu Mitmenschen, die sich routiniert, und, wie ich meine, glücklich abspielen. Am Nachmittag etwa habe ich ein wenig mit der Bibliothekarin geplaudert, mir von ihr eine Apparatur vorführen und erklären lassen und konnte danach wieder in Ruhe und für einige Stunden schweigend auf Mikrofilm alte Ausgaben einer Zeitung untersuchen. Hier gab es ja genug Gesprächsstoff und Unterhaltung: "Modernes Leben" etwa heißt eine Rubrik, die ich über den Zeitraum von vierzehn Jahren mal hier einen Artikel, mal dort eine Überschrift oder eine Bildunterschrift lesend, zurückverfolgte. Man kann also keineswegs behaupten, ich sei nicht auf dem Laufenden. Auch mein Fernseher versorgt mich ja zu genüge mit allen Informationen über das moderne Leben. Wozu sollte ich also noch die Mühen auf mich nehmen und... aber lassen wir das. Dieser Gedanke scheint mir zu gewollt. Es ist ja nicht das, worum es mir geht. Ich möchte mich ja nicht von der Welt fernhalten. Genau genommen geht es mir nämlich um gar nichts. Die Tatsache ist nur, dass mit der Zeit von selbst immer höhere Barrieren zwischen mir und meiner einstmals gewohnten Umwelt erstehen. Von selbst. Ich könnte sie einschlagen, doch dazu sehe ich keine Veranlassung. Ich gewöhne mich an den erlangten Zustand und begnüge mich damit, ihn nachträglich rechtfertigend zu begründen. Heute Morgen traf ich ganz flüchtig einen Menschen, den ich schon seit längerem kenne. Wir tauschten einen Gruß aus. Genug für den Vormittag. Beim Mittagessen - ich pflege in öffentlichen Räumen zu essen - begegnete ich allerdings niemandem, dem ich etwas zu sagen gehabt hätte. Aber das störte mich keineswegs. Dreimal traf ich auf diese Frau; eine Nickbekanntschaft. Wenn wir uns begegnen, was recht oft geschieht, nicken wir uns ganz flüchtig zu. Eine angenehme Art der Unterhaltung ist das. Vor fünf Jahren haben wir wohl das letzte Mal ein paar Worte gewechselt. Das ist jetzt nicht mehr notwendig. Zu meinem Zeitungshändler habe ich heute übrigens auch einen Satz gesprochen. Und mit der Dame in der alten verstellten Buchhandlung. Und auch dem taubstummen Buckligen, der den ganzen Tag durch die Straßen wandert, ohne müde zu werden, habe ich heute zweimal zugenickt. Er hat freundlich seinen Hut gezogen. Eine wirklich angenehme Unterhaltung. Meine Nachbarin habe ich ebenso freundlich gegrüßt. Man kann also keinesfalls sagen, dass mein Leben sprachlos geworden wäre. An jedem einzelnen Wort hängt etwas. Und es sind derer viele Dinge, die ich so an Wörtern mit mir durch die Straßen trage. Auch an Nicken und am Lächeln freundlicher Ladenbesitzer, Passantinnen, Buckliger oder am Sprung einer Katze, dem Blick eines Hundes, ja sogar an manchem stummen Ereignis hängen solche Dinge. Ein solches stummes Ereignis war etwa ein halb abgenagter Hühnerknochen, der heute Mittag unter der Bank lag, auf der ich eigentlich sitzen wollte. Ich ließ davon ab und wählte mir die nächste Bank aus, da ich einen abgenagten Knochen unter mir als unangenehm empfinde. Und dieses unangenehme Empfinden ist ein solches stummes Ereignis, das man eine Weile mit sich herumtragen kann. Man braucht kein Wort dafür, an das man es heften könnte. Es heftet von selbst irgendwo an mir, bis es sich irgendwo - vielleicht an einem neuen stillen Ereignis - wieder ganz leise abstreift. Dies sind die eigentlichen Ereignisse eines Tages. Ein Hühnerknochen. Oder ein Buch, das verkehrt eingeordnet ist. Ich nahm es heraus und stellte es an seinen richtigen Platz. Sie lächeln mir und zwicken mich, haften eine Weile an mir wie ein eingeschlafener Fuß und verschwinden wieder; nur ohne dieses Prickeln. Huschend und schattenlos. |