Mitteilungen über das Theater in 20 Jahren (Auszüge)

(Beitrag aus: Kursbuch Jugendkultur, Nicola Duric und Thomas Lemke, Bollmann Verlag, Mannheim)

1. Sei Dir im klaren darüber, daß das staatliche Theater korruptes Beamtentheater ist: Es ist Dein Gegner.

2. Beschwere Dich nicht darüber, daß Du kein Geld hast, laß Dir etwas einfallen.

4. Studiere niemals Theaterwissenschaft. Alle erfolgreichen Regisseure sind Genrewechsler: Robert Wilson, Jan Fabre und Jan Lauwers kommen aus der Bildenden Kunst. Sei auch Du Quereinsteiger. Übe Dich in Motorsport und Politologie.

5. Hüte Dich vor der freien Szene. Öko-Theater und Pseudo-Performance sind noch kompromißbereiter und schleimiger als alle staatlichen Stellen.

7. Wenn Du bei Deiner Aufführung eine Gabel benutzt, darf niemand im Publikum beim zukünftigen Benutzen einer Gabel denken, was er vorher schon gedacht hat.

8. Zieh Dich niemals auf der Bühne aus und brülle nicht, das schockt nicht mal Abonnement-Omas.

10. Wenn Du trotzdem nicht genau weißt, wie Deine Aufführung aussehen soll, spiele einfach das Fernsehprogramm nach. Je mehr das Theater versucht, so zu sein, wie das Fernsehen, desto deutlicher werden die Unterschiede. Das Fernsehen ist Dein Freund.

11. Such Dir einen Sponsor und unterbrich Deine Aufführungen zunächst nach der Stoppuhr, um die Werbespots Deines Sponsors nachzuspielen. Wenn Du gut bist, wird es Dir gelingen, Deine Performance so um die Werbung zu ordnen, daß die Dramaturgie des Abends an Spannung gewinnt.

12. Habe keine Angst, unterhaltsam zu sein.

13. Es gibt auch noch andere Musik als Philip Glass und Tom Waits für Theater.

14. Wenn Du das Gefühl hast, daß das Publikum sich langweilt, hast Du es vielleicht mit einem ignoranten Publikum zu tun, also mach weiter, solange Du Dich nicht selbst langweilst.

15. Wenn Du Dich selbst langweilst, schiebe einen Werbeblock ein, zappe in ein anderes Programm oder höre auf.

16. Tue das, was Du tust, nicht, um dem Publikum zu gefallen, tue es einfach.

17. Versuche so zu sein, daß alle Frauen im Publikum auf der Stelle mit Dir schlafen wollen. (Wenn Du eine Frau bist, vice versa).

19. Beschwere Dich häufig über schlechte Stücke, dumme Regisseure und langweilige Aufführungen.

20. Fordere das Publikum niemals zum Mitmachen auf, aber bemühe Dich, eine Atmosphäre herzustellen, in der das Publikum nichts lieber täte als das.

22. Klaue das Meiste, zitiere das Übrige und sample den Rest.

23. Wenn Du spielst, mache klar, daß Du spielst. Das Publikum ist meistens schlauer, als Du denkst, also versuche nicht, die Leute zu verarschen.

26. Versuche nicht, vom Publikum geliebt zu werden, aber versuche so zu sein, daß Dir irgendein Gefühl entgegengebracht wird.

27. Sei nicht dilettantisch. Mache das, was Du tust, mit dem ernsthaften Wunsch, gut zu sein.

28. Wenn Deine Aufführung beendet ist, soll jeder mit dem Wunsch nach Hause gehen, selbst Theater zu machen. "Das könnte ich auch!" ist die gewünschte Reaktion.

30. Wenn Leute ab 40 Deine Stücke nicht verstehen, bist Du auf dem richtigen Weg.

34. Wenn Ihr zahlreich genug seid, besetzt die Staatstheater und vertreibt die Staatstheaterzombies in die die Altersheime. Sollen sie dort weiter darüber nachdenken, was Tchechow uns heute noch sagen kann.

35. Wenn Ihr die Staatstheater habt, versucht nicht, Staatstheater zu werden.

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