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                                                    Ich, die kleine Alex                           Meine *große* Schwester und ich kleines Wurstpaket                           



Ich wurde im Juli 1971 in Meissen geboren und wie meine Omi immer sagt, unter keinem guten Stern.

Schon im zarten Alter von 6 Wochen, musste ich in ein Heim, weil sich meine Mutter nicht an Gesetze hielt. Mit mir musste auch meine Schwester, 1 Jahr älter, als ich, ins Heim, allerdings bis dahin noch in getrennte Heime.

Nach einem Jahr kam unsere Mutter wieder und nach einem weiteren Gesetzesbruch ging sie auch wieder…

Ab da war unser Werdegang,  meiner und der meiner Schwester, besiegelt.

Von da an lebten wir abwechselnd im Heim und an Wochenenden auch mal bei unserer Großmutter. Bruchstückhaft erinnere ich mich noch an diese Zeit. Ich betete meine *große* Schwester an und unsere Großmutter hatte ich sehr lieb. Wir freuten uns immer rießig, wenn die Nachtwache abends ans Bett kam und flüsterte *Morgen holt Euch Eure Oma ab*.

Ca. 3 Jahre waren wir durchgehend im Wilhelmshof in Meissen. Ich war 5 ½ Jahre alt, als ich eines Tages zusehen musste, wie man meine Schwester abholte und jemanden sagen hörte, sie bekäme neue Eltern. Instinktiv wusste ich in diesem Moment, dass ich sie nie wiedersehen würde und ich fing an zu schreien und um mich zu schlagen, ich war so verzweifelt, Erzieher hielten mich fest und ich konnte nur noch zusehen, wie mein Schwesterlein mich wortlos ansah und dann hinaus geschoben wurde. Für mich aber brach eine Welt zusammen, die sich später in enormen Verlustängsten wiederspiegelte.

Einen Monat später wurde ich selbst auch adoptiert und ich zog zu meinen neuen Eltern nach Dresden. Die Erinnerung an meine Schwester schmerzte jedoch unheimlich, dass ich mich nicht wirklich gefreut habe. Mein Gedanke war, sie kehrt vielleicht doch ins Heim zurück und ich bin nicht da. Dieser Gedanke ließ mich nicht los und ich weiß noch, dass ich auf der Straße stand und jämmerlich an fing zu weinen.

Jahre zogen ins Land…mein Leben blieb chaotisch, die Adoptiveltern trennten sich, ich blieb bei meinem Adoptiv-Vater, den ich vergötterte.

Er heiratete später erneut und ich bekam sozusagen meine dritte Mutter. Unser Leben zu dritt war nicht berauschend und im April `83 verstarb mein Vater.Ich fühlte mich erneut verzweifelt, war er doch zu dem Zeitpunkt alles für mich.

Da meine Stiefmutter nicht mit mir klar kam und ich immer schwieriger im Verhalten wurde, kam ich ins Heim und da blieb ich bis zu meiner Volljährigkeit.

Ein Gedanke jedoch ließ mich nicht in Ruhe…Wo war meine Schwester.

 Heimkinder in der DDR wurden immer von der Jugendhilfe betreut und eines Tages kam meine Jugendhilfe auf die Idee, meine Schwester zu suchen. Leider wurde das Projekt durch meine Aussreise in die BRD gestoppt.

Aber ich hatte Feuer gefangen. Und meine Gedanken kreisten immer häufiger um meine Schwester und ich stellte mir vor, wie es sein würde, sie wieder zu sehen.

Es vergingen noch mal 10 Jahre, mit kurzen Ansätzen der Suche.

 

SUCHE

Im November 2001, ich befand mich in psychol. Therapie und musste mein Leben ausbreiten,  nahm ich das *Projekt* in Angriff. Ich ging zum Jugendamt und stellte dort den Antrag auf Suche nach den Eltern und meiner Schwester.

 

Nebenher fing ich schon mal an, selbst nach meiner Mutter zu suchen. Ich fing in Meissen an…und was soll ich sagen, nach einer halben Stunde hatte ich sie, mit Hilfe toller Beamter, die auch mal menschlich dachten und nicht bürokratisch, gefunden.

Ich fuhr zu dem Haus, es war die gleiche Gegend, erkannte alles wieder, sogar den Eingang, zu meiner Großmutter. Ich fotografierte alles, schlich um das Haus herum, traute mich aber

nicht zu klingeln. Ich warf einen Brief in den Kasten, den ich vorher in einem Cafe geschrieben hatte.

