Jack:
Langsam trat Jack dem kühlen dunklem Grab näher. Die Erde war noch frisch- so wie bei allen anderen, die daneben lagen. Wie auf einem Friedhof. Links neben ihm erblickte er Ebony, die weinend an Jays Grab kniete. Rechts neben ihm sah er Gels Grab- bisher war noch niemand da, aber sicher würde jemand, und wenn sonst niemand, dann er, auch noch um das kleine, vorlaute Mädel trauern. Doch wenn Jack geradeaus sah erblickte er nur einen einzigen Namen auf dem dunklen Holzkreuz: Ellie.
Jack fand nicht die Kraft, weiter stehen zu bleiben. Erschütternd ließ er sich auf seine Beine fallen- niemand hatte mehr die Kraft, noch stark zu bleiben. Nicht einmal Lex. So gut wie alle Freunde waren gestorben, wirklich alle... Ebenso Ellie. Jack war wie betäubt gewesen, als Lex ihm die Nachricht überbracht hatte: Auch Ellie war gestorben. Lex hatte sie auf ihren Armen getragen und sie vor Jack auf den Boden gelegt. Durften Jungs denn nicht weinen? Es war Jack egal, was die Anderen dachte, oder wie er da stand. Vor ihm lag das einst hübscheste Mädel, dass er gekannt hatte, doch nun übersehten schlimmste Wunden und Pestbeulen ihr Gesicht und ihren Körper. Behutsam hatte Jack ihr über die blonden Haare gestrichen und ihr einen Kuss auf die Stirn gegeben- na und? Und wenn schon- dann sollte er sich doch anstecken! Es war ihm egal, es war ihm alles egal. Der einzige Mensch, der ihm wichtig war, war gestorben. Er hatte Ellie verloren. Und sie würde nie wieder zurückkehren.
Jack hatte schon so oft verdrängt, an das zu denken, was er alles verloren hatte. Was vorbei war. Anfangs, als er in der Mall gewesen war- IHM hatte die Mall gehört! Doch er hatte die anderen reingelassen, Amber, Salene, die Kleinen. Alle tot. Ryan und Dal. Nur Trudy und Lex, ja, die lebten noch. Und Ebony...Ihm war nur die Wissenschaft wichtig gewesen, die Technik... Bis Ellie kam. Ellie, das wunderbarste aller Mädchens, seine große Liebe... Und Dal war da gewesen, sein bester Freund. Ja, er war eifersüchtig gewesen- aber na und? Wen kümmerte das schon! Dal war gestorben... Dal lebte auch nicht mehr. Als er zurückgekehrt war, da hatte Ellie ihn verlassen. Aber nun? Spielte das noch eine Rolle? Sie war zu ihm zurückgekehrt-er war glücklich gewesen! Keine Chosen oder Locos oder Technos dieser Welt hatten ihm das zerstören können! Doch nun- was besaß er schon noch?! Er vermisste Ellies Küsse, ihr Lächeln und überhaupt- das Reden mit ihr.
Langsam strich Jack über die kalte Erde, die Ellies leblosen Körper bedeckten.
Überall waren Gräber, von Amber, Salene, May, Bray- ja, sogar Bray! Sie hatten tatsächlich ihre Freunde wiedergefunden: Bray, Ved, Tai-San & Cloe!
Doch was mussten sie sehen? Sie trafen sie an als Ved schon tot war, Bray und Tai-San schwerst von der Seuche befallen. Und Cloe- sie konnte es nicht ertragen, diesen Schmerz. Ihre Liebe zu Ved hatte so ein abruptes Ende gefunden-und so nun auch ihr Leben. Die Liebe war der größte Schmerz für sie- sie hat Cloe getötet, als sie nicht mehr konnte.
Langsam richtete Jack sich auf. Auch er konnte nicht mehr. Und er wollte nicht mehr.