Kaum wieder zu Hause rief mich meine leibliche Mutter auch schon an. Sie war fassungslos vor Freude und wir verabredeten uns für den kommenden Samstag.

Das Wiedersehen war dann ähnlich wie im Film. Wir fielen uns um den Hals, schluchzten und waren zitterig am ganzen Körper. Ansonsten erfuhr ich an dem Tag nicht wirklich viel, nur dass sie nicht wusste, wo meine Schwester war, mein Vater war gestorben und meine Großmutter auch, was ich sehr bedauerte, denn sie und meine Schwester, sind die einzigen Personen aus der damaligen Zeit, an die ich mich erinnere.

Es blieb ein loser Kontakt für eine Weile und eines Tages war der Augenblick gekommen, auf den ich sooo lange gewartet hatte…

 

Das Wiedersehen

 

Der Tag fing ganz normal an. Es war ein Freitag und ich hatte mich mit meiner besten Freundin zum Frühstück verabredet. Irgendwie kamen wir mal wieder auf das Thema *Schwester* zu sprechen, weil ich jammerte, dass sich das Jugendamt überhaupt nicht meldete. Sie meinte, ich solle doch mal anrufen, aber ich war total abergläubisch und dachte, wenn ich jetzt da anrufe, sagt man mir, man hätte nichts gefunden.

Aber zum Glück habe ich dann doch angerufen.

Ich küsse in Gedanken den Sachbearbeiter, der auch völlig unbürokratisch weiter half. (Es gibt diese lieben Beamten wirklich)

Er murmelte 2 Dinge und ich ballte die Faust und jauchzte zu meiner Freundin Jaaah…jaaah.

Als ich aufgelegt hatte, hüpfte ich durchs Zimmer, wusste nicht, ob ich lachen oder heulen sollte, hatte einen Klos im Hals…ich wusste den Nachnamen und die Gemeinde, der Adoption.

Ich setze mich an den PC und klickte mich durchs Internet, auf die Telefonbuch-Seite und gab nur den Nachnahmen und die Gemeinde ein und er spuckte, den gesuchten Namen 2x in der gleichen Gemeinde aus, aber beide mit dem Vornamen meiner Schwester, den ich absichtlich nicht mit eingegeben hatte. Ich wusste sofort, das ist sie…das kann kein Zufall sein.

Ich beschloss sofort dahin zu fahren, schrieb schnell einen Brief,steckte noch ein Foto von uns als Kinder und von mir rein, zog an der Zigarette meiner Freundin, obwohl ich vor Jahren aufgehört hatte zu rauchen und meine Freundin beschloss sofort mit zu fahren.

Gegen 14 Uhr fuhren wir los. Gott, war ich aufgeregt...

Unterwegs übermannten mich meine Emotionen und die Tränen kullerten nur noch so runter…

Zu erst fuhren wir nach J. , weil wir dort ihre *eigene* Firma vermuteten. Als wir da ankamen, dacht ich, mein Herz müsse zerspringen.

Es war natürlich keine Firma, sondern ein Wohnhaus und wir standen eine Weile unschlüssig davor, nicht wissend, was wir tun sollten. Dem unwissenden Leser sei gesagt, dass, wenn man übers Jugendamt seine Geschwister sucht, normalerweise erst deren Adoptiveltern angeschrieben werden, weil es durchaus sein kann, dass die neuen Eltern nicht möchten, dass ihr adoptiertes Kind Kontakt zur *Vergangenheit* hat.

Da ich ja diesen Weg umgangen habe, weil ich die Adresse hatte, mussten bzw. wollten wir nun raus bekommen, wo meine Schwester wirklich wohnt und wollten den Brief bei ihr persönlich einwerfen, weil ich Angst hatte, dass ihre Adoptivmutter den Umgang mit mir verbietet. Deshalb standen wir nun da, überlegten und musterten die Wohnung von aussen, als könnten wir erraten, ob sie da nun wohnt.

Wir entschieden uns, zur anderen Adresse zu fahren.

Es war ein kleines Dörfchen, nicht weit von J..

Als ich die Strasse lang fuhr und das Häuschen bei der gesuchten Adresse sah, wurde mir auf einmal ganz komisch und ich bekam eine Gänsehaut und ich sagte zu meiner Freundin *Du...hier war ich schon mal?!*

Das war ich aber gar nicht, sondern mir fiel urplötzlich ein: *Von diesem Haus hab ich vor 3-4 Jahren mal geträumt. Damals kam eine alte Frau raus und hat mir den Eingang versperrt* !!!

Wir fuhren ans Haus ran und blieben mal wieder völlig unschlüssig stehen. Sollte ich da jetzt wirklich klingeln und einfach nach meiner Schwester fragen???

Alles kam ganz anders….Meine Freundin stieg ins Auto und meinte *fahr mal vor zu dem Nachbarn, der da draussen steht*. Also fuhr ich hin(20m) und wir versuchten nun zu erforschen, ob da eine junge oder alte Frau drinn wohnte, da meinte er *eigentlich eine ältere, aber ihre Tochter ist auch da* und dann kreischte er seinen Sohn an *klingel mal dort, hier ist Besuch für die!!!* Und ich*oh Gott NEIN!!!* aber es war zu spät…ich sah in den Rückspiegel…die komplette Familie stand auf eimal draussen und ich drehte mich um und da sah ich sie…MEINE Schwester und ich sagte nur *Das ist sie!!!* und hatte einen ganz, ganz dicken Klos im Hals.

Ich stieg mit zitternden Händen aus dem Auto, meine Knie waren weich und ich ging auf sie zu und fragte, ob sie diejenige aus Meissen sei und als sie meinte *ja*, sagte ich *ich bin Alex…* Sie überlegte, das sie keine Alex aus Dresden kannte(hatte mein Autokennzeichen gesehen) und ich meinte *Ich bin Alexandra...Deine Schwester!*

Für einen Moment war es erstmal total ruhig, ich nahm sie kurz in den Arm und sagte Hallo.

Dann ging es aber auf einmal los… ihre Mutter (über 70 Jahre, als Hinweis auf meinen Traum) war völlig aufgeregt…und es wurde auch sofort jedem erzählt der vorbei kam, dass ich die Schwester bin. Und meine Schwester war erstmal sprachlos, konnte erstmal nur ungläubig zu hören. Ich erzählte von unserer Mutter und wurde von ihrer Mutter ausgequetscht. Dann wurden wir zum Abendbrot eingeladen…ich konnte allerdings nichts essen….so aufgeregt war ich.

Ich beobachtete meine Schwester…entdeckte auch sofort Ähnlichkeiten. Und so nach und nach taute mein Schwesterchen auf.

Wir verabschiedeten uns von ihrer Mutter und fuhren mit zu meiner Schwester nach Hause. Es wurden sofort musikalische Gemeinsamkeiten festgestellt…denn sie rief gleich *oooch, klasse,Modern Talking*. Ich strahlte…

Bei meiner Schwester angekommen, wurden natürlich Fotoalben gewälzt und erzählt, versucht, uns an gemeisame Dinge zu erinnern. Es stellte sich jedoch sehr schnell heraus, dass ich wesentlich mehr Erinnerungen mit mir herum schleppte. Nur an unsere Großmutter erinnerten wir uns beide sehr deutlich.

Zum Abschied umarmten und drückten wir uns ganz doll und ich hoffte und betete, dass dies nicht unser letztes Wiedersehen blieb.

 

Am nächsten Morgen wachte ich auf und sämtliche Anspannungen und Emotionen fielen auf einmal von mir...ich weinte...aus Glück, aber noch mehr aus Trauer über die verlorenen gemeinsamen Jahre...Ich hatte eine tolle Schwester und habe nicht mit ihr aufwachsen können. Das hat mich die Wochen hinterher noch lange beschäftigt.

Ich schrieb am Anfang sehr viele Briefe an sie, erzählte von meinem Leben und wir mailten und simsten uns fast täglich. Wir stellten fest, dass wir uns besonders im Wesen sehr ähnlich waren. Wir sind 2 total lustige, aber auch unheimlich sensible und sehr schnell verletzbare Menschen.

5 Wochen später kam sie dann auch schon zu meinem Geburtstag...samt Familie...ich war ja auch schon Tante einer 12 jährigen. Ich zeigte ihr meine Umgebung, wo ich nach der Adoption aufgewachsen bin.

Und so nach und nach wurde unser Verhältnis immer vertrauter. Wir besuchen uns oft, fuhren zusammen zu Konzerten. Unser einziges gemeinsames Modern Talking-Konzert war auch deren Abschiedskonzert in Berlin-Wuhlheide. Bei mir kochten die Emotionen an diesem Abend nochmal richtig auf...hab dauernd geheult, denn ich nahm auf diese Weise innerlich auch Abschied von einer langen Suche...

Heute, 2 Jahre später ist das Verhältnis sehr gewachsen, ich liebe sie total und ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, jemals ohne sie gewesen zu sein.

 

                                                                                 ENDE

 

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