Trudy:
Sie war doch immer für sie dagewesen! Hatte mir ihr gelacht und geweint, hatte ihr Geheimnisse anvertraut. Trudy hatte schon einmal gedacht, dass Amber tot gewesen wäre- aber sie hatte sich gefreut! Nun schämte sie sich dafür, dass sie jemals so gedacht hatte. Sie hatte Bray für sich haben wollen, hätte alles dafür gegeben... Doch auch Bray war nun tot. Trudy ging mit gesenktem Kopf an seinem Grab vorbei und warf einen Blick auf das nächste Schild: Salene. Tränen stiegen Trudy in die Augen, Tränen, die eigentlich schon gar nicht mehr exestieren konnten, da sie zu viel geweint hatte in letzter Zeit. Amber war tot- ihre beste Freundin! Und Bray... Ihre ewige Liebe... Und dann war da auch noch... Jay. Trudy hatte es nie richtig verkraftet, dass er sich für Amber entschieden hatte. Oder für Ebony? Diese saß ganz aufgelöst an seinem Grab, seit Stunden schon, und weinte, weinte wie noch nie. Trudy konnte sie nicht trösten. Sie hatte zu wenig Kraft- sie hatte nicht mal mehr Kraft für sich selbst. Nach der Zeit bei den Chosen hatten viele von ihr gedacht, sie wäre herzlos. Würde nur an sich selber denken. Aber das stimmte nicht. Trudy hatte ein Herz- für ihre Freunde und... ihre Tochter. Nun flossen doch wieder Unmengen an Tränen über ihr Gesicht, als sie sich vor dem einzigsten winzig kleinen Grab fallen ließ- dass den Namen "Brady" trug. Sie hatte die Flut nicht überlebt- wie hatten sie auch nur auf dieses Boot gehen können! Trudy hatte nicht mehr leben wollen- aber Amber hatte sie aufgehalten, Amber war bei ihr gewesen. Bis die Seuche kam.
Warum?! Warum musste das alles geschehen? Sie waren eine Familie gewesen, nachdem der Virus ausgebrochen war und alle anderen getötet hatte. Trudy hatte neue Hoffnung gehabt- auch für ihr Baby. Und nun? Alles war verloren... Alles war vorbei. Aber warum Brady? Trudy konnte den Schmerz nicht ertragen, zu realisieren, dass sie ihr Baby nie wieder sehen würde... Nie mehr.
Sie liebte Brady über alles- die Liebe zu ihr brachte Trudy so gut wie um. Sie nie mehr wieder zu sehen... Nie mehr....
Wimmernd fiel Trudy in sich zusammen, dachte an Amber, Bray, Jay, Brady.... Und vergrub den Kopf in ihren Händen.
Slade:
Slade hatte das Gefühl, er hätte alles verloren. Seine Freunde, sein Zuhause, sein Baby. Nur Ebony war noch da- das war wenigstens noch ein Trost. Doch Ebony kniete nun schon seit Stunden an Jays Grab- gehörte ihm ihr Herz? Traurig wandte sich Slade ab und schlich an den einzelnden Gräbern vorbei. Sie waren alle etwas Besonderes gewesen.
Amber- so fürsorglich!
Ram-so...genial
Salene- so liebenswert
May- so selbstbewusst
Ruby- so....verführerisch
Nur zu Bray oder Tai-San konnte er nicht viel sagen- er hatte sie ja kaum gekannt. Wahrscheinlich war es besser so. Je mehr Leute er gekannt hatte, desto trauriger wurde er, dass sie nicht mehr lebten. Slade sah aus den Augenwinkeln, wie Lex weinend vor Tai-Sans Grab kniete- ja, vielleicht war es besser so, dass er sie nicht gekannt hatte.
Slade war immer sehr stark gewesen- selbstbewusst und Einzelkämpfer. Aber nun? Er war auf seine Freunde angewiesen, sowie sie auf ihn. Ruby war tot. Und mit ihr sein Baby. Wenn sie wirklich schwanger gewesen war. Slade vermochte gar nicht daran zu denken. Gerade erst hatte er seinen Bruder verloren, Josh, den er so geliebt hatte... Er hatte neue Hoffnungen gehabt, denn er hatte ja noch seine Freunde! Seine Familie! Aber nun.... Nun war es vorbei. Endgültig. Sollte er den Virus doch bekommen, sollte er doch! Es war ihm egal, nein, es war ihm sogar recht. Dann wurde er verbannt aus dieser Hölle und litt nicht mehr ständig an diesen Qualen... Diese Qualen, etwas hätte tun zu können, im richtigen Augenblick. Zum Beispiel etwas zu Essen finden, für Ruby, die kläglich verhungert war. Oder Ram aus den Fluten ziehen! Oder Ellie oder Amber vor der Seuche beschützen. Aber es war zu spät. Es war das Ende.
Slade roch die nasse Erde, die auf die Gräber geschaufelt waren. Im Morgengrauen hatten die restlichen Mallrats ihre Freunde begraben- für die, die im Wasser von ihnen gegangen waren, erinnerte nur ein Kreuz an die Verstorbenen. Und nun... Nun trauerten sie. Seit Stunden. Es würde so weitergehen und vermutlich nie ein Ende finden.
Ebony:
"Oh, Jay! Jay!", wimmerte Ebony, und schmeckte Salz von ihren Tränen auf ihren Lippen. Sie konnte es nicht mehr spüren. Sie konnte diese Tränen nicht mehr ertragen und auch nicht mehr diesen Schmerz... Wie hatte es nur so kommen können?
Früher, da war es ihr gleich gewesen, was geschah, mit den Menschen. Wenigstens sie hatte die Macht. Und nun? Nun war sie so gut wie die einzigste Überlebende- aber sollte sie DAS etwa glücklich machen?!
Sie hatte Bray geliebt, früher, eigentlich immer. Doch Amber war dagewesen, oder Danni. Trudy oder Salene. Ebony hatte verloren, sie hatte keine Chance gehabt. Und dann? Auf einmal kam Jay in ihr Leben, Jay! Und ihre Schwestern, ihre verhassten sowie geliebten Schwestern, traten wieder in ihr Leben. Sie hatte den Tod immer noch nicht verkraftet- doch sie hatte dann Slade gehabt, nachdem Jay, sie wegen Amber verlassen hatte. Aber sie hatte Jay geliebt... Mehr als alles andere auf der Welt. Mehr als Bray und mehr als Slade. Und nun war Jay tot, umschlossen von Wassermassen und auf den Boden des meeres gesunken. Für Zoot hatte es damals ein Seebegräbnis gegeben, hatte man ihr erzählt, das hätte er sich gewünscht. Aber Jay? Er hatte so etwas doch nicht verdient! Ebony bemerkte nur schwach, wie alle anderen um sie herum weinten. Trudy, Slade, Lex und Jack. Sie hatten alle jemanden verloren, wenn nicht sogar zwei. Und Ebony? Sie hatte das verloren, für das es sich zu Leben gelohnt hätte- und was es nun nicht mehr tat.
"Lasst mich doch sterben!", schluchzte Ebony und sank mit ihrem Kopf auf die kalte Erde nieder.
"Lasst mich doch sterben- ich will nicht mehr!"
Lex:
Das blaue Kleid schimmerte vor seinen Augen, die Menge jubelte. Nicht nur einmal sah er eine Hochzeit vor sich, und er, Lex, mittendrin. Zweimal hatte er geheiratet, zweimal wurde er zurückgelassen.
Lex hatte nie geweint. Doch nun... Nun tat er es. Er hatte erst Zandra verloren, und sein Baby, seinen Sohn... Sie starben auf dem Eagle Mountain und Lex war allein gewesen.... Bis Tai-San gekommen war. Oh, wie er sie vermisste! Es war wahre Liebe gewesen, doch auch Tai-San verschwand. Ließ ihn zurück. Er war traurig gewesen, verletzt. Doch er hatte sich auf eine neue Liebe einlassen können- Siva. Tausendmal schöner als ihre Schwester und so liebevoll und zärtlich... Sie hatte sich für Ebony geopfert und war somit gestorben. In seinen Armen. Bei dieser Erinnerung stiegen Lex erneut die Tränen in die Augen- doch ja, er hatte gehofft, er hatte wirklich gehofft, Tai-San würde eines Tages widerkehren! Und er wäre nicht mehr allein. Aber nun? Nun saß er hier, vor ihrem frischen Grab- Lex konnte nicht glauben, dass es wirklich geschehen war. Sie war widergekehrt, war wieder bei ihm gewesen! Er hatte jede Minute mit ihr verbracht, war, den Umständen entsprechend, sogar glücklich gewesen. Doch mit einem letzten Lächeln verabschiedete sie sich vor ihm, ihre Augen blieben reglos, ihr Blick starr in der Luft. Die Seuche hatte alle getötet. Nur ihn nicht. Warum nicht?! Ryan, sein bester Freund, war auch verschwunden, seine Liebe gestorben und nur 4 Leute waren noch da, die bei ihm waren. Mehr oder weniger.
Lex war immer stark gewesen. Doch dies war zu viel für ihn. Die Tränen rannen an seinen Wangen hinunter, so wie sie es die letzten Tage auch getan hatten.
Es war endgültig vorbei- niemand konnte ändern, was geschehen war. Niemals wäre Lex in dieses Boot gestiegen, wenn er gewusst hätte, was geschenen würde. Lieber hätte er sich allen Chosen und Technos dieser Welt gestellt, als dies zu erleben. Aber es war geschehen. Und es war vorbei.
Die Liebe zu Tai-San und den anderen Mallrats riss ihm fast das Herz hinaus- es war der größte Schmerz, den er je ertragen hatte.
Denn die Liebe ist der größte Schmerz- sie tötet dich, wenn du nicht mehr kannst.